Der Regio nach Berlin hat Verspätung. Nichts Ungewöhnliches. Ich sitze am Fenster und sehe zu, wie sich die Landschaft Zeit lässt. Mich stört das nicht. Ich plane mit Puffer. Ich habe es mir abgewöhnt, mich von der Bahn überraschen zu lassen.
Ich habe eine ganze Zeit nichts geschrieben. Keine Briefe, keine Einträge. Vielleicht, weil nichts passiert ist. Oder weil zu viel passiert, nur nicht in meinem eigenen Leben. Die Nachrichten reichen. Insolvenzen, steigende Preise, alles in Bewegung – und gleichzeitig Stillstand.
Ich greife automatisch ans Handgelenk und merke, dass ich meine Uhr vergessen habe. Also sehe ich auf seine.
Sie geht richtig. Wie immer. Mein Mann trägt sie seit dreißig Jahren.
Jeden Tag. Eine IWC Mark 12 Automatik. Schlicht, fast unscheinbar, wenn man nicht weiß, worauf man schaut. Ich habe sie ihm damals geschenkt, zum fünfzigjährigen Geschäftsjubiläum. Wobei „geschenkt“ ein großes Wort ist. In einer Ehe gehört das Geld beiden. Aber die Idee – die war meine.
Ich sehe sie noch vor mir.
Nicht die Uhr. Die Situation. Den Mann.
Hamburg. Modecentrum. Eine Welt für sich. Große Ordertische, schwere Gespräche, leichtes Lachen. Es ging um Ware, Textilien, natürlich. Aber mehr noch um das, was dahinterlag. Häuser. Autos. Reisen. Und immer diese leise, unausgesprochene Frage, wohin mit dem Geld, das besser unsichtbar blieb.
Er kam einfach dazu. Setzte sich, als hätte er schon immer dazugehört. Groß, gepflegt, ein schwerer Koffer am Arm, wie ihn Vertreter tragen, ein Dackel zu Füßen. Bodo.
Er sprach nicht viel. Aber wenn, dann hörten alle zu. Keine lauten Witze, eher feine Bemerkungen, die einen Moment später erst wirkten. Er verteilte Komplimente, ohne dass sie wie welche klangen und irgendwann sprach er über Uhren und Schmuck.
Nicht direkt. Nie direkt.
Wir waren oft dabei, mein Mann und ich. Am Rand der Tische, mitten im Raum.
„Die aus dem Osten“. Nicht fremd genug, um ausgeschlossen zu werden. Nicht vertraut genug, um dazuzugehören. Es hatte etwas Unsichtbares. Wir wurden gesehen, aber nicht gemeint.
Bodo war anders. Auch ein Außenseiter, aber einer, der sich seinen Platz genommen hatte. Vielleicht mochte ich ihn deshalb. Vielleicht mochte er uns deshalb.
Als ich ihn nach der Uhr fragte, nannte er einen Preis, der mich zurückweichen ließ. Ich sagte ab.
Zwei Tage später rief er an.
Ob wir uns treffen könnten.
Ich erinnere mich an den Moment, als er die Uhr aus der Tasche nahm. Kein großes Aufheben. Kein Tuch, kein Kasten. Nur eine kleine Bewegung und sie lag da.
„Nehmen Sie sie mit“, sagte er.
So einfach.
Ich weiß noch, dass ich zögerte. Nicht wegen des Geldes. Wegen des Vertrauens, das in diesem Satz lag. Oder vielleicht wegen der Selbstverständlichkeit.
Ich nahm sie mit.
Später sagte mein Mann nichts, als ich sie ihm gab. Er legte sie an, sah kurz darauf und nickte mir zu. Fast beiläufig. Seitdem trägt er sie.
Manchmal musste etwas an der Uhr gemacht werden. Ein neues Armband, eine Revision. „Wat mutt, dat mutt“, sagte er dann. Es war keine Frage.
Die Jahre sind vergangen. Vieles hat sich verändert. Preise, Werte, Gewissheiten. Für den Preis eines originalen Armbands bekommt man heute eine ganze Uhr.
Aber das ist nicht der Punkt. War es nie.
Die Uhr läuft. Unauffällig, zuverlässig. Und mit ihr läuft etwas anderes weiter. Ein Raum, ein Tisch, ein Mann mit Dackel. Ein Satz, der mehr war als ein Geschäft.
Der Zug bremst. Berlin.
Ich nehme meine Tasche, stehe auf, lasse mir Zeit. Draußen wartet der Bahnsteig, Menschen, Bewegung.
Ich steige aus.




























































































