Schlagwort-Archive: BND

Hans-Christian Ströbele auf 34C3: „Edward Snowden hatte in allen Punkten recht“

Quelle: deutsch.rt.com

Hans-Christian Ströbele auf 34C3: „Edward Snowden hatte in allen Punkten recht“
Hans-Christian Ströbele ist Mitbegründer der Partei Die Grünen. Er saß jahrelang in der Parlamentarischen Kontrollkommission für die Geheimdienste und in zahllosen Untersuchungsausschüssen.
Auf dem Chaos Communication Congress suchen Hacker und Politiker nach besseren Wegen, die Geheimdienste zu kontrollieren. Der Grünen-Politiker Ströbele bilanziert seine Arbeit mit den Worten: „Noch nie bin ich so belogen worden“.

Der Chaos Computer Congress in Leipzig läuft bereits auf vollen Touren, die Gänge sind gefüllt mit vielen Männern und einigen Frauen. Allesamt verbindet sie der Stil von Berufsjugendlichen, die unabhängig von ihrem tatsächlichen Alter und ihrer Einkommensgruppe die gleiche Ausstattung tragen: Turnschuhe, Jeans, T-Shirt. Farben und Frisuren sollten einen möglichst unbestimmbaren Charakter aufweisen, die Marken der Laptops sind mit bunten Aufklebern zu verdecken.

In diese Welt hat sich am Mittwoch ein Berufspolitiker verirrt. Dass er sogar auf das Podium gelangt, spricht dafür, dass er in der Gilde der politischen Hacker hoch respektiert wird. Denn professionelle Politiker genießen auf den jährlichen Hacker-Kongressen nicht eben große Anerkennung. Zumeist handeln die politischen Foren davon, dass die Politik in Sicherheitsfragen völlig versagt. Diese Formel vom „Staatsversagen“ stellt allerdings nur einen diplomatischen Kompromiss dar, der dem Gegenüber nicht direkt böse Absichten unterstellt.

Das Logo des Chaos Computer Clubs, ein Chaosknoten, wird während des 33. Chaos Communication Kongresses in Hamburg im Dezember 2016.

Hans-Christian Ströbele, Mitbegründer der Partei Die Grünen, ist mit inzwischen 78 Jahren nicht nur der bekannteste Polit-Rentner Deutschlands, er ist auch Spezialist für das angebliche Staatsversagen. In zahllosen parlamentarischen Untersuchungsausschüssen hat er Politiker und Beamten gegenüber gesessen, die vorsätzlich einen ahnungslosen Eindruck erwecken, damit sie weder zur Aufklärung beitragen müssen, noch böser Absichten geziehen werden können.

Zuletzt ging es um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der zehn Jahre lang wahllos Menschen ermorden konnte, obwohl seine drei wichtigsten Mitglieder von mindestens 44 V-Leuten der verschiedenen Innenbehörden umstellt waren. Und es ging um den wichtigsten Geheimdienst der USA, die National Security Agency (NSA), die für die technische Aufklärung im Ausland zuständig ist. Seitdem Edward Snowden desertierte und den Werkzeugkasten der NSA veröffentlichte, sollte jeder wissen, dass die Geheimdienste auf wirklich jeder Daten-Verbindung sitzen.

In beiden Untersuchungsausschüssen kamen die Vertreter der Opposition, das waren in diesem Fall Die Linke und Die Grünen, zu dem Ergebnis, dass eine derartig eklatante Menge an Verfehlungen nicht mehr durch „Fehler und Versagen“ zu erklären sei. So hielt es zumindest Hans-Christian Ströbele in seinen persönlichen Abschlussberichten fest. Wer nun erwartet hat, dass Ströbele die Gelegenheit nutzt, um auf der Bühne des CCC in der Heldenstadt Leipzig einmal Klartext zu sprechen, sah sich getäuscht. Im Gespräch mit Constanze Kurz, der Sprecherin des CCC, gab sich Hans-Christian Ströbele staatsmännisch, als ob er im Bundestag säße.

Wie so oft in den vergangenen Jahren gab es viel Lob für den Whistle-Blower Edward Snowden, aber Ströbele selbst, der angesichts seines fortgeschrittenen Alters wirklich nichts mehr zu verlieren hat, betonte im Laufe des Abends sechs Mal, dass er „hier nichts sagen kann“, etwa, weil er nicht mehr über die parlamentarische Immunität verfügt. Denn seit September gehört er nicht mehr dem Bundestag an, ist aber noch Mitglied in der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK) für die Geheimdienste: „Daher muss ich auch ein bisschen vorsichtig sein, was ich hier erzähle“, so der Mitbegründer der Partei Die Grünen.

Erneut appelliert Ströbele, der den ehemaligen NSA-Mitarbeiter bereits im Jahr 2013 in Moskau besuchte, dass Edward Snowden hier in Deutschland als Zeuge angehört werden und Asyl bekommen müsse. Aber er schildert auch, wie die Regierungsparteien und der Beamtenapparat dieses Anliegen souverän verhindern, etwa, indem sie nach drei Jahren immer noch kein Rechtsgutachten fertig stellen konnten, das den Asylantrag des Whistle-Blowers juristisch bewertet. Aber nur an wenigen Stellen ringt sich der Jurist dazu durch, Klartext zu sprechen und die Moderatorin Constanze Kurz, auch Redakteurin bei Netzpolitik, zwingt ihren Gast nicht, die Karten auf den Tisch zu legen.

Der britische Schatzkanzler George Osborne mit dem damaligen Direktor des GCHQ, Robert Hannigan, im 24-Stunden-Operationszentrum des GCHQ, November 2015.

So hakt die Moderatorin zweimal nach, warum die Abgeordneten aus SPD und CDU klare Rechtsbrüche und Verfassungsverstöße durch die Geheimdienste decken. Wie er sich die „kognitive Dissonanz“ dieser Mandatsträger erkläre, will Kurz wissen. „Da gibt es einfach so eine Disziplin, die jeweilige Regierung sieht es als ihre Aufgabe die Dienste zu schützen“, erklärt Ströbele und schiebt nach, dies sei ein „Riesenproblem“. Natürlich wisse man, dass es „anlasslose Massenüberwachung in Deutschland“ gegeben habe. Seine Bilanz des NSA-Untersuchungsausschusses lautet: „Noch nie bin ich so belogen worden.“

Konsequenzen haben diese Rechtsbrüche nicht. Im Gegenteil fallen die zuständigen Beamten und Politiker anschließend die Karriereleiter nach oben. So war es im NSU-Skandal, so war es beim NSA-Skandal. Die Geheimdienste wurden seitdem finanziell und personell weiter ausgebaut, es gibt große neue technische Abteilungen, um die Daten der Bürger auszuspähen. Mit dem neuen BND-Gesetz haben die Regierungsfraktionen ihre Rechtsverstöße zukünftig legalisiert. Und natürlich, so Ströbele, hat der BND gewusst, dass er gesetzwidrig handelt: „Die hatten Angst davor, dass die PKK oder die G10-Kommission erfahren, was sie tun.“

An diesem Punkt müsse man ansetzen, glaubt Ströbele. So habe die Arbeit der PKK eine Fernwirkung: Während des NSA-Untersuchungsausschusses waren „ganze Teile des BND“ blockiert. Es habe eine „heilsame Fernwirkung“ gegeben, weil jeder Mitarbeiter der Geheimdienste damit habe rechnen müssen, dass er vor einem Ausschuss landet. Tatsächlich jedoch müssen die Abgeordneten sich bei der Kontrolle der Geheimdienste „selbständig machen können“. Sie müssten konkrete Maßnahmen in den Diensten durchsetzen, etwa Versetzungen erzwingen können. Zudem muss der Gesetzgeber konkret gesetzlich ausschließen, was den Diensten nicht erlaubt ist.

Ohne effektive Kontrollinstanzen „müssen wir selber für die Sicherheit unserer Daten sorgen“, appelliert Hans-Christian Ströbele an die anwesenden Hacker. Es sei die Aufgabe der Informatiker, für wirksamen Datenschutz zu sorgen. Mit dieser Forderung sitzt er zwar potentiell vor dem richtigen Publikum. Praktisch alle Anwesenden verdienen ihre Geld mit Informationstechnologien. Aber bisher hat diese kritische Hackerszene es nicht geschafft, dass großflächig sichere Computertechnologien eingesetzt werden. Die Diskussion, wie sich die Marktmacht der NSA zertifizierten Monopolisten brechen lässt, bleibt einem zukünftigen Chaos Communication Congress vorbehalten.

BND-Präsident im Geheimdienstausschuss: „Wir sind abhängig von der NSA“

(Bild: dpa, Soeren Stache)

BND-Chef Gerhard Schindler hat Fehler im Umgang mit NSA-Zielvorgaben eingeräumt. Gegen Gesetze habe der BND aber nicht verstoßen. Ihm habe die Fantasie gefehlt, Schmu bei Selektoren mit EU-Bezug bei Daten aus Krisengebieten zu wittern.

Mehrere „Sollbruchstellen“ hat der Präsident des Bundesnachrichtendiensts (BND), Gerhard Schindler, im Umgang mit den Suchzielen der NSA im Rahmen einer Kooperation zur Fernmeldeaufklärung ausgemacht. „Die Überprüfung der Selektoren war von Beginn an unvollständig“, benannte der 62-Jährige die „Erbsünde“ in der Affäre. Schindler, der die Behörde mit 6000 Mitarbeitern seit Anfang 2012 leitet machte seine Aussagen im im laufenden NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags.

Zufallsfund?

Bei einer ersten Kontrolle der Merkmale im April 2005 sei nur geschaut worden, ob die Vorgaben zum Schutz deutscher Bürger im Einklang mit dem Fernmeldegeheimnis gewahrt würden. Per „Zufallsfund“ sind die internen Aufpasser damals laut Schindler über zwei Unternehmensnamen gestolpert, bei denen es sich Berichten zufolge um EADS und Eurocopter handelte. Diese seien im juristischen Sinn zwar keine deutschen Firmen, trotzdem habe man sie aufgrund deutscher Beteiligungen fortan ausgefiltert.

BND-Präsident im Geheimdienstausschuss: "Wir sind abhängig von der NSA"
BND-Chef Gerhard Schindler
Bild: BND
Auch eine Dienstvorschrift zum Umsetzen der Vereinbarung von 2002 zur Kooperation mit der NSA in Form eines „Memorandum of Agreement“ (MoA) habe es nicht gegeben, beklagte Schindler. Dies wäre heute gar nicht mehr denkbar. Ferner sei das fehlerhafte händische Kontrollverfahren der Ziellisten 2008 „verfestigt“ worden, als das Filtern in einen automatisierten elektronischen Prozess überführt worden sei. Damals habe die Abteilung Technische Aufklärung der Leitung des BND zwar ein „ungutes Gefühl“ kundgetan.

Dieser Hinweis sei aber „ohne Reaktion“ geblieben, kritisierte Schindler indirekt seine Vorgänger. Letztlich sei er „leider“ nicht über die ersten „systematischen“ Sonderprüfungen der Selektoren im August 2013 unterrichtet worden. Auf Nachfrage fügte er hinzu, dass wohl keine „100-prozentige Überprüfung aller Selektorentypen“ stattgefunden habe. Der Prüfer Dr. T. habe sich bewusst auf IP-Verkehr mit E-Mail-Adressen beschränkt. Eine „Erfassung deutscher Grundrechtsträger“ sei aber generell höchstens ausnahmsweise erfolgt.

Metadaten

Große Folgen habe das Einspielen von Merkmalen, die gegen europäische Interessen verstießen, in der Dienststelle Bad Aibling aber nicht gehabt, führte Schindler aus. Die dortigen Systeme zum Abschnorcheln von Satelliten seien auf „Krisengebiete“ wie Afghanistan ausgerichtet. Dort sei es aber schwer, Abhörziele aus Europa zu finden. Deswegen seien auch bei den Unmengen an Metadaten (Berichten zufolge handelt es sich um 1,3 Milliarden Metadaten pro Monat), die aus Bad Aibling an die NSA gingen, so gut wie keine Informationen über Deutsche dabei.

NSA-Skandal

NSA

Die NSA, der britische GCHQ und andere westliche Geheimdienste greifen in großem Umfang internationale Kommunikation ab, spionieren Unternehmen sowie staatliche Stellen aus und verpflichten Dienstleister im Geheimen zur Kooperation. Einzelheiten dieses totalen Überwachungssystems enthüllen streng geheime Dokumente, die der Whistleblower und ehemalige NSA-Analyst Edward Snowden an sich gebracht und an Medien weitergegeben hat.

Die Snowden-Dokumente hat der BND im Leitungsstab laut dem Zeugen hundertfach überprüft und schier „jedes Chart“ mithilfe von Technikern auseinandergenommen. Es seien aber wenig Bezüge zum deutschen Auslandsgeheimdienst aufgefallen. Zumindest habe es keinen Anlass gegeben, die Selektoren als „Bingo“ und gesondert ins Auge zu nehmen. Ihm habe auch die „Fantasie“ gefehlt, dass die NSA bei einem Abgriff von Daten aus Krisenregionen Selektoren mit EU-Bezug hätte einsetzen wollen.

Bei aller internationaler Zusammenarbeit wollte Schindler klarstellen, dass der BND „für deutsche Interessen arbeitet“. Das G10-Gesetz zur strategischen Fernmeldeaufklärung schütze „nur Deutsche und Ausländer in Deutschland“, meinte der Chefagent, obwohl Verfassungsrechtler anderer Ansicht sind. Spionage gegen europäische Ziele „wäre daher kein Gesetzesverstoß, sondern eine Frage der politischen Bewertung“.

Ablehnungsdatei

Schindler betonte, dass alle Selektoren vor einem aktiven Einsatz in drei Stufen vom sogenannten Davis-System gefiltert würden. Dabei würden mittlerweile auch „deutsche Namen“ geprüft. Dieses Konzept habe er zweimal im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags vorgetragen. Die Ergebnisse seien vor einer möglichen Weitergabe noch einmal kontrolliert worden, um auszuschließen, dass ein Ziel etwa einen Kommunikationspartner angerufen habe, „der Grundrechtsträger ist“.

Seit 2008 seien abgelehnte Selektoren in eine „Ablehnungsdatei“ aufgenommen worden, erläuterte der frühere Fallschirmspringer. Deren Zweck sei es, ein erneutes Einspielen der Ziele zu verhindern. Im August 2013 seien nach der speziellen Prüfung zusätzliche Suchvorgaben in diese Datenbank aufgenommen worden. Diese Datei habe ein Kollege von ihm am 6. März dieses Jahres erstmals ausgedruckt und auf sein Geheiß hin im Bundeskanzleramt präsentiert, noch bevor er sie selbst zu Gesicht bekommen habe.

Ihn habe parallel die Bitte erreicht, ebenfalls in die Regierungszentrale zu kommen. Überrascht hat Schindler nach eigener Aussage vor allem die Größe der Ablehnungsliste. Deren Struktur und das Verfahren, wie die Datei „gefüttert“ werde, sei ihm erst Tage später bekannt geworden.

Verhinderte Anschläge

Generell sei der BND derzeit „so leistungsfähig wie nie zuvor“, gab der BND-Präsident im Gegensatz zum Abteilungsleiter Technische Aufklärung des Dienstes zu Protokoll, der zuvor Lücken bei der Internetspionage gesehen hatte. 19 Anschläge auf die Bundeswehr habe man verhindern können, sagte Schindler. Die Erfolge beruhten aber auf der „unverzichtbaren“ internationalen Zusammenarbeit insbesondere mit der NSA. Ohne diese „könnten wir unseren Auftrag nicht erfüllen“. So sei der BND aktuell etwa im Nordirak auf Technik der USA angewiesen.

Die Kooperation drohe aber „nachhaltig Schaden zu nehmen“, gab der Behördenleiter zu bedenken. In Europa fänden bereits erste Besprechungen ohne den BND statt. Der Dienst habe in Bad Aibling auch nicht die Reißlinie gezogen bei Internet-Selektoren, sondern es sei genau andersherum gelaufen. Jahrelang habe der US-Partner den BND mit Technik und Know-how unterstützt, berichtete Schindler. Die Behörde und die Sicherheit Deutschlands profitierten am meisten davon: „Wir sind abhängig von der NSA. Sie ist unser Partner, nicht unser Gegner.“

Stellenwert des BND

Die nun geführte Debatte über den Stellenwert des BND und dessen rechtliche Rahmenbedingungen bezeichnete der Geheimdienstler als „längst überfällig“. Er habe sich nicht vorstellen können, „dass nach über 50 Jahren diese Grundlagen noch nicht ausdiskutiert sind.“ Die Agenten hätten ein Recht darauf, klare Vorgaben zu erhalten.

Inzwischen hat Schindler eine Kontrollgruppe unter Leitung der Datenschutzbeauftragten der Behörde eingeführt, die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff zu regelmäßigen Besuchen bei der Abteilung Technische Aufklärung gebeten, das Davis-System erheblich erweitert und eine „Beweislastumkehr“ beim Einstellen von Selektoren eingeführt.

Auch das „Abschottungsprinzip“ will er durchbrechen, sodass eine Außenstelle auch nicht mehr sofort davon ausgehe: „Wir regeln das selbst.“ Er habe nach Snowden unterstrichen, dass „jetzt die Stunde ist, alles offen zu legen“. Dies habe dazu geführt, „dass alles gemeldet wird“. Ihm sei nicht bekannt, dass diese Ansage auf bestimmter Ebene gestoppt werde. (Stefan Krempl) / (jk)

BND-Skandal kurz vor der Eskalation – Kanzleramt und Mainstreampresse entgleitet die Kontrolle

Eine weitere Ablenkungsfarce oder ein echter Streit? Nachdem immer mehr Menschen aufwachen und sich die Lügen der Politdarsteller nicht mehr gefallen lassen, könnte es echt sein. Generell kann man sagen, dass massive Bewegungen im Gange sind, dass viele Menschen das Spiel durchschaut haben und Null Lust auf weitere sinnlose Bevormundung, Knechtung und Versklavung haben.

Eine Revolution? Nein, eine Transfomation durch vermehrtes Bewusstsein!

Hier der Beitrag aus www.rtdeutsch.com

Der Skandal um die enge Verwicklung des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND mit der US-amerikanischen NSA droht zu eskalieren. Unter Druck gerät auch immer mehr das Kanzleramt sowie der frühere Geheimdienstkoordinator und jetzige Innenminister Thomas de Maizière. Derweil versuchen transatlantische Strategen mit allerlei Tricks aus der Mottenkiste des Manipulationshandwerkes die Staatskrise zu entschärfen und sondieren dabei erste Bauernopfer. Die Fraktion der Piratenpartei im nordrhein-westfälischen Landtag stellte unterdessen Strafanzeige gegen Teile der Bundesregierung und andere politische Verantwortliche des Überwachungsskandals.

Geheimdienstgegner vor dem Kanzleramt. Quelle: Creative Commons BY-NC-SA 3.0. by nibbler.de

Geheimdienstgegner vor dem Kanzleramt. Quelle: Creative Commons BY-NC-SA 3.0. by nibbler.de

Mindestens 40.000 so genannte Selektoren, Zielvorgaben zur Ausspähung von deutschen und europäischen Unternehmen, Politikern und womöglich auch Privatpersonen, hat sich der Bundesnachichtendienst (BND) vom US-amerikanischen Geheimdienst NSA seit der Jahrtausendwende übermitteln lassen und pflegte diese dann wiederum in die weltweiten Überwachungssysteme der Partnerdienste ein. Mit Hilfe der Selektoren und Analyseprogrammen, wie dem durch Edward Snowden bekannt gewordenen XKeyScore, können die Geheimdienste weltweit dann die digitalen Datenmengen, wie sie etwa im Utah Data Center gespeichert werden, durchsuchen.

Foto: Demonstration gegen Überwachung.

Die Anwendungsgebiete dabei sind vielfach. So kann es ein machtpolitisches Anliegen der US-Amerikaner sein Wirtschaftsspionage, vor allem im Rüstungsbereich, zu betreiben, mit dem Ausspionieren von Politikern können diese in Konfliktfällen aber auch leicht unter Druck gesetzt werden. Eine weitere gesellschafts- und demokratiezersetzende Komponente der gezielten Überwachung ausgewählter Personen ergibt sich aus einer anderen Veröffentlichung von Edward Snowden. Hier steht vor allem der britische Geheimdienst GCHQ im Fokus: Von dessen Arbeitsgruppe “Joint Threat Research Intelligence Group” werden unter anderem Programme wie “The Art of Deception: Training for Online Covert Operations” (“Die Kunst der Täuschung: Training für verdeckte Online-Operationen”) entwickelt, die ganz unverhohlen den Zweck haben, Zielpersonen gesellschaftlich zu zerstören. Dies geschieht vor allem mit der gezielten Diskreditierung von Aktivisten, kritischen Journalisten oder unangepassten Politikern in den sozialen Netzwerken. Das Portfolio der angewandten Diffamierungstaktiken umfasst dabei unter anderem das Versenden gefälschter Nachrichten sowie das gezielte Herabsetzen, Täuschen und Verleumden.

Angesichts der Anwendungsmöglichkeiten der aufgedeckten Überwachungskooperation des BND mit seinen internationalen Partnerdiensten überrascht es, dass einige Kommentatoren hier noch immer von einer “Affäre” sprechen. Skandal oder Staatskrise sind die passenden Bezeichnungen für die nun aufgedeckten Vorgänge. Auch sonst sind zahlreiche Versuche des gezielten Kleinhaltens des Eklats zu beobachten. Nachdem sich die Regierung auf der Bundespressekonferenz seit Tagen um konkrete Aussagen drückt (Regierungssprecher Steffen Seiberts Mantra “Ich habe nichts hinzuzufügen” wurde mittlerweile zum Internethit), “argumentiert” Innenminister Thomas de Maizières nun damit, er könne nichts zu den Vorwürfen sagen, da die seit Tagen öffentlich diskutierten Erkenntnisse “geheim” seien.

Nach NSA-BND Skandal – LINKE-Chef fordert Ermittlungen gegen BND wegen Landesverrats

Spiegel Online kommentiert dazu in einem aktuellen Artikel:

“Der Fall ist eigentlich recht klar: Wie SPIEGEL ONLINE berichtete, machte die Regierung noch vor zwei Wochen über ihre Erkenntnisse zur versuchten Wirtschaftsspionage der amerikanischen NSA falsche Angaben gegenüber dem Bundestag. Am 14. April hatte das Innenressort von de Maizière auf eine Anfrage der Fraktion der Linken mitgeteilt, dass ‘keine Erkenntnisse zu angeblicher Wirtschaftsspionage durch die NSA oder andere US-Dienste in anderen Staaten’ vorlägen.”

Vieles spricht dafür, dass mit de Maizière nun ein Bauernopfer zur geplanten Deeskalation des Geheimdienstskandals gefunden werden soll, auch scheint die in solchen Fällen beliebte Taktik des Derailings, dem gezielten Umlenken der Debatte auf Nebenkriegsschauplätze, wie das der Wirtschaftsspionage, angewandt zu werden.

Ein eindrucksvoll-absurdes Beispiel hierfür liefert der NATO-Berater und so genannte “Researcher für Cybersecurity und Cyberstrategy” Sandro Gaycken in einem aktuellen Gastbeitrag in der FAZ mit dem TitelSpionage? Kein Grund zur Aufregung!”. In der wirren Rechtfertigungsschrift, die von vielen FAZ-Kommentatoren als Satire oder verspäteter Aprilscherz gewertet wird, versucht Gaycken zu erläutern warum er es für unangemessen hält sich “vorlaut und öffentlich” über den BND/NSA-Skandal zu beschweren. Gayckens Meinung nach fehle den Deutschen dafür die moralische Integrität. Ohnehin sei Wirtschaftsspionage – von anderen Aspekten der Überwachung spricht der NATO-Mann erst gar nicht – letztendlich gut für Deutschland, da sie ja vor den gefährlichen Russen schütze, an die man ja auch “sicherheitskritische Komponenten und Infrastrukturen” verkaufe. Da Russland aggressiv sei, und auch andere Regionen der Welt dem Westen nur Böses wollen, sei es sozusagen die fürsorgliche Pflicht der westlichen Geheimdienste, die eigenen Unternehmen, Bürger und Politiker auszuspähen.

Absurderweise schließt NATO-Gaycken seine Darlegung mit Bezug auf den russischen Revolutionär Lenin. Es greife dessen Leitsatz: “Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser”. Das Kanzleramt und ohnehin alle in die Überwachung Involvierten hätten natürlich “korrekt” gehandelt. Gayckens Beitrag ist gleichsam schon der zweite BND-PR-Artikel in der FAZ innerhalb von nur einer Woche. Erst in der Samstagsausgabe der Frankfurter Zeitung erschien unter dem Titel “Der BND im Circus Maximus” ein Leitartikel von Jasper von Altenbockum, der in die selbe Kerbe schlägt. RT Deutsch berichtete darüber.

a

Nicht viel deutet allerdings darauf hin, dass die medialen und politischen Ablenkungs- und Umlenkungsmanöver, oder das Opfern ohnehin angezählter Minister und Behördenleiter, den Skandal einzuhegen vermögen oder den Druck vom Kanzleramt nehmen. Der Grüne Konstantin von Notz, Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, kündigte kürzlich weitere Aufklärungen an. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (DIE LINKE) spricht von einer handfesten Regierungskrise und zeigt sich regelrecht schockiert von dem Eigenleben das die Geheimdienste, allen voran der BND, mittlerweile angenommen haben. Die Ostdeutsche Pau, zu DDR-Zeiten Mitglied der SED, sagt außerdem aus vielfältiger persönlicher Erfahrung sei sie der Meinung, dass Geheimdienste Fremdkörper in einer Demokratie sind.

Derweil stellten die Abgeordneten der Fraktion der Piratenpartei im Landtag von Nordrhein-Westfalen heute Strafanzeige gegen die ehemaligen Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier, Thomas de Maiziére, Ronald Pofalla, den amtierenden Kanzleramtsminister Peter Altmeier, den ehemaligen BND-Chef Ernst Uhrlau, den amtierenden BND-Chef Gerhard Schindler, den ehemaligen Geheimdienst-Koordinator Klaus-Dieter Fritsche und Günter Heiß, den amtierenden Geheimdienst-Koordinator im Kanzleramt.

In der Anzeigeschrift heißt es:

“Gemäß umfangreicher Presseberichterstattungen der letzten Tage soll der Bundesnachrichtendienst gerichtet gegen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger Deutschlands sowie gegen Unternehmen mit Sitz in Deutschland und politisch Verantwortliche Personen seit mehr als einem Jahrzehnt (ca. ab dem Jahr 2001) für den Geheimdienst NSA der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) Kommunikations- und Datenverkehr jeglicher Art abgehört und abgefischt, aufgezeichnet und kopiert sowie diese dem oder den USA-Geheimdiensten zugänglich gemacht haben.”

[…]

“Ob und – ggf. – inwieweit Regierungsmitglieder der in den jeweiligen Legislaturperioden seit Anfang der 2000er Jahre involviert waren oder sind, wird in das Ermittlungsermessen des Generalbundesanwalts gestellt.”

Die Liste der politisch Verantwortlichen für den Geheimdienstskandal dürfte bereits annähernd komplett sein. Es fehlt eigentlich nur ein Name: Angela Merkel.