als ich vor ein paar wochen einen cut machte, meine arbeitsstelle, sogar meinen gesamten bisherigen berufszweig verliess um woanders völlig neu anzufangen, da dachte ich das wäre es jetzt erstmal mit meinem drang nach „mensch, geht da noch was?“
und muss feststellen: irgendwie wars das noch nicht. ich merke eine immer wiederkehrende unruhe, insbesondere in momenten der ruhe wie urlaub oder neulich quarantäne. es fühlt sich an wie eine offene stelle in mir, aus der heraus ständig rufe zu hören sind: und was jetzt? das passt noch nicht! das soll es jetzt sein? im untergrund geht es eigentlich um die frage was mir erfüllung schafft. ich bin damit aufgewachsen, dass erfüllung, sinnhaftigkeit, daseinsberechtigung gar durch arbeit und die damit verbundene leistung entsteht. eine ganz simple protestanisch-preußisch rechnung, mit der muttermilch aufgesaugt: der eigene wert entsteht durch leistung. ich hab grundsätzlich kein problem mit leistung – das problem entsteht für mich dadurch, dass ich irgendwie zu sehr meinen wert und vor allem sinnhaftigkeit mit leistung verknüpft habe. was dazu führt, dass ich viele dinge außerhalb eines arbeitskontextes gar nicht erst beginne, weil sie nicht sinnhaft genug erscheinen. ich kritzle gerne einfach vor mich hin? schön, aber mit welchem ziel? welchem sinn? achso! nur weils spaß macht? nun ja. bisschen wenig. ich sitz gerne einfach in einem sessel und lese? ja, schon cool, ist ja auch durchaus sinnhaft, aber ist es denn dann wenigstens ein fachbuch oder irgendwas Intellektuelles? äh nein, einfach ein roman. ach so ja ne, besonders sinnhaft ist das ja nicht.
bisher war mein leben stark geteilt: ich arbeite, damit beruhige ich diesen leistungsteil in mir und darf dafür dann vermeintlich sinnentleerte dinge tun. erklärt auch, warum dieses thema immer in ruhezeiten aupoppt, wenn ich durch urlaub oder krankheit nicht arbeite. eine zeitlang kann ich das aushalten, die zuvor geleistete arbeit trägt noch ein bisschen zur kompensation bei, doch dann kippt es und dann ist meistens auch gott sei dank der urlaub rum und ich kann wieder arbeiten und alles ins lot bringen.
seit beginn meiner beruflichen veränderungsreise letztes jahr im sommer aber gibt es immer öfters einen großen widerstand gegen dieses innere system in mir. es gab nicht umsonst jahrelang den gag von mir, dass ich irgendwann alles hinschmeisse und bei billa ans band gehe, nur noch arbeite um geld zu verdienen um dann machen zu können was ich will. geile vorstellung – nur leider funzt das nicht bei mir, denn ich kann die frage nach erfüllung außerhalb von arbeit als leistungssystem nicht beantworten. manche sagen kinder und familie, da muss ich leider passen, ich habe noch nie was davon gehalten, andere leute zur erfüllung meines lebenssinn heranzuziehen. manche sagen hobbies, auch feine sache, doch da habe ich ständig diese kollusion mit meinem leistungsgedanken.
und auch die sache mit dem hinschmeißen funktioniert nur leidlich: als ich im januar meine alte arbeitsstelle verliess und an eine hotelrezeption ging, hielt das gerade mal 2 wochen bis ich das angebot zur arbeit im management bekam. wo ich jetzt sitze und mich wieder frage: das war doch nicht was ich wollte? oder doch?
ich darf mal spinnen: wenn mich gleich eine fee fragen würde, was ich denn mal so richtig gerne machen wollen würde, würde ich sagen ich hätte gerne einen eigenen hund und würde gerne entweder züchten oder eine hundepesnion aufmachen, ein tierheim oder eine hundeschule. und ich schreibe das und muss schallend lachen – weil hej! wie super gesponnen ist das denn? und was für ein unerhörter gedanke…..
oder doch nicht? was hindert mich eigentlich daran, genau den einen weiteren schritt zu machen und zu sagen das mache ich jetzt? ich kündige, arbeite für den lebensunterhalt und versicherung irgendwo für 450€, mach ein paar sachen in meiner selbständigkeit um geld zu haben und den rest der zeit bau ich mir das auf. es wäre wirklich erfüllung, es wäre eine herzensangelegenheit, und wenn nicht – dann mach ich halt was anderes.
wie überwinde ich diese zweiteilung in mir – arbeit vs. erfüllung? wie überwinde ich die angst vor dem scheitern? die angst vor was überhaupt? je mehr ich in den gedanken eintauche umso sprachloser wird die angst – sie ist alles und irgendwie ist sie nichts. kaum greifbar, so non-verbal verankert, nur gefühl. und ja, es gibt menschen, die haben beides – herzlichen glückwunsch, die bilden wahrscheinlich 4% bevölkerung ab. der rest hat noch nicht mal die wahl sich diese frage zu stellen, hier gehts stark um privilegien, ich bin mir dessen sehr bewusst.
vielleicht ist der erste schritt anzunehmen, dass es das noch nicht ist, dass der weg weitergeht. zu spüren, dass es einen sehr ernsthaften anteil im spass gibt, der ernst genommen werden will – don´t give up on me, auch hier. vielleicht ist der zweite schritt, arbeit mal anders zu definieren, etwas loszulassen von einem leistungsanspruch und vor allem davon, dass arbeit meinen wert definiert.

