ausgespien

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Durch Zufall stieß ich gestern wieder auf ihn und ich mochte ihn, so dass ich ihn hier noch einmal poste (inklusive meiner charmanten Interpunktionsschwäche)

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Irgendwann auf ein weißes Blatt Papier ausgespien und nicht weggewischt um einzutrocknen an eben dieser Stelle, einen Fleck zu hinterlassen auf ewig; die sich nähernden und herangaloppierenden Buchstaben von allen Seiten, ringsum; oder ist es das Papier, welches sich immer weiter zusammen zieht und auf diese Weise alles heranrücken lässt, auch das, was eben noch im Außen war, vielleicht sogar an der Kante hing mit einem klammen Finger nur. Am Abgrund seit Jahren und jetzt nach oben geholt, ins Zentrum, in die Mitte, immer weiter heran? Die sich nähernden Buchstaben voller Blei und voller Wissen, Kunde des Geschehens vergangener und künftiger Tage. Das Vertrocknende saugt es an, nimmt es in sich auf, alles, was sich ihm nähert, verschlingt es, als wäre es selbst ein Krater, ein Loch und nicht das, was es ist: das Ausgespieene.

Stratifikation

Manchmal denke ich anlasslos an Matthias Schweighöfer wie er am Monbijou-Park entlangflaniert und sich freut als er von Fans erkannt und um Autogramme gebeten wird. Ein unerwartet sympathischer Zug.

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Apfelkerne keimen erst, wenn man sie vorher einer längeren Kältebehandlung (Stratiifikation) aussetzt.
Nachdem ich ausreichend lange stratifiziert wurde und der Schmerz wie nach dem Ablegen zu enger Schuhe endlich nachlässt, sprieße auch ich recht zuversichtlich (die Weltenlage ignorierend) ins Licht.


Das Töpfchen mit dem Apfelkern (der den Herbst und Winter in seinem Gehäuse in einem Kühlhaus verbracht hat) halte ich schön feucht.

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Eine Kollegin meldet sich auf unbestimmte Zeit ab. Sie war ein paar Tage im winterlichen Wald (wild campen) und befindet sich jetzt im Zustand der Traumaablösung, so schreibt sie.

Hoffentlich hat sie professionelle Unterstützung (und ist ausreichend stratifiziert).

Betonboje

Der Schöpfteil des Löffels heißt Laffe, die nichtdruckenden Innenflächen von Buchstaben (Ziffern und Sonderzeichen) nennt man in der Typographie Punze und unterscheidet zusätzlich zwischen offenen (u) und geschlossenen Punzen (wie z.B. in o oder in d), während der nichtdruckende Außenraum um den Buchstaben herum als Fleisch bezeichnet wird.

So ist fast jedem Ding ein Name zugeordnet und mit ihm seine Sichtbarkeit und Kommunizierbarkeit gewährleistet.

Interessanter ist das, was keinen Namen hat: die Tiefsee des Unbenannten und somit Unnennbaren.

(„Alte unnennbare Tage“)

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Um zur Ruhe zu kommen, tüftele ich ab und zu  an Haikus. 5-7-5.

Eine ruhige und konzentrierte Aufgabe, die ich mit okayem vulgo befriedigendem Ergebnis  abschließe und die mich zufrieden macht über den Moment hinaus.

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Im vergangenen Sommer habe ich (warum bloß) beim NaBu einige Naturbeobachtungen eingereicht, nachdem ich zuvor die entsprechende Pflanzengattung mithilfe einer App heraus gefunden hatte. Jetzt folgen meinen Einträgen Kommentare engagierter Naturbeobachter (Männer, ausnahmslos) die mir erklären wie falsch ich liege. Natürlich könnte ich antworten und meinen vorgeblichen Irrtum auf die App schieben, bevorzuge es aber die Naturfreunde durch Schweigen zum Schweigen zu bringen und werde künftig meine Blume-vor-Graffiti-Bildchen für mich behalten.

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Die beste Pizza meines Lebens aß ich zusammen mit meiner Schwester am 17. September 2023 auf dem Parkplatz des Katharinen-Krankenhauses. Zuvor hatten wir dort den Kanzler besucht, der mich erst nicht erkannte, dann aber doch und mich fragte, ob ich mit der Alpenbahn aus Murnau angereist sei. Dass ich in Berlin lebe erstaunte ihn.

Nach dem Krankenbesuch holten die Schwester und ich uns jene Wunderpizza, setzten uns damit neben mein Auto auf den von spätsommerlichen Gräsern überwucherten Parkplatz und aßen.
Nach Monaten der Astronautenkost war das die erste richtige Mahlzeit, die ich essen konnte und jeder Biss war Leben.

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In der Melchiorstraße steht eine Pylone mit schwerem Betonfuß, in ihrer Form einer Boje ähnlich.
Tatsächlich und erstaunlicherweise liefert das Internet jede Menge Einträge zu Betonboje, die augenblicklich zu meinem Lieblingsoxymoron avanciert.

Wenn ein Mann mit primatenhaftem Rollenverständnis sich auf seine alternde Brust trommelt und in seinem Selbsthass, seiner patriarchalischen Hybris und seiner Untergangsverzweiflung versucht, selbstbewusste und unabhängige Frauen abzuwerten und mit in den Abgrund zu reißen, fühle ich mich noch stärker und unbesiegbarer.
(Nein, es handelt sich nicht um Leandros).

Choices

Als meine Eltern in meinem Alter waren, hatten sie sich längst getrennt. Meine Mutter war nach Paderborn gezogen (Nebelparder) und mein Vater hatte sich mit der Nachbarin verbandelt, die nicht nur den gleichen Vornamen wie meine Mutter trug, sondern auch in dem Haus vis-à -vis lebte, in dem wir früher als Familie gewohnt hatten. (Zufall? Sicher nicht!, sagt die Ironiseuse in meinem Kopf).

Nachdem meine Eltern sich einige Jahre an einer Art Fernbeziehung versucht hatten, hatte der Kanzler schließlich zur 12 Jahre jüngeren Nachbarin gewechselt, die alles daran setzte, ihr Alter geheim zu halten und deswegen auf die Frage nach ihrem chinesischen Horoskop vorgeblich ahnungslos mit den Achseln zuckte, dabei aber offenbar vergaß, dass sie in grauer Vorzeit Patientin bei meinem Vater gewesen war und die damals angelegte Karteikarte sie verriet.

Die Hobbies der Kanzlerfreundin unterschieden sich nicht wesentlich von denen meiner Mutter: Kosmetik, Klamotten, Schmuck, Glam, Luxus. Sogar zur Shopping-Queen hatten die Kanzlerfreundin und ihre Tochter G.es in irgendeinem Privatfernsehen-Format gebracht und mein Vater tat alles, um seinen Teil zu ihrem Wohlbefinden beizutragen und belieferte sie mit Schmuck, einem Sportwagen und was sonst noch vonnöten war. Am Ende seines Lebens blieb ihm nichts, als sein unsaniertes, marodes, (lidschäftiges) Haus, das jetzt luxussaniert und stückweise verkauft bzw. vermietet wird.
Choices.


Mariä Lichtmess

Der endlose (cruele) Januar ist vorbei und seit Claude mir erklärt hat, wie ich ganz pragmatisch und ohne Dankbarkeits-und Achtsamkeitsfloskelei etwas Positivität in mein Leben bringen kann, bin ich tatsächlich (real rap) entspannter und mitunter sogar fröhlicher. Manchmal so sehr, dass ich vorgestern (als 8 Polizisten in meinem Späti standen und der Kioskbetreiber schuljungenhafte Grimassen dazu schnitt) Seitenstechen vor Lachen bekam.

Ansonsten sind meine Tage voller Erstaunen über das was in der Welt passiert und das was mir selbst widerfahren ist.
An Silvester ist mein Leben in eine gänzlich unerwartete Richtung gekippt. Mein Gefährte Leandros hat die Schlüssel auf den Tisch gelegt und ist nach 12 gemeinsamen Jahren ohne Erklärung aus meinem Leben verschwunden.

time within time

Zwanzig Jahre später würde ich die C. gerne fragen in wessen Wohnung ich übernachtet und wessen Kakteen ich dabei getötet hatte. Doch ich weiß nicht wo die C. lebt und ich erinnere nicht einmal mehr ihren Nachnamen. Nur ihr Gesicht habe ich noch vor Augen, ihre blonden Locken, die luftigen Sommerkleider iin A-Form und das leichte Lispeln, das ihre arglose Unbedarftheit (vielleicht nicht ganz unbeabsichtigt) unterstrich.

Und natürlich erinnere ich mich an den J., unseren Kommilitonen und ihren Geliebten, den sie nach Jahren der amour fou verlassen hatte, um zum Vater ihrer beiden Kinder zurückzukehren und daran wie gewissenhaft (und anhand von Kassenbons nachvollziehbar) er seinen Suizid in der Garage des mit der C. bewohnten Hauses vorbereitet und sie und die Kinder schließlich eingeladen hatte, ihn an jenem Nachmittag noch einmal zu besuchen, zum Abschied.
Dass sie seiner Aufforderung nicht gefolgt ist, hat den Dreien wahrscheinlich das Leben gerettet.

Für die letzten Prüfungen war ich nach Würzburg zurückgekehrt, für ein paar Tage nur, hatte mich in der fremden Wohnung einquartiert und, es war eisiger Winter, über Nacht die Terrassentür offen stehen gelassen (hatte ich keine Angst damals?) was zur Folge hatte, dass am nächsten Tag die großen Kakteen wie Gummi in ihren Töpfen hingen und sich nie mehr erholten.

Vor dem Zubettgehen hatte ich den Doppelzylinder der Wohnungstür 2-fach abgeschlossen und den Schlüssel im Schloss stecken llassen. Doch in der Nacht erwachte ich von Schließgeräuschen, stand auf und erreichte die Wohnungstür gerade noch rechtzeitig, um die Kette einzuhängen, als die Tür aufging, eine Hand sich durch den schmalen Spalt schob und eine Männerstimme Zutritt verlangte. Er sei der Nachbar des Wohnungsinhabers und müsse in dessen Auftrag die großen Opuntien gießen. Kakteen. Mitten in der Nacht.


Vor wenigen Tagen hole ich eine leider auf dem Transport erfrorene Sukkulente (Zwergpfeffer) vom Pickup-Store ab und als ich sie Zuhause neben die kleine Crassula stelle, um ihr vielleicht doch noch ein wenig Leben abzutrotzen, durch Wärme, Fürsorge und Geduld (vergebens), steigen diese lange schlummernden Bilder in mir auf und erst da erkenne ich die Gefahr, in der ich mich damals befunden habe.

side eye

Draußen stülpt ein schwerer Himmel sich wie Marshmallowmasse zwischen die Häuserreihen bis hinunter zu den untersten Stockwerken. Einen Abdruck nehmen vom Gebiss der Stadt.

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Die Dezemberdunkelheit kennt keine Vor- oder Nachmittage.
Morgen, Mittag und Abend müssen reichen.

9 Stunden und 11 Minuten trennen uns vom längsten Tag des Jahres.
Mitgefühl für die Bewohner (Bewohnenden) des Polarkreises

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Die kleine, erst im vergangenen Sommer als Steckling gezogene Feige erlebt den Frühling ihres jungen Lebens. Statt Blätter abzuwerfen treibt sie immer neue aus. Hellgrüne Fäustchen, die sich langsam zur Hand öffnen, der raren Wintersonne entgegen.