Irgendwie gehört es zum modernen Elternsei dazu: wer sein erstes Kind bekommt, lebt etwa ein Jahr lang in einem Zustand permanenter Verunsicherung und sucht regelmäßig nach Sicherheit durch Fragen wie „War das bei euch auch so?“, „Ist das noch normal?“, „Muss ich etwas anders machen?“. Im Bestfall richten sich diese Fragen an gute Freunde mit mindestens einem Kind > 1Jahr und diese antworten mit stoischer Gelassenheit „Ja.“, „Ja.“, „Nein.“… Sie waren ja selbst mal in dieser Situation, befinden sich jetzt aber im Stadium des Wissens, dass man sich schon ziemlich anstrengen muss, um sein Kind kaputt zu machen und sich das, was man als Problem ansieht, schon irgendwie regeln wird.
Wer aber sehr verunsichert ist oder mit zu wenig Eltern befreundet ist, der macht mitunter einen fatalen Fehler und greift zum Elternratgeber. Damit meine ich nicht die kleinen Heftchen, die von Landes- oder Bundesbehörden herausgegeben werden und eher knapp die nötigsten Informationen beinhalten, damit das Kind überlebt (füttern, wickeln, nicht durchschütteln) sondern die umfangreichen Lebensweisheiten von Menschen, die meinen, allein durch das eigene Elternsein qualifiziert zu sein, anderen zu erklären, wie’s läuft.
Die Ausrichtung kann dabei vollkommen unterschiedlich sein: ob nun nur das vermeintliche Dauerproblem „Durchschlafen“ angegangen wird und man Eltern lang und wortgewandt erklärt, wie sie ihrem Kind am besten das Sich-Beschweren abgewöhnen – natürlich ohne es so zu formulieren – oder antiautoritäre Erziehung für alle Lebensphasen neu aufgelegt und mit modernen Begriffsumdefinitionen propagiert wird, das Prinzip ist immer gleich und immer gleich dumm: Ich, Mama oder Papa A, habe mit Kind 1 bis 3 die Erfahrung gemacht, dass ich all die Dinge, die schlecht laufen durch Verhalten X ändern kann, deswegen empfehle ich allen Mamas und Papas mit allen Kindern in allen Lebenssituationen das gleiche Verhalten.
Na? Fehler erkannt?
Das witzige daran ist, dass natürlich alle Ratgeber auch an irgendeiner Stelle erwähnen werden, dass alle Kinder individuell sind, denn diese Aussage hören Eltern gerne. Die Ratgeber selbst scheren sich darum aber eigentlich nur wenig und vereinheitlichen mit Inbrunst. Nicht nur die Kinder sondern auch gleich die Eltern und überhaupt das ganze Setting gleich mit.
Ein kurzes Beispiel, lief mir erst neulich über den Weg. Hier wurde das Verhältnis Elternteil-Kind mit dem Verhältnis Partner-Partner gleichgesetzt, um für mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder zu plädieren. Das beinhaltete Aspekte, die relativ simpel sind: Stell dir vor, dir tut etwas weh und dein Partner sagt nur „hör auf zu jammern“. Ok, ist doof. Wird wohl (fast?) jeder zustimmen. Will ich nicht von meinem Partner hören, würde ich auch nicht zu meinem Kind sagen. Aber weiter geht es: Stell dir vor, du legst dich ins Bett zu deinem Partner, willst dich ankuscheln und der sagt nur „Ne, echt nicht, geh in dein eigenes Bett, du musst alleine schlafen lernen.“ Klingt auch doof. Wäre auch echt doof, wenn mein Partner das zu mir sagen würde. Aber, oh, Moment, mein Partner ist nicht mein Kind bzw. mein Elternteil! Tatsächlich will ich nicht, dass mein Kind – außer in Ausnahmesituationen – im Elternbett schläft. Es wird eng, ich liege an der Bettkante, werde ständig getreten und gehauen, Kuscheltiere landen in meinem Gesicht und mein Partner ist außerhalb jeder Kuschelerreichbarkeit – von allem anderen, wofür Erreichbarkeit gut wäre mal ganz zu schweigen. Aber die obigen Aussagen suggerieren mir jetzt, dass ich offensichtlich ein unsensibles Arschloch bin, weil ich die doch so gut nachvollziehbaren Wünsche meines Kindes nicht respektiere. Also was tun?
Es liegt hier klar auf der Hand: ich soll mich in der Elternteil-Kind-Beziehung so verhalten wie in der Partner-Partner-Beziehung, also hinein mit dir in unser Bett, mein Kind. Kind ist glücklich. Vorerst. Denn Kind ist vielleicht nicht mehr so glücklich, wenn Eltern ständig übermüdet sind, sich ihr Verhältnis zueinander durch mangelnde körperliche Nähe eintrübt und der Wunsch nach dem Geschwisterchen sich auch nicht mehr so recht erfüllen will. Das alles muss natürlich nicht eintreten, aber es KANN und das ist alleine vom Setting abhängig: wie verhält sich das Kind im Elternbett, welchen Stellenwert hat die Zweisamkeit für die Eltern gegenüber dem Elterndasein usw. Das ist so unterschiedlich wie Menschen eben unterschiedlich sind. Nun, den Partner-Kind-Vergleich finde ich noch aus anderen Gründen einfach dumm (meinem Kind muss ich erklären, dass es wenigstens die Tür hinter sich schließen soll, wenn es ins Bad stürmt während ich auf Toilette sitze, während mein Partner einfach gar nicht hineinkommen würde…) aber viel wichtiger ist mir: Eltern haben wie Kinder vollkommen unterschiedliche Ansprüche an sich, an den Gegenüber und an das Leben als solches. Es ist die Aufgabe aller Eltern, einen Weg zu finden, der für alle Beteiligten die größtmögliche Zufriedenheit mit sich bringt. Das läuft nicht ohne Tränen. Bei niemandem. Eine Eltern-Kind-Beziehung beinhaltet immer auch Konflikte und die lassen sich leider nicht immer so lösen, dass alle (in diesem Moment!) zufrieden sind. Und es gibt keine Patentlösung so wie es all diese Ratgeber vorgeben. Es wäre schön, ja, aber nicht möglich. Den Weg zu den besten Kompromissen müssen Eltern ganz alleine finden – natürlich auch mit individueller Hilfe, ob durch Freunde oder professionelle Beratung, aber niemals durch diesen ganzen „Was bei mir funktioniert hat wird auch bei dir funktionieren“-Unfug. Und erst Recht sollten sie nicht ständig auf ihrem Weg zu Fall gebracht werden, weil ihnen diese Ratgeber erzählen, welches Verhalten was für grausame Auswirkungen auf ihre Kinder haben wird. Denn seien wir mal ehrlich: diejenigen, deren Verhalten wirklich kindeswohlgefährdend ist, werden vermutlich kaum solche Ratgeber lesen und alle anderen werden schon intuitiv keinen so unfassbaren Quatsch bauen.
Also mein abschließender Rat: schmeißt all diese von Mamis und Papis geschriebenen Ratgeber in die Tonne, ignoriert ihre Blogs und besinnt euch auf eure Wünsche und die eures Kindes. Wenn ihr unsicher seid, ob ein Verhalten noch „normal“ ist, fragt Freunde oder meinetwegen Elternforen (mit der gebotenen Foren-Vorsicht!) oder lest einige der wirklich guten Bücher von Wissenschaftlern, die nüchtern das empirisch erforschte Verhalten von Kindern erklären ohne dabei vorzuschreiben, welche Schlüsse Eltern daraus ziehen müssen. Und arrangiert euch damit, dass das Leben mit Kindern nunmal kein Zuckerschlecken ist.