Current Track: Blabb
KEYBOARD SHORTCUTS

                    Drachenmenschen

                                                                                            18. Zurück in ein neues Leben

Nach einer ruhigen, liebevollen Nacht weckt uns Ti mit ihrem Ruf zum Frühstück. Wir beide machen noch einen Abstecher in das Warmwasserbecken ehe wir zu Ti auf die Terrasse gehen. Sie hat das natürlich noch eingeplant und kommt gerade mit frischem Kaffee und Tee.

Das Frühstück vergeht recht still, jeder hängt seinen Gedanken nach – Tali macht sich offensichtlich doch ein paar Sorgen, wie es ihr unter den Menschen und den Drrékh wohl gehen wird. Ti hingegen wirkt freudig – so gut es ihr hier auch gefällt, aber noch ist ihr Partner und damit ihre Heimat in der Welt drüben. – Tja und ich… ich weiß einfach nicht, was von mir erwartet wird. Ich bin ja nicht mal richtig ein Drrékh gewesen und soll jetzt ein richtiger Drache sein, ohne wenn und aber… Andererseits kennt mich praktisch niemand dort als Mensch oder Drrékh, man wird mich also gleich als Drrá’Kin kennenlernen und so auch sicher akzeptieren. Es muss ja niemand weiter wissen, dass ich erst seit ein paar Wochen weiß, dass ich ein Drache bin.

Anschließend räumen wir alles zusammen und richten unsere Wohnstätte für unsere Abwesenheit her. Die wenigen verderblichen Vorräte, die wir noch haben – Drachen versorgen sich ohnehin lieber täglich mit frischen Lebensmitteln – packen wir ein, wir werden ohnehin noch weitere Vorräte bekommen, die wir mit nach drüben nehmen. Der Rest wird sicher verstaut, die Fenster und Türen geschlossen und schließlich sind wir soweit, stehen als Ferals vor unserer Höhle. Dann klettert Ti auf meinen Rücken und wir starten – zunächst zu Talis Eltern.

Dort angekommen werden wir sehr liebevoll begrüßt. Trrá‘Yrrh grinst mich freundlich an.

„Du solltest vorher noch Deine Kräfte kennenlernen. Ich jedenfalls bin neugierig darauf, wie das Himmelsfeuer aussieht…“ –

„Äh… ich soll meine Kräfte voll entfalten? Das Himmelsfeuer niederregnen lassen? – Ich weiß zwar nicht mal, ob und wie das geht, aber es erscheint mir sehr gefährlich…“ leicht belustigt registriert er meinen offensichtlich sehr besorgten Blick und knurrt beruhigend. –

„Es wird schon nichts passieren. Wir sind ja dabei – und natürlich machen wir es in einem Testgelände, wo es sicher ist.“ –

„Wir?“ –

„Einige Ratsdrachen würden es auch gerne sehen. T’Rrih’Án ist auch dabei um Dir notfalls zu helfen.“ –

„Ah…“ ich seufze.
„Der Rat will also wissen, ob ich es beherrschen kann. Vor allem es wieder beenden…“ –

Trrá’Yrrh nickt, jetzt wieder ernst.
„Richtig. Verzeih, aber sie wollen Dich nicht ohne einen Test zu den Menschen lassen. Zu Deinem und ihrem Schutz. Ich habe mich leider nicht durchsetzen können.“ –

Nochmal seufzend zucke ich mit den Schultern.
„Nun, wenn es sie beruhigt. – Und ein wenig neugierig bin ich doch auch, wie das sein wird…“ –

„Dann lass uns losfliegen. Zwei Stunden von hier ist ein vulkanisches Gebiet, wo alle Feuerdrachen üben. Auch die wenigen, die einen Vulkan beeinflussen oder Erdbeben auslösen können.“ –

Er wartet nicht ab und ist schon auf dem Weg zum Eingang. Leise seufzend folge ich ihm – vielleicht sollte ich als Drache einfach mal egoistischer sein, aber irgendwie habe ich wohl zuviel Respekt, wenn ein Drache vor mir steht und etwas von mir will. – Naja kein Wunder, ist ja nicht wirklich lange her, dass ich noch ein Mensch war und Drachen übermächtige Wesen…
Vor der Höhle habe ich ihn eingeholt und stehe gleichzeitig als Feral neben ihm. Ich blicke mich um.

„Und Du meinst, der Abstand wird reichen…?“ -
mein betont gelangweilter Tonfall lässt ihn zögern.

„Was meinst Du damit? –

Ich gebe mich betont gelassen.
„Ihr wisst doch viel besser als ich, was passieren kann. Ich habe nur eine dunkle Vorstellung darüber.“ –

„Willst Du damit andeuten…“ –

„Nein. Ich weiß nur nicht, was passieren wird – ob überhaupt was passiert. – Zeig mir den Weg.“ -

Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie nervös ich bin – nicht wegen dem Versuch meine Kräfte voll einzusetzen, sondern weil ich einem Gefühl folgend, mich gerade ein wenig arrogant verhalte und Trra einfach ins Wort falle.

„Natürlich, folge mir.“ –

Trrá’Yrrh startet, ich folge ihm auf die Schwanzspitze. Nach einigen Minuten haben wir das Tal der Siedlung hinter uns gelassen und fliegen über eine weite Graslandschaft mit baumbestandenen Senken in denen recht viele Tiere zu leben scheinen, auch wenn die Ebene eher leer und einsam erscheint. Er wird ein wenig langsamer und schaut sich zu mir um bis ich aufschließe.

„Was hat die Änderung in Deinem Verhalten veranlasst, Tan?“ –

„Veränderung?“ –

Er grinst.
„Ja. Du wirkst plötzlich selbstbewusster und fordernder, eher nach Drachenart, nicht mehr so zurückhaltend wie ein Mensch.“ –

„Ein… Gefühl. Etwas sagt mir, dass ich mich nicht mehr wie ein Mensch gegenüber den Drachen verhalten muss. Jetzt wäre ich durchaus ein Gegner… - nicht, dass ich es sein möchte.“ –

„Richtig.“ nickt er.
„Du kannst und sollst Dich gerne wie ein Drache verhalten. Mach Dich ruhig mal ein wenig wichtig, immerhin hast Du ja eine für uns wichtige Aufgabe übertragen bekommen. Solange Du es nicht übertreibst, wird Dir kein Drache das je vorwerfen.“ -

Beruhigter nicke ich.
„Gut. Verzeih wenn ich Dich zum üben nehme.“ –

„Kein Problem.“ Grinst er breit.
„Gleich wirst Du noch ein paar Drachen zum Üben haben – und die gehören zu den eher selbstbewussten unter uns.“ –

Stimmt… Er sagte ja schon, dass einige Drachen aus dem Rat mich in Aktion sehen wollen. Dabei bin ich mir selber alles andere als sicher, ob ich überhaupt mehr kann als etwas Feuer spucken…

Trrá’Yrrh hat mir wohl deutlich angesehen, was mir gerade durch den Kopf geht – etwas, das mir bei den Drachen noch gar nicht gelingen will, selbst bei meiner Tali sind mir ihre Gedankengänge manchmal ein Rätsel. Noch kann ich die geringe Mimik der Drrá’Kin nicht sehr gut lesen, auch weil die anders ist, als die doch irgendwie noch menschliche Mimik der Drrékh.

„Du zweifelst?“ –

„Ja… ich bin mir nicht sicher, ob ich es beherrsche. Ob ich es beenden kann, wenn ich es einmal begonnen habe. – Nicht mal, ob ich es überhaupt kann. Vielleicht eigne ich mich ja nur zum Schneeräumen…“
Da ich von meiner Flucht erzählt hatte, weiß er was ich damit meine. –

„Du kannst Dich tarnen, uns eine vollkommen andere Gestalt vortäuschen. Alleine das macht Dich zu etwas Besonderem. Wenn Du das Himmelsfeuer nicht rufen kannst, ist das für niemanden ein Problem. Nur falls Du es rufst und seiner Macht verfällst, müssten wir Dich wohl hier festhalten.“ –

„Einsperren…“ –

„Unsinn. Du würdest hier das normale Leben eines Drrá’Kin leben. Nur würdest Du immer in einer Gemeinschaft mit anderen bleiben müssen, weil so Deine Kräfte von uns eingedämmt werden können, falls es notwendig werden sollte. – Also nur, wenn Deine Kraft Dich zu beherrschen beginnen würde. – Aber denke darüber jetzt nicht nach. Du hast eine starke Verbindung zur Lebenskraft, und sie dient Dir, das spüren unsere Heiler sehr deutlich.“

Er orientiert sich wieder nach vorne, was ich ihm gleichtue – wohl wissend, dass er mich auch weiter im Auge behält.
Langsam ändert sich die Landschaft unter uns. Die Vegetation wird deutlich spärlicher, obwohl die Sonneneinstrahlung hier nicht höher ist als bisher auf unserem Weg. Doch dann erreichen wir ein Gebiet, dem man den Vulkanismus mehr als deutlich ansieht – und nebenbei auch sehr deutlich riecht.

Grinsend schaut Trrá’Yrrh wieder zu mir.
„Das ist natürlicher Vulkanismus, diese Landschaft wurde nicht von den Feuerdrachen so gestaltet.“ –

Daran hatte ich zwar nicht gedacht, aber der Gedanke liegt nahe. Ich nicke nur und schaue mir das ganze an… und spüre direkt das Magma unter der Oberfläche pulsieren. Sehe fast den Plume, der etwas weiter hinten unter einer leichten Senke lauert - ein Supervulkan. Aber derzeit ist das Reservoir nicht voll, der schläft also.

Nur… warum spüre ich das gerade jetzt alles so deutlich? – Ich habe bisher sowas ähnliches noch nie bemerkt. Leicht verwirrt folge ich Trrá’Yrrh nach unten auf ein Hochplateau, das am Rand der weiten Senke einen guten Überblick verspricht. Kaum gelandet glaube ich die Hitze des Magmas tief unter uns an meinen Tatzen zu spüren, obwohl ich doch deutlich fühle, dass der Boden hier sogar eher kühl ist.

„Spürst Du etwas? Zeigt sich Dir die Kraft?“ Trrá’Yrrh beobachtet mich neugierig. –

Das ist es… erleichtert atme ich auf.
„Ja. Ich war verwirrt, weil ich so plötzlich die Vulkane hier spüre, was ich vorher noch nie so gespürt hatte. Aber mir wurde ja mitgeteilt, dass ich das Wissen haben werde, wenn ich es brauche. Daran hatte ich nicht gedacht.“ –

„Also noch kein Erwachen der Kraft in Dir?“ –

Ich schüttele den Kopf.
„Nein – ja doch so langsam, aber ich spüre das ganze nur und weiß noch nichts damit anzufangen.“ –
eine plötzliche Bewegung tief unten lässt mich in einem Reflex dorthin schauen, wo ich es gespürt habe. Ich merke aber schnell, dass es ungefährlich ist. Einen Moment später ist eine leichte Erschütterung zu spüren und ein dumpfes Grollen ertönt.

„Gut. Du hast den Kontakt.“ Er grinst zufrieden. –

„Äh… ich war das nicht…“ –

Sein Grinsen wird breiter.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht… - aber wie Du darauf schon reagiert hast, bevor ich irgendwas bemerkt habe, lässt drauf schließen.“ –

„Ja, sieht ganz so aus. Nur dass ich noch nicht weiß, was das Himmelsfeuer nun eigentlich ist und wie ich das machen soll.“ Ich grinse kurz und schaue mich um.
„Ah, wir bekommen Besuch.“ –

Trrá’Yrrh sieht mich verwundert an und blickt dann suchend in den Himmel in Richtung der Siedlung.
„Wo… ja, richtig… Ich glaube, ich werde langsam doch alt…“ sein Augenzwinkern sagt mir, dass er das nicht so ganz ernst meint. –

„Ich glaube, Du warst wohl zu lange bei den Menschen… Du hast ihre Sprüche immer noch drauf.“ Wir grinsen uns gegenseitig an –

„Ich fand die immer sehr unterhaltsam – und kann die anderen Ratsdrachen so ein wenig verwirren.“ Antwortet er mir immer noch grinsend. –

Schweigend beobachte ich die fünf Drachen, die langsam näherkommen. Angst habe ich eigentlich nicht, aber ich weiß auch nicht, was auf mich zukommt, was von mir hier und jetzt erwartet wird. – Bald erkenne ich mehr, die beiden größeren sind eindeutig Weibchen, dazu drei Männchen. – Allerdings muss man wohl Drache sein, um auf diesem Abstand und im Flug den Größenunterschied so deutlich zu erkennen, es scheint wohl doch etwas dran zu sein, dass ich jetzt ein Drrá’Kin bin…- Und kurz darauf erkenne, oder vielmehr fühle ich irgendwie erleichtert, dass T’Rrih’Án tatsächlich mit dabei ist, wohl als Vertreterin der Heiler im Rat.

„Da kommt die Prüfungskommission.“ –

Trrá’Yrrh nickt.
„Du liegst damit nicht mal so falsch. – Lass Dich nicht provozieren. Ich bin zwar auch als Ratsmitglied hier, aber eben auch als Dein Begleiter, daher werde ich nur beobachten.“ –

Nachdenklich nicke ich. Obwohl ich ja nicht einmal wirklich weiß, wie ich irgendwas hier beeinflussen kann, bin ich immer noch irgendwie nervös…
Er legt mir seine Schwingenhand auf meine Schulter, eine irgendwie menschliche Geste, die mich ein wenig ruhiger werden lässt.
Ich warte so einfach, bis die fünf Ratsmitglieder neben uns landen. Sie begrüßen – unserem Rang entsprechend - erst Trrá’Yrrh und dann auch mich, wobei sie sich auch gleich vorstellen. Sehr offensichtlich neugierig betrachten sie mich währenddessen und scheinen zufrieden mit meinen höflichen Antworten zu sein. Tali hat mich gut geschult, damit ich hier nicht aus Unwissenheit aus der Rolle falle. –

Zum Schluss begrüßt auch T’Rrih’Án mich mit einem sanften Nüsternstupser und einem kurzen Reiben ihres Halses an meinem und stellt sich dann neben Trrá’Yrrh. Offensichtlich wissen alle hier, dass wir eng befreundet sind, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass die anderen Drachen hier mich jetzt doch noch ein wenig höher einschätzen… Die offen gezeigte enge Freundschaft zwischen uns scheint meinen Status als Drrá’Kin gegenüber den anderen zu festigen.

Sárr’Kórr, der Älteste des Drachenrats, der sich trotz seines offensichtlich sehr hohen Alters die Mühe gemacht hat, ebenfalls hier heraus zu fliegen, nickt mir freundlich zu.
„Nun junger Drache… Du weißt warum wir alle hier sind.“ –
ich nicke nur -
„Mach Dir keine Sorgen, es ist nicht wichtig, wie stark Deine Fähigkeiten wirklich sind. Aber wir müssen uns sicher sein, dass Du Deine Kraft unter Kontrolle hast, bevor wir Dich zu den Menschen entsenden. – Sie wären hilflos, wir dagegen können damit umgehen.“ Er beginnt zu grinsen.
„Und neugierig sind wir natürlich auch. Seit vielen Generationen hat kein Drache mehr ein Himmelsfeuer gesehen.“ –

Ich seufze.
„Ob ihr es heute sehen werdet… ich weiß es nicht. Zwar spüre ich das Magma, die heiße Kraft des Planeteninneren hier unter uns, aber ich habe noch keine Idee, wie ich damit was anfangen kann.“ –

„Du wirst es schon wissen.“ –

Er betrachtet mich intensiv, während ich dastehe und versuche auf diese Kraft einzugehen, sie in mir zu fühlen und irgendwie zu lenken. Aber außer, dass ich das Magma mehr oder weniger tief unter uns spüre, wie es sich langsam bewegt und das leichte Rumpeln, dass gelegentlich zu spüren ist, schon im Ansatz erkenne, ehe es hier oben ankommt, finde ich keinen Zugang um da irgendwas zu beeinflussen.

Langsam werden die anderen drei unruhig, nur T’Rrih’Án, Trrá’Yrrh und auch Sárr’Kórr schauen mich weiter ruhig und freundlich an.

„Er kann es nicht.“ – „Na los… konzentriere Dich endlich mal richtig“ –

Diese leisen, aber doch vernehmbaren Kommentare lassen mich langsam verzweifeln… Es will einfach nichts gehen… Dabei will ich doch nur ein wenig Lava fließen lassen, mehr nicht… - je mehr solche Kommentare kommen, umso mehr ärgere ich mich über mich selber, meine Unfähigkeit hier irgendwas zustande zu bringen…

Aber das sehr schnippische Weibchen, die sich ohnehin schon recht arrogant, nicht alleine mir gegenüber, gezeigt hatte, lässt dann doch den Zorn in mir steigen…
„Und für so einen dummen und unfähigen Drrékh fliege ich soweit hier ins Nichts raus? So einer soll uns vertreten? Wir sollten einen richtigen Drrá’Kin wählen…“

Einer der beiden etwas jüngeren Männchen stimmt ihr geflissentlich zu. Offensichtlich bemüht, bei ihr gut anzukommen… - und diese Anbiederung auf meine Kosten lenkt meine Wut auf diese dummen Drachen. Die wollen was sehen? Bitte gerne…

Ich stelle mir vor, aus weißglühendem flüssigen Metall zu sein, lasse dieses Bild fließen… sie alle sollen mich so sehen… Und stoße eine wütende Flammenwolke auf die vier Ratsdrachen aus… - Rraawwwrrr… das hat richtig gut getan. Meine beiden Freunde schauen mich nach einem kurzen Schreckmoment jetzt belustigt an, denn meine Flammenwolke war zwar echt und auch recht beeindruckend geraten, aber bewusst so kalt gehalten, dass nicht mal Menschen ernsthaft zu Schaden gekommen wären.

Aber mein kleiner Wutausbruch hat mir tief in mir gezeigt, dass Die Kraft da unter uns eigentlich nur darauf wartet, dass ich sie durch mich fließen lasse… Ist es das? So einfach?

Inzwischen haben auch die anderen vier ihre Schrecksekunden überwunden und Sárr’Kórr beginnt leise zu lachen.
„Verzeih, wir haben abgesprochen, dass wir versuchen, Dich zu provozieren. Die Flammenwolke war echt, wenn auch sehr kontrolliert. Aber Deine Erscheinung… war das Deine Tarnfähigkeit?“ –

„Ja. Ich glaube kaum, dass ein Drache wirklich aus flüssigem Metall bestehen könnte. Auch nicht mit Hilfe der Lebenskraft.“ –

„Richtig – aber trotzdem sehr beeindruckend… ich hatte sogar das Gefühl der Hitze, die Du dabei ausgestrahlt hast.“ – Die anderen nicken bestätigend.

„Danke. Aber darf ich noch einmal einen Versuch starten? Ich habe da so ein Gefühl…“ –

„Natürlich.“ –

Ich suche das Gefühl der Kraft und öffne mich ihr jetzt. Wow… eine Welle reiner Energie strömt in mich, durch mich hindurch, lässt mich zu einem Teil der Energie dieses Planeten werden… Ich brauche nicht mehr überlegen… nicht mehr suchen – die Kraft ist da, in mir.

Ein Stück entfernt öffnet sich eine Spalte im Tal vor uns und glutflüssiges Gestein beginnt herauszufließen… gleich darauf auf der anderen Seite des Tales eine weitere. Mehr… die Lava wird flüssiger und bildet auf beiden Seiten bereits Fontänen. – Huh… die Kraft, die dabei durch mich fließt… so gewaltig, so befriedigend, so geil… je mehr da drüben abgeht, je mehr ich das steigere, je besser das Gefühl dabei.

Sie wollen das Himmelsfeuer… ja dann… röhrend wird die jetzt sehr dünnflüssige und extrem heiße Lava höher und höher in den Himmel geschleudert, breitet sich aus und fällt zwischen den Lavafontänen als flüssiger Glutregen wieder herab. Ich weite es noch etwas aus, werde durch immer mehr Kraft, dich mich durchströmt, belohnt… Und betrachte ebenso fasziniert wie die anderen, wie da ein Stück entfernt auf einer Fläche von vielleicht 500 x 500 Metern die immer noch flüssige Lava wie ein Feuerregen niedergeht. – Wer da mittendrin steht, für den muss das wirklich wie Himmelsfeuer wirken, jedenfalls für den Moment, bevor er zu Asche verbrennt…

Aber ich weiß jetzt auch, warum es so gefährlich ist… Das immense Gefühl unendlicher Kraft und Macht lässt mich wünschen, mehr davon zu bekommen… jede leichte Steigerung belohnt mich mit einem intensiveren Gefühl… Was wäre, wenn ich jetzt die ganze Umgebung… - nein, natürlich will ich das nicht, aber doch ist da der Wunsch, mehr zu bekommen.

Ich verschließe mich wieder der Energie, sperre sie weitgehend aus und sofort brechen die Lavafontänen zusammen. Mit dem Rest des Kraftstromes in mir verschließe ich die Spalten und lasse sie wieder tief hinab aushärten. Ich will den Supervulkan ja nicht vor der Zeit zum Leben erwachen lassen.

Die anderen stehen noch sprachlos da und schauen auf die immer noch flüssige Lava, die jetzt den Boden da im Tal bedeckt. – Nur T’Rrih’Án kommt zu mir und reibt ihre Schuppen an meinen.

„Du hast es im Griff. Ich habe den Reiz gespürt, den es auf Dich ausgeübt hat. Aber Du konntest widerstehen, weil Du es verstanden hast, was da mit Dir passiert.“ –

„Ich hoffe, ich kann widerstehen… es ist schon ein geniales Gefühl von Macht und … ja auch Lust.“ –

Sie lächelt mich augenklimpernd an.
„Ja, Du wirst es schaffen – ebenso wie Du mir widerstehst.“ –

„Was auch nicht leicht ist…“ –

„Dir aber gelingt. Warum war ich nicht als erste bei Dir…“ Sie seufzt.
„Nun ist es aber so, wie es ist. Vielleicht darf ich ja ein Kind von Dir bekommen, es gibt nicht viele Drachen für mich in dieser Welt…“ –

Ich schaue sie etwas verständnislos an. Sie hatten ja schon angedeutet, dass es durchaus akzeptiert ist, wenn ich auch mit einer Anderen als mit meiner Partnerin Kinder habe, aber warum kommt sie gerade jetzt drauf…

Sie kichert leise, offensichtlich habe ich so dumm aus den Schuppen geguckt, dass sie mir ihre Gedanken erklärt.
„Wir Heiler suchen unsere Partner sehr genau aus, weil unsere Fähigkeit sehr selten ist und wir darauf achten, sie weiterzugeben. Wir bevorzugen dabei Partner, die selber keine Heiler sind, in denen wir aber die Fähigkeit tief versteckt fühlen. - Und bei Dir spüre ich etwas, was ich nicht verstehe, aber was sehr spannend werden könnte…“ –

„So eine Art Superheiler?“ ich muss grinsen. Und auch sie kichert wieder. –

„Vielleicht… Wahrscheinlich aber einfach eine Heilerin, vielleicht etwas stärker als normal oder mit einer besonders ausgeprägten Einzelfähigkeit dabei. – Aber… Wenn die Lebenskraft in Dir so stark ist, wie es sich anfühlt, gewährt sie Deinen Kindern vielleicht neue Fähigkeiten, oder sie beherrschen mehrere zugleich…“ –

„Feuerspuckende Heiler?“ –

Wieder kichert sie.
„Gibt’s doch schon. Ich habe ja auch den Feueratem, wie alle Drachen. Fast alle, aber es sind nur wenige, die statt Feuer eine starke Säure haben. Ein paar können eine Flüssigkeit versprühen, die an der Luft extrem kalt wird. Die Menschen sagen, die verdampft so schnell, dass sie sehr viel Wärme dabei verbraucht oder so ähnlich. Das ist aber sehr selten. Die Meeresdrachen können viel Wasser in einer Blase aufnehmen und das mit hohen Druck sehr gezielt verspritzen, ziemlich unangenehm, wenn die auf die Augen zielen.
Aber das sind ja alles normale körperliche Fähigkeiten,“ –

„Ja… aber wie kommst Du gerade jetzt darauf…?“ –

Ihr tiefer Seufzer verwirrt mich.
„Weil wir für lange Zeit wohl das letzte Mal zusammen sind… Ich darf nicht in die Menschenwelt, mir ist das Tor versperrt, vermutlich wegen meiner Heilerfähigkeit. – und Du wirst für lange Zeit jetzt drüben leben und kaum hierher kommen – und wenn, keine Zeit haben… Und…“ sie verstummt mit einem sehnsüchtigen Blick.

Verdammt… sie will mich… jetzt…  Aber noch bevor ich Worte finde, gibt sie sich einen Ruck und grinst.

„Verzeih… ich glaube, ich sollte mir selber bald einen Partner suchen und nicht den meiner Freundin überreden wollen.“ –

„Ja… verzeih, aber ich habe noch das Gefühl, dass es falsch wäre…- aber… naja, vielleicht später mal, wenn Dir meine Fähigkeiten so wichtig sind. Es ist ja nicht so, dass ich Dich nicht mögen würde und…“ –

Jetzt grinst sie breit und betrachtet mich sehr offensichtlich abschätzend.
„Hey… ich möchte Dich nicht nur weil Deine Fähigkeiten passen – Du bist ein verdammt attraktiver Drache, den jede hier gerne vernaschen möchte…“ –

„Ich ahne es… die Blicke der Weibchen werden oft sehr… lüstern, wenn sie mich sehen. – Ich glaube nur das Wissen, dass T’Álirrah meine Partnerin ist, hält sie davon ab, sich mir offen anzubieten, wäre eine andere meine Partnerin…“ –

„Nur gut, dass Tali und ich gute Freundinnen sind – und ich ihr Einverständnis habe…“ ihre Zunge zuckt kurz über meine Nüstern. –

„Habt ihr das schon abgesprochen?“ –

„Nein, nicht direkt über Dich. Aber grundsätzlich schon, ja. Und ich weiß, dass es auch für Dich gilt. Naja, immerhin ist es für sie ja auch eine Ehre, wenn ich Dich als Partner akzeptiere und wir Kinder bekommen…“ –

Ich schüttele den Kopf.
„Ihr verwirrt mich mit euren Regeln über die Partnerschaft…“ –

Wieder ihre Zunge…
„Du wirst Dich dran gewöhnen und es genießen, ein begehrtes Männchen zu sein…“ –

Wieder kichert sie, als sie meinen fast schon verzweifelten Blick sieht. Der Gedanke, ständig von spitzen Drachenweibchen umschwärmt zu sein, ist zwar auch irgendwie verlockend, aber erschreckt mich doch schon ein wenig.

„So schnell geht es nicht los… T’Álirrah hat das Vorrecht auf den ersten Nestling. Genau genommen darf sich keine andere Drachin Dir anbieten, bevor sie nicht wenigstens je ein weiblichen und einen männlichen Nestling von Dir hat. – So war das in alten Zeiten jedenfalls. Das wird aber nicht mehr so gehandhabt, weil es so wenig Nachwuchs gibt. – Vielleicht darf ich also schon Dein zweites Kind bekommen…

Verzeih, ich war vorhin ein wenig zu verliebt in Dich und den Gedanken mit Dir noch schnell…“ –

Sie schaut zu Boden und ich glaube, wenn sie rot werden könnte, würde sie jetzt wie eine reife Kirsche leuchten.

Ich reibe meine Wange an ihrer.
„Und ich würde es auch gerne… - aber jetzt ist nicht die Zeit. Ich verspreche, ich werde oft genug hier sein. Immerhin habe ich jetzt einen Grund mehr…“ –

„Ich muss euer Liebesgeflüster leider unterbrechen…“
Trrá’Yrrh steht jetzt grinsend neben uns.
„Wir müssen los, wir wollen die Menschen drüben nicht zu lange warten lassen, es würde zu viel Aufmerksamkeit erregen und dafür ist die Zeit noch nicht reif.“

Er stuppst mich mit seinem Schwingenarm.
„Du Glücksdrache… gleich zwei der begehrtesten Weibchen… Bei Tali bin ich ja befangen, aber von T’Rrih’Án würde jeder Drache nur zu gerne erwählt werden…“ –

„Bin ich denn so was Besonderes, dass ihr beiden gerade mich haben wollt?“ –

T´Rrih´Án nickt.
„Ja bist Du. Du weißt ja, ihr von einem Menschenweibchen drüben als verborgene Drachen geborenen seid für uns geschlüpfte Drachen sehr wichtig, weil ihr frisches Blut mitbringt. Leider haben viele auf beiden Seiten so ihre Vorurteile, was es oft schwierig macht, zusammen zu kommen und gemeinsame Kinder zu zeugen. Wir bleiben viel zu oft unter uns – auf beiden Seiten - was gerade für uns geschlüpfte langsam aber sicher und trotz oder wegen unserer längeren Lebensdauer zu einem genetischen Engpass führen wird.
Du bist da eine Ausnahme, schon weil Du uns geschlüpften gegenüber zwar zurückhaltend, aber doch offen bist und neugierig wirkst, was Dich schon mal sehr interessant macht. Dann siehst Du sehr attraktiv aus, hast außergewöhnliche Fähigkeiten – und Du riechst auch sehr deutlich nach fremden, frischen und starken Genen – das ist den meisten zwar nicht so bewusst, wie mir als Heilerin, aber Dein Geruch ist besonders für uns geschlüpfte Weibchen sehr anziehend.“ –

„Na gut. Das kann ich vom biologischen Standpunkt her nachvollziehen. – Aber ich soll attraktiv sein? – War ich als Mensch nicht… nicht besonders jedenfalls.“ –

„Doch bist Du“ ihr Tonfall lässt keinen Widerspruch zu.
„Deine ungewöhnlichen Hörner, die kräftigen, kantigen Schuppen eines reifen Drachen und gleichzeitig das jugendliche Leuchten Deiner Farben. Dazu den elegant schlanken Körper eines Fliegers… das hübsche Gesicht… die unendliche Tiefe Deiner Augen, in der man nur zu gerne versinkt…
Verzeih… - Du gehörst T’Álirrah… ich werde besser jetzt mit den anderen zurückfliegen.“ –

Sie reibt sich noch einmal an mir und geht dann zu den anderen Ratsdrachen, die sich nur kurz verabschieden.

„Sehr eindrucksvoll Deine Kraft. Sei Dir ihrer Macht bewusst und auch nicht zu streng mit den Menschen, Du musst uns nichts beweisen. Die Lebenskraft ist mit Dir.“ Mit diesen Worten schwingt sich der Ratsälteste in die Luft und die anderen folgen ihm unmittelbar. –

Trrá’Yrrh schaut mich schmunzelnd, aber auch neugierig an.
„Zufrieden?“ –

„Mit der Vorführung? Ja schon. – Aber was…?“ –

Er grinst.
„Warum Tri sich wie eine Jungdrachin bei ihrem ersten Eisprung verhält?“
Ich nicke und er zuckt leicht mit den Schultern.
„Ich kann auch nur raten, es ist schon ziemlich ungewöhnlich für sie.“ Trrá’Yrrh fordert mich mit einer Kopfbewegung auf ihm zu folgen und startet dann in die Richtung, in der ich das Tor vermute. Ich beeile mich, zu ihm aufzuschließen sobald ich neben ihm bin, spricht er weiter.

„Ich kenne sie eigentlich nur als beherrschte, ja sogar dominante Drachin. Aber ich weiß, dass sie eine Abmachung mit Tali hat, die Dich betrifft. Die beiden haben bisher praktisch alles geteilt und sind sehr enge Freundinnen. Ich denke, Deinen zweiten Nestling wirst Du mit Tri zeugen, nachdem Du das Ei von Tali befruchtet hast. – Und da Du Dich ja schon mehrfach mit Tali gepaart hast, möchte sie sicher Dein Interesse an ihr wachhalten.“ –

„Das ist ihr gelungen…“ ich seufze.
„Wie stehst Du dazu? Was wird Talis Mutter sagen? Sie selber scheint das ja zu akzeptieren… – Verzeih… ich denke wohl noch zu menschlich…“ –

„Ja. Obwohl ich Dir danke, dass Du Dir darüber Gedanken machst. Ja, ich weiß, dass Tali damit einverstanden ist, für sie ist das sogar eine Ehre. Denn auch wenn die beiden gut befreundet sind, eher wie Menschen als wie Drachen, ist es doch auch für sie eine Ehre, wenn eine Ratsdrachin mit hoher Stellung wie Tri, sich dasselbe Männchen zum Vater ihrer Nestlinge wählt. Aber Tri würde es nie ohne Talis und Deine Zustimmung weiter vorantreiben. – Und für T’Rasszia und mich… nun… Trass würde Dich selber gerne für sich haben und ich habe da ohnehin nur beratende Rechte. – Aber ich bin auch damit einverstanden. Es ist bei uns so Sitte, bitte akzeptiere das einfach. Immerhin fragen sie dich ja noch und werden Deine Meinung dazu auch beachten, das habe ich bei einem Freund auch schon anders erlebt.“ –

„Oh…“ –

„Naja, hinterher fand er es aber doch sehr angenehm, es wurde eine recht harmonische Dreierbeziehung, er wechselt jetzt regelmäßig sein Heim.“ –

„Oha…“

Er grinst.
„Das wird für dich einfacher. Du lebst mit Tali ja erstmal drüben und kannst dann hier bei T’Rrih’Án wohnen, wenn Du hier bist... – So haben beide ihre Zeit mit Dir und Du musst hier nicht alleine sein.“ –

Also so wollen die beiden mich teilen… - Moment…
„Mit Tali drüben? – Sie will mich also wirklich begleiten? Das ist doch überhaupt nicht ihre Welt, sie wird sich dort sicher nicht wohl fühlen… und dann… warum sollte ich bei T’Rrih’Án wohnen hier… kommt sie nicht mit zurück?“ –

Er seufzt.
„Du hast schon versucht, ihr was auszureden?“

„So direkt nicht“ –

„Versuch es erst nicht. Sobald Du merkst, sie beharrt auf etwas, akzeptiere es. Da ist sie wie ihre Mutter. Lass ihr dann ihren Willen und Du lebst angenehmer. – Aber Tali wird Dir auch nicht die Schuld geben, wenn ihre Entscheidung sich als falsch herausstellt.“ –

„Du warst doch auch drüben und hast dort Deine eigenen Entscheidungen getroffen… wie war das, als Du dann wieder hier warst?“ –

„Nicht so sehr viel anders, keine Sorge. Sie hat mir aber schon gesagt, dass Du hier alle Entscheidungen ihr überlassen hast, was sie ziemlich verwirrt hat.“ –

„Ja stimmt. Aber zum einen kenne ich mich hier ja auch noch nicht so richtig aus. Und bisher hat sie auch immer mehr oder weniger offen nach meiner Meinung gefragt. Nur mit der öffentlichen Bekanntgabe unserer Beziehung und sowas stellt sie mich immer wieder mal vor vollendete Tatsachen. –

Er nickt sichtlich zufrieden.
„Gut, dann lag ich mit meiner Erklärung ja ziemlich richtig, dass Du wie ein Mensch erstmal beobachtest und lernen willst, Dich angemessen zu verhalten. – Was Dir aber vielleicht noch nicht bewusst ist – Deine Partnerin dominiert nur eure Beziehung, also das, womit sie Dich immer wieder mal überrascht hat. Sonst sind wir Drachen doch sehr gleichberechtigt.“ –

„Ah. Da habe ich den Umfang, wo sie das Sagen hat, wohl weiter gezogen, als es tatsächlich ist.“

„Ja, Tali ist daher recht verwirrt, weil Du Dich anfangs bei dem Streit mit ihrer Mutter, T’Rasszia gegenüber sehr dominant gezeigt hattest, aber Dich ihr gegenüber bisher eher unterworfen hast. Das schmeichelt ihr zwar auch etwas, aber sie möchte nicht Deine Domina sein. Sei außerhalb der Beziehungsangelegenheiten ruhig selbst mal der Dominus. Ihr ist bewusst, dass Du nicht alles weißt, was in einer Drachenbeziehung so als normal gilt, ebenso wie sie auch noch wenig darüber weiß, was für Dich bisher normales Verhalten war.“ –

„Oh… warum hat sie mir nichts gesagt? Immerhin schlafen wir miteinander, da können wir doch über sowas reden.“ –

Er schaut mich fragend an.
„Was hat schlafen damit… - Ach Du meinst Ihr paart euch. – Ja gerade deshalb. Sie möchte Dich nicht mit drachischem Verhalten erschrecken, weil Du uns noch zu wenig kennst und ist dabei vielleicht zu vorsichtig. Da bin ich vielleicht auch ein wenig Schuld dran, wegen meinen Erzählungen über die Menschen.“ –

„Aber sie kennt doch Drrékh.“ –

„Ja. Aber die hatten ein wenig mehr Zeit, Drache zu werden.“ –

„Ich möchte aber auch nicht, dass sie mich als Mensch behandelt… Ich bin jetzt ein Drache, da muss ich das eben lernen einer zu sein.“ –

„Gut“ –

Das klang jetzt irgendwie sehr zufrieden… hoffentlich habe ich mir jetzt nicht selber ein Bein gestellt…

Wir sind inzwischen schon weit oben ganz in der Nähe der Hochebene, wo das Tor sein müsste, wenn auch noch ein Stück tiefer im Canyon. Trrá’Yrrh beginnt in einem weiten Kreis zu steigen, aber ich spüre einen kräftigen Hangaufwind an der Steilwand. Alle sagen ja, ich bin ein Flieger und Tali hat mir auch so einiges gezeigt, also warum nicht ausprobieren.

Ich konzentriere mich auf die Luftbewegungen um mich herum, jetzt mit den vollen Sinnen eines Drachen spüre ich deutlich, wo es richtig hoch geht, ich brauche nur meine Schwingen voll ausbreiten und kann mich gemütlich nach oben tragen lassen. Es dauert nicht lange, bis wie ein heller Lichtblitz meine weiße Drachin von oben an mir vorbeibraust, unter mir ihre Schwingen ausbreitet und sich mit ihrem Schwung wieder zu mir hochtragen lässt. Sie bleibt dicht hinter mir, nur ein wenig höher und folgt meinen weiten Schwüngen entlang der Felswand, die ich im Vorbeiflug fast berühren kann.

Will sie meine Flugkünste beobachten, ihre Ansprüche auf mich so bekräftigen – oder nur den Flug mit mir gemeinsam erleben… vermutlich alles zugleich.
Auf einen Wink ihres Vaters kippt sie über die Schwinge ab, fliegt zu ihm rüber und eine Zeitlang parallel – vermutlich bekommt sie gerade das Ergebnis seines Gesprächs mit mir mitgeteilt. Ich bin ja mal gespannt, wie sich eine Drachin ihrem Partner gegenüber normalerweise verhält…

Das leichte Lächeln um ihre Mundwinkel, als sie wieder neben mir fliegt, verspricht einiges… nur was? – Seufzend mache ich die letzte Wendung, jetzt schon höher als die Ebene, auf der ich ein Stück weiter T’Rasszia und T’Rrih’Án, die also schon vorgeflogen ist, sehe und die sich beide mit meinem Vater und meinen Schwestern unterhalten – auch Rah’ An ist dabei… sozusagen meine ganze engere Drachenfamilie zu der eben auch Rah’ An durch seine maßgebliche Teilhabe an meiner Drachenwerdung gehört. Sie stehen ziemlich genau an der Stelle, wo ich das erste Mal hier angekommen war und Tali zum ersten Mal getroffen habe. – Nur warum sind sie alle hier? Zur Verabschiedung? So sentimental hatte ich mir die Drachen hier bisher nicht vorgestellt.

Tali beschleunigt etwas und landet elegant kurz vor den anderen, was ich ihr nachmache. Ihr kurzer Blick zu mir und ein leichtes Tippen ihrer linken Hand auf den Boden – wir sind ja mit Ausnahme von T’Irrh, alle immer noch Ferals - macht mir klar, dass ich mich jetzt besser wie ein gehorsames Männchen neben sie stellen sollte.

Kaum stehe ich neben ihr, schaut sie die anderen an, die uns jetzt ruhig gegenüberstehen.
„Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid. Ihr wisst, dass ich mich für T’Ánh’Aáh als meinen Partner entschieden habe. - Habt ihr oder wisst ihr von einem Grund, der gegen unsere Partnerschaft spricht?“ sie wartet einen Moment ab aber niemand sagt etwas.
„Da also seine und meine Familie keine Einwände hat, ist dieser Drache jetzt mein Männchen, der Drache, der meine Eier befruchten wird.“ –

Sie legt dann ihre Schwinge über mich und schaut die anderen ernst an.
„Verzeiht, dass ich es nicht in der Stadt vor den anderen Drachen gemacht habe, aber ich wollte unsere Beziehung offiziell machen, bevor ich meinem Partner auf die Welt der Menschen folge und ihn dort begleite und unterstütze, wenn er seine Aufgabe bei den Menschen erfüllt.“ –

Ich drehe mit der Hand sanft ihren Kopf zu mir und reibe meine Nüstern an ihren.
„Du willst wirklich mitkommen? Die Menschen werden Dir sehr merkwürdig erscheinen – und noch müssen wir uns da leider noch verstecken um die Menschen nicht zu erschrecken, da können wir nicht so frei leben wie hier – noch jedenfalls nicht.“ –

„Was ist so schlimm daran, wenn sie sich ein wenig erschrecken? Sie gewöhnen sich schon an uns.“ –

„Sehr viele Menschen haben leider vor Drachen eine schwer zu begreifende Furcht. Sie… wir sind sehr fremd für sie, sehen gefährlich aus, fliegende Jäger, viel größer als ein Mensch – und - anders wie die meisten gefährlichen Tiere – fürchten wir uns nicht vor Feuer, wir nutzen es sogar als Waffe. – Und was fremd ist und auch noch gefährlich ist oder erscheint, das wird gefürchtet und bekämpft. – Die Zeiten, in denen ein Drache sich nicht vor Angriffen der Menschen fürchten musste, sind auch schon seit mindestens 100 Jahren vorbei.“ –

„Aber… erwartest Du, dass sie uns angreifen?“ –

„Nein, nicht wirklich.“ Antworte ich grinsend.
„Die wichtigsten Anführer der Menschen wissen ja, dass es uns gibt. Also denke ich, es wird keine Angriffe geben, die uns ernsthaft gefährlich werden.  Aber ich kann es nicht völlig ausschließen.“

Sie schaut ihren Vater, der zu uns gekommen ist, fragend an. Der nickt leicht.
„Tan hat recht. Ich habe es Dir ja schon öfter gesagt. Unvorbereitet reagieren die Menschen auf uns oft mit Furcht und daraus resultierenden Angriffen um uns als vermeintliche Gefahr zu vertreiben oder zu töten. Und er hat recht, dass seit einiger Zeit die Menschen Waffen entwickelt haben, gegen die unsere Schuppen nicht mehr sehr wirksam sind. Da sind die Erzählungen bei uns Drrá’Kin hier mittlerweile doch etwas veraltet. – Aber es stimmt auch, dass die Wahrscheinlichkeit für Angriffe sehr gering ist solange ihr ein wenig vorsichtig seid. Und auf viele Menschen wirken wir sehr faszinierend, wir finden immer auch Freunde unter ihnen.“ –

Zustimmend senke ich kurz den Kopf.
„Ja. Ich habe ja schon ein paar getroffen, auch wenn die schon länger mit den Drrékh zusammenarbeiten. -
Aber… entschuldigt den Themenwechsel - das eben, die kleine… ja Zeremonie. War das… sind wir jetzt Partner… Lebenspartner… also offiziell?“ –

Tali schaut mich etwas verwundert an, wie mir scheint. Noch bevor sie antworten kann, nickt ihr Vater schon.
„Ja. Das war das, was Du als Hochzeit im Familienkreis bezeichnen würdest. – Wir brauchen keine Priester, eine Erklärung vor anderen reicht um vor der Lebenskraft so eine Verbindung zu schließen.“ –

„Aber eigentlich wird das schon vor einer größeren Gruppe erklärt,“ ergänzt Tali schnell.
„Ich habe das hier und jetzt gemacht, weil ich das als gute Gelegenheit gesehen habe und mit Dir als Deine Gefährtin in die Menschenwelt gehen wollte, nicht nur als Dein Weibchen. – Daher habe ich unsere Eltern hierhergebeten, bei Dir zumindest Deine Drachenfamilie.“ –

„T’Rrih’Án und Rah’ An?“ – ich kann mir zwar schon denken, warum sie auch hier sind, immerhin bin ich ja nur durch die beiden richtig zum Drachen geworden und ich fühle eine innere Bindung zu ihnen. –

Tali schaut mich kurz fragend an, scheint aber zu spüren, dass ich mich drüber freue, dass die beiden auch hier sind.
„Bei Rah’ An spüre ich, dass Du eine Verbindung zu ihm hast, ihr seid fast wie gemeinsam geschlüpfte Brüder. Auch Tri - und ist ja auch meine Freundin, mit der ich fast alles teile. Auch Dich…“

Sie sagt das zwar mit einem Augenzwinkern, aber es ist ihr auch sehr ernst… Mein wohl mal wieder sehr verwirrter Blick lässt Tali grinsen.
„Wir haben Dir doch schon gesagt, dass Tri sich um Dich kümmern wird, wenn Du ohne mich hier bist. Ich lasse mein Männchen hier nicht alleine rumlaufen als Opfer für jedes rollige Weibchen…“ –

„Du weißt, dass Tri sich auch sehr für mich interessiert…?“ –

„Natürlich. Wir sind uns einig und ich teile Dich lieber auf Dauer mit meiner engsten Freundin, als dass ständig irgendeine dahergeflogene Drachin glaubt sich ohne Kampf ein attraktives Männchen für ein kurzes Abenteuer krallen zu können.“ –

„Daran habe ich mich noch nicht gewöhnt… Auch die Menschen suchen immer wieder mal so ein kurzes Abenteuer, wie Du sagtest. Aber ich habe das Gefühl, dass die Drachen da sehr viel aktiver die Sexualpartner wechseln. Und so ein Teilen… das ist bei Menschen sehr selten.“ –

Sie nickt.
„Ja, Vater hat mir schon einiges über die Menschen erzählt. Auch wenn wir Weibchen unseren gewählten Partner nicht mehr so gerne mit anderen teilen, ist das aber normal bei uns. Nur müssen andere Weibchen mit einem Kampf rechnen. Ihr Männchen nehmt einfach alles mit, was sich euch bietet…“ sie grinst breit. „Wir Weibchen aber auch.“ –

Leicht mit den Schultern zuckend grinse ich sie an. Wir hatten in den letzten Tagen schon drüber gesprochen, dass Tali vor mir schon andere Männchen hatte, aber immer nur kurze Beziehungen eingegangen war. Oft nur mal für eine Paarung. Seit sie mich hier das erste Mal getroffen hatte, hat sie aber keine anderen Männchen mehr gesucht.

Rah’ An kommt mit T’Rrih’Án zu uns. Wir legen unsere Stirnen lange aneinander, eine Geste die so viel mehr als nur eine freundliche Begrüßung bedeutet. Ich spüre dabei immer schnell so etwas wie eine seelische Verbindung zu den anderen drei – intensiver als bei anderen Drachen.

Rah’ An deutet so etwas wie eine Verneigung an.
„Ich danke euch, dass ich hier sein darf. – So kurz die Zeremonien bei euch Landdrachen auch sind, bedeutet mir das heute sehr viel. Immerhin fühle ich mich Tan doch sehr verbunden, ich durfte ja einen selten intensiven Kontakt zu ihm und über ihn zu unserer Lebenskraft erleben.
Und ich werde euch sicher drüben mal besuchen, ich bin neugierig wie die Welt aussieht, aus der Tan gekommen ist.“

Er grinst, als er meinen etwas zweifelnden Blick sieht.

„Ich weiß, anders, technisch, schmutziger, viele Eingriffe der Menschen. – Trotzdem möchte ich das mal sehen, immerhin kann von dort unsere Zukunft auf lange Sicht gesichert werden. Hier haben wir vielleicht noch ein paar zehntausend Jahre, die Sonne verhält sich schon jetzt sehr merkwürdig manchmal. Und auch uns Meeresdrachen ist eine technisierte Welt, die noch ein paar Milliarden Jahre vor sich hat lieber, als eine natürliche, die bald untergehen wird.“ –

Okay. Er sieht das deutlich realistischer, als viele der anderen hier das von den Meeresdrachen glauben, denn ich habe schon mitbekommen, dass die Landdrachen hier ihre aquatischen Verwandten für etwas verträumt und esoterisch halten.

„Natürlich. Ich freue mich auf Besucher, denen ich meine bisherige Heimat zeigen darf.“ –

Wortlos legt er, vor mir stehend, seine Schwingen auf meinen Rücken und dann seine Stirn gegen meine. Eine sehr freundschaftliche Abschiedsgeste, mit der er die Abschiedsrituale der anderen einleitet. Das Ganze läuft zwar drachentypisch sehr ruhig und wenig dramatisch ab, ohne die typisch menschlichen Tränen, auch wenn T’Rasszia und Trrá’Yrrh ihre Tochter gehen lassen müssen. Aber dennoch liegt eine sehr liebevolle Stimmung in der Luft mit vielem Züngeln über die Nüstern der anderen und langem Zusammenlegen der Köpfe.

Schließlich sind alle durch mit T’Álirrah und mir und da auch T’Irrh mittlerweile überdeutlich auf die Uhr in ihrem Handy schaut, beschließt Trrá’Yrrh die Verabschiedung kurzerhand.

„Genug jetzt, die beiden sind ja keine Millionen Lichtjahre entfernt, nur ein paar hundert…“ er grinst über den kräftigen Stupser von T’Rasszia.
„Sie sollten jetzt aufbrechen, die Drrékh und die Menschen drüben warten sicher schon und wenn es zu spät wird werden die beiden nachher noch entdeckt.“

Er blickt mich etwas nachdenklich an.
„Keine Sorge, ich werde Dich nicht mit Verhaltensregeln überhäufen. Was unsere Ziele sind, weißt Du, wie Du Dich zu verhalten hast, musst Du ohnehin selber entscheiden. Wir sind viel zu individualistisch um einem der Unseren zu sagen, wie er aufzutreten hat. Du wirst schon Deinen Weg finden – und der ist vermutlich ohnehin besser, als alles was wir anderen machen würden.“ –

Ich nicke.
„Danke für das Vertrauen. Ich werde mich bemühen, die Drrá’Kin als eine intelligente, stolze und edle Spezies zu vertreten, die aber die Freundschaft und Kooperation mit den Menschen sucht und ihnen helfen möchte. – Auch wenn ich aus eurer Sicht vermutlich die Freundschaft zu den Menschen zu sehr betonen könnte.“ –

Schmunzelnd schüttelt er seinen Kopf.
„Keine Sorge, das ist uns bewusst. Auch dass die Menschen sich oft sehr mit dem identifizieren, dem sie verpflichtet sind. – Die Barbaren in Gaius Julius‘ Garden waren oft römischer als die Römer selber.“ –

Nachdenklich nicke ich. Ob ich auch mehr Drache sein werde als die Drachen selber…? – Im nächsten Moment wundere ich mich über diese Gedanken… sie sind so… unlogisch, irgendwie menschlich - Ich bin schließlich ein Drache.

Moment… ich empfinde meine eigenen Gedanken als fremd…?

T’Rasszia spürt meine Verwirrung offensichtlich und macht Trrá’Yrrh darauf aufmerksam.
„Tan wird sich gerade bewusst, wie ein Drache zu denken…“ –

Er blickt mich ernst an.
„Verwirrt es Dich?“ –

„Ja schon ein wenig. Keine Sorge, ich fürchte nicht was auf mich zukommt, nur die Gedanken zu dem, was Du über die Menschen sagtest, erschienen mir plötzlich irgendwie unlogisch… - ich werde mich schon dran gewöhnen.“ –

„Irgendwie beneide ich Dich, Tan… Du darfst erleben, wie es ist ein Drache zu sein. Und darfst die Drachen drüben bei den Menschen vertreten… - manchmal vermisse ich sie, ihre unlogische Spontanität. Aber mit euch beiden drüben habe ich ja auch gute Gründe, mal wieder rüber zu gehen. Mir Dir dringende Dinge besprechen…“ –

T’Rasszia faucht kurz.
„Gib es doch zu, dass Du lieber bei den Menschen bist, als bei mir. Wahrscheinlich hast Du noch ein Weibchen da…“ –

„Ich hatte zwei dort wie Du weißt. Aber die leben schon lange nicht mehr. Und ich hatte keine Nachkommen mit den beiden. – Also bitte keine unlogischen Vorwürfe. – Und nein, ich möchte mir auch keine neuen dort suchen. Das ist jetzt Tan’s Revier…“ –

Mein Revier…? - ich schaue schnell zu Tali, die aber nur breit grinst.
„Äh… ja vielleicht, aber ich glaube mit zwei Weibchen bin ich vorerst ausreichend versorgt…“ –

Mein Vater, hat sich bisher sehr zurückgehalten – wie ich von Trrá’Yrrh weiß, fühlt er sich in Gegenwart von Drachen, die als Edle gelten, immer etwas unwohl. Ich überlege kurz, dass er damit wohl in Zukunft leben muss. Aber jetzt kommt er doch zu uns, züngelt noch einmal zärtlich mit Tali und blickt mich dann mit einem leichten Grinsen an.
„Du machst das schon mein Junge – auch mit den Weibchen dort. Und wenn Du Probleme mit dem Rat hast, schick mir eine Nachricht, dann lernen die mich doch mal richtig kennen.“ – Er wirft einen kurzen Seitenblick zu Trrá’Yrrh, der breit zu grinsen anfängt.
„Trra kennt mich, er weiß, dass ich sehr überzeugend sein kann, wenn ich will – ich habe nur gerne meine Ruhe vor euch Edlen…“

Er legt seine Stirn gegen meine.
„Du bist da natürlich nicht mit gemeint.“ –

Auf meine fragenden Blicke bekomme ich nur Reaktionen, die mir deutlich machen, dass ich es heute nicht erfahren werde, was hinter dem ganzen steckt.

Mit einem stillen Seufzer drehe ich mich zu T’Irrh, die mich jetzt doch etwas genervt anschaut.
„Ja gut, lass uns rüber fliegen. Ich will euch nicht noch weiter warten lassen. “

Sie atmet sichtlich erleichtert auf, denn trotz des guten Verhältnisses das sie inzwischen zu Trrá’Yrrh aufbauen konnte – und obwohl sie meine Schwester ist, hat sie sich nicht getraut, uns zur Eile zu drängen… wir sind nun mal Drrá’Kin – dazu noch Edle, das ist auch bei ihr fest verankert.

Ich gehe einige Schritte zur Seite und leite die Wandlung zum Feral ein, was Tali mir schnell nachmacht. Sofort ist Ti mit ein paar schnellen Schwingenschlägen auf meinem Rücken und nach einem kurzen Nicken zu den anderen, schnelle ich mich kurzerhand in die Luft. Es scheint mir angemessen als Gesandter jetzt nicht weiter zu zögern. Und es scheint auch niemanden weiter zu wundern.

Tali folgt mir schnell und nebeneinander steigen wir die paar Meter auf Höhe des Tores und genau darauf zu. – Jetzt erkenne ich – wenn auch schwach aber doch klar – die Schleier, die das Tor markieren, Tali lässt sich ein wenig zurückfallen, eigentlich untypisch für sie, aber sie will mir dann wohl doch den Vortritt lassen.

Ich schaue noch einmal kurz zurück, die anderen blicken uns hinterher, dann verschwimmt die Sicht und das merkwürdige Gefühl des Übergangs stellt sich ein. Ich blicke nach vorne – in die Dunkelheit, aber das Gefühl ist wieder weg – und die Gerüche von Nadelbäumen, Heu – und von Öl und Maschinen sagt mir, dass ich wieder auf der Erde bin – wo es gerade Nacht ist.

Schnell habe ich mich an die Dunkelheit gewöhnt. Vor mir ist eine gemähte Wiese auf der drei Hubschrauber stehen – und zwölf Personen, 6 Piloten neben ihren Maschinen, davor noch vier Menschen und zwei Drrékh, die ich trotz der menschlichen Gestalt und obwohl sie mir unbekannt sind, sofort als solche erkenne. Drüben ist mir das nicht so aufgefallen, aber meine Sinne sind sehr viel schärfer geworden, seit ich ein Drrá’Kin bin.

Meine Schwester löst sich schnell von meinem Rücken und fliegt neben mir alleine weiter, was ihr leichtfällt, da ich nur langsam dahingleite. Auch ohne, dass sie mir etwas sagen muss, setze ich in dem Halbkreis, den die sechs und die Hubschrauber vor mir bilden zur Landung an. Tali schließt zu mir auf und gleichzeitig in fast perfektem Gleichklang unserer Schwingenschläge landen wir sanft im Gras. Kurz genieße ich das angenehm weiche Gefühl unter meinen Füßen, das ganz anders ist, als das harte Gras drüben… dann, ein kurzer Blick zur Verständigung reicht, wandeln wir beide uns – auch wieder gleichzeitig - wieder zu Anthros. Denn auch Tali ist klar, dass wir als Feral hier nicht lange unbemerkt bleiben werden.

Ich bemerke, dass Ti sich ein leichtes Grinsen nicht ganz verkneifen kann, denn natürlich ist das schon eine Show, die wir gerade abziehen. Spontan, aber in fast perfekten Einklang machen Tali und ich hier den anderen klar, dass wir beide echte Drachen, ja Edle sind unter den Drachen. Dabei liegt das nur an unserer engen Bindung als Liebende, die uns auf kleinste Hinweise aufeinander reagieren lassen.

Aber es macht offensichtlich Eindruck. Die beiden Drrékh gehen auf ihre Knie, als sie sich vor uns verneigen, die vier Menschen verbeugen sich immerhin vor uns und verharren in dieser Position.

„Danke, wir grüßen euch.“ Spreche ich jetzt einfach mal für Tali mit, die zustimmend nickt, ansonsten aber eine sehr stolze Haltung zeigt. – Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, dass ich vermutlich gerade eine eher witzige Figur neben ihr abgebe.
„Verzeiht, dass wir uns verspätet haben. Ich vermute, wir sollten direkt aufbrechen.“ –

Jetzt verneigt auch T’Irrh sich kurz in unsere Richtung.
„Richtig. Es ist gerade noch genug Zeit, dass ich euch kurz Eure Verwaltungszentrale zeigen kann, Edler, ehe wir zu Eurem Heim hier aufbrechen müssen.“ –

Das ist mir neu.
„Wir werden nicht im Hauptquartier der Drachen dieser Welt unser Quartier beziehen?“ –

„Nein, nicht dauerhaft. Mein Partner bat darum, dass Ihr bei ihm euer Heim bezieht und einrichtet. Dort könnt Ihr auch besser als Ferals leben, was in der Zentrale nur sehr begrenzt möglich sein wird, da Ihr ja zu zweit seid.“ –

Aha… Josef – weiß er, dass ich der offizielle Vertreter der Drachen hier bin?
Ti errät an meinem Blick meine Frage offensichtlich und schüttelt nur leicht grinsend den Kopf.
„Die beiden wissen nur, dass der Botschafter mit seiner Partnerin eintrifft und Josef hat dann das große Gebäude als Residenz angeboten. Dort werdet Ihr ausreichend Platz für Euch finden, Edler.“ –

Ich überhöre das ‚Edler‘, was wohl dazugehört und folge der einladenden Handbewegung zum größeren der drei Hubschrauber. Drinnen erwartet uns eine gediegene Einrichtung, die größtenteils für uns Drachen optimiert ist, nur einige Sitze sind für menschliche Formen ausgelegt. Aber da unser Begrüßungskommitee sich auch auf die anderen Hubschrauber verteilt, reicht das auch aus, denn uns begleiten nur ein Mensch und eine Drrékh, die uns zu unseren Plätzen führen. – Die beiden sind uns gegenüber jetzt auch deutlich entspannter, was mir schon mal sympathischer ist.

Etwas belustigt bemerke ich das misstrauische Schnuppern von Tali, als sie mir in die Maschine folgt – auch ich habe den durchdringenden Geruch der Technik, von Metall, Öl und Plastik bemerkt, aber irgendwie ist er mir doch vertraut. Nur Tali ist das vermutlich völlig fremd, ihr Besuch vor kurzem fand ja in einer noch recht natürlichen Umgebung mit wenig Technik statt.

„Riecht das hier alles so?“ –

„Ja, irgendwie wohl schon.“ –

Seufzend setzt sie sich neben mich.
„Dann muss ich mich wohl dran gewöhnen.“ –

„Bei den Maschinen wird es wohl kaum anders gehen, aber vielleicht können wir die Luft wieder sauberer machen.“ –

Nickend schnuppert sie an dem Trockenfleisch, dass die Drrékh uns anbietet, ebenso wie an dem Wasser. Aber beides riecht angenehm und frisch, so greifen wir beide mit dankbarem Nicken zu. Dann starten die Turbinen, was Tali deutlich in Alarmbereitschaft versetzt, nur meine Ruhe lässt sie ebenfalls ruhig sitzen bleiben.
Zu ihrer Beruhigung erkläre ich ihr kurz, was sie da hört, was es bewirkt, dann die Rotoren, die mit zunehmender Drehzahl immer deutlicher das Klopfen hören lassen. Aber als die Maschine dann abhebt, zuckt sie doch überrascht zusammen und schaut sich sichernd um.

„Verzeiht, wie ich informiert wurde, ist dem Edlen T’Áan’Aáh die Technik bereits bekannt, jedoch wusste ich nicht, dass Ihr, Lady T’Álirrah, noch uninformiert seid.“ Der Mensch kommt näher und verneigt sich vor Tali.
„Ich bedaure den Fehler. Erlaubt, dass ich euch alles Notwendige kurz erkläre…“ –

Auf Talis Nicken hockt er sich auf den nächsten Sitz und erläutert ihr in überraschend klar für Drachen verständlichen Worten und Vergleichen die Technik und was sie davon spürt.

Ich lehne mich zurück, Tali ist offensichtlich in guten Händen, so kann ich versuchen, mich ein wenig zu entspannen… Nicht leicht, wenn man in ein paar Minuten vor seine zukünftigen Untergebenen treten muss. Auch wenn die vermutlich noch nervöser sind, was für ein Drache ich wohl sein werde.

Ti sitzt mir gegenüber und grinst mich jetzt deutlich erleichtert an.
„Das sind Henrik und Angela – T’Ura. Er ist ein Mensch und ihr Freund… naja eigentlich nach euren Sitten schon Partner. Die beiden werden für euch in der Zentrale dienen… - eure Wünsche des täglichen Lebens erfüllen… verzeih. – Aber Du musst Dich jetzt dran gewöhnen, dass Du ein Edler bist. Du hast einen Anspruch auf bevorzugte Behandlung. Drüben wird das nicht so deutlich, ist aber auch da gegeben. Hier soll euch das eingeschränkte Leben auf einer euch fremden Welt dadurch etwas gemildert werden.“ Sie winkt ab, als ich antworten will.
„Ja, für Dich nicht so fremd… aber spürst Du nicht doch schon, dass es hier anders… fremder ist, als Du Dich erinnerst?“ –

Ich sinke wieder in den Sitz zurück… ist es wirklich schon so fremd geworden? – Gut, ich bin bisher nicht so beachtet worden, nicht mit Hubschraubern herumgeflogen worden, aber sonst… - Aber wer weiß, wie es in ein paar Tagen sein wird.

„Habe ich schon Termine? Oder darf ich mich noch eingewöhnen und schauen, wie alles läuft?“ –

Ti grinst wieder.
„Gleich im Dienst… Ja, aber erst nächste Woche, also in 6 Tagen. Offiziell bist Du noch gar nicht hier. Du kannst also auf jeden Fall den Laden hier in Ruhe ein wenig kennenlernen.“ –

Tali lässt einen Finger über mein Bein gleiten, offensichtlich hat sie neben den Erklärungen von Henrik auch Ti zugehört. Ich nutze die Gelegenheit, Sie auf den Lichtdom aufmerksam zu machen, dem wir uns nähern. –

„Oh, wird es schon Tag?“ –

Henrik schüttelt den Kopf.
„Nein, wir nähern uns Berlin. Wenn Ihr aus dem Fenster schauen mögt…“ Er deutet auf den Platz am Fenster gegenüber.

Tali wechselt schnell den Platz und schaut verwundert auf die immer mehr werdenden Lichter unter und vor uns.

„Das ist also eine Menschensiedlung?“ –

„Ja eine große. In dieser Stadt leben insgesamt 3,7 Millionen Menschen. Und noch viele drumherum.“ –

Sie schaut mich an.
„So viele in einer einzigen Siedlung? Alle zusammen? Warum? Und warum machen die so viel Licht? Da sind doch keine Menschen zu sehen? Ah… doch aber nur sehr wenige, wo doch so viele hier leben…“ –

„Die Menschen sehen Vorteile darin, mit anderen zusammen zu leben,“ versuche ich eine Erklärung. Henrik und T’Ura kommen mir zur Hilfe.

„Gegenseitige Hilfe, Schutz, verschiedene Fertigkeiten Dinge herzustellen oder zu verarbeiten nahe beieinander. Und heute auch noch Unterhaltung und Zeitvertreib. Möglich wurde das durch immer weiter verbessere Transportmöglichkeiten mit denen die Versorgung mit Lebensmitteln für immer mehr Menschen gelingt – und die Dinge, die in der Stadt hergestellt werden, gehen wieder zurück zu den vielen anderen, die in viel kleineren Siedlungen und nicht so eng zusammen leben wie hier. – Und das viele Licht… nun, die Menschen können in der Dunkelheit nicht so gut sehen wie Drachen. Darum machen sie Licht, um sich besser orientieren zu können und um sich auch sicherer zu fühlen.“ –

Tali schüttelt den Kopf.
„Unsinn…, wenn sie nachts nichts sehen, sollen sie schlafen. – Ist doch so… Wir Drachen können nachts jagen, aber die Tiere, die im Dunklen nicht gut sehen, ruhen dann.“
Sie schaut mich etwas verwirrt an, weil ich meine Erheiterung über ihre jetzt gerade etwas simple Logik kaum verbergen kann. Denn auch die größeren Drachensiedlungen drüben sind ja beleuchtet, wenn auch sehr viel weniger und eigentlich nur um die einzelnen Wohnhöhlen zu markieren. –

Henrik nickt.
„Ja, so war das auch lange. Jetzt haben wir in den Städten so viel Licht, dass wir immer aktiv sein können.“ –

„Menschen sind doch unlogische Wesen…“
Kopfschüttelnd schaut sie wieder aus dem Fenster und bestaunt die für Drachenaugen taghell erleuchtete Stadt.
„Bauen die Menschen Türme? Wozu? Um besser sehen zu können, wer sich nähert?“ –

„Wir wohnen da drin. Oder arbeiten. Wenn der Platz in der Fläche nicht mehr reicht, bauen wir unsere Wohnungen in die Höhe.“ –

„Können nicht fliegen, aber bauen Türme in denen sie wohnen… ich will jetzt gar nicht wissen, wie das eigentlich geht…“ Ihr Blick zeigt immer deutlicher, für wie verrückt sie die Menschen gerade hält.
„Nicht mal Wege oder Treppen nach oben haben sie…“

Henrik schaut sie mit der routinierten Neutralität eines englischen Butlers an, kann aber auch ein paar leichte Zeichen von Belustigung nicht ganz verbergen während er ihre Fragen so gut er kann beantwortet. T’Ura unterstützt ihn dabei mit Ergänzungen aus der Drachensicht.

Irgendwann, nach etlichen weiteren Fragen - wir sind schon in der Nähe der Innenstadt - schaut sie Henrik nachdenklich an.
„Wie viele Menschen gibt es eigentlich? Verzeih… ich habe mich schlecht vorbereitet, aber hätte vor wenigen Tagen noch nicht gedacht, hierher zu kommen.“ –

„Ihr braucht euch nicht zu entschuldigen Lady T’Alirrah. Genaue Zählungen gibt es nicht, aber es sind ungefähr 7 Milliarden, vermutlich sogar mehr.“ –

Tali öffnet ihren Mund, schaut von Henrik zu mir, macht den Mund wieder zu und schaut dann wieder nachdenklich aus dem Fenster.
„Da ist es ja schon ein Wunder, dass es überhaupt noch Gebiete gibt, die nicht so aussehen, wie hier.“ murmelt sie leise vor sich hin.

Wir sind jetzt deutlich langsamer unterwegs, ich sehe die Gebäude um den Potsdamer Platz vor uns, die auch Tali mit neuem Interesse betrachtet. Und es sieht so aus, als wollten wir hier landen… nur wo? Doch nicht unten auf dem Platz – auch wenn der gerade ziemlich leer ist. Dann bemerke ich, dass der Pilot eine Runde um den BahnTower dreht… da? – Richtig, das Dach ist zu einem Landeplatz ausgebaut, der mehr als ausreichend groß genug für unseren Helikopter ist. Da wenig Wind geht, setzen wir schnell, aber sanft auf.

Während die Turbinen auslaufen steht T’Irrh auf.
„So, wir sind da. – Ja.“ Beantwortet sie lächelnd meine unausgesprochene Frage.
„Die Bahn wollte in ein kleineres Verwaltungsgebäude umziehen. Wir haben das dann genutzt und die oberen 12 Etagen hier gemietet. So ist die Bahn doch hiergeblieben und eine gute Tarnung für uns, wir haben da so eine Übereinkunft.“ –

„Verstehe. Aber die Helikopter?“ –

„Wir fliegen hier nur selten direkt an. Du bist so ein Grund, das manchmal zu machen. Normalerweise nutzen wir einen nicht öffentlich bekannten Nebenbahnhof hier unter dem Gebäude, wo auch ICE halten können. Aber normalerweise würdest Du mit einem als S-Bahn getarnten Sonderzug direkt zum Flughafen zu einem Untergrundbahnsteig mit direktem Zugang zu unserem Flugsteig fahren. Ich hoffe, dass Dich das nicht stört.“ –

Schulterzuckend schüttele ich den Kopf.
„Nein, eigentlich nicht. Warum S-Bahn?“ –

„Ist nur eine Tarnung. Unser Zug ist für uns entsprechend ausgebaut und wesentlich schneller als eine normale S-Bahn – auch stromlinienförmiger. Die wird als Versuchszug ausgegeben. – Wir planen zwar auch einen Linearmotorzug in einer eigenen Vakuumröhre, aber der Bau aufwändig, weil dann überwiegend unterirdisch gebohrt werden muss. – Das wird noch etwas dauern.“ –

„Verstehe.“ Ich sehe draußen so etwas wie eine Ehrengarde sich aufstellen.
„Haben wir eigene Soldaten?“ –

„Nein keine Soldaten im eigentlichen Sinn. Aber eine Sicherheitstruppe, die regional schon recht schlagkräftig sein kann, falls notwendig. – Sie sind bereit, lasst uns nach unten gehen, sie sind sicher alle schon neugierig.“ –

Henrik öffnet die Tür und ich lasse Ti und Tali vorgehen und folge ihnen dann. Die… naja Ehrengarde, mir fällt nichts anderes dazu ein – stehen alle in menschlicher Form in einer Doppelreihe bis zum Lifteingang. Wie ich schnell bemerke ist jeder zweite ein – oder eine – Drrékh. Nur offensichtlich wollen sie ein einheitliches Bild bieten – geordnet, aber nicht militärisch. Sie neigen zum Gruß kurz den Kopf, als Tali und ich vorbeigehen.

Vom Lift kommt uns ein Drrékh entgegen, der offensichtlich eine gewisse Position hier innehat. Auf halben Weg bleibt er stehen und kniet sich vor uns nieder.

„Ich begrüße den Edlen T’Áan’Aáh, Botschafter der Drrá’Kin, in Eurer Residenz. Ich bin Karrár, der vom Rat bestimmte Vertreter bis zu Eurer Amtsaufname. Bitte folgt mir.“ –

Er steht auf, dreht sich um und geht ohne weiter auf uns zu achten, zum Lift.

Leicht grinsend flüstert Ti uns zu.
„Mein Chef hier. Noch… verzeiht ihm, er verliert gerade seine Position und weiß nicht, was mit ihm passieren wird. Jetzt bist Du der, der hier alles entscheidet, auch über ihn – naja und da er die Tore noch nicht erkennt...“ –

Ich nicke nur und gehe jetzt voran, Karrár hinterher. Der wartet kurz vor dem Lift auf uns und geht mit einer einladenden Handbewegung voran.
„Die Räume sind für Euren Aufenthalt vorbereitet, die beiden oberen Stockwerke sind zusammengelegt worden, damit Ihr als Feral hier wohnen und arbeiten könnt. Da T’Irrh uns informiert hat, dass Ihr aber durchaus auch als Anthro lebt, haben auch eine kleine Wohnung mit Blick auf den Tiergarten in der 24. Etage eingerichtet. Allerdings möchte ich zunächst bitten, dass wir in den Saal gehen, damit Euch die anwesenden Mitarbeiter ihren Gruß entrichten können.“ –

„Natürlich, sie warten vermutlich bereits seit langem. Wir wurden etwas aufgehalten. – Wer musste für unsere zusätzliche Wohnung seinen Platz räumen?“ –

Er sieht mich deutlich erstaunt an.
„Äh… nur ich bin in ein freies Büro neben dem Saal umgezogen, es ist zwar kleiner, aber ausreichend. Ansonsten waren es nur selten genutzte Besprechungsräume.“ –

„Gut, wir werden weitersehen, wenn ich mich eingerichtet habe.“ –

Der Lift stoppt und Karrár geht wieder mit einer einladenden Handbewegung vor. Der Gang ist ungewöhnlich groß und breit, ebenso die Tür, auf die wir zugehen. Für Ferals gemacht? Offensichtlich – Die Türen werden von zwei Sicherheitsleuten – Menschen – geöffnet und wir treten direkt auf eine Art Bühne, die von zwei hintereinander liegenden Halbbögen von Arbeitsplätzen umringt ist.

Auf der Bühne ist mittig ein Podest mit einem offensichtlich bequemen Lager, das mit einem vergleichbaren Arbeitsplatz ausgestattet ist, wie die Plätze in den Halbbögen davor. Völlig klar, dass das der Platz eines Feraldrachen ist. Und ganz offensichtlich auf einen großen Auftritt hin ausgelegt. – Das ist wohl ein Saal, in dem Regierungsvertreter der Menschen mit dem Vertreter der Drachen verhandeln. Umgeben ist das Ganze von einer Art Auditorium, wohl für die Mitarbeiter der Verhandlungsführer. Übersetzerkabinen bilden den Abschluss… gibt es hier wirklich Staatstreffen wie in der UN? – Aber das werde ich sicher auch bald erfahren.

Jetzt haben sich hier fast 200 Drrékh und Menschen versammelt, wie ich schnell überschlage. Wir bleiben in der Mitte stehen und die Anwesenden knien allesamt nieder. Dass Tali sowas gefällt, konnte ich mir schon denken, sie schaut sich das alles mit einer gewissen Genugtuung an. Auch für Ti scheint es normal zu sein, sie geht zu Karrán und mit ihm gemeinsam ebenfalls auf ihr Knie.

Kurz entsteht eine – wohl ehrfürchtig gemeinte, mir aber unangenehme Stille.
„Ich bedanke mich für die Begrüßung und grüße euch ebenfalls. – Bitte, ihr habt den Drachen jetzt aber genug geehrt. Ich wünsche, dass dieses Niederknien mir gegenüber nur noch bei besonderen Anlässen durchgeführt wird. Normalerweise reicht mir eine leichte Verbeugung. So, gut jetzt und auf die Beine.“ Ich warte kurz, bis alle wieder stehen und mich verwundert, aber nicht unfreundlich ansehen. Währenddessen gehe ich zum Podest und stelle mich darauf, so können mich auch alle sehen, ohne dass ich ein Feral werden muss.

„Verzeiht, dass ich Anthro bleibe, aber das ständige Wandeln der Gestalt ist ein wenig anstrengend.“ Das leichte Grinsen von Tali übersehe ich einfach mal, denn eigentlich ist eher das Gegenteil die Wahrheit.

„Ich bin gerade erst angekommen, wie ihr sicher wisst. Die nächsten Tage werde ich damit verbringen müssen zu sehen, was um uns vorgeht und mir ein Bild zu machen. Aber auch darüber hinaus bin ich noch eine Zeitlang darauf angewiesen, dass ihr alle Nachsicht mit einem Drachen habt, dem diese Menschenwelt und was in ihr vorgeht noch fremd ist. Ich bitte euch, mir weiter zuzuarbeiten und mir die Aufnahme meiner Aufgaben zu vereinfachen. Umso eher können wir die Zusammenarbeit der Menschen mit uns Drachen erreichen.
Auch wenn die Menschen hier uns Drachen vermutlich vertrauen, möchte ich noch einmal klar sagen, dass wir Drachen diese Welt und ihre Bewohner nicht uns unterwerfen wollen. Wir wollen mit euch zusammenarbeiten, für euch und uns ein angenehmeres friedliches Leben erreichen und gemeinsam mit euch den Weg zu den Sternen betreten. Dieser Weg ist noch lang und ob ihr alle noch erleben werdet, dass die Kriege der Menschen enden, ist leider nicht abzusehen. Aber ich wünsche es mir für alle hier, lasst uns also daran arbeiten.
Doch nun lasst diesen Tag enden, wem es möglich ist, kann heute frei nehmen. Ab Morgen wird alles wieder seinen normalen Gang gehen.“

Es ist ja schon 1 Uhr nachts, daher beziehe ich mich auf heute.

„Aber heute ist schon Freitag, Edler…“ wirft Karrán ein. –

„Ja? Das bedeutet?“ –

„Nun, morgen ist Wochenende. Da haben ohnehin viele Frei…“ –

Ich tue weiter so, als würde ich nicht wissen, was das bedeutet. Wobei ich den Wochentag tatsächlich nicht wusste, da ich nicht mitgerechnet hatte, als ich drüben war.

„Du wirst das schon sinnvoll regeln lassen. – Ich möchte jetzt kurz noch die Wohnräume anschauen und dann die Wohnstätte außerhalb der Stadt sehen. – Hm… Du sagtest, morgen haben viele frei?“ –

„Morgen und übermorgen. Die Menschen nennen das Wochenende.“ Er beginnt vorsichtig zu grinsen.
„Ihr plant, das Wochenende auch noch nicht zu arbeiten, Edler?“ –

„Heute. Vielleicht noch morgen. Nutze ebenfalls die Tage, Karrán. Du wirst Dein Amt noch einige Zeit weiter bekleiden und mir viel erklären müssen.“ –

„Natürlich. Darf ich Euch T’Irrh anvertrauen, Edler? Ich würde gerne noch etwas regeln, bevor alle gegangen sind.“ –

Auf mein Nicken zieht er sich nach einer Verbeugung zurück – er scheint jetzt etwas entspannter zu sein, vermutlich weil ich ihn nicht sofort von seinen Aufgaben befreit habe.

Ti führt uns zuerst in die Anthrowohnung eine Etage höher, denn der Saal geht ebenfalls über zwei Stockwerke. Eine geräumige Wohnung mit mehreren Zimmern, modern und luxuriös eingerichtet, allerdings sehr nach menschlichem Geschmack. Tali blickt mich immer wieder zweifelnd an, die Möbel sind immerhin angepasst, die findet sie ja noch durchaus praktisch, aber so manche Deko stellt sie vor die Frage, wozu das gut sein soll – mich aber manchmal auch, wie ich ihr verrate.

„Tut mir leid, das wurde eingerichtet, ohne dass ich Einfluss nehmen konnte. Und ich habe das Gefühl, die Drrékh hier haben ihre Drachenseite dabei vergessen. – Leider ist es oben nicht wirklich besser.“ –

Sie geht vor, eine Treppe führt direkt zur oberen Wohnung, wo mein Vorgänger als Feral lebte. Wir kommen in eine Art Halle, die über die ganze Breite des Gebäudes geht und etwa ein Drittel der Länge. Und wir erkennen sofort, warum es hier nicht so viel besser ist – Der Raum ist vollkommen schmucklos, praktisch leer. Nur entlang der Fenster sind große und offensichtlich auch bequeme Polster verteilt, auf denen ein Feral liegen und aus den Fenstern schauen kann.

„Gut, das entspricht schon eher einem Drachen.“ Meint Tali – mit deutlicher Enttäuschung in der Stimme.
„Aber es ist dann doch wieder zu streng und leer für meinen Geschmack. Hat Garrack wirklich hier gelebt? Oder sind die restlichen Räume anders ausgestattet?“ –

„Bevor wir hier unseren Hauptsitz genommen haben, war alles auf verschiedene Standorte verteilt und die Wohnung von Garrack war als Lagerhalle getarnt. Da ist er manchmal noch für einige Tage in natürliche, ausgebaute Höhlen gezogen. – Die, in der Du wach geworden bist, Tan, gehört dazu. – Aber seit wir hier unser Hauptquartier haben, hat er nur noch zu Staatsbesuchen das Gebäude verlassen.
Die anderen Räume sind auch so leer. Im Schlafraum ist ein großes Lager, der letzte ist eine Art Büro, wo auch Drrékh und Menschen Sitzplätze finden. – Und ein Viertel der Fläche hat noch die Zwischendecke, da ist eine Wohnung für Henrik und T’Una, eine weitere, kleine in der ein Privatsekretär bzw. Sekretärin übernachten kann und eine eigene Küche, obwohl das Essen meistens in der Kantine vorbereitet wird.“ –

„Naja, man kann hier leben, aber jahrelang hier nicht rausgehen… Es wurde anscheinend wirklich Zeit, dass Garrack zurückgekehrt ist.“ –

Ti nickt nachdenklich.
„Vielleicht. Ja, er wurde immer verschlossener in den paar Jahrzehnten, die ich ihn kenne. Aber seine Entscheidungen waren immer klar, konkret und konsistent.“ –

„Ja es waren sicher keine direkten Alterserscheinungen, ich denke, er hat langsam die Lust verloren, hier weiter einen aussichtslos erscheinenden Untergrundkampf auszufechten. – Kommt, lasst uns zu Josef rausfliegen, Ich denke, dort wirst Du Dich ein wenig eher zu Hause fühlen, Tali - auch wenn die Häuser eine menschliche Ausstattung haben.“ –

Ti führt uns direkt zum Lift, der hier auch einen Zugang für uns Anthros und Menschen hat.
„Am Feralbereich bauen wir noch, Trrá’Yrrh wird uns auch noch einige Dinge schicken, die es für euch etwas heimischer machen sollten. Die normale Wohnung… oder, verzeiht, die Anthrowohnung kennst Du ja schon, wir haben das jetzt aber eurer Höhle optisch und von der Ausstattung etwas angepasst. Für mich sieht das drinnen fast wie eine richtige Höhle aus. Kyrrah ist schon dabei, sein Haus ähnlich umzudekorieren.“ –

Wir erreichen das Dach und ich halte meine Nüstern in den leichten Nachtwind.
„Eigentlich könnten wir ja selber fliegen, so viel länger wird das nicht dauern. Oder sind Henrik und T’Ura dort auch für uns zuständig?“ –

„Nein, sie bleiben hier – normalerweise geht das nicht so einfach, aber zu dieser Zeit wären viele recht glücklich damit, wenn wir nicht mehr starten würden. Mit dem Heli jedenfalls. Wir Drachen fallen dagegen nicht auf, hier ist kein Radar, das uns erkennen könnte, solange wir keinem Flughafen zu nahe kommen, aber es liegt auch keiner auf dem Weg.
– Also, wenn ihr ein wenig Rücksicht auf eine Drrékh nehmen würdet, erspart uns das einigen Papierkram.“ –

„Natürlich.“ nickt Tali mit einem misstrauischen Seitenblick auf den Hubschrauber.
„Es muss uns ja ohnehin jemand den Weg zeigen. Oder kennst Du den, Tan?“ –

Ich schüttele kurz den Kopf.
„Finden würde ich es sicher, aber vermutlich mit Umwegen.“ –

„Wenn ich Zeit hab, fliege ich gerne die Strecke mal per Schwinge. Leider geht das hier ja praktisch nur nachts.“ erklärt Ti uns leicht grinsend.
„Obwohl Du es eigentlich direkt finden müsstest, Tan. Du warst ja schon mal da und ihr Flieger habt ja eine beneidenswerte Orientierung. Wenn ich nur schneller fliegen könnte…“ –


Tali nickt energisch.
„Nicht notwendig. Du bestimmst die Geschwindigkeit und komme nicht auf die Idee schneller zu fliegen, als Du Dich dabei wohlfühlst. – So, lasst uns starten, sonst stehen wir noch hier, wenn die Sonne aufgeht.“ –

„Wir können direkt auf Kurs gehen, auf unserer Strecke sind keine Zonen, wo sie uns vielleicht entdecken könnten. Aber bitte fliegt als Anthros, ich glaube zwar auch nicht, dass sie euch als Ferals auf unserem Kurs auf ihr normales Radar kriegen und Flugabwehr ist da nicht – aber wir müssen es auch nicht herausfordern. Folgt mir einfach, ihr seht mich sicher ohnehin besser, als ich euch sehen kann.“ –

Ti wirft sich einfach über die Kante des Daches und gleitet in südwestlicher Richtung davon. Ich schaue Tali an, die meine Frage wohl schon ahnt, weil sie mir gleich antwortet.
„Ja, wir beiden können besser im Dunkeln sehen, genauer gesagt, schärfer. Wir Flieger kommen mit weniger Licht aus, aber Ti kann dafür unsere Körperwärme sehr viel besser erkennen und als Orientierung nutzen. Bei der Jagd in Waldregionen praktischer, als das dort noch schwächere Licht. – Und was das mit dem… Radings… bedeutet, erklärt ihr mir bitte später mal.“ –

Ich nicke und lasse mich, von Tali sanft geschubst, auch vom Dach fallen und spüre sofort nach dem ausbreiten meiner Schwingen den Auftrieb. Am leisen Rauschen hinter mir erkenne ich, dass Tali mir direkt gefolgt ist und in dem aerodynamisch ruhigen Bereich ein wenig hinter meinen Schwingen und etwas höher ihre Flugposition sucht.

Mit wenigen kräftigen Schwingenschlägen holen wir schnell zu Ti auf und ich positioniere mich etwas unterhalb hinter meine Schwester. Auf diese Weise bekommt Ti die gemeinsame ‚Bugwelle‘ von Tali und mir wie einen leichten Rückenwind unterstützend zu spüren, was ihr den Flug etwas leichter machen wird.

Der Flug über die Stadt und die ausufernden Vororte zieht sich, mir war das ja klar, aber ich spüre, dass Tali langsam unruhig wird. Erst über dem dunkleren Grunewald und der danach deutlich geringeren Bebauung kehrt ihre Ruhe wieder zurück.
„Ich hoffe, wir können hier auch mal gemeinsam eine Beute greifen.“ –

Das bewegt sie also gerade.
„Wir werden sicher nicht jagen müssen.“ –

„Ich weiß, aber… wir sind schließlich Drachen… wir müssen drüben auch nicht unbedingt jagen, tun es aber gerne. Ein erfolgreicher Beutegriff ist sehr zufriedenstellend.“ –

„Es wird sicher Möglichkeiten geben. Hier höchstens Wildschweine - Rotwild dann sicher weiter im Osten oder auch nördlich und südlich.“ –

„Gut. Es wird Dir Spaß machen.“ –

Es scheint sie nicht zu stören, dass sie eigentlich nicht weiß, was ich für Tiere meine.
„Sicher? Ich bin kein Jäger.“ –

„Du bist Drache, also ein Prädator. Du wirst Spaß haben.“ –

„Vermutlich.“ –

Sie lacht leise.
„Vielleicht ist es wirklich unsinnig, wenn wir zivilisierte Drachen losfliegen um wie unsere fernen Vorfahren zu jagen. Wir machen es auch nur selten, aber es ist so fest in uns drin… wir können nicht anders. Manchmal muss es einfach sein. Und das Fleisch von einem gerade getöteten Beutetier schmeckt einfach sehr viel besser, weil das Fleisch praktisch noch lebt.“ –

„Gejagt habe ich schon mal…“ antworte ich grinsend bei der Erinnerung daran.
„das ist wirklich spannend und ja, der Geschmack vom frischen Blut hat schon was. Und auch wenn ich das nicht so notwendig erachte, werden wir sicher mal in eine Gegend fliegen wo wir unbeobachtet jagen können.“ –

„Über die Notwendigkeit wirst Du sicher schon bald nicht mehr nachdenken. Du haftest noch am gewohnten menschlichen Verhalten, aber die Gefühle eines Drachen werden Dich bald anders denken lassen.“ –

Wir hatten schon drüben über dieses Thema gesprochen… Dass ich schon jetzt als Drache anders denke. Mir fällt das nicht mal wirklich auf, aber meine Gedanken sind, seit ich ein Drrá’Kin bin, irgendwie geordneter, geradliniger, wir mir scheint. Und ich komme nicht mal auf die Idee, dass sich mir irgendwas oder irgendwer in den Weg stellen könnte – außer ein anderer Drrá’Kin vielleicht. – Ich muss wohl aufpassen, dass ich nicht arrogant gegenüber den Menschen hier werde, ich kann hier nur eine langfristige Zusammenarbeit erreichen, wenn ich den Menschen eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen ihnen und uns Drachen vorlebe. Aber sie werden einen Drachen kennenlernen, wenn sie versuchen, mich zu hintergehen…

Ich zeige auf eine Kleinstadt die bald vor uns auftaucht.
„Da wohne ich, ein wenig rechts von unserem Kurs. Oder habe ich gewohnt, als ich noch nichts von lebenden Drachen wusste.“ –

Tali schaut sich das interessiert an.
„Hmm… ja schon etwas besser. Aber mir leben die Menschen zu dicht zusammen.“ –

„Na, so weitläufig sind eure Siedlungen auch wieder nicht. Ihr beleuchtet sie nur nicht so stark, weil es für euch… uns nicht notwendig ist.“ –

„Ja stimmt schon, aber dafür liegen unsere Siedlungen sehr viel weiter auseinander und es gibt nicht so viele davon.“ Sie grinst.
„Wir sind ja nicht wie Ameisen.“ –

Ti hat mitgehört.
„Die Wohnung ist gekündigt und schon geräumt worden. Und Dein Job haben wir auch wegen gesundheitlichen Gründen gekündigt. Wir haben aber einen Vertreter für die Übergangszeit angeboten.“ Ti grinst mich ebenfalls an.
„Das ist alles geklärt, letzte Woche wurdest Du mit offizieller Todesurkunde als Mensch aus dem Melderegister genommen, mach Dir darüber also keine Gedanken. Deiner Familie wurde das übrigens ebenfalls so überbracht, unserer Einschätzung nach hätten Sie Dich als Drache nicht akzeptiert, tut mir leid. – Deinen Freunden, soweit sie uns bekannt sind, haben wir noch keine Information gegeben… da sind ein paar ja recht aufgeschlossen. Die haben wir nur darüber informiert, dass Du verhindert bist.“ –

„Ah… ja richtig, daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ –

„Du bist nicht der erste, der als Mensch spurlos verschwindet… naja, von uns offiziell abgemeldet wurde.“ –

„Weiß die Behörde etwas?“ –

„Nein, für die bist Du an einer Krankheit im Ausland verstorben und dort begraben. Du bist den Menschen jetzt nur noch als Drrá’Kin bekannt, oder wirst es werden.“ –

Ich nicke.
Die Siedlungen werden kleiner und seltener, zwar ist immer irgendwo Licht zu sehen, selbst jetzt so früh morgens, wo die meisten Menschen schlafen, aber Tali registriert dieses mit Erleichterung. –

„Huh… ich dachte schon, hier gibt es überhaupt keine freien Gebiete… überall nur Menschen…“ –

„Es gibt schon noch recht leere Gebiete, sogar hier in Deutschland. Wenn wir mal etwas weiter südlich um Berlin fliegen, werden wir nur selten auf Menschen treffen – aber ganz ohne ist hier kaum zu finden.“ –

Sie schaut mich an, als würde sie am liebsten sofort in Richtung Lausitz fliegen wollen, aber mit einem Zwinkern bleiben wir auf Kurs und genießen die hier jetzt angenehm kühle und frische Luft, die selbst Tali genüsslich einsaugt.
Bald erreichen wir einen mir selbst jetzt und von hier oben durchaus bekannten Wald… Hier wurde ich lange genug über Stock und Stein gehetzt… Wir streifen die Wiese, auf der ich mir das Fliegen beigebracht habe… und schon bald schwenkt Ti kurz nach links und landet auf der Wiese zwischen den vier ehemaligen Mannschaftsgebäuden. Direkt vor dem eigentlich viel zu großen Gebäude, in dem Josef und T’Irrh ihr Privatleben verbringen und in dem ich meine erste bewusste Nacht als Drrékh verbracht hatte.

Tali schaut sich interessiert um.
„Hier wohnst Du, Ti? Zwar irgendwie … menschlich, aber doch angenehm weitläufig.“ –

„Ja, in dem Gebäude leben mein Partner und ich, da gegenüber hat Kyrrah seine Wohnung. Die anderen beiden sind für Gäste, Drrékh oder Drrá’Kin. Da sollte Tan eigentlich einziehen, aber wir haben für euch drei jetzt die ehemalige Klinik umgebaut, die liegt vielleicht Einhundert Meter hinter Kyrrahs Wohnstätte. Nicht so hoch, aber drei Flügel und ein Quergebäude – also genug Platz für drei und ein paar Nestlinge.“ Sie grinst dabei breit. –

„Wieso drei…?“ Tali legt ihren Kopf schief, aber dann versteht sie.
„Ach ja, das Menschenweibchen.“ –

„Naja, sie hat recht starke Drrékh-Gene, da fehlt nicht viel und sie wäre eine Drrékh.“ Meine Schwester verteidigt sie – und mich – sofort gegenüber der Drrá’Kin –

Mit leichtem Grinsen hebt Tali eine Hand.
„Verzeiht, ich wollte nicht, dass es abwertend klingt. Aber ich muss mich doch noch dran gewöhnen, meinen Partner mit einer Menschin zu teilen. - Vor allem, weil ich sie nicht kenne.“ –

Sie hat das schnell noch angefügt, weil sie meinen etwas belustigten Blick bemerkt hat. Denn mich mit T’Rrih’Án zu teilen, ist für sie ja zumindest vorstellbar – auch wenn das noch nicht passiert ist.

„Na los, lasst uns reingehen - wenn Du erlaubst, Ti. Ich habe jetzt doch ziemlich Hunger bekommen. Die Show, die ich vorführen musste und die Flugstrecken, vor allem drüben – ich könnte jetzt eine kleine Kuhherde auffuttern.“ –

„Und mir keine übrig lassen… Du Männchen…“ gespielt empört stuppst Tali mich an. –

Ich streichele über ihren Bauch.
„Nee, Weibchen sollen schlank bleiben.“ –

Den Stoß gegen meine Brust, der gerade kräftig genug ist um mich einen Schritt zurückmachen zu lassen, habe ich erst im allerletzten Moment kommen sehen…
Es war eindeutig spielerisch gemeint, sonst hätte ich am Boden gelegen, also nehme ich ihre Hand und lecke zärtlich über ihre Finger. Mit leisem Gurren genießt sie es, bis Ti grinsend winkt und auf den Eingang zugeht.

„Na, nun kommt schon ihr hungrigen Drachen. Bevor ihr euch gegenseitig auffresst.“ –

Wir grinsen uns an und folgen Ti zum Haus. Die Tür ist jetzt, so spät – oder genauer früh in der Nacht, verschlossen, aber nur einen Moment später klickt es und Ti drückt die Tür auf. Sie winkt uns herein und schließt die Tür wieder. Gleich darauf geht sanftes indirektes Licht an.

Eine sanfte aber doch deutlich künstliche weibliche Stimme erklingt leise.
Willkommen zu Hause T’Irrh. Der Flug war hoffentlich angenehm.“ –

„Ja danke. Die beiden sind unsere Gäste. Die Edle T’Alirrah und ihr Partner, der Edle T’Áan’Aáh.“ –

Registriert. Der Edle T’Áan’Aáh scheint bereits gespeichert zu sein, soll ich diese Daten aktualisieren?“ –

„Ja, bitte. Beide haben unbeschränkten Zutritt.“ –

Gespeichert. Josef befindet sich mit Kyrrah und Natalja im Wohnraum. Sie warten auf Dich und Deine Gäste.“ –

„Danke. Bitte sage ihnen noch nichts.“ –

Wie Du wünschst.“ –

Ti dreht sich zu uns.
„Unser Smart Home, wenn man so sagen kann. Ein wenig wie Alexa, nur weiter und für andere Anwendungen entwickelt und lokal, da geht nichts übers Internet, obwohl Julia, wie wir das System nennen, Zugriff auf das Internet hat. Die KI ist zwar darauf ausgelegt zu lernen, aber wird nicht wirklich selbständig werden. – Da haben uns die Drachen den richtigen Weg gezeigt, das zu verhindern.“ –

Tali schaut erst sie, dann mich fragend an.
„Ein schlaues Heim? Das ist doch alles wirres Menschenwerk…“ –

Ich nicke.
„Ja richtig, irgendwie schon. Es ist ein Hilfsmittel um einiges ohne direkte Einwirkung von Menschen oder Drachen zu erledigen – wie die Kontrolle, wer herein darf. Etwas angenehmer gemacht durch die Möglichkeit mit diesem Hilfsmittel wie mit einem Menschen zu kommunizieren.“ –

„Hmm… werde ich das jemals verstehen?“ –

„Sicher. Wenn Du Dich damit beschäftigst, vermutlich sogar bald besser als ich.“ –

Tali schaut mich zweifelnd an, aber Ti nickt.

„Für euch Drrá’Kin ist sowas, als wäre es extra für euch gemacht. Aber natürlich müsst auch ihr erstmal was darüber lernen.
So jetzt kommt mal mit hoch, sonst sind die drei noch eingeschlafen, oder ihr verhungert.“ –

Sie geht voran in die mir gut bekannte zentrale Halle und leise die Treppe nach oben. – Wir folgen ebenso leise, dann nach rechts… Ti öffnet die Tür zum Wohnzimmer und geht zuerst hinein.

„Na? Ihr seid noch wach? Es ist doch schon spät.“ –

Das leise Gespräch zwischen Natalja und Kyrrah – ich habe die Stimmen sofort erkannt – verstummt. Dafür höre ich jetzt die etwas verschlafen klingende Stimme von Josef.

„Was… oh Angelika. Wir haben gewartet… Du hattest da etwas angedeutet…“ –

Dann steht Tali hinter Ti und schaut sich neugierig um, aber jetzt wieder mit der typischen, leicht arroganten Haltung einer Edlen, die ich mittlerweile gut durchschauen kann.

„Oh… warum hast Du nicht… verzeiht Edle… ich bin nicht vorbereitet… mein Aufzug…“ –

Ich sehe Tali lächelnd die Hand heben.
„Alles in Ordnung. Ich bat darum.“ –

Dann gehe ich durch die Tür und stelle mich neben Tali, ebenfalls mit dieser typischen Pose, die ich mittlerweile gelernt habe. Josef steht schon vor dem Sofa, Kyrrah schaut verwirrt von einem zum anderen und Natalja, meine Nataschenka starrt mich gerade an, als ob sie einen Geist sieht.

„Ach Angelika…“ Josef seufzt
„Du hättest mir sagen sollen, dass Du zwei Edle als Gäste mitbringst. Dann hätte ich das alles besser vorbereitet…- Verzeiht Edle Drachen. Ich biete euch gerne ein wenig zu Essen und auch einen weichen Kobel zum Schlafen, aber ich bin nicht wirklich darauf vorbereitet so kurzfristig so hohe Gäste zu bewirten. Morgen…“ –

Tali stoppt ihn mit einer beschwichtigenden Handbewegung.
„Mach Dir darum keine Gedanken. Es war uns bewusst, dass wir überraschend kommen. Ein schneller Imbiss und ein weiches, warmes Nest ist alles was wir brauchen. – Verzeih, ich bin T’Alirrah, Tochter des Rrahton Trrá’Yrrh. Ich begleite meinen Partner, der als Drráhn hierher entsandt wurde.“ –

„Ah, Ihr seid der neue Botschafter Herr. Äh… verzeiht, aber ihr seht einem mir gut bekannten Drrékh ein wenig ähnlich.“ –

Noch bevor ich mir eine ausweichende Antwort überlegt habe, denn ich möchte noch ein wenig unerkannt bleiben, solange Josef und Kyrrah sich nicht sicher sind. Aber Natalja spielt da nicht mit… Sie hat mich kaum aus den Augen gelassen und kommt jetzt vorsichtig auf mich zu. Kurz vor mir bleibt sie stehen, betrachtet mich eingehend und kniet sich vor mich – um an meiner eigentlich gut getarnten Geschlechtsspalte zu schnuppern. Ihre Drachengene sind wirklich sehr stark.

Nicht lange, kaum ein Atemzug, dann blickt sie zu mir hoch, ihre Augen strahlen wie Smaragde. Kurz zögert sie, dann dreht sie sich zu Tali, noch immer auf den Knien.

„Edle T’Alirrah. Bitte akzeptiert mich als Nebenpartnerin. Ich trage das Kind Eures Partners und ich wünsche mir, dass unser Kind mit seinem Vater aufwächst.“-

Tali blickt sie leicht belustigt an, aber ich weiß, dass sie das sehr ernst nimmt. Immerhin soll sie mich mit einer Menschenfrau teilen, aber Natalja hat sich gerade richtig verhalten, wenn auch sicher nicht wie es eine Drachin gemacht hätte.

„Steh auf. Du bist Natalja? – Bist Du bereit um ihn mit mir zu kämpfen?“ –

Alle blicken Tali erschreckt an. Ich spüre aber, dass Tali nicht ernsthaft kämpfen will und bleibe vorerst ruhig. Und Tali weiß, dass ich einen ernsten Kampf auch nicht zulassen werde.

Nataschenka steht ruhig auf, blickt Tali ernst an und nickt.
„Ja, wenn es sein soll, werde ich um ihn kämpfen.“ –

Und sofort, fast ansatzlos springt sie Tali an, klammert sich an ihr fest und versucht sie zu kratzen und zu beißen… natürlich ziemlich erfolglos, auch wenn Tali es deutlich spüren wird. – Um sich der kleinen Wildkatze zu erwehren, legt sie ihre Schwingen um Natalja und fixiert sie so eng an ihrem Körper. Schnell noch Nataljas Beine mit dem Schwanz umschlungen und ihre Handgelenke gegriffen, schon zappelt meine Kleine ziemlich hilflos eng an Tali gepresst.

„Hmm… also Mut hat sie. Was meinst Du?“ Tali blickt mich an. –

„Ja. Du weißt, dass ich sie nicht wegschicken werde.“ –

Tali nickt.
„Dann wird sie bei Dir bleiben. Ihr Geruch ist auch stark und gut, ich akzeptiere sie als Nebenpartnerin.“

Natalja wird sofort ruhig und schaut Tali überrascht, aber glücklich an.
„Wirklich? Das wars schon? – Tante Tassa sagte, dass es oft sehr lange dauert und schwierig ist – oh, nicht dass ich es so nicht besser finde.

Grinsend lässt sie sich von Tali wieder auf den Boden stellen, umarmt und drückt sie kräftig. Dann ist Tali loslassen, sich umdrehen und mir an den Hals springen eine einzige fließende Bewegung – und springen ist da wörtlich zu verstehen, sie klammert sich mit den Beinen an meiner Hüfte fest. Ich kämpfe ein wenig um unser Gleichgewicht, da spüre ich schon ihre Lippen an meinen und ihre Zunge, die sich ihren Weg zu meiner sucht.

Nach einem langen leidenschaftlichen Kuss setze ich mich mit ihr, so wie sie an mir geklammert ist, auf ein Sofa. Zwischenzeitlich hat Ti zusammen mit Kyrrah frisches, in Streifen geschnittenes Fleisch und verschiedenes zu trinken aus der Küche geholt und zwischen uns auf einen Tisch gestellt.

Kyrrah vermeidet es mir in die Augen zu schauen, wie Josef ist ihm jetzt klar, wer ich bin – und Tali hat ja unmissverständlich meinen Rang hier erklärt. – Aber Josef ist natürlich interessiert, was so alles passiert ist.

„Du bist also tatsächlich Tan’Náh – oh verzeiht, Ihr seid ja offensichtlich ein Drrá’Kin… auch wenn ich gespannt bin, wie das sein kann. Ich würde gerne erfahren, was eigentlich passiert ist, was Ihr erlebt habt. – Und Kyrrah auch, selbst wenn er es jetzt nicht zeigen mag.“ –

Kyrrah nickt leicht, blickt mich aber immer noch nicht direkt an.

Ich versuche Natalja, die jetzt neben mir auf dem Sofa sitzt, sanft davon abzuhalten mir beständig Fleisch in den Mund zu stecken, was Tali grinsend betrachtet.
„Bleibt bitte beim Du, zumindest wenn wir unter uns sind. Ich fühle mich sonst so fremd. – Tja, wo anfangen… Nachdem ich mir hier schnell ein paar Sachen eingepackt hatte, bin ich dann in eine andere Richtung aufgebrochen, wie ich etwas später feststellte, führte mich das direkt zu einem Tor zur Welt der Drrá’Kin, wo ich mich erstmal ziemlich überrascht umgeschaut und überlegt habe, wie es jetzt von dort aus weitergehen soll. – Wobei ich erst durch die Ankunft T’Álirrahs merkte, dass ich genau dort gelandet bin, wo ich eigentlich in dem Moment am wenigsten sein wollte…“ –

So erzähle ich meine Geschichte, möglichst kurz gehalten, ohne wesentliches wegzulassen. Trotzdem brauche ich eine Stunde.

„So… Du bist also wirklich ein Drache geworden…“ Josef wirkt nachdenklich.
„Kannst kein Mensch mehr werden, nur zwischen Feral und Anthro wechseln. Dafür bist Du jetzt ein Edler unter den Drachen und Botschafter Deines Volkes bei uns. – Jetzt verstehe ich auch die Veränderung in Deinem Aussehen, Du wirkst viel älter und gereifter als vorher, nicht mehr so glattschuppig wie die Jünglinge hier.“ –

Er streichelt Ti über den Bauch, sie hat sich an ihn geschmiegt und wirft einen leicht spöttischen Blick zu Kyrrah, der aber auch dazu nickt. Er wirft einen kurzen Blick zu Tali, dann zu mir, steht dann auf und kniet sich mit gesenktem Kopf vor mir auf den Boden.

„Herr. Edler T’Áan’Aáh. Bitte tragt mir mein unverzeihliches Verhalten nicht nach. Ich hätte euch nie… so… behandeln dürfen, Euch nicht angreifen, verletzen, der Todesgefahr so aussetzen… Ich bin ein unwürdiger Mentor, verfügt über mich und weist mir die mir zustehende Strafe und Tätigkeit an.“ –

„Nun… Du hast es durchaus richtig erkannt. Du hast mit mir Dinge getan, die ein Mentor nie machen sollte. Damit meine ich nicht die sexuelle Handlung, da war ich ja mit einverstanden. Aber was danach geschehen ist, gehört nicht gerade zu dem, was ein Mentor tun sollte. –

Andererseits… ich wäre sonst vermutlich nie fortgelaufen, hätte nie das Tor und T’Alirrah gefunden, jedenfalls nicht unter diesen Bedingungen, hätte Nataschenka nicht getroffen und wäre ein Drrékh unter vielen geworden, vielleicht ein wenig anders, weil ein Späterwachter, aber einer unter vielen. – Nein, es war so vorherbestimmt.

Du wirst zeigen, was Du als Mentor kannst. Ihr beobachtet ja bereits einen anderen Kandidaten, wie Ti mir gesagt hat. Das ist Dein Erwachter, ganz allein Deiner. Josef wird Dir sicher mit Rat zur Seite stehen, aber Du wirst den jungen Drrékh zu einem wichtigen Mitglied eurer Art machen.“ –

Er schaut mich verwundert an.
„A…aber Herr, ich habe doch versagt… wie…“ –

„Tali, hat er an mir versagt? Er hat mich in allem ausgebildet, was ein Drrékh wissen muss. – Sag, hat er schlechte Arbeit geleistet?“ –

Sie schüttelt den Kopf.
„Er hat Fehler gemacht, auch wenn die Dir durch die Lebenskraft so bestimmt waren. Aber er hat einen Drrékh ausgebildet, der sich unter den Drrá’Kin sehen lassen konnte. Fehler ja, aber versagt hat er nicht. – Deine Entscheidung über seine Bewährung ist angemessen.“ –

„Du siehst, T’Alirrah teilt meine Ansicht, auch wenn sie vermutlich eine Strafe empfohlen hätte…“ –

Sie grinst.
„Oh, so direkt unter der Beobachtung des Drráhn zu stehen ist sicher alleine schon eine Strafe…“ –

„Nun… möchtest Du weiterhin Mentor sein? Ansonsten ist in der Sicherheitsabteilung sicher noch ein Platz zu vergeben.“ –

Er fühlt sich sichtlich unwohl, der durchdringende Blick von Tali bereitet ihm sichtlich Unbehagen… ich muss wohl noch üben…

„Ja… verzeiht Herr, ich möchte lieber Mentor sein. Ich weiß, ich muss noch an meiner Geduld und dem Verhalten gegenüber dem Erwachten arbeiten, aber ich werde es schaffen – Josef ist mir ein gutes Vorbild, gerade auch jetzt wieder. Ich nehme die Aufgabe an, Herr.“ -

„Gut. Dass Du dabei geprüft wirst, weißt Du ja. Ti hat mir gesagt, dass es zur normalen Prozedur gehört, wenn Du Mentor wirst.“ –

Er schaut mich überrascht an.
„Ich lege meine Mentoren Prüfung ab? Jetzt mit dem nächsten Erwachten? – Aber Herr…“ –

„Alle haben zugestimmt. Also habe ich keinen Einwand. Und keine Sorge, mir wurde gesagt, dass praktisch jeder irgendeinen größeren Fehler gemacht hat, bevor er die Prüfung abgelegt hat. – Auch Josef, nur hat mir bisher niemand gesagt, welchen. Aber das ist seine Sache – wie Dein Fehler unsere persönliche Sache ist. Und wer wird schon den Drráhn nach einem Fehler seines Mentors fragen.“ –

„Nur sehr wenige werden überhaupt wissen, dass der Drráhn überhaupt einen irdischen Mentor hatte.“ Wirft Josef leicht lächelnd ein.
„Und mein Fehler war schlimmer als der von Kyrrah. Ich habe dadurch zwei vielversprechende Drrékh verloren. – Also für die Firma verloren, die beiden leben sehr zurückgezogen und wollen von Drachen nichts mehr wissen.“ –

„Aber es ist an der Zeit, dass Du nach drüben gehst. Gerade, weil Du der letzte rein menschliche Mentor zur Zeit bist.“ Er schüttelt etwas unwillig den Kopf, aber Ti stupst ihn sanft in die Seite.
Drüben ist die Lebenskraft stark genug, dass Du noch viele Jahre bei guter Gesundheit leben wirst und für uns als Ratgeber und Ausbilder weiterhin helfen kannst.“ –

Er schüttelt den Kopf.
„Aber… es ist eine so fremde Welt, ganz ohne andere Menschen. Ich habe lange den Drachen gedient und das auch gerne, aber ganz in ihrer Welt leben…“ –

„Viel drüben, ja.“ Ti wirkt jetzt ein wenig verzweifelt.
„Aber doch nicht völlig. Ich habe Dir doch schon so oft gesagt, wie es werden kann.“ –

„Es tut mir leid Josef. Der Ältestenrat hat sich bereits entschieden. Sie wollen einen Menschen als Botschafter mit in den Rat aufnehmen. Mit Stimmrecht. Und sie haben sich für Dich entschieden.“ –

Er schaut mich erschreckt an.
„A…aber die Sonne… Angelika hat mir so viel über die fremdartige Drachenwelt erzählt… Dass wir Menschen dort nicht überleben können, weil das Sonnenlicht uns in wenigen Tagen verbrennt.“
Es klingt aber irgendwie wie ein letztes Rückzugsgefecht. Und ein wenig stolz darauf, dass er als Botschafter von den Drachen ausgewählt wurde, sieht man ihm auch an. –

Tali nimmt kurz Blickkontakt zu mir auf, damit sie mir nicht ins Wort fällt.
„Für eine sichere Umgebung für Dich wird bereits gesorgt. Unsere beste Heilerin T’Rrih’Án hat auch bereits Erfahrung mit Menschen. Keine Sorge, sie wird Dich auch nicht zu einem Drachen machen, wie Tan.“ –

Josef kichert leise.
„Oh, das wäre ja sogar noch recht interessant…“ Er wirft einen recht eindeutigen Blick zu Ti, die sofort zu grinsen beginnt.
„Aber ich soll doch noch nicht sofort…?“ –

Ich schüttele den Kopf.
„Nein, erstmal schlafen, morgen dann…“ Ich grinse bei seinem leicht entsetzten Blick und Ti legt ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.
„- nein, natürlich nicht so schnell. Erst nachdem Kyrrah als Mentor bestätigt wurde, wird das losgehen. Außerdem spüre ich einen Drrékh, der noch nicht entdeckt wurde, um den solltest Du Dich noch kümmern. – Aber einige kurze Besuche drüben sind sinnvoll, damit Deine Gesundheit sich stabilisiert. Dann wirst Du einige Monate überwiegend drübenbleiben müssen – nur kurze Besuche hier – Du musst erstmal Lebensenergie aufnehmen, dann sind Dir noch viele Jahre an der Seite von T’Irrh sicher. Später dann kannst Du sicher die Zeit zu gleiche Teilen in beiden Welten verbringen.“ –

„Also werde ich mich darauf einstellen müssen, bald viel Zeit auf einem anderen Planeten zu verbringen… eigentlich ja sehr spannend…“ – Josef klingt nicht sehr überzeugt.

Ich recke mich, denn ich spüre deutlich die Müdigkeit von Josef und Natascha – und auch Kyrrah kann ein leichtes Gähnen kaum unterdrücken.
„Wir sollten schlafen gehen. Es ist schon sehr spät… eher früh.“ –

Natascha schreckt auf.
„Dein Haus ist bereit. Nur Vorräte müssen wir noch besorgen.“ –

Aber Josef schüttelt den Kopf.
„Nein, ihr schlaft hier. Es sind zwar nur ein paar hundert Meter, aber ihr müsst jetzt nicht mehr rausgehen. Wir haben hier alles für euch vorbereitet. Ihr könnt dann morgen oder übermorgen in euer Haus einziehen, wenn ihr gefrühstückt habt und die restlichen Dinge eingeräumt worden sind, noch ist nicht alles fertig.“ –

Tali nickt zustimmend und ich stimme ebenfalls zu. – Josef führt uns zum anderen Flügel und öffnet die Tür zu einem großen Schlafraum, der innen sehr an eine der Drachenhöhlen drüben erinnert und in dem ein sehr geräumiger Kobel steht, bei dessen Anblick ich sofort die Müdigkeit spüre.

Wir sagen uns gute Nacht und dann sind Tali und ich alleine. Neugierig betrachtet und betastet sie den Kobel.
„Interessant… schlafen so die Menschen?“ –

„Nein, das ist eine spezielle Konstruktion für uns Drachen. Wenn wir hier erwachen, haben wir eine starke Neigung, uns in einer sicheren Höhle schlafen zu legen. – Aber die sind mindestens so weich wie die Polster bei uns drüben.“ –

„Ja, fühlt sich sehr angenehm an.“
Sie legt sich ohne lange Umschweife in das weiche Nest.
„Komm, es ist wirklich sehr angenehm.“ –

Aber ehe ich zu ihr klettern kann, geht eine Tür zum Nebenraum auf und Natascha kommt zu uns getapst.
„Tan… darf ich bei Dir schlafen? Verzeih T’Alirrah aber…“ –

Tali grinst sanft und rückt ein Stück zur Seite. Das Nest ist mehr als ausreichend, damit wir drei bequem darin schlafen können. Natascha klettert auf das Nest und beide winken mich in die Mitte. Grinsend folge ich und bald liegen wir eng aneinander gekuschelt in den weichen Polstern und schlafen auch schnell ein.