erfüllung.

als ich vor ein paar wochen einen cut machte, meine arbeitsstelle, sogar meinen gesamten bisherigen berufszweig verliess um woanders völlig neu anzufangen, da dachte ich das wäre es jetzt erstmal mit meinem drang nach „mensch, geht da noch was?“

und muss feststellen: irgendwie wars das noch nicht. ich merke eine immer wiederkehrende unruhe, insbesondere in momenten der ruhe wie urlaub oder neulich quarantäne. es fühlt sich an wie eine offene stelle in mir, aus der heraus ständig rufe zu hören sind: und was jetzt? das passt noch nicht! das soll es jetzt sein? im untergrund geht es eigentlich um die frage was mir erfüllung schafft. ich bin damit aufgewachsen, dass erfüllung, sinnhaftigkeit, daseinsberechtigung gar durch arbeit und die damit verbundene leistung entsteht. eine ganz simple protestanisch-preußisch rechnung, mit der muttermilch aufgesaugt: der eigene wert entsteht durch leistung. ich hab grundsätzlich kein problem mit leistung – das problem entsteht für mich dadurch, dass ich irgendwie zu sehr meinen wert und vor allem sinnhaftigkeit mit leistung verknüpft habe. was dazu führt, dass ich viele dinge außerhalb eines arbeitskontextes gar nicht erst beginne, weil sie nicht sinnhaft genug erscheinen. ich kritzle gerne einfach vor mich hin? schön, aber mit welchem ziel? welchem sinn? achso! nur weils spaß macht? nun ja. bisschen wenig. ich sitz gerne einfach in einem sessel und lese? ja, schon cool, ist ja auch durchaus sinnhaft, aber ist es denn dann wenigstens ein fachbuch oder irgendwas Intellektuelles? äh nein, einfach ein roman. ach so ja ne, besonders sinnhaft ist das ja nicht.

bisher war mein leben stark geteilt: ich arbeite, damit beruhige ich diesen leistungsteil in mir und darf dafür dann vermeintlich sinnentleerte dinge tun. erklärt auch, warum dieses thema immer in ruhezeiten aupoppt, wenn ich durch urlaub oder krankheit nicht arbeite. eine zeitlang kann ich das aushalten, die zuvor geleistete arbeit trägt noch ein bisschen zur kompensation bei, doch dann kippt es und dann ist meistens auch gott sei dank der urlaub rum und ich kann wieder arbeiten und alles ins lot bringen.

seit beginn meiner beruflichen veränderungsreise letztes jahr im sommer aber gibt es immer öfters einen großen widerstand gegen dieses innere system in mir. es gab nicht umsonst jahrelang den gag von mir, dass ich irgendwann alles hinschmeisse und bei billa ans band gehe, nur noch arbeite um geld zu verdienen um dann machen zu können was ich will. geile vorstellung – nur leider funzt das nicht bei mir, denn ich kann die frage nach erfüllung außerhalb von arbeit als leistungssystem nicht beantworten. manche sagen kinder und familie, da muss ich leider passen, ich habe noch nie was davon gehalten, andere leute zur erfüllung meines lebenssinn heranzuziehen. manche sagen hobbies, auch feine sache, doch da habe ich ständig diese kollusion mit meinem leistungsgedanken.

und auch die sache mit dem hinschmeißen funktioniert nur leidlich: als ich im januar meine alte arbeitsstelle verliess und an eine hotelrezeption ging, hielt das gerade mal 2 wochen bis ich das angebot zur arbeit im management bekam. wo ich jetzt sitze und mich wieder frage: das war doch nicht was ich wollte? oder doch?

ich darf mal spinnen: wenn mich gleich eine fee fragen würde, was ich denn mal so richtig gerne machen wollen würde, würde ich sagen ich hätte gerne einen eigenen hund und würde gerne entweder züchten oder eine hundepesnion aufmachen, ein tierheim oder eine hundeschule. und ich schreibe das und muss schallend lachen – weil hej! wie super gesponnen ist das denn? und was für ein unerhörter gedanke…..

oder doch nicht? was hindert mich eigentlich daran, genau den einen weiteren schritt zu machen und zu sagen das mache ich jetzt? ich kündige, arbeite für den lebensunterhalt und versicherung irgendwo für 450€, mach ein paar sachen in meiner selbständigkeit um geld zu haben und den rest der zeit bau ich mir das auf. es wäre wirklich erfüllung, es wäre eine herzensangelegenheit, und wenn nicht – dann mach ich halt was anderes.

wie überwinde ich diese zweiteilung in mir – arbeit vs. erfüllung? wie überwinde ich die angst vor dem scheitern? die angst vor was überhaupt? je mehr ich in den gedanken eintauche umso sprachloser wird die angst – sie ist alles und irgendwie ist sie nichts. kaum greifbar, so non-verbal verankert, nur gefühl. und ja, es gibt menschen, die haben beides – herzlichen glückwunsch, die bilden wahrscheinlich 4% bevölkerung ab. der rest hat noch nicht mal die wahl sich diese frage zu stellen, hier gehts stark um privilegien, ich bin mir dessen sehr bewusst.

vielleicht ist der erste schritt anzunehmen, dass es das noch nicht ist, dass der weg weitergeht. zu spüren, dass es einen sehr ernsthaften anteil im spass gibt, der ernst genommen werden will – don´t give up on me, auch hier. vielleicht ist der zweite schritt, arbeit mal anders zu definieren, etwas loszulassen von einem leistungsanspruch und vor allem davon, dass arbeit meinen wert definiert.

never.

psychische themen sind immer nur so lange toleriert, wie sie dem gegenüber noch einleuchten „du trennst dich von deinem mann? ja scheisse. verstehe, voll schlimm. aber nu ist dann auch wieder gut, leben geht ja weiter“. „dein hund ist gestorben? ja ich hatte auch mal einen hamstern der gestorben ist da war ich 5 und das war schlimm. ging dann aber wieder“. ich könnte 100 dieser beispiele aufzeigen.

ich kämpfe seit jahren mit meinen themen. ich vermeide den begriff dämonen aber eigentlich geht es genau darum – sie sind da, sie sind nicht reparabel. ich kann sie mit honig füttern, wie der buddhismus es mir vorschlägt, ich kann sie verstehen, fühlen, umarmen, ignorieren, sie mit arbeit und ablenkung überdecken. sie bleiben. manchmal gehen sie schlafen, dann hab ich ruhe – einen moment des gefühls von frieden und angekommen sein. dann dreht sich meine lebensspirale weiter und dasselbe thema kommt im neuen gewand zu mir „oh hej! so sehen die dämonen jetzt aus, cool“. aber leider sind sie halt wieder da. es dreht sich alles um bindung und beziehung und wie ich es drehe und wende, ich kriege es nicht so gelöst, dass sie für immer gehen. wer mir schon lange folgt, weiß das und ich habe schon so oft darüber berichtet und tue es in ansätzen immer noch, aber ich merke auch, wie sehr ich mich dafür schäme, dass ich es nicht in den griff kriege, dass ich weiter hadere und analysiere und drauf rumdenke.

manchmal denke ich niemand kennt sich so gut wie ich mich und nutzen tut mir das dennoch überhaupt nichts, weil die kerbe, die geschlagen wurde so fucking tief ist. so unendlich tief, dass ich es zwar immer wieder schaffe aus diesem spalt wieder hervor zukommen, aber nie ihn zu schliessen. und es ärgert mich, nein es erfüllt mich mit großer wut, dass ich mit diesem spalt rumrennen muss, dass ich all die darauf entstehenden konsequenzen tragen muss. es ärgert mich, dass ich nie final alles abschliessen kann. es ärgert mich, dass ich darüber schweige mehrheitlich weil “ ja mein hamster ist auch mal gestorben, voll schlimm“. und abgesehen davon es geht ja auch immer schlimmer – es ist krieg, was interessieren denn da meine scheiss themen? nun. mich.

nicht weil ich die so spannend und super finde, weil ich es geil finde nachts panisch wachzuliegen und mich als versagerin zu fühlen, nicht weil ich es geil finde, dass es mir schlecht geht und ich mich einem irren kraftaufwand wieder selber einfangen muss, nicht weil ich egozentrisch bin und das kreisen um mich so fein. sondern weil es mein leben mehr als scheiße beeinflussen würde, wenn ich nichts täte. meine beziehung zu den wenigen menschen, die ich liebe, gäbe es so nicht. es gäbe keinen erfolg in meiner arbeit, keine freude bei den dingen die ich anfasse, keine (hoffentlich) glücklichen kinder, es gäbe verhedderung und ärger, depression und scheisse. dass es das nicht gibt, hängt damit zusammen, dass ich mich immer wieder in phasen mit diesen themen beschäftigen muss, wenn das leben sie in neuen konstellationen wieder nach oben spült. neulich dachte ich mal, dass ich froh bin so abartig viel psychoanalyse und psychotherapie (ja, tatsächlich habe ich alles zusammen ca. 600 stunden therapie auf kosten der krankenkasse gemacht – was mir eigentlich als beweis dienen sollte, dass selbst die kapiert hatten, dass ichs nötig hatte) gemacht zu haben, immerhin kann ich mir eine menge kosten sparen dadurch, dass ich selbst eine wirklich großartige therapeutin bin – zumindest für mich. und es hat nichts mit zusammenreissen zu tun – auch so eine idee im umgang mit psychischer erkrankung, die ich jahrezehntelang selber gemacht habe und gerne auch von meinem umfeld verlangt habe. ich habe das versucht, es hilft nichts. genauso wenig wie ignorieren. vielleicht würden drogen helfen, aber ich weiß schon warum ich die hände mehr als nur weg lasse von all den möglichen mitteln zum vergessen.

und vorhin höre ich die songtextzeile „don`t give up on me“ und ich, nach dem ich so viele jahre den song anders interpretiert habe, höre endlich hin. und verstehe um was es bei mir geht. ich gebe mich selbst nicht auf. höre ich auf mir zuzuhören, dann gebe ich mich auf, dann wiederhole ich geschichte. und all mein kampf und all mein durchhalten macht sinn, es ist mein eigener beweis für mich, dass ich mich nicht aufgebe. dass es scheißegal ist, ob menschen genervt sind, weil der hamster doch nun endlich mal lang genug tot ist und die kindheit seit jahrzehnten vorbei. tja tut mir leid, meine kindheitskriege finden immer noch, jeden tag, irgendwie, in mir statt. ein wunder, dass ich den rest meines lebens so gut auf die reihe kriege.

es ist eine völig falsche vorstellung zu denken, man muss nur genug wollen, man muss nur genug arbeiten, man muss nur genug nicht drüber nachdenken, man muss nur whatever. es ist schlicht falsch. ich suche mir das nicht aus. es geschieht mit mir und ich wehre mich mit aller kraft – verstandesmässig, gefühlsmässig, handlungsmässig. dass ich nicht schon längst kapituliert habe ist dem umstand zu verdanken, dass ich nicht nur anderen gegenüber zutiefst loyal bin sondern anscheinend auch mir gegenüber, was mir bis vorhin überhaupt nicht klar war. und was ich übrigens wieder als fortschritt sehe. mich nicht aufzugeben, nicht loszulassen von dem wunsch irgendwann heil zu sein, gesunde beziehung zu führen, eine good enough mother zu sein, vorallem eins: ich zu sein – das alles ist wiedergutmachung an mir und meinen verletzungen. die habe ich verdient, sie steht mir zu. und da der hamster schon so unfassbar lange tot ist, bin auch nur ich es, die diese arbeit leisten kann. und das will ich tun, dazu will ich stehen. denn-

don´t give up on me.

never. promised.

und es ist ja nicht so

dass man nicht eigentlich schon immer so ist wie man eben ist wie. ich bin keine unbekannte in meiner familie mit meiner art zu denken und zu handeln. und die sich von jeher sehr unterschieden hat von den 2, 3, 4 anderen menschen in meiner familie. ich erinnere abendbrotessen in denen ich belächelt wurde für erzählungen meiner belegten studienfächer, „ach, gewaltfreies töpfern auf malle oder was!?“ und ja haha super scherz, ich lachte meistens mit. was hätte ich sagen sollen, little they now. meine zeit war noch nicht reif und es hat einen toten depressiven vater gebraucht und einen lebenden aber sehr fertigen und depressiven bruder damit verstanden wird, was mich ausmacht. wo meine stärken sind, dass die immer da waren, früh kultiviert. „wie schnell du menschen verstehst, wie sie ticken, was sie bewegt….“ ach. denke ich mir: mein 15 jähriges ich hat euch alle schon verstanden, als ihr selber noch dachtet, ihr ruled ze world. ich musste warten. ich möchte behaupten, ich wusste immer, das meine zeit kommt, nein das wusste ich nicht. ich dachte immer ok, dann bleibt das jetzt eben so – die da und ich hier. und vermutlich war es hilfreich, dass ich vor ein paar jahren einfach dachte „fuck off, dann ist das jetzt eben so.“

dass sich aber jetzt alles dreht, dass ich dinge gesagt bekomme, die ich vor jahren, ach was jahrzehnten gebraucht hätte zu hören, das verwundert selbst mich. damit umgehen kann ich schlecht. ich flüchte mich in abgrenzung, bloss nicht rankommen lassen.

ich muss in mich lächeln ob des bildes welches mir gespiegelt wird und kann es gleichzeitig nicht glauben – verschiedene anteile in mir switchen in sekundeschnelle umher zwischen siehste und echt jetzt und passt schon. der erwachsene teil denkt sich seinen teil. der kindliche triumphiert und genießt den späten sieg. zu spät, als dass das jetzt noch was bewirkt ausser ein kleines lächeln, welches ich mir nach dem telefonat im klospiegel zu werfe.

aber was alles in diesem lächeln steckt…..

the times they are a changing.

hirnbrei.

ich hab zur zeit einiges zu tun und zwei jobs mit lauter menschenleben und ihren geschichten macht es nicht einfacher, sich alles zu merken. heute habe ich irgendwann gemerkt, dass ich 4 dinge in 4 verschiedenen fällen parallel mache – das geht schon, aber ich bin dann halt einfach irgendwann kopfmässig völlig durch.

da kann es dann mal passieren, dass ich ein telefonat mit jemanden über fall A führe und den sachverhalt mit fall B verwechsle. was dazu führt, dass ich ca. 10 minuten panisch überlege, warum die person am hörer mir so viel unbekanntes erzählt, wie ich bestimmte dinge völlig übersehen konnte und wieso sie das kind immer mit falschem namen anspricht. als ich kapiere, dass ich da was verwechsle ist soviel gesprächszeit ins land gegangen, dass der zug für aufklärung abgefahren ist und ich halt jetzt einfach wie die superverschwurbelte pädagogin dastehe.

ganz von der hand zu weisen ist das ja nicht.

there must be some other way out.

loslassen geht nicht, ohne sich bewusst gemacht zu haben um was es eigentlich geht.

loslassen geht nicht, wenn ich nicht gefühlt habe, wie es mir geht.

loslassen geht nicht, wenn ich nicht betrauert habe um was es geht.

es ist eine irrige annahme, ein thema einfach loslassen zu können, ohne diese punkte abgearbeitet zu haben. es wäre ein fake-loslassen, eine willentliche entscheidung, dieses oder jenes nicht mehr zu denken oder zu fühlen. das klappt wenns gut läuft, eine zeit. aber es ist kein loslassen. es ist lediglich ein zur seite legen.

bewusstmachung alleine reicht nicht. da unsere schrägen zustände und ewigen muster immer mit gefühlen verbunden sind, bleibt es beim zur seite legen nur im kopf. da die muster aber vor dem verstandesalter entstanden sind, nämlich als kind, fühlend, ohne worte dazu zu haben, geht es nicht ohne die erfahrung der gefühle bei dem thema. und das ist es, was die allermeisten vermeiden und das ist es, was die allermeisten anspricht, wenn es heisst: „let it go!“ es erscheint einfach nur eine frage des willens.

gefühle wollen gespürt und durchlebt werden und oft ist trauer damit verbunden. zu betrauern was man erlebt und erfahren hat oder eben auch nicht erhalten hat ist der weg, der ein loslassen überhaupt erst möglich macht. ohne den prozess der betrauerung bleibe ich verhaftet in alten mustern und wiederhole und wiederhole ohne aussicht auf änderung.

wissen, fühlen und betrauern – erst diese kombi macht loslassen möglich.

WOAS!?

ich betrete die dorfbäckerei im nachbarort. ich hab lust auf kuchen oder krapfen, alles wurscht, hauptsache zucker und zwar schnell. die verkäuferin, eine frau in meinem alter, begrüßt mich mich „woas derfs sei?“ ich betrachte die auslage und sage „ich hätte gerne ein stück von der erdbeerroulade.“ ich sage das so, wie ich das immer sage, die letzten 20 jahre als saupreißin im tiefsten oberbayern: auf hochdeutsch. ein einfacher satz, lupenrein ausgesprochen, für jeden verständlich. die verkäuferin blickt mich an und fragt „MOANEN SIIIEEE DIEE BIS_QUIT_ROLLE DAAA?“

ich kenn das schon. ich komme irgendwo hier unten hin wo bayerisch gesprochen wird und kaum mache ich den mund auf, sprechen alle mit mir als wäre ich taub oder hätte nicht alle tassen im schrank oder beides. laut schreien sie auf mich ein, in dieser schrägen ausdrucksweise , von der ich immer das gefühl habe, sie verursacht bayern sicher schwere schmerzen in körper, geist und seele. sie sehen dabei auch nie glücklich aus oder entspannt. ihre münder verzerren sich, die bayerische kehle denkt sich „wo bleiben die kehllaute!? alles so klar hier“, die stirn runzelt wie verrückt und man sieht erste schweißperlen.

ich antworte ihr: „ja bitte, ein stück dieser bisquitrolle mit erdbeeren.“ während sie an der rolle rumfrickelt, fällt mir ein stapel papier ins auge, der auf dem tresen liegt. es sind flyer für die örtliche perchtengruppe. das finde ich spannend, dass die im januar noch rumliegen, weil perchten eigentlich eher november/dezember ihr unwesen treiben und ich nehme einen flyer und will ihn näher ansehen als die verkäuferin mich erneut anschreit: „DES SIND UNSERE PEEERCHTEN. DES IS A TRA_DI_TIOOON BEI UNS. GOOONZ WIIICHTIG.“ ich nicke und sage „ja ich weiß“, weil ich nicht mehr angeschrien werden möchte, aber sie ist im flow und zeigt auf das schaufenster hinter ihr. „SCHAUNGS, ÄH SEEEHEEEN_Z – DO HINTEN HAABEN WIR A PERCHTENMASKE. UND DO! KÖNNEN SIIIIEE MAL LEEEESEN, WAS DAS SO IST“ und ich nicke und sage „danke schön, aber….“ und nuschel mein desinteresse in ihre richtung, so engagierte leute für tradition und brauchtum mag man ja ungern ausbremsen. sie wickelt die rolle ein, legt sie mir auf den tresen und meint dann noch mit blick auf den flyer „DES IS AUCH NETTER ZUM LEEESEN ALS OIWEIL DIESE FAAAKE-NJUUUS IN DR ZEITUNG!“ und blickt mich triumphierend an, als sei das jetzt aber ganz sicher das ausschlag gebende argument für mich, diese flyer jetzt endlich mal zu lesen.

ich nehme mein kuchenpäckchen und weil es mir immer passiert hier unten, passiert es mir auch jetzt – die automatische überbetonung des nicht-von-hier-kommens, wahrscheinlich ausdruck des großen wunsches nach völliger abgrenzung, mündet in einem laut trompeteten „n`schönen tach auch!“

und ich denke, es gibt halt, gerade in diesen zeiten, wenn klischees sich gegenseitig bestätigen. wenigstens etwas, was bleibt.

denn sie wissen nicht was sie tun.

ganz klein sitzt er vor mir, mit trotz im gesicht. ich besuche ihn, weil ich herausfinden soll, was er will. seine eltern sind heillos zerstritten, sie können kein wort mehr miteinander reden, übereinander hingegen sehr viel. das machen sie mir in endlos langen telefonaten klar, erzählen mir von begebenheiten vor 15 jahren, verletzungen, die ihnen der jeweils andere zugefügt hat. ich bin jedesmal erschüttert, wie vorhersehbar das ende einer ehe ist, dass das grundmuster immer dasselbe ist und es dennoch kein verhindern im vorfeld gibt. alles ist bereits auf schiene gesetzt, wenn das „ja!“ gehaucht wird, die tränen vergossen werden und die ringe getauscht werden. man kann sich dann einige jahre was vormachen, ein unsichtbares band aus kindern, haus abbezahlen und eine kleine prise vermeintliche selbstverwirklichung oder auch gemeinsamer hobbies hält das ganz gut zusammen, bis ein kleines steinchen fällt und alles zusammenbricht. man denkt immer, man könnte soviel noch verändern, die wahrheit ist: die grundlegenen dinge lassen sich nicht verändern. die passen oder passen nicht. passen sie nicht, führt es dazu, dass ich irgendwann vor einem kind sitze und herausfinden soll, was es eigentlich will.

dieser junge weiß es nicht. fest eingeklemmt zwischen den ansprüchen der elternteile, seinen phantasien über lieben und geliebt werden, solidarität und verrat, sitzt er da und schüttelt nur den kopf. zuvor hatte er mir erzählt, dass er immer merkt, wenn die erwachsenen leise miteinander reden – die allianzen in dieser familie sind stark. oft reicht es nicht, dass man nur einfach selbst den anderen elternteil scheisse findet. nein, es ist einfach bestärkender auch noch die eigenen eltern oder geschwister mit hinzu zu ziehen oder den einstmals gemeinsamen freundeskreis davon zu überzeugen, wie fies und unmöglich sich der oder die ex aufführt. hass trägt sich leichter in großer runde und sich zum opfer machen, macht das kleinste ich groß.

ich frage ihn, wonach ihm denn ist, was er am meisten braucht. ruhe, meint er. es würde ihn alles so stressen. auf meine frage, was genau, kriegt er wieder dieses maskengesicht, das schlechte schauspieler aufsetzen, wenn sie betonen, dass sie jetzt echt eine völlig andere personen spielen und dann sagt er sätze wie „mein vater gibt mir nur toastbrot zum frühstück. wäre er ein verantwortlicher erziehungsberechtigter, dann würde er mir gesunde sachen zum frühstück geben.“ ich bin so perplex ob der sprache, weil es so offensichtlich die sprache der erwachsenen um ihn herum ist und frage ihn, was denn bitte ein erziehungsberechtigter sei, so ein wahnsinnig kompliziertes wort, kenn ich nicht, erklär mal. da schaut er mich etwas hilflos an und sagt dann, dass er das selber nicht so genau wüsste.

ich erlebe das sehr oft, wie weit sich ein kind von seiner eigenen meinung entfernen kann, dass es nicht mehr zu fassen kriegt was es eigentlich will. da höre ich dann in einem gespräch diese meinung, im nächsten eine andere und bei der kindesanhörung nochmal was ganz anderes. alles muss ich wiedergeben in der verhandlung, was dann oft dazu führt, dass sich die jeweiligen parteien herauspicken, was ihre eigene haltung am besten unterstreicht und bestätigt. was wider rum zu einer pattsituation führt, weil das kind ja auch alle seiten bestätigt. schwierig zu vermitteln ist, dass es das tut weil es allen seiten gerecht werden will und es in den allermeisten fällen nicht seine eigene meinung widerspiegelt. ein fürchterliches dilemma, aus dem viele kinder erst mit der pubertät rauskommen können, weil sie sich da entwicklungspsychologisch in richtung autonomie und ablösung bewegen und eher ihre eigene meinung ausbilden.

davon ist aber dieser kleine junge noch jahre entfernt. ich merke, dass es ihm immer unangenehmer wird über all das in seinem leben zu sprechen. also frage ich ihn, ob wir nicht einfach ein bisschen spielen können und das tun wir dann auch. und es bricht mir fast das herz zu sehen, wie er in diesem spielen wieder er selbst sein kann, wie seine körperhaltung und sein gesicht sich entspannt, seine sprache kindlicher wird und er fröhlich plappernd vor mir sitzt mit den spielfiguren in der hand.

ich weiß selbst, wie schwierig trennung und scheidung ist, erst recht mit kind. ich weiß aber auch, welches leid kinder aushalten müssen, um sich irgendwie in dem zerfallenen familiensystem noch zurecht zu finden. und ich verstehe es bei allem verständnis bis heute nicht, wie man das nicht auf die reihe kriegen kann als elternteile.*

*(ich spreche hier nicht von den trennungen/scheidungen, die mit gewalt und missbrauch einhergehen.)

under pressure.

seit gefühlten jahrzehnten höre ich diesen song und denke mir jedesmal super song, mag ich alles, bowie, mercury, super. obwohl ich ein totaler lyricsfreak bin und mir die meisten songs über den text erschliesse, hab ich bei dem nie genauer hingehört. vielleicht zuviel bo bo bo ba ya oder um ba ba be – don´t shoot me, ich hatte den text unter „lautierung, wird schon nicht so wild sein“ abgespeichert.

vor ein paar wochen aber hörte ich mal genauer hin und stolperte über die zeile „its the terror of knowing what the world is about“ und dachte nur so „hell, yes!! das ist es wirklich, ein terror of knowing! wie gerne würde ich einfach mal nichts wissen und keine zusammenhänge sehen.“ und es ging weiter: „watching some good friends screaming „let me out!“, wo ich an freund*innen denken musste, die schon seit so vielen monaten in einem mörderspagat zwischen familie, schule, arbeit und sich selbst hängen und dann der satz „under pressure, we`re cracking“ und ich dachte, ja, das ist der song für diese zeit, besser kann mans nicht audrücken.

und ich blieb eine weile in dieser stimmung hängen, es ist ja auch alles zum verzweifeln und der wunsch nach zusammenbrechen und einfach liegenbleiben und nichts mehr tun, ist sicher sehr vielen sehr vertraut. spätestens dann wenn der nächste elternbrief kommt, in dem ein installationsvideo des neuen messenger verlinkt ist und man nur noch schreien möchte weil man scheints das einzige endgerät benutzt, dass sich nicht nach dem intallationsvideo richten möchte. oder dann, wenn eines der kinder krise kriegt, weil es gerne die freunde wiedersehen möchte, sich in gruppe bewegen will, wachsen will an gruppe aber leider gerade keine gruppe um sich herum haben darf. oder dann, wenn ich über das telefon versuche menschen zu beruhigen, die ihrerseits gerade am durchdrehen mit dieser situation sind. oder dann oder dann oder dann. es gäbe so viel und ich denke, es ist hilfreich anzuerkennen – bei sich und bei anderen – wieviel gerade gestemmt wird. und ja ich bin super privilegiert mit meinen größeren, sehr selbständigen kindern, meiner arbeit, meinen wohnverhältnissen etc. aber leid ist subjektiv und ich möchte niemanden absprechen, mir übriges auch nicht, wie man sich in seiner jeweilige situation jetzt zu fühlen hat – es ist scheiße, wenn es sich so anfühlt.

aber – ich war und bin großer fan von „ist halt jetzt kacke, aber machen wir das beste draus“. so hat mein leben schon immer funktioniert und da gabs viel kacke und meine haltung ging immer irgendwie auf. wieso also nicht jetzt auch? wie gut, dass „under pressure“ genau diesen turn hinkriegt und mir die zeilen dafür liefert:

„why can´t we give love one more chance? why can´t we give love? for love is an old fashioned word and love dares you to care for the people on the edge of the night. and love dares you to change our way of caring about ourselves. this is our last dance. this is ourselves under pressure.“

und ich denke mir, was für ein schönes bild das eigentlich ist, verbunden mit der frage: wer wollen wir unter druck sein? wir sinds ohnehin alle, unter druck – also wer wollen wir sein? wie wollen wir sein? wie wollen wir das machen, in diesen zeiten, mit der liebe? und zwar – und das mag ich so sehr an diesen zeilen – nicht nur in bezug auf die leute, denen es vielleicht grad noch beschissener geht als einem selbst, sondern auch als herausforderung, zu überlegen wie eine neue art von selbstfürsorge aussehen könnte? wer will ich sein in diesen zeiten, unter druck? was ist für mich nötig um gut um die runden zu kommen? und welche form von nächstenliebe gibt, die ich leisten kann und möchte? diese songtextzeilen beinhalten zwei blickrichtungen: die zu mir und die zu anderen. es ist nicht als aufforderung gemeint, mich jetzt zusätzlich zu dem ganzen scheiss auch noch um mein gegenüber mitzukümmern. es geht nicht um kümmern, nicht unbedingt um aktion – die darf entstehen muss aber nicht – sondern es geht in allererster linie um liebevolle haltung, sich selbst und dem anderen gegenüber.

alles dasselbe.

eine freundin schickte mir gestern einen zeitungsartikel, in dem von einem erziehungskonzept für kinder berichtet wird, das auf erkenntnisse der modernen hunderziehung setzt. wer mehr wissen will lese hier, viel substantieller wirds nicht.

unterdrücke ich den ersten empörungsreflex als pädagogin, die seit jahrzehnten mit kindern, jugendlichen und familien arbeitet und dann noch den politisch korrekten impuls, dass man kinder nicht mit hunden gleichsetzen sollte, dann finde ich den ansatz eigentlich ziemlich großartig. er stellt nämlich auf so vielen ebenen einen super gegensatz zu dem dar, was da sonst so an erziehungsschwurbel durch deutschland wabert.

auf die schnelle fallen mir als hundebesitzerin und pädagogin drei bereiche ein, die man super übertragen kann: kommunikation, grenzen und hierarchie.

kommunikation läuft heutzutage in der kindeserziehung eher ab wie eine politisch mega korrekte debatte. wenn maximilian-konstantin vor der eisdiele steht, mit kilometerlanger schlange hinter ihm, und mit empowernder elternhaltung dazu ermuntert wird, sich in ruhe alle 200 eissorten anzusehen und dann in ruhe zu entscheiden welche 3 er haben möchte – dann wünsche ich mir ehrlicherweise wieder die autoritäre erziehung. was natürlich nicht geht. aber hundeerziehung wäre hier wirklich eine schöne alternative: das eis ist das leckerli, das es nur gibt, wenn maximilian-konstantin es schafft, die wahnsinnig wankenden bedürfnisse eines dreijährigen („erdbeere!! neinnein! vanille! oder schoki! ich will mango!“) durch impulskontrolle in den griff zu kriegen und einfach mal die klappe zu halten. und das ganze wird nicht in langen diskussionen vermittelt, sondern mit einem ruhigen kommando „schweig!“, dann folgt ein clickerlaut und er erhält eine kugel eis (wir alle wissen, mehr als 1 kugel ist sowieso quatsch weil die leckgeschwindkeit eines dreijährigen einfach zu wünschen übrig lässt), bei der es am ende egal ist ob erdbeere oder schoko, weil es um die belohnung geht und da nimmt man was man kriegt. das kapiert selbst maximilian-konstantin. der auswahl der kommandos sind keine grenzen gesetzt, es bietet sich aber die orientierung an die hundeerziehung an, wo einem als hundebesitzer immer vermittelt wird, so wenig wie möglich mit dem hund zu reden und so wenig kommandos wie möglich zu etablieren, die aber regelmässig mit einsatz von leckerlis zu üben. ich würde sagen „schweig!“, „schlaf!“, „lauf!“, „zuuuuuu miiiiiir!“ reicht völlig, ist aber individuell erweiterbar. bei der auswahl der leckerlis müssen moderne eltern wohl am meisten über ihre eigenen grenzen: dinkelkekse und reiswaffeln eignen sich absolut nicht. der reiz für so einen scheiss dem kommando nachzukommen ist schlicht zu gering. hier müssen es dann schon bonbons oder schoki sein, die volle zuckerdröhnung.

regeln und grenzen sind in der modernen kindererziehung auch so ein thema, mit dem sich moderne eltern schwer tun. es ist nervig – man müsste konsequent sein und das schafft man ja noch nicht mal in seinem eigenen erwachsenen leben (im grunde will man den job seit jahren nicht mehr und auch der partner gehört schon lange verlassen, aber das haus! die kinder!), und es führt in bestimmten entwicklungsphasen des kindes erstmal lange zu nichts. das heisst der optimierungskonditionierte erwachsene wird ununterbrochen in seinem optimierungswillen enttäuscht weil „clara-marie! wir klettern nicht auf den tisch!“ auch nach dem hundertsten mal nicht den gewünschten erfolg bringen kann. hier gilt es konsequent zu bleiben. der inflationäre einsatz von leckerli ist entscheidend. sollte clara-marie auch weiterhin nicht dem befehl nachkommen, hilft ein strenges „pfui“ um an ihren „will-to-please“ zu appellieren: hunde wie kinder wollen gefallen, warum sich das nicht zu nutze machen? wenn der hund das kind merkt, dass die eltern böse sind, wird es sein verhalten überdenken und versuchen zu ändern. eltern sollten dann bei der ersten verbesserung des verhaltens (clara-marie klettert erstmal nur auf den stuhl) kräftig loben und das verhalten mit der gabe eines leckerlis positiv verstärken. es ist die krux der modernen kindererziehung, dass eltern meinen, nicht böse auf ihre kinder sein zu dürfen und das vor allem auch zu zeigen – was für ein schwachsinn! woran soll sich bitte ein kind orientieren, wenn es zwar kognitiv weiß (und das auch nur hin und wieder), was ein tisch ist und dass niemand drauf sitzt, aber ansonsten in einem emotions-resonanzlosen raum aufwächst weil die eltern jedesmal mit engelsgeduld und säuselnden stimmchen „nein!“ hauchen? hier ein kräftig gebrülltes „nein“ gepaart mit schaum vor dem mund, gibt dem kind die nötige orientierung.

das problem mit der hierarchie ist meines erachtens nach das grundlegendste – da stimmt schon die gesamte haltung nicht. wer erzieht bitte seinen hund auf augenhöhe? das geht physisch schon gar nicht und so ist es auch bei kindern. wozu sonst sind kinder klein? damit klar ist: da oben die eltern, da unten das kind. in der hundeerziehung ist das nicht anderes – da wird einem schon beim welpentraining gesagt, dass man sich nicht mit hunden auf eine ebene begeben soll (zb. durch hinknien), weil hunde dann meinen sie seien jetzt der chef, weil ja auf augenhöhe mit dem chef. in der modernen kindererziehung beobachte ich genau dieses problem: allerorten wird vor schreienden kindern gekniet und auf sie eingeredet (ein no go wie wir jetzt wissen s. kommunikation) aber auch im übertragenen sinne begeben sich eltern ständig auf kinderebene. das nennt sich dann „teilhaben am kinderleben“ „teilhaben an der erfahrungswelt der kinder“ und sorgt dafür, dass kinder von frühester kindheit an keine privatheit mehr haben. das macht nichts in den ersten 6 jahren, also zumindest nicht so viel, aber spätestens ab dann wirds ein problem. ich glaube, das liegt daran, dass viele eltern kein eigenleben mehr haben und deswegen permanent im leben ihrer kinder mitmachen wollen. es führt aber dazu, dass die grenzen zwischen den individuen immer mehr verschwimmen und wenn ein kind erstmal meint, genauso viel rechte zu haben wie ein erwachsener, dann wirds schwierig mit dem erziehen. also schön wieder auf die beine kommen und von oben erziehen. das kind wächst sowieso irgendwann physisch auf augenhöhe und dann bekommt das thema abgrenzung nochmal einen ganz anderen drive. man sollte also als eltern schon recht früh mit der abgrenzung zu den kindern beginnen, dann tuts später nicht so weh, wenn der gap zwischen jugendkultur und dem eigenen altern unüberwindbar wird.

nach reiflicher überlegung muss ich sagen, dass ich diese herangehensweise an das thema erziehung aus sichtweise der hunderziehung gar nicht schlecht finde. es vereinfacht die völlig aus dem ruder gelaufene heutige kindererziehung enorm und gibt vorallem kindern wieder einen klaren rahmen in dem sie sich orientieren können. es muss aber klar sein, dass bereits im welpenalter alter von 1 jahr damit begonnen werden muss und dass es immer schwieriger wird alte hunde kinder zu erziehen. es muss auch eine anpassung der leckerli geben – einen 10 jährigen krieg ich unter umständen mit den üblichen lleckerlis nicht mehr gescheit konditioniert.

für alle eltern die neugierig geworden sind, empfehle ich den besuch einer hundeschule oder den ein oder anderen hundeerziehungsratgeber. oder schauen sie sich martin rütter videos an.

thats my wish.

so thats my wish for you and all of us and myself –
make new mistakes. make glorious mistakes. make mistakes nobodys ever made before. don‘t freeze, don‘t stop, don‘t worry that it isn‘t good enough or perfect.

whatever it is: art or love or family or work or life, whatever it is you‘re scared of doing, DO IT!

make your mistakes, next year and forever.