are you tough enough to be kind?

ich habe in den letzten wochen auschwitz-birkenau besucht, ich habe viktor frankl und hannah arendt gelesen, habe ausstellungen über das dritte reich besucht, habe erneut sabine bodes bücher über die kriegskinder und -enkel gelesen und weiss nach all diesen informationen immer noch nicht mehr als: niemals wieder.

aber die frage wie verhindern ist immer noch da.

ich habe bereits nach auschwitz gespürt, dass ich mich wie in den startlöchern fühle. ich kann dieses gefühl nicht besser beschreiben – ich bin randvoll mit dem was ich gesehen habe, randvoll mit einer immensen inneren wut, randvoll mit einem grossen willen, alle erkenntnis dieses sommers in mein leben zu integrieren. das alles ist in mir. und ich finde dafür keinen weg raus. überall werde ich aufgefordert jetzt die stimme heben! jetzt aufstehen! jetzt wehren! und ich steh da, prall gefüllt, und denke mir „ja wie denn!?“ ein demohinweis nach dem anderen posten? ein tweet nachdem anderen retweeten? auf jedem social media kanal mein profilbild auf das hakenkreuz-versenkende männchen umstellen?

was heisst denn dieses „aufstehen!“, was genau bedeutet das für jemanden wie mich, die im unmittelbaren umfeld keine hetzenden nazis hat, die in keiner stadt lebt die vom nazimob heimgesucht wird? in deren umgebung keine #seebrücke-demos stattfinden? und die aber dennoch so randvoll ist mit wut und willen und dem grossen wunsch nicht länger abwarten zu wollen und endlich etwas zu tun.

ich glaube diese frage stellen sich viele aber viele nicht laut, weil die sorge besteht man könnte in ein falsches licht geraten. ich hingegen will diese frage laut stellen, weil ich es für weitaus gefährlicher halte sie nicht zu stellen. führt das nicht-stellen doch in eine weitere erstarrung, ein ohnmächtiges und später verdrängendes nichts-tun oder – noch schlimmer – in pseudoaktionismus, der bequem macht weil er die eigentliche handlungsunfähigkeit kaschiert und suggeriert man täte ja was.

also: was genau ist das denn jetzt, dieses „aufstehen!“

ich glaube das wichtigste ist zu begreifen, dass es die reaktion auf den zunehmenden rassismus in unserer gesellschaft nicht gibt. das liegt zum einen daran, dass wir menschen unterschiedlich sind, wir nicht alle denselben mut und diesselbe hingabe und kampfesbereitschaft haben und zum anderen, dass auch die wahrnehmungen von rassismus unterschiedlich sind, seis aus ignoranz oder unwissenheit. und darüberhinaus zeigt sich alltagsrassismus zb. auf dem oberbayerischen lande weitaus seltener als in stark bevölkerten städten wie berlin. das ist erstmal frustrierend so zu lesen und glaubt mir, auch frustrierend so zu schreiben. aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es der mehrheit im moment so geht.

was ich aber besonders in auschwitz gelernt habe ist, dass das thema diskriminierung, exklusion, rassismus und fremdenfeindlichkeit in all seinen facetten im allerkleinsten beginnt. oder andersrum: der allererste schritt, der noch keine konkrete handlung erfordert, ist die überprüfung meiner einstellung. wer will ich als mensch sein? wie will ich als mensch behandelt werden? und wie will ich als mensch, menschen begegnen? alles was ich dazu brauche, habe ich in mir, ich muss nirgendwohin und demonstrieren, ich muss nichts spenden, ich muss niemanden beschützen, ich muss mich einfach nur fragen: welcher mensch will ich sein? das ist der kleinste, erste schritt. und der muss sein, er schafft den rahmen für jede weitere handlung die irgendwann mal von mir gefordert wird. ich kann mich nicht erst in einer konkreten situation damit auseinandersetzen wie ich sein will. die hürde zur aktion wäre viel zu hoch.

ich kann bereits im allerkleinsten rahmen eine menschenfreundliche stimmung in mir tragen und verbreiten. ich kann jemandem die tür aufhalten, ich kann jemanden anlächeln, ich kann spitze kommentare schlucken und kann grosszügig sein. ich kann mein misstrauen ablegen und meine offenheit zeigen. ich kann nach einem U2 konzert, in dem es um viel liebe und toleranz ging, diese auch hinterher als haltung zeigen, auch wenn mir der hintermann am merchandisestand gerade in die hacken getreten ist. es sind die kleinen dinge, was soll ich sagen. es soll nicht darum gehen, stumm und mördertolerant jetzt jeden quatsch zu dulden, der einem so widerfährt. es ist der umgang mit selbigem. ich kann mich umdrehen und dem hackentreter wütend ins gesicht fauchen oder aber umdrehen, grinsen und sagen „möchtest du mir grad den schuh ausziehen?“ es geht darum, zu begreifen wie sehr man selbst in der lage ist, eine menschenfreundliche und offene stimmung zu schaffen, in der verzeihend, gnädig und einfach auch mal aushaltend reagiert wird. wie gesagt – ich rede hier von winzigen alltagssituationen, die in ihrer gesamtheit sehr „stimmungsbildend“ sind was zwischenmenschliches angeht. das ist mir wichtig zu betonen, denn ich ahne, dass gerade im moment der wunsch nach grossen gesten da ist. nach starker abgrenzung, nach lautstärke und starken zeichen – das ist verständlich, es ist toll, dass das alles da ist, mir geht es selbst so und dennoch –

wir denken in zu grossen kategorien, und das überfordert uns. dauerhafte überforderung aber führt zwangsläufig in ein inneres abschalten und resignieren, aber nie in handlung.

ich halte es für wichtig, sich selbst den rahmen zu definieren in dem man sich als demokratischer menschen bewegen kann und will. kann, weil nicht jeder für lautstärke und mutausbrüche gemacht ist, was ok ist und sein darf. will, weil nicht jeder in seinem alltag zeit hat auf jede demonstration im moment zu gehen die ansteht oder auch sonst keinem kanal hat, um in widerstand zu gehen.

was wir aber ausnahmslos alle tun können, ist in den spiegel zu blicken und uns selbst zu fragen: welcher mensch will ich sein? was bin ich bereit an haltung zu leben oder gegebenfalls zu verändern? was lebe ich selbst als toleranz und menschenfreundlichkeit und was kann ich davon nach aussen tragen? wir alle können unseren mut trainieren, den mut haltung zu zeigen, sie offen nach aussen zu kommunizieren. trainieren wir ihn im kleinen, beginnen wir gleich heute damit, dann wird die hürde in wirklich herausfordernden situationen kleiner und nehmbarer. der blick in den spiegel nimmt uns das gefühl der überforderung, er bringt uns zurück ins tun, er lässt uns selbstwirksamkeit spüren und veränderungswillen leben. das ist unendlich wertvoll, unendlich wichtig und richtig, es macht uns bereits an dieser stelle zu demokratischen, mündigen und handelnden menschen.

es müssen nicht immer die grossen gesten sein, ganz im gegenteil. das was grosse gesten überhaupt erst möglich macht, ist der beginn im kleinen.

are you tough enough to be kind?

(hier denken zwei kluge menschen weiter: petrolgrau und jawl – danke dafür!)

gris clair.

heute stand ich in einer eisdiele als ein mann neben mich trat, der dein parfum trug. und ich starrte diesen mann an, mir schossen die tränen in die augen und die trauer, die so wenig platz hatte die letzten jahre, die schlug über mir zusammen, noch bevor ich überhaupt bewusst realisiert hatte was da gerade passiert.

kaum ein tag, an dem ich nicht an dich denke, an dem ich nicht irgendeinen satz von dir in meinem kopf habe, an dem ich nicht deine väterliche stimme höre – denn dort gehört alles hin, was mit dir zu tun hat, in die ecke der väterlichen sehnsucht. du würdest kotzen, wenn du das hören würdest. ich erinnere mich an so viele gespräche mit dir über dieses thema, weil ich diese ahnung schon immer hatte und nicht nur wegen der unzähligen jahre altersunterschied. du hast das immer als psychoquatsch abgetan, als etwas was unsere liebe nicht berührt, wir standen für dich immer über all dem. ich hörte mir deine meinung an und verschwieg dir meine. ich verschwieg dir mein gefühl der wut, wenn du mir die welt erklären wolltest, mein gefühl der grenzenlosen sehnsucht wenn wir uns nicht sahen, mein gefühl der verlustangst, mein gefühl der auflösung wenn ich in jeder sekunde unseres zusammenseins genau überlegte was ich jetzt am besten tun oder sagen sollte um deine aufmerksamkeit zu bekommen und darüber mich völlig aus den augen verlor. das war so stark, dass ich manchmal drei, vier stunden zugfahrt oder flug brauchte auf meinem heimweg, bis ich wieder bei mir selbst ankam und entsetzt feststellte was ich denn da bei dir gesagt oder nicht gesagt, getan oder nicht getan hatte und mich nicht wiedererkannte.

alles war immer irgendwie existenziell zwischen uns, es gab kein normal, es gab unendliche tiefen und schwindelerregende höhen aber keine mitte. ich kam mir oft vor als hätte an deiner seite etwas in mir das steuer übernommen, von dem ich nicht wusste was oder wer es war und wo nie klar war, wohin die reise ging.

in meiner ersten nacht bei dir spürte ich das erstemal seit jahren keine angst vor der dunkelheit. ich weiss noch, dass ich nachts aufstand um aufs klo zu gehen – ich tappte durch deine wohnung in der dunkelheit, stiess da und dort an, aber die jahrzehntelang angst im rücken war weg. sie kam nie wieder und ich denke, und weiss – du hast sie geheilt.

heute weiss ich was damals passierte, welche wunde in mir heilte weil du stellvertretend da warst und sie mir verarztet hast. und auch heute weiss ich, dass es dich nur genau für diesen ausschnitt in meinem leben gab was meinen dank und meine zuneigung für dich nicht weniger macht, aber es holt dich auch vom podest – so wie ich die eigentliche hauptfigur ebenfalls vom sockel heben musste.

diese sehnsucht nach der gütigen väterlichkeit lässt nach, auch wenn es immer noch ein weiter weg ist und es manchmal nur den hauch eines parfums braucht um sie mit voller wucht wieder zu spüren. aber ein grosses stück weit habe ich es dir das zu verdanken, dass es besser wird, dass die dinge bewusster sind und damit handelbarer. du hast dich als übergangsobjekt zur verfügung gestellt – ich denke wohl wissend, auch wenn du sie gehasst hast, diese vorstellung.

ob du geahnt hast, welche chance du mir damit gibst? ich denke nicht, ich hätte es dir gerne zu lebzeiten noch gesagt.

rita im herzen.

manchmal ärgert es mich maßlos wenn ich mitbekomme, wie bereits kleine kinder die ideale ihrer eltern umsetzen müssen oder an ihnen erwachsene ideologien statuiert werden. wo die farbe einer brotdose bereits zum genderdrama ausartet. wo der griff zum rübergereichten wurstrad bereits ernährungsdiskussionen auslöst.

nie empfand ich eltern egozentrierter in der umsetzung ihrer erziehungsideale, niemals verbohrter. unter dem deckmäntelchen der grösstmöglichsten palette an möglichkeiten, freiheiten und der bedürfnisorientierung für das eigene kind verbirgt sich in wahrheit eine erschreckende intoleranz und unfähigkeit, tatsächlich die bedürfnisse des kindes wahrzunehmen und von den eigenen zu lassen.

in einer meiner lieblingsserien gibt es eine lehrerin, die gefragt wird, warum sie eigentlich lehrerin geworden ist worauf sie antwortet „um die kinder vor ihren eltern zu beschützen.“

wie recht sie doch hat.

wo kommste her?

bis heute eine frage, die ich nicht vollständig und zu meiner zufriedenheit beantworten kann. schon bei unserem ersten date erzählte ich dem freund, dass ich ja eigentlich am bodensee aufgewachsen wäre, geboren aber in hessen, aber eigentlich ja dem norden sehr verbunden sei und als meine heimat bezeichnen würde, da mein vater von dort kam. ob ich dort je gewohnt hätte? äh nein. aber die ferien verbracht und ich weiss selbst wie lahm das alles klingt. ja, dann ist deine heimatstadt also die am bodensee wo du aufgewachsen bist? fragte er. nein eigentlich nicht. ja wo denn dann meine heimat sei fragte er, der wunderlicherweise seit seiner geburt in derselben stadt lebt, sogar im selben viertel und den ich dafür wahlweise glühend bewundere oder beneide.

auch auf parties und feiern wird man ja desöfteren gefragt woher man kommt – immer wieder ein quell ewiger freude für den freund, der dann amüsiert neben mir steht und dem dialog lauscht. ich komme aus bayern sage ich dann, wenn ich gefragt werde, weil da wohne ich ja bereist seit 19 jahren, mal dort mal da. die erste und einzige reaktion, die dann kommt ist immer und jedesmal: ja aber du sprichst ja hochdeutsch, wo kommst du denn wirklich her? und ich sage vom bodensee woraufhin dann auch wieder jedesmal jeder sagt ja aber du redest doch gar kein schwäbisch! ja nein sage ich dann mein vater kam aus flensburg, einflüsse und so und eigentlich weiss ich gar nicht genau wo ich eigentlich herkomme und schwupps ist man in einer heimatdiskussion und wo ist eigentlich das heimatministerium wenn mans mal braucht.

ich kann diese frage nach dem woher nicht beantworten. bez. ich kann natürlich schon – ich bin ja wo aufgewachsen und das immerhin 19 jahre lang, das kann man dann doch schon irgendwie heimat nennen. aber nein, heimat passt nicht. der begriff heimat passt auf nichts, am ehesten noch auf den kleinen ort in bayern in dem ich wohne, aber nur weil zufälligerweise meine zwei kinder da sind. wären die in bergen oder remscheid oder feuerland, na dann wär halt das heimat. nichts fühlt sich nach heimat an – ausser der norden in dem ich nie gelebt habe. bei dem ich mich aber jedesmal zu hause fühle wenn ich mal dort bin, die sprache, die schnelligkeit, der witz – alles fühlt sich richtig an aber es heimat zu nennen käme mir völlig fehl am platz vor weil heimat, da hat man doch gelebt! das hat man doch ausgefüllt mit geschichten und erfahrungen, mit leben.

für menschen wie meinen freund mag sich das seltsam anhören, ich kann das nicht nur bei ihm spüren sondern auch bei freundinnen, die ihre heimat gefunden haben, die sie sich angeeignet haben oder von ihr aufgenommen worden sind, mit ihr verwoben. ich sehe das erstaunen und oft das unverständnis, als ob mit mir was nicht stimmen würde, wie meine mutter, die mir bei jedem umzug erzählt, dass das register mit dem anfangsbuchstaben meines vornamens in ihrem adressbuch, das vollgeschriebenste ist weil ich so oft umgezogen bin. sie liest mir dann manchmal draus vor und ich kann mich tatsächlich an manche adresse nicht mehr erinnern.

ich vermute, der freund wollte das nun endlich ein für allemal geklärt haben, und schenkte mir zu meinem geburtstag einen dna-test, an hand dessen meine ethnische herkunft quasi schwarz auf weiss geklärt wird, ich bin wirklich sehr gespannt, was da jetzt rauskommt. im anschluss an die ergebnisse kann ich diese in eine stammbaumdatenbank eingeben (ich höre schon die dsgvo weinen) und lerne auf diese weise verschollene verwandte überall auf der welt kennen. ungeahnte möglichkeiten neuer heimatsuche!

am allermeisten aber freu ich mich schon auf die nächste party, wo ich endlich verkünden kann: wo ich her komm? also zu 57% aus……das klingt doch schon mal weitaus konkreter als bisher.

herr rosenberg und mein hirn.

„du holst mich ab und fährst mich zu atu, da steht ja mein auto zur reparatur. ja?“ „jahaaa!“ sage ich genervt und lege auf. stunden später fahre ich los. der tag war lang, ich bin hundemüde, es ist heiss im auto und in gedanken bin ich bei ein paar brandherden für die ich keine lösung habe.

ich fahre durch das dorf, denke „mal sehen, vielleicht ist er ja auch schon losgefahren, ist ja schon 20 vor, hoffentlich kommt er nicht zu spät, immer kommt er zu spät und ich muss dann warten, so ein scheiss“ und schwups bin ich durchs dorf und fahre die landstrasse richtung nächster stadt. 30 minuten später bin ich beim atu, gerade noch die abfahrt erwischt, was schildern die hier auch nicht aus, die blöden säcke, ah, jetzt bloss noch einen parkplatz im schatten, ich schwitze und er ist natürlich nicht da, wie immer, na egal, einfach mal nichts machen hat auch was, nee eigentlich nicht weil ich muss noch weiter, weil ich meinen geldbeutel gestern im wohnmobil vergessen habe. das steht in österreich, sehr abgelegen, da muss ich also auch noch hin, tanken darf ich nicht vergessen, reichweite noch 89km steht da, das geht ja immer fix bei meinem auto und ich will nicht in deutschland tanken.

warten also. ich lasse mir meine brandherde durch den kopf gehen, diese eine frau, die nervt gewaltigt, warum nervt die mich eigentlich so? rosenberg sagt, das eigentlich wichtige gefühl mit dem man sich beschäftigen soll sei das zweitgefühl, also das hinter dem zuerst wahrnehmbaren. oder so. ok. also ich bin genervt, das gefühl gilt jetzt nicht, also mal dahinter schauen. ja ich bin wütend. hm, denke ich, das ist doch irgendwie dasselbe so ein scheiss, und wo steckt der überhaupt!? schon 15 minuten vergangen und niemand in sicht. so ging das schon während unserer ehe, aber da wollte das ja nie jemand hören, jetzt bin ich getrennt und es geht immer noch so weiter. und überhaupt warum zum henker stehe ich hier, kann der nicht mal jemand andern fragen, immer ich, das ist doch nicht normal. erstgefühl wut, zweitgefühl genervt sein – ich komm mit rosenberg nicht weiter.

20 minuten, mir pocht die halsschlagader. ich laufe wutentbrannt und genervt als zweitgefühl, über den atu-parkplatz und baue mich vor seinem auto auf. da steht doch die scheisskarre, rechtzeitig fertig, jeder hält sich mal wieder an die zeitangaben, der kfz mechaniker, ich, jeder nur er nicht.

ich betrachte das auto. in zeitlupe, man hört förmlich die gedanken wie tetrissteinchen an ihren platz fallen, denke ich „sein auto hier. er nicht. ich hier. warum nochmal?“

ich gehe zurück zu meinem auto, fahre los.

erstgefühl scham, zweitgefühl scham. herr rosenberg kann mich mal.

der kleinste gemeinsame nenner.

vor längerer zeit bekam ich eine diskussion mit, an hand derer mir etwas aufging. es ging um ein pädagogisches konzept und einem gespräch zwischen einer anhängerin und einer kritikerin dieses konzeptes. schnell war klar, dass es, obwohl es um einen bestimmten sachverhalt ging, es eigentlich um eine ganz grundsätzliche haltung zu diesem thema ging. leider wurde das erst ganz am ende auch kommuniziert, da wars dann aber schon zu spät und beide parteien in ihrem vorurteilen bestätigt.

und ein bisschen bildet das ab, was mir so grundsätzlich kommunikationstechnisch zur zeit auffällt: die wut kommt schnell und heftig und obwohl oft zu beginn offenheit und toleranz und „ich kann das gut so stehen lassen“ kommuniziert wird, endet diese haltung recht schnell wenn klar wird, dass die position nicht dieselbe ist. ich beobachte das off wie online. unsere ganze gesellschaft strotzt nur so vor wut – ich bekomme es selber mit oder höre es von anderen und jedes mal lässt es mich ratlos zurück mit der frage „woher nur kommt diese wut?“

die wut erscheint in unterschiedlichen kontexten – verkehr, arbeit, flüchtlinge, frauen, familie, politik, die themen sind beliebig. und sie ist eigentlich in den aller seltensten fällen adäquat. früher oder später wird verbal übers ziel hinausgeschossen, die aufgeklärt-freundliche haltung aufgegeben und mit wachsender ungeduld und schlussendlich wut reagiert. das passiert vielen menschen, es geht hier nicht nur um irgendwelche wutbürger. ich erlebe diese wut bei sehr geschätzten frauen, die es sich zur aufgabe gemacht haben in die oft unsinnigsten twitterdiskussionen einzusteigen, um im ein oder anderen thema vielleicht doch noch eine meinungsänderung zu bewirken. unermüdlich wird da zb. erklärt, was feminismus ist, was #metoo bedeutet und wie die genaue definition von sexismus ist. und obwohl die motivation sicher gut ist, endete bisher jede von mir verfolgte diskussion in einem beiderseitig wütenden beschimpfe. denn auch ein höflich formuliertes „sie werden es nie verstehen mit ihrer borniert-männlichen haltung“ ist nun mal eine form von beschimpfung. es erfolgt das übliche zustimmen der filterblase und noch vereinzeltes geschimpfe und weiter gehts. und ich frage mich jedesmal: was genau hat das jetzt gebracht?

wut und angst sind in meinen augen zwei seiten derselben medaille. oder anders gesagt: wut ist sehr oft kompensierte angst. und was könnte sich an unser aller kommunikationsgebaren ändern wenn wir das im kopf hätten? was wäre wenn wir die angst vor dem versagen als mutter wahrnehmen von derjenigen, die vehement ihr pädagogisches konzept verteidigt? ein kleines signal setzen, dass ich sie als mutter anerkenne in ihrem bemühen, eine gute erziehung für ihr kind zu schaffen – denn selbst wenn mir diese erziehungsform überhaupt nicht liegt, habe ich dennoch eine gemeinsame basis mit diesem menschen: den wunsch, dem eigenen kind das bestmögliche zu geben und als mutter nicht zu versagen. eine hübsche basis eigentlich, die trotz Meinungsverschiedenheit beide auf augenhöhe lassen kann.

wie wäre es dem mann, der aus lauter unsicherheit über die neuen rollenansprüche die er spürt und die er (noch) nicht integrieren kann in sein bisheriges bild von sich und mann-sei, zu signalisieren, dass man das nachvollziehen kann weil man das selber kennt – sich plötzlich mit eine veränderten rolle konfrontiert zu sehen. oder weil man das thema unsicherheit in bezug auf neues nachvollziehen kann. oder weil man selbst als frau immer wieder damit konfrontiert ist, sich neu zu definieren.

wie wäre es, jedem menschen einfach mit der haltung zu begegnen, dass hinter jeder emotion eigentlich eine zweite, weitaus relevantere, steckt? dass wut immer einen grund hat der meistens sehr verborgen, sehr unangenehm und oft mit scham, unsicherheit oder angst behaftet ist? und dass so gut wie jeder von uns diese gründe selbst kennt, dass man sie selbst erlebt, gefühlt und ertragen hat?

können wir uns alle nicht einfach mal auf den kleinsten gemeinsamen menschlichen nenner besinnen? wir haben den alle! einfach mal zurücktreten und hinsehen. nicht quatschen, nicht rechtfertigen, nicht angreifen, nicht belehren, nicht wüten. schweigen. hinsehen. und die gemeinsame basis finden. das bedarf zeit und geduld.

wer die nicht hat, der möge das erkennen, respektieren und schweigen. nicht, weil er keine meinung hat oder seine meinung nicht zählen würde – nein. er möge schweigen, weil er sonst dem gegenüber nicht gerecht wird.

sodala.

ich habe jetzt eine datenschutzerklärung, die ich selbst nicht verstehe aber nach bestem wissen und gewissen irgendwie erstellt habe. ob das reicht – ich habe keine ahnung.

ich habe aus lauter unsicherheit meine kommentarfunktion geschlossen, was mir ein bisschen das herz bricht weil das bloggen von einem austausch lebt. aber ich bin nicht versiert genug für diese rechtliche seite, ich verstehe trotz vieler gelesener artikel nichts von der dsgvo und möchte dann doch auf nummer sicher gehen. ich hoffe sehr, dass ich jetzt tatsächlich nichts sammel an daten, ich habe mich bemüht die sammelnden plugins abzuschalten – sollte ich was übersehen haben und aus versehen sammeln, würde ich es nicht mal mitkriegen.

ich habe ein grosses mitfühlen für all die blogs, die sich da richtig reinknien müssen und sende euch gute gedanken und wenig wutanfälle.

mein blog ist jetzt wieder sichtbar für jeden – ich mach dann mal weiter wie bisher.

(falls euch was auffällt, was nicht passt/läuft/richtig ist, meldet euch bitte!)

ich erkenne dich.

als ich durch die tür trete, kommt er auf mich zugerannt. er kennt mich nicht, sieht mich zum ersten mal. er ist 4, seine sprache älter. meinen kollegen beachtet er nicht. er sieht mir in die augen, ich kann nicht sagen was genau es ist, aber zwischen uns besteht sofort eine verbindung. er sagt „spiel mit mir!“, nimmt mich an der hand. seine ganze art, diese offenheit die schnell ins distanzlose rutschen kann und von vielen sicher so interpretiert wird, sein charme, dieses leuchten in den augen mit dem er für sich wirbt, für das was er braucht – nähe, zuwendung – das alles lässt mich ihn in einem wimpernschlag erkennen. er ist ein spiegel meiner selbst, meines anteils in mir, der selbst dieses kind ist, 4 jahre, jede gelegenheit nutzend um für sich zu werben, für das was ich brauchte, damals als kind und was ich zuverlässiger von fremden bekam als in heimischen gefilden. es ist dieser anteil, der mich heute schneller als viele andere erkennen lässt, wie es einem kind geht. eine wunde, verheilt aber bewusst, die mich verbindet mit kindern, denen diese wunde noch geschlagen wird und mit erwachsenen, denen diese wunde vor langer zeit geschlagen wurde. ich habe so viele jahre gebraucht, bis ich verstanden habe was für eine irre ressource meine eigene geschichte ist, in vielerlei hinsicht.

als ich mich nach kurzer zeit aus dem gespräch der erwachsenen ausklinge, auch weil sich mein gefühl schnell bestätigt hat, was das kind sucht und warum, setze ich mich auf den boden neben ihn und spiele mit ihm. ich bin erschüttert über die bedürftigkeit, die er deutlich zum ausdruck bringt, seine liebenswürdigkeit, mit der mich auf dem boden, bei sich und dem spiel hält. sein überreifer charme, mit dem er die nähe zu mir aufrechterhält. ich beobachte seine versuche, immer wieder auch die aufmerksamkeit seiner mutter zu bekommen, durch zeigen seines spielzeugs, das er gebaut hat. durch ein sich an sie schmiegen, sie am ärmel ziehen, auf ihren schoss klettern wollen. seine reaktion auf ihre nichtbeachtung, sein scannen ihres gesichtsausdrucks. sie ist nicht nur abgelenkt durch das gespräch, ich erkenne die routine im ablehnen. ich erkenne die stummen blicke des vaters, die stumm gerunzelten augenbrauen, die schmalen augen, das kaum merkliche kopfschütteln, wenn er wieder und wieder anlauf nimmt.

als ich irgendwann aufstehe, weil der besuch vorbei ist und wir wieder fahren, klammert er sich an mein bein. er sagt „geh nicht! bleib hier!“ und blickt mir in die augen. und wieder erkenne ich ihn und mich und es fällt mir unendlich schwer, ihm langsam die kleinen finger von meinem bein zu lösen, ihm über den kopf zu streicheln und zu sagen „ich muss jetzt gehen.“

eines bleibt mir noch, denke ich, etwas was ich mir gewünscht hätte als kind. ich drehe mich zur mutter und sage ihr, was für einen wunderbaren jungen sie hat, wie kreativ er ist, wie gut er spricht, dass seine unruhe nichts bedrohliches ist sondern der ausdruck eines wunsches nach nähe und zuwendung und dass das normal ist, nichts was sorge bereiten muss.

kurz bevor ich die haustür von aussen zuziehe höre ich seine leise stimme, die sagt „kommst du wieder? komm wieder, ja?“ und es macht knack. und mein herz bricht. denn ich war er. ich habe ihn erkannt.

die schönheit des leids.

vor einigen monaten stiess ich auf einen instagram account, auf dem eine junge mutter immer wieder von schwierigen phasen mit ihren kindern berichtet, ernsthaften erkrankungen derselbigen schildert – alles in allem waren da durchaus heftige sachen dabei. das, was sie schildert, ist bildlich immer unterlegt mit einem selfie. nie ist das kranke kind zu sehen, keine symbolik wie krankenhausflur, kotzkübel oder ähnliches. immer sie, mit fettlinsen-filter in zartes schummerlicht gehüllt, manchmal ist es schon fast marien-mäßig inszeniert, auch wenn es immer wie ein schnappschuss wirken soll. ihr leid ist wunderschön. nichts lässt auf leid schliessen wenn man nicht die bildunterschriften liest. und die kommentare unter diesen bildern? ein sturm von herzen, betenden-hände-emojis, durchgehend positive bestätigung von allem was sie schreibt und freundliches, wertschätzendes empowerment.

ebenfalls vor längerer zeit stiess ich auf einen instagram account auf dem eine krebserkrankte junge frau ihren leidensweg schildert. sie tut dies mit bildern, die abbilden worüber sie schreibt: schmerzen, todesangst, depression. es sind schwer auszuhaltende bilder, ohne inszenierung, ohne filter. die kommentare unter ihren bildern und bildunterschriften sind ebenfalls mit herzchen und betende-hände-emojis gepflastert aber mehrheitlich voll mit kritik an ihrem behandlungsweg (der völlig konventionell schulmedizinisch ist), ihrer ernährung, ihrer angeblichen zurschaustellung ihres leids und ihrer krankheit, ihrer lebenseinstellung („du bist immer so negativ kein wunder, dass dein krebs nicht geht“) und überhaupt an allem was sie sagt oder nicht sagt, tut oder nicht tut.

ich habe das seitdem mal beobachtet und es scheint so, dass leid in der öffentlichkeit nur schön sein darf, aber nie das was es wirklich ist: traurig, schwer, dunkel, scheisse, nicht aushaltbar. leid darf geäussert werden, aber nur gerade so, dass die anderen es noch aushalten. leid darf gezeigt werden, aber nur gerade so, dass es den anderen nicht zu nahe kommt.

ist vielleicht das der grund für diese oft hasserfüllten und unversönlichen diskussion auf social media plattformen wenn menschen von ihrem oft leidvollen erleben als keine ahnung….frau, transgender, alleinerziehende etcpp. berichten? und gilt dasselbe vielleicht auch fürs thema wut, welches ebenfalls nur sehr abgeschwächt auftreten darf um überhaupt zum ausdruck zu kommen?

und was ist die haltung hinter beiden phänomenen? angst davor „angesteckt“ zu werden von heftigen emotionen, die man sich dann lieber vom leib hält indem man sie wahlweise klein redet oder wegfiltert? oder betroffenheit und die ohnmacht damit umzugehen? oder sind starke gefühle zu heftige spiegel in die man nicht hineinblicken will weil man plötzlich mit denselben anteilen in sich konfrontiert wäre? diese ganzen abwertenden, besserwisserischen, hasserfüllten kommentare sind das letztendlich einfach nur abwehrmechanismen? und wenn das so wäre, wie müsste sich dann kommunikation verändern, damit der eine sagen kann was er sagen will und zeigen kann was er zeigen will und das gegenüber es nimmt als das was es ist: ein ausdruck eines individuellen erleben?

fickt euch.

heute beim einkaufen in einem grossen supermarkt.

vor mir läuft schon mehrere regale lang ein paar mit ca. 13 jährigem mädchen. und seit mehreren regalen gibt es unstimmigkeiten – am ersten regal geht es noch darum, dass das mädchen wohl immer zuviel will. „immer möchtest du! nie gibst du! essen! kleidung! du bist undankbar.“ sagt die mutter. sie sagt es nicht einfach, sie spuckt die worte nahezu aus. der vater schweigt. ich spüre den knoten in meinem bauch, bekannt aus der zeit als ich selbst 13 war.

die nächsten regale wechselt das thema von undankbarkeit hin zu noten, allgemeinem versagen und der vorhaltung, dass alle andern kinder besser seien, der ton verschärft sich, der vater legt der mutter die hand auf die schulter, er will beruhigen, er sieht wohl auch die pochende halsschlagader der mutter, spürt dieses ziellose reindrehen in diese stimmung aus der sie sich nicht mehr befreien kann….steckt man da einmal drin sprudeln all die ungesagten wörter, all die ungelebte wut plötzlich heraus. mein knoten wird grösser, ich beobachte das mädchen, das mit den tränen kämpft, sehe wie sie sich von innen in die backen beisst. ich könnte ausrasten, so sehr verschmelze ich mit ihr, so sehr kenne ich das alles – insbesonder das verletzende schweigen des vaters. gerade ihn möchte ich anbrüllen, warum zum henker er sich nicht vor das mädchen stellt und sie verteidigt. meine geschichte, denke ich mir.

am letzten regal eskaliert die situation: die mutter packt das mädchen am arm und brüllt sie an, spucke spritzt dem mädchen ins gesicht, der vater blickt sich um wer schaut? ich bleibe stehen und beobachte die situation – kurz bin ich am überlegen ob ich was sagen soll, entscheide mich aber bewusst dagegen. die mutter lässt den arm los, packt den vater und zieht ihn weiter.

das mädchen bleibt stehen. als ich an ihr vorbeifahre mit meinem wagen, treffen sich unsere blicke und im selben augenblick formen ihre lippen ein „fickt euch!“ und meine ein „arschlöcher!“ und beide müssen wir uns angrinsen. leise sage ich zu ihr, dass sie durchhalten soll, dass es besser wird je grösser sie wird. alles nur eine frage der zeit.

alles nur eine frage der zeit.