
ich war gestern beim zoommeeting der geschwister meines freundes mit dabei. irgendwann kam das thema darauf, was man so macht während der ganzen lockdowns und gleich mehrere erzählten, dass sie sich schon seit wochen durch die abertausenden von fotos, negativen und dias der letzten jahrzehnte durcharbeiten. ich erinnerte mich, dass auch meine eltern eine menge an bildmaterial hatten – es gab da einen sogenannten fotoschrank in unserem haus, der sehr hoch und sehr tief war inklusive 3 sehr tiefen schubladen, alles voll mit bildern, dias, filmrollen, abzügen. ich erinnere mich, dass ich zu meinem 18. geburtstag 2 fotoalben bekam, eines mit einer auswahl an bildern mit hauptsächlich mir als motiv und eines mit allgemeinen familienbildern. ich ließ diese alben bei meinem auszug ein jahr später in meinem elternhaus zurück, ich hielt es dort für am besten verwahrt.
als ich vor jahren damit begonnen habe, mich mit meiner familiengeschichte mehr auseinanderzusetzen, wollte ich diese alben ansehen und musste feststellen – wo immer sie sind, bei mir sind sie nicht. ob es sie überhaupt noch gibt, weiß ich nicht. es wird behauptet, ich hätte sie immer gehabt, aber es wird immer so viel behauptet und ich bin sehr sicher: ich habe sie nicht. alles was ich habe ist dieser klägliche rest an bildern meiner kindheit und bilder meines vaters aus seinen 30ern. erstere habe ich von unserer früheren haushälterin mal zugeschickt bekommen, nachdem ich ihr auf der beerdigung meines vaters erzählt hatte, dass ich wirklich gar keine bilder meiner kindheit besäße und letztere habe ich vor jahren aus dem arbeitszimmer meiner mutter mitgehen lassen. das wars. und jedesmal wenn ich menschen von der bebilderung ihrer jahrzehnte sprechen höre, merke ich, wie sehr mich das trifft und wie tief der schmerz liegt, dass ich nichts dergleichen habe. weil es sich für mich anfühlt wie die logische konsequenz dessen, was meine kindheit und jugend ohnehin für mich ausgemacht hat: ein nicht gesehen werden.
bilder sind zeugnisse. sie sind auch beweise – für einen umgang miteinander, für ein erkannt werden, ein da-sein, die eigene existenz. klar können bilder auch lügen, aber ganz wertfrei betrachtet sind sie für mich erstmal existenzbeweise. da ist ein bild, da bin ich drauf, das wurde irgendwann mal von irgendwem gemacht. hat man das nicht, dann fühlt sich es sich immer so an, als wäre hinter jeder erinnerung ein fragezeichen. habe ich das wirklich so erlebt? stimmt mein eindruck? und vorallem: stimmen die emotionen, die ich mit einer bestimmten begebenheit verbinde? ein bild bildet nicht immer emotionen ab, aber es lässt sie aufleben – schaut euch mal bilder von euren neugeborenen kindern an, dem ersten haustier, dem auszug in die erste eigene wohnung, eure hochzeit etc. ein wust an emotionen kommt da hoch und mit diesem wust lässt sich einiges erinnern, wieder aufleben lassen und ja, auch verifizieren. schaue ich mir heute bilder meiner ersten hochzeit an, dann hab ich einen knoten im magen. mein körper erinnert, was der kopf zu dem zeitpunkt nicht zulassen konnte.
ich bewege mich also in meiner bildlosen kindheit recht unsicher voran, alles kann sein, nichts muss sein. hinzukommt, dass ich nur noch eine lebende person habe, die aus diesen ganz frühen jahren berichten kann und ich just dieser person in ihren erzählungen und sichtweisen nicht vertraue. jemand sagte mir vor kurzem, dass man zwei ebenen von erfahrung aufarbeiten kann – die tatsächlich erfahrene mit ihren fakten und konkreten ereignissen und die gefühlte, persönlich wahrgenommene. keine ebene ist besser oder schlechter und im grunde ist es bei den allermeisten ohnehin die zweite ebene, die man aufarbeitet und mit der man sich zb. therapeutisch beschäftigt. und auch wenn kein konkreter beweis in bild und ton, vielleicht auch o-on da ist, so ist es diese ebene, die mein leben geprägt hat und die bis heute ihre positiven wie negativen auswirkungen auf mein leben hat. ich halte das für sehr wichtig, gerade bei traumatisierten menschen, die sehr oft keine „beweise“ für ihr erleben erbringen können und denen oft suggeriert wird, dass nur stimmt was tatsache ist. menschen mit einem bindungstrauma wie ich, können das nicht erbringen. zumal diese form von traumatisierung auch noch in vor-verbalen zeiten entstanden ist und niemand dafür worte hat, selbst wenn die bindung ein knaller gewesen wäre. es setzt mich oft unter druck oder besser: ich setze mich oft unter druck mir selbst aber auch anderen beweisen zu müssen, dass meine kindheit tatsächlich so beschädigend in vielerlei hinsicht war, wie ich sie auch empfunden habe.
dabei muss ich mir immer wieder vor augen führen, dass ich meiner erinnerung, meinem narrativ meiner kindheit und jugend glauben darf, auch wenn immer wieder dagegen angesprochen wird und ich keine „beweise“ dafür habe, sondern nur mein erleben. dagegen gesprochen wird, weil auch diese personen ihr narrativ schützen wollen. das ist legitim, manchmal leider nicht zu ändern und am ende hinzunehmen. das wichtigste ist, sich das eigene erleben nicht zerreden zu lassen. ich brauche dazu keine bilder, es wäre schön hätte ich welche und vielleicht wäre es auch leichter, aber brauchen tue ich sie nicht. es geht darum, mir meine geschichte zurück zu erobern.




