Tycio 🎞️’s review published on Letterboxd:
1001 Filme, die ich gesehen haben möchte, ehe ich 50 werde
(in chronologischer Reihenfolge)
∆ Kapitel 9
Zwei Waisen im Sturm
Orphans of the Storm
USA 1921
R.: D. W. Griffith
150 Min.
Mit einem kritischen Blick auf eine dann doch endliche Zahl von eintausendundeinem Film verteilt auf weit über einhundert Jahre Filmgeschichte, stellt sich die berechtigte Frage, warum ganze vier Positionen an die Filme von D. W. Griffith gehen müssen und andere bedeutende Hochkaräter der Frühzeit wie beispielsweise Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) oder Ausgerechnet Wolkenkratzer! (1923) dabei auf der Strecke bleiben müssen. Aber das wird sicher nicht das letzte Mal bleiben, dass ich diese Liste hinterfragen muss.
Die Sache ist vermutlich die: die filmhistorische Relevanz von Die Geburt einer Nation und Intoleranz ist unbestritten, doch Zwei Waisen im Sturm ist inhaltlich der beste Film Griffiths. Ebenso monumental wie die anderen beiden, ebenso ausschweifend in seiner Ausstattung, aber bei weitem stringenter in seiner Erzählkunst und damit auch emotional nachvollziehbarer.
Wir folgen den beiden Schwestern Henriette und Louise, aufgrund der Pest zu den titelgebenden Waisen geworden, durch das Paris der Französischen Revolution. Wieder einmal stellt Griffith ein bedeutendes historisches Szenario ins Zentrum eines seiner Filme, erneut verfolgt er eine ganz klare politische Agenda, nämlich von der Bedeutsamkeit der Demokratie zu erzählen. Eines bleibt aber unmissverständlich: die amerikanische Demokratie ist dem, was die französischen Bürger:innen sich erkämpft haben, weitaus überlegen. Sie ist zwar Inspiration ihres Handelns, aber in ihrer Perfektion nicht zu erreichen.
Durch die Verwebung fiktionaler Figuren mit realen Tatsachen, erreicht Griffith eine ziemlich moderne Verbindung des Stoffes mit dem Publikum, das in einem erstaunlich spannenden Finale kulminiert.
Die größte inszenatorische Stärke allerdings ist die abschließende Rede Dantons, die wir (es ist ja ein Stummfilm) natürlich in ihrer Rhetorik nicht vernehmen, da auch die Texteinschübe nur den groben Inhalt zusammenfassen, die aber in ihrer expressiven Körpersprache und dem Für und Wider des Redners mit seinen Zuhörern und der eingeschobenen Parallelmontage eine Brisanz erreicht, die heutige Filme oft missen lassen, weil sie sich nur auf das Wort konzentrieren.
Noch 992 Filme.
Noch 11 Jahre, 2 Monate, 15 Tage
{Gesamtspieldauer: 1.149 Minuten}
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