Current Track: Blabb
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Avis saß bereits in der Mensa und verzehrte sein Frühstück, da tauchte Markus auf. Oder wenigstens etwas, von dem er vermutete, dass es Marcus war. Sein Schwanz schleifte hinter ihm über den Boden. Die Arme hingen schlaff an seiner Seiter herunter. Er ließ die Kopf hängen und starrte vor sich auf den Boden, während er durch die Mensa schlurfte. Wortlos setzte er sich auf den Platz gegenüber von Avis. Dann hob er langsam den Kopf und Avis konnte seine Tränen unterlaufenen Augen sehen. “Verdammt. Du siehst überhaupt nicht gut aus." Marcus antwortete ihm nicht, sondern starrte auf Avis Teller, als würde er versuchen zu verstehen, was Avis da genau tat. “Ist alles in Ordnung?" noch während er die Frage aussprach, merkte er selbst, wie blöd sie war. “Terrence wird wieder. Und dann kannst du ihn selbst Fragen." Marcus hob den Kopf ein wenig um seinem Blau Heer Freund in die Augen zu schauen. “Aber was wird er antworten?" Marcus Stimme klang verzweifelt. “Was auch immer es ist, wenn es jemand gibt der es übersteht, dann ihr beide." Der Fuchs schwieg einige Sekunden. “Glaubst du?" “Wie lange kennt ihr euch jetzt? 6 Jahre? 7?" “Kann hinkommen…" murmelte Marcus. “Und in der Vergangenheit hat Terrence nie sowas gemacht." “ja" “Also. Das war bestimmt ne einmalige Sache und er wird das definitiv nie mehr machen." “Hoffentlich." Avis Smartphone vibrierte. Er musste zur Vorlesung. “Ich bin weg. Mach bloß nichts Dummes ohne mich." “Ich versuchs." Hoffentlich… dachte Avis, sprang auf und rannte los, in Richtung des BWL Gebäudes. Marcus blieb zurück. Er schaute dem Vogel noch nach, der sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit seinen Weg durch die anderen Studenten bahnte, wobei sein schmaler Körper ihm bestimmt half. Dann sank Marcus Blick zurück auf die dreckige Oberfläche des Tischs. Ihm gegenüber stand noch immer Avis Tablett. Der Fuchs griff danach, stand auf und schlurfte langsam in Richtung der Essensausgabe. Amanda schaute ihn mit ihren große Augen an. Amanda, das Nilkrokodil hinter der Theke schaute ihn besorgt an, wobei es etwas schwer war, ihre Reptilien Mimik zu deuten. “Terrence wird bestimmt wieder." Es wunderte Marcus kaum, dass sie davon wusste. Das Kantinenteam waren die Hüter der Mythen und der Gerüchte in und über die Hochschule. Nichts passierte auf dem Gelände und zum Teil sogar darüber hinaus, dass sie nicht mitbekamen. Dabei schwiegen sie jedoch über das meiste und dachten sich ihren eigenen Teil. “Sollte er länger im Krankenhaus bleiben…" “Was wir nicht hoffen wollen!" warf Samantha ein, die gerade aus der Küchentür trat ein. Manda fuhr fort “... kannst du dann, wenn du ihn wieder besuchst, Besserungswünsche von uns ausrichten." “Klar. Kein Problem." murmelte Marcus. “Und Kopf hoch, sonst rennst du noch irgendwo dagegen." Marcus schien den Witz nicht direkt verstanden zu haben und schaute das Krokodil etwas verwirrt an. Dann lächelte er etwas, flüsterte “danke" und verließ das Gebäude. Draußen brauchte er kurz um sich zu orientieren. Erst wollte er zurück zum Wohnheim, doch irgendwie zog etwas in ihm ihn in Richtung des BWL Gebäudes. Sollte er wirklich zur Vorlesung gehen? Irgendwie kam es ihm Bizarr vor, seinen normalen Tagesrhythmus wieder aufzunehmen, ohne Terrence, doch jetzt einfach nichts zu tun, half auch niemandem. Also machte er sich auf den Weg zur “Außenhandel" Vorlesung. Professor Sharp hatte bereits begonnen. Der Pfau stolzierte wild gestikulierend auf und ab, während er versuchte, unter zuhilfenahme eines langen Zeigestocks, eine komplizierte Grafik auf der Leinwand zu erklären. Dabei schleiften seine langen Schwanzfedern typischerweise hinter ihm über den Boden, weswegen unter den Studenten der Scherz kursierte, dass würde man ihn nur regelmäßig in allen Vorlesungssälen einen Vortrag halten lassen, könnte die FH eine nicht geringe Summe an Putzkosten sparen. Das Berechnen dieser, war zu einer beliebten Aufgabe von einigen Professoren geworden, wenn es um das Thema Personalkostenberechnung ging. Ganz zum Missfallen von Professor Sharp natürlich.


Avis hatte nicht bemerkt, dass Marcus sich neben ihn gesetzt hatte. Er saß zurückgelehnt in seinem, nicht sonderlich bequemen, Stuhl und versuchte Sharps Ausführungen zu folgen. Das klappte jedoch nur so halb. Marcus hatte seinen Laptop aufgebaut und schien zu versuchen sich auf die Vorlesung zu konzentrieren. Doch aus dem Augenwinkel konnte Avis sehen, dass die Seite in seinem Schreibprogramm leer war. Sein Blick starrte ins Leere. Hin und wieder drehte er den Kopf und starrte auf den leeren Platz, wo normalerweise Terrence saß. Auch Avis Aufmerksamkeit schweifte immer wieder ab. Sharps Erklärungen zu Zolltarifen beim Handel mit Wirthem und Moskowia, mischten sich in seinem Kopf mit den Geschehnissen der letzten Tage zu einem seltsamen Mischmasch von Bildern, Gedanken und Gefühlen. Das vibrieren seines Handys riss ihn aus seiner Trance. “1 neue Nachricht von Frederic": “Hi. Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet hab. Hatte ne stressige Woche. Heute Abend Zeit?" “Klar!" tippte er ohne groß zu überlegen. Seine Kralle verharrte einige Sekunden über dem Senden Button. Er wusste nicht warum, aber irgendwie fühlte er sich dabei nicht gut. Konnte er Marcus allein lassen? Er schüttelte den Kopf um den Gedanken zu vertreiben. Natürlich konnte er. Marcus konnte es ab. Das redete sich Avis jedenfalls ein. Seine Kralle berührte das Glas des Touchscreens. Keine Zehn Sekunden später war die Antwort da. “Super! Bringste sonst noch jemanden mit? Tim, Marcus, oder seinen Salamander Freund?" “Nee…" er überlegte kurz. Tim war heute Abend im Fitnessstudio. Terrence konnte natürlich auch nicht. Sein Blick wanderte hinüber zu Marcus, der mit glasigem Blick in Richtung der großen Leinwand starrte, auf der Sharps Präsentation lief. Sollte er Marcus nicht doch mitnehmen? Doch etwas in ihm drückte seinen Finger auf den Senden Knopf. “Ok. Dann nur wir zwei. Carl und Bruce machen sich einen netten Abend zu zweit. Und bei uns läuft es wohl anscheinend auf das gleiche raus ;) 20:00. Hab da nen neuen Laden gefunden." An der Nachricht hing ein Standort an. Eine kleine Seitengasse am Rand der Innenstadt. Online konnte Avis keinen Hinweis finden, dass dort irgendeine Bar oder ähnliches war. Einzig, dass vor zwei Monaten jemand dort in der Nähe ausgeraubt und erstochen wurde. Schien eine “nette" Gegend zu sein. Er packte sein Handy wieder weg und folgte noch dem Rest der Vorlesung, bis diese wenige Minuten später endete. Avis packte seine Sachen zusammen, sie mussten für den nächsten Kurs in ein anderes Gebäude. Als er sich zu Marcus umdrehte, war dieser verschwunden. Sein Platz war leer. Er tauchte auch den restlichen Tag nicht auf. Beim Mittagessen in der Mensa traf Avis Tim. Dieser blätterte mit einer Hand in einem Schnellhefter, während er mit dem anderen sein Mittagessen in sein Maul schaufelte. Zu sehen, wie seine Reißzähne das Fleisch zerfetzten, konnte einem einen Schauer den Rücken hinunter jagen. Doch Avis kannte seinen Mitbewohner und wusste, dass der Tiger nicht nur der netteste, sondern auch der unfähigste Spitzenprädator wäre.


Nach den Vorlesungen am Mittag kehrte Avis ins Wohnheim zurück. Er ließ seine Tasche auf sein Bett fallen, das ein lautes Knarren von sich gab. Der Blauhäher warf sich daneben, worauf das Bett noch lauter knarrte. Für einen Moment schien es, als würde der Rost nachgeben und die dünne Matratze auf den staubigen Boden fallen, doch das Holz zeigte Gnade und hielt, wohl auch, weil der Vogel mit seinem schlanken Körper und den hohlen Knochen nicht sonderlich viel wog. Während sein Gesicht noch in der Decke vergraben war, tastete sein Arm nach dem Tisch. Seine Krallen strichen vorsichtig über die Türme, bis sie das Gericht fanden. Langsam tasteten sie über die unebene Fassade bis zum Dach, von dem aus man den Rest der Stadt überblicken konnte. Er zog die obersten Blätter herunter. Der kleine Stapel Papier fiel auf ihn herab und begrub ihn. Mit einer Klaue schob er die Seiten von seinem Gesicht. Dann schob er sie zusammen und begann sie zu sortieren. Schon wenige Minuten später brummte sein Schädel, als versuche darin ein Jumbo Jet zu starten. Vielleicht war es auch nur sein Gehirn, dass versuchte die Stimme zu übertönen, die ihm einredete weiter zu lernen. Nach zehn Minuten gab er frustriert auf. Er würde professionelle Hilfe benötigen. Sein Handy summte. Frederics Nachricht verdrängte die Paragraphen und Beispielfälle aus seinem Verstand. “Ginge auch schon 19:00? Und kannste mich abholen?" “Klar. Wo?" Ferderic schickte ihm einen Wegpunkt. Wie letztes Mal im Westpark. Was machte Frederic dort? Vielleicht sollte Avis ihn einfach Fragen. Es kam keine weitere Nachricht. Er wartete noch kurz, dann warf er sein Handy zur Seite und vergrub sich wieder im Lernstoff. Doch die Diagramme verschwammen vor seinen Augen. Alles vermischte sich zu einem grauen, undeutlichen Brei. Erneut gab er auf und warf den Papierstapel gegen die Wand. Es schien erst, als würde er an der grau weißen Tapete kleben bleiben, doch dann übertrumpfte die Schwerkraft die Haftung des Schmutz und die Blätter fielen zu Boden. Avis sprang auf, sammelte die Seiten zusammen und machte sich auf den Weg. Auf dem Flur wurde er beinahe von Carol umgerannt. Die Wüstenfüchsin stieß mit ihm zusammen und stürzte zu Boden. “Oh Tschuldigung… Avis? Richtig?" “Ja. Kein Problem" erwiderte der Blauheer. Er reichte ihr eine Hand und zog sie zurück auf die dünnen Beine. Sein Blick fiel auf ihr Gesicht. Ihre Augen waren gerötet und das weiße Fell darunter von Tränen durchnässt. “Alles in Ordnung?" fragte Avis und merkte, noch während er sprach, wie dumm die Frage war. Doch sie Antwortete hektisch mit einer piepsigen Stimme. “Alles OK." Sie schaute dabei auf den Boden und vermied Blickkontakt. “Ehrlich" fügte sie noch an, als Avis nicht direkt reagierte und stürmte dann davon. Er schaute ihr noch nach und bemerkte, dass sie in unregelmäßigen Abständen kleine dunkle Flecke auf dem Kunststoffboden hinterließ. Er beugte sich hinunter und nahm die kleinen Kleckse in Augenschein. Es war Blut. Avis wollte ihr noch hinterher schauen, doch sie war bereits in einem der Zimmer verschwunden. Ein ungutes Gefühl im Magen, ging er in Richtung Treppenhaus, von wo auch Carol gekommen war. Hinter der Tür, auf den ersten Stufen sitzend, fand Avis die Ursache.


Marvin drückte sich ein Taschentuch auf die linke Gesichtshälfte. Mit seinem langen dünnen Körper nahm die Schlange fast die Hälfte der Treppe ein. Er schaute Avis betrübt an. Dieser starrte erschrocken zurück. “Frag nicht." “Carol? Wie hast du das geschafft?" Also stammte das Blut von Marvin. “Ich war wohl einfach ein verdammtes Arschloch." seufzte die Schlange lispelnd, wobei seine gespaltene Zunge hervor züngelte. Das Tuch war inzwischen gut mit Blut vollgesogen. Er knüllte es zusammen und warf es auf den Boden. Während er ein neues aus seiner Jacke zog, konnte Avis drei tiefe Kratzer auf seiner Wange sehen. Dunkles, fast schwarzes Blut lief über seine grauen Schuppen bis zu seinem Kinn, von wo aus es auf die letzte Treppenstufe tropfte. Schnell drückte er ein weiteres Papiertaschentuch auf die Wunde. Er machte einen erbärmliche Eindruck. Die beiden Reptilienaugen, mit ihren schlitzförmigen Pupillen, starrten ins Leere. Sein Körper lag schlaff auf den Stufen. Avis legte seine Papiere auf die Treppe. Marvin erkannte die Intention des Vogels. Sein Körper bewegte sich und schlängelte etwas die Treppe aufwärts, um Platz für Avis zu machen. Dieser setzte sich neben seinen Studienkollegen. Dieser starrte ihn schweigend an. Sie saßen eine, vielleicht auch fünf Minuten da, bevor Marvin die Stille durchbrach. “Ich hoffe, ich halte dich nicht auf. Wenn du wichtigeres zu tun hast möchte ich dich nicht aufhalten." Avis warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. Dann versuchte er ein Lächeln. “Nee, nix zu tun." Er schob die Wirtschaftsrecht-Unterlagen hinter seinen Rücken. “Was haste gemacht?" Marvin seufzte. Es dauerte einige Sekunden, bis er dem Vogel antwortete. “Kennst du Kathrine?" Avis musste kurz überlegen. “Du meinst die Haiin aus Medien Wissenschaften?" Auch Avis war sie bereits ins Auge gefallen der schmale ausdefinierte Körper, der lange Schwanz, der in eine spitze Flosse endete, doch schien sie ihm ziemlich kaltblütig, auch im übertragenen Sinn. “Genau die." “Du hast nicht…?" fragte Avis “Ich habe mich nur einmal mit ihr getroffen… es war nicht ernstes, aber…" Avis beendete seine Antwort: "... du hast dich mit ihr getroffen und Carol hat es mitbekommen." An Marvins Blick konnte Avis erkennen, dass er recht hatte. “Es war wirklich nichts ernstes, ich würde Carlo nie hintergehen, doch…" mit einem Seufzen brach er ab. Avis zuckte zusammen, als Marvin gegen das Geländer der Treppe schlug. Das Summen des Metalls hallte durch das Treppenhaus und schmerzte in Avis Ohren. Er zuckte zusammen. “Oh Tschuldigung… hab nicht dran gedacht." murmelte Marvin und presste seine Hand auf das Metall. Der schrille Ton verebbte. “Danke" “Du musst hier nicht sitzen und mir beim Jammern zuhören, wenn du wichtigeres zu tun hast…" “Nee, immer noch nix zu tun." erwiderte Avis. Dabei nutzte er gerne die Gelegenheit, um eine Ausrede vor sich selbst zu haben, sich nicht weiter mit Wirtschaftsrecht auseinandersetzen zu müssen.

Sie saßen noch einige weitere Minuten da und Marvin verbrauchte in dieser Zeit ein weiteres Taschentuch. Die Wunde schien doch tiefer, denn die Blutung wollte nicht aufhören. Avis zog Marvin von der Treppe hoch und beide machten sich auf den Weg zum Verwaltungsgebäude. Der Kies knirschte unter Avis Füßen und Marvins Körper, während sie durch den kalten Wind über das Gelände schlurften. Ein Großteil der Schlange kroch hinterher, während der Oberkörper aufrecht neben Avis stand. Das dunkle Blut lief ihm wieder über das Gesicht und tropfte auf die weiß grauen Steine. Ihnen begegneten nur wenige andere Studenten. Vor dem runden Verwaltungsbau, wurden sie aufgehalten. Der Hausmeister stand vor der Eingangstür und hantierte am Schloss herum. Der Dachs bemerkte Marvin und Avis erst, als diese direkt hinter ihm standen. Erschrocken fuhr er zusammen und eine Zange flog in hohen Bogen auf Avis zu. Dieser duckte sich darunter hinweg und das Werkzeug landete klappernd auf Boden. Er stieß eine Fluch, in einer Sprache aus, die Avis nicht verstehen konnte. Dann fiel sein Blick auf Marvin, der ihn bedrückt anschaute, noch immer das blutige Taschentuch aufs Gesicht gepresst. Der Blick des Hausmeisters wanderte Über seinen Kopf, zu seinem Kinn, von dem immer noch unregelmäßig Blut zu Boden tropfte. Er schaute die beiden mit einem vorwurfsvollen Blick an. Dann kramte er in einer Tasche seines Mantels herum und reichte Marvin ein frisches Taschentuch. Dieser nickte ihm dankbar zu, doch Avis vermutete, dass der Dachs sich mehr um den Boden, als um das Reptil sorgte. Dann öffnete der Hausmeister den anderen Flügel der Doppeltür und ließ die beiden in das Gebäude. Das Zimmer der Krankenschwester befand sich im 3. Stock. Innerlich über den Architekten fluchend, kämpfte sich Avis zusammen mit Marvin das Treppenhaus hinauf, denn an der Tür des Aufzugs hing ein handgeschriebener Zettel, der darauf hinwies, dass dieser leider außer betrieb war. Am Ende der letzten Treppe befand sich ein langer, weißer Gang. Plastikschilder an der Decke und das, weiße Kunstlicht der Leuchtstoffröhren, gaben der Umgebung eine kalten, krankenhaus artige Atmosphäre. Ein grün beleuchtetes Schild wies auf das Zimmer der Ärztin hin. Die Tür stand einen Spalt weit offen und sie konnten Stimmen aus dem Raum dahinter hören. Vorsichtig klopfte Avis an. “Einen Moment bitte, außer es ist ein Notfall." erklang eine Stimme aus dem Inneren. Avis warf Marvin einen kurzen Blick zu. Dieser Schüttelte nur den herabhängenden Kopf. Sie mussten einige Minuten warten, dann wurde die Tür von innen geöffnet. Die Krankenschwester, eine Vogeldame, mit schillernden bunten Federn, geleitete einen Salamander vor die Tür. Diese schaute Avis kurz an, nickte ihm zu und bevor der Vogel reagieren konnte, drehte er sich um und entfernte sich mit schnellen Schritten. “Und was haben wir hier?" erklang die Stimme der Ärztin neben ihnen und lenkte Avis Aufmerksamkeit für einige Sekunden ab. Als er noch einmal den Gang hinunter schaute, war Terrence verschwunden. Die Ärztin packte Marvin am Arm und zog ihn in den Raum. Avis drehte sich noch einmal um, doch der Gang war leer. “Da hat dich jemand aber übel erwischt. Da wird sicher eine Narbe bleiben." hörte er die Ärztin und ein schmerzerfülltes Zischen von Marvin.


Während die Ärztin Marvins Wunde versorgte und die tiefen Kratzer mit einem Kunststofffaden zu nähte, wobei jeder Stich mit einem Zischen von Marvin kommentiert wurde, stand Avis vor der Tür und starrte weiter den Gang hinunter. Nach und nach verschloss die Ärztin die Kratzer. Schlussendlich klebte sie noch ein großes Pflaster darüber. Als Marvin versorgt war, wandte sich Avis der Ärztin zu, die gerade dabei war, die Behandlung in einem großen Buch zu protokollieren. Avis riss sich von dem Anblick des leeren Gangs los. Terrence war also wieder da. Das Kratzen des Kugelschreibers verstummte. Das Geräusch von reißendem Papier erklang. “So. Das wäre erledigt. In Zukunft hältst du dich am besten, von scharfen Krallen und deren Besitzern fern." Sie drückte Marvin einen Zettel in die Hand und schob ihn dann sanft auf den Flur hinaus. Gerade wollte sie die Tür schließen, doch wartete dann glücklicherweise, bis Marvin auch mit dem Rest seines Körpers das Zimmer verlassen hatte. Die Tür fiel mit einem Klacken ins Schloss. Mit einem kurzen Flackern erlosch die Beleuchtung des Schilds an der Decke. Marvin sank, den Rücken an die Wand gelehnt, langsam zu Boden, wobei sein Körper sich in mehreren Windungen im Gang verteilte und diesen zur Hälfte versperrte. “Möchtest du wirklich hier auf dem Gang liegen bleiben?" “Ja." “Bist du dir sicher?" “ja" Avis warf einen kurzen Blick auf sein Smartphone. “Wenn du gehn musst, tu dir keinen Zwang an. Ich komm schon klar." hörte er Marvin von unten. Er wollte ihn eigentlich nicht einfach liegen lassen, doch das Reptil machte keine Anstalten sich zu bewegen. “Geh schon!" fauchte er Avis an. Sofort gefolgt von einem leisen “tschuldigung". Ein ungutes Gefühl im Bauch ließ er die Schlange zurück und machte sich auf den Weg in Richtung Parkplatz. Beim verlassen des Gebäudes begegnete er wieder dem Hausmeister, der gerade dabei war, den Boden des Eingangsbereichs zu putzen. Der Dachs schaute ihn vorwurfsvoll an. Aus dem Wassereimer, dem Wischmop und seinem Blick schlussfolgerte Avis, dass sie auf dem Weg zur Ärztin einige Tropfen Blut auf den Steinfliesen hinterlassen hatten. Sein Auto stand wie immer auf dem Parkplatz des Wohnheims. Noch immer flatterte die Plastiktüte über der Seitenscheibe. Seine Eltern hatten ihm das Geld bereits überwiesen, doch irgendwie hatte er bei der Sache ein schlechtes Gewissen. Er ließ den Motor an, startete auf seinem Handy die Navigation und warf es auf das Armaturenbrett. Die freundliche, zwitschernde Frauenstimme wies ihn an, den Parkplatz in Richtung Innenstadt zu verlassen. Die Plastikfolie knisterte, während sie sich durch den Fahrtwind nach innen wölbte. Den Anweisungen des Navis folgend umging Avis die Innenstadt über die große Westtrasse. Die Fahrzeug Ströme flossen gleichmäßig über den Asphalt der Brücke. Sein Blick schweifte immer wieder über die Dächer der Stadt, bis zum Hafen und darüber hinaus in die Bucht, wo große Containerschiffe in Richtung Hafen, oder hinaus aufs Meer steuerten. Zwanzig Minuten später erreichte er den Rand der Stadt. Auf Anweisung der Stimme des Navis, verließ er die Trasse und fand sich auf einer breiten, wenig befahren Ausfallstraße wieder. Der Streifen Grün zwischen der Mittel Absperrung wucherte vor sich hin und schien nur notdürftig gestutzt zu werden. Gleiches galt für den Efeu, der die Schallschutzwände an den Rändern der Straße hinauf kroch. Über die Oberkanten, durch das Geäst kahler Bäume hindurch konnte man die grauen Wohnblöcke sehen, die sich hier dicht an dicht reihten.


Über eine kleine Abfahrt, die man auch schnell übersehen konnte, bog Avis in das Wohngebiet ein. Das kleine Auto rumpelte über eine kleine Welle im Asphalt. Schon von weitem konnte Avis die großen Umrisse des Drachen erkennen. Er war nicht alleine. Eine kleinere Gestalt stand bei ihm. Doch als er näher kam schaute diese sich panisch um und verschwand dann schnell im Schatten eines Hauses. Frederic schien sich daran nicht weiter zu stören. Die Krallenhände in den Taschen seiner Jacke lief er langsam auf Avis zu, der sein Auto am Rand der Straße abgestellt hatte. Der Drache riss die Tür auf, wobei sich das Klebeband am unteren Ende der Folie löste, wodurch die Plastiktüte wild im Wind flatterte. Avis spürte, wie die Federung sich einige Zentimeter abgesenkte, als Frederic sich auf den Beifahrersitz fallen ließ, wobei sein Schwanz sich durch den Spalt zwischen Rückenlehne und Sitzfläche drückte, und im Fußraum der Rückbank verteilte. Die Dornen auf seinem Kopf krazten an der Stoffbezogene Decke des Innenraums. “Danke fürs Abholen." “Kein Problem." Während der ersten Minuten der Fahrt wechselten sie kaum ein Wort. Nur hin und wieder wies Frederic Avis auf eine Abkürzung hin, oder Kommentierte seinen “langweiligen" Fahrstil. Bald kamen sie ganz zum stehen. Vor ihnen erstreckte sich eine scheinbar endlose Autoschlange, die langsam in Richtung Innenstadt kroch. Auf dem Gehweg, der Parallel zur Fahrbahn verlief, “rannte" eine Gruppe Faultiere an den Fahrzeugen vorbei. Entnervt griff Frederic zu Avis hinüber und schlug auf das Lenkrad. Ein lauter Hupton erklang und fuhr Avis schmerzhaft in die Ohren. Doch zu einer Auflösung des aktuellen Zustands trug es nicht bei. Mit einer etwas frustrierten Mine sank Frederic in seinen Sitz zurück. Langsam krochen sie weiter. Avis war sich sicher, dass die Faultiere inzwischen die Innenstadt erreicht haben mussten. Auf höhe der äußeren Ringstraße, brach Frederic die Stille, die im inneren des Autos herrschte, sah man von der leisen Musik ab, die aus dem Radio drang. “Mal wieder nur wir beiden. Wie früher…" Ja, früher. Nur Frederic und Avis gegen den Rest der Gesellschaft. So hatte es sich jedenfalls angefühlt."Ja, genau wie früher…" zwang Avis hervor. Die weitere Fahrt schwieg er jedoch, während Frederic in Erinnerungen an ihre Schulzeit schwelgte. Er wusste nicht warum, doch wollte sein Sprachzentrum kaum Worte, geschweige denn Sätze formen. Sie bogen von der verstopften Straße in das Netz der neben Straßen und Gassen ein. Der Wagen rumpelte über eine Bodenwelle. Es gab ein reißendes Geräusch und die Stacheln auf Frederics Kopf und Nacken steckten in der Stoffverkleidung des Autodaches. Der Drache unterbrach seinen Monolog. Dann zog er Wortlos einen Geldschein aus seiner Tasche und schob ihn in Avis Jacke. Dabei bewegte er unvorsichtig den Kopf und die Löcher im Stoff erweiterten sich zu Rissen. “Einfach nicht mehr bewegen. Ich muss eh demnächst in die Werkstatt." kommentierte Avis. Für den Rest der Fahrt versuchte der Drache den Kopf still zu halten, was dazu führen sollte, dass er die nächsten Stunden einen Steifen Nacken hatte. Schlussendlich parkte Avis das Auto in der Nähe ihres Ziels, am Straßenrand, unter einer, hin und wieder flackernden, Straßenlaterne. Frederic wand sich aus dem Fahrzeug, dabei darauf bedacht, nicht noch mehr Schaden an zu richten. Er brauchte über zwei Minuten, doch Schlussendlich hatte er sich befreit, ohne den bereits lädierten Dachhimmel weiter zu beschädigen.


Endlich aus der Enge des Autos heraus, breitete Frederic seine ledernen Flügel aus. Von fünf dünnen Speichen gestützten, faltete sich die schwarze Hautfläche auf eine Spannweite von fast dreieinhalb Metern aus. Die mächtigen Schwingen, mit den scharfen Dornen an den Spitzen, machten einen Imposanten Eindruck. Er flatterte ein paar mal damit, wobei die Hornspitzen Avis gefährlich nah kamen. Frederic schaute sich kurz verwirrt nach seinem Freund um. Dieser war, hinter der, noch immer flackernden, Laterne, in Deckung gegangen. “Sorry. Ich denk nicht immer dran." entschuldigte der Drache sich und faltete die großen Flügel wieder auf seinen Rücken. Vorsichtig trat Avis aus dem Schutz des Laternenpfostens hervor, den Kopf eingezogen und sichtbar verunsichert. Frederic lächelte ihn, etwas schuldig, an. “Kommst du?" er deutete mit seinem Kopf die Straße hinunter. Der Laden, den Frederic ausgesucht hatte, befand sich im Untergeschoss, eines schmalen Hauses. Die Fenster im Erdgeschoss waren von innen mit Brettern vernagelt. Auf dem Fensterbrett und im schmalen Raum zwischen dem Holz und dem Rahmen lagen Glasscherben. Aus dem verrotteten Resten der Fensterdichtung ragten noch einige scharfe Glasstücke. Eine schmale Treppe an der Seite des Hauses führte in den Keller hinab. Zögerlich folgte Avis seinem Freund, der sich um seine Umgebung nicht sonderlich viel Sorgen machen, zu schien. Die Steinstufen unter seinen Füßen waren durch Regen und die häufige Benutzung glatt getreten und leicht angeschrägt. Er klammerte sich mit seiner Krallenhand am rostigen Geländer fest und stieg langsam die Treppe hinab. Frederic hatte sich nicht sonderlich um den Untergrund gesorgt und sich stattdessen mithilfe seines Schwanze gestütz, wärend er die Stufen eher hinunter gerutsch, statt gestiegen war. Avis Hände schmerzten, als er endlich das untere Ende erreicht hatte. Er nahm einen Tiefen Atemzug und bereute es sofort. Der Zigarettenrauch zog in seine Lungenflügel und es fühlte sich an, als hätte er eine Ladung Asche eingeatmet. Neben ihm ertönte ein trockenes Lachen. “Wen hast hast du mitgebracht?" fragte eine tiefe, ruhige Stimme. Avis Augen tränten und er konnte die Person nur schemenhaft erkennen. “Ein alter Freund. Er ist ok." Der andere gab erst keine Antwort. Dann folgte ein kurzes. “Willkommen." Noch bevor Avis etwas erwidern konnte, wurde er am Arm gepackt und Frederic zog ihn aus der Rauchwolke. Im inneren des Ladens war die Luft stickig, aber wenigstens nicht ganz so verraucht. Avis spürte den Blick des Fremden noch immer im Nacken, traute sich jedoch nicht, sich umzudrehen. Die ganze Situation war mehr als unangenehm und wurde noch schlimmer, als er hinter sich Schritte hörte. Frederic hatte sich auf einen der Hocker an der Bar gesetzt und symbolisierte Avis, sich neben ihn zu setzen. Der Vogel schwang sich auf den für ihn zu hohen Barhocker, der aufgrund seines geringen Gewichts kaum nach gab, weshalb Avis etwa einen halben Kopf höher war wie Frederic. Ein Sitz auf seiner anderen Seite, am Rand der Theke knarrte und eine Nikotin Wolke wehte zu ihm hinüber. Die Person hatte kurzes hartes graues Fell, eine lange stumpfe Schnauze. Zwischen seinen Lippen klemmte eine halb abgebrannte Kippe. Der Esel winkte dem Barkeeper zu und der Steinadler verschwand im Hinterzimmer, um kurze Zeit später mit einem Glas unidentifizierbarer, grüner Flüssigkeit wieder zu erscheinen. Frederic schien ihn vollkommen zu ignorieren. “Und? Irgendwas passiert, seit letztem mal?" “Terrence war im Krankenhaus. Überdosis…" “FUCK!"


Aus Frederics Reaktion schloss Avis, dass das Thema ihn persönlich getroffen hatte. “Wie geht es ihm?" seine Stimme war leiser geworden. “Hab ihn heute gesehen. Er ist wieder an der Hochschule." Frederic atmete erleichtert auf. “Ich hätte ihm das nicht zugetraut. Weißt du mit was es sich abgeschossen hat?" “Keine Ahnung…" antwortete Avis. “Wenn es sein erstes Mal war und er Glück hat, kann es sein dass nichts weiter passiert. Wenn es was härteres war, sollte er sich Hilfe holen." Die Stimme des Drachen hatte einen Tonfall, als versuche er seinen Freund nicht zu beunruhigen. “Gefährliches Halbwissen, oder persönliche Erfahrung?" hakte Avis nach. Die Antwort war ein trockenes: “letzteres". Er griff nach einem Glas, dass der Barkeeper ihm hingestellt hatte und leerte es in einem Zug. Erst jetzt bemerkte Avis, dass der Adler wartend, auf der anderen Seite des Tresen stand und ihn anstarrte. “Ehm… ich nehm ein dunkles Weizen…" Ein missbilligender Blick kam zurück, doch mit einer schnellen, flüssigen Bewegung drehte der Raubvogel sich um und hantierte, verdeckt von seinen Flügeln, hinter der Bar herum. Es wirkte beinahe, als versuche er eine verbotene Tätigkeit zu verschleiern. Doch schlussendlich wandte er sich wieder Avis zu, ein schlankes Glas, gefüllt mit einer dunklen Flüssigkeit und einer kleinen Schaumkrone, in der Kralle. Noch immer Wortlos stellte er es vor Avis ab und wandte sich dann dem Esel zu, der noch immer neben Avis saß. Dieser nuschelte dem Adler, an der Zigarette in seinem Mund, vorbei, das Avis jedoch nicht verstehen konnte. Frederic fuhr fort: “Nachdem ich aus New Berlin zurück war, bin ich in ein Loch gefallen. Meine Eltern hassten mich und ich hatte niemanden sonst, der mich hätte auffangen können. Es ist echt erstaunlich, wie schnell man bis in die Scheiße am Boden der Gesellschaft sinkt." “Ich war immer da. Warum hast du dich nie gemeldet?" fragte Avis seinen Freund, wobei der Vorwurfsvolle Tonfall nicht zu überhören war. “Du hättest mich nicht sehen wollen. Nicht so." er machte eine Pause. Dann lächelte er den Blauheer an. “Aber jetzt sitze ich hier, mit meinem besten Freund, in einer dreckigen Kneipe in meiner Heimatstadt." Der Adler schien ihn gehört zu haben, drehte seine Kopf ruckartig und warf ihm vom anderen Ende der Bar einen bösen Blick zu. Auch der Esel, der noch immer auf dem Platz neben Avis saß, stieß ein missbilligendes Räuspern aus, blieb aber sonst Stumm. Dennoch lösten die Reaktionen unbehagen in Avis aus. Seine Federn stellten sich mit einem leisen Rascheln auf. Frederic schien nichts aufzufallen und unterstützt von seinem inzwischen vierten Bier, redete er, mit einem leichten lallen, weiter auf Avis ein. Nach einer viertel, vielleicht auch eine halbe Stunde, und zwei weiteren Bier, endete sein Monolog abrupt. Nicht dass ihn etwas unterbrochen hätte, doch es schien, als wären ihm plötzlich die Worte ausgegangen. Er schaute nur, mit etwas trüben Augen, grob in Richtung Avis, wobei es ihm scheinbar schwer fiel, ihn mit seinen Schlitzpupillen zu fokussieren. Das blaue Reptilienauge starrte knapp an Avis vorbei, irgendwo hinter ihn. Dann, langsam, wie in Zeitlupe, rutschte Frederic vom Barhocker, auf dem er saß. Avis reagierte schnell, sprang auf und fing seinen Freund, bevor er zu Boden stürzen konnte. “Ich glaube du hattest genug." Das Gewicht des Drachen zerrte an Avis und drohte, ihn zu Boden zu reißen. Mit aller Kraft stämmte sich Avis gegen den massigen Körper und verhinderte, dass Frederic auf den staubigen, dreckigen Boden fiel. Den Arm und einen Flügel über seine Schulter gelegt, schaffte er es, seinen Freund halbwegs zu stabilisieren. Doch jetzt stand er vor dem Problem, den Drachen zur Tür, die Treppe hinauf und zum Auto zu bekommen. Er versuchte sich Schritt für schritt vor zu kämpfen, wobei er den massigen Körper des Drachen hinter sich her schleifte. Und auf einmal, war es, als hätte er die Hälfte seines Freundes verloren. Das Gewicht auf seinen schmalen Schultern reduzierte sich schlagartig und er konnte kurz durchatmen. Verwirrt warf er einen Blick nach links. Der Esel starrte zurück. Die Zigarette fest zwischen die Lippen geklemmt. Frederics anderen Arm über seine eigene Schulter gelegt.


Er half Avis den Drachen bis zum oberen Ende der Treppe zu tragen. “Wenn er wieder nüchtern ist, sag ihm, dass er mir noch 15$ Schuldet." Von Frederic kam ein unidentifizierbares Grummeln. Avis zog mit seiner freien Kralle seinen Geldbeutel aus seiner Hosentasche und drückte dem Esel zwei Scheine in die Hand. Dieser schaute sie kurz skeptisch an, als vermute er, dass es Falschgeld war, schob sie dann jedoch in die Tasche seine ausgebeulten Hose. Zwei Minuten später erreichten sie Avis Auto. Die Plastiktüte hatte sich fast komplett losgerissen und flatterte, nur noch an einem Zipfel gehalten im Wind. Gemeinsam schaffte sie es, Frederic auf die Rückbank zu buchsieren und Avis schnallte ihn, so gut es ging, an. Er wollte sich noch bei dem Esel bedanken, doch war er, als Avis sich umdrehte bereits einige Meter entfernt. Avis rief ihm zwar noch hinterher, doch reagierte er nicht darauf. Hinter ihm begann Frederic zu schnarchen. Avis ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Im Rückspiegel sah er Frederic, dessen Körper das halbe Sichtfeld einnahm. Glücklicherweise hatte sich der Stau, der vor wenigen Stunden noch den Verkehr der Stadt fast zum Stillstand gebracht hatte, inzwischen aufgelöst und die, jetzt bedeutend kleineren, Automassen mit normaler Geschwindigkeit durch die Hafenmetropole flossen und nachdem Avis den äußeren Ring erreicht hatte, waren sie fast allein auf der gut ausgebauten Straße. Sie brauchten keine Viertelstunde, bis vor ihnen die ersten gelb grauen Blöcke des “Trader Districts" auftauchten. Frederics Schnarchen hatte inzwischen eine Tonlage, als versuche jemand das kleine Auto durch zu sägen. Avis brachte das Auto vor dem Wohnblock zum stehen, in dem Frederic wohnte. Nach einem weiteren Blick auf den schlafenden Drachen auf der Rückbank, der von drei Gurten gehalten wurde, kam in ihm die Frage auf, wie er Frederic zur Wohnung schaffen würde. Nach kurzem Überlegen kam er zu dem Schluss: Gar Nicht. Der Drache verblieb erstmal auf der Rückbank und Avis machte sich auf, in Richtung des Hauses, um nach zu schauen, ob Carl und Bruce zuhause waren. Die Gegend war um diese Uhrzeit wie ausgestorben. Die Fenster des Wohnblocks waren dunkel, nicht ein einzelnes Licht war zu sehen. Er drückte den Knopf der Klingel. Nichts passierte. Noch einmal, wieder nichts. Entweder sie hörten die Klingel nicht, oder waren nicht zuhause. Er trottete zum Auto zurück. Frederics Zustand hatte sich nicht geändert und Avis vermutete, dass es auch noch einige Stunden dauern würde, bis der Drache wieder ansprechbar war. Nach einigen weiteren Minuten überlegen, kam er zu dem Schluss, dass seine einzige Option war, zurück zur Hochschule zu fahren und Frederic einfach auf der Rückbank ausnüchtern zu lassen. Während der weiteren Fahrt riss sich die Plastiktüte dann endgültig los und verschwand in der Dunkelheit der Nacht. Der Wind pfiff ins Innere des Wagens und durch Avis Gefieder. Schnell kroch die Kälte durch sein Gefieder hindurch, zu seiner empfindlichen Haut. Frederics schnarchen nach zu urteilen schien der Wind ihn nicht zu stören und auch die einen, oder anderen Bodenunebenheit, die die, durch sein Gewicht, ohnehin schon stark belastete Federung, nicht mehr ausgleichen konnte, schafften es nicht den Drachen zu wecken. Der helle Schein des Mondes erhellte das Gelände der Hochschule und einzelne, nachtaktive Studenten hetzten über die Kieswege zwischen den Gebäuden hin und her. Avis parkte sein Auto auf dem Parkplatz und stellte den Motor ab. Jetzt war nur noch Frederic zu hören.


Was würde er jetzt mit dem Drachen machen? Das gewaltige Reptil schnarchte noch immer auf der Rückbank vor sich hin, sein Kopf zwischen den Flügeln vergraben, die er um seinen Körper gewickelt hatte. Er hatte keine Chance ihn irgendwie zu bewegen und alle Versuche ihn auf zu wecken, scheiterten. Mangels Alternativen, musste Avis seinen Freund im Auto zurück lassen. Doch schon beim Verlassen des Parkplatzes, überkam ihn ein schlechtes Gefühl. Die Nacht war kalt und der Wind trieb die letzten Blätter der Bäume über den Rasen und die Kieswege. Im Keller des Wohnheims gab es einen Raum, in dem zusätzliche Bettwäsche aufbewahrt wurde. Das flackernde Licht enthüllte Berge, nein Türme von grau, gelb, weißen Bettdecken, Bezügen und Kissen. Er klemmte sich einiges davon unter die Arme und hetzte die Treppe wieder hinauf. Die Scheiben des kleinen Autos vibrierten durch Frederics lautes Schnarchen. Er zog den rauen Stoff über seinen Freund. Dabei versuchte Avis darauf zu achten, dass die Decke sich nicht in den Stacheln des Drachen verfing. Mit einer neuen Mülltüte aus der Küche im Wohnheim, klebte Avis das kaputte Fenster wieder zu. Immer noch, mit einem leichten, unguten Gefühl ließ er Frederic zurück und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer. Er ließ das Licht im Flur ausgeschalten und tastete sich blind voran. In seinen Gedanken zählte Avis seine Schritte. Eins, zwei, … bei 56 blieb er stehen und tastete nach der Tür zu seinen Linken. Er fand die Tür und hielt kurz inne. Hinter dem Holz konnte er Tim schnarchen hören. Er schob seinen Schlüssel in das Schloss und schob die Tür vorsichtig auf. Es gab ein leises metallenes Kratzen, vermutlich lag hinter der Tür eine leere Getränkedose. Er schloss die Tür hinter sich und tastete sich vorsichtig durch das Zimmer. Immer wieder stieß er an verschiedenste Dinge, die auf dem Boden verteilt lagen und ließ sich auf sein Bett fallen. Bevor er sein Handy auf den Nachttisch legte, tippte er noch schnell eine Nachricht an Frederic: “Sorry. Hab dich nicht aus dem Auto bekommen. Hoffe es war nicht zu kalt. Kannst das Zeug einfach da lassen. Und du schuldest mir 15$." Das kleine Icon in der Ecke der Nachricht zeigte, dass die Nachricht angekommen war.