remo largo.

remo largo ist tot.

er war derjenige, der mich vor all den grauenhaften erziehungsratgebern bewahrte und den ich gott sei dank noch rechtzeitig empfohlen bekam, bevor juuls, kast-zahn und van de rijt mich weiter triggern konnten. (beim googeln eben fällt mir ein, wie unsagbar bescheuert eigentlich der titel „oje, ich wachse!“ ist – was soll denn dieses „oje“? was ist das denn für eine haltung dem kind gegenüber?)

kurz nach der geburt des sohnes, kam ich trotz bester vorsätze nicht an erziehungsratgebern vorbei. in ermangelung von vertrauen in die eigene intuition, kaufte ich mir das buch „oje, ich wachse“, das damals in blogmütterkreisen als empfehlung kursierte. es ist unterteilt in, ich zitiere „[…] 10 sprünge in der mentalen entwicklung ihres kindes während der ersten 20 monate und wie sie damit umgehen können.“ zur damaligen zeit waren es noch 8 sprünge in 14 monaten, da scheint irgendwas entwicklungsthematisches hinzugekommen zu sein.

jedenfalls versuchte ich mir mit diesem buch das nicht erklärbare geschrei und verhalten meines sohnes zu erklären. ich las über den ersten entwicklungsschritt mit 3 monaten – oje, er wächst!- der mit allerhand symptomen verbunden war, die der sohn alle erfüllte und mit allerhand neuen fertigkeiten verbunden, die der sohn leider nicht erfüllte. was zu großer besorgnis bei mir führte: was zum henker lief falsch bei meinem kind, dass er nach nächtelanger schreierei nicht plötzlich lesen/schreiben/rechnen konnte!? so las sich das damals für mich – es gibt auffälligkeiten, daraufhin passiert dieses und dann muss er jenes können. das buch wirkte wahnsinnig schematisch auf mich, was haargenau das denkmuster in mir bediente, wonach doch alles in meinem leben bisher nach einem gewissen tun-ergehen-zusammenhang funktioniert hatte, warum dann also nicht auch das kind und seine erziehung?

bei sprung keine ahnung angekommen, wonach der sohn mittlerweile sitzen und sich auch anderweitig entwicklungspsychologisch angepasst verhalten hätte sollen, nahm mein stress derartig zu, dass ich einer freundin heulend von meinem nicht-konformen sohn berichtete. sie empfahl mir alle erziehungsratgeber – es lauerten noch juuls und kast-zahn im regal- wegzuwerfen und mir ein einziges buch zu kaufen: „babyjahre“ von remo largo. noch nie hatte ich von ihm gehört, ich weiss auch im nachhinein gar nicht, warum – wahrscheinlich, weil er in seiner haltung kindesentwicklung gegenüber so völlig anders war, als alles was ich so an prägung diesbezüglich in mir hatte. man begegnet den dingen ja auch nur, wenn der blick für sie offen ist.

ich kaufte mir also „babyjahre“ und aller stress fiel von mir ab. mein kind war völlig in ordnung! alles normal! wie – es gibt keine maßstäbe, wie ein kind wann was können muss? ist ja der wahnsinn! ich war völlig geplättet über die unbeschwertheit und entspanntheit mit der dieser mann entwicklung und erziehung beschrieb und schmiss erstmal alle anderen bücher weg.

das buch von ihm war weniger ein buch, das ich für meine kinder las, damit ich sie besser verstand, sondern mehr eines, das ich für mich als mutter las um mich selbst besser zu verstehen. ich stellte fest, mit was für schrecklichen und völlig unangemessenen (heute weiß ich NS-ideologisierten) bildern über kinder und ihre entwicklung ich innerlich vollgestopft war – annahmen über das funktionieren von kindern, die ich auch hinsichtlich meiner eigenen kindheitserziehung plötzlich wiedererkannte. überhaupt erkannte, wieviel von der unsäglichen NS-pädagogik noch in unserer gesellschaft steckte und dass das noch jahrgänge betraf, die weitaus jünger waren als ich. es war nicht so, dass largo sich in seiner haltung groß von juuls zb. unterschied. es war wohl mehr seine art, die ich besser annehmen konnte als die der anderen: sie war geprägt durch seine medizinische ausbildung, durch die er glaube ich, seine pädagogischen und entwicklungspsychologischen erkenntnisse anders einbetten und auch übermitteln und erklären konnte.

largo war es, der den allerersten dominostein in mir zu kippen brachte und einen langen, langen prozess in ganz setzte, der mich maßgeblich als die mutter und auch der mensch, die ich heute bin, geprägt hat.

damit – abgesehen von meinen zwei wunderbaren kindern, denen ich so dankbar bin, dass sie die ersten jahre mit mir als mutter so tapfer überstanden haben – verdanke ich remo largo meine heutige haltung als mutter und infolge dessen auch als pädagogin. dafür werde ich ihm immer dankbar sein.