Sherlock, Watson und eine KI, die fremdgeht

Endlich ist es da! Mein neues Buch „Sherlock, Watson und eine KI, die fremd geht“

»Sir, keine KI würde die Weltherrschaft anstreben.«
»Und ein Mensch, Watson?«
»Dem würde die KI anbieten: Soll ich dir einen Plan erstellen, um die Weltherrschaft zu gewinnen?«

Der Detektiv Sherlock hat von Tante Berta einen alten haarenden Flokati geerbt und 7000 CO₂.
Mit dem Geld kauft er sich einen Butler, den er »Watson« nennt. Der, so wird ihm versprochen, sei anders als eine KI. Nämlich absolut menschenähnlich.

Gemeinsam müssen sie für ein Institut Daten wiederbeschaffen. Doch dazu müssen sie die Motorradgang »Rote Reiter« ausschalten, eine KI stoppen, die mit einem Winkeladvokaten fremd geht und aus dem Lubjanka-Gefängnis ausbrechen.
Denn sonst wird eine rechtsradikale Mafia die Macht ergreifen.

Sherlock, Watson und eine KI, die fremd geht | (C) Hans Peter Roentgen | ca 239 Seiten
ISBN Print: 978-3-384-85481-0 | Lieferbar ab 24.3.2026 |Preis: 15,80 €

E-Book: | 4,90 € |  Bestellen

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Sherlock, Watson und eine KI, die fremdgeht

Mit Science Spannung erzeugen

Science-Thriller bieten gleichzeitig Thrillerspannung und Wissenschaft. Um die Verbrechen aufzuklären oder zu verhindern, muss man die wissenschaftlichen Hintergründe kennen. Kathrin Lange und Susanne Thiele haben in »Toxin« Bakterien als Hintergrund gewählt, die durch das Auftauen des Permafrosts wieder ans Licht kommen. Sabine Weiß hat in »Die Chemie des Verbrechens« DNA-Test und deren Problematik gewählt.
DNA-Tests kennt doch jeder? Die »Tatort« Filme sind voll davon. Das soll spannend sein? Ist es, weil die Tests längst nicht so einfach sind, wie in Krimis dargestellt. Das ist die wichtigste Anforderung an Science-Thriller: Sie müssen dem Leser etwas Neues bieten, das er nicht kennt. Im Fall der DNA all die Möglichkeiten, mit denen DNA Kriminalbeamte und Leserinnen hinters Licht führen kann. Was halten Sie von folgendem Satz:

DNA enthält die Erbinformationen. Jeder Mensch hat eine spezifische DNA, die wie ein Fingerabdruck dazu dienen kann, ihn zu identifizieren.

Ich finde, mit solchen Sätzen verjagt man Leserinnen. Warum? Weil jeder Thrillerleser das weiß, wir ihn also mit kaltem Kaffee langweilen. Und weil es obendrein statisch ist, eine Lektion des Autors mit erhobenem Zeigefinger. Ein Infodump.
Wie hat Sabine Weiß das gelöst?

Der rote Brei glitschte unter der Plastikfolie. »Feste, du musst feste quetschen. Es dürfen keine Stücke übrig bleiben. Soll ich helfen?«
»Das kann ich schon!« Mit der ganzen Kraft einer Siebenjährigen stützte Jessy sich auf den Gefrierbeutel. Obgleich sie auf einem Hocker stand, reichte Mays alter Kittel, den sie über dem Schlafanzug trug, bis zum Boden; auch die Schutzbrille war zu groß und rutschte ihr immer wieder über die Nase. Aber Jessy liebte es, sich zu verkleiden. Und sie liebte es zu forschen.
Vermutlich, weil sie schon als Baby so oft mit im Labor war. Sie hat den Forscherdrang mit der Muttermilch eingesogen. Oder liegt es doch in den Genen? May lächelte schläfrig. Genau wie ihre Tochter hatte es sie wieder einmal nicht im Bett gehalten.

Wir erleben eine Siebenjährige sonntags früh beim Mantschen. May, vermutlich die Mutter, animiert sie dazu. Das ist ungewöhnlich. Die meisten Mütter und Väter schreiten ein, »mit Essen spielt man nicht« und befürchten, dass es eine Mordssauerei gibt.
Hier nicht. Ungewöhnliches verbunden mit Alltäglichem ist immer ein gutes Mittel, um Spannung und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Warum mantschen die beiden?

Obgleich Sonntag war, hatte es May stattdessen in das Zimmer gezogen, in dem sie ihr Büro eingerichtet hatte. Voller nervöser Hoffnung hatte sie ihr Diensthandy und ihre Geschäftsmails gecheckt. Noch immer keine neuen Anfragen. So langsam musste sie sich etwas einfallen lassen. Ihre finanziellen Rücklagen waren inzwischen mikroskopisch klein, und sogar in den Gesichtern ihrer Lieben las sie die Frage, ob sie nicht vielleicht doch einen Fehler gemacht hatte.
Fahles Licht fiel durch die hohen einfachverglasten Fenster der Altbauwohnung, deren Ritzen sie mit Handtuchrollen abgedichtet hatten. Die Heizung röhrte wie ein altersschwacher Oldtimer, während der Wind das letzte Laub von den Bäumen zerrte und es gegen die Scheiben klatschte. Trotzdem war es gemütlich, fand May
.

Die Autorin sagt es nicht. Stattdessen bringt sie etwas Neues ein. Die Mutter hat keine Rücklagen mehr. Kein Wunder, dass die Heizung röhrt wie ein altersschwacher Oldtimer. Hier wird die Situation durch eine Handlung verdeutlicht.

Im Schein der Küchenlampe hielt ihre Tochter inne und schob die Zunge nachdenklich in die Lücke, die ihre ausgefallenen Schneidezähne hinterlassen hatten. Mit den vom Schlaf zerzausten Haaren und den hellroten Spritzern auf dem Kittel sah sie aus wie die Schrumpfversion eines verrückten Professors. Dazu passte, dass um sie verstreut auf der Arbeitsplatte diverse Utensilien lagen.
»Warum müssen wir die leckeren Erdbeeren überhaupt kaputtmachen?«
Jessy pickte eine Frucht aus dem Schälchen und steckte sie sich in den Mund. Frisch gestärkt matschte sie weiter, ohne die Antwort abzuwarten
.

Es werden Erdbeeren zermanscht. Zwischendurch erfahren wir – wieder anschaulich –, wie die Tochter aussieht: Wie die Schrumpfversion eines verrückten Professors. Das Kind zermanscht zwar die Erdbeeren, aber will wissen, warum. Wir Leserinnen auch.

»Um die DNA freizusetzen. Beim Zerdrücken zerplatzen die Zellwände und lassen die Bauanleitung für alle Lebewesen frei, die Desoxyribonukleinsäure – wir sagen DNS oder DNA –, und die wolltest du doch sehen«, erklärte May. Sie war überzeugt davon, dass man Kinder nicht unterschätzen sollte.

Jetzt wissen wir es: Die Zellwände werden zerquetscht, um die DNA freizusetzen. Stolpern Sie hier? Ich auch. DNS sind Molküle, die kann man doch nicht durch Zerquetschen der Zellwände sichtbar machen? Sehr geschickt wurde ein Rätsel gelöst (Erdbeeren) und ein neues aufgemacht.

Jessy sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Was denn nun: S oder A?«
May lachte. Ihre Tochter hatte einmal wieder den Finger in die Wunde gelegt, denn tatsächlich war die Verwirrung über die abweichenden Bezeichnungen auch bei Erwachsenen groß. »Das A kommt aus der englischen Sprache und steht für ›Acid‹, also Säure. Weil es bei uns in Deutschland noch einen anderen Begriff gibt, der mit ›DNS‹ abgekürzt wird, hat man sich darauf geeinigt, auch bei uns DNA zu sagen.« Sie schnappte sich ebenfalls eine Erdbeere und biss hinein. Genüsslich schmeckte sie dem fruchtig-süßen Geschmack nach. Es dürfte das letzte Mal in diesem Jahr sein, dass sie frische Erdbeeren gekauft hatte – und das auch nur, weil der Klimawandel die Erntesaison ungewöhnlich verlängert hatte.
Sie legte einen Kaffeefilter auf einen Messbecher.

Wieder eine neue Frage: DNS oder DNA? Und wieder wird sie nicht einfach in Hörsaalmanie gelöst, sondern für ein Mädchen, das das nicht weiß. Keine rhetorische Frage. Gleichzeitig geht die Handlung weiter. Auch die Mama nascht und legt einen Kaffeefilter bereit. Kaffeefilter für DNA? Haben Sie das schon mal in einem Tatort erlebt? Ich nicht.

»Und wofür ist das Spüli?«, fragte ihre Tochter zum wiederholten Mal. Der Einsatz des Alltagsmittels bei einem wissenschaftlichen Experiment schien sie zu faszinieren, was May ihr nicht verdenken konnte.
»Das Spülmittel hilft, die Hüllen der Zellen zu öffnen, also die winzigen Bausteine im Körper des Menschen. Das Salz haben wir dazugetan, um die Proteine, also die Eiweiße, von den Zellen zu trennen«, kam May der nächsten Frage ihrer Tochter zuvor.

Jetzt wissen wir es. Spüli entfernt Proteine aus den Zellen. Wir haben jetzt Zellen ohne Zellwände und ohne Proteine.

Jessy spreizte ihre Hände, die von der Anstrengung rot waren. Sichtlich konzentriert dachte sie nach. »Könnten wir auch einen Finger zerquetschen und die DNA da rausholen?«
Die Tür knarrte. Eine entsetzte, tiefe Stimme drang zu ihnen: »Finger zerquetschen? Seid ihr sicher, dass das das richtige Thema für einen Sonntagmorgen ist? Was macht ihr da eigentlich?« Adrian schlappte in Shirt und Boxershorts herein und versuchte, sich gähnend zu recken, während Oscar auf seinem Arm herumzappelte.

Jessy kommt auf die naheliegende Idee, dass man dann ja auch Finger zerquetschen könnte, um die DNA herauszuholen. Das wird nicht beantwortet, weil der Vater hereinkommt. Jetzt haben wir die ganze Familie beieinander. Und wissen schon etliches über sie. Ohne langatmige Erklärungen, ohne Erläuterungen.
Und wir ahnen, worum es in dem Thriller gehen wird. Um DNA. Und zwar etwas genauer, als wir sie bisher kennen.
Weiter geht es mit der Familie und kleinen Konflikten:

[…] Adrian stutzte. »Sag nicht, dass das die Erdbeeren sind, aus denen wir einen Kuchen für meine Eltern backen wollten.« {…I

Erst dann wird das Rätsel am Ende des Kapitels gelöst.

In diesem Augenblick vibrierte Mays Diensthandy. Sie reichte Oscar ihrem Mann, ignorierte dessen hochgezogene Augenbrauen und wandte sich an ihre Tochter. »Finger zermatschen funktioniert nicht«, sagte sie, während sie zum Küchenschrank ging, wo sie ihr Smartphone abgelegt hatte. »Menschliche Zellen haben nur zwei Kopien der DNA, Erdbeeren haben acht – deshalb ist es leichter, sie mit bloßem Auge zu sehen. Du kannst die Erdbeerpampe schon mal durch den Filter gießen und den Rest mit einem Löffel kleindrücken.« Ein Blick aufs Display. »Es ist Werking. Da muss ich rangehen«, sagte sie entschuldigend zu ihrem Mann.

Aha, Erdbeeren haben mehr DNA, deshalb kann man die leichter sehen. Rätsel gelöst.
Aber schon klingelt das Telefon, Werking ruft an, und wir vermuten, dass jetzt ein neuer Konflikt sich meldet und der richtige Thriller losgeht. Und sicher mit einem Fall, in dem DNA eine Rolle spielt. Wer das wissen will, muss sich das Buch kaufen:
Weiß, Sabine. Die Chemie des Verbrechens – Die Fährte: Kriminalroman. DNA-Forensikerin und Strafverteidigerin May Barven ermittelt in einem Cold Case (DNA-Forensikerin May Barven ermittelt 1) . Lübbe. Kindle-Version.

Resümee: In Science-Thrillern ist Wissenschaft ein zusätzliches Spannungselement, ohne die die Geschichte nicht funktioniert.
Science sollte aber nicht als Sachthema abgehandelt werden, sondern mit der Handlung verwoben werden.

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Mit Science Spannung erzeugen

Das kleine Buch über die große Depression

»Jetzt verstehe ich den Spruch: Die Depression ist die Krankheit der -Losigkeiten: Antriebslos, Schlaflos, Hoffnungslos, Freudlos, Stimmungslos«

Dr. Reinbacher hat eine Promotion mit 1.0 abgeschlossen, bei Google und Amazon gearbeitet. Erfolgreicher geht es doch nicht? Doch die Depression, die schwarze Dame, hat ihn trotzdem gepackt und schwer zugerichtet. »Mein Hirn lügt mich an«, erzählt er. »Alle hassen dich«, »du bist eine Last«, sagt sie ihm.

Wenn du nicht mehr Herr im eigenen Kopf bist, dann hast du Depression. In diesem kleinen Buch schildert Dr. Reinbacher, wie die Depression ihn belogen hat, ihm jede Emotion, jeden Willen raubte. In kurzen Texten und Bildern.

Das kleine Bändchen will Mut machen will. Wenn du Depression hast, gib die Hoffnung nicht auf, auch wenn dir die Depression immer erzählt, dass es keine Hoffnung gibt. Der Autor erzählt nicht nur seine eigene Geschichte. Seine Frau fügt hinzu, wie schlimm die Depression eines Partners die Beziehung belastet und versucht, sie zu zerstören.

Das Buch ist mit Beispielen versehen, was dem Autor geholfen hat. Aber er weiß, dass es einen großen Blumenstrauß von Techniken gibt. Jeder muss selbst herausfinden, was ihm hilft. Denn es gibt eine große Anzahl von Möglichkeiten.

Am Schluss listet er Namen auf. Personen, die wie er aus der Depression entkommen sind und bereit waren, das in dem Buch zu zeigen. Mein Name findet sich auch darunter.
Kein Jammerbuch, wie schlimm Depression ist. Sondern eins, das Mut macht!

Auch interessant:
https://www.hanspeterroentgen.de/Buecher/Stimmen-im-Kopf-Depressionsroman/

Das kleine Himmelblau für graue Tage
Wenig Text, viel Wirkung – wenn alles zu viel ist

Dr. Thomas Reinbacher, ISBN-13 ‏: ‎979-8276188454, 137 Seiten,

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Das kleine Buch über die große Depression

Stephen King: Wie er Spannung aufbaut

Weihnachten habe ich für alle Autorinnen und Autoren ein Geschenk. Nämlich einen Artikel darüber, wie Stephen King Horror erzeugt. Im vorigen Blogartikel habe ich anhand des ersten Kapitels gezeigt, wie der King die erste Romanseite aufbaut. Mit einer Vorausahnung auf einen Schrecken, der kein Ende nehmen soll, und einem Sechsjährigen, der ein kleines Papierboot im Rinnstein schwimmen lässt.

Jetzt zeige ich Ihnen, wie er in den nächsten zwei Szenen einen Spannungsbogen aufbaut. Schlagen Sie dazu „Es‟ auf, wenn Sie das Buch besitzen. Wenn nicht, laden Sie bei Amazon oder anderswo eine Leseprobe herunter.

Kapitel zwei ist eine Rückblende. Vor Rückblenden warne ich immer, weil sie beliebt sind, um den Lesern etwas zu erklären. Infodump nennt sich das.

Doch Stephen King schreibt keine Infodumps. Sondern eine Szene, in der wir den Horror des Sechsjährigen erleben, der in einen Keller gehen muss, um Paraffin für sein Boot zu holen.

Gewöhnliche Szene

Bill liegt krank im Bett, soll nicht aufstehen und will das Papierboot von George mit Paraffin wasserdicht machen. George soll das Paraffin im Keller holen, hat aber Angst vor dem Keller. Doch noch mehr Angst hat er davor, ausgelacht zu werden. Ein Feigling, der sich nicht in den Keller traut. Also sagt er seinem Bruder nichts von der Angst.

Nichts Besonderes. Die meisten erinnern sich vermutlich an Ähnliches. Hinabsteigen in einen Keller, der modrig riecht, nicht voll ausgeleuchtet ist, enge Stufen hat – für Kinder der Horror.

Auf das „Wie‟ kommt es an

Doch Stephen King versetzt mit dieser ganz gewöhnlichen Szene die Leser in Angst und Schrecken. Wie macht er das?

Er kriecht in den sechsjährigen George hinein. Lässt uns den Keller durch die Augen des Jungen erleben. Der weiß, da unten ist kein Monster. Aber so ganz sicher ist er nicht, ob ihm da nicht doch eine finstere Gestalt mit gelben Augen begegnet und die Krallen in den Körper schlagen wird.

Obendrein wissen wir aus Kapitel eins, dass ein Schrecken passieren wird. In Kellern hausen keine Monster, das ist uns klar. Aber in Stephen Kings Kellern vielleicht doch?

Wir erleben viele Details; jedes einzelne dient dazu, das Gefühl der Angst zu steigern. Zitternd öffnet George die Tür, hält sich am Türpfosten fest, der Lichtschalter funktioniert nicht, modriger Geruch steigt aus dem Keller auf, und die Treppe ist eng.

Der Text über einen gewöhnlichen Keller fesselt uns. Wir leben in dem Jungen, sehen durch seine Augen ins Dunkle, riechen den Moder. Der Autor sagt uns nicht: „George hatte Angst.‟ Wir erleben die Angst des Jungen. Und in jedem Absatz wird die Angst verstärkt.

Beats

Beats (Schläge) kommt aus der Musik. Beim Schreiben sind es Absätze, die zusammen eine Szene bilden und sich steigern sollten. In diesem Text gibt es viele Beats, die die Spannung hochtreiben

Übung

Nummerieren Sie die Beats dieser Szene. Warum steigern sie die Spannung der Szene?

Beziehung statt Spannung

Danach erleben wir die Brüder Bill und George zusammen. Bill nutzt das Paraffin, und jetzt ist das Papierboot wasserdicht. Beide ziehen sich ein wenig auf. Keine Monster, alles ruhig und liebevoll.
Hier wird die Spannung durch den Umgang der beiden Brüder miteinander erzeugt. Keine Action, sondern Beziehung. Am Schluss der Szene wissen wir, wie wichtig der jüngere Bruder für Bill ist.

Vorausdeutung

Und dann der letzte Satz: „Bill sah ihn nie wieder.‟ Stephen King liebt solche kurzen Vorausdeutungen (foreshadows), die alles umstürzen, was zuvor an Gefühlen geweckt wurde.

Achten Sie mal auf die Perspektive. Welche Perspektiven gibt es in diesen beiden Szenen?

Durchgängig ist die Perspektive personal, George oder Bill. Bis auf den ersten und letzten Satz und die Schilderung des Unwetters.

Am Schluss hören wir wieder die Erzählstimme des ersten Satzes. Eine allwissende Stimme, die am Anfang weiß, dass es einen Schrecken geben wird, und im letzten Satz, dass Bill George nie wiedersehen wird.

Perspektiven

Perspektiven darf man nie wechseln, heißt es immer. Richtig. Hüpfen Sie nie in einer Szene von einem Kopf in den anderen. Aber am Anfang oder Schluss können Sie in einem Satz die allwissende Erzählstimme einbauen, die dem Leser andeutet: Da wird etwas passieren. Aber nicht sagt, was.
Wohlgemerkt: Nicht mehr als ein Satz!

Dritte Szene

Jetzt springen wir wieder in die Nachfolgeszene der Ersten. Das Boot schwimmt im Rinnstein. Und dann verschwindet es in einem Gully. Georgie schaut in den Gully. Und zwei gelbe Augen schauen zurück. Augen, von denen er immer gefürchtet hat, dass sie ihm im Keller entgegenblitzen würden. Jetzt sind sie da. Die imaginierten Augen in Szene zwei waren nicht zufällig da, sie bereiteten vor, was jetzt geschieht.

Jeder erwartet, dass jetzt auch die Krallen zuschlagen, vor denen sich Georgie immer gefürchtet hat.
Aber das passiert nicht. Nur ein Clown erscheint, der das Boot in der Hand hält und Ballons in der anderen.

„Hau ab!‟, wollen wir George zurufen, doch George, dem Sechsjährigen, wird
„Zirkus‟ versprochen, und er riecht die Erdnüsse, die Zuckerwatte und die Pommes.

Wenn Sie einen Film in den Leserinnen ablaufen lassen wollen, ist Geruch immer ein gutes Mittel dazu. Nicht nur das, was man sieht, auch das, was man riecht, hört, schmeckt, startet das Kopfkino.

Übung
Nummerieren Sie auch hier die Beats der Szene. Malen Sie eine Kurve für die Spannungskurve, und tragen Sie die Nummern an die richtigen Stellen ein. Welche Beats steigern die Spannung? Welche sind überflüssig für die Spannungskurve?

Resümee
Szenen bestehen aus Beats. Jeder Beat sollte zur Spannung beitragen. Am Anfang einer Szene oder am Ende kann die Erzählstimme eine Vorausdeutung als allwissende Erzählerin einbauen, aber nicht mitten in der Szene.
(King, Stephen: Es. Roman. Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Kindle-Version)

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Stephen King: Wie er Spannung aufbaut

Stephen King: Was man von ihm lernen kann

Stephen Kings Mischung aus Horror und Alltag in seinen Romanen fasziniert auch deutsche Leserinnen und Leser. Doch wie macht er das? Sehen wir uns die erste Seite seines Romans „ES‟ an, der mehrfach verfilmt wurde.

Gefahr zwischen den Zeilen

„Der Schrecken, der weitere achtundzwanzig Jahre kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt je ein Ende nahm –, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb‟

Ein Schrecken beginnt, der achtundzwanzig Jahre kein Ende nehmen wird. Und Stephen King spricht uns Leser direkt an: „soviel ich weiß und sagen kann.‟ Ein langer Satz, der mit einem „Schrecken‟ beginnt und einem ‟Boot aus Zeitungspapier‟ endet. Wir haben wieder einen Gegensatz. Was soll an einem Boot aus Zeitungspapier schon Schreckliches sein? Wenn wir das wissen wollen, müssen wir weiterlesen. Und werden auch in dem folgendem Text immer im Kopf behalten: Ein Schrecken wird kommen.

Alltag als Kontrast

„Das Boot schwankte, hatte Schlagseite und richtete sich wieder auf, brachte heldenhaft manch bedrohlichen Strudel hinter sich und schwamm immer weiter die Witcham Road hinab, auf die Verkehrsampel an der Kreuzung Witcham und Jackson Street zu.‟

Statt uns mehr über den Schrecken zu verraten, folgt King dem Boot. Das Boot wird als eigene Person verfolgt, die etwas tut, also nicht passiv bleibt. Sie schwankt, hat Schlagseite, bringt einen Strudel hinter sich und schwimmt weiter. Einem Gegenstand Leben einzuhauchen, ihn aktiv zu schildern, statt passiv, ist immer gut. Weiter geht es mit dem Strom.

„Die drei vertikalen Linsen an allen Seiten der Ampel waren an diesem Nachmittag im Herbst des Jahres 1957 dunkel, und die Häuser waren ebenfalls allesamt dunkel. Es regnete nun seit einer Woche ununterbrochen, und vor zwei Tagen war auch noch Wind aufgekommen. In den meisten Teilen von Derry war der Strom ausgefallen und noch nicht wieder eingeschaltet worden.‟

Derry ist ohne Strom, das klingt etwas bedrohlicher, und endloser Regen ist die Ursache. Ein wenig klingt das nach „Es war eine finstere und stürmische Nacht‟ von Snoopy. Doch King schreibt nicht: „Es war eine regnerische und windige Woche.‟ Und er zieht uns in die stromlose Stadt hinein, behauptet es nicht. Die Ampel ist dunkel, die Häuser auch. Sollte das der Schrecken aus dem ersten Satz sein? Das wäre eine große Ankündigung, und nur eine Maus taucht auf.

Personen in Gefahr

„Ein kleiner Junge in gelbem Regenmantel und roten Gummistiefeln rannte fröhlich neben dem Papierboot her. Der Regen hatte noch nicht aufgehört, ließ aber allmählich nach. Er trommelte auf die gelbe Kapuze, und das hörte sich in seinen Ohren wie Regen auf einem Giebeldach an … ein angenehmes, fast schon beruhigendes Geräusch. Der Junge im gelben Regenmantel hieß George Denbrough und war sechs Jahre alt. Sein Bruder William, der in der Derry-Elementary-Schule allgemein nur unter dem Namen Stotter-Bill bekannt war (sogar bei den Lehrern, die ihn natürlich nie so anredeten), war zu Hause und erholte sich gerade von einer schweren Grippe. In jenem Herbst 1957 – acht Monate bevor der wahre Schrecken begann und achtundzwanzig Jahre vor der letzten Konfrontation – war Stotter-Bill zehn Jahre alt.‟
(King, Stephen: Es. Roman. Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Kindle-Version)

Wir erfahren jetzt ein Stückchen mehr. Ein Junge rennt neben dem Boot her. Auch das wird lebendig geschildert, wir hören den Regen auf der Kapuze. Wir erfahren seinen Namen und den seines Bruders. Wie bei einer Zwiebel schält King hier Schale für Schale ab, lässt nicht gleich alles erleben. Diese Zwiebelmethode ist wirksam, ganz im Gegenteil zu einem Infodump, der uns mit allem auf einmal überschüttet, passiv und wenig anschaulich erzählt.

Doch der Schrecken lässt sich Zeit. In der Folge erfahren wir, wie das Boot von Stotter-Bill gebaut wurde, wie die beiden Brüder sich dabei ein wenig aufziehen, und wir erfahren, wie ein Papierboot mit Paraffin wasserdicht werden kann. (Heute werden die wenigsten diese Technik kennen.)

Hitchcock hat diese Technik auch benutzt. Der Zuschauer weiß, dass unter dem Tisch eine Bombe liegt. Aber die Tischgesellschaft weiß das nicht. Genauso wenig weiß es der kleine Junge, der fröhlich seinen Boot schwimmen lässt.

(Wie King es schafft, den Leser immer weiter auf die Folter zu spannen, das sehen wir uns in dem nächsten Artikel an.)

Resumee

Spannung lässt sich erzeugen, wenn die Leserin etwas weiß, was die Personen in der Geschichte nicht wissen. Die Drohung steht immer zwischen den Zeilen.

Ein anschaulicher Alltag lässt sich als Kontrast verwenden, wenn eine Bedrohung zwischen den Zeilen steht.

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Stephen King: Was man von ihm lernen kann