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Avis war gerade auf dem Weg zum Frühstück, als Tim ihn einholte. Der Tiger überholte ihn und legte einen rückwärts Jog ein, während er einige Meter vor seinem Mitbewohner her lief. “Bist gestern spät zurück gewesen?" “Irgendwann nach 1 Uhr, konnte auch fast 2 Gewesen sein." Sein noch immer müdes Vogelhirn kramte die Erinnerungen an den letzten Tag hervor… Verdammt. Lag Frederic noch immer in seinem Auto? “Hey Tim. Geh schonmal vor. Ich muss noch kurz was nachschauen." “Aber beeil dich. Ich glaube du möchtest vor der Vorlesung noch was Essen." Tim beschleunigte seinen Schritt, drehte sich mit einer flüssigen Bewegung um und joggte weiter in Richtung der Mensa. Avis machte kehrt und lief zurück zum Wohnheim. Sein Auto stand noch immer auf dem Parkplatz. Frederic war verschwunden. Die Decke und das Kissen lagen unordentlich auf der Rückbank. Daran hing ein kleiner Zettel. “Danke und Sorry. Mach dir keine Sorgen, ich find den Weg allein nach Hause. Hoffentlich." Etwas erleichtert machte Avis sich auf dem Weg zur Mensa, dabei rannte er, fast, über den Kiesweg, um vor der ersten Vorlesung wenigstens noch irgendetwas zu Essen zu bekommen. Das Bettzeug würde er später wegräumen… falls er es nicht vergaß. Er stürmte in das überfüllte Gebäude, sprintete an der langen Schlange vor der Theke vorbei und drängelte sich nahe der Theke zwischen einen Elefanten und ein Nashorn. Eine schlechte Idee, denn bevor die beiden ihn bemerkten, hatten sie ihn bereits zerquetscht. “Hey pass doch auf!" fuhr der Elefant das Nashorn an und zog Avis mit seinem Rüssel zur Seite. “Der hat sich einfach rein gedrängelt." verteidigte sich das Nashorn, doch der Elefant war mehr als einen Kopf größer wie er. “Lass den kleinen in Ruhe. Wenn du Ärger willst, leg dich mit jemandem in deiner Größe an." Dabei hob der Elefant den Rüssel und drohte mit seinen Stoßzähnen, die er zwar hatte absägen lassen, aber immer noch gefährlich wirkten. Der andere Dickheuter wich zurück, wobei er beinahe die in der Schlange hinter ihm Wartenden nieder walzte. Avis nutzte die aufkommende Verwirrung, um an dem Elefanten vorbei und direkt zur Ausgabetheke zu schlüpfen. Mit einem voll beladenen Tablett suchte er sich einen freien Platz. Und fand ihn. Neben Tim, Marcus und tatsächlich auch Terrence. Der Salamander saß zusammengesunken neben seinem Fuchs-Freund und hatte sich gegen dessen Schulter gelehnt. Das Essen auf seinem Tablett hatte er kaum angerührt. Marcus führte eine intensive Diskussion mit Tim, wobei er jedoch immer wieder kurz unterbrach und nach seinem Salamander-Freund schaute. Avis verzehrte sein Essen zügig, wobei er immer wieder einen Blick auf die große Uhr an der Wand der Mensa warf. Als sie zum Unterricht aufbrachen, schüttete Terrence das Essen auf seinem Tablett in den nächsten Mülleimer, bevor er sich mit den anderen auf den Weg machte.


Die Vorlesung kroch langsam voran. Sehr langsam. Avis stellte schnell die Vermutung auf, dass die Gepardin, die die Vorlesung hielt, eine Magierin sein musste, die die Fähigkeit besaß, die Zeit ewig zu strecken. Das zeigte sich jedoch nicht darin, dass die Zeit vor langeweile nicht verging, sondern, dass sie es schaffte in zwei Stunden Stoff durch zu nehmen, für den andere Professoren ein ganzes Semester gebraucht hätten. Immer, wenn Avis glaubte, der Unterricht müsste sich bald dem Ende nähern und er einen kurzen Blick auf die Uhr warf, musste er feststellen, dass nur wenige Minuten vergangen waren, in denen die Raubkatze weitere 5 bis 7 Folien ihrer Präsentation durchgegangen war. Dabei widersetzte sie sich aktiv dem Klischee, Geparden hätten keine Ausdauer und arbeitet sich mit einem konstanten Tempo durch die zum Teil, recht komplexen Sachverhalte. Neben Avis Block, auf dem er sich Notizen machte, stapelten sich die vollgeschriebenen Seiten. Um ihn herum erfüllte das Kratzen von Stiften und das klappern von Tasten den Raum. Auf dem Platz neben Avis saß wie meistens Marcus, der sich zwar auch Notizen machte, dabei jedoch nur einzelne Stichworte notierte, zu Themen, die er später Nachlernen würde. Es war bis jetzt nicht ganz eine halbe Seite. Demonstrativ riss er sein Maul zu einem langgezogenen Gähnen auf, wobei er demonstrativ sein Raubtiergebiss entblößte. Mit einem gut hörbaren Knacken, schnappte sein Kiefer wieder zusammen. Dann wandte er sich Terrence zu, der neben ihm saß und hektisch auf seinem Laptop herum tippte. Seine Augen waren fest auf den Bildschirm seines Laptops fokussiert, doch Avis konnte kaum etwas erkennen, da das Bild für ihn stark flackerte. Es war auch einer der Gründe, warum Avis im gegensatz zu den meisten keinen Laptop besaß. Eine kurze Recherche nach Notebooks mit flimmer armen Bildschirmen hatte schnell zu der Entscheidung geführt, die Notizen wenigstens vorerst weiter auf Papier zu machen. Außerdem, Avis wusste nicht genau warum, mochte er das Gefühl, echtes Papier in den Händen zu haben. Beim Arbeiten mit Digitalen Dokumenten überkam ihn etwas, dass am ehesten mit Platzangst vergleichbar war. Er musste sie schnell umsortieren oder mit bunten Filzstiften und kleinen Zetteln Markierungen und Anmerkungen daran anzubringen, oder Notizen darauf kritzeln können. Die Papierberge in seinem Zimmer mochten für andere wie ein absolutes Chaos wirkten, doch herrschte in wirklichkeite eine feine, fragile Ordnung, ein System, das es Avis erlaubte in erstaunlicher Geschwindigkeit darin Dinge zu finden… Die Vorlesung war zu Ende. Avis schnappte den Papierstapel und stopfte ihn in seine Tasche. Der Saal füllte sich mit Lärm, während die anderen Studenten ebenfalls ihre Notizen und Laptops weg packten. Das Rascheln von Fell, Federn und Schuppen, das kratzen von Krallen und ähnliche Geräusche übertönten die Ansage, die gerade aus den Lautsprechern dröhnte. Außer den Studenten, die sich direkt unter den Lautsprechern aufhielt, verstand niemand etwas, außer vielleicht einzelne, zusammenhanglose Wortfetzen. Avis glaubte Terrence Namen gehört zu haben, doch war er sich sicher, sich verhört zu haben. Die zweite Durchsage hörte er jedoch deutlich: “Avis Jay. Bitte im Sekretariat melden." Er schaute sich kurz um. Marcus und Terrence waren verschwunden. Tim schaute ihn verwundert an. “Was haste Angestellt?" “Keine Ahnung!" verteidigte sich Avis.


Das Sekretariat lag im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes. Dort, hinter dem Empfang ging seit jeher Arnold, ein großer Kaiserpinguin im schwarz weißen Jacket, seiner Arbeit nach. Als Avis den Raum betrat schaute er kurz von den Papieren vor sich auf, vertiefte sich dann jedoch schnell wieder in der Arbeit. “Ehm… ich bin Avis Jay. Ich soll mich melden…" stotterte Avis unsicher. Er war noch nie ins Sekretariat gerufen worden, erst recht nicht direkt aus der Vorlesung. Der Pinguin reagierte langsam, zögernd, als wäre Avis etwas unwichtiges, störendes, dass ihn von seiner richtigen Arbeit abhielt. “Ja?" Er hatte ihm anscheinend nicht zugehört. “Ich bin Avis Jay. Ich soll mich melden." “Ja. Da ist ein Anruf für dich. Es ist anscheinend sehr Wichtig." Der Sekretär hatte eine langsame, abschätzende Stimme, wie ein Buttler aus einem alten Film. Er deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des Nebenzimmers. Vor einer, über und über mit Zetteln behangenen Pinnwand stand ein einsames Telefon im Raum. Eine rotes Lämpchen blinkte und wies darauf hin, dass das ein Anrufer wartete. Avis nahm den Hörer ab. “Hallo? Hier ist Avis Jay." “Hi Rabe..." Seine Mutter rief ihn in der FH an? Und nicht auf dem Handy? Instinktiv tastete er nach seinem Smartphone. Es war nicht da. Verdammt. Er hatte es wahrscheinlich im Zimmer vergessen. Dennoch musste irgendetwas passiert sein. “Geht es allen gut? Ist irgendwas passiert?" “Dein Vater hatte einen Unfall. Ich bin auf dem Weg. Es ist scheinbar nichts schlimmes, aber könntest du deinen Bruder von der Schule abholen? Also nur wenn es mit deinem Unterricht passt..." seine Mutter versuchte ruhig zu bleiben, doch er konnte aus ihrer Stimme heraus hören, dass sie sich ernste Sorgen machte. “Ist er im Krankenhaus? Soll ich vorbeikommen?" “Nein. Nein. Es ist wirklich nichts schlimmes. Wir langweilen uns nur im Wartezimmer zu Tode. Kannst du ihn einfach um 12:00 abholen und mit ihm vielleicht noch irgendwas essen gehen?" “Klar. Kümmer dich um Dad. Ich schau nach Semnis." “Du bist ein Schatz." “Aber ruf mich an, wenn es doch was ernstes ist!" “Natürlich Rabe." Er wartete noch einige Sekunden, ob seine Mutter noch etwas sagte, doch dann wurde die Verbindung getrennt. Er hielt den Hörer noch einige Sekunden in der Hand. Aus dem Lautsprecher kam weiter ein monotone Tuten, bis Avis ihn auf legte. Es war komisch. Er sollte sich jetzt ernsthafte Sorgen machen, doch irgendwie hatte er das ganze ziemlich Gefasst aufgenommen, auch zu seiner eigenen Verwunderung. Um um 12:00 an der Schule zu sein, fuhr er am besten eine halbe Stunde früher los, also musste er die letzte Vorlesung am Vormittag sausen lassen.

Als er den Hörsaal betrat, hatte die nächste Vorlesung bereits begonnen. Etwas geduckt huschte er durch die Reihen, doch die meisten achteten sowieso nicht auf den Unterricht. Als er seinen Platz erreicht hatte, fiel ihm auf, dass Terrence und Marcus noch immer fehlten. Tim hatte andere Kurse weshalb Avis nun alleine da saß. Der Vorlesung folgte er nur mit einem Ohr und einem Bruchteil seines Gehirns. Seine Gedanken kreisten um seinen Vater. Immer wieder warf er einen Blick auf die Uhr, die an der Nordwand des Raums hing.


Kurz vor halb zwölf packte er seine Sachen zusammen. Professor Braun schritt langsam vor der Leinwand auf und ab, während er mit monotoner Stimme Dinge erklärte, die Avis vielleicht zur Hälfte verstand. Marcus und Terrence waren noch immer nicht aufgetaucht. In den Gängen des Gebäudes war es ruhig und Avis begegneten kaum mehr als ein dutzend andere Studenten. Die meisten rannten gehetzt durch die Gänge, Taschen, Laptops und/oder Blöcke und Zettelstapel unter den Armen. Der Großteil ignorierten ihn, oder nickten ihm nur kurz zu. Die grauen Wolken hingen tief über der Stadt und dem Gelände der Hochschule. Die Plastiktüte zappelte Wild im kalten Wind, der die braunen Blätter über den Asphalt trieb, den der Hausmeister erst diesen Morgen von eben jenen befreit hatte. Augenscheinlich ein netter, doch ziemlich aussichtsloser Versuch. Avis erreichte sein Auto. Die Plastiktüte über dem Fenster flatterte im Wind und irgendjemand hatte es für Lustig empfunden etwas unleserliches mit Filzstift darauf zu kritzeln. Avis sprang in das Auto und ließ den Motor an. Den großen Berg Bettwäsche, der noch immer auf dem Rücksitz lag, blieb dort auch liegen, da Avis keinen Gedanken daran verschwendete. Stattdessen strengte er sich an, den Weg zur Grundschule zu erinnern. Es war immerhin mehr als 11 Jahre her, dass er täglich mit dem Schulbus dort hingefahren war. Und damals hatte er anderes im Kopf gehabt, als der Weg, den dieser nahm. Anhand verschiedener Erinnerung Schnipsel versuchte er die ungefähre Lage der Schule zu rekonstruieren und fuhr schließlich los, im Hinterkopf immerhin eine ungefähre Ahnung, wo er hin musste. Es war 11:35. Über die Umgehungsstraße schaffte er sogar die Hälfte der Strecke, bevor vor ihm die roten Rücklichter der endlosen Autokolonnen auftauchten. Nur wenige hundert Meter vor der Abfahrt. 11:45. Avis fuhr von der Umgehungsstraße ab, hinunter in das Wohngebiet, in dem die Birdhouse Grundschule lag. Avis selbst hatte noch gute, aber auch all zu schlechte Erinnerungen an die Zeit dort. Retrospektiv überwiegte zwar das Positive, doch Avis war sich sicher, dass das die Nostalgie war, die mit der Zeit die Vergangenheit verzerrte und das meiste schlechte, oder unangenehme tilgte. Selbst die Narbe, die sein Gesicht zierte, löste bei ihm nichts negatives aus, ironischerweise eher das Gegenteil… Jemand hinter ihm Hupte. Die Ampel war grün geworden. Avis setzte den Blinker und rollte auf den Parkplatz der Schule. Eine niedrige Hecke trennte die Asphaltfläche vom Schulhof, auf dem gut drei dutzend Kinder spielten und vermutlich auf ihre Eltern warteten. Sein Bruder saß auf einer kleinen Mauer am Rand des Hofs, neben ihm ein Rattenmädchen mit dem er sich lautstark ein Wortgefecht lieferte. Avis konnte einzelne Satzfetzten aufschnappen: “...niemals. Das hat sie sicher nicht." “Doch. Ich lüge nicht..." Semnis brach im Satz ab, als seine Augen Avis erblickten. Avis lächelte ihm zu. “Hi kleiner Bruder." Semnis sprang von der Mauer auf und rannte auf seinen großen Brude zu. “Was machst du hier?" “Ich hol dich von der Schule ab und geh mit dir Mittagessen." Die Augen des jungen Vogels leuchteten. Er drehte sich noch kurz zu seiner Freundin um, die noch immer auf der Mauer saß. “Bis Morgen!" Das Rattenmädchen lächelte zurück, vergrub dann die Hände in der Brusttasche ihres Pullovers, zog die Kapuze über ihren Kopf und lief mit kurzen Schritten in Richtung der Straße.


Aufgeregt trippelte Semnis hinter seinem Bruder her. Dabei machte der junge Vogel immer wieder kleiner Hopser oder balancierte einige Schritte auf den Steinen, die den Weg, von einer kleinen Rasenfläche, abgrenzten. “Und? Was ist aus der Sache mit Andrea geworden?" Semnis blieb stehen und schaute auf den Boden. Avis blieb ebenfalls stehen. “Du hast es den Eltern doch gesagt, oder?" “ja…" flüsterte Semnis. “Und?..." hakte Avis weiter nach. “Sie haben nicht geschimpft." Die Stimme des jungen Vogels war kaum noch zu verstehen. “Aber Mama war echt enttäuscht." Avis kannte das gefühl nur zu gut. Ihre Mutter hatte wie viele Mütter die Fähigkeit, ohne zu schimpfen, ohne zu schreien, ohne auch nur irgendwie laut zu werden, dafür zu sorgen, dass man sich richtig schlecht fühlte. Einfach nur dadurch, dass sie einen spüren ließ, wie enttäuscht sie war. Allgemein konnte Avis sich nur an wenige, vielleicht ein halbes dutzend Situationen erinnern, in denen ihre Mutter wirklich wütend gewesen war. Doch das Schweigen und die vorwurfsvollen Blicke, die ruhigen, gefassten Erklärungen, waren für ihn jedes mal, ein vielfaches schlimmer gewesen, als hätte sie ihn einfach angeschrien. Weil ihre Mutter es nicht einfach hinnahm, sondern nur darauf wartete, dass man selbst den ersten Schritt machte und sich seine Fehler ein- und dann auch dafür gerade stand. “Kommst du wieder nach Hause?" Avis schaute seinen Bruder fragend an. Wie kam er auf den Gedanken? “Nein…" “Schade. Du könntest bestimmt wieder einziehen. Dein Zimmer ist immer noch da." Tatsächlich? Sein Vater wollte aus seinem Raum unter dem Dach doch ein Hobbyzimmer machen. Vermutlich hatte er bisher einfach keine Zeit gehabt. Semnis riss seinen Bruder aus seinen Gedanken. “Wohin gehen wir?" Avis hatte sich noch keine Gedanken gemacht. “Worauf hättest du denn Lust?" Semnis stieß ein fröhliches Zwitschern aus.

Eine viertel Stunde später saßen sie an einem Kunststoff Tisch. Die Oberfläche klebte leicht. Avis bearbeitete den Burger vor ihm mit Messer und Gabel, um ihn in schnablegerechte Stücke zu bekommen. Semnis hatte eine andere Strategie und zerhackte seine Mahlzeit einfach mit dem Schnabel, was jedoch seine Kleidung in Mitleidenschaft zog. “Und sonst?" fragte Avis seinen kleinen Bruder. Er hielt kurz inne und schaute etwas verlegen auf den Tisch. “Ich hack dir kein Auge aus. Und den Eltern gegenüber habe ich doch auch den Schnabel gehalten, oder?" “Andrea…" Avis Gehirn begann zu arbeiten. Semnis hatte ihm doch schonmal etwas über sie erzählt. “... sie hat mich gefragt, ob ich ihr Freund sein möchte…" In Avis Gehirn rasteten die Zahnräder ein. “Hattest du dich nicht mit ihr gestritten?" “Das war nichts so ernstes..." Avis hatte das aus ihrem kurzen Telefongespräch anders in Erinnerung, doch er verkniff sich ein Kommentar. “... und ich habe mich Entschuldigt." schloss Semnis bestimmt ab. Avis verzog sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. Das ganze Erinnerte ihn daran, wie er und Frederic Freunde geworden sind, nur war es da anders herum gewesen. Semnis schnappte sich die übrigen Pommes vom Tablett seines Bruders.


Die kleine Rasenfläche vor dem Haus war gemäht, die niedrigen Büsche, die das Grundstück zu den Nachbarn abgrenzte ordentlich geschnitten. Avis lenkte sein Auto auf die kurze Auffahrt und parkte vor dem Tor der Garage. Kaum stand das Auto still, riss Semnis die Tür auf und sprang hinaus. Avis zog die Handbremse an, zog den Schlüssel ab und atmete kurz tief durch, bevor er ebenfalls ausstieg. Die Haustür wurde geöffnet und seine Mutter stand im Türrahmen. Semnis stürzte auf seine Mutter zu und umarmte sie. Avis sah auf dem Gesicht seiner Mutter sorge, aber auch etwas Vorwurf, den er jedoch nicht zuordnen konnte. Dann öffnete sie jedoch ihre Arme um ihren älteren Sohn zu empfangen. “Und Rabe? Alles in Ordnung?" “Ja. Alles bestens. Wie geht es Dad?" “Komm erstmal rein." Semnis war bereits in das Haus gestürmt. Avis ließ sich Zeit. Der Spiegel, der früher gegenüber der Eingangstür gehangen hatte, war einen Meter nach rechts gewandert. An seiner statt hing dort ein großes, gerahmtes Foto. Avis eigene, rote und gelbe Augen starrten ihn an. Neben ihm stand Semnis und grinste nervös in die Kamera. Hinter ihnen standen ihre Eltern und zur Rechten seines Vaters saß Avis Großvater. Die Farbe seiner Federn war matt, doch er lächelte ihn mit seinen graublauen Augen an. Der kurze Flur führte direkt ins Wohnzimmer. Eine schmale Treppe zu seiner Rechten führte ins obere Stockwerk, wo sich sein ehemaliges Zimmer befand. Am Ende des Gangs trennte eine matte Glastür den Flur vom Wohn und Esszimmer ab. Avis durchquerte den engen Gang zügig und wollte gerade in das mit Teppichboden ausgelegte Wohn und Esszimmer. “Schuhe ausziehen!" rief sein Vater vom Sofa aus durch den Raum. Avis erstarrte, einen Fuß erhoben und die Sole nur wenige Zentimeter von den Fasern des Bodens entfernt. Semnis drückte sich an ihm vorbei, wobei er seinen Bruder aus dem Gleichgewicht brachte. Die Sole setzte auf dem Stoff des Teppichs auf. Einige Sekunden herrschte Stille. Avis zog den Fuß langsam zurück, doch sein Vater kommentierte nur, “Jetzt ist es eh zu spät." Vorsichtig zog Avis die Schuhe aus, bevor er einen zweiten Versuch unternahm, diesmal mit Krallenfüßen und Socken, das Wohnzimmer zu betreten. Der Arm seines Vaters war in weißen Gips gekleidet. In regelmäßigen Abständen reichten die langen Flugfedern aus dem Material. Sie ließen sich nicht mehr einfalten und standen vom Arm ab, was augenscheinlich sehr unpraktisch war. “Muss ich mir erst den Arm brechen, dass du mal wieder bei uns vorbeischaust." scherzte er, dabei war aber auch bei ihm etwas Vorwurf heraus zu hören. Avis spürte das leichte ziehen seines schlechten Gewissens. Er hatte seit Monaten nicht zuhause vorbeigeschaut und jetzt war der Anlass ausgerechnet ein Unfall seines Vaters. “Das war ein Spaß." kam es vom Sofa. Man hatte Avis seinen Gedankengang scheinbar angesehen. “Komm setzt dich." Sein Vater rutschte etwas zu Seite. “Wie läuft das Studium? Wie schlägt sich unser Sohn in der harten Welt da draußen?" Er schien den Fakt, dass er sich vor wenigen Stunden den Arm gebrochen hatte, weitestgehend zu ignorieren.


“Schön dass ihr euch wieder getroffen habt und er jetzt sein eigenes Leben führt." Sie waren beim Thema Frederic angekommen. Auf dem kleinen Wohnzimmertisch standen Tassen mit Tee oder Kaffee und ein kleiner Teller mit Kuchen. “Seine Eltern waren mir immer Komisch vorgekommen, ziemlich abgehoben. Da hat er nie wirklich dazu gepasst. Was macht er jetzt?" “Er ist Verkäufer im Sellingpoint." “Ah, er ist also auf dem Boden geblieben." Seine Mutter verschwand kurz in die Küche und kam dann mit einer Schüssel Kekse zurück. Einer sehr großen Schüssel. Sie liebte es zu backen und Avis würde sich später definitiv noch etwas einpacken lassen, um damit später Marcus bestechen zu können. Dieser hatte eine Schwäche für die selbst gebackenen Vollkorn Honig Kekse, was Avis einiges an Arbeit für Wirtschaftsrecht ersparen würde. Es kurz nach vier, als er das Haus verließ. Sei Auto stand noch immer, sehr schief, in der Einfahrt. Die Plastiktüte flatterte im Wind und auf der Rückbank lag noch immer das Bettzeug aus dem Wohnheim. Wäre es nicht sein eigenes Auto, hätte Avis wahrscheinlich vermutet, dass der Besitzer vor kurzem Obdachlos geworden war. Oder konnte man es Obdachlos nennen, wenn man noch ein Auto besaß, in dem man schlafen konnte? Er verwarf den seltsamen Gedanken, setzte sich hinters steuer, schaltete das Radio an und startete den Motor. Er brauchte einige Versuche, doch dann erwachte das Auto zum leben. Er setzte zurück auf die leere Straße, warf noch einen Blick auf sein Elternhaus, seine Mutter winkte ihm durchs Fenster, was er erwiderte, und fuhr dann zurück zur Hochschule. Die meisten Vorlesungen für den Tag waren bereits vorbei. Dennoch schien das Gelände verweist. Der kalte Herbstwind trieb die Studenten, Professoren und sonstigen Mitarbeiter ins warme Innere der Gebäude. Wenigstens fast alle. Marcus saß auf einer Bank am Weg, der das Wohnheim mit dem Hauptgebäude verband. Er hatte sich in eine dicken Jacke vergraben und starrte auf den weiß grauen Kies. Der Wind zauste durch das Fell, das nicht geschützt war und verwuschelte die braun roten Haare des Fuchses. Avis setzte sich neben seinen Freund, der ihn scheinbar nicht bemerkte. Er öffnete die Keksdose. Marcus schreckte auf. “Wo kommst du her? Wie lange sitzt du schon da?" “Eine knappe Stunde." scherzte Avis. “Möchtest du einen Keks?" hängte er noch an. Die Gesichtszüge des Fuchses entspannten sich. “Habe ich irgendetwas relevantes verpasst?" “keine ahnung…" nuschelte Marcus. Marcus hatte ein Vorlesung geschwänzt? Damit war es eindeutig, dass etwas überhaupt nicht stimmte. “Was ist passiert?" hakte er nach. “Terrence Eltern waren da." “Oh…" “Sie haben es mitbekommen?" “Jap!" “Und?" “Er hat sich in unserem Zimmer eingeschlossen und redet mit niemandem mehr…" Markus schnappte sich einen Keks. “Wenn du willst, kannst du in meinem Auto schlafen. Hat Frederic auch schon gemacht…" dabei fiel ihm ein, dass das Bettzeug noch immer auf der Rückbank lag. Er müsste es in näherer Zeit mal in den Waschraum bringen. Inzwischen war die Kälte durch Avis Jacke und Gefieder gekrochen. “Mir ist kalt. Ich geh rein. Kommst du mit, oder bleibst du hier?" Marcus wirkte unschlüssig. “Kannst auch erstmal bei uns unterkommen… irgendwie." Avis sprang von der Bank und machte einige Schritte in Richtung Wohnheim, stoppte dann jedoch und wartete auf Marcus.


Marcus klopfte vorsichtig an die Tür. Im Raum dahinter schepperte etwas. Mehr geschah jedoch nicht. “Terrence?" Marcus erhielt keine Antwort. Avis Blick fiel auf das ramponierte Schloss des Zimmers. Lange Kratzer zierten den Rahmen und die Tür. Eine Kralle des Fuchses fuhr über die Oberfläche und zog eine weitere Furche in das Holz. Das knirschende, kratzende Geräusch ließ Avis einen Schauer den Rücken hinunter laufen. Die runden Späne lösten sich von der Tür ab und fielen auf den Kunststoffboden des Ganges. Der Fuchs schob sie mit dem Fuß in den Spalt unter der Tür. Er setzte seine Kralle an der Falle des Schlosses an, der Riegel war nicht geschlossen. Der Fuchs hielt jedoch inne und nahm dann die Pfote wieder vom Schloss. Knapp eine Minute stand Marcus planlos auf dem Gang. Er hatte die Ohren wieder eingeklappt und der Schwanz hing schlaff auf den Boden. Einige andere Studenten liefen an ihnen vorbei und machten einen Bogen um den, noch immer starren Fuchs. Ein großer, breiter Braunbär trat jedoch versehentlich auf den wuscheligen rotbraunen Schwanz. Marcus stieß ein schmerzerfülltes Bellen aus. “Tschuldigung." brummte der Bär, schlurfte aber unbeeindruckt weiter den Gang hinab. Marcus lehnte an der Wand und hielt seinen, etwas zusammengedrückten, Schwanz fest, das Gesicht schmerzverzerrt. Langsam rutschte er hinunter auf den Boden. Eine Träne rann durch das orangene Fell. Es gab ein Klicken. Die Tür schwang einige Zentimeter auf. “Ich glaub wir müssen reden…" flüsterte Terrence kaum hörbar. Avis nickte Marcus aufmunternd zu. Der Fuchs rappelte sich auf, nickte Avis dankbar zu und schlüpfte dann durch den Spalt in der Tür. Avis machte sich auf den Weg zu seinem eigenen Zimmer. Tim war nicht da und Avis ließ sich einfach auf sein Bett fallen und starrte mit offenen Augen gegen die Decke. Seine Gedanken kreisten. Er zog sein Smartphone hervor. “Heute Zeit?" Es dauerte einige Minuten, bis er eine Antwort erhielt. “Klar! 16:15 Feierabend. Danach ins Topwing? Kommt noch jemand mit?" “Tim vlt. Ich frag ihn mal. Was ist mit Carl und Bruce?" Diesmal kam die Antwort umgehend. “Ich möchte den beiden mal einen Abend zu zweit lassen." Avis stellte sich kurz vor, wie es wäre in einer WG mit einem Pärchen zu leben… Ok, definitiv etwas, auf das er in seinem Leben verzichten konnte. “Verständlich. Bis nachher." “Bis nachher." Avis warf sein Smartphone zielgenau auf seinen Nachttisch, dort rutschte es jedoch über einen Schnellhefter und fiel auf der anderen Seite hinunter, wo ein zusammengeknülltes T-Shirt glücklicherweise den Sturz abfing. Dann schloss er die Augen...

Das Knallen der Tür riss Avis aus seinem Dämmerzustand. Avis öffnete ein Auge halb und konnte eine unscharfe orangene Gestalt in der Nähe der Tür sehen. Er wollte das Auge gerade wieder schließen, da tauchte hinter seinem Mitbewohner eine zweite, Person auf. Durch sein noch immer nur halb geöffnetes Auge, war sie nur eine grün rote Scheme. Langsam öffnete er das Auge vollständig. “Und das ist mein Mitbewohner Avis…" Die Person war ein Papagei, mit rot grün weißem Gefieder. “Hi! Ich bin Tamara!" stellte sie sich vor. “Bin mal kurz weg." kommentierte Tim und verließ das Zimmer. Avis rollte sich zur Seite, schob seine Beine über die Bettkante und richtete sich auf. Dabei spürte er, dass die Feder auf seiner linken Gesichtshälfte ziemlich platt gedrückt sein mussten, weshalb er seinen Kopf kräftig schüttelte. “Du kannst auch ruhig liegen bleiben." kommentiere das Papageien Mädchen.


Avis Verstand klärte sich. Wenigstens ein bisschen. Die Papageiin hatte inzwischen den Raum durchquert und stand beeindruckt vor den Papiertürmen auf Avis Schreibtisch. Die Papiertürme hatte auf die meisten Besucher diesen Effekt, hatte sie doch etwas, Karikatur haftes. “Wie viele Bäume mussten dafür sterben?" “Keine Ahnung, aber laut meinem Freund Marcus bin ich allein für die Entforstung von Neu Korelia verantwortlich." “Kann ich mir vorstellen." murmelte sie vor sich hin. “Hast du Ahnung von Exportzöllen?" Die schwarzen Federn über Avis linkem, roten Auge, wanderten erstaunt in die Höhe, eine für Vögel eher ungewöhnliche Geste, die er sich jedoch über die Jahre angewöhnt hatte. “Ehm… hab da bestimmt etwas." Er schob sich an ihr vorbei und begann in den Zetteln zu wühlen. Aus dem Turm Semester 3 Außenhandel, zog er einzelne Seiter heraus. “Nur wenn es keine Umstände macht…" sie machte einen Schritt zurück und betrachtete die Papierstapel misstrauisch, als würden sie jeden Moment einstürzen, um sie beide zu begraben. “Hier sollten die wichtigsten Sachen drauf stehen." “Vielen Dank, wollte keine Umstände machen…" Sie wurde unterbrochen. “Warum wollen eigentlich immer alle nur das Wissen meines Zimmerkollegen anzapfen?" Tim hatte das Zimmer betreten. “Um dieses Vogelhirn herum, ist auch noch ein echt netter Typ. Manchmal etwas verpeilt, aber doch liebenswert." Tamara hatte inzwischen ihr Smartphone hervor gezogen und fotografierte die Seiten, die Avis ihr gegeben hatte, bevor sie sie an die Stellen zurück schob, an denen Avis sie aus dem Chaos gezogen hatte. “Nochmal vielen Dank. Du rettest mir damit meinen schönen gefiederten Arsch. Dafür schulde ich dir was" Sie lächelte Avis an, dann wandte sie sich Tim zu. “Du hattest Recht. Und unsere Vereinbarung steht?" “Ich glaub schon." antwortete der Tiger. Als sie aus dem Zimmer ging, flüsterte sie Tim noch etwas zu, woraufhin er einen seltsamen Blick in Avis Richtung warf. Doch dieser mochte ihn nicht zu deuten. “Sie ist ein Semester unter uns. Wenn du willst, kann ich dir ihre Nummer geben." Tim hatte die Tür hinter ihr geschlossen und grinste Avis an. Versuchte sein Zimmerkollege ihn gerade zu verkuppeln? Er würde in nächster Zeit vorsichtig sein müssen. “Heute Abend schon was vor?" “Vielleicht" antwortete Tim nachdenklich. “Worum gehts?" “Wollen heute abend wieder ins Topwing. Frederic bringt noch n paar Leute mit." Tim schien kurz überlegen zu müssen. “Klar. Passt perfekt. Bin dabei." dann stürmte er mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck aus dem Zimmer und ließ Avis, etwas verwirrt, zurück. Der Abend würde interessant werden und einige Überraschungen bereithalten.

Kurz vor vier stand Avis auf dem Parkplatz und wartete auf Tim, als er hinter sich Schritte hörte. Sie waren zu leicht, federnd, als dass sie zu dem Tiger gehören konnten. Avis drehte sich um. Es war niemand zu sehen. Jemand tippte ihm auf die Schulter. “Buh!" Avis zuckte zusammen und drehte sich ruckartig um. Wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt sah er eine Menge rote Federn. Tamara sprang lachend einen Schritt zurück. Die Papageiin grinste ihn an. “Und? Überrascht mich schon wieder zu sehen?" “Ja…" antwortete Avis zögerlich. “Tim hat gesagt ich könnte mitkommen." “Hat er?" Er hätte Avis wenigstens bescheid geben können. “So. Kommt noch jemand, oder können wir los?" Tim tauchte hinter Avis Auto auf.


Während sie sich in das kleine Auto quetschten warf Avis Tim noch einen Vorwurfsvollen Blick zu. Dieser erwiderte ihn mit einem breiten, Reißzähne entblößendem, Grinsen. Avis hatte zwar inzwischen die Bettwäsche vom Rücksitz geräumt, dennoch war die Luft im Innenraum noch immer Stickig, weshalb er das Fenster auf der Fahrerseite herunter ließ. “Kannst du das Fenster hinter öffnen?" “Klar!" Tamara kurbelte die Scheibe auf ihrer Seite herunter und der eisige Herbstwind zog durch das kleine Auto. Avis Federn plusterten sich auf. Er versuchte jedoch sich nichts anmerken zu lassen. Die Straßen der Stadt waren mal wieder überfüllt, weshalb Avis einen Umweg über den Trader District wählte. “Wer kommt heute Abend noch so?" Die Frage kam von Tamara. “Frederic, ein guter Freund von mir und ein paar andere, die er noch mitbringt." Sie ließen den Hochschulbezirk hinter sich und erreichten bald die grau braunen Wohnblöcke. Einige braunen Blätter der knochigen Bäume, die die Straße säumten, fanden ihren Weg in den Innenraum des Autos und flatterten einige Sekunden umher, bevor sie irgendwo hängen blieben. So befand eines, dass Tims Gesicht ein hervorragender Platz war um sich niederzulassen, während ein zweites an der Frontscheibe hängen blieb. Die anderen tanzten wild im Innenraum umher. Hektisch kurbelte Tamara das Fenster wieder hinauf. Die Blätter kamen zur Ruhe und setzten sich langsam auf verschiedene Oberflächen des Fahrzeugs, an denen sie, dank ihrer feuchten Oberfläche hervorragend festklebten. Um 16:05 erreichten sie das Parkhaus in der Nähe des Topwings. Avis zog ein verbliebenes Blatt von der Seitenscheibe, bevor er das Fenster herunter ließ, um das Ticket aus dem Parkautomat zu ziehen. In der hintersten Ecke der obersten Ebene fanden sie glücklicherweise eine halbe Parklücke, in die Avis das kleine Auto hinein Quetschte. Mal wieder dankte er der Natur für seinen schmale Vogelkörper und quetschte sich durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen, ohne eine Delle in das Nachbarauto zu machen. Tamara hatte sich bereits vom Fahrersitz befreit und trippelte auf der Stelle. Tim hatte größere Probleme einen Weg von der Rückbank aus dem Fahrzeug heraus zu finden. Schließlich fand er diesen durch den Kofferraum. Was aufgrund des Fakts, dass er sich ursprünglich auf dem Beifahrersitz befunden hatte, einiges an Verwunderung, aber auch Sorge über den Zustand seines Autos, in Avis auslöste. Etwas zu laut schloss der Tiger die Klappe des Kofferraums. Es gab ein Scheppern und der Knall hallte durch das Parkhaus. Die beiden Vögel zuckten zusammen. “tschuldigung…" “Immerhin ist die Heckscheibe noch drin." kommentierte Tamara. Als sie das Topwing erreichten, war Frederic bereits da. Der Drache saß an einem der Tische vor dem Laden und winkte den Neuankömmlingen zu. Ein kalter Windstoß zog durch die Straße. Als sie näher kamen, erhob sich Frederic langsam von seinem Stuhl und Grinste sie an, wobei seine Mundwinkel einige Spitze Zähne entblößten. “Guten Abend die Herren…" er machte eine kurze dramatische Pause, “und Damen." Zusätzlich deutete eine Verbeugung in Tamaras Richtung an. “Abend." erwiderte Avis kurz. “Sollen wir rein gehen? Ist etwas frisch hier draußen." “Kein Gespür für Timing…" kommentierte Frederic etwas enttäuscht und deutete Tamara mit einer Geste, dass sie vorgehen sollte. Sie setzte ebenfalls ein breites Grinsen auf, streckte demonstrativ den Schnabel in die Höhe und stolzierte mit extra ausladenden Schritten in die Bar. 


Hinter der Theke stand wie immer des Desman und putzte die Gläser. “Abend Jurij" rief Frederic ihm zu, worauf hin er aufschreckte und die lange Rüsselnase in die Höhe reckte. “Frijederic? Schijön dass du mal wjider da bjist. Sjucht euch einfach einen Tjisch. Sjollte genug frei sjein." Er hielt kurz inne. Dann rief er durch die Tür hinter dem Tresen. “Faun! Gjeste!", bevor er sich wieder den Gläsern widmete. Sie waren fast allein in der Bar. In einer Ecke saß ein Fuchs, der seinen Kopf an die Schulter der Katze neben ihm gelehnt hatte und mit etwas trübem Blick ins Nichts starrte. Die Katze schnurrte leise, wobei sie an einem Dolphin Bay Blue nippte. Frederic ließ sich auf einen Platz an einem länglichen Tisch fallen. Avis setzte sich auf einen der Stühle an der gegenüberliegenden Tischseite. Tamara, die noch kurz ihre Jacke an die Garderobe gehängt hatte, nahm auf dem Stuhl neben ihm Platz, während Tim zu Frederic auf die Bank rutschte. Der Drache faltete dafür seine zuvor ausgebreiteten Flügel auf seinen Rücken. Aus Richtung der Tür war ein zischendes Geräusch zu hören, gefolgt von einem quickendem Gackern. Ein Pinguin in einem Trenchcoat und mit dickem Schal um den Hals, hatte den Laden betreten und schaute sich um, wobei sein Kopf sich ruckartig umher drehte. Er stieß ein pfeifendes Nießen aus. Dann erblickten seine tränenden Augen Frederic, der ihn zu ihnen winkte. “Alfred. Toll dass du es noch geschafft hast." “Frederi…" ein weiterer Nießer schüttelte ihn durch und unterbrach seinen Satz. Erschöpft ließ er sich auf einen freien Stuhl am Tisch fallen. “Das ist Alfred. Wenn ihr eine Hafenrundfahrt machen wollt, ist das euer Vogel." Avis war immer wieder fasziniert, wen Frederic alles kannte. “Hey. Ich bin gleich wieder da. Es kommen vielleicht noch ein paar Leute. Wenn noch mehr Personen auftauchen, die etwas Planlos und/oder Seltsam wirken, winkt sie einfach her. Ich schau dann später welche ich davon kenne." Bevor jemand etwas einwenden konnte, war Frederic schon aufgesprungen und aus dem Laden gestürmt. Im Laufe der nächsten halben Stunde sammelten sich eine interessante Gruppe Personen an dem Tisch. Eine Stabheuschrecke, mit dicker Hornbrille und Strickpullover namens Loren, Florian ein schwarzer, einohriger Kater im Karohemd und Bea eine Krokodildame im schwarzen Kapuzenpullover hatten sich zu ihnen gesellt. Bea kaute auf einer Zigarette herum, die sie jedoch nicht angezündet hatte, das Topwing war eine Nicht Raucher Bar. “Und? Wie kommt es, dass ihr hier seid?" fragte die Krokodildame mit einer Merkwürdig Paradoxen Mischung aus Neugier und völligem Desinteresse. “Frederic und ich kennen uns schon seit der Grundschule…" setzte Avis an, wurde dann jedoch von Florian unterbrochen. “Avis, oder?" er machte eine kurze Pause, als warte er auf eine Antwort, doch gerade als Avis den Schnabel öffnete fuhr er fort. “Frederic hat oft von dir erzählt. Freu mich dich mal kennen zu lernen." Er reichte ihm eine Pfote und Avis konnte mehrer Tiefe Narben erkennen, über denen kein neues Fell gewachsen war. Ein Finger fehlte. Avis zögerte kurz, bevor er vorsichtig Zugriff. “Brauchst da keine Rücksicht nehmen. Die Nerven sind eh größtenteils Abgestorben." Einige der Anwesenden starrten, ungewollt auf den Kater, der sich jedoch nichts anmerken ließ. “Keine schöne Kindheit." Kommentierte er nur kurz. “Aber hey, seit zwei Jahren Clean und auch keine Selbsthilfegruppe mehr."


“... und dann kam dieser Drache und hat mich aus der Scheiße raus gezogen." Langsam ergab sich ein Bild. In den letzten Jahren hatte Frederic einen kompletten Absturz gehabt und beim Weg zurück einige Leute mitgezogen. Seit sie sich aus den Augen verloren hatten, hatte er eine erstaunliche Wandlung durchgemacht. “Scheiße!" entfuhr es Bea. Die anderen Verstummten. Bevor jemand ihre Äußerung zu ordnen konnte, war sie bereits aufgesprungen und zur Tür geeilt. Frederic hatte die Bar betreten. Eine Sporttasche über der Schulter und einen langen Kratzer über die linke Gesichtshälfte. Faun, der Rabe, der hier Abends kellnerte, kam hinter dem Tresen hervor gesprungen. “Alles in Ordnung? Ach was sage ich. Soll ich einen Krankenwagen rufen?" Frederic setzte ein schiefes Lächeln auf. “Ein Pflaster und ein Wodka reichen… wenn ihr sowas habt." Faun warf einen Blick in Richtung des Desman, der bereits unter dem Tresen herum wühlte. “Hjier!" rief er triumphierend während er einen Erste Hilfe Koffer in die Höhe hielt.

Einige Minuten später saß Frederic bei den anderen am Tisch. Ein großes Pflaster auf der Backe, die Tasche zwischen den Füßen und ein großes Glas Wodka in der Hand. Ein sehr großes Glas. Avis war sich sicher, dass diese Menge für ihn selbst eine Alkoholvergiftung bedeuten würde und irgendjemand am Ende des Abends den Drachen nach Hause fahren dürfte. “Was hast du gemacht?" “Kleines Missverständnis, nichts aufregendes." Er versuchte dabei möglichst Sorglos zu klingen, was ihm jedoch misslang. Florian schien ihm nicht zu glauben. “Ist wirklich alles in Ordnung? Wir sind für dich da wenn du Hilfe brauchst." Frederic tat es genervt ab, setzte das Glas an und zog es zur Hälfte Leer. Noch immer war es unangenehm Still am Tisch. “Es ist wirklich nichts!" zischte er aggressiv, schien es jedoch direkt zu bereuen, weshalb er einen Schuld vollen Gesichtsausdruck aufsetzte. Der Kater wich angesichts der aggressiven Reaktion etwas zurück und legte das Ohr an. “Also? Wo waren wir stehengeblieben ...?" fragte Alfred in die Runde, doch Loren erkannte die Brisanz der Situation und entschärfte sie sofort. “Ähmm… Alfred, wie läuft das Geschäft? Um die Jahreszeit wollen bestimmt nicht so viele auf dem Meer rum tuckern oder?" Als direkte Antwort folgte ein quietschendes Nießen des Pinguins. Tim und Tamara wirkten derweilen etwas deplaziert und beide hatten seit dem sie angekommen waren kaum etwas gesagt. Avis rutschte etwas in ihre Richtung. “Uns gehts gut, keine Sorge." Unter den anderen war das Gespräch wieder in Fahrt gekommen und niemand fragte weiter, was Frederic passiert war.


Auch Frederic löste sich einige Minuten später von der Gruppe am Tisch und kam zu den anderen hinüber. Die Sporttasche hing über seiner Schulter, doch er ließ sie, nachdem er sich gesetzt hatte, zwischen seinen Beinen zu Boden gleiten. Es gab ein leises “Thump", als der Inhalt der Tasche auf dem Boden aufkam. “Und wie läuft das Leben im Elfenbeinturm?" “Langsam", “Stressig", “Spannend…" Alle starrten Tamara an. “Was?" erweiterte sich schnippisch. “Ach nichts. Die Realität wird dich schon noch einholen." murmelte Tim und griff nach seinem Cocktail. Avis wollte etwas einwerfen, um dem sehr negativen Ton entgegen zu wirken, doch Tim würgte ihn ab. “Dein Talent, kombiniert, mit dem Wunsch, auch den letzten Baum des Planeten in einen Aufschrieb zu verwandeln, ist eine unfaire und verdammt Umweltschädliche, Mischung." “Er verbraucht immer noch stapelweise Blöcke?" Seit Feredric ihn kannte, hat Avis die Angewohnheit gehabt, unglaublich ausführliche, detaillierte Aufschriebe zu machen, wobei die Mischung aus Schriftgröße und Schreibgeschwindigkeit Sphären erreichte, die viele für physikalisch Unmöglich halten würden. “Ja, er entforstet noch immer systematisch den Planeten." “Hätte ich Geld übrig, würde ich sofort für Wiederaufforstung spenden." verteidigte sie Avis. “Hättest du!" Avis gab sich geschlagen und winkte Faun heran. Der Rabe tauchte wenige Sekunden später laut los an seiner Seite auf. Wie ein großer, schwarzer, gefiederter Schatten… im Jackett, der seine Bestellung aufnahm, bevor er wieder, ohne ein Geräusch zu machen, verschwand. Lauter Donner hallte durch die Straßen der Stadt.

“Wie geht es eigentlich Terrence und Marcus?" “Hab in letzter Zeit kaum etwas von den beiden gehört." Die beiden erschienen inzwischen zwar wieder zu den meisten Vorlesungen und Kursen, saßen sie meist Abseits und signalisierten auch deutlich, dass das so bleiben sollte. Um Frederic, der nun Sichtlich beunruhigt wirkte, etwas die Sorge zu nehmen und diesen Teil des Gesprächs auf einer Positiven Note enden zu lassen, fügte Avis noch an, “Aber die stehen das zusammen durch." Hoffte er jedenfalls. Vor den Fenstern der Bar hatte es zu regnen begonnen. Ströme dicker Tropfen klatschten auf den Asphalt und spritzten wieder in die Höhe. Wenige Momente später floss bereits ein breiter Strom die Straße hinunter. Auf der wilden Oberfläche tanzten braune Herbstblätter und bunter Müll. Ein Einkaufswagen trieb vorbei, verhakte sich an etwas unter Wasser und Bog in eine Seitenstraße ein. Plötzlich sprang Loren panisch auf und stieß einen unverständlichen Fluch aus, bevor er in die Wassermassen hinaus stürmte. Frederic warf einen fragenden Blick zu den anderen hinüber. “Er hat sein Auto an der Straße abgestellt." kam die Antwort von Bea, die inzwischen ein Glas mit einer tiefschwarzen Flüssigkeit vor sich stehen hatte. “Oder wohl eher hatte…" Sie schauten der Heuschrecke nach, die sich langsam den Strom aufwärts kämpfte, wobei sein dünner Körper dem Wasser glücklicherweise nur wenig Angriffsfläche bot. Avis pries das Schicksal, dass er sein Auto nicht in der Tiefgarage abgestellt hatte, nur damit ihm wenige Momente später einfiel, dass sein Auto auf dem Dach des Parkhauses stand. Und er das Fenster nicht wieder zugeklebt hatte. Das gerade wieder in fahrt gekommene Gespräch erstarb erneut abrupt, als auch Avis aufsprang und aus dem Laden stürmte.


Klatschnass erreichte er, das inzwischen sehr viel leere Parkhaus. Der Regen floss als breiter Fluss die Rampen hinunter und verwandelte das Gebäude in eine vierstöckige Wildwasserbahn. Schritt für Schritt kämpfte Avis sich die Ebenen hinauf, bis er das Dach erreicht hatte. Über ihm hörter er platschende Schritte, jemand hetzte über das Parkdeck. Er war wohl nicht der einzige, der das Unglück hatte, dort oben geparkt zu haben. Ein Schwall eiskalten Wassers durchnässte ihn bis auf die Haut, als ein Auto an ihm vorbei fuhr und aufgrund des Aquaplanings quer über den Asphalt rutschte. Mit einem quietschenden Geräusch fanden die Reifen wieder Haftung und verhinderten, dass das Fahrzeug in die Schutzabsperrung vor der Wand des Parkhauses krachte. Avis erreichte sein treues Auto, das im strömenden Regen stand. Immerhin hatte die Plastiktüte das schlimmste verhindern können. Er schloss die Fahrertür auf und schlüpfte ins Innere. Einige Tropfen hatten ihren Weg auf die Sitze gefunden, deren Stoff sich mit dem Wasser vollgesogen hatte. Das feuchte Polster schmatzte unter ihm als Avis sich darauf fallen ließ.

Nachdem er seine Auto auf einer der unteren Ebenen in Sicherheit gebracht hatte, machte er sich auf den Weg, zurück zum Topwing, doch auf dem halben Weg kamen ihm Frederic, Tim und Tamara entgegen, die gegen die Wassermassen an kämpften. Wobei eigentlich nur der Tiger und die Papageiing zu kämpfen hatten. Für Frederic stellte es kaum ein Problem dar, sich mit seinem stabilen Körper dem Fluss entgegen zu stemmen, wobei ihn sein starker, muskulöser Schwanz unterstützte. Ein Blitz erhellte den Himmel, wenige Momente später dröhnte das Donnern durch die Straßen der Stadt. “Das ist die Apokalypse!" brüllte Frederic gegen das Rauschen des Regens. “Also Morgen keine Kurse? Dann wäre es ein Opfer, das ich bringen würde." brüllte Tamara. Sie sollte Recht behalten. Die Stadt stand unter Wasser. Ein Delfin zog an ihnen vorbei. Geschickt manövrierte er durch die Fluten, immer wieder die Wasseroberfläche durchbrach und einige Meter nach vorne Sprang, bevor er wieder in das tobende Wasser eintauchte. Doch trotz aller Anstrengung schaffte er es jedoch kaum gegen den Strom anzukommen. Schlussendlich fiel er zurückfallen, lenkte in eine Seitenstraße ein und trieb davon.

Die vier waren erstarrt, wobei Tamara und Tim sich an Frederic klammerten, und hatten erstaunt das Schauspiel beobachtet. “Ehm… ich glaube nicht, dass mein Auto durch diese Flut kommt…?" Um seine Aussage zu unterstützen, ließ das Universum ein kleines, klappriges Auto vorbeitreiben. Ein Ohrenbetäubender Schlag ließ sie zusammen Zucken. Ein weiterer Blitz, der nur wenige Häuserblocks entfernt einschlug, erhellte die Umgebung für einige Sekunden. “Ich habe eine Idee! Folgt mir!" brüllte Frederic und schob sich vorwärts, Fluss aufwärts. Die anderen sammelten sich hinter ihm und nutzten die Strömung und Verwirbelung, die er erzeugte, um nicht davon gespült zu werden. Gemeinsam schob die kleine Gruppe sich durch die Stadt. In der Ferne waren Sirenen zu hören.