Wolfram Lotz, Heilige Schrift I, Fischer Verlag 2022, S. 658.
GO WHERE YOUR ROUTINE CAN’T blinkt da, schon klar, mach ich ja, weiter jetzt, Broadway hoch, Vögel im Gebüsch, nach rechts in die 48. Straße, den Kiesweg den Weinberg hoch, Blick in die Ebene, hinten der Schwarzwald im Dunst, zwei Arbeiter zwischen den Reben, was besprechend, ein Hund bellt von weit her;
Ich fühle mich leicht provoziert, aber wo ein Hund bellt, da bin ich zur Stelle.
„Vor einer blauen Mülltonne, aus der eine Krähe ein Stück Pappe zieht, auf einem größtmöglichen Plakat die Botschaft: Willkommen daheim. Irgendwo bellt ein Hund. Einer lässt von seinem Audi die Reifen (soooooolche Schlappen!) quietschen. Der nächste Bus kommt in zwei Stunden“
Natürlich lese ich dort, ist Pflichtlektüre. Niemand kann Orte so schön beschreiben wie er.
„In der Tiefe, unten in Müngsten, nahm ich einige wenige Lichter und Laternen wahr, ich hörte irgendwo einen Hund bellen, und da war das leise Plätschern der Wupper, zu meiner Überraschung, schließlich war der Fluss über 100 Meter entfernt.“
Gebell von fernen Höfen empfängt von jeher jeden Fremden, der unangemeldet aufkreuzt, aus gutem Grund: Es könnte stets die Gendarmarie sein. Überall in den verstreuten Tälern des Bergischen Landes hatte sich steckbrieflich gesuchtes Gesindel breit gemacht, das sich in den großen Städten an Rhein und Ruhr nicht mehr blicken lassen konnte, aus welchen Gründen auch immer. Es ist dieses dunkle Erbe, das dem Bergischen Land bis heute zu schaffen macht.
Ein Missverständnis führte am Ende des ersten Halbjahres dazu, dass ich im zweiten Halbjahr mein gesamtes Stundenkontingent an einer Grundschule durchbringe. Zu tun hatte dies auch mit glücklicher Einstellung neuer Kolleginnen an der einen Schule und großer Not an der anderen. Leider ist es die Schule geworden mit dem längeren Fahrtweg. Glücklicherweise die auf dem Land.
Vor den Ferien hat mich meine Schulleiterin gefragt, ob ich nicht verlängern wolle. Ich bejahte spontan, denn mein neuer Stundenplan versprach Abwechslung. Neben Deutsch viel Mathe und wenig Sachunterricht, jetzt gar keinen mehr, sondern nur noch Deutsch und Mathe. Wenn mein Mathelehrer wüsste, dass ich jetzt an einer Grundschule Mathematik unterrichte, der würde lachend tot umfallen. Nun ist er aber schon tot, liegt also schon, da hat er auch nichts mehr zu lachen.
Von der Addition zur Multiplikation überzugehen in einer zweiten Klasse, die rauchenden Köpfe zu beobachten, mit und um das Verständnis zu ringen, wieder und wieder, mal mit der Hand, mal mit den Ohren, mit den Augen, mit einfach allen Sinnen Zahlen und Rechenoperationen zu verarbeiten, das ist schon etwas Einmaliges, wenn man das, so wie ich, zum ersten Mal erlebt. Rechenspaß für spraakvansmaak.
Wie viele „Aha-Momente“ es da schon gab, und dann wieder „ach nee, doch nicht“, Versuch und Irrtum, große Klappe, ganz große Klappe, stille Mäuschen mit fragenden Blicken und erst ein einziges Mal den Satz: „Ich verstehe das nicht.“, weil sie alle wollen und nur einmal dachten, sie kommen später im Ganztag so um ihre Hausaufgaben herum. Klappte aber nicht, die Kolleginnen dort sind auf Zack.
Am Ende der Stunde stehen alle auf und wir zählen durch. Die Kinder dürfen dann bestimmte Zahlen nicht aufsagen, mal alle Zahlen der Viererreihe nebst allen Zahlen, die eine 4 enthalten, wie zum Beispiel die 14. Dann nehmen wir die 6er, dann die 7er oder die 3er. Wer eine Zahl aus der Reihe nennt, scheidet aus. Wenn wir das am Ende nicht spielen, sehe ich enttäuschte Gesichter, so simpel ist das.
Information: Ein Pappschild, schwarz mit weißer Schrift, von unten an eine Glasablage geklebt.
Zitat: Wir verwenden zur
Gelierung unserer Produkte
nur rein pflanzliche Pektine
„Kuchen braucht kein Schwein!“
Kommentar: Der erste Satz ist zu vernachlässigen, denn er enthält ja lediglich die Information, dass es sich bei den angebotenen Kuchen um Produkte handelt, die rein vegetarischer Natur sind. Es ist der zweite Satz, der Aufmerksamkeit verdient.
Wir können uns dem Phänomen auf zweierlei Art nähern. Zum einen sind da die vielen Redewendungen, die sich auf das Schwein beziehen, ja, ohne dies gar nicht auskämen. Denken wir nur an „Das kann kein Schwein lesen!“ oder „Schwein gehabt!“ oder eben das hier verwurstete „Das braucht kein Schwein!“ Tja, und spätestens hier fällt plötzlich auf, dass die Annäherung gut funktionieren könnte, wenn…
Ja, wenn. Wenn da nicht dieser kleine Makel anhinge. Ich habe jetzt gefühlt seit Ewigkeiten nach dem grammatikalischen Fachbegriff gesucht – zwischenzeitlich bin ich sogar bei Genette gelandet, der ja mit Sprache gar nichts am Hut hatte, für den zählte ja nur Literatur – bis ich einsehen musste, dass ich nicht nur vergessen habe, was es ist, sondern auch wo es steht. Nennen wir es also einfach syntaktische Fokussierung. Was meine ich damit? Ein typischer deutscher Hauptsatz besteht im Deutschen aus mindestens einem Subjekt, einem Prädikat und vielleicht noch einem Objekt, so wie das in unserem Beispiel auch der Fall ist. Ein typisch deutscher Hauptsatz hat allerdings auch genau diese Satzgliedstellung: Subjekt Prädikat Objekt, kurz SPO. Wenn wir aber eine syntaktische Fokussierung vornehmen wollen, so dürfen wir im Deutschen dem Objekt, obwohl es dem Prädikat und dem Subjekt untergeordnet ist, eine größere Bedeutung beimessen und es nach ganz vorn in die Reihe stellen, also OPS. Das machen wir vor allem dann, wenn uns das Objekt entweder besonders oder überhaupt nicht wichtig ist, wie in dem Fall des oben genannten Sprichworts: „Das braucht kein Schwein!“. „Das“ ist in diesem Fall das Objekt, denn Schweine brauchen „das“ nicht. Die Frage nach dem Objekt, genauer hier: Akkusativobjekt, ist immer „Wen oder was braucht kein Schwein?“ Und sie antworten entweder mit „das“ oder „Hosenträger“, „Lachstartar“ etc.
Und nun schauen wir doch einmal gemeinsam auf den Satz auf dem Foto. Natürlich könnte dieser Satz auch einem Kuchenhasser herausgerutscht sein und es sich bei dem „Kuchen“ um das Objekt handeln, aber erst andersherum, als Subjekt, entfaltet der Satz seine ganze Wirkung. Der Kuchen ist Subjekt, das Schwein ist Objekt, weil es für Kuchen eben kein Schwein braucht, wenn auf tierische Gelatine verzichtet wird. Ungewohnt gewöhnlich kommt dieser Satz also daher. Das macht diesen Satz so besonders. Ein toller Satz!
ges|tern, du gestertest, du hast gegestert (ugs. für die Vergangenheit schwärmend)
vor|ges|tern, du vorgesterst, du hast vorgegestert [fachspr. die Zukunft als bereits geschehen betrachten, nur unter Sprachwissenschaftlern (vgl. Futur II) und Zeitreisenden gebräuchlich]
Dies Schuljahr treibe ich mich an zwei Grundschulen gleichzeitig herum. Bis auf die Montage und Freitage heißt das, ich fahre während der Pausen von einer zur anderen Schule. Manchmal auch montags von einer zur anderen, weil natürlich der Konferenztag der einen Schule am Montag ist und ich diese Schule am Montag sonst nicht besuche. Die Grundschulen liegen nur 10 Minuten Fahrweg auseinander, erschwert und verlängert durch ein paar Vollsperrungen.
Die Schulen sind sich nicht so ähnlich. Während die eine ein eher städtisches Milieu anzieht und anstrengende Eltern hat, ist die andere sehr ländlich geprägt mit der entsprechend weniger besorgten Elternschaft. Das zeigt sich auch bei der Lektüre, die ich im Unterricht gerade lese. Beschwerden bezüglich der Brutalität der Texte gab es nur aus der städtischen Schule. Dabei lese ich doch nur „Der Zauberer der Smaragdenstadt“. Ich gebe zu, die Stelle, als der Menschenfresser geköpft wird, ist schon ein wenig brutal, aber erinnern möchte ich hier nur einmal kurz an die Grimmmärchen, bei denen Hexen in Öfen verbrannt werden, Wölfen die Bäuche aufgeschnitten werden und Frösche an der Wand zerschellen.
Ich habe auf die Mail der Elternvertreterin natürlich vorbildlich reagiert und angemerkt, dass ich solche Stellen in Zukunft vermeiden werde vorzulesen. Und just ein Kapitel weiter war es dann soweit. Eine Wildkatze wird enthauptet, was der Königin aller Feldmäuse das Leben rettet. Noch im Leseprozess begriffen, denn ich hatte mich gar nicht richtig vorbereitet, änderte ich den Text ab und ließ die Wildkatze nur verjagt werden, was zwar noch weitere spontane Textänderungen im Lesefluss evozierte, aber letztlich komplett gelang. Dumm nur, dass ich gerade an der falschen Schule war.
Wir haben diese Woche Fahrradprüfung an der Grundschule. Es ist ein Jammer. Gestern war ich der besseren Aufsicht wegen doppelt gesteckt, denn der eigentliche Akteur war der Polizist hier vor Ort. Als ich in seiner zweiten Stunde dazustieß, war die Luft im Raum so schlecht, dass ich am liebsten gleich wieder hinausgegangen wäre. Ich öffnete dann erstmal die Fenster, was die Kinder leider nicht vom Desinteresse und Gähnen abhielt. Polizisten sind eben keine Lehrer.
Als ich in meiner zweiten Stunde dann endlich Deutsch machen durfte, war die Luft vollends raus, deshalb hatte ich mich heute noch einmal bei meinen Kindern beschwert, wie Scheiße das gestern gelaufen wäre und dass ja ihr Leben davon abhinge undsoweiter. War natürlich wieder die letzte Stunde und verpuffte wohl genauso. Als ich einer Schülerin, die plötzlich lauthals gähnte einen Einlauf verpassen wollte, was von Respekt faselte, verschwand sie kurzerhand unter dem Tisch, um ihren verlorengegangenen Bleistift zu suchen. Ich redete mit ihrem Rücken. Als sie wieder auftauchte, war ihr nicht bewusst, worin ihre Fehler bestanden. Ich hätte es auch beinahe vergessen, weil ich mich an mich erinnerte, als ich 10 war, atmete tief durch und verbuchte die Aktion unter „Misslungen“.
In der Parallelklasse hatte ich dann den gleichen Polizisten beim Üben des Linksabbiegens mit dabei. Wir übten auf einer verkehrsberuhigten Straße in einem Wohngebiet. Ich war größtenteils Staffage bzw. dafür gut, die Kinder anzuschnauzen, wenn es nicht lief, denn ich kannte die Namen aller Beteiligten. Weil sich zwei dermaßen stritten und ständig ihre Räder aneinander stießen, musste ich sogar einschreiten und eine Schülerin so sehr zusammenstauchen, dass sie danach nicht einmal ihr Rad ohne meine Einwilligung bewegen durfte. Es tat mir auch leid, vor allem ihr bedröppelter Gesichtsausdruck dazu rührte mich, aber es ging einfach nicht anders.
Wegen der beiden Ukrainer weiß ich jetzt, dass Ruka Hand bedeutet. Den Rest habe ich radebrechend auf Russisch erklärt, so dass sie aus der Beobachtung, was ihre Mitschüler tun, mitbekamen, was ich von ihnen wollte. Davay, davay mit spraakvansmaak.
Und noch etwas habe ich gelernt: Die meisten haben zwar gemacht, was sie sollten, weil sie es so gesagt bekommen haben, den Zweck hatten aber die wenigsten verstanden. Bis dann plötzlich Bewegung in die Sache kam und Verkehr auf die Straße rollte, der nicht aus meiner Klasse war. Man konnte die Synapsen singen hören, als da hinter den Kindern auf einmal ein Auto wartete und geduldig jede Schlappe, jedes halbherzige Umsehen, Armheben, Schlenkern und Spurwechseln mit monotonem Brummen des Motors quittierte. Kinder, die erst die Autos vorbei lassen wollten, wies ich an, sich vorher einzuordnen. Fast alle erwischten über kurz oder lang ein Auto hinter sich. Nervosität, Respekt vor dem brummenden Ding stellte sich ein, was sich der Polizist längst gewünscht hatte und ich mit all meiner Überzeugungskraft nicht in die Hirne einiger Kinder verpflanzen konnte. Ein guter Tag.