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Drachenmenschen

14. bei den Drachen

 


„Komm, fliegen wir auch nach unten. Und dann führe mich zu Deinem Vater.“ –

T'Álirrah nickt mir lächelnd zu.

„Ja. Und danach zur Heilerin. – Fliegst Du bitte vor, ich bin nicht…“ –

Ich nicke, breite meine Schwingen aus und stoße mich mit einem kurzen Anlauf ab. Das kurze Stück kann ich durchgehend gleiten, lege mich in die Kurven und richte mich zum Landen kurz voll auf. Die voll durchgestreckten Schwingen bremsen mich schnell und mit einem kurzen Schwung lande ich… fast. Ich habe etwa einen halben Meter über dem Boden jede Fahrt verloren und lande so ein wenig unsanft – kann das aber noch locker ausfedern.

Hinter mir höre ich ein ‚wildes' Geflatter. Tali fliegt die Landung an, als ob sie auf allen Vieren landen will, reißt dann aber noch kurz vorher die Beine nach vorne. So landet sie zwar auch sicher, aber es wirkt etwas unbeholfen, dazu ihr heftiges Schwingenschlagen, das durch Unsicherheit kommt – ich kenne das noch genau aus eigener Erfahrung... – Jetzt weiß ich, warum ich vorfliegen sollte, sie wollte mir das nicht vorführen.

Natürlich bemerkt sie, dass ich ihre Landung gesehen habe und steht mit hängenden Schwingen und gesenktem Kopf ein paar Schritte entfernt da.

„Tan… bitte, ich… ich…“ –

„Tali. Sag doch, dass Du als Anthro noch nicht oft geflogen bist. Der Schwerpunkt liegt ganz anders, das habe ich schon bemerkt – obwohl ich noch nicht bewusst als Feral geflogen bin, dann bin ich dran, mich vor Dir zu schämen.“ –

Ich gehe auf sie zu und umarme sie. Seufzend blickt sie mich an.

„Tan… ich fühle mich so schrecklich. Ich bin zwar nicht viel älter als Du, aber als geschlüpfte Drachin sollte ich doch vernünftig fliegen können – und hier stelle ich mich an, als wäre ich ein Nestling bei den ersten Flugversuchen…“ –

„Wie oft warst Du in dem Anthro-Körper?“ –

„Schon öfter. Im Winter wird es manchmal kalt bei uns, dann leben wir oft als Anthros ganz oben in unserem Heim, da ist es dann wärmer.“ –

Ich grinse.

„Entschuldige, aber der Gedanke, dass eine Drachin, die sich Eishöhlen zum Brüten auswählt, im Winter friert ist irgendwie komisch.“ –

Spielerisch schlägt sie mir mit einer Faust auf die Brustschuppen.

„Grrrrnnng… Du… Mensch… - Zugegeben, mir war es nie zu kalt, aber ich bin mit meinen Eltern mit nach oben gegangen.“ –

„Verstehe. Und wie oft bist Du als Anthro geflogen?“ –

„Mit dem eben? – Drei Mal…“ –

Ich sehe sie verwirrt an.

„Drei Mal? – Du meinst heute.“ –

„Ja auch. Insgesamt in meinem Leben. Ich bin vorher noch nie als Anthro geflogen.“ –

Sichtlich genießt sie meine Zunge auf ihren Nüstern…

„Dann ist das ja völlig normal Tali. Du hast Erfahrung als Feral zu fliegen, aber Du bist als Anthro viel schwanzlastiger. Der Hals ist viel kürzer, die Arme und Beine sind im Verhältnis zum Körper länger… Wenn Du Deine Beine nach hinten streckst, hast Du sicher das Gefühl nach hinten zu kippen. – Das braucht nur etwas Übung und Du fliegst mir was vor.“ –

„Sicher?“ –

„Ja klar. Du bist momentan nur verwirrt durch die ungewohnten Eindrücke beim Fliegen. Ich habe auch eine Zeit gebraucht, bis ich die richtige Schwingenhaltung gefunden habe, die meinen Schwerpunkt ausgleicht. Und wenn Du Dir dann noch in Erinnerung rufst, nur auf den Beinen zu landen und Dich kurz vorher schon in der Luft aufrichtest, sieht das gleich ganz anders aus. – So langsam bin ich ja gespannt, wie es ist, als Feral zu fliegen…“ –

„Du wirst es gleich erfahren, Tan.“ –

Ich nicke. – Ja, das befürchte ich ja auch… so langsam verlässt mich nämlich wieder der Mut.

Wir gehen um die Ecke des Stalles hinter dem wir gelandet sind und nähern uns dem Wohnhaus, wo Ti mit Georgi steht und sich unterhält. Da er mit dem Rücken zu uns steht, bemerkt er uns erst durch unsere Schritte, die ein wenig im hohen Gras hier rascheln. Er dreht sich um – und sein Grinsen erstarrt, er wird blass. Offensichtlich hatte er mich jetzt erwartet – in meiner menschlichen Form – stattdessen steht er vor zwei recht großen Drachenanthros in ungewöhnlichen Farben und mit recht wuchtigen Hörnern. Denn auch T'Álirrahs Widderhörner wirken deutlich massiver, als die schlanken, geschwungenen Antilopenhörner von Ti. Dennoch passen die Hörner zu Tali, denn auch ihr Körper ist kräftiger gebaut und dennoch schlank und drahtig – für einen Drachen sehr attraktiv, denn bei uns sind ja die Weibchen der aktive Part und ein kräftiges Weibchen garantiert kräftige, überlebensfähige Nestlinge…

Komisch das mir das gerade jetzt durch den Kopf geht…
Georgi sinkt auf sein Knie und neigt den Kopf.

„Ich grüße euch, edle Drachen, seid willkommen in meinem bescheidenen Haus. “ –

Ich blicke zu Ti, die aber nur kurz den Kopf schüttelt. Von ihr ist das nicht gekommen. Tali dagegen scheint sich wohl dabei zu fühlen. Sie strahlt plötzlich eine vornehme Arroganz aus…

„Ich danke Dir, Mensch. T'Irrh hat Dir sicher bereits mitgeteilt, dass wir den Edlen T'Áan'Aáh hier an meiner Seite mit uns nehmen werden.“ –

Georgi blickt hoch und sieht mich erschreckt an.

„Du… Ihr seid Ralf…? Verzeiht Edler, ich wusste nicht, dass ihr ein Drache aus der anderen Welt seid… ich hätte Euch das nie zugemutet.“ –

Seufzend schüttele ich den Kopf.

„Mach mal halblang, Georgi. Ja, ich bin Ralf, aber ich bin kein Drache aus der anderen Welt.“
T'Álirrah faucht leise dazwischen, ihr missfällt wohl, dass ich mich nicht damit identifizieren mag.
„Wie kommst Du eigentlich darauf, dass ich ein Drache der anderen Welt und ein Edler bin?“ –

„Herr, Euer Aussehen… kein Drrékh hat so leuchtende und reine Farben und ist von so großer und eindrucksvoller Statur.“ –

Tali hat so einen ‚na siehst Du'-Blick, als sie mich ansieht.

„Du siehst also ein, Mensch, dass T'Áan'Aáh nicht hier bleiben kann? Er…“ –

Auf meinen Blick stockt sie und neigt leicht ihren Kopf.

„T'Álirrah, bitte… Ich wollte es, Georgi hat mir nur einen Gefallen getan. Man könnte sagen er war gehorsam. –
Georgi, es tut mir leid. Wie Du siehst, haben sie mich eingefangen – es ist nicht Deine Schuld. Nur leider werde ich mich nicht hier niederlassen können.“ –

Er richtet sich jetzt endlich auf.

„T'Irrh hat es mir bereits erklärt. Es tut mir leid, dass nichts daraus geworden ist, Du… Ihr hättet gut hierher gepasst.“ –

„Bleib ruhig beim Du. Störe Dich nicht an meinen Schuppen, da drin steckt dieselbe Seele.“ –

„Danke Herr, es ist mir eine Ehre. – Es ist noch hell, darf ich euch noch zu etwas Wisentfleisch einladen, ganz frisch…?“ –

Ich schaue Ti an, sie nickt leicht, Tali dagegen wirkt ungeduldig, nickt dann aber auch seufzend.

„Ja, gerne Georgi. Ich freue mich schon darauf, das mal probieren zu dürfen.“ –

Er führt uns in sein Haus, diesmal aber in einen Wohnraum in dem ein Esstisch mit auch für uns geeigneten, gepolsterten Stühlen steht. Tali sieht sich das ganze sehr skeptisch an und beobachtet Ti und mich zuerst dabei, wie wir unsere Schwänze durch die Stuhllehne fädeln und uns dann setzen. Anschließend macht sie es uns nach, aber es wirkt irgendwie eleganter als bei uns.

„So esst ihr?“ - flüstert sie uns zu, Ti antwortet.

„Die Menschen und wir Anthros essen meistens im Sitzen. Die Menschen haben dafür solche Möbel entwickelt, die für uns nicht ideal, aber nutzbar sind. Wir selber nutzen besser an uns angepasste Möbel, die aber aus den menschlichen entstanden sind.“ –

„Ah, er hat also keine für uns passenden Sitzgelegenheiten.“ –

Ti nickt.
„Nur sehr wenige Menschen haben Möbel für Drachen. Wir sind eben nur selten als Anthros bei Menschen zu Gast. Üblicherweise nehmen wir dann die menschliche Form an.“ –

„Ach ja, die Menschen wissen ja nichts von uns. Entschuldigt, ich habe mich bisher nicht so sehr für die Menschenwelt interessiert. Ich finde diese Welt einfach fremd und schrecklich, dazu das, was man sich über die Menschen erzählt… - Aber ich muss wohl einsehen, dass es eure Heimat ist und für euch unsere Welt vielleicht auch so schrecklich ist – und man sich hier vielleicht auch erschreckende Dinge über uns Drachen erzählt. – Ich muss sagen, dass ich mir die Wohnstätte eines Menschen viel fürchterlicher vorgestellt hatte. Aber es ist eigentlich ganz angenehm hier. Nur vollgestellt mit irgendwelchen Dingen, die ich nicht verstehe.“ –

Aha, so langsam beginnt meine Weiße Verständnis für diese Welt zu entwickeln. Wer weiß, was drüben für Storys über die Menschen kursieren.

„Es kommen doch immer Drrékh zu euch. Die wissen doch, wie es hier ist…“ –

„Ja. Aber wir Drrá'Kin glauben nicht, was sie versuchen uns zu erklären. Es sind eigentlich ja auch nur Menschen, die ihre Art und ihre Herkunft natürlich in ein besseres Licht stellen wollen. Wir finden das immer lustig, weil sie für uns Drachen sind, wenn sie in unsere Welt gelangen können - Drachen, die in den Jahren der Entwicklung alles Menschliche abgelegt haben. – Du bist so anders, das habe ich sofort gespürt. Du bist ein Drache und gleichzeitig ein Mensch. Ich habe das noch nicht erlebt, aber Vater sagt, dass viele Späterwachte so sind.“ –

Georgi kommt mit einer Schüssel mit einigen rohen Fleischstücken und stellt die auf den Tisch. Dazu große Bretter und Messer, die er vor uns platziert.

„Äh, macht es euch etwas aus, wenn ich mir ein Steak brate…?“ –

Ich sehe Tali an, dass sie nicht weiß, was er meint.

„Ein Stück Fleisch auf eine heiße Platte legen und so von beiden Seiten erhitzen. Es kommt nicht direkt mit Feuer in Berührung, riecht und schmeckt aber doch ein wenig verbrannt für uns. Als Mensch mochte ich es sehr gerne, aber jetzt auch nicht mehr.“ –

Sie sieht mich entsetzt an.

„Verbrennen Menschen wirklich ihr Fleisch, bevor sie es essen?“ –

„Nicht direkt verbrennen. Aber sie erhitzen es auf unterschiedliche Art, auch direkt über einem Holzfeuer oder Glut. Es ist dann für Menschen leichter zu verwerten, sie haben nicht den starken Magen eines Drachen. Und ihre Zähne sind mehr zum Kauen, weniger zum Schneiden von Fleisch geeignet.“ –

Tali sieht mich überrascht an.

„Darum machen die das? Bei uns sagt man, dass sie nachgemachtes Drachenfeuer über ihr Fleisch schütten und das dann verbrennen, weil sie gerne Drachen wären – oder als mahnende Erinnerung an die Zeit, in der sie selber Drachenfutter waren.“ –

„Oh nein… das würden sicher auch die Menschen nicht mehr essen. Nur Holzfeuer oder neuerdings neutral verbrennendes Gas. Die Bestandteile des Drachenfeuers hinterlassen einen auch für Menschen unangenehmen Geschmack. Und richtig verbranntes Fleisch mögen auch die Menschen nicht. Darum legen sie das Fleisch dann auch meistens auf Stein oder Metall ohne direkten Kontakt zu einer Flamme.“ –

Ti hat inzwischen Georgi unser Einverständnis mitgeteilt und jetzt kommt er mit seinem Brett, auf dem ein schönes Stück gebratenes Fleisch liegt, zurück. Tali schnuppert und stellt die Nasenschuppen auf.

„Also… ja es riecht schon anders, aber… das ist nichts für einen Drachen. – Sag bitte nicht, Du isst sowas…“ –

„Früher ja, sogar sehr gerne. Aber jetzt ist es mir auch in meiner menschlichen Form zuwider. Nein, Du wirst nicht sehen, dass ich gebratenes Fleisch freiwillig esse. Gekochtes dann schon eher.“ –

Georgi wird aufmerksam.

„Wünscht Du etwas von dem Schaffleisch?“ –

„Nein Danke. Ich glaube, ich kann T'Álirrah heute nicht davon überzeugen. – Du verstehst und sprichst die Sprache übrigens sehr gut.“ –

„Ich hatte viel Zeit sie zu üben. Nur gelingt mir die Betonung und das knurrende Rollen nicht so recht.“ –

Tali, die sich aus der von mir gereichten Schüssel ein Stück Fleisch nimmt, schüttelt kurz den Kopf.

„Ich vermute, die Sprache ist schwer zu sprechen für euch. Du spricht gut und verständlich.“ –

Ich blicke sie erstaunt an, während sie schulterzuckend in das Fleisch beißt. Sie schaut es verwundert an, beißt noch ein kleines Stück ab und zerreibt es genüsslich an ihrer Gaumenplatte.

„Das ist lecker…ist das wirklich von hier?“ –

Georgi nickt.

„Ja, die Tiere stehen draußen auf der Weide. Und stammen, soweit die Menschen wissen, auch aus unserer Welt.“ –

„Verzeih, es war nicht böse gemeint. Aber das ist wirklich gut, darf ich etwas mitnehmen für meine Eltern? Ich möchte wissen, was sie dazu meinen.“ –

Ich hebe die Hand.

„Ich bezahle es Dir, Georgi. Drachen zahlen ihre Zeche.“ –

Geradezu empört sieht Tali mich an.

„Natürlich zahlen wir, was wir erwerben. Wir kennen die Geldwirtschaft – und ich bezahle, was ich erwerbe.“ –

„Verzeih, Liebste, ich wollte nicht…“ –

T'Álirrah greift mit ihrer blutigen Hand nach meinem Kinn und dreht mich zu ihr.

„Sag das bitte noch mal…“ –

„Verzeih…?“ –

„Weiter!“ –

„Liebste…?“ –

„Wie meinst Du das?“ –

„Wir haben doch schon sowas wie eine Partnerschaft – und ich fühle mich stark von Dir angezogen…“ –

„Du würdest mich also erwählen, wenn ich um Dich werbe?“ –

„Tali, Liebste. Ich habe bereits gewählt. Meine Instinkte wollen Dich und mein Verstand sagt ja. Du musst nicht mehr um mich werben.“ –

Sie zwingt meine Kiefer sanft auseinander, neigt ihren Kopf und verhakt dann ihre Fangzähne hinter meinen. Unsere Lippen umschließen sich und das Spiel unserer Zungen wird immer intensiver. Eine eigentümlich wunderbare Art sich zu küssen, so miteinander verhakt. Viel zu schnell löst sie sich wieder.

„Lass mich später noch um Dich werben, dabei kann ich Dir alles für die öffentliche Werbung zeigen und erklären. Denn mit der wird unsere Partnerschaft offiziell.“ –

Ti hatte ruhig ihr Fleisch gegessen, aber jetzt blitzen ihre Augen.

„Vergesst bitte nicht, mich dann zu euch zu holen. Es ist immerhin ein Familientreffen.“ –

Grinsend beruhige ich sie.

„Keine Sorge – und wenn ich als Feral am Tag über Berlin fliegen muss… ich hole Dich dazu. Und wenn es irgendwie möglich ist, Josef auch – er ist ja immerhin mein Schwager.“ –

Ti und Tali sehen sich an, dann macht meine Weiße den Versuch, mir das zu erklären.

„Tan, Josef ist doch ein Mensch…“ –

„Ja. Ist die Luft drüben giftig für Menschen, oder hat der Planet eine viel höhere Schwerkraft?“ –

„Schwerkraft…? – Achso – ja, ein wenig. 15 Prozent mehr ungefähr.“
Aha, das kennen die Drachen also – und sogar recht genau.
„Die Luft… ja da ist was, das den Menschen auf Dauer schadet, aber nicht sofort gefährlich ist. Sie können eine Zeitlang bei uns ohne Gefahr atmen. Im Wesentlichen ist es unsere Sonne, die einen Menschen innerhalb eines Tages töten kann.“ –

„Das UV-Licht?“ –

„Ja, das hat ein breites Spektrum und zerstört die Haut der Menschen sehr schnell.“ –

„Wie ist es im Schatten?“ –

Tali schüttelt den Kopf.

„Draußen – wenn überhaupt – nur nachts. Sonst nur in unseren Wohnstätten, solange sie den vorderen Bereich meiden. – Das ist aber nur das, was wir als Nestlinge in der Schule lernen. Uns wird gesagt, dass wir Menschen, die versehentlich durch ein Tor kommen, sofort vor dem Licht der Sonne schützen und so schnell wie möglich zurückbringen sollen. Das ist aber wohl schon seit sehr langer Zeit nicht mehr passiert.“ –

„Danke Tali… - Sag mal Ti… gibt es eurer Firma keine UV-Schutzanzüge? – Ich weiß, Drrékh brauchen die nicht, aber arbeiten nicht auch Menschen in der Firma?“ –

Stöhnend stützt meine Schwester ihren Kopf auf den Händen.

„Oooh… ja, verdammt. Natürlich haben wir sowas – sogar mit leichter Sauerstoffversorgung, die drüben vollkommen ausreicht… - Ich hab ständig damit zu tun… warum kommst Du darauf und nicht ich?“ –

„Mach Dir darüber keine Gedanken. Aber damit ist das Problem doch gelöst. – Wie ist es mit meiner menschlichen Familie?“ –

Ti sieht mich traurig und mitleidig an.

„Es tut mir Leid… Du wirst den Kontakt zu ihnen so bald wie möglich beenden müssen. Die Menschen sind noch lange nicht soweit, uns Drachen zu akzeptieren. Das gilt leider auch für unsere Familien. Dir steht noch bevor, was ich vor ein paar Jahren abgeschlossen habe. Vielleicht fällt es Dir etwas einfacher – Männchen sind da etwas robuster.“ –

„Verstehe. Nun ja, der Kontakt ist ohnehin nur noch sehr sporadisch. Wenn ich nicht anrufe, meldet sich keiner. Ich glaube, wenn ich jetzt verschwinde, merken die es erst zu Weihnachten, weil ich dann nicht da bin…“ –

Beide Weibchen sehen mich entsetzt an, sogar Georgi schaut betroffen auf sein Brett. Tali fängt sich am schnellsten.

„Tan… es tut mir leid. So ohne familiäre Bindungen gelebt haben zu müssen… - Du wirst erleben, dass wir Drachen eine sehr enge Bindung haben, selbst wenn wir uns nicht oft sehen.“ –

„Richtig…“ Ti nickt
„Hier fehlt der Kontakt zwar, aber wenn ich drüben bin, spüre ich sofort Vater und unsere beiden Schwestern – und sie mich.“ –

„Ich habe drüben nichts Besonderes gespürt.“ –

„Sobald Du sie getroffen hast, wirst Du ihre Präsenz sofort erkennen können.“ –

„Entschuldige Ti, ich spüre ja nicht einmal Dich.“ –

„Doch Tan. Du weißt es nur noch nicht. Hab Geduld.“ –

Ich seufze… Neben mir hat Tali ihre Fleischbrocken genüsslich verschlungen und leckt sich jetzt das Blut von den Händen. Dass Ti und ich unser Fleisch mit dem Messer in Streifen geschnitten hatten und diese dann mit zwei oder drei Bissen gegessen haben, hat sie mit einem deutlich verwunderten Blick betrachtet. Nachdem ihre Finger sauber sind, greift sie meine Rechte, schnuppert kurz und leckt sie mir dann auch noch sauber. Meinen Versuch, sie aufzuhalten, ignoriert sie einfach.

Ti grinst mich an.

„Ich glaube, daran musst Du Dich gewöhnen. Die Weibchen versuchen ihre Männchen gut zu pflegen. Du weißt, sie sind zwar der aktive Part in einer Partnerschaft, aber ein Männchen hat das Recht jederzeit zu gehen. Und das nutzen wohl viele auch.“ –

Kurz faucht Tali wütend in Richtung Ti, seufzt dann aber und blickt auf ihre Hände.

„Ja, viele mögen wohl die ständige Aufmerksamkeit des Weibchens nicht. Wir haben einfach nur die Furcht, er geht und wählt eine Andere, darum übertreiben viele. – Verzeih mir das Handablecken, aber das ist doch nur ein kleines Zeugnis meiner Zuneigung.“ –

„Natürlich, Liebste.“ –

Ich streichele mit einem Finger über ihre Kehlschuppen, was sie mit einem Hochrecken des Kopfes und einem deutlichen Schnurren beantwortet. Das Feuer in ihren Augen verspricht mir so einiges, wenn wir erstmal alleine sind…

Sie schaut zum Fenster und sieht mich dann mit ernsten Blick direkt an. – Ich verstehe, was sie mir sagen will, es wird dunkel und Zeit, dass wir aufbrechen. Ich nicke kurz.

„Georgi, wir müssen jetzt leider aufbrechen. Wir danken Dir für Deine Gastfreundschaft.“ –

„Das ist doch selbstverständlich. Ich durfte Drachen bewirten, das ist mir eine Ehre.“ –

Wir stehen auf, ich helfe Tali ein wenig dabei, ihren Schwanz wieder aus dem Stuhl zu fädeln und wir gehen wieder nach draußen. Georgi reicht mir ein Paket, aus dem eindeutig der Geruch von frischem Wisentfleisch strömt und winkt ab, als ich mein Geld herausholen will.

„Nimm es als Lohn für Deine Hilfe.“ –

Alle Versuche ihm Geld dafür zu geben lehnt er ab, T'Álirrah hat ein paar Plättchen Gold unter ihren Schuppen versteckt, die sie ihm anbietet, aber von ihr will er erst recht nichts nehmen. Ich packe schließlich das Fleisch in meinen Rucksack, der jetzt recht voll ist und schnalle ihn mir um.

Es ist dunkel genug, dass wir am Himmel nicht mehr deutlich erkannt werden und ggf. als Vögel identifiziert werden. Also dann… Ti startet mit einem kurzen Sprint als erste, ich reiche Georgi die Hand, die er etwas zögernd ergreift, mir dann aber kräftig drückt – und während er sich mit einer Verneigung von Tali verabschiedet, starte ich ebenfalls mit drei schnellen Schritten. Tali folgt mir direkt, wie ich höre – aber ich höre auch, wie unsicher ihre ersten Schwingenschläge sind.

Ich warte ab, bis wir über den Bergkamm außer Sichtweite sind und lasse mich dann an die Seite von Tali zurückfallen. Ihr misstrauischer Blick trifft mich – ich habe nicht vor, mich abzusetzen und bemühe mich schon die ganze Zeit um eine offene Gestik und Mimik. – Aber sie bemerkt sofort meinen Stimmungsumschwung, den sie richtig interpretiert.

„Verzeih Tan. Ich sollte nicht so misstrauisch sein, Du warst mir gegenüber ja immer ehrlich.“ –

„Und ich wollte jetzt nur sehen, ob ich Dir helfen kann. – Darf ich Dich anfassen?“ –

„Natürlich… Oder willst Du doch nicht mein Partner sein…“ –

Ich grinse verlegen.

„Entschuldige meine Dummheit – aber ich kenne ja kaum die Sitten der Drrékh, wie soll ich die von euch Drrá'Kin dann kennen.“ –

„Stimmt. Und die Frage ist ja auch gerechtfertigt – ich könnte heftig reagieren, wenn es mich überrascht. – Verzeih.“ –

Sie macht eine einladende Handbewegung und ich steige etwas höher und nähere mich ihr dann von hinten bis ich sie fast berühre. Wir fliegen so genau hintereinander, ich etwas über ihr und nach hinten versetzt. Sie dreht ihren Kopf etwas, um zu sehen, was ich vorhabe. – Und das ist ganz einfach. Ich nicke ihr zu, fasse sie dann an den Hüften und steige ein klein wenig. So spürt sie den Zug von mir – sofort begreift sie, was ich damit bezwecken will und streckt sich endlich richtig, nimmt die Beine nach hinten und entspannt sich spürbar. Ihr Flug wird sicher und ruhig – und wie ich erwartet habe, liegt sie auch gleich sicher in der Luft, ohne dass ich sie weiter anheben muss, ich habe nur noch meine Hände an ihren Hüften, mehr nicht.

Es ist überdeutlich, dass sie eine sichere, erfahrene Fliegerin ist – sehr viel erfahrener als ich. Und natürlich hat auch sie sofort gespürt, dass sie jetzt die richtige Position hat und meine Hilfe nur psychologisch notwendig war und jetzt eigentlich nicht mehr gebraucht wird. Ich löse meinen Griff langsam, sofort sieht sie sich um und lässt ein Bein hängen.

„Nein, halt mich Tan…“ –

Grinsend fasse ich wieder fester zu und sie kehrt lächelnd in die optimale Fluglage zurück.

„Ich kann Dich doch nicht immer so halten, Tali…“ –

„Natürlich nicht. Aber es fühlt sich gut an, von Dir geleitet zu werden. Nur ein wenig, bis wir an das Tor kommen…“ –

Verdammt raffiniert dieses Weibchen. Zwar glaube ich ihr, dass sie ein wenig Hilfe gebraucht hat – aber das jetzt… Sie hat mich am Kanthaken, jede theoretische Möglichkeit heimlich abzuhauen ist futsch, sie spürt jede Fingerbewegung von mir. Und ich gewöhne mich daran, sie zu berühren, ihr nahe zu sein und mich zusammen mit ihr zu bewegen, denn wir müssen für unseren Formationsflug in einem gemeinsamen Rhythmus sein. Am besten läuft es, wenn wir unsere Schwingen gegenläufig bewegen.

Tali beginnt bald, mir näher zu kommen, sie greift mit den Füßen nach meinen Hüften und zieht mich an sich, ich umfasse schließlich ihre Taille und so bilden wir einen engen Verbund, den ich mit meinem Schwanz lenke, denn sie schlingt ihre Schwanzspitze um meine Taille. Und dann fängt sie mit Kurvenflügen an, die ich richtig austarieren muss. Es dauert ein wenig, aber nach ein paar Minuten habe ich das im Griff. – Nur jetzt tobt sie sich aus… Links, Hoch, Runter, Rechts, Rollen… sogar einen Looping. Wir umkreisen meine Schwester dabei regelrecht, weil wir gemeinsam viel schneller sind. Ich sehe Ti kopfschüttelnd stur weiter fliegen.

Nach insgesamt vielleicht eine halbe Stunde Flug, löst Tali ihren Griff und auch ich lasse ihre Hüften los. Irgendwie schade, denn so gemeinsam wie ein Drache zu fliegen hat schon was. – Und ihr Duft hat natürlich auch dazu beigetragen. – Wir landen auf einer kleinen Wiese, Ti kommt nur einen Moment später.

„Verzeiht, was war das den…?“ –

Tali lächelt und blickt mich an.

„Wir Flieger mögen es sehr gerne, in einer möglichst engen Formation zu fliegen. – Aber ich muss gestehen, so eng wie eben, habe ich es noch nie gesehen. Große Lebenskraft, was für ein Spaß – und Tan… wir waren so… eins…“ –

Ich nicke.

„Und das ist gut?“ –

„Tan… für uns bedeutet das… das wir…“ –

„Verstehe. Nur Liebende können gemeinsam wie ein Drache fliegen.“ –

„T'Ánh'Aáh… Tan… Liebende?“ –

Ich gehe die zwei Schritte zu ihr, nehme ihren Kopf in meine Hände und küsse sie. Ihr Blick zeigt eine leichte Verwirrung, dann legt sie ihren Kopf auf die Seite, öffnet ihren Mund und zwingt mir sanft ihre Fangzähne hinter meine. – Ich hatte mal wieder auf menschliche Art geküsst… Aber dieses innige Verhaken der Zähne ist sehr angenehm – und das Spiel unserer Zungen dabei noch mehr.

Ti hatte sich schnell zur Seite gedreht und wendet sich erst nach unserem Kuss uns wieder zu. Ist es ihr peinlich…?

„Ti… warum wendest Du Dich ab. Wir sind Geschwister.“ –

Sie lächelt kurz.

„Natürlich, ich bin nicht eifersüchtig. Es gehört sich nur nicht euch dabei zuzusehen.“ –

Ich sehe Tali fragend an, meine weiße Drachin nickt.

„Ja. Es ist bei uns Sitte. Normalerweise zeigen wir vor anderen nicht so unsere Zusammengehörigkeit. Wir stehen oder gehen nur sehr nahe beieinander und berühren uns vielleicht kurz. Daran erkennen die anderen unsere enge Beziehung, denn sonst halten wir stets einen Abstand.“ –

„Oh, verzeih. Ich wollte Dich nicht bloßstellen.“ –

„Nein Tan, hast Du auch nicht. Wir jungen Drachen kümmern uns nicht so sehr darum – und die älteren schauen eben höflich weg.“ –

Ich schüttele zweifelnd leicht den Kopf.

„Ti ist doch nicht so viel älter als ich…“ –

Meine Schwester kommt zu mir und legt mir ihre Hand an den Hals.

„Menschlich gesehen, könnte ich Deine Mutter sein… Aber das ist es nicht. Ihr seid beide Drrá'Kin und Edle. Schon allein, dass ich es wage, hier so bei euch zu stehen könnte mir eine Strafe einbringen.“ –

Der Kopf T'Álirrahs wirbelt herum.

„Wer sagt sowas?!“ –

„Es steht in den Regeln – und der Edle Sszurruk hat uns das auch immer wieder so gesagt.“ –

Tali schüttelt energisch den Kopf.

„So ein Quatsch. Es war wirklich Zeit, das Sszurruk zurückgeholt wurde – Vater hatte Recht, er ist wohl wirklich zu alt geworden.“ Sie blickt mich an.
„Sszurruk war in dieser Welt unser … wie würdet ihr das nennen…“ –

„Botschafter“ ergänzt Ti.
„und mein Chef.“ –

„Aha… ihr habt also keinen Chef mehr“ schlussfolgere ich. –

„Direkt nicht, aber eigentlich entscheidet ja ohnehin der Drachenrat. Und dem berichte ich jetzt unmittelbar.“ –

„Du bist also jetzt öfter drüben?“ –

Sie schüttelt den Kopf.

„Ich war zwar schon ein paarmal dort, aber im Moment haben wir einen Kurier, ein Drrékh der seit kurzem die Tore nutzen kann und noch hier bleiben möchte.“ –

„Ah, verstehe.“ –

Schnuppernd schaue ich mich um und sehe dort, wo der Torgeruch herkommt eine eigenartige Verzerrung nur ein paar Schritte entfernt.

„Ah, hier kommt man also auch zu Fuß durch.“ –

T'Álirrah lächelt, als sie mir über die Wange leckt.

„Deine Kraft wächst, Tan. Nur Drrá'Kin und alte Drrékh können ein Tor auch hier sehen. – Ja, ich war noch nie vorher hier, aber ich wurde umfassend ausgebildet, um in dieser Welt überleben zu können. Es ist für Drachen gefährlich hier, obwohl die Anführer von uns wissen und sehr viele mit uns zusammenarbeiten." –

„Ja, die meisten Menschen fürchten Drachen. Kannst Du Dich zum Menschen transformieren?“ –

„Nein“ Tali schüttelt den Kopf.
„Du hast die Gene Deiner menschlichen Mutter, die Dir das möglich machen. Ich nur die Gene meiner Eltern, deren Vorfahren alle Drachen waren. Ich bin Drachin.“

Mit den letzten drei Worten hat sie exakt mein Problem getroffen… was bin ich. Drache? Mensch? Drachenmensch? Und was ist das genau?
Aber sie spürt sofort, was mich beschäftigt und legt ihre Stirn an meine.

„Drache…“ flüstert sie.

Ich nicke leicht und aufmunternd lächelnd tritt sie wieder einen Schritt zurück. Tief durchatmend drehe ich mich zu meiner Schwester um und reiche ihr die Hand.

„Komm Ti, gehen wir.“ –

T'Irrh blickt mich erstaunt an.

„Ich kann nicht mitkommen. Ich habe keine Aufforderung bekommen. Das… ich… Tan, ich kann da nicht einfach so rüber.“ –

„Hat es Dir jemand verboten?“ Ich blicke sie verwirrt an – sie hat eine wichtige Position hier und darf nicht zu den Drrá'Kin? –

„Nein Tan. Das nicht, aber es ist so … Sitte. Ich habe meinen Auftrag ausgeführt und Dich gefunden. Nun fliege ich wieder nach Hause – mit dem Flugzeug, das geht schneller.“ –

Mein fragender Blick zu T'Álirrah beantwortet sie mit einem Nicken.

„Ja, das ist schon so richtig. Drrékh, die noch nicht selber die Tore öffnen können, kommen nur auf Einladung oder mit einem Auftrag zu uns. Es muss ihnen ja jemand den Weg öffnen. Aber natürlich darf sie mitkommen, es ist nicht verboten und Du hast sie eben ja eingeladen.“ –

Ti schüttelt heftig den Kopf.

„Ich will nicht, dass Tan Schwierigkeiten bekommt.“ –

Aber T'Álirrah grinst breit.

„T'Ánh'Aáh bekommt keine Schwierigkeiten. Er ist menschengeboren, aber Drrá'Kin, ein Edler. Mein Partner.“ –

Zögernd greift Ti meine Hand. Ich nicke ihr zu und dann gehen wir gemeinsam auf das Tor zu – das meine Schwester nicht sehen kann, wie ich schnell bemerke. Tali wartet einen Moment, dann folgt sie uns. Mehr sehe ich nicht, denn es wird übergangslos schwarz um uns, ich spüre Ti aber an meiner Seite. Das eigenartige Gefühl des Fallens, dann ist es übergangslos wieder hell und wir gehen unter blaubelaubten Bäumen in einem Tal noch ein paar Schritte, ehe ich auch die Schritte Talis hinter uns höre. – Ich bin wieder in der Welt der Drachen.

Ti blickt mich an.

„Es war mit Dir viel angenehmer als sonst…“ –

„Vermutlich weil wir Geschwister sind“ versuche ich abzuwehren. –

Aber T'Álirrah, die wieder funkelnd und mit amethystfarbenen Augen zu uns tritt, schüttelt lächelnd den Kopf.

„Nein, sogar für mich, soweit hinter euch war es viel ruhiger als sonst. Du hast eine große Kraft, T'Ánh'Aáh.“ –

„Sonst…?“ –

„Heute Morgen und die drei oder vier Besuche in anderen Welten – ja.“ Souverän lächelt sie meinen Versuch, sie zu entlarven, einfach weg. Hier ist Tali plötzlich wieder die starke, selbstbewusste und dominante Drachin.

„Kommt, wir müssen noch ein Stück fliegen, obwohl wir hier näher an Shyrrak sind als bei eurem Tor.“ –

Tali geht voraus und betritt eine Lichtung, wo sie sich ohne weitere Umschweife zur Feral transformiert. Sie tritt beiseite, um mir Platz zu machen… - Ich atme tief durch, lasse Ti los, setze den Rucksack ab und gehe auch auf die Lichtung hinaus. Sofort spüre ich die Wärme der Sonne, obwohl die noch nicht besonders hoch steht. Ich blinzele ein wenig ins Licht, werfe noch einen Blick auf Tali und hocke mich dann hin. Noch ehe ich den richtigen ‚Schalter' betätigen konnte, spüre ich schon, wie die Energie durch mich strömt.

Einige Augenblicke später stehe ich dicht neben meiner weißen, glitzernden Drachin und blicke ihr direkt in ihre violetten Augen.

„Willkommen in meiner Welt, Tan. In unserer Welt.“ –

Ich lächele, dann höre ich eine Stimme von der anderen Seite: T'Irrh.

„Tan...? Bist Du das wirklich?“

Ich sehe sie an und nicke.

„Du… siehst so… Wow…“ ihr hat es anscheinend völlig die Sprache verschlagen. –

„Wie sehe ich denn aus? Ich habe mich noch nicht im Spiegel gesehen“ frage ich. –

„Wie… wie… - Wie einer der Drachen des Rates. Alt, weise und mächtig – und aus flüssigem Kupfer. – Vater wird sich wundern… - Jetzt passen Deine Hörner auch richtig zu Dir. – Äh, darf ich Dich fotografieren? Josef wird Dich sicher so sehen wollen.“ –

Grinsend nicke ich und Ti kramt ihr Handy aus ihrer Hüfttasche. T'Álirrah schaut gelassen und interessiert zu, wie ich die verschiedenen Posen einnehme, die meine Schwester gerne aufnehmen möchte. Zuletzt noch eine Nahaufnahme von meinem Kopf. Natürlich zeigt sie mir anschließend die Bilder – interessant… So sehe ich also als Feral hier aus – irgendwie schafft das Handy es, auch die UV-Farben aufzunehmen. Auch ein kurzes Video hat sie gemacht, als ich mich auf die andere Seite gedreht habe… Wow… was sich für mich wie ein ungeübtes Staksen angefühlt hat, sieht auf dem Video unglaublich elegant und geschmeidig aus – als wäre ich nie etwas anderes als ein Feraldrache gewesen. Und dazu meine Farben, die wirklich so aussehen, als ob eine Flüssigkeit sich bewegt.

Am meisten aber faszinieren mich meine Augen… schwarz mit dem schmalen, leuchtblauen Schlitz meiner Pupille…

„Sehe ich wirklich so aus…?“ –

Beide nicken – auch Tali hat mir über die Schulter geschaut und die Bilder betrachtet.

„Natürlich. Genauso siehst Du aus, Tan“ bestätigt Tali mir. „Warum?“ –

„Ich kann nicht glauben, dass ich dieser elegante, geschmeidige und kräftig wirkende Drache sein soll. So gefährlich wirkend und gleichzeitig doch freundlich ruhig…“ –

Ich spüre ihre Zunge entlang meiner Lippen gleiten.
„Du bist eben ein sehr attraktives Männchen, Tan. Dazu so interessant durch Deine uns fremde menschliche Seite, die ich gerne kennenlernen möchte.“ –

„Aber… ich attraktiv… mit diesen schwarzen Dämonenaugen?“ –

T'Álirrah überlegt kurz, wohl über den Begriff, den ich für Dämonen verwendet habe. Meine Schwester nutzt die Gelegenheit.

„Tan – ich weiß, dass Du Dich als Mensch für unattraktiv und uninteressant gehalten hast. – Selbst wenn es so gewesen ist – Jetzt bist Du ein Drache… und ein verdammt attraktiver Drache dazu. Wäre ich nicht Deine Schwester, dann müsste T'Álirrah mit mir konkurrieren…“ –

„Oh“ reagiert Tali darauf.
„Das hätte mir wohl Probleme bereitet – ich ahne, dass Du wie Dein Bruder groß, kräftig und attraktiv sein wirst als Drachin.“

Dann blickt sie mir in die Augen.
„Ja, Du bist attraktiv. Vielleicht nicht in den Augen einer Menschin, aber eine Drachin sieht in Dir ein kräftiges, gesundes und potentes Männchen, dass gesunde Nestlinge zeugen und sie versorgen kann. Und ein hübsches Männchen noch dazu. Und Deine Augen… sie sind nicht schwarz – es ist das unendlich tiefdunkle Blau tief in den Eishöhlen dieser Welt, das in ihnen liegt. Tan'Náh… dieser Name passt immer noch zu dir. Ich sehe nichts Dämonisches in Deinen Augen – auch nicht das Himmelfeuer.“ –

Ich rieche, ja spüre geradezu körperlich ihre wachsende Lust und ahne, dass sie mich irgendwann offiziell umwerben wird. Aber jetzt…

„Tali… ich… wir sollten aufbrechen…“ –

Ganz kurz ist ein Hauch Enttäuschung zu spüren, dann hat ihre Logik wieder die Oberhand.

„Ja Tan… Du hast Recht. Lass uns losfliegen. – Wärst Du ausnahmsweise bereit, Deine Schwester zu tragen ? – Wenn das für Dich akzeptabel ist, T'Irrh…“ –

Ti und ich sehen uns an.

„Klar trage ich Dich Ti“ antworte ich ohne Zögern. -

Ti nickt darauf zustimmend. – T'Álirrah schüttelt leicht ihren Kopf.

„Verzeih… ich dachte nicht daran, dass Du es nicht weißt. Es mag für Menschen normal sein, jemanden zu tragen. Aber wir Drachen tragen nur unsere Nestlinge, solange sie noch nicht flügge sind. Meine Frage ist für Drachen sehr intim und eigentlich unmöglich. Aber ich dachte… ihr seid Geschwister und noch so menschlich…“ –

Ich nicke nur, dafür spricht Ti für uns.

„Ja, kein Problem. Mir macht es nichts aus, getragen zu werden, ich wusste nur nicht, wie sehr Tan schon ein Drache ist.“ –

„Keine Sorge, meine Schwester trage ich gerne. Fliegst Du rauf?“ –

Sie nickt, startet und fliegt mich in einem Bogen von hinten an. Dann spüre ich einen leichten Druck im Nacken zwischen meinen Schulterblättern. Ich drehe meinen Kopf ein wenig und schaue zu, wie sie sich auf meinen Rücken legt und ausprobiert, wie sie sich festhalten kann.

„Etwas höher...“ dirigiert Tali sie.
„Hände noch etwas weiter auseinander… da müsstest Du Deine Finger hinter die Schuppen verkrallen können.“ -

Ti sucht kurz, greift zu und nickt.

„Ja, gefunden. Es kann losgehen Tan.“ –

Ich schaue T'Álirrah an, die kurz nickt und dann voraus geht. Es sind nur ein paar Schritte, dann sind wir an einer Klippe – lange nicht so hoch, wie die bei meinem ersten Besuch hier, aber mehr als ausreichend um sicher Luft unter die Schwingen zu bekommen. Tali schaut sich noch einmal kurz zu mir um, lächelt, breitet ihre Schwingen aus und stürzt sich kopfüber in die Tiefe. Schnell gehe ich an den Rand und sehe, wie sie ihren Sturz abfängt und beginnt mit kräftigen Schwüngen wieder in die Höhe zu steigen.

„Bist Du bereit, notfalls selber zu fliegen, Ti?“ –

„Ja, aber ich werde es nicht brauchen, Tan.“ –

Sie klingt sehr sicher. Ich nicke und breite meine Schwingen voll aus – was für ein Gefühl das ist, ganz anders wie als Anthro. Viel… normaler, richtiger. Drachen sind als Feral zum Fliegen konstruiert, das spüre ich sofort. Ein leichter Aufwind streicht über die Kante, doch ich spüre schon deutlich den Auftrieb. Ich sauge beide Luftsäcke voll und springe mit aller Kraft in meinen Hinterbeinen ins Leere.

So ohne jeden Schwingenschlag sacke ich natürlich sofort durch, aber damit habe ich gerechnet, drehe mich richtig in Fallrichtung und stelle meine Schwingen ein wenig an. Sofort spüre ich den Auftrieb und beginne den Fall abzufangen. Schnell bin ich in der Waagerechten und fliege… - nein nicht fliegen, ich gleite wie ein Adler über die unter mir gelegenen Wälder hinweg. Ich spüre Aufwinde und bekomme dann über einer großen Lichtung eine kräftige Thermik unter die Schwingen. Sofort nutze ich das und kurbele mich so mühelos in die Höhe. Zufrieden bemerke ich, wie leicht und exakt ich mit den Schwanzfinnen steuern kann. Wie perfekt mein Körper mit nach hinten gestreckten Armen und Beinen austariert ist. Wie fein ich mit kleinen Bewegungen meiner Flugfinger meine Balance halten kann. Große Galaxis… warum nur durfte ich bisher nicht als Drache leben und fliegen…

Schwingenschläge neben mir wecken mich aus meinen Gedanken. Tali fliegt jetzt neben mir – sogar hier in der Thermik fliegt sie aktiv…

„Tan… wie machst Du das…?“ Sie schaut mich verwundert an. –

„Was machen?“ –

„Ohne einmal mit den Schwingen zu schlagen zu fliegen und in die Höhe zu steigen natürlich.“ –

„Achso. Ich nutze die aufsteigende Luft hier. Sie steigt schneller in die Höhe, als ich bei langsamen Gleitflug sinke. So hebt die Luft mich in die Höhe.“ –

Tali sieht mich verwundert an.

„In den Turbulenzen steigst Du in die Höhe…?“ –

„Nein, die sind am Rand und da geht's eher abwärts. Aber hier hinter den Turbulenzen, da geht's nach oben. Probier doch mal.“ –

Tali schüttelt den Kopf.

„Keine Zeit für so einen Unsinn. Komm, rechts das Tal entlang.“ –

Grinsend nicke ich und folge ihr. Vermutlich zwar weniger elegant, aber ich halte mit ihr mit. Hier muss ich natürlich auch aktiv fliegen, denn sie ignoriert alle Aufwindzonen – oder umgeht sie sogar. Ich schaue mich nebenbei um und bemerke hier oben keine Vögel oder so etwas. Eigenartig – aber vielleicht eine Erklärung, warum Tali nichts von Thermik zu wissen scheint.

Andererseits sind ihre Bewegungen aber ausgesprochen elegant und ihre Flugkünste übersteigen meine immens – zumindest meinen Mut, es ihr nach zu machen. Ich fliege einfach mehr oder weniger geradeaus und die Kurven gehe ich sehr konservativ an – da habe ich als Anthro schon ganz andere Manöver gemacht. Aber zum einen fühle ich mich in diesem Körper noch nicht sicher genug und vor allem habe ich meine Schwester auf dem Rücken, da möchte ich nicht experimentieren.

Wir fliegen durch einige Canyons, die zumindest in diesem Teil dieser Welt offensichtlich die normale Landschaftsform sind. In der Ferne hinter uns liegt das Gebirge, an dessen Basis ich beim ersten Besuch hier angekommen war, ich erkenne einige markante Gipfel wieder. Hier ist die Hochebene flach, die Canyons deutlich weniger tief eingeschnitten, als da oben. Aber auch hier gibt es Bäume nur unten am Grund der Canyons, oben auf der Hochebene sind hier aber schon flache Büsche zu sehen, die zunehmend größer werden, je weiter wir kommen. Offensichtlich sind die Bäume und Büsche empfindlicher für das UV-Licht als das Gras hier.

Dann eine weitere Kurve, wir kommen in einen Seitencanyon, der anfangs genauso bewaldet ist, wie die anderen bisher. Dann werden die Bäume spärlicher und schließlich fliegen wir über Felder und Weiden auf denen verschiedene, mir unbekannte Tiere weiden. Sechsbeinige Tiere, mit Schuppen… - mir wird klar, dass hier die Tierwelt uns Drachen ähnlich ist. Auch wir haben ja drei Paare Gliedmaßen – und tragen einen Schuppenpanzer.

„Nahrung“ ruft T'Álirrah mir zu. Sie hat bemerkt, dass ich mir die Tiere angesehen habe und sich zu mir zurückfallen lassen. –

„Ihr züchtet eure Nahrungstiere?“ –

„Das ist notwendig, wenn man in größeren Gruppen lebt. Ein Jagdrevier ist zu groß, würden wir jagen, könnten nie mehr als Drei zusammen leben.“ –

„Oh, verstehe. Wie viele leben dort, wo Du mich hinbringst?“ –

„Mit Dir sind wir dann 160 Drrá'Kin dort.“ –

Ich wäre fast abgeschmiert… wieso mit mir…?

„Tali… was soll das heißen?“ –

„Natürlich wirst Du bei mir ein Nest haben, Du bist mein Partner. Du weißt doch, dass bei uns wir Weibchen über den Partner entscheiden – und natürlich über die Höhle, in der wir unsere Eier ablegen.“ Ihr Ton lässt keinen Widerspruch zu.

Stimmt ja. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht… und war irgendwie davon ausgegangen, dass wir getrennt leben oder sie mit mir kommt. Aber logisch ist natürlich schon irgendwie, dass wir dann hier leben. Ich bin jetzt ja Drache unter Drachen… - Mir läuft ein Schauer über den Rücken, den anscheinend auch meine Schwester deutlich gespürt hat, denn sie rührt sich in meinem Nacken.

Drache unter Drachen… ein eigenartiger Gedanke. Hier bin ich als Mensch das fremde Wesen und werde doch als Drache akzeptiert… soll ich einfach hierbleiben und das Leben eines Drachen führen..?
T'Álirrah weckt mich aus meinen Gedanken als sie sich wieder vor mich setzt. Sie wirft mir einen Blick zu und winkt auffordernd mit der Schwanzspitze… Grinsend beschleunige ich ein wenig und schnappe spielerisch nach ihr, aber sie taucht einfach kurz ab und ich verfehle sie.

Sie schiebt sich wieder halb unter mich und kommt langsam näher, wie vorhin… Spontan fasse ich wieder ihre Hüften und halte sie fest – ich spüre ihr leichtes Zucken und sehe, wie sie leicht den Kopf in den Nacken legt. Offenbar erregt sie das Gefühl meiner Hände auf ihren Schuppen… Schnell haben wir unsere Schwingenschläge wieder synchronisiert – sie zeigt nach rechts auf einen Seitencanyon mit fast gerade abfallenden Felswänden und leitet dann eine sanfte Kurve ein, der ich leicht folgen kann.

Wir fliegen in das Tal hinein und nur wenig später weiß ich, warum Tali wieder in diesem engen Verbund mit mir fliegt… Denn nur ein paar Schwingenschläge ins Tal hinein, sehe ich rechts und links in den Talwänden sorgfältig geglättete und teilweise mit Säulen und Erkern verzierte Felswände, in denen eindeutig Fenster und ein Eingang zu erkennen sind.

„Drachenhöhlen?“ frage ich Tali, die ihren Kopf dreht und mich anblickt, darauf vertrauend, dass ich für uns beide steuere.

„Ja. Die ersten Wohnstätten unserer Siedlung. Die hier wohnenden kümmern sich um unsere Nahrungstiere.“ –

„Beeindruckend. Ich hätte nicht so aufwändig gestaltete Fronten erwartet.“ –

Ihr Blick bekommt so einen ‚Du wirst Dich noch wundern' Ausdruck, dann schaut sie wieder nach vorne. Wir fliegen weiter das Tal hinunter, denn es senkt sich jetzt sanft aber deutlich und windet sich in weiten Bögen durch die Ebene. Immer wieder zweigen Canyons ab, in denen ich in der Ferne große Herden von Weidetieren sehen kann. Naja, klar – 160 Drachen brauchen sicherlich eine Menge Fleisch zum Leben. Und dazwischen immer wieder diese mehr und mehr aufwändig gestalteten Felsfronten von Wohnhöhlen. Langsam werde ich neugierig wie es drinnen wohl aussieht…

Vor uns macht das Tal eine scharfe Linkskurve, der wir folgen… - Fast hätte ich T'Álirrah losgelassen… das ist keine Drachensiedlung, das ist praktisch eine ganze Stadt! Vor mir liegt ein jetzt weites Tal in dessen Hängen auf zwei, teilweise sogar drei Ebenen sich die Fronten der Wohnhöhlen entlangziehen. Und die sind nicht nur einfach geglättet, hier sind sie auch reich verziert. Alle Epochen der Irdischen Geschichte scheinen hier vertreten zu sein, von Ägypten bis zur Neuzeit.

Vor jeder Wohnstätte befindet sich eine Möglichkeit zu landen, teilweise sogar weite hallenartige Eingänge, in denen ein Drache bequem landen kann.        Und überall sind Drachen... links kommen uns zwei entgegengeflogen, rechts kommt einer aus dem Eingang einer Wohnstätte und vor uns gehen zwei anscheinend spazieren… So ist es also, als Drache unter Drachen zu leben…

Tali lenkt mich in sanften Bögen durch das Tal, die Wohnstätten werden größer und offenbar auch luxuriöser – jedenfalls dem Äußeren nach zu urteilen. Sie deutet auf einen Platz, offensichtlich so eine Art zentraler Versammlungsort und beginnt den Sinkflug. Auf meine Andeutung, sie loszulassen schüttelt sie aber den Kopf. Aus ihrer Handbewegung entnehme ich, dass sie erst mit mir einen Kreis um den Platz fliegen möchte. Also folge ich ihr weiter und bemerke, dass im Laufe der dann doch 3 Runden etliche Drachen auf uns aufmerksam werden und zum Platz kommen, dort landen und sich gruppieren.

Sie wirft mir einen Blick zu, ich verstehe und lasse sie los um dann neben ihr den Landeanflug zu beginnen. An einer Bewegung bemerke ich, dass Ti sich von meinem Rücken löst und selber anfliegt. Ich leite die Landung kurz nach Tali ein und lande nur ein kleines Stück neben ihr hoch aufgerichtet, wie ich es als Anthro gewöhnt bin und lasse mich dann mit einer fließenden Bewegung auf allen Vieren nieder. Kurz konzentriere ich mich darauf, meine doch sehr großen Schwingen richtig zusammen zu falten und eng an den Rücken zu legen. Dann die paar Schritte zu Tali hinüber, neben der ich stehenbleibe und sie ansehe. Ihr kurzes Lächeln sagt mir, dass alles in Ordnung ist.

Einen Moment später landet auch Ti neben mir und stellt sich neben meine Hand. Auch sie blickt ruhig zu mir hoch und legt ihre Hand auf meine Tatze. So tief durchatmen… ich blicke mich um und sehe in die Gesichter von mittlerweile bestimmt 40 oder 50 Drachen, die in lockeren Gruppen um uns herum stehen. Und alle sehen so aus wie T'Alirrah und ich – genau genommen natürlich nicht, aber alle sind eben Drachen wie wir.

Ich neige mich zu Tali hinüber.

„Sag, sind das alles Drrá'Kin?“ –

Sie blickt sich kurz um.

„Da drüben die fünf, die sind aus eurer Welt. Alle anderen sind hier geschlüpfte Drachen.“ –

„So wenige Drrékh leben hier?“ –

Sie schüttelt leicht den Kopf.

„Nein es sind mehr, hier in der Siedlung leben etwa 60, aber insgesamt leben hier genauso viele aus eurer Welt, wie geschlüpfte.“ –

Ich nicke und blicke mich weiter um, ständig kommen noch weitere Drachen dazu. Immer wieder legt Tali ihren Kopf an meinen oder reibt sanft unsere Hälse gegeneinander, was mich zu einem leisen Schnurren veranlasst.
Doch langsam fühle ich mich ein wenig unbehaglich, denn ganz offensichtlich stehe ich im Mittelpunkt des Interesses der Drachen. Endlich scheint Tali die versammelte Menge der Drachen zu reichen. Sie tritt ein wenig vor.

„Ich danke euch, dass ihr euch hier für uns versammelt habt. Es ist mir eine Freude, euch ein neues Mitglied unserer Gemeinschaft vorstellen zu dürfen. Der Edle T'Ánh'Aáh ist erst vor wenigen Tagen in der Menschenwelt erwacht, doch vermag er bereits jetzt seine wahre Gestalt anzunehmen und die Tore zu öffnen, wie ich selber sehen durfte. Weiter möchte ich euch berichten, dass ich um ihn geworben habe und er mich zu seiner Partnerin gewählt hat.“

Sie kommt wieder an meine Seite und stellt sich eng neben mich.

„Äh… sollte ich jetzt auch noch was sagen…?“ frage ich sie leise. –

„Du kannst natürlich auch etwas sagen, aber es ist nicht notwendig“ flüstert sie ebenso leise zurück. –

Aber es scheint mir, dass alle auf etwas warten… also überlege ich kurz und gehe dann auch ein Stück vor.

„I… hrrmm… verzeiht. – Ich grüße euch alle und danke euch, dass ihr euch zu meiner Begrüßung versammelt habt. Wie T'Álirrah schon sagte, bin ich erst seit nicht einmal 20 Tagen erwacht und weiß, dass ich ein Drachenmensch bin. – Ich weiß nicht warum ich schon jetzt meine Feral- äh meine wahre Gestalt annehmen kann, ich weiß auch nicht, warum man mich als Edlen ansieht. Und noch weniger, warum T'Álirrah mich als Drrá'Kin bezeichnet. Ich bin nicht geschlüpft, ich wurde als Mensch geboren. – Verzeiht mir meine Fehler, die ich sicher begehen werde und erlaubt mir die Zeit, diese Welt und euch kennen zu lernen. Meine Partnerin T'Álirrah wird mir dabei sicher helfen.“ –

Auch ich gehe zurück um Tali und reibe meine Seite dabei an ihrer. Die Drachen kommen jetzt langsam in Bewegung und gehen an uns vorbei, mich dabei genauer betrachtend, um dann wohl wieder an ihre Tätigkeiten zurück zu gehen. Aber einige – vorwiegend Weibchen, kommen auf mich zu und bedeuten mir, dass sie ihre Stirn gegen meine legen wollen. Ich akzeptiere und neige mich soweit, dass wir unsere Köpfe leicht zusammenlegen können. Das erste Weibchen - eine große, dunkelbraune, hübsche Drachin – wirft einen fast neidischen Blick zu Tali.

„Natürlich verzeihen wir Dir eventuelle Fehler – als erstes schon mal, dass Du Dich für diese Jungdrachin entschieden hast. – Nein verzeiht ihr beiden, ich freue mich für euch und auf Dich im Kreis der Edlen T'Ánh'Aáh. – Oh, verzeih, ich bin T'Rrih'Án, Edle und die Heilerin hier.“ Sie blickt mir tief in die Augen. „Du kannst jederzeit zu mir kommen.“ –

An der Reaktion von Tali hatte ich schon gemerkt, dass es ein Scherz war und die beiden sich anscheinend auch gut verstehen.

Die meisten nennen mir aber nur ihren Namen – die ich mir aber nicht alle merken konnte. Einige begrüßen mich etwas ausgiebiger, überwiegend alles Edle, wie T'Álirrah mir leise sagt. So geht das noch eine Zeitlang bis der letzte Drache seine Stirn an meine gelegt hat und wir wieder alleine hier stehen.

„Und jetzt zu Vater.“ Ist die klare Ansage von Tali, „komm, es ist nicht weit.“ –

Sie geht mir voraus – da sie zu Fuß geht, kann es wohl wirklich nicht weit sein. Meine Schwester klettert schnell wieder auf meine Schulter, weil sie sonst rennen müsste um mithalten zu könne. Hier um den zentralen Platz sieht es wirklich alles fast wie eine Stadt aus. Imposante Eingänge in mehreren Reihen übereinander – und doch sind es alles eindeutig individuelle Wohnstätten. Doch schon einige Schritte weiter liegen die Wohnstätten wieder deutlich weiter auseinander, dafür sind die Fronten größer und aufwändiger gestaltet. Vor dem Zugang zu einer offensichtlich mehrgeschossigen Höhle, deren Front mit vielen Türmchen, Zinnen und Erkern an eine Art Schloss oder Burg erinnert, bleibt Tali stehen.

„Hier wohne ich bei meinen Eltern. Und ich darf Dich im Namen meines Vaters bitten, uns zu besuchen, T'Ánh'Aáh.“