Mehr zu Niebla, und mehr

Zwei weitere Musikvideos von Adrien H. Tillmann zum Album Niebla von Gabriel Vicéns:


Vitor Gonçalves beweist in Guiza buchstäblich Fingerspitzengefühl. Seine an Morton Feldmans leise Klang-Stabiles (oder -Mobiles?) erinnernde Intro/Outro gibt eine Ahnung von der Komplexität der Tonbildung auf dem Klavier.
So viele verschiedene Arten, Tasten herunterzudrücken!
Und die Hände über den Tasten, die den aufsteigenden Klang zu beschützen oder zu modulieren scheinen – oder formen sie den Nachklang, bereiten Stille vor? Das Klavier als Theremin.
Die Minimalmelodie wird nach einer Minute vom Ensemble aufgenommen, das Tempo zieht an, und ungefähr ab der dritten Minute beginnt ein Bass-Solo von Rick Rosato, dem Gabriel Vicéns‘ Solo folgt, bewegt und entspannt zugleich. Dann Reprise des Ensemble-Teils und des reduktionistischen Tastenzaubers vom Beginn. Rarefiziertes Tönen … Verstummen. Ein Stück wie ein Traumgesicht, mit verschwimmenden Konturen. Edel.

Das spannungsvolle Stray Dogs hat seinen Titel nach einem Film von Tsai Ming-liang, einem Vertreter des Slow cinema, das Gabriel Vicéns bewundert. Es ist eines der Virtuosenstücke auf Niebla. Vicéns und Roman Filiú soloieren (gerade erfunden) abwechselnd, dann show time für den Pianisten, während der Perkussionist Victor Pablo, Bassist Rick Rosato und Schlagzeuger E. J. Strickland einen dichten, druckvollen Rhythmus darunter legen.

Niebla hat eben beide Seiten. Josef Woodard hat es in DownBeat treffend resümiert:
The album is an artful adventure of both the introspective and tastefully blowing kind.

Vermischte Meldungen

Die 400+ auf Entwurf gestellten Blog-Beiträge sind nun wieder online.

ocelot hat eine 20 Stunden-Stelle ausgeschrieben, siehe → hier.

Meine Insta-Buchempfehlung zu Dagmara Kraus‘ wille zur mache hat vierzig Likes bekommen, die von Hendryk zu Megan Nolans Kleine Schwächen 262. Da ich keine kompetitive Seite habe, ist das völlig in Ordnung. (Hendryk hat, glaube ich, auch keine kompetitive Seite.)

S. hat mich heute noch einmal an Laura Vazquez und ihren Roman Les Forces (2025) erinnert. Ich habe ihn daraufhin bei Zadig bestellt, zusammen mit ihrem Epos Le Livre du large et du long (2023).
À vrai dire, les deux livres que vous désirez commander, nous les avons en stock, schrieb mir Zadig zurück, und icke: Tant mieux !

Irgendwie bin ich in der Mailing-Liste des New Yorker Pianisten und Komponisten Phillip Golub. So erfuhr ich von einer kleinen USA-Tournee seiner Band Tropos, vor allem aber von deren CD Switches, die (wie so vieles andere) meiner Aufmerksamkeit entgangen war. Das Abgefahrendste, was ich in den letzten Monaten gehört habe.


Interessehalber habe ich nachgesehen, seit wann ich Mitglied der Büchergilde bin: seit dem 25. Oktober 2007. In ihrem gut kuratierten Programm ist zuletzt ein Roman von Ursula K. Le Guin erschienen, den ich mir vorgemerkt habe: Das Wort für Welt ist Wald (Ü: Karen Nölle).

Neue Sprachkunst von Charlotte Warsen

Dieser Beitrag ist sechs Jahre alt [vom 16. Februar 2020].

Die Arbeit verlief diesmal so: zwei Wochen lesen (immer in der S-Bahn) und ins Buch kritzeln, zwei Tage schreiben. Jetzt warte ich noch das Urteil meiner Testleserin ab, dann geht die Sache raus.

Ein Abschnitt aus meiner Kritik zu Plage, demnächst dann in ganzer Länge bei Fixpoetry:

Plage ist in einer undefiniert wabernden ‚Kugelzeit‘ (im Sinne Bernd Alois Zimmermanns) angesiedelt, in der jedes Sprachzeichen im gleichen Abstand zum gedachten Mittelpunkt steht, der aber eben nicht gedacht werden kann, so wenig wie „Gott“ gedacht werden kann (auch wenn Charlotte Warsen ihm am Schluss des Buchs einen wundervollen Auftritt verschafft). Mit dieser Feststellung selbst aber implodiert die ganze schöne Referenz-Sphäre, und es bleibt ein absolutes, planes Sprachkunstwerk übrig, ein „nur durch seine Bewegung bestimmter Gegenstand“. – Charlotte Warsen gibt nun gar keine Gelegenheit, den Weltverlust zu beklagen – und war die Welt nicht überhaupt schon immer verloren, wenn es zur Sprache ging? – weil auf der anderen Seite eine Sprachexplosion steht, die die metaphysische Leere vergessen macht. Mit unerschöpflicher Imagination erschafft Charlotte Warsen einen neuen, eigenen Kosmos, der auf dem Papier – und nur das interessiert uns – ebensoviel taugt wie der alte, und vermutlich auch verlässlicher ist.

Möglich, dass sich noch was ändert, aber das ist ja das Tolle am Bloggen, es muss nichts in Stein gemeißelt sein.

Und weil es jetzt doch sehr viel Text war, gestern und heute, hier zum Schluss gleich zwei Videos: eines von Billie Eilish, die mit ihrem Bruder einen sehr guten Titelsong zum jüngsten Filmabenteuer von James Bond geschrieben hat, und eines von Nilüfer Yanya – mit besten Wünschen für einen guten Start in die neue Woche.

Gabriel Vicéns Niebla

Big Orange Sheep heißt oder hieß – inzwischen: Audio Confidential – ein Aufnahmestudio in New York. Dorthin begab sich im Mai 2019 der aus Puerto Rico stammende, in New York lebende Gitarrist und Komponist Gabriel Vicéns (Jahrgang 1988), zusammen mit seiner Band, der, neben ihm selbst, Altsaxophonist Roman Filiú, Pianist Glenn Zaleski, Bassist Rick Rosato, Schlagzeuger E. J. Strickland und Perkussionist Victor Pablo angehörten.
Das bei dieser Aufnahmesession enstandende Album wurde am 15. Januar 2021 unter dem Titel The Way We Are Created auf Greg Osbys Inner Circle Music veröffentlicht.

Im Mai 2025 ging besagte Band abermals ins Studio, zu Sear Sound diesmal. Auf dem Klavierstuhl nahm jemand anders Platz, Vitor Gonçalves, sonst blieb das Sextett unverändert.

Jüngst nun, am 6. März 2026, wurde Niebla, zu deutsch: Nebel, veröffentlicht, Gabriel Vicéns‘ fünftes Album – zugleich Geburtsanzeige für sein im letzten Jahr gegründetes Plattenlabel Clepsydra Records, das mit Niebla an den Start geht. In bocca al lupo!

Der Poesiefreund freut sich, dass die Namensgebung – Clepsydra – auf ein Gedicht von John Ashbery zurückgeht.
Für die Musik entscheidend ist aber, was Gabriel Vicéns musical temporality nennt. Ich würde es probehalber mit Zeitorganisation übersetzen, oder mit Zeitstruktur. Wie kann die aussehen, wenn man eigene Pfade beschreiten will?

Time als solche (wo habe ich mein Jazzbuch hingetan?) ist für den Jazz gewiss elementar, Niebla bildet da keine Ausnahme.
timeen.wiktionary.org/wiki/time → 6.3.
Möglich, dass Gabriel Vicéns auch Karlheinz Stockhausen im Sinn hat, der sich in einem Aufsatz mit dem Titel … Wie die Zeit vergeht … (herunterkurbeln bis Variable und mehrdeutige Form, Prozesskomposition, Intuitive Musik (1954 bis 1970)) ähnlichen Fragestellungen gewidmet hat. Ich bin kein Musikologe, die Sache ist superkompliziert, daher nur so viel: Es könnte sein.
Wie auch immer, behalten wir im Hinterkopf: musical temporality.

Das gut einstündige Album ist sorgfältig komponiert: Drei je zweiminütige Gitarrensoli stehen am Anfang, in der Mitte und am Schluss und fassen sechs Ensemble-Stücke von jeweils einer Dauer von zwischen siebeneinhalb und epischen fünfzehn Minuten ein. In diesen größeren Strukturen öffnen sich ‚zeitlose‘ Zonen des radikal verlangsamten, reinen, demonstrativen, oder wie in einer Monstranz gezeigten, Klingens und Nachklingens – wie Löcher, die sich auftun, wenn man nicht genau hinhört, aber wirklich dann doch eher wie bei Hilde Domin: Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug (okay, ich werde das genaue Zitat nachsehen, hier jetzt aus dem Gedächtnis).

Ich schreibe sicher noch mehr über Niebla, doch jetzt erst einmal das Titelstück.


Märzenbecher

PS: Dein Werdegang als Insta-Bookfluencer wird beobachtet! (Zitat 1)

I am a faithfull drinker of coffee. (Zitat 2)

Ja, begeisterter Kaffeetrinker bin ich auch. Eine meiner ersten Amtshandlungen an den fünf Tagen, die ich im ocelot arbeite, ist es, entweder (Frühschicht) auf die Frage der, meist, Kollegin: Möchtest du was trinken? / Was möchtest du trinken? das immer Gleiche zu antworten, oder (Spätschicht) mir selber einen Cappu zu bereiten.

Cover: Jorghi Poll

Ah, eine neue Autorin, denkst du.
Ja nix da. Hat schon vier Romane veröffentlicht, vor dem, den du lesen willst.

Jana Dolenc ist frustriert von ihrer Arbeit in der Umweltbehörde. Die unzähligen Vergehen, die sie tagtäglich in die Datenbank klopft, führen ja doch zu nichts. Bis eines Tages die Kommissarin Nivia in der Lobby steht: Die Schwester des berüchtigten Unternehmers Mark Schulze, den die Behörde schon lange auf dem Zettel stehen hat, wurde ermordet, und Schulze ist verschwunden. Jana soll der Polizei bei den Ermittlungen helfen und arbeitet eng mit Nivia zusammen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der Jana tief in die dunklen Machenschaften der Fleischindustrie zieht und ihre Freundschaft zu Nivia auf die Probe stellt … (Verlagstext)

Es ist ein ungemein frischer Ton, den Elena Messner anschlägt. – Leseprobe → hier

Was ich Schneeglöckchen nenne, sind Märzenbecher.
Krokusse in rauhen Mengen.
Krähen staken, stöbern, stochern. Krahen.

Zwei Platt-Ausdrücke, die mir einfielen:
äges.
Et es ene toje Racker.
Racker verstehe ich in dem Zusammenhang als alte, theoretisch schon tot sein könnende Person, die aber offenkundig noch lebt.

Was steht an? Ein paar neue Platten erscheinen:
ELEPHANT von und mit Adam O’Farrill’s ELEPHANT Quartet (20. März 2026)
Slow Burn von Maya Keren (20. März 2026)
Honora von Flea (27. März 2026)
The Button Jar von Yvonne Rogers (8. Mai 2026)
– und Dutzende und Aberdutzende weitere, die ich nicht kaufe.
Ostern kommt.
Ostermontag habe ich Geburtstag.
Am 14. März ist Indiebookday und am 21. März der Welttag der Poesie. Dann präsentieren die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, das Lyrikkabinett, das Haus für Poesie und der Deutsche Bibliotheksverband wieder ihre Lyrik-Empfehlungen, und ich darf ein passendes Fenster gestalten.
Irgendwann auf dem Wege zu den Midterms haben vielleicht die USA und Israel ihren völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen (unter anderem) den Iran beendet. Oder es hat sich bis dahin ein Flächenbrand entwickelt. Wer wünscht sich was?
Die Doomsday Clock geht mal wieder nach.

le lin, le jute, le crin

Leinen, Jute, Rosshaar – drei der Materialien, mit denen die polnische Bildhauerin und Textilkünstlerin Magdalena Abakanowicz gearbeitet hat. S. erzählte davon, sie hatte eine Ausstellung mit ihren Werken besucht und hielt mir das Katalogbuch, La trame de l’existence, in die Kamera.

„Es sieht bloß noch aus wie eine Demokratie.“ – Der Niedergang der USA gehe schockierend schnell voran, sagt der Schriftsteller und Journalist George Packer. In Bibliotheken werde nur noch geflüstert, und eine neue Führungsfigur der Demokraten könnte zu spät kommen. (Interview: Charlotte Walser, Washington. Süddeutsche Zeitung, 30. September 2025. – Hinter Paywall.)

Dies war unter den Entwürfen, den wirklichen Entwürfen.

Noch ungefähr hundert Beiträge werde ich wiederveröffentlichen, dann ist das Konvolut der Blogtexte wieder vollständig.

Der Black History Month ist vorbei. Hier dennoch der Ankündigungstext einer gewesenen Radiosendung des Deutschlandfunks, der ebenfalls unter den Entwürfen abgelegt war:

Afrodiaspora
Musik, Macht und Erinnerung
Von Sophie Emilie Beha

Musikerinnen und Musiker mit afrikanischen Wurzeln bereichern die Festivalwelt. Was thematisieren sie in der Neuen Musik?

Schon sehr früh waren sie da: Komponistinnen und Komponisten der afrikanischen Diaspora. Musikerinnen und Musiker mit afrikanischen Wurzeln, die durch Migration, Versklavung oder andere Formen der Zerstreuung auf verschiedenen Teilen der Welt landeten. In Europa und Nordamerika machten sie sich mit der westlichen Musik vertraut und prägten diese auf ihre Weise: mit eigenen Traditionen, Erfahrungen, Klangsprachen. Doch in den Konzertprogrammen, im musikwissenschaftlichen Kanon und auf vielen Bühnen fehlen ihre Namen und Werke bis heute. Das ändert sich gerade: Musikerschaffende, Klangkörper und die musikalische Forschung beginnen, sich mit dem lang Ignorierten auseinander zu setzen – sie fördern Repertoire zu Tage und bringen neue Perspektiven ins Spiel, wie z.B. Satch Hoyt, Monthati Masebe, Elaine Mitchener und Harald Kisiedu.

Musik-Erschaffende. Da findet sich vielleicht eine bessere Formulierung. Wie auch immer: wichtiges Thema.

Eine meiner letzten musikalischen Erwerbungen war – als Vorbestellung – das Album The Button Jar von Yvonne Rogers, das am 8. Mai 2026 veröffentlicht wird. Ein Stück daraus, Mismatch, ist schon draußen.
Yvonne Rogers stammt aus dem Ort Penobscot, ziemlich abgelegene Stelle in Neuengland.
Growing up on the rural Maine coast, Yvonne began writing music that followed the meditative patterns and systems of nature before having any conventional understanding of theory or harmony. She carries this sense of creative abandon with her wherever she is in the world[.], heißt es auf ihrer Website.

Vielleicht wird sie mal zum Jazzfest Berlin eingeladen, dann gehe ich hin.


Bear with me

In einer manischen oder depressiven Anwandlung, aber lässt sich das immer so klar voneinander trennen, hatte ich vierhundert seit 2013 veröffentlichte Beiträge offline genommen. Jetzt mache ich auf gleichem Wege kehrt und stelle sie alle wieder online, was einige Wochen dauern wird, schätze ich. Diejenigen, die das Blog im Reader abonniert haben, stellen es am besten stumm oder klicken auf die drei vertikal angeordneten Punkte, die möglicherweise einen Namen haben, aber ich kenne ihn nicht, und wählen Alle als gelesen markieren, dann ist Ruhe.

S. hat mir Hélène Bessette empfohlen, von der ich vielleicht schon gehört hatte, als Christian Ruzicska und Susanne Schenzle ihren neuen Secession Verlag in meiner Buchhandlung in Kevelaer vorstellten. Die französische Wikipedia erzählt, dass Bessette vom Ethnologen Maurice Leenhardt entdeckt wurde, als sie für eine Zeitung in Neukaledonien schrieb, wohin sie ihrem Mann gefolgt war, einem Pastor, der die Insel christianisieren wollte, was ihm hoffentlich missglückt ist. Leenhardt erzählte Michel Leiris von ihr, und der sprach mit Raymond Queneau, der für den Verlag Gallimard arbeitete. Queneau setzte einen Vertrag über zehn Bücher auf. Bis 1973 erschienen, immer noch laut Wikipedia, dreizehn Romane von Hélène Bessette bei Gallimard, alle weitgehend unbeachtet, doch bewundert von unter anderen Marguerite Duras, Nathalie Sarraute, Simone de Beauvoir und Dominique Aury, der Verfasserin der Histoire d’O. Danach löste Gallimard den Verlagsvertrag auf, Hélène Bessette schrieb fortan für die Schublade und wurde fast vergessen, worüber sie den Verstand verlor. Erst einige Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2000 wurden ihre Bücher neu aufgelegt, aber in Deutschland sind sie, trotz des Engagements des Secession Verlags, noch nicht so recht angekommen.

Nathalie Sarraute … hatte mal ein halbes Dutzend Bücher von ihr, Folio-Taschenbuchausgaben, weiß nicht, wo die gelandet sind.


16.2. geträumt, antiqu. Buch von Nathalie Sarraute gekauft zu haben. Unter der steifen Kunststoff-Folie gut in Schuss (Leineneinband). Offenbar eine deutsche Ausgabe (Ki & Wi ?)

Hannah Reid von London Grammar singt ja schön, aber Selma Poole macht ebenfalls bella figura, bitte sehr (den Song hat Hannah Reid geschrieben) (Juror Jarle schlägt nicht blindlings auf den Buzzer, sondern wartet einen passenden Moment ab):

Svenja Leiber Nelka

Rundheraus empfehlen kann ich Nelka von Svenja Leiber.
Nelka ist die Geschichte einer ehemaligen Zwangsarbeiterin, die nach Jahrzehnten an den Ort ihres Leidens zurückkehrt. Die Gegenwartsebene bildet den Rahmen für eine große Rückblende, die das Schicksal von Arbeitssklavinnen am Beispiel Nelkas und ihrer Freundinnen Margaryta und Schura auf einem großen Hof in Norddeutschland in den Mittelpunkt stellt. Die Szenen ihres Miteinander-Leidens und Füreinander-Einstehens, ihre listige Komplizenschaft, die sich in kleinen Gesten und knapper Mimik mitteilt und auch flüchtige zarte Momente kennt – Svenja Leiber erzählt es packend; man wünschte sich mehr von dieser Magie. Den starken Frauenfiguren steht die Seite der Herrschaft gegenüber: der strenge Verwalter, keine Personifikation des schlechthin Bösen, doch ein schwacher Mensch, der sich zu Nelka hingezogen fühlt, der sich zwingt und quält, der seine Macht missbraucht und, vielleicht aus Furcht, nachgiebig zu erscheinen, mit harter Hand regiert; seine Gemahlin, kalt wie eine Hundeschnauze; auf Arbeiterseite der übergriffige, erpresserische Obermelker und, eine positive Figur, die Köchin, die aus Mitgefühl mit Nelka und deren Leidensgenossinnen, gelegentlich buchstäblich ein Auge zudrückt.
Nelka ist als Zwangsarbeiterin ihrem Los ausgeliefert. Sie trägt indes auch Züge einer guten ‚Hexe‘, die mit ihrer stolzen Haltung und ihrem geraden Charakter über eine Art Abwehrzauber verfügt. Es ist diese unverbrüchliche Stärke, die es ihr ermöglichen wird, ihrem einstigen Herrn und Peiniger noch einmal gegenüberzutreten, um ihn, endlich, ein für alle Mal vergessen zu können. (Die Konfrontation, nebenbei, fällt ganz defensiv aus und erschöpft sich beinahe darin, dass Nelka überhaupt im Haus des Verwalters auftaucht, und dass sie selbst es so entschieden hat.)
NB. Während des Lesens fühlte ich mich an Carson McCullers‘ Spiegelbild im goldnen Auge erinnert.

Svenja Leiber, Nelka. Roman. 200 Seiten, gebunden. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 24,00 Euro

Vorgestern, am 13. Februar 2026, erschien nicht nur die Filmmusik von Charli xcx zu ‚Wuthering Heights‘, sondern auch das Album the apple tree under the sea von hemlocke springs, bürgerlich Isimeme „Naomi“ Udu. Sie hätte es sicherlich bei einem Label unterbringen können, entschied sich aber zugunsten ihrer künstlerischen Freiheit zur Veröffentlichung auf eigene Faust. [16. Februar 2026: Die Platte war rasch ausverkauft.] Wegen der kurzen Spielzeit von nur etwas über einer halben Stunde poste ich the apple tree under the sea hier vollständig:


Anspieltipps: W-w-w-w-w, Moses, Sever the Blight, Sense (Is).

Wen’s interessiert: Der Musikkritiker Anthony Fantano hat vor zwei Monaten ein Video zu Taylor Swift und ihrem Schweigen zur Verwendung ihrer Musik durch die Administration des POTUS veröffentlicht („Talking about Taylor Swift not doing something“). Taylor Swift is a Coward, nennt Anthony Fantano sein → Video angriffslustig, in dem er sich darüber empört, dass Swift mit ihrer Untätigkeit hilft, die faschistische Agenda des Weißen Hauses zu verbreiten – Fantanos Worte.

esperluette n.f. (&)

Nach der Pause drehten die Gäste auf. Ein random-Satz aus der Radio-Sportberichterstattung.

„Boyd Halverson, einst gefeierter Journalist, hat nichts mehr zu verlieren. In einem Anfall von Verzweiflung raubt er eine Bank aus, nimmt die schlagfertige Angestellte Angie Bing als Geisel und beschließt, sich an dem Mann zu rächen, den er für seine Misere verantwortlich macht. Doch das gestohlene Geld ist kaum der Rede wert, und Angie entpuppt sich als unerwartet aufmüpfig. Für die beiden beginnt ein Roadtrip in die Untiefen einer von Scham und Betrug zerfressenen Nation – mit einigen gefährlichen Verfolgern auf den Fersen. Nur die Polizei scheint sich nicht für Boyd und Angie zu interessieren …“ (Text: Verlag)

America Fantastica heißt der Kriminalroman, den ich mir letzthin aus der Buchhandlung mitgenommen habe. It follows a disgraced journalist who is also a compulsive liar as he embarks on a crime spree across America in the midst of the COVID-19 pandemic, resümiert die Encyclopædia Britannica die Handlung freundlicherweise in einem Satz.
Compulsive musste ich nachgucken = zwanghaft. Wie die HTML-Entität für die ae-Ligatur heißt, ebenfalls. Gelobt sei w3schools! æ heißt das Zauberwort. – Macht œ, was ich glaube? cœur – Ja. (Der Genauigkeitsfimmel, den mir mein Jungfrau-Aszendent eingebrockt hat, verlangte, dass ich mich bei meiner einen kanadischen Nichte – es gibt zwei – erkundigte, ob das lig in der Entität für ligature oder für ligation steht. Für ligature. – Dieser Aspekt meiner Persönlichkeit ist wahrscheinlich mit zwanghaft gut beschrieben.)

Autor ist Tim O’Brien, ein Veteran – als Schriftsteller, und als Soldat in Vietnam.
Das Buch, das 2023 nach zwanzigjähriger Veröffentlichungspause erschienen ist, spielt im üblen Nordamerika der letzten Jahre und umfasst zwei ebenmäßig proportionierte Teile von je 250 Seiten Umfang. Der erste bietet, ich zitiere: Autos, Waffen, Überfälle, Spielcasinos, Geld, Filme, Hautpflege, Gott, Monopoly, Wohnmobile, Radiomoderatoren, Baseball und Lügner an öffentlichen Orten; der zweite: Autos, Waffen, Überfälle, Spielcasinos, Verschwörungen, Filme, Geld, Road Trips, Renovierung, Eisfischen, Fast Food, Rache, Wiederbegegnungen, Vogelbeobachtung, Gott, Ehe, Shoppen, Opioide und Lügner an öffentlichen Orten.

Da ich zur Spezies der Langsamleser zähle, werde ich eine Weile mit America Fantastica verbringen. So lang, wie’s dauert, dauert’s.

Eine Leseprobe vielleicht?
Hier die ersten fünf Kapitel, und der Anfang des sechsten → Leseprobe
Die – sehr gute – Übersetzung liest sich nicht wie eine Übersetzung und stammt von Gregor Hens.

Tim O’Brien, America Fantastica. 528 Seiten, broschiert. Aus dem Englischen (USA) von Gregor Hens. HarperCollins, Hamburg 2026. 14,00 Euro


Beim Lissaboner Label Clean Feed erschien bereits 2012 das Album Wires & Moss des Angelica Sanchez Quintet (Angelica Sanchez, p, Marc Ducret, g, Tony Malaby, ts & ss, Drew Gress, b, Tom Rainey, dr). Daraus hier ↑ das Stück Soaring Piasa, das sich langsam aus den Stimmen von Saxophon und Gitarre entwickelt. Schlagzeug, Klavier kommen hinzu, Viertel vor drei ist auch der Bass zur Stelle, dann erst wird das Thema vorgestellt.
Aufgenommen wurde das Ganze in den Systems Two Studios in Brooklyn, die leider in den Ruhestand gegangen sind.
Doch so hochkarätig und beglückend Wires & Moss ist – die Musik erscheint einigermaßen zahm (Einspruch Meinolf: Nein, nicht zahm. Was ist mit Loomed?), verglichen mit der freieren, wilderen auf HUAPANGO, einem an Farben und Rhythmen überreichen (hier ist Überreichtum mal was Gutes!) Trio-Album von Tony Malaby, Angelica Sanchez und Tom Rainey (RogueArt, Paris 2022). Wer’s anhört, fühlt sich als berauschter Gast in einer Zauberküche.
Es gibt ja den Spruch: Manche kommen aus dem Staunen nicht heraus, manche nicht hinein. (Glaube, eine Österreicherin hat das gesagt.*) Angelica Sanchez, Tony Malaby und Tom Rainey winken von der Staunen-Seite, und wer nur ein offenes Ohr hat, wird im Nu dorthin versetzt.

* Yup. Elfriede Gerstl, im Band mein papierener garten. gedichte und denkkrümel (Droschl Literaturverlag, Graz 2006. Als Einzelband vergriffen; enthalten in Band 3 der Werkausgabe: Haus und Haut): manche kommen aus dem staunen nicht heraus / manche nie hinein, zitiert nach dem Gerstl-Eintrag bei → planetlyrik. – Ebenfalls von Elfriede Gerstl eins meiner Lieblingszitate: Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen.

„There’s no leading, no following. We’re in the moment together. They even know when I’m going to take a breath — I can feel it.“ – Tony Malaby
„It sounds simple to say, but the three of us have real creative chemistry together. Chemistry is the difference between just a group of good musicians playing in a room and something magical happening.“ – Tom Rainey
„The longevity of it means something — there’s so much life and love in this group. As for the music, it’s about the joy of surprise. For some people, the unexpected can make them uncomfortable — for us, it’s inspiring.“ – Angelica Sanchez

DI Day

Morgen ist der zweite → Digital Independence Day. Ich werde ihn zum Anlass nehmen, zu Wero zu wechseln.

Vorab habe ich zwei themenverwandte Petitionen unterschrieben:
„Anerkennung von Open-Source-Arbeit als Ehrenamt in Deutschland“
„Big Tech zur Rechenschaft ziehen!“ (an die Europäische Kommission gerichtet)

Wie stets, ist die Frage, die sich hierbei stellt, nicht: Hilft es? Sondern: Ist es richtig?

Eine Darlegung dessen, was unser digitales Leben grundsätzlich für Mutter Erde bedeutet, hat Michael Klipphahn-Karge in Bildökologie geleistet (in der Reihe Digitale Bildkulturen im Verlag Klaus Wagenbach erschienen).

Herstellung und Verbreitung digitaler Bilder sind keine saubere Sache. Etwa hundert Rohstoffe sind nötig, um ein Smartphone zu produzieren. Der Abbau dieser Metalle, Mineralien und fossilen Energieträger führt zu massiven CO2-Emissionen und zerstört ganze Ökosysteme – ebenso wie die unsichtbare Infrastruktur aus Unterseekabeln und Serverfarmen. Anschaulich legt Michael Klipphahn-Karge die desaströsen ökologischen Folgen digitaler Bildökonomien frei: Was kostet es den Planeten, wenn er täglich fünf Milliarden Mal mit dem Smartphone fotografiert wird? (Text: Verlag)

Michael Klipphahn-Karge, Bildökologie. 80 Seiten, broschiert. Mit vielen Abbildungen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2025. 12,00 Euro

À propos Serverfarm


Dies knapp viertelstündige Zentralstück aus Server Farm anzuhören kostet Nerven und Kalorien, doch es lohnt sich – versprochen. Die All-Star-Band ist logischerweise erste Sahne (Jon Irabagon, Mazz Swift, Peter Evans, Miles Okazaki, Wendy Eisenberg, Matt Mitchell, Michael Formanek, Chris Lightcap, Dan Weiss, Levy Lorenzo), und das Album als Ganzes ebenfalls: die Kompromisslosigkeit, die Vision, die leidenschaftliche Darbietung, das alles ist ziemlich einmalig, vergleichbar vielleicht Archie Shepps Fire Music von 1965. Ein Knaller! Server Farm hat das Zeug, Epoche zu machen.

Ein aktuelles Beispiel für die sehende, blinde Zerstörung, die mit der Errichtung unserer schönen digitalen Welt einhergeht, ist das in der goldenen Wetterau geplante große Umspannwerk – auf bestem Ackerland, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung vermerkt; und weiter als bis zu dieser Überschrift kommt man wegen der Paywall nicht, doch immerhin gibt es, gratis, ein Symbolbild, mit der Legende: Flächenfresser: ein Umspannwerk. (Ein Vorhaben „von überragendem öffentlichen Interesse“ – das kennen wir doch irgendwoher. Richtig, von den herrlichen Autobahnen! … Auch ein großer Flächenfresser vor dem Herrn. Alle Verkehrsminister, jetzt und allezeit, können nicht genug davon kriegen.)

Abbildung aus der FAZ von der dpa

Energiewende – In der Wetterau wächst Protest gegen ein Umspannwerk. Von Gregor Lischka [07:21 Minuten] (Deutschlandfunk Kultur, 12. September 2025)

Empfehlenswert auch die Wissenswerte-Folge: Wie unser Umgang mit dem Boden unsere Lebensgrundlage bedroht, in der Anna Corves den Bodenökologen Matthias Rillig interviewt – zur Erinnerung daran, was wir verloren haben werden, für KI und Blockchain.

polin drum

New and notable ist das neue Buch von Dagmara Kraus, wille zur mache, daraus die Überschrift.
Wer überprüfen wollte, ob das betreffende Gedicht tatsächlich ein Palindrom ist, müsste es nachbauen. Es ist das erste von fünfen, die die Dichterin, erfrischend denotativ, zwei verben überschrieben hat. Die Verben sind: anstehen, und anliegen. Dagmara Kraus stellt allerhand damit an. Wär ich nicht jedem Überschwang abhold, ich würde sagen: zum Niederknien.

Die Autorin (und Übersetzerin, und Dozentin) stammt aus Wrocław (Breslau). Das Polnische scheint in wille zur mache immer mal wieder durch, am Ende von polin drum bloß in Lautung, nicht in Lexik, wenn von einem frysz ajnge-/darmten szej/-nen kejsäck rainer[.] die Rede ist. Auch das Französische, ebenso wie geradezu unwahrscheinliche, aber existente, Idiome wie das Hochschwarzwäldische und Balbuta, eine von Alhierd Bacharevič eigens für seinen Roman Europas Hunde erdachte Plansprache, haben das Krausische von wille zur mache geprägt. Außerdem verwendet Dagmara Kraus stellenweise Lautschrift – ob eine oder mehrere, kann ich nicht unterscheiden.
Käsekrainer hin oder her, als literarischer Genussmensch kommt man auf seine Kosten.

Gemäß der Verlagsangaben enthält das Buch „bunte Bilder“. Diese fallen unter drei Kategorien: Blueouts (4), Farbfotos (4), Comic-Panels (1).
Die Blueouts sind eine Variante der blackout poetry oder erasure poetry, für die mir eine offizielle deutsche Bezeichnung nicht bekannt ist. ‚Übermalungen‘ von Gedichten. Die Vorlagen stammen von Hannah Arendt. Mit einem runden Stempel hat die Dichterin Arendts Originalgedichte bearbeitet und zu Kraus-Gedicht-Bildern umgewandelt; sie erinnern oberflächlich an Rechenschieber. Die nicht überblauten Sprachzeichen hat Dagmara Kraus jeweils eckig umrahmt, auch in Blau, und vis-à-vis als eigenes neues Gedicht gesetzt.
Die Poesie von Bild und Sprache verhüllt nicht ihre Mache und soll es natürlich auch nicht. Dagmara Kraus sabotiert diese aber ebenso, bringt hier und da Retuschen an, macht aus einem ankre ein encre (französisch für „Tinte“) – aus einem Beharrenden ein Fließendes -, oder verändert die Wortreihenfolge, in Abweichung vom jeweiligen Stempelgedichtbild: Sie lässt fünf gerade sein. Ihre Denkweise ist eben die einer Dichterin. Und da könnte ich jetzt noch lang weitererzählen, und tu das vielleicht auch noch, an meinem nächsten freien Tag.

Dagmara Kraus, wille zur mache. Gedichte. 58 Seiten mit neun farbigen Abbildungen, broschiert. Engeler Verlage, Schupfart (CH) 2026. 14,00 Euro

hemlocke springs: Anthony Fantano von The Needle Drop stellte die Single neulich in seiner Rubrik New Music Friday vor. Super! – Die Bonbonfarben der Buchstaben erinnern mich an diese Zuckerketten, die es früher gab, und die man sich umhängen und nach und nach aufessen konnte. Hab ich nie gemacht. Ich bin ein süßer Zahn, aber es gibt Grenzen.

Am 27. März erscheint das neue Album von Flea, im bürgerlichen Leben Bassist der Red Hot Chili Peppers: Honora. Fleas Erstinstrument war die Trompete, die er hier, neben dem Bass, spielt. Vorab wurden zwei Singles veröffentlicht, die ich in der Reihenfolge poste, in der ich sie zuerst gehört habe.
Der grasig-knochenlose Gesang auf Traffic Lights kommt von Thom Yorke (Radiohead).


Flea — Electric Bass, Trumpet
Thom Yorke — Vocal, Piano, Synth
Deantoni Parks — Drums
Jeff Parker — Guitar
Nathaniel Walcott — Fender Rhodes
Mauro Refosco — Percussion
Josh Johnson — Alto Saxophone


Flea — Electric Bass, Vocals and Trumpet
Anna Butterss — Upright Bass, Vocals
Deantoni Parks — Drums, Vocals
Jeff Parker — Guitar, Vocals
Mauro Refosco — Percussion
Rickey Washington — Alto Flute
Vikram Devasthali — Trombone
Chris Warren — Vocals
Josh Johnson — Alto Saxophone, Vocals
Nathaniel Walcott — Vocals

Everyone just wants to be loved
See the god in everyone
Everyone leaves out no-one
And everything besides love is cowardice
You wanna be brave, you wanna be tough?
Peace and love is the toughest hardest thing you can do

Build a bridge that’s where the courage is

Shine your light Shine it true

Yeah

Das trifft nach den Morden an Renée Good und Alex Pretti härter.

Macht euch Licht.