vor längerer zeit bekam ich eine diskussion mit, an hand derer mir etwas aufging. es ging um ein pädagogisches konzept und einem gespräch zwischen einer anhängerin und einer kritikerin dieses konzeptes. schnell war klar, dass es, obwohl es um einen bestimmten sachverhalt ging, es eigentlich um eine ganz grundsätzliche haltung zu diesem thema ging. leider wurde das erst ganz am ende auch kommuniziert, da wars dann aber schon zu spät und beide parteien in ihrem vorurteilen bestätigt.
und ein bisschen bildet das ab, was mir so grundsätzlich kommunikationstechnisch zur zeit auffällt: die wut kommt schnell und heftig und obwohl oft zu beginn offenheit und toleranz und „ich kann das gut so stehen lassen“ kommuniziert wird, endet diese haltung recht schnell wenn klar wird, dass die position nicht dieselbe ist. ich beobachte das off wie online. unsere ganze gesellschaft strotzt nur so vor wut – ich bekomme es selber mit oder höre es von anderen und jedes mal lässt es mich ratlos zurück mit der frage „woher nur kommt diese wut?“
die wut erscheint in unterschiedlichen kontexten – verkehr, arbeit, flüchtlinge, frauen, familie, politik, die themen sind beliebig. und sie ist eigentlich in den aller seltensten fällen adäquat. früher oder später wird verbal übers ziel hinausgeschossen, die aufgeklärt-freundliche haltung aufgegeben und mit wachsender ungeduld und schlussendlich wut reagiert. das passiert vielen menschen, es geht hier nicht nur um irgendwelche wutbürger. ich erlebe diese wut bei sehr geschätzten frauen, die es sich zur aufgabe gemacht haben in die oft unsinnigsten twitterdiskussionen einzusteigen, um im ein oder anderen thema vielleicht doch noch eine meinungsänderung zu bewirken. unermüdlich wird da zb. erklärt, was feminismus ist, was #metoo bedeutet und wie die genaue definition von sexismus ist. und obwohl die motivation sicher gut ist, endete bisher jede von mir verfolgte diskussion in einem beiderseitig wütenden beschimpfe. denn auch ein höflich formuliertes „sie werden es nie verstehen mit ihrer borniert-männlichen haltung“ ist nun mal eine form von beschimpfung. es erfolgt das übliche zustimmen der filterblase und noch vereinzeltes geschimpfe und weiter gehts. und ich frage mich jedesmal: was genau hat das jetzt gebracht?
wut und angst sind in meinen augen zwei seiten derselben medaille. oder anders gesagt: wut ist sehr oft kompensierte angst. und was könnte sich an unser aller kommunikationsgebaren ändern wenn wir das im kopf hätten? was wäre wenn wir die angst vor dem versagen als mutter wahrnehmen von derjenigen, die vehement ihr pädagogisches konzept verteidigt? ein kleines signal setzen, dass ich sie als mutter anerkenne in ihrem bemühen, eine gute erziehung für ihr kind zu schaffen – denn selbst wenn mir diese erziehungsform überhaupt nicht liegt, habe ich dennoch eine gemeinsame basis mit diesem menschen: den wunsch, dem eigenen kind das bestmögliche zu geben und als mutter nicht zu versagen. eine hübsche basis eigentlich, die trotz Meinungsverschiedenheit beide auf augenhöhe lassen kann.
wie wäre es dem mann, der aus lauter unsicherheit über die neuen rollenansprüche die er spürt und die er (noch) nicht integrieren kann in sein bisheriges bild von sich und mann-sei, zu signalisieren, dass man das nachvollziehen kann weil man das selber kennt – sich plötzlich mit eine veränderten rolle konfrontiert zu sehen. oder weil man das thema unsicherheit in bezug auf neues nachvollziehen kann. oder weil man selbst als frau immer wieder damit konfrontiert ist, sich neu zu definieren.
wie wäre es, jedem menschen einfach mit der haltung zu begegnen, dass hinter jeder emotion eigentlich eine zweite, weitaus relevantere, steckt? dass wut immer einen grund hat der meistens sehr verborgen, sehr unangenehm und oft mit scham, unsicherheit oder angst behaftet ist? und dass so gut wie jeder von uns diese gründe selbst kennt, dass man sie selbst erlebt, gefühlt und ertragen hat?
können wir uns alle nicht einfach mal auf den kleinsten gemeinsamen menschlichen nenner besinnen? wir haben den alle! einfach mal zurücktreten und hinsehen. nicht quatschen, nicht rechtfertigen, nicht angreifen, nicht belehren, nicht wüten. schweigen. hinsehen. und die gemeinsame basis finden. das bedarf zeit und geduld.
wer die nicht hat, der möge das erkennen, respektieren und schweigen. nicht, weil er keine meinung hat oder seine meinung nicht zählen würde – nein. er möge schweigen, weil er sonst dem gegenüber nicht gerecht wird.