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Als er am nächsten Tag erwachte, warf er als erstes einen Blick auf sein Smartphone. Es war 11:15. Er hatte noch immer keine Antwort von Frederic erhalten. Avis legte das Gerät wieder hin und schloss die Augen. Eigentlich wollte er noch etwas weiterschlafen, doch ein penetrantes Klicken hinderte ihn daran. Er drehte den Kopf in Richtung von Tims Bett. Der Tiger saß aufrecht an die Wand gelehnt, seinen Laptop auf dem Schoß und tippte wild auf der Tastatur herum. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen Freude, Enttäuschung, Panik und einer Vielzahl anderer Gefühle, und das fast im Sekundentakt. Entweder er versuchte gerade auf die Prüfung zu lernen oder er war am Zocken. Als ihm ein lautes “FUCK!" entfuhr, war Avis sich sicher, die Matheprüfung war noch zu weit entfernt, als dass Tim bereits darauf lernte und das war das einzige Fach, dass bei ihm derart starke Gefühle auslöste, also musste er gerade am verlieren sein. Tim schlug den Laptop zu. Für ein paar Sekunden starrte der Tiger ins Nichts. Sein Gesicht immer noch Wut verzerrt, seine Reißzähne traten deutlich hervor. Dann sah er, dass Avis wach war. Sein Gesicht entspannte sich. “Auch wieder da? Ging gestern abend länger? Warum hast du mich nicht eingeladen und von der Last des Physik Studiums befreit?" Er schaute ihn Vorwurfsvoll an und fletschte die Zähne leicht. “Um hinterher dafür verantwortlich zu sein, dass du exmatrikuliert wirst und damit meinen Mitbewohner verlieren? Du lernst fleißig weiter!" erwiderte Avis. Tim entwich ein tiefes Knurren. Er konnte wirklich bedrohlich wirken, doch Avis kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass Tim in Wirklichkeit einer der nettesten Typen war, die er je kennen gelernt hatte. Das Kissen kam aus dem nichts und traf den überraschten Vogel ins Gesicht. “Du hast mir gar nichts zu sagen." Avis warf das Kissen zurück, stand auf und begann auf dem Boden nach noch tragbaren Kleidungsstücken zu suchen. Er warf sich ein T-Shirt über und begann die Suche nach einer Hose. Ein Handtuch über der Schulter, machte er sich auf den Weg zu den Duschen auf ihrem Stockwerk. Das lauwarme Wasser lief über sein Gefieder und drängte allmählich die letzten Reste der Müdigkeit zurück. Er schüttelte die letzten Tropfen aus der Flasche Gefieder Pflegemittel. Verdammt, er hatte vergessen Neues zu kaufen. Die leere Flasche warf er durch den Raum in Richtung des Mülleimers. Sie schlug nach dem halben Weg gegen eines der Waschbecken und fiel klappernd zu Boden.


Nach der Dusche warf er sich seine Klamotten wieder über und machte sich auf den Weg zur Mensa. Das Gebäude befand sich ziemlich zentral auf dem Campus. Das Gebäude war ein hässlicher Betonblock. Immer wieder hatte die Uni Leitung das Gebäude “renovieren" lassen, doch das hat es nur noch schlimmer Gemacht. An den Tischen vor der großen Glasfront saßen einige andere Studenten. In der Küche, hinter der offenen Essensausgabe, standen Amanda, eine ältere Löwin, Samantha, ein Nilkrokodil und Arnold, ein Labrador, mit fleckigem Fell. Die drei gehörten schon seit Jahren fest zur Hochschule und waren nicht wegzudenken. Avis grüßte sie, bevor er sich am Buffet bediente. Mit seinem Tablett suchte er sich einen Platz im Außenbereich und setzte sich schließlich an einen leeren Tisch am Rand der Terrasse. Gerade als er Platz genommen hatte, vibrierte sein Handy. Frederic hatte geantwortet. “Sorry wegen gestern Abend. Danke fürs Fahren. Bald mal wieder was machen?" “Klar. Lad nächstes mal auch Carl und Bruce ein." Die überraschende Antwort kam etwas verzögert: “Wer ist Bruce?" Avis wusste nicht, was er Antworten sollte. Ein paar Minuten später löste Frederic die Situation selbst auf. “Ok. Hat sich geklärt." Und kurz darauf: “Scheint ganz nett zu sein" Avis musste schmunzeln, während er sein Müsli löffelte. Viele konnten sich gar nicht vorstellen, was für Schwierigkeiten das für einen Vogel bedeutete. Ein Schnabel ist nicht wirklich dafür geeignet, weswegen viele Vögel eher festes, gut portioniertes Essen bevorzugten. Doch Avis hatte es sich irgendwann angewöhnt und es war für ihn ein morgendliches Ritual geworden. Als er gerade seine Schüssel geleert hatte setzte sich jemand zu ihm an den Tisch. “Hi Avis. Du hast nicht zufällig das Zeug für Controlling?" Der Salamander, der sich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte, hieß Terrence und besuchte den selben Studiengang wie Avis. Er wirkte ziemlich verzweifelt. “Zufällig habe ich den Stoff. Was brauchste? Der Preis ist der übliche." Terrence Miene entspannte sich etwas. “Kein Problem, gib mir einfach alles was hast um Montag zu überleben, wenn ich da durch komm, bin ich nächstes Wochenende aufjedefall dabei. Trauma Bewältigung!" “Komm nachher zu mir, dann geb ich dir das Zeug." flüsterte Avis Terrence zu. Doch anscheinend war er nicht leise genug, denn ihm legte sich eine große, mit orangenem Fell überzoge Hand auf die Schulter. “Geheime Absprachen und illegaler Handel mit Informationen." Marcus, ein mittelgroßer Rotfuch setzte sich zu ihnen an den Tisch. “Ich würde sagen, der Verdacht reicht für einen Durchsuchungsbefehl aus. Mal sehen, was dann zutage kommt"


Sie quatschten noch eine Weile, wobei Marcus sich weitere Kommentare zu Avis vermeintlichen Dealer Aktivitäten nicht verkneifen konnte. Der Fuchs hatte einen Faible für Gesetz und Recht. Der Jahrgangsbeste in Wirtschaftsrecht, jedoch gleichzeitig ohne jegliches Schuldgefühl. Eine böse Mischung. Gegen halb Eins entschied Avis, noch Sinnvolleres mit dem verbliebenen freien Tag, anzustellen. Er verabschiedete und verließ die Terrasse der Mensa, zurück in Richtung des Wohnheims. Als er zurück zu seinem Zimmer kam, stand die Tür offen. Im inneren herrschte immer noch das gleiche Chaos wie üblich, nur Tim fehlte. Doch seine Jacke lag noch zwei Meter von seinen Bett entfernt auf dem Boden. Also konnte der Tiger nicht fern sein. Er begann das Zeug für Terrence zusammen zu suchen. Aus den Papierbergen, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten, zog er ein paar zerknitterte Seiten. Dabei achtete er genau darauf, keinen der Stapel zu weit zu bewegen, da dies unweigerlich zu einer Kettenreaktion führte, die die Instabile Ordnung, die auf dem Tisch herrschte, ins Chaos stürzen würde. Er überflog kurz die Aufschriebe. Was zum Thema passte, warf er auf sein Bett, die anderen schob er an ihren Platz zurück. Die Tür des Zimmers wurde aufgerissen und Tim stürmte in den Raum... Nackt! Das orangerote Fell klatschnass. Vor Schreck warf Avis das Blatt in seiner Hand zurück auf den Tisch und das Unheil nahm seinen Lauf. Der erste Stapel neigte sich in Richtung Tischkante. Der entstehende Luftzug riss weitere Türme um, bis diese Stadt des BWL Wissens sich in eine Ruine verwandelt hatte. "Tim! Was zur Hölle!!!" schrie er seinen Mitbewohner an. "Tschuldigung, irgendjemand hat mein Handtuch geklaut..." verteidigte dieser sich, doch es spielte keine große Rolle, denn wie um die Situation noch auf ein neues Level zu heben, riss jemand die Zimmertür auf. Terrence stand auf dem Gang, auf dem Gesicht eine Mischung aus Überraschung, Schreck, Panik, aber auch einer Spur Bewunderung und Neid, angesichts des muskulösen Rückens des nackten Tigers vor ihm. Um Tim herum hatte sich inzwischen eine kleine Pfütze gebildet und noch immer fielen große Tropfen aus seinem Fell zu Boden. Avis hatte sich endlich aus seiner Schockstarre gelöst. "Tim! Verdammt!" Er warf seinen Mitbewohner ein Handtuch zu. Dieser Reagierte zu spät und bekam es ins Gesicht. Warum zielten eigentlich immer alle auf den Kopf? Tim entwirrte die das Tuch, das sich um seinen Körper gewickelt hatten und band es sich um. Terrence starrte immer noch perplex auf die Schultern des Tigers. Avis hatte sich inzwischen aus der Papierflut frei gekämpft und sammelte die Zettel auf seinem Bett zusammen. Er reichte den Stapel dem noch immer bewegungslosen Salamander hinter Tim. "Hier, damit solltest du Professor Klein besänftigen können."


Der Wiederaufbau hatte begonnen. Die Trümmer wurden geborgen, sortiert neu gestapelt. Die gefallenen Türme wiedererrichtet, die Ordnung wiederhergestellt. Tim versuchte ihm zu helfen… so gut er konnte. Gegen 15 Uhr stand die großartige Stadt “BWL 1. bis 3. Semester" wieder. Damit waren drei weitere Stunden des freien Tages erfolgreich verschwendet. Er nahm einige Papiere vom höchsten Gebäude der Stadt, setzte sich mit diesen auf sein Bett und begann zu lernen. Die Prüfungen lagen zwar gefühlt noch in weiter Ferne, doch half es die Themen von Zeit zu Zeit nochmal anzuschauen. Die Fundamente der BWL Türme wurden erschüttert. Sein Smartphone vibrierte auf dem Tisch. Er zog das Gerät unter einigen Zentimetern Tabellen hervor. Eine neue Nachricht. “Hi. Haste Zeit? Bräuchte deine Hilfe." Sie kam von Frederic. Mit einem letzten Blick auf seine Papierstadt entschied er, dass hier Verdrängung eine effektive Taktik wäre. “Was gibts?" schrieb er zurück. “Kannste mich abholen? Kann Carl irgendwie nicht erreichen." An die Nachricht hängte er seinen Standort an. Am Rand der Stadt im Westpark. Er warf einen letzten Blick auf die Unterlagen auf seinem Bett. Sie starrten Unheilvoll zurück. Er warf sich eine Jacke über, die am Bettende lag und verließ den Raum. Die Sonne brannte auf die Hochschule herab. Als Avis die Tür seines Autos aufriss, kam es ihm vor, als hätte er einen laufenden Backofen geöffnet. Die schwarzen Kunststoffoberflächen des Kleinwagens hatten sie bis zu dem Punkt aufgeheizt, an dem es kaum möglich war, das Lenkrad, oder die Gangschaltung anzufassen. Trotzdem nahm er dies auf sich, ob um Frederic zu helfen, oder um möglichst viel Abstand zwischen sich und die Papiermassen in seinen Zimmer zu bekommen, wusste er selbst nicht so genau... vermutlich beides. Im Gegensatz zum Vortag, war die Stadt mit Autos überfüllt. Er brauchte für den knappen Kilometer durch die Innenstadt fast 30 Minuten. Schon an der ersten roten Ampel drehte er das Radio auf. Es lief Featherweight von den Avian Aviators. Seine Krallenhände tippten im Rhythmus auf das Lenkrad, während der Verkehr sich langsam (sehr langsam) wieder in Bewegung setzte. Als er endlich die Innenstadt hinter sich gelassen hatte, lichtete sich der Verkehr. Die Position, die Frederic ihm geschickt hatte, lag mitten in einem Industriegebiet. Avis war noch in diesem Teil der Stadt gewesen. Viele der Gebäude schienen verlassen. Scheiben waren eingeschlagen, oder vernagelt. An den Wände prangten großen Graffitis. Die Straßen waren leer. Nur selten rannte jemand eine der Straßen entlang. Bis auf eine Hyäne, die hektisch über die Straße sprintete, sich panisch um schaute und dabei Avis fast vors Auto lief, konnte er auch nicht erkennen was die Gestalten waren. Er hatte ein ziemlich ungutes Gefühl bei der Sache. Was machte Frederic in dieser Gegend. Vor einer verlassen wirkenden Lagerhalle hielt er an. Dies war die Stelle, die er ihm geschickt hatte. Er ließ den Motor laufen. Wie lange sollte er auf den Drachen warten. Nervös wanderte sein Blick die Straße entlang. Doch er konnte seinen Freund nirgends entdecken. Genauer gesagt konnte er niemanden entdecken. Die Straße war verlassen.


Jemand klopfte ans Fenster. Avis zuckte zusammen. Neben dem Auto stand eine Hyäne mit verfilztem Fell. War es dieselbe, die er fast überfahren hatte? Er ließ das Fenster herunter, aber nur einen Spalt weit. “Sorry wegen vorhin. Hab sie nicht gesehen…" Die Hyäne schaute irritiert zurück. “Keine Ahnung was du meinst. Stehst du schon länger hier?" “Ein paar Minuten, warum?" Was wollte die Hyäne von ihm. Sie wirkte nicht sonderlich Vertrauenserweckend. Ihr Gesicht zuckte und entblößte dabei einige scharfe Reißzähne. “Hast du einen Drachen gesehen? Groß, schwarz geschuppt, langes Maul." Das klang sehr deutlich nach Frederic. Was wollte die Hyäne von ihm? Ihrem Gesichtsausdruck nach nichts gutes. Steckte er in Schwierigkeiten? “Nein. Hab hier niemanden gesehen." Die Hyäne fuhr mit einer Kralle über die Scheibe des Autos. Das Quietschen ließ Avis einen Schauer den Rücken herunter laufen. Mit einem rascheln begannen seine Federn sich aufzustellen. “Bist du dir absolut sicher." “JA!" antwortete Avis energisch. “Du wirkst aber so, als wüsstest du, von wem ich spreche, habe ich recht?" Ihre schleimig, süße Stimme verstärkte das Unbehagen weiter. Es gab ein klacken, als sie versuchte die Beifahrertür zu öffnen. Doch sie war verriegelt. “Naja, man kann es ja mal versuchen", kommentierte sie den Versuch in das Auto einzudringen. Sollte er wegfahren und Frederic warnen. Er zog sein Handy hervor. Die Hyäne schlug gegen das Fenster. Mit einem Knacken bildete ein langer Riss im Glas. Sein Handy wählte Frederics Nummer. Es klingelte ein, zwei, drei mal. Er ging nicht ran. Die Hyäne war inzwischen um das Auto herum gelaufen und stand jetzt auf der Fahrerseite. “Mach das Fenster auf." Sie schlug wieder gegen das Fenster. “Hör auf damit!" Eine kräftige Klaue packte den Randalierer an der Schulter und warf ihn auf den Boden. Er schrie schmerzerfüllt auf, doch Frederic setzte zusätzlich einen Fuß auf seine Brust. Die Hyäne gab eine keuchendes Lachen von sich. “Hey. Da bist du ja. Hab mich nur ein bisschen mit deinem Freund unterhalten. Netter Typ." Frederic verstärkte den Druck auf ihren Brustkorb. “So war das gar nicht gemeint. Wir können über alles Reden." “Haub ab!" zischte Frederic sie an. Er hob den Fuß und sie kroch von ihm weg, rappelte sich hoch und rannte weg. Avis entriegelte die Türen des Autos wieder und Frederic stieg zu ihm ein. “Was war das denn?" “Ein Freund... oder so ähnlich." Frederic schaute die Straße hinunter, an deren Ende die Hyäne gerade um die Straßenecke humpelte.


“Was zur Hölle hast du für Freunde? Der hat mir fast die Scheibe eingeschlagen." Wie um seine Aussage zu unterstützen, gab es ein Knirschen und der Riss kroch einige Zentimeter weiter durch das Glas. “Kollins ist… schwierig. Aber er kann Dinge, die nur wenige können." Das klang irgendwie zwielichtig… oder sexuell. Hoffentlich ersteres. “Wo soll ich dich hinbringen?" “Nur möglichst weit weg von hier." Avis bog auf die Stadtautobahn ein. Die breite vierspurige Straße brachte sie schnell ins Stadtzentrum. “Da vorne kannst du mich rauslassen." Sie waren in einen Seitenstraße, in der Nähe des Selling Points. Avis hielt am Straßenrand. “Ach hier, fürs Fahren und für die Scheibe." Bevor er ausstieg drückte er Avis einen Hunderter in die Hand. Auf Avis erstaunten Blick erwiderte er noch schnell “Das Geld hol ich mir von Kollins zurück." Dabei grinste er Avis an, bevor er die Tür zuschlug. Der Riss wurde länger. Auch wenn Frederic so tat, als wäre alles normal, Avis spürte, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Er schaute dem Drachen hinterher, der in der nächsten, schmalen, uneinsehbaren Gasse verschwand. Wieder lief ihm ein Schauer den Rücken hinunter und sein Gefieder raschelte unheilvoll. Warum ließ ihn das Gefühl nicht los, dass Frederic irgendetwas dummes vorhatte. Gut, wenn er sich in letzten Jahren nicht grundlegend geändert hatte, hatte er definitiv etwas dummes vor. Avis fasste einen Entschluss, den er später hoffentlich nicht bereuen würde. Er stellte den Wagen ab und folgte Frederic in die Gasse. Der Weg wurde schnell von einer Gasse zu nicht mehr als ein Spalt zwischen zwei Hauswänden. Wie der Drache es überhaupt hier durch geschafft hatte würde wohl ein Rätsel bleiben, doch Avis schlanker Vogelkörper war hier endlich mal von Vorteil. Der Weg endete in einer Sackgasse. Keine Spur von Frederic. Als er zu seinem Auto zurückkam, war es gekommen, wie es kommen musste. Jemand hatte die Seitenscheibe vollends eingeschlagen. Die Splitter lagen auf dem Boden im und um das Auto verteilt. Der Inhalt des Handschuhfachs war auf dem Beifahrersitz und im Fußraum verteilt worden. Immerhin gab es nichts, was er klauen konnte, dachte Avis verbittert, während er das Glas möglichst gut zusammen kehrte und auf den Gehweg warf. Er knirschte mit dem Schnabel. Das würde einen großen Teil seines Monatsbudgets auffressen.


Frustriert fuhr er zurück zur FH. Als er auf den Parkplatz des Wohnheims rollte, war es bereits früher Abend. Die Sonne verschwand hinter dem Gebäude der Chemischen Fakultät, dessen Schatten schnell über das Gelände auf die Wohnblöcke zu kroch. Avis stellte den Motor ab und atmete tief durch. Was für ein verrückter Tag… Auf jedem Stockwerk des Wohngebäudes gab es eine kleine Gemeinschaftsküche. Die Schränke waren leer, die Spülmaschine und das Waschbecken voll mit dreckigem Geschirr. Er suchte in den Schubladen. Leer. In der Küche, einen Stock höher wurde er fündig. Mit einer Mülltüte und Klebeband versiegelte er die kaputte Seitenscheibe provisorisch. Der Plastiksack flatterte etwas im Wind, hielt aber irgendwie. Als er anschließend in sein Zimmer zurückkehrte, saß Tim wieder, oder immernoch? auf dem Bett mit seinem Laptop. Neben ihm mehrere Tüten von verschiedenen Lieferdiensten. Es roch nach einer skurrilen Mischung aus Asiatischen Essen, Burgern, Chips und Energy Drinks. Avis ließ sich auf sein eigenes Bett fallen. Dieses ächzte unter ihm. Erst jetzt bemerkte Tim ihn. “Wieder da?" “Immer noch hier?" konterte Avis. “Wo sollte ich sonst sein? Essen, Strom und W-Lan. Das Paradies." antwortete Tim und hängte noch an “Wusstest du, dass die Lieferdienste bis aufs Zimmer kommen? Das heißt, man könnte Wochen lang überleben, ohne die Außenwelt zu betreten." Avis murmelte etwas unverständliches, den Kopf im Kissen vergraben. Seine Gedanken kreisten bereits um andere Themen. Morgen würde er etwas tun müssen, das er eigentlich vermeiden wollte. Er hob seinen Kopf etwas, gerade weit genug, dass er einen Blick auf die Uhr auf seinem Nachttisch werfen konnte. Ja, definitiv erst Morgen. Morgen Mittag würde er seine Eltern anrufen. Er vergrub das Gesicht wieder in dem weichen Stoff. Warum war er so Müde? Er hatte heute nicht viel gemacht und trotzdem übermannte ihn der Schlaf in wenigen Sekunden.