Mit Science Spannung erzeugen

Science-Thriller bieten gleichzeitig Thrillerspannung und Wissenschaft. Um die Verbrechen aufzuklären oder zu verhindern, muss man die wissenschaftlichen Hintergründe kennen. Kathrin Lange und Susanne Thiele haben in »Toxin« Bakterien als Hintergrund gewählt, die durch das Auftauen des Permafrosts wieder ans Licht kommen. Sabine Weiß hat in »Die Chemie des Verbrechens« DNA-Test und deren Problematik gewählt.
DNA-Tests kennt doch jeder? Die »Tatort« Filme sind voll davon. Das soll spannend sein? Ist es, weil die Tests längst nicht so einfach sind, wie in Krimis dargestellt. Das ist die wichtigste Anforderung an Science-Thriller: Sie müssen dem Leser etwas Neues bieten, das er nicht kennt. Im Fall der DNA all die Möglichkeiten, mit denen DNA Kriminalbeamte und Leserinnen hinters Licht führen kann. Was halten Sie von folgendem Satz:

DNA enthält die Erbinformationen. Jeder Mensch hat eine spezifische DNA, die wie ein Fingerabdruck dazu dienen kann, ihn zu identifizieren.

Ich finde, mit solchen Sätzen verjagt man Leserinnen. Warum? Weil jeder Thrillerleser das weiß, wir ihn also mit kaltem Kaffee langweilen. Und weil es obendrein statisch ist, eine Lektion des Autors mit erhobenem Zeigefinger. Ein Infodump.
Wie hat Sabine Weiß das gelöst?

Der rote Brei glitschte unter der Plastikfolie. »Feste, du musst feste quetschen. Es dürfen keine Stücke übrig bleiben. Soll ich helfen?«
»Das kann ich schon!« Mit der ganzen Kraft einer Siebenjährigen stützte Jessy sich auf den Gefrierbeutel. Obgleich sie auf einem Hocker stand, reichte Mays alter Kittel, den sie über dem Schlafanzug trug, bis zum Boden; auch die Schutzbrille war zu groß und rutschte ihr immer wieder über die Nase. Aber Jessy liebte es, sich zu verkleiden. Und sie liebte es zu forschen.
Vermutlich, weil sie schon als Baby so oft mit im Labor war. Sie hat den Forscherdrang mit der Muttermilch eingesogen. Oder liegt es doch in den Genen? May lächelte schläfrig. Genau wie ihre Tochter hatte es sie wieder einmal nicht im Bett gehalten.

Wir erleben eine Siebenjährige sonntags früh beim Mantschen. May, vermutlich die Mutter, animiert sie dazu. Das ist ungewöhnlich. Die meisten Mütter und Väter schreiten ein, »mit Essen spielt man nicht« und befürchten, dass es eine Mordssauerei gibt.
Hier nicht. Ungewöhnliches verbunden mit Alltäglichem ist immer ein gutes Mittel, um Spannung und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Warum mantschen die beiden?

Obgleich Sonntag war, hatte es May stattdessen in das Zimmer gezogen, in dem sie ihr Büro eingerichtet hatte. Voller nervöser Hoffnung hatte sie ihr Diensthandy und ihre Geschäftsmails gecheckt. Noch immer keine neuen Anfragen. So langsam musste sie sich etwas einfallen lassen. Ihre finanziellen Rücklagen waren inzwischen mikroskopisch klein, und sogar in den Gesichtern ihrer Lieben las sie die Frage, ob sie nicht vielleicht doch einen Fehler gemacht hatte.
Fahles Licht fiel durch die hohen einfachverglasten Fenster der Altbauwohnung, deren Ritzen sie mit Handtuchrollen abgedichtet hatten. Die Heizung röhrte wie ein altersschwacher Oldtimer, während der Wind das letzte Laub von den Bäumen zerrte und es gegen die Scheiben klatschte. Trotzdem war es gemütlich, fand May
.

Die Autorin sagt es nicht. Stattdessen bringt sie etwas Neues ein. Die Mutter hat keine Rücklagen mehr. Kein Wunder, dass die Heizung röhrt wie ein altersschwacher Oldtimer. Hier wird die Situation durch eine Handlung verdeutlicht.

Im Schein der Küchenlampe hielt ihre Tochter inne und schob die Zunge nachdenklich in die Lücke, die ihre ausgefallenen Schneidezähne hinterlassen hatten. Mit den vom Schlaf zerzausten Haaren und den hellroten Spritzern auf dem Kittel sah sie aus wie die Schrumpfversion eines verrückten Professors. Dazu passte, dass um sie verstreut auf der Arbeitsplatte diverse Utensilien lagen.
»Warum müssen wir die leckeren Erdbeeren überhaupt kaputtmachen?«
Jessy pickte eine Frucht aus dem Schälchen und steckte sie sich in den Mund. Frisch gestärkt matschte sie weiter, ohne die Antwort abzuwarten
.

Es werden Erdbeeren zermanscht. Zwischendurch erfahren wir – wieder anschaulich –, wie die Tochter aussieht: Wie die Schrumpfversion eines verrückten Professors. Das Kind zermanscht zwar die Erdbeeren, aber will wissen, warum. Wir Leserinnen auch.

»Um die DNA freizusetzen. Beim Zerdrücken zerplatzen die Zellwände und lassen die Bauanleitung für alle Lebewesen frei, die Desoxyribonukleinsäure – wir sagen DNS oder DNA –, und die wolltest du doch sehen«, erklärte May. Sie war überzeugt davon, dass man Kinder nicht unterschätzen sollte.

Jetzt wissen wir es: Die Zellwände werden zerquetscht, um die DNA freizusetzen. Stolpern Sie hier? Ich auch. DNS sind Molküle, die kann man doch nicht durch Zerquetschen der Zellwände sichtbar machen? Sehr geschickt wurde ein Rätsel gelöst (Erdbeeren) und ein neues aufgemacht.

Jessy sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Was denn nun: S oder A?«
May lachte. Ihre Tochter hatte einmal wieder den Finger in die Wunde gelegt, denn tatsächlich war die Verwirrung über die abweichenden Bezeichnungen auch bei Erwachsenen groß. »Das A kommt aus der englischen Sprache und steht für ›Acid‹, also Säure. Weil es bei uns in Deutschland noch einen anderen Begriff gibt, der mit ›DNS‹ abgekürzt wird, hat man sich darauf geeinigt, auch bei uns DNA zu sagen.« Sie schnappte sich ebenfalls eine Erdbeere und biss hinein. Genüsslich schmeckte sie dem fruchtig-süßen Geschmack nach. Es dürfte das letzte Mal in diesem Jahr sein, dass sie frische Erdbeeren gekauft hatte – und das auch nur, weil der Klimawandel die Erntesaison ungewöhnlich verlängert hatte.
Sie legte einen Kaffeefilter auf einen Messbecher.

Wieder eine neue Frage: DNS oder DNA? Und wieder wird sie nicht einfach in Hörsaalmanie gelöst, sondern für ein Mädchen, das das nicht weiß. Keine rhetorische Frage. Gleichzeitig geht die Handlung weiter. Auch die Mama nascht und legt einen Kaffeefilter bereit. Kaffeefilter für DNA? Haben Sie das schon mal in einem Tatort erlebt? Ich nicht.

»Und wofür ist das Spüli?«, fragte ihre Tochter zum wiederholten Mal. Der Einsatz des Alltagsmittels bei einem wissenschaftlichen Experiment schien sie zu faszinieren, was May ihr nicht verdenken konnte.
»Das Spülmittel hilft, die Hüllen der Zellen zu öffnen, also die winzigen Bausteine im Körper des Menschen. Das Salz haben wir dazugetan, um die Proteine, also die Eiweiße, von den Zellen zu trennen«, kam May der nächsten Frage ihrer Tochter zuvor.

Jetzt wissen wir es. Spüli entfernt Proteine aus den Zellen. Wir haben jetzt Zellen ohne Zellwände und ohne Proteine.

Jessy spreizte ihre Hände, die von der Anstrengung rot waren. Sichtlich konzentriert dachte sie nach. »Könnten wir auch einen Finger zerquetschen und die DNA da rausholen?«
Die Tür knarrte. Eine entsetzte, tiefe Stimme drang zu ihnen: »Finger zerquetschen? Seid ihr sicher, dass das das richtige Thema für einen Sonntagmorgen ist? Was macht ihr da eigentlich?« Adrian schlappte in Shirt und Boxershorts herein und versuchte, sich gähnend zu recken, während Oscar auf seinem Arm herumzappelte.

Jessy kommt auf die naheliegende Idee, dass man dann ja auch Finger zerquetschen könnte, um die DNA herauszuholen. Das wird nicht beantwortet, weil der Vater hereinkommt. Jetzt haben wir die ganze Familie beieinander. Und wissen schon etliches über sie. Ohne langatmige Erklärungen, ohne Erläuterungen.
Und wir ahnen, worum es in dem Thriller gehen wird. Um DNA. Und zwar etwas genauer, als wir sie bisher kennen.
Weiter geht es mit der Familie und kleinen Konflikten:

[…] Adrian stutzte. »Sag nicht, dass das die Erdbeeren sind, aus denen wir einen Kuchen für meine Eltern backen wollten.« {…I

Erst dann wird das Rätsel am Ende des Kapitels gelöst.

In diesem Augenblick vibrierte Mays Diensthandy. Sie reichte Oscar ihrem Mann, ignorierte dessen hochgezogene Augenbrauen und wandte sich an ihre Tochter. »Finger zermatschen funktioniert nicht«, sagte sie, während sie zum Küchenschrank ging, wo sie ihr Smartphone abgelegt hatte. »Menschliche Zellen haben nur zwei Kopien der DNA, Erdbeeren haben acht – deshalb ist es leichter, sie mit bloßem Auge zu sehen. Du kannst die Erdbeerpampe schon mal durch den Filter gießen und den Rest mit einem Löffel kleindrücken.« Ein Blick aufs Display. »Es ist Werking. Da muss ich rangehen«, sagte sie entschuldigend zu ihrem Mann.

Aha, Erdbeeren haben mehr DNA, deshalb kann man die leichter sehen. Rätsel gelöst.
Aber schon klingelt das Telefon, Werking ruft an, und wir vermuten, dass jetzt ein neuer Konflikt sich meldet und der richtige Thriller losgeht. Und sicher mit einem Fall, in dem DNA eine Rolle spielt. Wer das wissen will, muss sich das Buch kaufen:
Weiß, Sabine. Die Chemie des Verbrechens – Die Fährte: Kriminalroman. DNA-Forensikerin und Strafverteidigerin May Barven ermittelt in einem Cold Case (DNA-Forensikerin May Barven ermittelt 1) . Lübbe. Kindle-Version.

Resümee: In Science-Thrillern ist Wissenschaft ein zusätzliches Spannungselement, ohne die die Geschichte nicht funktioniert.
Science sollte aber nicht als Sachthema abgehandelt werden, sondern mit der Handlung verwoben werden.

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Mit Science Spannung erzeugen

Die Akte Schneeweiß – was man von Felicitas Fuchs lernen kann

Felicitas Fuchs alias Clara Berling hat schon viele Romane geschrieben, die auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet sind. Eins davon ist »Die Akte Schneeweiß«. Das spielt in der Nazizeit und der des Wirtschaftswunders.
Anders als viele Krimis oder Thriller beginnt es nicht mit einem Knall. Sondern mit einer Beschreibung. Habe ich nicht immer vor Beschreibungen auf den ersten Seiten gewarnt?
Richtig.
Aber dieses Buch zeigt uns, wie man es macht, ohne den Leser durch Infodumps abzuschrecken.

Was für ein Haus! Katja konnte sich bei der Besichtigung des Bungalows an all den schönen Dingen gar nicht sattsehen.
»Ihr habt euch ja nagelneu eingerichtet! Und alles ist so schick und modern«, flüsterte ihre Mutter und strich mit der Hand nahezu liebevoll über das Polster eines zierlichen Sofas.
»Die Couch kann man ausklappen, falls mal Besuch übernachten will«, erklärte die Nachbarin Tante Uschi.

Ein ruhiger Beginn mit ausklappbarer Couch. Wer hat heute noch eine Klappcouch für Besucher? Nur wenige. Klappcouch war in den Sechzigern modern. Heute hat man Gästezimmer, wenn man wohlhabend ist und das ist hier sichtlich der Fall. Wir springen gleich damit in eine andere Zeit. Und es ist mit Handlung und Dialog verbunden, ganz wichtig.

Einen Fernseher mit Zimmerantenne gab es in diesem geräumigen Wohnzimmer, eine Musiktruhe und einen Tisch, den man mit einer Kurbel hoch- und runterdrehen konnte. Dann betraten sie eine Anbauküche mit himmelblauen Fronten. Selten hatte Katja ihre Mutter so staunend gesehen.
»Todschick«, sagte sie, »todschick. Und was das gekostet hat!«
Tante Uschi nickte. »Billig war das nicht. Aber wir mussten ja kein Grundstück kaufen, der Garten meiner Eltern war groß genug für ein zweites Haus. Aber du hast recht, das läppert sich.«

Weiter geht es mit Ungewohntem. Fernseher mit Zimmerantenne, Musiktruhe, Tisch, den man hoch- und runterkubeln kann. Nur die Älteren der Leser können sich an soche Wohnungen erinnern.
Dazu erfahren wir was über die Personen. Geld ist ganz wichtig, wer sich viel leisten kann wie Tante Uschi, der wird bewundert. Und beneidet, wie von Katjas Mutter. „Todschick“ ist übrigens ein typisches Wort aus dieser Zeit, heute würde man „Cool“ sagen.
Ach ja was wissen wir hier bereits über Katja? Sie ist jung, vermutlich ein Teenager. Sie kann sich an den Farben nicht sattsehen. Aber anders als ihre Mutter scheint sie die Nachbarn nicht wegen des Wohlstands zu beneiden.
Eine einfache Szene und wir wissen schon eine ganze Menge über die Personen, aber auch über die Zeit.

Die Nachbarin zwinkerte ihr zu. »Sogar mein Mann war gleich begeistert, ich musste ihn nicht lange … überzeugen … wenn du verstehst, was ich meine.« Dabei grinste sie mit verschwörerischem Blick.

Hier wird nicht gesagt, was gemeint ist. Aber die Mutter und die Leser wissen sofort, was zwischen den Zeilen steht. Frauen nutzen Sex zur Überzeugung der Männer. Ob sie selbst Spaß haben, ist uninteressant. Und die Dinge werden nicht in Diskussionen geklärt, sondern der Mann bestimmt. Den müssen die Frauen verführen, damit sie bekommen, was sie wollen.
Natürlich redet man nicht offen darüber. Das wird im weiteren Roman noch eine wichtige Rolle spielen. All das, worüber in dieser Zeit nicht geredet wurde.
Auch hier: Wir erfahren es aus einem kurzen Dialogsatz. Nicht die Autorin erklärt es dem Leser. Sondern ein typischer Satz dieser Zeit lässt den Leser das erschließen.

Katja hätte am liebsten eine Grimasse geschnitten. Dachten die Frauen, sie wüsste nicht, womit Männer sich am liebsten überzeugen ließen? Im März war sie vierzehn geworden, sie war doch nicht doof – und sie konnte lesen. Jeden Mittwoch ging sie in die Bücherei, um sich Lesefutter zu besorgen. Als sie neulich Das ärztliche Hausbuch zur Ausleihe auf den Tisch gelegt hatte, hatte Herr Frings sie über den Rand seiner Brille hinweg streng angesehen.
»Hör mal, das ist aber noch nichts für dich, mein Frollein!« Sie hatte behauptet, das Buch sei für die Mutter, die müsse etwas nachschlagen. Das stimmte nicht. Mutti hatte ihr Exemplar versteckt, weil sie, genau wie Herr Frings, der Meinung war, »so was« habe ein Mädchen nicht zu interessieren.
Fuchs, Felicitas. Die Akte Schneeweiß: Roman, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Kindle-Version.

Aha, Katja ist vierzehn. Aber sie weiß schon einiges. An den Klapperstorch glaubt sie nicht mehr. Hier kündigt sich an, was in den nächsten Jahren passieren wird. Sex wird nach und nach öffentlich werden, die Menschen dürfen darüber reden. Und Katja ist niemand, der sich durch »Darüber redet man nicht« und »Anständige Mädchen interessiert das nicht« abschrecken lässt. Der Bibliothekar ist noch alte Schule, aber Katja setzt sich durch. Sie lässt sich nicht so leicht durch Regeln gängeln. Auch das bereitet uns auf das Thema des Buches vor. Was alles unter den Tisch gekehrt wird und dass sich Katja darauf nicht einlassen wird.
Wir kennen aus der ersten Seite bereits die Zeit, erfahren, was »MAN« sagen kann und was nicht. Wer Katjas Mutter ist und dass Katja sicher bald das Schweigen durchbrechen wird.

Resumee

Verbinden Sie Beschreibungen mit Handlung und Dialog. Und beschreiben Sie nichts Beliebiges, sondern das, was Besondere, dass den Leser in Szene und Umfeld versetzt.

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Die Akte Schneeweiß – was man von Felicitas Fuchs lernen kann

Stimmen im Kopf

Viele Liebesromane gibt es – aber keine Depressionsromane. Viele Autobiografien über Depressionen gibt es. Aber kaum Romane darüber. Deshalb habe ich einen geschrieben.

Daniel hat alles verloren: seine Familie, seine Sicherheit, sein Zuhause.
Dafür hat er jetzt eine Schwarze Dame im Kopf, die ihm unaufhörlich zuflüstert:
„Du bist schuld. Dein Vater wurde deinetwegen zum Alkoholiker. Deine Mutter hat im Strip-Lokal gearbeitet, um eure Schulden zu zahlen, und ist verschwunden, als das ans Licht kam. Alle hassen dich. Du wirst nie Freunde finden oder eine Freundin haben.“
Daniel glaubt ihr. Nur wenn er sich Geschichten erzählt oder singt, verliert die Schwarze Dame für einen Moment die Macht. Und eines Tages reicht genau das aus, dass er aufbricht auf, um seine Mutter zu suchen.

Ich freue mich, Euch meinen neuen Roman vorstellen zu dürfen. Ein Roman über Depressionen – und die Lügen, die sie dir erzählen.

Stimmen im Kopf – ein Depressionsroman | Hans Peter Roentgen
ISBN 978-3-8192-1002-0 | 248 Seiten | BoD
Preis: Print 14,00 € | E-Book 5,90 €

Leseprobe

Lesung:
29.6.2025, 17 Uhr
Waschbar Potsdam, Geschw. Schollstr. 82

Stimmen im Kopf

Mit Kalle Blomquist ermitteln

Astrid Lindgren hat Generationen von Kindern auf der ganzen Welt mit ihren Büchern glücklich gemacht. Und Erwachsene, die sie ihren Kindern vorgelesen haben. Was zieht die Leser so in ihre Werke hinein? Schauen wir uns mal „Kalle Blomquist“ an.
Blut! Daran gab’s keinen Zweifel! Er starrte durch das Vergrößerungsglas auf den roten Fleck. Dann schob er die Pfeife in den anderen Mundwinkel und seufzte.
(Astrid Lindgren: Kalle Blomquist 1. Meisterdetektiv, Übersetzerin: Cäcilie Heinig, Verlag Friedrich Oetinger)
So beginnt Astrid Lindgren ihr Buch. Das wirkt wie ein üblicher Anfang eines Krimis. 08/15. Doch Lindgren fährt fort:
Natürlich war es Blut. Was sollte denn auch sonst kommen, wenn man sich in den Daumen geschnitten hatte? Dieser Fleck da hätte der endgültige Beweis dafür sein sollen, dass Sir Henry seine Frau durch den abscheulichsten Mord beiseite gebracht hatte, den ein Detektiv jemals aufklären musste. Aber leider – es war anders!
Das Messer war ausgerutscht, als er seinen Bleistift anspitzen wollte – das war die traurige Wahrheit. Und das war wahrhaftig nicht Sir Henrys Schuld.

Wie viele erfolgreiche Autorinnen arbeitet sie hier mit Widersprüchen. Nein, kein Mordfall, sondern ein Unglück beim Bleistiftspitzen. So führt sie ihren Helden Kalle Blomquist ein. Ein Junge, der gerne abscheulichste Morde aufklären möchte. Das ist sein größter Wunsch, das ist sein Motiv im Buch. Aber er weiß, dass das Träume sind, er ist selbstkritisch und hat Humor.
Vor allen Dingen deswegen, weil Sir Henry, das Rindvieh, nicht einmal existierte. Traurig – das war es! Warum hatten so viele Menschen das Glück, in den Slumbezirken Londons oder in den Verbrechervierteln von Chicago geboren zu werden, wo Mord und Schießerei zur Tagesordnung gehörten? Während er selbst … Er hob seinen Blick widerwillig von dem Blutfleck und schaute aus dem Fenster. Die Hauptstraße lag im tiefsten Frieden und träumte in der Sommersonne. Die Kastanien blühten. Es war kein lebendes Wesen zu sehen außer der grauen Katze vom Bäcker, die auf der Bordsteinkante saß und sich die Pfoten leckte. Nicht einmal das allergeübteste Detektivauge konnte etwas entdecken, was darauf hindeutete, dass ein Verbrechen begangen worden war. Es war wirklich ein hoffnungsloses Unternehmen, in dieser Stadt Detektiv zu sein!
Hier wird der Konflikt eingeführt. Welcher Junge (und welches Mädchen) hat nicht davon geträumt, Detektiv zu spielen? Nur leider ist Kalles Heimatstadt absolut friedlich. Nichts, was ein Detektiv aufklären müsste. Selbst die Katze kann sich ruhig und ungestört an der Bordsteinkante die Pfoten lecken, ohne in Gefahr zu geraten.
Ach ja, Lindgren schreibt nicht: „Auf der Bordsteinkante saß eine Katze.“ Sondern sie beschreibt, dass diese sich die Pfoten leckte; mit dieser kleinen Handlung erlebt der Leser die friedliche Situation. Ein Beispiel, wie Autorinnen den Leser statt mit Beschreibungen durch Handlung die Situation erleben lassen. Und es geht nicht um irgendeine Katze, sondern um die graue Katze des Bäckers.
Je genauer Sie eine Person oder ein Tier benennen, umso wirkungsvoller ist es. Der Leser erhält so Bilder, um im Kopf einen Film ablaufen zu lassen.
Kalle will, dass etwas passiert. Dieser Konflikt zieht sich durch das Buch und wird schließlich gelöst – denn im Laufe des Romans passiert etwas, und Kalle ist am Schluss ein erfolgreicher Detektiv. Sein Wunsch wird erfüllt. Und er greift zu, wenn er die Gelegenheit erhält, und klärt auf.
Kinder- und Jugendbücher sind nicht nebensächlich, wie viele meinen. Ganz im Gegenteil, sie verlangen den Autoren eine Menge ab, manchmal mehr als Bücher für Erwachsene. Denn wenn die Autorin patzt, dann legen sie das Buch sofort weg.
Resümee
Was ist das Motiv, was ist der größte Wunsch der Heldin oder des Helden? Was ist das Hindernis auf dem Weg dorthin?
Das müssen Sie nicht ausführlich erklären, schreiben Sie eine kurze Szene, die das erzählt!

Schreiben Sie mir, wenn Sie in Ihren Texten nicht weiter wissen: hpr@hproentgen

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Mit Kalle Blomquist ermitteln

Von Harry Potter lernen heißt schreiben lernen

In Deutschland glauben viele, dass Bestseller keine literarische Qualität haben.
Doch sie werden von vielen gelesen.

Warum eigentlich? Weil die Autorinnen wissen, wie man Leser fesselt, quält und nicht mehr freilässt, bevor sie am Ende angekommen sind.

Schauen wir uns mal an, wie solche Bestseller anfangen. Heute am Beispiel „Harry Potter“.

Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
(
Rowling, J. K., Harry Potter und der Stein der Weisen, Carlsen Verlag,
Übersetzer: Klaus Fritz )

Ein Ehepaar, das ganz und gar normal sein will? Sich nie in merkwürdige Geschichten verstrickt? Und das soll Leser packen, die doch immer das Außergewöhnliche suchen? Jede Geschichte soll mit etwas Ungewöhnlichem beginnen. Also ein langweiliger Anfang?

Liebe Leserinnen und Leser, glauben Sie nach zwei solchen Sätzen, dass das Ehepaar Dursley völlig normal ist? Ich habe es nicht geglaubt. Das ist der erste Trick, mit dem Rowling die Leser fängt. Es wird etwas behauptet, und gleichzeitig steht zwischen den Zeilen, dass es in Wirklichkeit ganz anders ist. Und so fährt die Autorin fort:

Mr Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte. Er war groß und bullig und hatte fast keinen Hals, dafür aber einen sehr großen Schnurrbart. Mrs Dursley war dünn und blond und besaß doppelt so viel Hals, wie notwendig gewesen wäre, was allerdings sehr nützlich war, denn so konnte sie den Hals über den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn hinüberspähen.

Eine kurze Beschreibung der Dursleys. Doch wissen Sie jetzt, welche Kleidung sie tragen?
Mitnichten. Sie erfahren, dass er „bullig“ ist und fast keinen Hals hat. Wirkt das sympathisch? Eher nicht. Weckt aber Assoziationen, an einen Bullen, der sich seinen Weg bahnt, ohne nach links und rechts zu schauen, ohne Mitgefühl und ohne Einfühlung. Und auch von seiner Ehefrau erfahren wir nur, dass sie einen langen Hals hat, mit dem sie die Nachbarn ausspäht.
Jede dieser Beschreibungen erfüllt einen Zweck und weckt Assoziationen. Das ist nicht einfach so dahingeschrieben, weil die Autorin glaubte, sie müsse am Anfang ihre Personen genau und in allen Einzelheiten dem Leser vor Augen führen. Und gerade dadurch, durch ein, zwei Details, weckt sie Bilder in den Leserinnen. Nicht nur bezüglich des Aussehens, sondern auch bezüglich des Charakters.

Noch etwas steht in diesen ersten Sätzen. Nämlich Humor. Mit Humor packt man Leser und verspricht ihnen einen unterhaltsamen Text.

Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley, und in ihren Augen gab es nirgendwo einen prächtigeren Jungen.

Wieder die gleiche Doppeldeutigkeit. Beschrieben wird, was die Dursleys glauben. Und das wirkt hier gegensätzlich. Wir vermuten, dass der Sohn gar nicht so prächtig sein dürfte. Die Autorin weckt durch ihre übertriebenen Aussagen in den Leserinnen den Widerspruch und macht neugierig darauf, was wirklich wahr sein mag.

Die Dursleys besaßen alles, was sie wollten, doch sie hatten auch ein Geheimnis, und dass es jemand aufdecken könnte, war ihre größte Sorge. Einfach unerträglich wäre es, wenn die Sache mit den Potters herauskommen würde. Mrs Potter war die Schwester von Mrs Dursley; doch die beiden hatten sich schon seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. Mrs Dursley behauptete sogar, dass sie gar keine Schwester hätte, denn diese und deren Nichtsnutz von einem Mann waren so undursleyhaft, wie man es sich nur denken konnte. Die Dursleys schauderten beim Gedanken daran, was die Nachbarn sagen würden, sollten die Potters eines Tages in ihrer Straße aufkreuzen. Die Dursleys wussten, dass auch die Potters einen kleinen Sohn hatten, doch den hatten sie nie gesehen. Auch dieser Junge war ein guter Grund, sich von den Potters fernzuhalten; mit einem solchen Kind sollte ihr Dudley nicht in Berührung kommen.

Und schon sind wir in einem Konflikt: Die Dursleys fürchten etwas. Nämlich die Potters. Und die könnten ihren Ruf in der ganzen Nachbarschaft ruinieren. Was hat es damit auf sich? Wer es wissen will, muss weiterlesen.

Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein.
Mr Dursley war Direktor der Bohrmaschinenfirma Grunnings. Er war groß und dick und hatte keinen Hals, dafür aber einen sehr großen, roten Schnurrbart. Mrs Dursley war dünn und blond, besaß einen langen Hals und spähte immerzu ihre Nachbarn aus.
Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und nirgendwo gab es einen besseren Jungen.
Die Dursleys besaßen alles, was sie wollten, doch sie hatten ein Geheimnis. Wenn die Sache mit Mrs Potter, der Schwester von Mrs Dursley, bekannt werden würde, würden die Nachbarn sie nicht mehr grüßen. Deshalb behauptete Mrs Dursley, dass sie gar keine Schwester hätte.

Hat dieser Text die gleiche Wirkung wie das Original?
Nein!
Und warum nicht?

Weil die Doppeldeutigkeit verloren geht. In diesem Text spricht ein Autor mit seiner Autorenstimme zu den Leserinnen. Er sagt: „So ist es!“ und lässt keine Fragen offen. Im Original erleben wir die Überzeugungen der Dursleys, wie es mit ihrem Leben aussieht. Und wir erhalten Hinweise, dass es ganz anders sein könnte. Das eine ist ein ausgefülltes Kreuzworträtsel, wo es nichts mehr zu raten gibt. Das andere lässt einiges offen.

Auch das Folgende wäre nicht besser:

Die Dursleys lebten im Ligusterweg 4 und schauten darauf, dass immer alles normal ablief und keiner aus der Reihe tanzte. Mr Dursley war ein bulliger Mann ohne Hals, leitete eine Bohrmaschinenfirma und war berüchtigt dafür, seine Angestellten bei der kleinsten Abweichung von der Büroroutine zusammenzustauchen. Mrs Dudley hatte einen doppelt so langen Hals wie andere, mit dem sie in die Gärten der Nachbarn spähte und über jede Abweichung vom Gewohnten heftig schimpfte.

Übung

Nehmen Sie ihren „Harry Potter und der Stein der Weisen“ zur Hand, oder klicken Sie die Leseprobe bei Amazon oder anderen Online-Verkäufern an.
Lesen Sie die ersten Seiten.
Schreiben Sie auf, welche weiteren Tricks die Verfasserin nutzt, um die Leser zu fesseln.
Markieren Sie die doppeldeutigen Stellen.
Markieren Sie alle Stellen mit Humor mit einem andersfarbigen Stift. Wodurch unterscheiden sich diese?

Resumee

Bleiben Sie in Ihren Texten in der Erzählstimme und wechseln Sie nicht in Ihre Autorenstimme.

***

Schreiben Sie mir, wenn Sie in Ihren Texten nicht weiter wissen: hpr@hproentgen

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Von Harry Potter lernen heißt schreiben lernen