Das Gänsefüßchen

„Das im Januar aufgestellte Rekordhoch von 25.507 Punkten verblasst langsam zu einer Erinnerung.“ Tagesschau, Marktbericht 17.02.2026, ca. 7:15 Uhr.

Diesen Satz las ich und stockte, weil doch Erinnerungen meistens verblassen. Ich las ein weiteres Mal und stockte wieder, weil Ereignisse wie das hier beschriebene Rekordhoch, als Erinnerung ebenfalls verblassen können. Aber nichts, was ich kenne, kann zu einer Erinnerung verblassen. Ereignisse werden zu Erinnerungen, die verblassen. Ein Ereignis verblasst, wenn wir uns daran nicht erinnern. Einer Erinnerung verblasst, wenn wir uns daran nicht erinnern. Der Satz ist also großer Quatsch, entschied ich mich.

Trotzdem. Es ließ mir keine Ruhe und so googelte ich: verblasst zu einer Erinnerung. Die KI-Antwort lautete: „Das Verblassen zu einer Erinnerung ist ein natürlicher Prozess, bei dem Gehirnnetzwerke, insbesondere der Hippocampus, Langzeiterinnerungen konsolidieren und die Lebhaftigkeit von Erlebnissen mit der Zeit schwächen.“ Der Fokus der Suche in den Einträgen darunter lag tatsächlich auf der verblassenden Erinnerung, wir erinnern uns: erster Absatz!

Also suchte ich erneut, diesmal jedoch setzte ich die Phrase in Anführungszeichen: „verblasst zu einer Erinnerung“. Nun lautete die KI-Antwort folgendermaßen: „Der Ausdruck „verblasst zu einer Erinnerung“ beschreibt den Prozess, bei dem ein intensives Erlebnis, eine Person, ein Moment oder ein Gefühl mit der Zeit an Kraft, Schärfe und emotionaler Relevanz verliert.“ Der Fokus in den Einträgen unter der KI-Antwort hatte sich ebenfalls verändert, plötzlich wurden mir lauter Zitate angezeigt. Und wo finden sich all diese Zitate? In einem Buch von Emily Stone, „Kein Winter ohne Dich“. Wozu Anführungszeichen doch alles gut sein können.

Diesen Wort-für-Wort-Beitrag müssen sie gelesen/verachtet/ignoriert haben

Um das Vorfeld dieser plakativen Überschrift soll es heute einmal gehen. Das Vorfeld ist der Bereich des Satzes, der sich vor der finiten Verbform [Prädikat (Prädikat: das zentrale Satzglied, das Handlung, Zustand oder Vorgang ausdrückt)] befindet. Steigen sie aus, solange Sie noch können!

Es geht natürlich nicht um meine Rubrik „Wort für Wort“, sondern um das kleine Wort „diesen“. „Diesen“ gehört wie alle seine Ableger zu den sogenannten Demonstrativpronomen und stellt eine (unnötige) Konkretisierung gegenüber eines durch Artikel gekennzeichneten Nomens dar. Manchmal ist diese Konkretisierung nötig, wenn man es mit besonders begriffsstutzigen Gegenübern zu tun hat, und dann können wir froh sein, dass wir solch ein direkt wirkendes Werkzeug in unserem Werkzeugkasten haben. In den meisten Fällen ist so etwas aber nicht notwendig.

Die Zunahme von Demonstrativpronomen im Alltagsdeutsch zu erklären, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Deshalb widmen wir uns auch nur diesem einen Umstand, der sicherlich schon einigen von uns aufgefallen sein wird. Ach so, es geht natürlich nicht um jenen und auch nicht um den, wenn es zur Einleitung eines Nebensatzes benutzt wird. Es geht tatsächlich nur um „dieses“ Demonstrativpronomen.

Ein häufiges Problem mit „diese, dieser, diesen“ möchte ich an dieser Stelle einmal mit Schmerzen vergleichen, die uns immer mal wieder ereilen. Schmerzen sind etwas Natürliches, sie warnen uns, retten womöglich unser Leben, und für viele, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, sind sie ständiger Begleiter. Genau um diese Schmerzen geht es. Mir tut seit Jahren die Hüfte weh. Am Anfang war ich besorgt, ich ging zum Arzt. Es wurde geröntgt, untersucht, getestet. Es wurde mir eine Sportlerhüfte attestiert. Ich fühlte mich geschmeichelt, Schmerzen habe ich trotzdem. Am Ende gewöhnte ich mich an die Schmerzen, und mittlerweile nehme ich sie kaum noch wahr. Man nennt das Schmerzadaption.

Diese Schmerzadaption nehme ich derzeit wahr, wenn ich mir Artikel im Internet anschaue, und ich bin einigermaßen besorgt, was das mit mir macht. Artikel, die mit „dieser, diese, dieses“ beginnen oder in der Überschrift enthalten, sprechen mich plötzlich nicht mehr an. Sie kommen zu häufig vor, behandeln mich wie einen Begriffsstutzigen und verlieren dadurch natürlich an Wert, ohne den Inhalt des Artikels überhauptwahrgenommen zu haben. Das ist manchmal schade, meistens jedoch richtig, denn diese Artikel sind nicht selten dummes Geschwätz, weisen auf nichts Besonderes hin und verschleifen damit am Ende die hinweisende Dringlichkeit des Einsatzes des Demonstrativpronomens „diese, dieser usw.“

Dieser Artikel sollte kein dummes Geschwätz sein, Sie sind bestimmt auch nicht begriffsstutzig, werte Leserinnen und Leser. Lernen wir also mit diesen Schmerzen zu leben. Preisfrage: Zählen Sie alle „dies…“ in diesem Artikel und senden Sie diese Antwort an das Medium Ihres Vertrauens.

edit: Zählen Sie die „dies…“ in den Überschriften des Mediums Ihres Vertrauens. Der/die Gewinnerin darf sich dann ein neues Medium aussuchen.

Irgendwo bellte ein Hund XI

J.G. Ballard, Die Dürre, diaphanes 2023, S.66.

„Türen knallten, und der Wagen wurde zur Straßenmitte katapultiert, prallte auf einen Kleinlaster, dessen Kühlergrill er demolierte, rollte dann über die Böschung und stieß mit der Motorhaube seitlich gegen ein leeres Cabriolet. Ein Netz feiner Risse überzog die Windschutzscheibe, Fenster splitterten und fielen auf die Fahrbahn.

Irgendwo jaulte ein Hund.“

Fachfremd

Ich habe heute eine denkwürdige Fachkonferenz erlebt. Kunst, Werken und textiles Gestalten, kurz K,W und TG. Nicht nur dass es wohl nach mehr als einem Jahrzehnt endlich ein neues Kerncurriculum zu feiern gab, war Grund für diese Versammlung. Darüber hinaus durften mit meiner Wenigkeit drei neue Teilnehmerinnen begrüßt werden, im Übrigen genauso wie ich fachfremd. Bis auf unsere Leitung gibt es an unserer Schule sowieso keine studierten Fachkolleginnen für diesen mehr als stiefmütterlich gehegten Teil. Und so erfuhren wir nicht nur um die Synergieeffekte mit anderen Fächern, denn die Zeit für drei Fachbereiche innerhalb eines Unterrichtsfaches, das sich sein Kontingent auch noch mit den Stunden für das Fach Musik teilen muss, wir erfuhren auch gleich, was man aus kleinen Schnipseln und Resten noch so alles basteln kann.

Ein kleines quadratisches Stück Papier wurde durch uns mehrmals gefaltet, neu zusammengesetzt und fungierte am Ende als Lesezeichen. Da jede Klasse von uns ein Maskottchen hat, meine Klasse ist die Wolfklasse, durften wir am Ende mit Stift, Schere und Kleber die Lesezeichen tiergerecht gestalten. Ich hatte zwei solche kleinen Quadrate und dachte, die Ohren und den Schwanz, die ich ankleben sollte, schneide ich davon ab. Ich hielt die Schere schon zum Schnitt bereit, da erscholl ein „Halt“ durch den Raum und unsere Fachleitung stürmte mit einer ehemaligen Obstschale mit Papierresten auf mich zu. Ich solle Schwanz und Ohren doch hier aus den Resten schneiden, das Quadrat könne man ja noch benutzen, um der Elefantenklasse ein Lesezeichen zu basteln.

Nachdem die wirklich wichtigen Aufgaben verteilt worden waren, nämlich das schulinterne Curriculum auszuformulieren und fertigzustellen, durften wir ein weiteres Mal basteln. Wäre im Anschluss nicht die Gesamtkonferenz angesetzt gewesen, wäre ich spätestens jetzt aufgestanden und gegangen. So aber blieb ich und setzte mich an meiner selbstgewählten Station mit der Ausgestaltung eines Weihnachtssterns aus einem alten Teelicht auseinander. Upcycling mit spraakvansmaak.

Man nehme das leere Teelicht und schneide es von oben herab senkrecht nach unten auf. Dies mache man in kurzem Abstand so lange, bis das Teelicht von allen Seiten eingeschnitten ist. Dann biege man die eingeschnittenen Rechtecke nach unten und nehme eine Schere, um die Ecken so abzuschneiden, das kleine Spitzen entstehen. Fertig ist der Stern. Mit einer Prickelnadel sollte ich dann noch Löcher einstechen, möglichst regelmäßig, und eines ganz oben in eine selbstgewählte Spitze. Dort sollte der Bindfaden eingefädelt werden. Habe ich gemacht. Wir waren zu zweit an unserer Station und hatten jetzt wirklich keine Lust mehr, zumal die letzte Aufgabe darin bestanden hätte, die Anleitung stichpunktartig auf einem Zettel zu notieren, obwohl sie uns bereits ausformuliert zur Verfügung stand. Die hierfür eigens kopierten Blätter waren im A4-Format und hätten durchaus kleiner sein können. Aber da wollte ich jetzt mal nicht so sein, denn wir hatten dafür sowieso kaum noch Zeit. Ich beließ es damit, mir die ausformulierte Anleitung abzufotografieren und versprach mich mit der Hausaufgabe.

Einen kleinen Seitenhieb gönnte ich mir zum Schluss aber noch. Ich hielt meiner Fachleitung die ausgeschnittenen Metallecken aus dem Teelicht vor die Nase und sagte, die hätte ich extra für sie aufgehoben. Meine Kollegin, die mit mir die Station bestritten hatte, grinste schon. Unsere Fachleitung freute sich und hielt mir dafür eine von ihren Plastikschalen hin, wo ich die Reste doch hineintun könne. Mein Grinsen erstarb, der Gag brannte nicht einmal halb so lange wie das Teelicht zu seiner besten Zeit und meine Kollegin flüsterte mir im Vorbeigehen zu, ich solle sie nicht verraten, sie hätte die Ecken weggeschmissen.

Eiporno

Information: Ein Pappkarton für 10 Eier. Darauf ein mehrheitlich roter Informationszettel, dessen Mitte von einem sogenannten Serviervorschlag geprägt ist. Der Serviervorschlag beinhaltet ein weißes und ein braunes Ei und etwas Stroh. Mehrere Schriftzüge finden sich auf dem Papier.

Zitat:   Jeden Tag (kursiv im roten oberen Teil)

            10 Eier aus Bodenhaltung

            Güteklasse A (links vom Serviervorschlag)

            Initiative OHNE KÜKENTÖTEN (gelbes Emblem mitten im Serviervorschlag)

Serviervorschlag (Hinweis auf den Serviervorschlag am unteren Rand des Serviervorschlags)

Kommentar: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Eierpackung kam mir unter, als ich unsere Eier vom Bauern holte, der sich gern der Packungen bedient, die ihm wieder mitgebracht werden, um eigene zu sparen. Wann ich das letzte Ei aus dem Supermarkt gegessen habe, kann ich leider nicht sagen. Aber ich esse täglich Eier, was aus dem ganzen Wust an Informationen auf dieser kleinen Verpackung dann noch die Unverfänglichste sein mag.

Das Siegel, dass der Eierlegebetrieb ohne Kükentöten auskommt, ist eine hundsgemeine Verfremdung der Tatsachen. Schließlich wird das Kükentöten hier – wie so oft – einfach auf den Verbraucher umgewälzt, der sich jetzt fragen muss, ob er sein ungeborenes Küken im Ei jetzt lieber doch nicht isst, sondern ausbrütet. Auf diesen Hinweis kann jemand, der diese Eier zum Verzehr kauft, wirklich verzichten. Im Übrigen ist es auch so, dass die Kleinteiligkeit der Arbeitsschritte auf dem Weg vom Huhn zum Ei sowieso nicht vom Eierproduzenten, also dem vorvorletzten in dieser langen Kette (der vorletzte ist der Händler, der letzte der Verbaucher) mitgestaltet werden. Bevor so ein Huhn ein eierlegendes Ungetüm wird, hat es etliche Zuchtbetriebe durchlaufen, sozusagen vom Ei zum Huhn. Der Eierproduzent hat also ein Herz für Küken, mehr als dieses profane Lippenbekenntnis bleibt da leider nicht übrig. Das ist ungefähr so wie ein Label von sauber produziertem Palmöl auf einem Nutellaglas.

Das wirklich entsetzlichste auf diesem Schild ist jedoch der Serviervorschlag. Statt eines Spiegeleis oder eines schönen gekochten Eis in einem Eierbecher wird hier auf die natürliche Umgebung eines Hühnereis angespielt. Eine weiße, sterile Unterfläche, bestreut mit Strohhalmen und wahllos herumkugelnden Eiern. Die Frage, warum hier Stroh liegt, böte sich an, das ist wie in einem Porno, einem Eiporno.

Durst

Wenn es so warm ist, wie in den letzten Tagen, dann bekommt man das im Klassenraum zu spüren, der nach Süden ausgerichtet ist. Da hilft auch kein Außenrollo, kein Querlüften. Arbeitstempi werden verlangsamt, Erklärungen häufen sich und das Ploppen und Zischen von Deckeln und Flaschen begleitet den ganzen Tag. Mist nur, wenn man sein Getränk zu Hause vergessen hat. Den hochroten Kopf darauf angesprochen, erhalte ich genau diese Erklärung. Da steht sie gut, die Flasche, sage ich und biete an, dass er doch in die Küche gehen möge, um sich ein Glas zu holen, Wasser haben wir ja aus dem Hahn.

Keine Reaktion. Darauf angesprochen, was denn das Problem sei, höre ich nur, das Wasser sei das Problem. Es überwiegen im Klassenraum Getränke, die – als Schorle getarnt – mehr Zucker enthalten, als gut ist. Apfelschorle ist der Renner, steht an jedem zweiten Platz. Wasser hat niemand dabei, also weder Mineralwasser noch Leitungswasser. Achso, sage ich also und lasse den armen Jungen weiter darben. Dursten bei spraakvansmaak.

In der fünften Stunde nach der zweiten großen Pause, die Temperaturen klettern auf fast 25°C, steht er dann doch auf. Er wolle sich jetzt ein Glas Wasser holen. Herzlichen Glückwunsch, sage ich und stimme ein Loblied auf das tolle Trinkwasser an, das wir hier haben und einfach so aus unserem Hahn plätschert. Die anderen Kindern schauen pikiert. Ich spreche eine Schülerin mit Apfelschorle direkt an und sage ihr, dass ja der Großteil ihres Getränks auch nur Wasser wäre. Da muss sie doch glatt nachgucken, ob das stimmt. Ich erkläre noch, dass die mit größtem Anteil am Produkt zu nennende Zutat immer ganz vorne stehen muss. Und da steht, wer hätte das gedacht: Wasser. Trinkwasser, gut aufbereitet und gereinigt. Der Apfel aber, ja, der Apfelbaum, der zieht sein Wasser direkt aus der schmutzigen Erde und lässt es in seine Früchte fließen, die wir dann ausquetschen und dem wirklich gesunden Wasser beimengen, um ein bisschen Geschmack und ganz viel Zucker zu erhalten.

Das dachte ich nicht nur, sondern sagte es auch, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Iiihhh, sagt sie, das trinke ich nicht mehr.

Theater

In nicht gerade Nachbarschaft zu unserer Schule befindet sich ein Theater, das zur Weihnachtszeit immer ein paar Stücke für Kinder aufführt. So auch dieses Jahr. Unsere Schule hatte bereits im Oktober geplant, Karten bekommen, Busse gechartert. Alles in Sack und Tüten. Die meisten Kinder freuten sich schon eine Woche vorher darauf – nicht auf das Theater, sondern auf die Busfahrt, weil sie noch nie mit einem Bus gefahren sind. Das finde ich ungeheuerlich, dass Kindern auf dem Land die Busfahrt verwehrt wird. Zweimal in der Woche habe ich Busaufsicht, es ist sehr übersichtlich.

Meine eigene Klasse habe ich auf den Besuch des Theaters vorbereitet. Schließlich war ich lange genug dort tätig, um ein bisschen was mitzubekommen. Dass zwar Sitze wie im Kino sind, aber weder gegessen noch getrunken werden darf. Dass es als Kindertheater auch mal ok ist, wenn die Hauptfigur mit lautem Rufen vor einem Bösewicht gewarnt wird. Dass am Ende geklatscht werden muss, bis einem die Hände bluten, wenn es toll war. Solche Sachen eben.

Als wir dort ankamen, war es draußen kalt, die Kinder hatten Hunger und durften ihre Rucksäcke nicht mitnehmen, in denen ihre Verpflegung steckte. In diese Anweisungen mischte ich mich nicht mit ein, weil ich an dem Tag, als das beschlossen worden war, Busaufsicht hatte und Frust aufkam, weil der Bus nicht kam. Ich musste den zwei Buskindern ihre Muttis anrufen und eine von ihnen herbestellen, um ihren Sohn und das andere Kind abzuholen. Deshalb war ich bei den Beschlüssen nicht dabei und meine Kinder schoben Hunger. Diät mit spraakvansmaak.

Gut war, dass ich lautes Magenknurren nicht verboten hatte, der Rest war noch besser, eine einzige Verfehlung. Meine Klasse verhielt sich leider fast tadellos, wurde aber von Kindern im zweiten Rang angespuckt. Die kleinen Klassen, also eins bis drei, waren so laut, dass selbst die Schauspielerinnen und Schauspieler zwischendurch fragten, ob sie jetzt mal weiterspielen dürfen. Ständig hielt es die Kinder ganz vorne (1. Klasse) nicht mehr auf den Sitzen. Sie brüllten, klatschten, heulten. Insgesamt ein gelungener Abend, nur vormittags.

Das Stück selbst war nett. Die Bühne recht aufgeräumt, verstellt von ein paar Klüften auf einer Drehscheibe, je nach Szene drehte sich das Ding und stellte eine andere Kulisse dar. Ronja Räubertochter und ihre Räuberbande schlüpfte in diverse Rollen, manche von ihnen in drei verschiedene. Die Kinder merkten davon nichts, die waren ja beschäftigt.

Am Ende gab es für alle Kinder ein Ausmalbild auf der Rückseite eines überdimensionalen Flyers (A4) zum Theaterprogramm auf Hochglanzpapier. Wenn Franz Hodler Ronja Räubertochter gemalt hätte, so würde sie aussehen. Auf Hochglanzpapier! Ausmalbild! Das ist der Anforderungsbereich drei, den ich in Klassenarbeiten nur ganz spärlich einsetzen darf, sonst werden die Noten zu schlecht.

Gefühlt umarmt

Grundschule. Saß mit einer meiner Töchter im Auto, als sie mich plötzlich umarmte. Dann fragte ich sie, ob sie das auch bei ihrer Klassenlehrerin täte. Nein, war die Antwort nebst einem verständnislosen Blick. Ich werde ständig umarmt. Anfangs fand ich das sehr befremdlich, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt – deshalb meine Frage. Ich bin der einzige Lehrer. Mir geht es wie allen Kolleginnen. Wenn wir am Morgen über den Schulhof laufen, kommen einzelne Schülerinnen an und umarmen uns. Ich gebe zu, es sind weniger die Jungen. Ich kann mit Gewissheit sagen, es sind Alleinerziehende, deren Kinder sich einen „hug“ abholen. Andere Übereinstimmungen habe ich bisher nicht ausgemacht. Kuscheln mit spraakvansmaak.

Als ich einen Jungen mit Vehemenz auf die fehlende Unterschrift auf einem Elternbrief hinwies und diese zum wiederholten Mal einforderte, gab es eine solche Umarmung auch von ihm, sozusagen als Bestätigung der Ankunft meiner Botschaft. Am folgenden Tag hatte ich die Unterschrift.

Ich weiß nicht, wie ich mich diesbezüglich verhalten soll. Ich lasse das erstmal zu. Es ist spontan, wirkt irgendwie aufrichtig und irgendwie seltsam, weil distanzlos.

Es bleibt niemand davon verschont, selbst meine Schulleiterin nicht, die in gänzlich anderer Position auf die Kinder schaut und aus dieser Position heraus auch wahrgenommen wird. Ich bekam eine Nackenmassage, während ich die Ergebnisse der Bundesjugendspiele errechnete. Einen Reim kann ich mir darauf nicht machen, jedenfalls nicht mehr als das hier Geschilderte. Es scheint nur eine Geste zu sein, ähnlich dem Zahnseidetanz oder dem Torjubel von CR7, es könnte aber auch mehr sein. Ich weiß es nicht.

Ich habe mein Engagement jetzt um ein Jahr verlängert, weil ich als Klassenlehrer einer dritten Klasse in Verantwortung bin (es gäbe niemanden, der den Job sonst machen könnte, außer eine neuerliche Interimslösung, das will ich den Kindern nicht antun). Ich beobachte das.

Irgendwo bellte ein Hund X

Wolfram Lotz, Heilige Schrift I, Fischer Verlag 2022, S. 658.

GO WHERE YOUR ROUTINE CAN’T blinkt da, schon klar, mach ich ja, weiter jetzt, Broadway hoch, Vögel im Gebüsch, nach rechts in die 48. Straße, den Kiesweg den Weinberg hoch, Blick in die Ebene, hinten der Schwarzwald im Dunst, zwei Arbeiter zwischen den Reben, was besprechend, ein Hund bellt von weit her;