Science-Thriller bieten gleichzeitig Thrillerspannung und Wissenschaft. Um die Verbrechen aufzuklären oder zu verhindern, muss man die wissenschaftlichen Hintergründe kennen. Kathrin Lange und Susanne Thiele haben in »Toxin« Bakterien als Hintergrund gewählt, die durch das Auftauen des Permafrosts wieder ans Licht kommen. Sabine Weiß hat in »Die Chemie des Verbrechens« DNA-Test und deren Problematik gewählt.
DNA-Tests kennt doch jeder? Die »Tatort« Filme sind voll davon. Das soll spannend sein? Ist es, weil die Tests längst nicht so einfach sind, wie in Krimis dargestellt. Das ist die wichtigste Anforderung an Science-Thriller: Sie müssen dem Leser etwas Neues bieten, das er nicht kennt. Im Fall der DNA all die Möglichkeiten, mit denen DNA Kriminalbeamte und Leserinnen hinters Licht führen kann. Was halten Sie von folgendem Satz:
DNA enthält die Erbinformationen. Jeder Mensch hat eine spezifische DNA, die wie ein Fingerabdruck dazu dienen kann, ihn zu identifizieren.
Ich finde, mit solchen Sätzen verjagt man Leserinnen. Warum? Weil jeder Thrillerleser das weiß, wir ihn also mit kaltem Kaffee langweilen. Und weil es obendrein statisch ist, eine Lektion des Autors mit erhobenem Zeigefinger. Ein Infodump.
Wie hat Sabine Weiß das gelöst?
Der rote Brei glitschte unter der Plastikfolie. »Feste, du musst feste quetschen. Es dürfen keine Stücke übrig bleiben. Soll ich helfen?«
»Das kann ich schon!« Mit der ganzen Kraft einer Siebenjährigen stützte Jessy sich auf den Gefrierbeutel. Obgleich sie auf einem Hocker stand, reichte Mays alter Kittel, den sie über dem Schlafanzug trug, bis zum Boden; auch die Schutzbrille war zu groß und rutschte ihr immer wieder über die Nase. Aber Jessy liebte es, sich zu verkleiden. Und sie liebte es zu forschen.
Vermutlich, weil sie schon als Baby so oft mit im Labor war. Sie hat den Forscherdrang mit der Muttermilch eingesogen. Oder liegt es doch in den Genen? May lächelte schläfrig. Genau wie ihre Tochter hatte es sie wieder einmal nicht im Bett gehalten.
Wir erleben eine Siebenjährige sonntags früh beim Mantschen. May, vermutlich die Mutter, animiert sie dazu. Das ist ungewöhnlich. Die meisten Mütter und Väter schreiten ein, »mit Essen spielt man nicht« und befürchten, dass es eine Mordssauerei gibt.
Hier nicht. Ungewöhnliches verbunden mit Alltäglichem ist immer ein gutes Mittel, um Spannung und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Warum mantschen die beiden?
Obgleich Sonntag war, hatte es May stattdessen in das Zimmer gezogen, in dem sie ihr Büro eingerichtet hatte. Voller nervöser Hoffnung hatte sie ihr Diensthandy und ihre Geschäftsmails gecheckt. Noch immer keine neuen Anfragen. So langsam musste sie sich etwas einfallen lassen. Ihre finanziellen Rücklagen waren inzwischen mikroskopisch klein, und sogar in den Gesichtern ihrer Lieben las sie die Frage, ob sie nicht vielleicht doch einen Fehler gemacht hatte.
Fahles Licht fiel durch die hohen einfachverglasten Fenster der Altbauwohnung, deren Ritzen sie mit Handtuchrollen abgedichtet hatten. Die Heizung röhrte wie ein altersschwacher Oldtimer, während der Wind das letzte Laub von den Bäumen zerrte und es gegen die Scheiben klatschte. Trotzdem war es gemütlich, fand May.
Die Autorin sagt es nicht. Stattdessen bringt sie etwas Neues ein. Die Mutter hat keine Rücklagen mehr. Kein Wunder, dass die Heizung röhrt wie ein altersschwacher Oldtimer. Hier wird die Situation durch eine Handlung verdeutlicht.
Im Schein der Küchenlampe hielt ihre Tochter inne und schob die Zunge nachdenklich in die Lücke, die ihre ausgefallenen Schneidezähne hinterlassen hatten. Mit den vom Schlaf zerzausten Haaren und den hellroten Spritzern auf dem Kittel sah sie aus wie die Schrumpfversion eines verrückten Professors. Dazu passte, dass um sie verstreut auf der Arbeitsplatte diverse Utensilien lagen.
»Warum müssen wir die leckeren Erdbeeren überhaupt kaputtmachen?«
Jessy pickte eine Frucht aus dem Schälchen und steckte sie sich in den Mund. Frisch gestärkt matschte sie weiter, ohne die Antwort abzuwarten.
Es werden Erdbeeren zermanscht. Zwischendurch erfahren wir – wieder anschaulich –, wie die Tochter aussieht: Wie die Schrumpfversion eines verrückten Professors. Das Kind zermanscht zwar die Erdbeeren, aber will wissen, warum. Wir Leserinnen auch.
»Um die DNA freizusetzen. Beim Zerdrücken zerplatzen die Zellwände und lassen die Bauanleitung für alle Lebewesen frei, die Desoxyribonukleinsäure – wir sagen DNS oder DNA –, und die wolltest du doch sehen«, erklärte May. Sie war überzeugt davon, dass man Kinder nicht unterschätzen sollte.
Jetzt wissen wir es: Die Zellwände werden zerquetscht, um die DNA freizusetzen. Stolpern Sie hier? Ich auch. DNS sind Molküle, die kann man doch nicht durch Zerquetschen der Zellwände sichtbar machen? Sehr geschickt wurde ein Rätsel gelöst (Erdbeeren) und ein neues aufgemacht.
Jessy sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Was denn nun: S oder A?«
May lachte. Ihre Tochter hatte einmal wieder den Finger in die Wunde gelegt, denn tatsächlich war die Verwirrung über die abweichenden Bezeichnungen auch bei Erwachsenen groß. »Das A kommt aus der englischen Sprache und steht für ›Acid‹, also Säure. Weil es bei uns in Deutschland noch einen anderen Begriff gibt, der mit ›DNS‹ abgekürzt wird, hat man sich darauf geeinigt, auch bei uns DNA zu sagen.« Sie schnappte sich ebenfalls eine Erdbeere und biss hinein. Genüsslich schmeckte sie dem fruchtig-süßen Geschmack nach. Es dürfte das letzte Mal in diesem Jahr sein, dass sie frische Erdbeeren gekauft hatte – und das auch nur, weil der Klimawandel die Erntesaison ungewöhnlich verlängert hatte.
Sie legte einen Kaffeefilter auf einen Messbecher.
Wieder eine neue Frage: DNS oder DNA? Und wieder wird sie nicht einfach in Hörsaalmanie gelöst, sondern für ein Mädchen, das das nicht weiß. Keine rhetorische Frage. Gleichzeitig geht die Handlung weiter. Auch die Mama nascht und legt einen Kaffeefilter bereit. Kaffeefilter für DNA? Haben Sie das schon mal in einem Tatort erlebt? Ich nicht.
»Und wofür ist das Spüli?«, fragte ihre Tochter zum wiederholten Mal. Der Einsatz des Alltagsmittels bei einem wissenschaftlichen Experiment schien sie zu faszinieren, was May ihr nicht verdenken konnte.
»Das Spülmittel hilft, die Hüllen der Zellen zu öffnen, also die winzigen Bausteine im Körper des Menschen. Das Salz haben wir dazugetan, um die Proteine, also die Eiweiße, von den Zellen zu trennen«, kam May der nächsten Frage ihrer Tochter zuvor.
Jetzt wissen wir es. Spüli entfernt Proteine aus den Zellen. Wir haben jetzt Zellen ohne Zellwände und ohne Proteine.
Jessy spreizte ihre Hände, die von der Anstrengung rot waren. Sichtlich konzentriert dachte sie nach. »Könnten wir auch einen Finger zerquetschen und die DNA da rausholen?«
Die Tür knarrte. Eine entsetzte, tiefe Stimme drang zu ihnen: »Finger zerquetschen? Seid ihr sicher, dass das das richtige Thema für einen Sonntagmorgen ist? Was macht ihr da eigentlich?« Adrian schlappte in Shirt und Boxershorts herein und versuchte, sich gähnend zu recken, während Oscar auf seinem Arm herumzappelte.
Jessy kommt auf die naheliegende Idee, dass man dann ja auch Finger zerquetschen könnte, um die DNA herauszuholen. Das wird nicht beantwortet, weil der Vater hereinkommt. Jetzt haben wir die ganze Familie beieinander. Und wissen schon etliches über sie. Ohne langatmige Erklärungen, ohne Erläuterungen.
Und wir ahnen, worum es in dem Thriller gehen wird. Um DNA. Und zwar etwas genauer, als wir sie bisher kennen.
Weiter geht es mit der Familie und kleinen Konflikten:
[…] Adrian stutzte. »Sag nicht, dass das die Erdbeeren sind, aus denen wir einen Kuchen für meine Eltern backen wollten.« {…I
Erst dann wird das Rätsel am Ende des Kapitels gelöst.
In diesem Augenblick vibrierte Mays Diensthandy. Sie reichte Oscar ihrem Mann, ignorierte dessen hochgezogene Augenbrauen und wandte sich an ihre Tochter. »Finger zermatschen funktioniert nicht«, sagte sie, während sie zum Küchenschrank ging, wo sie ihr Smartphone abgelegt hatte. »Menschliche Zellen haben nur zwei Kopien der DNA, Erdbeeren haben acht – deshalb ist es leichter, sie mit bloßem Auge zu sehen. Du kannst die Erdbeerpampe schon mal durch den Filter gießen und den Rest mit einem Löffel kleindrücken.« Ein Blick aufs Display. »Es ist Werking. Da muss ich rangehen«, sagte sie entschuldigend zu ihrem Mann.
Aha, Erdbeeren haben mehr DNA, deshalb kann man die leichter sehen. Rätsel gelöst.
Aber schon klingelt das Telefon, Werking ruft an, und wir vermuten, dass jetzt ein neuer Konflikt sich meldet und der richtige Thriller losgeht. Und sicher mit einem Fall, in dem DNA eine Rolle spielt. Wer das wissen will, muss sich das Buch kaufen:
Weiß, Sabine. Die Chemie des Verbrechens – Die Fährte: Kriminalroman. DNA-Forensikerin und Strafverteidigerin May Barven ermittelt in einem Cold Case (DNA-Forensikerin May Barven ermittelt 1) . Lübbe. Kindle-Version.
Resümee: In Science-Thrillern ist Wissenschaft ein zusätzliches Spannungselement, ohne die die Geschichte nicht funktioniert.
Science sollte aber nicht als Sachthema abgehandelt werden, sondern mit der Handlung verwoben werden.
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