Die Uhr

Der Regio nach Berlin hat Verspätung. Nichts Ungewöhnliches. Ich sitze am Fenster und sehe zu, wie sich die Landschaft Zeit lässt. Mich stört das nicht. Ich plane mit Puffer. Ich habe es mir abgewöhnt, mich von der Bahn überraschen zu lassen.

Ich habe eine ganze Zeit nichts geschrieben. Keine Briefe, keine Einträge. Vielleicht, weil nichts passiert ist. Oder weil zu viel passiert, nur nicht in meinem eigenen Leben. Die Nachrichten reichen. Insolvenzen, steigende Preise, alles in Bewegung – und gleichzeitig Stillstand.
Ich greife automatisch ans Handgelenk und merke, dass ich meine Uhr vergessen habe. Also sehe ich auf seine.
Sie geht richtig. Wie immer. Mein Mann trägt sie seit dreißig Jahren.
Jeden Tag. Eine IWC Mark 12 Automatik. Schlicht, fast unscheinbar, wenn man nicht weiß, worauf man schaut. Ich habe sie ihm damals geschenkt, zum fünfzigjährigen Geschäftsjubiläum. Wobei „geschenkt“ ein großes Wort ist. In einer Ehe gehört das Geld beiden. Aber die Idee – die war meine.
Ich sehe sie noch vor mir.
Nicht die Uhr. Die Situation. Den Mann.
Hamburg. Modecentrum. Eine Welt für sich. Große Ordertische, schwere Gespräche, leichtes Lachen. Es ging um Ware, Textilien, natürlich. Aber mehr noch um das, was dahinterlag. Häuser. Autos. Reisen. Und immer diese leise, unausgesprochene Frage, wohin mit dem Geld, das besser unsichtbar blieb.

Er kam einfach dazu. Setzte sich, als hätte er schon immer dazugehört. Groß, gepflegt, ein schwerer Koffer am Arm, wie ihn Vertreter tragen, ein Dackel zu Füßen. Bodo.

Er sprach nicht viel. Aber wenn, dann hörten alle zu. Keine lauten Witze, eher feine Bemerkungen, die einen Moment später erst wirkten. Er verteilte Komplimente, ohne dass sie wie welche klangen und irgendwann sprach er über Uhren und Schmuck.
Nicht direkt. Nie direkt.
Wir waren oft dabei, mein Mann und ich. Am Rand der Tische, mitten im Raum.
„Die aus dem Osten“. Nicht fremd genug, um ausgeschlossen zu werden. Nicht vertraut genug, um dazuzugehören. Es hatte etwas Unsichtbares. Wir wurden gesehen, aber nicht gemeint.
Bodo war anders. Auch ein Außenseiter, aber einer, der sich seinen Platz genommen hatte. Vielleicht mochte ich ihn deshalb. Vielleicht mochte er uns deshalb.
Als ich ihn nach der Uhr fragte, nannte er einen Preis, der mich zurückweichen ließ. Ich sagte ab.
Zwei Tage später rief er an.
Ob wir uns treffen könnten.
Ich erinnere mich an den Moment, als er die Uhr aus der Tasche nahm. Kein großes Aufheben. Kein Tuch, kein Kasten. Nur eine kleine Bewegung und sie lag da.
„Nehmen Sie sie mit“, sagte er.
So einfach.
Ich weiß noch, dass ich zögerte. Nicht wegen des Geldes. Wegen des Vertrauens, das in diesem Satz lag. Oder vielleicht wegen der Selbstverständlichkeit.

Ich nahm sie mit.

Später sagte mein Mann nichts, als ich sie ihm gab. Er legte sie an, sah kurz darauf und nickte mir zu. Fast beiläufig. Seitdem trägt er sie.
Manchmal musste etwas an der Uhr gemacht werden. Ein neues Armband, eine Revision. „Wat mutt, dat mutt“, sagte er dann. Es war keine Frage.

Die Jahre sind vergangen. Vieles hat sich verändert. Preise, Werte, Gewissheiten. Für den Preis eines originalen Armbands bekommt man heute eine ganze Uhr.
Aber das ist nicht der Punkt. War es nie.

Die Uhr läuft. Unauffällig, zuverlässig. Und mit ihr läuft etwas anderes weiter. Ein Raum, ein Tisch, ein Mann mit Dackel. Ein Satz, der mehr war als ein Geschäft.

Der Zug bremst. Berlin.
Ich nehme meine Tasche, stehe auf, lasse mir Zeit. Draußen wartet der Bahnsteig, Menschen, Bewegung.
Ich steige aus.

Wer war es?

In meiner Kindheit, in den fünfziger Jahren, war es üblich, einmal in der Woche zu baden. Die restlichen Tage wusch man sich am Waschbecken mit Lappen und Seife. Zu Wochenanfang gab es frische Wäsche, die dann die ganze Woche getragen wurde. Wäschewaschen war aufwändig, mit Waschbrett und Muskelkraft.
In dem Mehrfamilienhaus gab es einen Waschraum und fast jede Familie besaß eine Wanne mit Stöpsel. Man trug sich in eine Liste ein und durfte den Raum an dem Tag benutzen. Da ich die Älteste von den Mädchen war, musste ich immer helfen. Ich habe das Waschbrett gehasst und halte die Waschmaschine bis heute für die bessere Erfindung als den Kühlschrank.

Gebadet wurde samstags.
Alle badeten im selben Wasser. Der Badeofen wurde angeheizt, das Wasser eingelassen, und dann gingen die ersten drei hinein: meine zwei Schwestern und ich. Wir alberten, begossen uns mit Wasser, kreischten. Wir wurden ermahnt, uns endlich zu waschen, das Wasser würde kalt und die Jungs müssten auch noch baden. Wir wurden ruhiger.
Plötzlich war es ganz still. Im Wasser tauchte ein bräunlicher, länglicher Gegenstand auf.
War das etwa?
„Das ist eine Kackwurst!“, schrie meine Schwester. Das war offensichtlich. Keine Diarrhoe, fest.

Die Tür öffnete sich, meine Mutter betrat das Bad. Wir sprangen alle drei hoch und starrten sie erschrocken an. Auch sie schaute erschrocken, erst auf uns, dann in die Wanne. Da schwamm das kleine Würstchen.
„Wer war das?“, japste sie.
Keine antwortete.
Sie holte mit der Hand aus, ließ sie aber wieder fallen. So nass und glitschig, wie wir waren, wäre sie ausgerutscht – und wir gleich mit. Sie sah uns an, dann nach unten, und als sie wieder aufschaute, sah ich ihre Wut.
„Ihr setzt euch wieder ins Wasser. Ich gehe raus. Und wenn euch eingefallen ist, wer das war, ruft ihr!“
Sie knallte die Tür zu.
Zwischen uns Schwestern fiel kein Wort. Jede war bemüht, der Wurst nicht zu nahe zu kommen. Das Wasser wurde kühler. Kein Wort.
Die Tür öffnete sich, meine Mutter erschien.
„Und? Ich höre …“
Nichts. Kein Wort.
„Gut. Dann kommt ihr beide aus der Wanne, und du machst das sauber.“
Ich sah, wie meine Schwestern schnell aus der Wanne stiegen. Zurück blieb ich. Beim Hinausgehen sah ich, wie sie sich verstohlen angrinsten.

Bis heute weiß ich nicht, wer es von den beiden war.
Sie waren sich einig. Immer.

1959

Koch-Fantasien

Erinnert sich noch jemand an die TV-Kochsendung Anfang der neunziger Jahre?
Der Kandidat bekam zehn Mark, ging einkaufen und musste aus allem, was im Korb landete, eine Mahlzeit zubereiten. Alles musste verwendet werden. Ohne Ausreden.
Ich habe diese Sendung geliebt.

Einmal landete eine Strumpfhose im Einkaufskorb. Bewusst oder unbewusst? Man wusste es nicht.
Ich war gespannt, wie er sie in sein Gericht einbauen wollte.
Die Lösung war überraschend pragmatisch: Er nutzte sie als Salatschleuder.
Kreativität kennt eben keine Grenzen.

An diese Sendung erinnerte ich mich heute, als ich meine Vorräte für das Mittagessen inspizierte. Natürlich hätte ich einkaufen gehen können. Aber bei minus drei Grad, gefühlten minus zwölf, glatten Straßen und diesem gefrorenen Schneematsch?
Nein, danke.
Seit Tagen wird schließlich von einer Winter-Katastrophe gesprochen. Neuschnee, Minusgrade, Warnungen allerorten. Wenn schon Katastrophe, dann bitte auch richtig: mit Improvisation, Durchhaltewillen und warmem Essen.

In meiner – ,natürlich‘ gekühlten – Vorratskammer fand ich Kartoffeln, Möhren, Kohl und Wein. Neulich schrieb jemand in seinem Blog, Alkohol gehe immer und sei gut. Allein taugt er allerdings nicht als Mahlzeit. Noch nicht.
Im Kühlschrank warteten außerdem die „Geschmeidigen“: Speck, Sahne und Käse. Mindesthaltbarkeitsdatum bis 10/25 – also eindeutig auf meiner Seite.
Nun hieß es, Fantasie walten zu lassen.
Eintopf? Ginge, kann aber jeder.
Auflauf? Wird hier gern gegessen, kommt aber regelmäßig auf den Tisch, da ich fast täglich koche.

Kochen klingt für manche anstrengend. Für mich ist es das Gegenteil! Es verhindert dieses unkontrollierte Suchen nach „noch etwas Leckerem“ im Kühlschrank – und die anschließende Überraschung darüber, wo sich Fett bevorzugt ablagert. Nämlich an Stellen, die eigentlich schlank wirken sollten. Optisch zumindest.

Im oberen Teil des Schranks lagen noch Eier von vor dem Urlaub. Omelett?
Ja, Omelett- das klang ausgesprochen gut.
Also: Speck auslassen, Zwiebeln im Fett anbraten, Möhren und Kohl raspeln und dazugeben, würzen. Kartoffeln knusprig anbraten, ebenfalls würzen und unter die Gemüse-Speck-Masse mischen. Eier mit Sahne (ein bisschen Fett muss sein) und geriebenem Käse vermengen. Die Masse gleichmäßig auf dem Gemüse in der Pfanne verteilen und langsam stocken lassen.
Ist die Unterseite goldbraun, wird gewendet.
Sofort servieren. Unbedingt.
Und dann die glücklichen Gesichter genießen.
Es funktioniert.

Beweisen kann ich es allerdings nicht.
Für Fotos blieb keine Zeit – innerhalb kürzester Zeit war alles aufgegessen.

Abreise

oder: Pura Vida bis zur letzten Minute

In zwei Stunden werden wir abgeholt. Letzte große Fahrt nach San José, der Hauptstadt Costa Ricas. Für die Stadt bleibt uns lediglich ein halber Tag. Irgendwie ärgerlich. Aber gut, pura vida soll man ja nicht zu weit vorausdenken.

Noch sind wir in Sámara am Pazifik und es ist der Tag nach Weihnachten.

Ein letzter Blick auf den Strand, auf die lang ausholenden Wellen, auf zwei perfekte Tage. Das Wasser: warm, fast seidig. Die Haut: entspannt, kein Spannen, kein Meckern. Am Strand Kokospalmen – und immer dieser Gedanke: Hoffentlich fällt mir keine auf den Kopf. Der Sand glühend heiß, der Weg zum Wasser weit.

Die Unterkunft war eine grüne, hübsche Anlage mit Pool. Die Zimmer allerdings: klein. Zwei Menschen, großes Bett, Koffer und – ganz eng. Die Bäder dagegen erstaunlich groß, Warmwasser jederzeit verfügbar. Toilettenpapier wird nicht gespült, sondern in einen extra Eimer geworfen. Klingt gewöhnungsbedürftig, ist aber eigentlich ganz logisch. Vorausgesetzt, jemand leert den Eimer.

Noch schnell Mitbringsel für die Enkelinnen und Proviant vom französischen Bäcker. Dort dann der Schock: Portemonnaie weg. Puls hoch, Temperatur gefühlt bei 45 Grad. Ich renne zurück ins vorherige Geschäft. „Nein“, sagt man mir dort freundlich.

Mein Kopf rattert: Kreditkarte! Alles weg! Ganz langsam bewege ich mich Richtung Ausgang – und sehe aus dem Augenwinkel eine Geldbörse. Wie meine. Moment. Es ist meine! Adrenalin, diesmal positiv. Ich erinnere mich: Nach dem Bezahlen hatte ich sie abgelegt, weil ich über einen Tausch der Mitbringsel nachdachte. Vier andere Kunden waren im Laden. Pura Vida – oder einfach Glück gehabt.

Der Bus ist pünktlich. Die lange Fahrt beginnt. Regenwald zieht vorbei, und Erinnerungen ploppen auf: Tortuguero-Nationalpark. Bootsfahrt durch enge Kanäle, große Hoffnung auf Affen, Faultiere und Co. Unser Reiseleiter: Hobby-Ornithologe. Ergebnis: viele, viele Vögel. Und ein Krokodil, das regungslos in der Sonne lag. Und dann Appetit bekam. Die anderen Tiere blieben unsichtbar – vermutlich beleidigt, nicht im Mittelpunkt zu stehen.

… finde den Fehler

Erst im Tirimbina-Reservat sah ich ein Faultier, das sich in totaler Langsamkeit vom Baum bewegte. Gut, dass ich es ausgiebig betrachtete – es blieb das einzige der Reise. Dafür immer wieder Echsen und Warane, vereinzelt Affen. Ehrlich gesagt hatte ich mir etwas mehr tierische Action erhofft.

Dafür war der Tropenwald überwältigend und spektakulär: meterhohe Farne, Lianen, vereinzelt Bromelien und seltene Orchideen.

Das alles in den unterschiedlichsten Grüntönen, dicht und üppig. Sehr gesund für die Augen, sehr beruhigend für das Hirn. Nach dem dritten Nationalpark dachte ich allerdings kurz, ja, verstanden. Grün. Gibt es noch andere Farben?

Die Wege: Wurzeln, Schotter, Schlamm, unregelmäßige Stufen. Der Regen kam ohne Vorwarnung und ging genauso plötzlich wieder. Warm blieb es immer, die Luftfeuchtigkeit hoch. Alles fühlte sich leicht klamm an – aber angeblich macht Regenwasser schön. Ich klammere mich an diesen Gedanken.

Ein Highlight: der Hängebrückenpark La Fortuna–Monteverde. Bis zu 45 Meter über dem Boden, schaukelnd, spektakulär. Mein Magen hatte Einwände, ich hielt mich sehr konzentriert fest. Der Gatte verzichtete wegen Höhenangst – im Nachhinein verstand ich ihn gut. Schön war’s trotzdem. Und gut, als es vorbei war.

Ein Lächeln zaubert mir die Erinnerung an die Finca Surá von Familie Gómez ins Gesicht. Ökologischer Anbau, Ananas, Früchte, Schutz für Frösche und Schmetterlinge. Die Ananasverkostung war ein Event: Der Chef zerlegte sie mit der Machete. Zuckersüß, saftig, großartig.

Pfeffer wächst hier wirklich neben Kakao, Papaya, Litschi und Zimt. Die Frösche haben mich am meisten fasziniert.

Erste Pause. Restaurant. Pipi. Snack. Casado steht auf der Karte: Reis, Bohnen, Gemüse, Fleisch, Kochbananen. Sehr landestypisch, sehr lecker – leider keine Zeit dafür. Schade.

Vulkane begleiten uns weiter.

Erinnerung an einen Spaziergang am Kraterrand: Sonne, Nebel, Regen – alles in einem. Die Wanderung über die Lavafelder des Arenal-Vulkans war dann endgültig nicht meine. Große Brocken, ungleiche Stufen, Schotter. Beim letzten Abschnitt passte ich. Ich musste mir nichts mehr beweisen, und mein letzter Sturz saß mir noch in den Knochen. Die Vegetation allerdings – wieder einmal großartig.

Draußen zieht die Landschaft vorbei, der Himmel zieht zu, es wird kühler. Costa Rica ist etwa so groß wie die Schweiz, politisch neutral und bekannt für schlechte Straßen. Viele sind unbefestigt, Schlaglöcher werden kreativ geflickt. Wohnen und Lebensmittel sind teuer geworden, teilweise auf US-Niveau.

Was bleibt, ist PURA VIDA: den Moment genießen, nicht zu weit denken. Genau das tue ich jetzt. Ich denke an das Thermalbad,

in dem ich drei Stunden fast nur im warmen Wasser lag, und an den Wasserfall Llanos de Cortés, wo wir mit Picknick auf Steinen saßen, fernab vom Massentourismus. Diese Pausen waren Gold wert – denn die Reise war wunderschön, aber auch anstrengend: frühes Aufstehen, lange Fahrten, viele Eindrücke.

Jetzt tauchen die ersten Häuser von San José auf. Es regnet, es ist etwas kühl, es ist fast dunkel. Für heute keine Stadtbesichtigung mehr. Vielleicht morgen Vormittag noch der Markt – bevor uns der Fahrer zum Flughafen bringt und die Rückreise beginnt.

Pura Vida. Bis zum nächsten Abenteuer.

Manchmal bringt eine Reise nicht nur neue Orte sondern auch neue Blickwinkel mit. Nach der Rückkehr war ich so müde, dass ich im Halbschlaf kurz nicht wusste, wo ich war – ein kleiner Moment zwischen Unterwegssein und Ankommen. Und genau darin lag etwas Gutes: die Erinnerung daran, wie reich dieses Jahr an Begegnungen, Gedanken und Worten war.

Unterwegs bin ich diesem Pura Vida immer wieder begegnet. Einmal sagte es mir ein Mann am Straßenrand, ganz locker, mit einem Lächeln. Nichts Besonderes, aber genau das hat mich berührt. Gelassen bleiben, das Gute zu sehen und nicht alles zu schwer zu nehmen. Eine gute Haltung und wohltuender Gegenpol zu der Tristesse, die uns manchmal zu Hause begleitet.

Danke an alle, die das Jahr mit ihren Beiträgen begleitet haben — und ganz besonders an diejenigen, die mit klugen, liebevoll ausgewählten Zitaten neue Fenster geöffnet haben. Vieles davon klingt nach, begleitet weiter und inspiriert.

Für das neue Jahr wünsche ich euch -und mir- dass uns ebenso viele gute Gedanken begegnen wie wir teilen.

Bleibt gesund – und ein wenig PURA VIDA im Alltag!

Wie ich fast auf eine Paris-Reise reingefallen wäre 🇫🇷

Ich dachte, ich sei clever.
Ich dachte, ich sei vorsichtig.
Ich dachte sogar:

„Nie, niemals – auf Lockangebote falle ich nie rein.“
Dann blinkte mein Handy:

„Sie gehören zu den Gewinnern unseres Preisausschreibens!“

Hm … interessant. Ich hatte tatsächlich an einem Gewinnspiel teilgenommen – mit dem Hauptpreis iPhone 17. Trotzdem reagierte ich nicht sofort.
Mein innerer Alarm meldete sich:
„Abwarten. Erst wenn es schriftlich kommt, dann reagieren. Ganz ruhig bleiben.“
Ein paar Tage später kam tatsächlich ein Brief. Jetzt war es offiziell: Ich gehöre zu den Gewinnern!
Mein Gehirn signalisierte mir: „Jetzt kannst du anrufen und nachfragen.“

Am Telefon ging es los wie im Schnellfeuer:
„Glückwunsch! Sie haben eine Paris-Reise im Wert von 449 Euro pro Person für zwei Personen gewonnen!“
Wow! Zwar kein Handy, aber Paris … zwei Tickets!
Ich fühlte mich kurz wie der Hauptgewinnerin in einem Werbespot.
Doch dann raste das Gespräch weiter: schnelles Reden, Lottospiel-Hinweise, angebliche Gewinnzusagen – alles, um mich in ein monatliches Abo zu locken.
Zuckerbrot: Paris-Reise.
Peitsche: Lottospiel-Abo.
Und ja … ich sagte tatsächlich zu.

Da saß ich – technikaffin, neugierig, vertrauensvoll – leicht bedeppert in der Falle, aber noch nicht ganz drin!
Also tat ich sehr schnell, was jeder halbwegs vernünftige Mensch tun sollte:
• Mail geschrieben: alles widerrufen
• Einschreiben geplant: dokumentieren
• Konto überwacht: keine ungewollten Abbuchungen

Am Ende lehnte ich mich zurück, lächelte und dachte:
„Na gut, dann eben Flixbus & Airbnb bei Macron – meine echte Paris-Reise gibt’s trotzdem. Ohne Lockangebote, Lottospiel-Abos oder rasende Telefonstimmen.“

Moral der Geschichte
Man kann clever, aufmerksam und selbstbewusst sein – und trotzdem fast auf Lockangebote hereinfallen.
Wer Ruhe bewahrt, dokumentiert und den Widerruf rechtzeitig nutzt, bleibt am Ende der Gewinner – und behält seinen Humor.

Mit einem Kaffee in der Hand stehe ich versonnen da und denke:
„Gewonnen, erschrocken, fast reingefallen – aber am Ende immer noch Gewinnerin. Zumindest um eine Erfahrung reicher.“

Wer hätte gedacht, dass Gewinnspiele so aufregend sein können? ✨🇫🇷

PS: Wenn euch jemals so ein glänzender „Gewinn“ ins Haus flattert – lächeln, Widerruf rausschicken, sofort!Und dann: Kaffee in die Hand, Croissant in die andere, und vielleicht ein bisschen Paris in echt genießen.

Denn manche Gewinne gibt es nur in echt, und manche nur im Briefkasten – und der sollte schön leer bleiben.

Wie ich vom Yoghurt zum gemeinsamen Kochen kam

Der Joghurt war alle! Also musste ich los – in unseren kleinen Laden in Rostock, den eine syrische Familie führt. Als ich die Tür öffnete, sah ich den Inhaber auf einem kleinen Teppich beten. Der junge Mann an der Kasse, den ich noch nie gesehen hatte, meinte: „Er ist gleich fertig.“
Na gut, dachte ich. Zeit zum Stöbern.
Ich liebe das: durch die Regale streifen, Etiketten entziffern, raten, was das wohl sein könnte. Kulinarisches Glücksspiel mit Überraschungseffekt.
Kurz darauf war das Gebet beendet. Der Inhaber lächelte, begrüßte mich herzlich – und in dem Moment kam eine Frau aus dem hinteren Raum. Seine Frau, wie er erklärte.
Ich begrüßte sie etwas überhastet (ich neige dazu, in solchen Momenten zu plappern) und platzte heraus: dass ich ihr Essen großartig fand!
Im Sommer hatte mir ihr Mann nämlich spontan etwas angeboten: gefüllte Weinblätter mit Lammfleisch in würziger Brühe. Ich war begeistert.
„Ganz einfach nachzukochen“, hatte er damals gesagt. Wir lachten beide – er wohl, weil er wusste, dass das gelogen war.
Nun stand also die Köchin selbst vor mir. Sie freute sich über mein Lob, erzählte, dass sie gern Neues ausprobiert – und lud mich einfach so ein, mit ihr zu kochen.
Ich war völlig baff. Wir kannten uns kaum, und sie sagte einfach: „Komm, wir kochen zusammen!“
Natürlich sagte ich ja.
Vorher habe ich mich noch ein bisschen eingelesen: Besuch bei syrischer Familie – was sollte man beachten? Schuhe aus? Gastgeschenk? Ich wollte ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
Der Empfang bei ihr war unglaublich herzlich. Ich zog brav die Schuhe aus, überreichte mein kleines Geschenk mit beiden Händen. Die Vorhänge waren zugezogen – vermutlich, damit niemand sieht, dass sie zuhause ohne Kopftuch ist. Ich fragte nicht nach.

Bei einem Kaffee mit Kardamom (sehr würzig, sehr lecker) erzählte sie mir ihre Geschichte: 2017 kamen sie aus der Nähe von Damaskus nach Deutschland. Erst der älteste Sohn, dann der Rest der Familie.
Sie war Grundschullehrerin und möchte gern wieder mit Kindern arbeiten. Zwei der vier Kinder wohnen nicht mehr Zuhause. Der jüngste Sohn geht aufs Gymnasium, träumt davon, Flugzeugingenieur zu werden. Die Tochter macht eine Ausbildung zur Krankenschwester.
„Und Enkelkinder?“, fragte ich.
„Noch nicht“, lachte sie. „Erst Hochzeit, dann kommt alles andere.“
Ich nickte – wieder was gelernt.

Dann ging’s in die Küche. Huda – so heißt sie – hatte schon alles vorbereitet: Weinblätter, Reisfüllung, Gewürze. Wir mussten „nur noch“ rollen. Nur noch! Nach zwanzig Blättern wusste ich: Das ist nichts für Ungeduldige.

Das Gericht YABRAK gibt’s zu besonderen Anlässen, wenn alle mithelfen. Im Topf liegen unten Lammstücke mit Knochen, darüber sternförmig die Weinblätter, Knoblauch dazwischen, Wasser drauf, Deckel zu – und dann darf das Ganze anderthalb Stunden gemütlich vor sich hinköcheln.
Währenddessen zeigte sie mir ihre Gewürzsammlung. Ich kam aus dem Staunen nicht raus. Im Ofen trocknete Fruchtmus, das später in Stücke geschnitten und als Gelee gegessen wird. Ich durfte probieren: unglaublich fruchtig!
Natürlich gab’s noch einen zweiten Kaffee – wieder mit Kardamom – und dann arabisches Eis: cremig, duftig, einfach himmlisch.

Als meine Freundin klingelte, um mich abzuholen, wurde sie sofort hereingebeten und mit an den Tisch gesetzt. Das Essen war fertig, der Topf kunstvoll gestürzt, und da lag es: ein duftendes Kunstwerk aus Weinblättern und Lammfleisch. Dazu Joghurt – und wir aßen, bis kein Platz mehr war.
Wir waren pappesatt und glücklich. Beim Abschied stand fest: Es muss eine Gegeneinladung geben.
Nur – was ist eigentlich typisch deutsch?
Wir dachten an Kartoffelsalat, lachten – und hatten das Gefühl, dass aus diesem Essen vielleicht etwas wachsen kann, das man Freundschaft nennt.

Warum tue ich mir das an?

Es gibt Situationen im Leben, da stelle ich mir diese Frage. Manchmal stellen sie mir auch andere. Im aktuellen Fall geht es ums Tischtennistraining – zweimal die Woche, vormittags. Meine arthrosegeplagten Knie schreien jedes Mal „NEIN!“, während mein Herz ruft: „JAAA!“
Warum also Tischtennis?
Weil ich es liebe. Ich liebe diesen Sport, die schnellen Ballwechsel, das Zucken des Schlägers, das laute „Mist!“ nach einem Netzball – und auch das freundliche Miteinander im Verein.

Und es fängt schon an, bevor ich überhaupt in der Halle bin: auf dem Fahrrad, auf dem Weg dorthin. Über die Bahnhofsbrücke, am Fähranleger vorbei, entlang des ehemaligen Werftgeländes, das inzwischen militärisch eingezäunt ist. Romantik pur: Stacheldraht und Panzertransport. Rechts die Brombeerbüsche, links die Schienen – ein Radweg zwischen „Naturidylle“ und „NATO-Übung“.

Das Schild „Groß Klein“ taucht auf – ein Ortsname wie ein Zungenbrecher. Schon bin ich an der Sporthalle. Umziehen, die ersten Ballaufschläge im Hintergrund, Knieorthesen dran – und los!

Unser Verein besteht aus 44 Mitgliedern, davon neun Frauen. Ende des Jahres werden 19 über bzw. 80 sein. Und nein, keiner plant aufzuhören. Motto: Wir werden alt, aber wir spielen nicht alt! Wie es nach dem Training aussieht, bleibt allerdings unser kleines Geheimnis.

Peter ist mein erster Gegner. Er ist witzig, wir lachen viel, Punkte zählen wir nicht – was nicht schade ist, denn sobald jemand zählt, spiele ich plötzlich, als hätte ich den Schläger zum ersten Mal in der Hand.
Dann übernimmt Harald, Ex-Marineoffizier, das Aufwärmprogramm. Morgengymnastik im leichten Kommandoton. Alle machen mit – wahrscheinlich aus Gewohnheit oder Gehorsam.

Es folgen Doppelspiele, Partnerwechsel, viel Bewegung. Drei Stunden Halle – locker ausreichend. Im Oktober Vereinsmeisterschaften. Dann gilt das olympische Prinzip: Dabeisein ist alles, Durchhalten noch mehr.

Annelie fragt: „Spielt ihr noch ein Doppel?“ Ich will eigentlich gehen, sage aber natürlich: „Immer wieder gern!“ 3:2 verloren. Egal. Hauptsache Bälle aufsammeln nicht vergessen – Training bis zum Schluss.

Zurück aufs Fahrrad. Bis 30 Metern melden sich die Knie wieder, knarrend wie alte Türen. Egal, Sonne scheint, Spätsommer. Ich bin zufrieden.

Zuhause wartet ein Blumenstrauß auf mich. Ich sage überrascht: „Die Meisterschaften sind doch erst im Oktober!“
Mein Mann: „Nein, das hier ist der wahre Durchhalte-Wettbewerb. Hochzeitstag – 47 Jahre!“

Total vergessen …

Unvernunft

Eines meiner Privilegien ist, dass ich an der Ostsee wohne. Von Mai bis Ende September fahre ich morgens mit dem Rad an den Strand, um zu baden. Theoretisch könnte ich auch laufen – aber der FKK-Strand liegt etwas außerhalb. Inzwischen baden morgens fast alle nackt, bis der Strandvogt wieder auftaucht, Finger hebt und streng „dudu“ macht. Am nächsten Tag sind die Frühbader trotzdem wieder da.

An „meinem“ Aufgang treffe ich meist dieselben Gesichter. Man plaudert kurz, springt ins Wasser, fährt wieder heim. Schön ist dort, dass man mit dem Rad fast bis ans Meer kommt. Nur bei Sturm stelle ich es lieber auf die Promenade – mehrmals ist es schon umgekippt.

Bevor ich losfahre, checke ich zu Hause das Wetter. Die Wassertemperatur ist mir egal, aber Wind und Regen entscheiden. Das mit dem Wind ist so eine Sache: Vorhersage, Garten-Test, Strand-Wirklichkeit – drei völlig verschiedene Werte.

Neulich war genau so ein Tag. Wetterbericht: Windstärke 5 bis 6, Böen bis 52 km/h. Heftig. Doch im Garten, geschützt von Mauern, kaum Wind. Also los. In unserer Straße wehte es zwar, aber nicht dramatisch. Am Hotel Neptun, wo es fast immer stürmt, dachte ich schon: „Nicht ganz ohne heute.“ Trotzdem fuhr ich weiter.
Am Strand: grauer Himmel, 17 Grad Luft, 20 Grad Wasser, kein Mensch weit und breit. Die Wellen türmten sich auf – und ich liebe das Gefühl, hineinzutauchen, mich von ihnen tragen zu lassen.
Trotzdem: Mein Bauchgefühl warnte mich. „Lass es heute. Morgen wird besser.“ Ich hörte nicht darauf. Schon ausgezogen, wollte ich wenigstens kurz ins Wasser.

Der Einstieg war mühsam – Steine, drei Meter weit, dann endlich Sand. Ich schwamm zwanzig Meter hinaus, kämpfte gegen die Wellen. Dann erwischte mich eine Welle, die harmlos aussah – und plötzlich war ich unter Wasser. Unerwartet, heftig. Ich strampelte, schluckte Wasser, tauchte wieder auf. Ein Gedanke: „Raus hier, sofort!“

Die nächste Welle kam schneller, drückte mich nach unten, drehte mich herum. Für einen Moment wusste ich nicht, wo oben und unten ist. Panik stieg auf. Ich wollte zum Strand, aber Schwimmen war unmöglich. Die Strömung packte mich, zog mich hinab, als wolle sie mich verschlingen.
Noch eine Welle. Wieder unter Wasser. Ich wusste nun: Ich war mitten in einer Unterströmung. Und sie spielte mit mir.
In diesem Moment entschied ich, nicht mehr gegen sie anzukämpfen. Ich ließ mich fallen, lag wie eine Robbe im Wasser, bewegte nur die Arme, ließ die Wellen mich tragen. Zentimeter für Zentimeter kam ich näher ans Ufer. Immer wieder überrollten mich die Wassermassen, rissen mir den Atem weg. Doch langsam gewann ich Boden, rutschte über die Steine.
Und dann – endlich – spülte mich eine Welle wie ein Stück Treibholz an den Strand. Ich kroch auf allen Vieren heraus, keuchend, verkratzt, erschöpft. Aber lebendig.
Glück gehabt.
Und gelernt: Das Bauchgefühl hat meist Recht!

Frühe Nachsaison

Nachsaison – man merkt es schon: Der Herbst schleicht sich an. Morgens sind’s nur fünfzehn Grad, das erste Laub tanzt von den Bäumen, und die Sonne steht so tief, dass sie auf dem Weg zum Strand gezielt in die Augen schießt. Doch das Wasser! Warm wie ein Kaschmirschal umschmeichelt es den Körper, der sich hineinfallen lässt und sofort vergisst, dass draußen vielleicht schon die ersten Blaualgen ihre Warnschilder aufstellen. Aber: noch keine blauen Teppiche!

Die Hansestadt Rostock und das kleine Fischerdorf haben die Hanse Sail gut überstanden. Der Ort platzte aus allen Nähten: Bude an Bude auf der Promenade, und auf dem Wasser eine Armada von Schiffen – von „beeindruckend groß“ bis „niedlich klein“.

Auf der Mole drängten sich Schaulustige mit Fernglas. Die Mitsegelgelegenheiten waren heiß begehrt, sodass am Ende alle glücklich waren – die Kapitäne, die Passagiere und natürlich die Möwen. Die hatten dank überlaufender Abfallkörbe wieder mal All-inclusive-Verpflegung.

Wir selbst verbrachten später einen ganzen Tag auf dem Segelboot von Freunden: erst in den Rostocker Stadthafen, Boote bestaunen, dann hinaus auf die offene See Richtung Kühlungsborn. Das Wetter perfekt, der Wind freundlich gesinnt, Proviant köstlich und Getränke – sagen wir mal: reichlich vorhanden. Diese Törns sind inzwischen Tradition – und da immer wieder andere Leute mitsegeln, gibt’s jedes Mal frischen Gesprächsstoff. Wann hat man schon mal acht Stunden am Stück Zeit zum gepflegten »Quatschen«?

Morgens am Strand treffe ich die Frühbader, die dieses Jahr etwas dünner gesät sind. Neu dabei: ein Herr aus Thüringen, freundlich grüßend, mit unverkennbarem Sächseln. Er residiert jedes Jahr im Turmzimmer des Hotels gegenüber und fragte neugierig, wann ich abreise. „Vorläufig nicht“, lache ich. „Vielleicht ergibt sich etwas …“ Er mustert mich von oben bis unten – und ich wüsste zu gern, welche Gedanken da gerade durch sein Sachsenhirn segeln.

Zwei Tage Hochsommer brachten noch einmal volles Strandprogramm, aber insgesamt sind schon weniger Leute unterwegs. Ulli vom Strandkiosk meint, mit der Hanse Sail sei die Saison gelaufen. Pessimist, denke ich – aber wahrscheinlich hat er recht.

Ach ja: Ich hatte eine ungebetene Begegnung mit einer Zecke, die mir gleich eine Borreliose mitbrachte. Jetzt heißt es: eine Woche ohne Sonne – ausgerechnet während der Sommer hier ein kurzes Gastspiel gab. Timing ist eben alles.

Aber vielleicht ist genau das der Charme der frühen Nachsaison: Das Wetter macht, was es will, die Touristen werden weniger, und am Strand kennt man plötzlich wieder viele Gesichter. Man weiß nie, ob der Tag nach Postkartenidylle riecht – oder nach nassem Hund.

Egal wie: Ich bleib’. Denn wer die Nachsaison mag, weiß, dass sie manchmal schöner ist als jeder Hochsommer. Und vor allem: Die Möwen kennen inzwischen meinen Namen.

Mein Mann und seine Sicht auf Ischia

Mein Mann hat mir vor einigen Jahren seine Meinung über die Insel Ischia mitgeteilt.
Mit Worten? Nein, das wäre viel zu einfach – er ist ja Künstler. Stattdessen zeigte er mir seine Fotos. Und ich sage es gleich: Mein Mann kann fotografieren. Wirklich. Er hat diesen Blick fürs Abseitige – also genau für das, was man normalerweise entweder übersieht oder geflissentlich ignoriert.

Letztes Jahr zum Beispiel stellte er in der Kneipe meiner besten Freundin seine Provence-Bilder aus. Wunderschön! Sonnenuntergänge, Weinberge, Menschen mit so viel Charme, dass selbst der Wein neidisch wurde. Alle – mich eingeschlossen – waren hingerissen.
Also bat ich ihn, von meiner Insel Ischia Fotos zu machen. Er war zum ersten Mal dort, das versprach spannend zu werden.
Er tat’s – nur dauerte es fast vier Monate, bis die Dias endlich fertig waren. Ich wartete geduldig und drängelte nicht.

Endlich war es soweit: Glas Wein in der Hand, Lieblingsplatz besetzt, ich voller Vorfreude auf die Fotos. ISCHIA – für mich die Insel für Entspannung. Ich sehe mich im Thermalwasser sitzen, die Wärme auf der Haut, die mich streichelt und all meinen Stress wegschwemmt – pure Glückseligkeit.
Dann erschien das erste Dia. Ich starrte.
Das zweite.
Ich starrte immer noch.
Beim dritten brach ich in Lachen aus. Nicht, weil es schön war. Sondern vor Fassungslosigkeit.
War das wirklich Ischia? Mein Ischia?

Es waren … nun ja … wirklich besondere Aufnahmen.
Marode Hinterhöfe, die aussahen, als hätten sie seit Mussolinis Zeiten niemand mehr besucht. Hauseingänge, durch die nur noch der Wind spazieren geht. Abfallberge, auf denen Pilze wuchsen, die vermutlich ein eigenes Ökosystem bewohnten.
Und überall: dieser Schwarzschimmel namens Aspergillus niger – in so perfekter Form, dass mein Mikrobiologie-Professor Freudentränen der Freude vergossen hätte, wenn ich den damals so auf einer Petrischale hätte züchten können.
Natürlich durften die Klassiker nicht fehlen: Hundehaufen. In Nahaufnahme. Dreidimensional. Man hätte fast hineintreten können, so plastisch wirkte das Bild.
Menschen?
Ja, klar, hatte er auch fotografiert. Allerdings nur die alten, unförmigen, missmutig dreinblickenden Exemplare. Keine Ahnung, ob er für die Castings veranstaltet hat. Fellini hätte sie bestimmt sofort als Statisten für seine Filme engagiert.
Die Strände?
Aber sicher! Allerdings nicht die postkartenverdächtigen. Sondern Sandflächen, die aussahen wie überquellenden Müllkippen, die er – das muss man ihm lassen – äußerst fotogen inszenierte.
Und meine geliebten Thermalquellen? Fehlanzeige! Diese „warme Plörre“, wie mein Mann sie liebevoll nennt, in die keiner freiwillig geht, sind kein Fotomotiv. Wirklich nicht.
Ob er die Insel nicht mochte? Quatsch! Sonst hätte er nicht so akribisch nach diesen Motiven gesucht.
Ob er neidisch war, weil ich oft alleine hinfuhr? Nein. Wer würde schon freiwillig in warme Plörre steigen und dabei auch noch glücklich aussehen?
Ob er eifersüchtig war? Auch nicht. Wen sollte ich dort treffen? Einen kleinen Neapolitaner?

Am Ende der Show wusste ich eins ganz genau:
Ich liebe meinen Mann – das muss man, wenn jemand so gut fotografieren kann.
Aber mögen? Tja, das ist an Abenden mit Ischia-Dias wirklich eine ganz andere Frage.

Wenn die Stadt vollläuft

Heute lag die Sky Princess im Hafen von Warnemünde – mit etwa 3.660 Passagieren an Bord, dazu das übliche Personal. Und als ob das nicht genug wäre, regnete es auch noch. An solchen Tagen zieht es selbst den letzten Urlauber vom Strand in den Ort.
Das sind die Tage, an denen der gemeine Ureinwohner besser drinnen bleibt. Einkaufen – wenn überhaupt – möglichst am späten Nachmittag. Denn dann ist das Schiffspersonal längst durch die Regale gesegelt und hat sich mit Schokolade und Toilettenartikeln eingedeckt.
Auf dem Rückweg treffe ich Frau Zeh. Wir kennen uns nur flüchtig. Ein Nicken hier, ein “Hallo” da. Meistens sitzt sie an der Kreuzung Fritz-Reuter-Straße / Rostocker Straße auf der Bank, rauchend.
“Rauchen ist ungesund!”, rufe ich ihr dann manchmal zu.
“Ich weiß!” – ruft sie zurück und zieht genüsslich an ihrer Zigarette.

Einmal traf ich sie vor dem Rewe. Sie wartete auf ihren Sohn und erzählte mir, in einem einzigen Atemzug, dass sie 80 sei, der Sohn schon wieder zu spät komme, der Mann nichts tauge, einen schwarzen Zeh habe, sie Zeh heiße – und wir uns doch duzen können. Ich hatte gerade den Mund geöffnet, um zu antworten, da rief sie plötzlich:
“Da isser ja!”
Weg war sie.
Heute also wieder:
“Hast du Zeit?” – fragte sie. Natürlich.
“Er ist ab!”
“Ab? Wer?”
“Der Zeh von meinem Mann. Der kleine. In der Klinik haben sie gelacht, weil wir Zeh heißen. Jetzt läuft er mit orthopädischen Schuhen durch die Wohnung – so laut! Ich hab ihm gesagt, er soll barfuß gehen!”
“Das ist aber gemein. Wie soll das gehen?”
“Er war auch gemein zu mir! Hat mich betrogen. Immer erzählt, er macht Überstunden, während er sie – Triggerwarnung – gefickt hat!”
“Na, da hat er wenigstens nicht gelogen”, sage ich. “Er lag ja wirklich über ihr – und es dauerte Stunden.”
“Eh – stimmt. So hab ich’s noch gar nicht gesehen.”
Wir lachen.
“Ich muss los, hab die Zigaretten vergessen. Ist’s noch voll bei EDEKA?”
“Nö. Ab 18 Uhr gibt’s Abendessen auf den Schiffen – die Meeressüchtigen sind zurück an Bord und stehen nun am Büfett.”

Die einen gehen an Bord – die anderen zurück in den Alltag. Oder zum Zigarettenholen.

Träume

Der Regen war für 8 Uhr angesagt – und kam pünktlich. Er erwischte mich auf dem Rückweg vom morgendlichen Bad im Meer. In Sachsen sagt man: Regenwasser macht schön. Ein guter Grund, langsamer zu radeln. Ich liess mich treiben nicht nur vom Regen, sondern auch von den Bildern meines Traums letzte Nacht.

Ich träume viel. Fast jede Nacht. Manche Träume sind seltsam, manche eindrücklich, einige bleiben, viele verflüchtigen sich. Ich führe ein Traumtagebuch – für die besonderen, für die, die nachwirken. Wichtig ist mir, dass ich am Morgen das Gefühl habe: Ah ja, das gehörte zu gestern, zu dieser Szene, zu jenem Gedanken. Ich weiß, jeder träumt, aber ich scheine öfter genau dort aufzuwachen – mitten im Traum. Vielleicht habe ich eine lebhafte Fantasie. Vielleicht bin ich einfach nur aufmerksamer, wenn es um das geht, was in mir lebt. Schlafprobleme? Zum Glück: keine Spur.

Der Traum dieser Nacht allerdings – der ließ mich mit einem Schweißfilm aufwachen.

… Ich war unterwegs, nackt, allein, auf einem Feldweg. Mein Schritt unsicher, mein Blick suchend. Dann: eine Baracke, Stimmen darin. Zögernd öffnete ich die Tür – und trat ein in einen großen Raum, voller Menschen. Die Gespräche verstummten. Einige sahen mich an. Ich ging nach hinten, suchte einen Platz, kauerte mich zusammen, versuchte mich zu verbergen. Niemand sagte etwas. Dann wurde ich aufgerufen – ich sollte nach vorne kommen. Dort stand ein großer, brauner Schrank. Ich öffnete ihn.

Im Innern saßen Murmeltiere. Viele. Ganz ruhig, aneinander gekuschelt, in mehreren Schichten. Darüber, im oberen Fach: Fledermäuse, reglos, hängend. Und in dem Moment, als ich näher treten wollte, kam ein Schwarm Schwalben direkt auf mich zu – schnell, flatternd, heftig. Ich wich zurück – und erwachte. Schweißgebadet …

Wie gesagt, ich träume viel und deute das sofort nach dem Aufwachen, war aber hier überfordert. Die vielen Tiere irritierten mich!
Ich gab den Inhalt deshalb bei chatGPD ein, einfach so aus Neugier und bekam dieses Ergebnis:

… Was für ein intensiver, symbolreicher Traum!
Ich deute deinen Traum Schritt für Schritt, wobei ich mich auf klassische Traumsymbole, tiefenpsychologische Interpretation (nach C.G. Jung/Freud) und intuitive Deutung stütze. Es scheint, als ob dein Unterbewusstsein dir etwas Wichtiges mitteilen will, möglicherweise im Zusammenhang mit deiner inneren Verletzlichkeit und dem Umgang mit verborgenen Gefühlen oder Erinnerungen.

🌊 1. Du bist nackt in einer Versammlung
• Nacktheit: Du fühlst dich entblößt, verletzlich, möglicherweise auch bloßgestellt in einer sozialen oder familiären Situation.
• Versammlung: Eine Gruppe steht oft für die Gesellschaft oder ein inneres „Publikum“ (dein Selbstbild vs. das Bild, das andere von dir haben).
• Mögliche Deutung: Du stehst unter sozialem Druck, vielleicht hast du das Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen oder für etwas beurteilt zu werden, was sehr persönlich ist.

🗄️ 2. Du wirst nach vorn gerufen und musst einen Schrank öffnen
• Nach vorn gerufen werden: Eine Einladung (oder ein Zwang), dich mit etwas öffentlich auseinanderzusetzen, das du lieber für dich behalten würdest.
• Der Schrank: Klassisches Symbol für Verdrängtes oder Verstecktes – Dinge, die du „weggeschlossen“ hast: Erinnerungen, Gefühle, alte Gedankenmuster.
• Das Öffnen bedeutet: Du setzt dich mit deiner inneren Welt auseinander oder wirst (von dir selbst?) dazu gedrängt.

🐿️ 3. Im Schrank sitzen Murmeltiere
• Murmeltiere: Diese Tiere stehen symbolisch für Wiederholung, Rückzug und innere Einkehr – denk an das „Murmeltier-Phänomen“ (immer wiederkehrende Erfahrungen).
• Sie sitzen still, fast wie Beobachter – vielleicht Hinweise auf alte, ruhende Muster, die du bisher ignoriert hast.
• Mögliche Deutung: Du trägst alte Themen oder unbewusste Wiederholungen mit dir herum, die in dir „wohnen“, aber bisher ruhig geblieben sind.

🦇 4. Ganz oben im Schrank: Fledermäuse
• Fledermäuse sind oft Schatten-Symbole: Sie leben im Dunkeln, sind nachtaktiv, unheimlich – ein starker Hinweis auf tieferliegende Ängste oder verdrängte Aspekte deiner Persönlichkeit.
• Vielleicht handelt es sich hier um dunklere Gefühle, alte Ängste, verborgene Traumata oder ungelebte Anteile, die du bisher vermieden hast.

🕊️ 5. Plötzlich erscheint ein Schwalbenschwarm
• Schwalben sind oft Boten des Wandels, der Hoffnung, der Freiheit und des Aufbruchs. Sie fliegen schnell, plötzlich, wendig.
• Der Schwarm kommt überraschend, bringt Bewegung, Unruhe – löst deine Reaktion (Zurückschrecken, Erwachen) aus.
• Mögliche Deutung: Eine plötzliche Erkenntnis, emotionale Einsicht oder Veränderung steht bevor – sie erschreckt dich, ist aber notwendig.

🌌 Zusammenfassung der Traumdeutung

Dein Traum wirkt wie eine Reise durch dein Inneres, von der Oberfläche (Nacktheit und soziale Angst) in die Tiefe (Schrank = Unterbewusstsein), wo du auf ruhende Muster (Murmeltiere) und verdrängte Schattenanteile (Fledermäuse) stößt. Der Schwalbenschwarm bringt plötzliches Licht, Bewegung, einen Impuls zum Erwachen – buchstäblich und seelisch.💡 Was könnte dieser Traum dir sagen?
• Es ist Zeit, dich mit alten, verdrängten Themen auseinanderzusetzen, die vielleicht lange geschlummert haben.
• Du fühlst dich in bestimmten Bereichen deines Lebens verletzlich oder beurteilt, möchtest aber ehrlicher und authentischer sein.
• Ein Wandel bahnt sich an – möglicherweise innerlich, seelisch oder in Beziehungen – aber du hast (noch) Angst davor …
Ich fand diese Analyse bemerkenswert. Nicht, dass ich alles verstanden hatte, eher als Angebot zum Nachdenken.

Natürlich habe ich auch meine ganz eigenen Assoziationen:
Als wir kürzlich aus Frankreich zurückkamen, hatten sich acht Schwalben unter dem Vordach im Garten breitgemacht. Sie saßen auf der Wäscheleine – blieben einfach sitzen, als wollten sie sagen: Das hier gehört jetzt uns. Wäsche woanders, bitte.
Eine Freundin schickte mir Bilder aus Norwegen – unter anderem Murmeltiere, die ich mir nur halb interessiert anschaute. Warum sie im Schrank auftauchten? Rätselhaft.
Beim Oldtimertreffen letzte Woche besuchten wir die Festung Dömitz – in deren dunklen Kasematten leben tatsächlich noch Fledermäuse.
Und dann der Grillabend neulich: Wir sprachen offen über das Älterwerden, über Körperbilder, über die Freiheit, sich am Strand zu zeigen, wie man eben ist – Bikini oder nackt, wen interessiert’s noch? Vielleicht ist das der Hintergrund für meine Nacktheit im Traum. Oder steckt mehr dahinter? Die Angst, nicht dazuzugehören? Das Gefühl, anders zu sein?

Und ja – am Tag vor dem Traum war Besuch da, Freunde, die mehrere Monate im Ausland lebten. Es wurde viel erzählt, gelacht, erinnert. Vielleicht war mein ‚Speicher‘ einfach voll. Vielleicht hat mein Unterbewusstsein einfach nur aufgeräumt.

Wie die hohen Wellen der Ostsee am Morgen nach dem Traum – unruhig, wild, reinigend.

Erdbeeren, Emotionen und etwas Kleingeld

Manchmal bin ich, sagen wir mal, nicht die netteste Version meiner selbst. Heute zum Beispiel. Heute war ich so freundlich wie die Obstverkäuferin vom Erdbeerstand. Also: eher nicht. Sie lächelt ungefähr so oft wie ein Finanzbeamter – und wenn, dann nur, wenn man nicht fragt, warum das Kilo Erdbeeren 8,90 € kostet. Muss sie auch nicht – aber bei dem Preis erwarte ich, ehrlich gesagt, mindestens ein Lächeln. Natürlich macht sie die Preise nicht selbst, sondern ‚Erdbeerkönig Karl‘, dem gefühlt alle Erdbeerfelder in MeckPomm gehören. Trotzdem.

Am frühen Morgen, auf dem Weg zum Strand (bei frischen 15 Grad – 19 Grad Wassertemperatur wirken dann fast karibisch), kam mir die glorreiche Idee: Ich überrasche meinen Gatten und mich mit einem Kilo Erdbeeren zum Frühstück. Ich griff zur Geldquelle des kleinen Mannes – unserer Messingschale im Flur, in der Kleingeld auf seinen großen Moment wartet – und nahm genau 8,90 € mit. Darunter 40 einzelne Centstücke. Ein optisches Gedicht.

Am Erdbeerstand angekommen, grüßte ich freundlich. Also richtig freundlich, nicht nur Mundwinkel-heben-freundlich.

„Ein Kilo Erdbeeren, bitte. Ich hab’s passend – meine Enkelin hat’s abgezählt!“.

„Wie alt ist die denn?“

„Dritte Klasse.“

„Na, dann wird sie ja wohl zählen können.“

Ein Ausbund an Charme.

Die Enkelin war natürlich erfunden, aber manchmal muss man zu unlauteren Mitteln greifen. Die Lüge hat sich gelohnt: drei Extra Erdbeeren wanderten obendrauf. Dann kam der große Moment: Ich leerte meine kleine Börse auf dem Kiosktresen. Alles auf einmal. Ein Münzregen in Zeitlupe. Die Verkäuferin wechselte die Gesichtsfarbe von Blassrosa zu Erdbeerrot.

„Was soll das denn?! Geht’s noch?! Können Sie nicht lesen?“

Lesen? Ich schaue auf das Pappschild. Aha – da steht: Bitte mit Karte zahlen. Recht klein. Leicht verwischt. Wetterfest ist anders.

„Ist nicht so meine Art, mit Kreditkarte an den Strand zu fahren“, sage ich.

„Mit diesem Geld können Sie zum Bäcker gehen, aber nicht zu mir!“.

„Ich wollte aber Erdbeeren, keine Brötchen.“. Sie beginnt – sichtbar genervt – das Kleingeld zu zählen. Es war ein Cent zu viel. Den könne ich mir sonstwo hinstecken! So viel Liebe an einem gewöhnlichen, regnerischen Morgen.

Dann drehte sie sich um, packte die Schale Erdbeeren – und entnahm demonstrativ die drei Bonus-Erdbeeren. Zack. Ordnung muss sein. Ich bekam eine Plastiktüte, weil es regnete und ich mit dem Rad unterwegs war. Und was lernen wir daraus?

Wer den Cent nicht ehrt, bekommt auch keine Bonus-Erdbeer’🍓

Jörg ruft …

15. Oldtimertreffen in Vierlank

Wenn Jörg ruft, folgen sie alle – mit ihren Oldies im Schlepptau: die Lebendigen und die alten Autos. In Vielank, einem kleinen Dorf in Westmecklenburg, fand zum 15. Mal das traditionelle Oldtimertreffen statt. Wie immer hatte Jörg gemeinsam mit seiner Frau und der Familie alles akribisch vorbereitet – ein kleines, feines Programm, das keine Wünsche offenließ.

Am Freitag trafen nach und nach die Teilnehmer ein – insgesamt 43 Oldtimer sollten an der Ausfahrt teilnehmen. Der erste Höhepunkt ließ nicht lange auf sich warten: die Besichtigung der Brauerei VIELANKER , die direkt zum Hotel gehört.

Die Überraschung war groß: In diesem kleinen Dorf befindet sich eine Brauerei, die in ganz Norddeutschland, bis nach Leipzig und Dresden, Bier und Limonade vertreibt. Sage und schreibe 12 verschiedene Limonadensorten und 9 verschiedene Biere werden hier gebraut – und nicht nur das: Auch Single Malt Whisky und verschiedene Liköre gehören zum Sortiment. Mehrere Auszeichnungen bei Verkostungen zeugen von der Qualität.

Im gekühlten Gewölbekeller lagern rund 70 Whiskyfässer, die aus Amerika stammen und innen ausgeräuchert wurden – für diesen ganz eigenen, karamelligen Geschmack. Die aufwendige Herstellung, die teure Destillationsanlage im Wert von mehreren Hunderttausend Euro und die Lagerung lohnen sich: Der älteste Whisky, der zur Zeit verkauft wird, ist 12 Jahre alt und hat 54 Vol.-%.

Auch die regelmäßigen Whisky-Tastings sind ein Erlebnis: Zu einem 3-Gänge-Menü werden nach jedem Gang zwei Whiskys gereicht, danach darf weiter verkostet – und gekauft – werden. Die Stimmung? Hervorragend – mit steigendem Lärmpegel!

Besonders interessant: Die Getränkekisten stammen aus der Behinderten-Werkstatt der „Lebenshilfe“ und sind inzwischen echte Sammlerstücke. Das Wasser für die Produktion kommt aus einem eigenen Brunnen – mit einer Härte von 8, ideal für die Braukunst. Bei den Bohrungen entdeckte man uralte Steine, die nun das Gewölbe zieren.

Am Abend waren fast alle Teilnehmer eingetroffen, der erste Austausch über das „bedürftigste Familienmitglied“ – das eigene Fahrzeug – war abgeschlossen, und es konnte die morgige Ausfahrt besprochen werden. Geplant waren Besuche des Schlosses Ludwigslust, der Festung Dömitz und der Stadt Hitzacker an der Elbe. Dank detailgenauer Bordbücher sollte die Kolonne zusammenbleiben.

Der Abend klang bei Bier und Benzingesprächen aus. An unserem Tisch saßen die „Skoda-Müllers“ aus Zwickau – aufgeschlossene, humorvolle Autoliebhaber, die schon viele Treffen besucht hatten. Dieses Mal waren sie mit einem echten Highlight angereist: einem HORCH von 1938, gebaut in Zwickau, importiert aus Monaco.

Ein besonderer Lacherfolg war ihr Bericht von der Teilnahme an der Traktor-Weltmeisterschaft 2024 am Großglockner. Mit ihrem Deutz-Traktor von 1949 machten sie sich samt Anhänger auf den Weg von Zwickau nach Österreich. 450 Traktoren fuhren die Passstraße hinauf – sogar ein Traktor-Rasenmäher war dabei!

Kühl war es im September – dicke Kleidung war Pflicht, und Marittas Notsitz erwies sich als etwas zu eng. Kein Problem für Andreas: Mit dem Spreizwagenheber wurde kurzerhand „angepasst“. Der Spaß stand ohnehin im Vordergrund! Bei der Zeitwertung – ein Drittel der Strecke musste in einer bestimmten Zeit, zwei Drittel in derselben Zeit – landeten sie auf Platz 270. Sie waren etwas zu schnell, aber mit viel Herz und noch mehr Humor dabei.
Immer wieder wurden ihre Anekdoten von herzhaften Lachanfällen unterbrochen.

Der Höhepunkt jedes Oldtimertreffens ist natürlich die gemeinsame Ausfahrt. Einer nach dem anderen startete, aber wie so oft wurde unsere stolze Kolonne bald vom ganz normalen Alltagsverkehr zerpflückt.
In Mecklenburg fühlt sich Autofahren an wie eine kleine Zeitreise: schnurgerade Alleen, die von alten Bäumen gesäumt sind, und Dörfer, in denen man sich fragt, ob die Zeit hier einfach stehen geblieben ist. Perfekt für Oldtimer – und Menschen, die das Gaspedal auch mal loslassen wollen.
Für Schaulustige am Straßenrand war das ein besonderes Vergnügen, denn es gab viel zu sehen und zu staunen.

Unser treuer Volvo 240, der zwar nicht ganz in die „Raritätenklasse“ fällt, hatte immerhin im letzten Jahr in Schweden das 50-jährige Jubiläum des Modellstarts gefeiert. Unser Exemplar ist mit seinen 34 Jahren aber wohl einfach noch zu jugendlich – zumindest winkte ihm kaum jemand zu. Vielleicht beim nächsten Mal in 16 Jahren …

Vor dem prachtvollen Schloss Ludwigslust stellten sich die Fahrzeuge sternförmig auf – sehr zur Freude der Besucher, die fotografierten, staunten und fachsimpelten. Bei einer Führung durchs Schloss erfuhren wir Spannendes über Friedrich Franz, nach dem unsere Straße benannt ist – das hat man sonst nicht im Navi.

Weiter ging es mit lautem Auspuffgrollen Richtung Dömitz, wo direkt an der Elbe das Mittagessen auf uns wartete. Schon hier sah man: Niedrigwasser! Die Elbe hatte sich ordentlich zurückgezogen.

Direkt im Anschluss dann: die Festung Dömitz – ein echtes Highlight.

Sie ist die einzig erhaltene Festung Mecklenburgs in dieser klassischen Bauweise mit vollständig erhaltenen Wällen, Gräben, Bastionen und Kasematten. Einst diente sie als Verteidigungsanlage, Zollstation, Gefängnis und sogar Kaserne – heute beherbergt sie ein Museum mit wechselnden Ausstellungen und Führungen. Eindrucksvoll, geschichtsträchtig und bestens in Schuss!
Die letzte Etappe führte uns nach Hitzacker, einer kleinen Stadt direkt an der Elbe. Leider war hier gerade nichts mit Fährbetrieb – Niedrigwasser und Baustellen an den Schleusen machten es unmöglich.

Und dann passierte es: Als Letzte verließen wir Hitzacker – und verirrten uns. Immer wieder dieselbe freundliche Navi-Durchsage: „Die B191 ist wegen Bauarbeiten gesperrt.“ Jede Neueingabe brachte dieselbe Meldung. Nach dem dritten Versuch meinte ich:
„WIR KÖNNTEN JA MAL FRAGEN?!“

Man sagt ja, es sei ein Klischee, dass Männer nie nach dem Weg fragen. Ich kann bestätigen: Es ist keins.
Ein Anruf bei Jörg (von mir) und der entscheidende Hinweis: „Lest doch einfach das Bordbuch rückwärts!“ – brachte uns dann endlich zurück zum Hotel.
Dort war der Grillabend bereits in vollem Gange – oder besser gesagt: fast vorbei. Es sollte Auerochse
geben, denn das Hotel züchtet neben Bier und Whisky auch diese imposanten Tiere. Die Tötung erfolgt sachgerecht und tierärztlich begleitet – alles sehr regional und nachhaltig.

Für uns gab’s noch schmackhafte Reste – auch lecker, und ehrlich gesagt: nach so einem Tag schmeckt eh alles doppelt gut!

Inzwischen lief schon die Siegerehrung, und Familie Müller bekam tatsächlich einen Pokal – für die liebevolle und aufwendige Restaurierung ihres HORCH von 1938.

Der Abend endete mit einem gemütlichen Bierverkosten – natürlich aus der hauseigenen Brauerei. Besonders erwähnenswert: der Waldmeisterlikör. Süß, grün, gefährlich lecker.

Drei Tage voller Erlebnisse, Umleitungen und Geschichten – so, wie ein echtes Oldtimertreffen sein sollte.

Bretagne (6)

Reisesplitter

Unsere letzte Station: Erdeven – ein verschlafenes Örtchen, das sich als perfekter Ausgangspunkt für unsere Expeditionen zu den Megalithen und einigen Küstenorten der südlichen Bretagne entpuppte. Direkt nebenan liegt Carnac, das Mekka der Steinzeit-Fans. Über 3000 Menhire stehen dort in Reih und Glied – als hätten sie einen uralten Appell nie beendet. Grabkammern, Hügelgräber und steinerne Alleen – alles sehr mystisch und ziemlich beeindruckend. Früher durfte man noch durch die Reihen spazieren – heute ist das nur noch Schafen gestattet. Vielleicht wegen besserer Manieren?

Der Tag war heiß und wir flüchteten an den Strand von Kerhillio. Feiner Sand, salzige Luft, ein herrlicher Blick auf die Halbinsel Quiberon – und eine Strömung, die einen wahlweise nach Amerika oder Afrika hätte treiben können. Also lieber nicht zu weit rein und dann wieder raus.

Quiberon war natürlich Pflichtprogramm. Ich hatte den Film über Romy Schneiders Aufenthalt dort schon mehrfach gesehen – eine dichte, melancholische Hommage an eine fragile Seele. Die raue Schönheit der Küste, die endlosen Wellen, der Wind, der einen fast wegpustet – es ist der perfekte Ort für große Dramen und tiefe Gedanken.

Foto: Robert Lebek

Die Halbinsel ist gerade mal 14 Kilometer lang, an manchen Stellen kaum 22 m breit. Und obwohl dort nur etwa 4700 Menschen leben, verwandelt sich der Ort im Sommer in eine Mini-Metropole – mit 70.000 Sonnenhungrigen.

Kulinarisch gibt Quiberon auch einiges her – dachte ich zumindest. In einer Brasserie sah ich, wie ein Gast eine Bratwurst serviert bekam. Endlich mal keine Galette oder Muscheln! Ich war neugierig und bestellte das Gleiche. Der Kellner grinste: „C’est Andouillette – très bon!“

Tja… was soll ich sagen? Der erste Schnitt offenbarte ein Inneres wie ein Origami aus Schweinedarm. Der Geschmack: intensiv. Sehr intensiv. Innereien halt – eine Kindheitserinnerung im Eintopfgewand. Nichts für jeden Tag, aber definitiv ein Erlebnis.

Unser letzter Ausflug führte uns nach Vannes – eine wunderschöne, historische Stadt am Golf von Morbihan. Fachwerkhäuser, eine alte Stadtmauer und die lebendige Markthalle waren die Highlights. Trotz Sonntag herrschte dort dichtes Gedränge. Ich hätte zu gern ein paar Leckereien für zuhause eingepackt – aber bei 1600 Kilometern Heimreise im Auto ohne Klimaanlage wäre das keine gute Idee.

Zum Abschluss: wieder Galette! Diesmal mit Porreegemüse und Jakobsmuscheln – klingt gewagt, schmeckte aber großartig. Bretagne kann einfach kulinarisch mehr als nur Crêpes und Cidre.

Inzwischen sind wir zurück. Der letzte Zwischenstopp bei unserem Holländer war wieder sehr herzlich. Er begrüßte uns mit offenen Armen – allerdings auch mit der Nachricht, dass er am 2. Juli nach Italien aufbricht, um sich als Herbergsleiter neu zu erfinden. Ob wir nochmal bei ihm schlafen dürfen? Ungewiss. Ich drücke ihm auf jeden Fall die Daumen, dass er seine Träume verwirklichen kann.

Die Reise war intensiv, lebendig, überraschend – aber jede Rückkehr erinnert mich daran, dass das Vertraute ebenso kostbar ist wie das Fremde. Und nun, wenn ich meine weniger üppigen Hortensien sehe, denke ich mir: die Bretagne war wunderschön- aber Zuhause ist’s gar nicht so schlecht.

Bretagne (5)

Reisesplitter

Crozon zeigte , wie schön ’moderat’ sein kann, wenn man unter ‘moderat’ eine Mischung aus Wanderung, Sonnenbad und Lebensrückblick versteht. Der zweite Tag auf der Halbinsel Crozon begrüßte uns mit noch wärmeren Temperaturen. Schon am Morgen war klar: Heute wird’s heiß – und zwar richtig. Diesmal waren wir vorbereitet. Früh aufstehen, früh wandern – so der Plan. Ziel: Eine Rundtour ums Cap de la Chèvre, danach relaxen am Strand von Camaret-sur-Mer.

Die Wanderung war im Reiseführer als „moderat“ beschrieben. “Klingt entspannt”, dachten wir. Etwas geirrt. Schon nach wenigen Minuten merkten wir: Die Definition von „moderat“ scheint hier eine bretonische Spezialität zu sein. Der Weg war schmal, steinig und voller tückischer Steine, die sich offenbar ein Eigenleben leisteten – und meistens nicht dort lagen, wo man gerade den Fuß hinsetzen wollte.

Aber: Die Aussicht! Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir den ersten Aussichtspunkt. Unten glitzerte eine Bucht im Sonnenlicht, das Wasser türkisblau, die Klippen dramatisch steil – Bretagne-Postkartenidylle in Echtzeit.

Wir gingen weiter, noch eine halbe Stunde bis zur nächsten Bucht, die noch spektakulärer lag – tief eingeschnitten in die Küste, als hätte der Atlantik persönlich dort Platz geschaffen.

Nur: Der Weg dahin war eher Abenteuerurlaub als romantischer Spaziergang. Große, unebene Steine, ständige Auf und Abs, und das Ganze bei inzwischen 28 Grad in der prallen Sonne. Ich erinnerte mich an meinen Sturz in Portugal – und ging mit entsprechender Vorsicht. Trotzdem: Ein kleiner Ausrutscher, eine Schrecksekunde – und wir waren uns einig. Abenteuer beendet. Sicherheit vor Stolz. Und ehrlich gesagt: Die Hitze tat ihr Übriges.

Zurück also. Ab nach Camaret-sur-Mer. Dort wartete nicht nur das Meer, sondern auch eine Brasserie mit schattiger Terrasse und kühlem Getränk. Wir setzten uns, bestellten etwas zu essen – und ließen den Tag angenehm weitertreiben.

Dann lockte der Strand. Also mich. Der Gatte wollte noch dem „Schiffs-Friedhof“ einen Besuch abstatten, die Promenade entlangschlendern und später nachkommen.

Da lag er vor mir: der Strand in voller Pracht. Weißer, feiner Sand, das Meer im Hintergrund azurblau, fast übertrieben schön.

Ich suchte mir ein Plätzchen, schlüpfte in den Badeanzug und ging schnurstracks ins Wasser. Huch – kalt! Deutlich kühler als am Vortag. Kein Wunder, dass kaum jemand schwamm. Aber egal – es war erfrischend, klar. Genau das, was ich nach einer schweißtreibenden Wanderung brauchte.

Wieder im Sand, fiel mir plötzlich eine Erinnerung ein. Eine dieser Szenen, die selten, aber mit voller Wucht zurückkommen. Frankreich, Sonne, Freiheit – und zack, ich war zurück im Sommer 1973. Weltfestspiele in Berlin. 25.000 Gäste aus 140 Ländern, der Frieden wurde gefeiert – mit Stars wie Dean Reed, Angela Davis, Luis Córvalan. Ich war Studentin an der Humboldt-Uni. Wir mussten tagsüber im Gebäude bleiben – offiziell wegen möglicher Angriffe des Klassenfeinds. Es war absurd. Und wurde auch damals schon so empfunden.

Um 17 Uhr durften wir endlich raus, zum Fest. Am Alexanderplatz spielte Dean Reed – den wollten meine Freundin und ich hören. Neben uns stand eine Gruppe Franzosen. Sie wurden schnell unruhig und fragten uns, ob wir nicht mitkommen wollen – irgendwo feiern, was erleben. Einer von ihnen meinte, ich sähe aus wie eine Französin. Er wolle mich mitnehmen. Nach Frankreich. Gelächter. Aber er meinte es ernst – und hatte sogar einen Plan: Eine aus seiner Gruppe sehe mir sehr ähnlich, ich könne an ihrer Stelle mit zurückfahren. Nur meine blaue Bluse mit dem Emblem müsste ich tauschen. Erneutes Gelächter. Die Zurückgebliebene würde der Botschaft erzählen, ihre Papiere seien verloren gegangen

Verwegen. Verlockend. Und völlig verrückt. Wir zogen durch die Stadt, landeten auf einer Wiese im Friedrichshain. Immer wieder kam er auf das Thema zurück . Und irgendwann war ich allein mit der Entscheidung. Meine Freundin war längst nach Fürstenwalde zurückgefahren.

Der Morgen kam. Und ich würde bleiben. Es fehlte mir an Mut – und ein wenig auch an Vertrauen in mich selbst.

Manchmal kehrt dieser Gedanke zurück. Was wäre, wenn …? Wo würde ich heute leben? In einem Backsteinhaus in der Bretagne? Einer Pariser Altbauwohnung? Verheiratet? Geschieden? Verwitwet? Kinder? Enkelkinder?

Ein Schatten fiel über mein Gesicht – ich erschrak.

„Guck mal, diese Muschel hab ich für dich gefunden!“ Der Gatte strahlte mich an. „Kommst du mit ins Wasser?“

Ich lächelte und stand langsam auf – schnell geht nicht mehr – und gemeinsam liefen wir Hand in Hand Richtung Meer.

Bretagne (4)

(Reisesplitter)

Die Halbinsel Crozon erwartete uns als nächster Halt mit viel Sonne und Hitze. Man sagt ja, dass hier der Wind so stark sei, dass einem der Kaffee direkt ins Auge geblasen wird! Nun – wir spürten nichts davon.
Vielleicht war der Wind, wie wir, von der Hitze gelähmt. Der Gatte hatte im Vorfeld geplant, dass wir uns die Orte anschauen. Schon am frühen Vormittag zeigte das Thermometer 28 Grad. Im ersten Ort angekommen – der außer einer Kirche und zwei Anglern nichts Interessantes zu bieten hatte – setzten wir uns in eine kleine Taverne, um etwas zu trinken.

Die war urig, Charles Aznavour sang im Hintergrund, und ich bestellte ein Glas Cidre – nicht unbedingt vorteilhaft bei diesen Temperaturen, aber meine Stimmung verlangte danach.

Meine Lust auf Stadtbesichtigung war vorher schon nicht groß, tendierte nun jedoch gegen Null. Ich schlug vor, den nächsten Strand aufzusuchen.
„Nein“, kam die kategorische Ansage, „das war so beschlossen.“
Beschlossen? Von wem?

Egal, wie lange man verheiratet ist – es gibt immer Triggerpunkte, also Momente, in denen sich jeder durchsetzen will. Ich meinte schließlich, dass er sich gern alles anschauen könne, mich aber bitte vorher am nächsten Strand absetzen solle. In zwei Stunden könne er mich wieder auflesen – es sei ja eine Rundbesichtigungsfahrt, und er würde sowieso wieder hier vorbeikommen. Mit etwas verbissener Miene setzte er mich ab und fuhr los. Kein Abschiedslächeln.

Der Strand war wunderbar, das Wasser bereits im Rückzug, aber noch gut erreichbar. Nach dem ersten Bad suchte ich mir einen Stein, an den ich mich lehnen konnte. Die Sonne knallte regelrecht und wie bei den meisten Stränden hier gab es keinerlei Schatten. Zwei Stunden halte ich das gut aus, dachte ich.

Die Abstände zwischen dem Baden und dem Sitzen am Strand wurden jedoch immer kürzer.
Wie spät war es eigentlich inzwischen? Uhr und Handy hatte ich im Auto gelassen. Zwei Stunden können lang sein. Aber so lang? Der Gatte kam nach vier Stunden.
Es herrschte dann ziemlich genau zwei Stunden Funkstille. Am Abend saßen wir wieder gemeinsam in einer Taverne mit gemeinsamer Cidre-Romantik und
Crêpes mit gesalzenem Karamell.
Ein süßer Abschluss für einen Tag mit etwas leicht salzigem Beigeschmack.

Fazit:
Manchmal braucht es in der Ehe – wie am Strand – keine großen Wellen. Nur genug Platz, um sich kurz voneinander zu entfernen und nachher umso lieber wieder zusammen Crêpes zu essen.

Bretagne (3)

Reisesplitter
Unser nächstes Gebiet war die Côtes d’Armor, zu deutsch, ‚Küsten des Landes am Meer‘, die absolut beeindruckend waren. Die bekannteste ist die Côte de Granit Rose, die für ihre bizarren Felsformationen aus rosafarbenen Granit, einzigartig in Europa, berühmt ist. Könnte es sein, dass ein Haufen riesiger Granitfelsen an die bretonische Küste ging, sich gemütlich in die Sonne legte und vergaß Sonnencreme aufzutragen? Ergebnis: Knallrosa Sonnenbrand!
Nein- andere, einfachere Erklärung!
Die Farbe stammt hauptsächlich von einem Mineral namens Feldspat. Granitbesteht aus drei Hauptmineralien:
1. Quarz– durchsichtig und weisslich
2. Glimmer – dunkel glänzend 3. Feldspat– hier liegt das rosa Geheimnis
Die Felsen sind über 300 Millionen Jahre alt, quasi Rentner und trotzdem noch fotogen.

Ein besonderer Ausflug war die Fahrt zum „Castle Meur“, einem kleinen Haus, eingeklemmt zwischen zwei riesigen Granitfelsen in Plougrescant, die ebenfalls zur Côte der Granit gehören. Die beiden Felsen schützen vor den starken Atlantikwinden und geben dem Ganzen einen fast märchenhaften Look. Es darf privat nicht betreten werden, ist aber einees der meistfotografierten Häuser der Bretagne. Fast könnte man meinen, dieses Haus ist der introvertierte Cousin vom Schloss Neuschwanstein: klein, steinig, will seine Ruhe haben, wird aber trotzdem immer fotografiert!

Immer wieder begegneten uns Kirchen, deren Türme Durchbrüche aufweisen. Ungewöhnliche, bretonische Eigenheit. Es geht dabei hauptsächlich um Winddurchlässigkeit und Sturmschutz. Der Wind weht hindurch und drückt somit nicht gegen die Turmwände. Man könnte natürlich auch vermuten, dass Gott frische Luft braucht, sollte Cidre im Spiel gewesen sein …

Ein Gedanke ging mir während der Fahrten durch den Kopf in Bezug auf den Kreisverkehr. Wenn ich Zeitungen/Artikel lese, in denen geschrieben steht, was ich glauben soll und vom Aufrüsten lese, Putin praktisch schon vor der Tür steht, dann stelle ich mir Panzer aller 3 km im Kreisverkehr vor. Es würde ‚alles‘ schnell vorbei sein. Zumindest in Frankreich. Ich weiss, ketzerische Gedanken …

Ketzerische Gedanken hatte ich auch, als wir die Cathédrale Saint-Tugdual besichtigten. Vorher schlenderten wir durch Tréguier, kamen schliesslich in einem Bistro zum sitzen und essen. Galettes natürlich. Plötzlich tauchten eine Menge Leute auf, alle sehr gut gekleidet und noch besser gelaunt. Die Luft vibrierte von ihrem Gelächter und Gesprächen. Da wir nicht dazugehörten, gingen wir die Cathedrale gegenüber besichtigen. Der Gatte meinte, schon seine Mutti sagte immer: wenn du nicht dazugehörst- nicht aufdrängen! In der Kirche sah ich, dass eine Hochzeit stattfinden wird, die Bänke waren geschmückt. Da ich die Sprache nicht verstand, fühlte ich mich wie im Film „WILLKOMMEN BEI DEN SCHTI’IS“. Ihr erinnert euch?
Er spielte im Norden Frankreichs und den strafversetzten Postbeamte erwartete das Schlimmste, vor allem der Dialekt. Bitte keine Fragen, warum gerade dieser Film in diesem Moment- keine Ahnung! Auf jeden Fall schaute ich mir die Hochzeit an und hatte die ganze Zeit ein fast Lächeln im Gesicht.
Ein schöner Nachmittag.

Inzwischen hatte es sich etwas abgekühlt, ideal für unsere Spaziergänge und Wanderungen. Baden war ich auch, aber muss sagen: Ostsee ist Ostsee! Temperaturmäßig wenig Unterschied, aber es ist ja nie da, das Wasser ;-))) an den extrem breiten Stränden mit ganz feinem Sand, der aber hart ist, weil er immer wieder durchnässt wird. Aber die Farbe des Wassers entschädigt! Azurblau- wunderbar!

Die kurzfristig ausgewählten Unterkünfte gefielen uns alle, waren oft so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Ich mochte und mag französische Filme. Frühstück kam manchmal mit Crêpes.
Eine Unterkunft hatten wir, da waren die Crêpes absolut gut und ich fragte nach dem Rezept. Dreimal fragte ich! Meine Sprachkenntnisse null, aber dass 12 Eier in den Teig gehören, der dann zwei Tage stehen sollte, verstand ich akkustisch, aber nicht vom Verstand her. Das Rezept sagt es tatsächlich so! Und diese Crêpes schmeckten göttlich. Dass ich drei aß, ist dabei völlig nebensächlich :-)!
Hier das Rezept für eine Familienfeier:

12 Eier
1,5l Milch
750g Weizenmehl (Typ 405 oder 550)
150 g geschmolzene Butter
4 EL Zucker
Prise Salz
==> Eier mit Zucker+Salz verquirlen ==> nach und nach Mehl sieben und einführen – zäher Teig entsteht ==> Milch langsam Dazugiessen, dabei kräftig rühren ==> geschmolzene Butter unterrühren ==> 1-2 Tage stehenlassen


Dazu sagt man in der Bretagne:
„Crêpes sind keine Mahlzeit, sondern Lebensstil.“

Weiterlesen „Bretagne (3)“

Bretagne (2)

Reisesplitter

Die Erkundung der Ille-Et-Vilaine stand als erstes auf dem Plan, da wir versuchen, dir vier historischen Provinzteile der Bretagne zu erkunden. Das ehemalige Korsarennest Saint-Malo, die Austern-Hochburg Cancale, das mittelalterliche Städtchen Dinan und das schicke Seebad Dinard waren die Ziele, die wir auswählten.
Erst einmal mussten wir uns an einige Gegebenheiten gewöhnen. Leicht fiel es uns bei den Toiletten, ausreichend und kostenlos! Die Verlustängste des Gatten waren schwieriger. Nicht, dass ich ihn verlassen wollte- nein, niemals, nie ;-)!
Es war die Stimme aus dem OFF, die immer wieder zum Verlassen aufrief, jetzt und sofort! Gefühlt aller fünf Kilometer kam die Aufforderung, den Kreisverkehr nach einer bestimmten Ausfahrt zu verlassen. Was wir immer befolgen. Geschwindigkeit auf der Autobahn angenehme 130kmh, bei Regen 110kmh. Geht doch!
Auffallend war und ist, dass wir so gut wie keine Windräder bzw. Photovoltaik-Anlagen auf Dächern bzw. in der freien Landschaft sehen. Woher bekommen die Franzosen ihren Strom? Sie könnten sich Deutschland als Vorbild nehmen. Hier steht gefühlt auf jeder verfügbaren Fläche ein Windrad! Platz dafür wäre auch hier, oder? Wenn ich die Sprache nicht lerne, werde ich es nie erfahren.

Einige Tage planen wir jeweils für die einzelnen Provinzen ein und entscheiden spontan, wo wir eventuell länger bleiben.
Das erste Quartier lag einige Kilometer vor Saint-Malo, idyllisch, ein Chambres in einem Haus mit persönlichem Kontakt zum Vermieter. Haus mit Hund und Garten. Wir waren schnell ein Paar, der Hund und ich. Immerzu brachte er mir seinen Ball zum Spielen, nicht dass er bettelte. Es war eine stumme Bitte, ihm doch den Ball zuwerfen. Ob ich mit dem kleinen weissen Ball an der Platte spiele oder dem Hund seinen blauen zuwarf, egal, beides macht Spass.
Frühstück hervorragend mit Crépes und selbstgemachter Marmelade- mehr braucht’s nicht.

SAINT-MALO, die stolze Korsarenstadt an der Küste, hat eine Menge Charme. Das Umrunden des ‚Kosaren-Nests‘ auf der Stadtmauer gehört zu den größten Vergnügen in der Hafenstadt. Die Sandstrände laden zum Verweilen ein. 1590 hat sich die Stadt mal kurzerhand unabhängig erklärt – als „Republik Saint-Malo“, Motto „Ni Français, Ni Breton, Malouin suis“-„Weder Franzose noch Bretone, ich bin Malouin!“
Der Tidenhub gehört zu den größten in Europa: bis zu 13 m Unterschied zwischen Ebbe und Flut. Das bedeutet: Du kannst morgens ein Picknick auf dem Strand machen und mittags feststellen, das dein Picknicktisch nun auf dem Meeresgrund steht.

Strand Saint-Malo
Château Ducal mit Stadtmauer
Casino Barrière

CANCALE ist sozusagen das ‚Austernmekka‘ der Bretagne.
Ich hatte das Gefühl, dass die Austern nicht nur im Meer sondern auch in den Blumentöpfen wachsen. Interessant war, dass alle, die Austern kauften, sie ausschlürften und die Schalen ganz entspnnt ins Meer zurückwarfen. Napoleon Bonaparte soll gesagt haben, dass Canales Austern die besten Frankreichs sind. Ob das stimmt? Ich fand den Geschmack der Austern in der Normandie frischer und besser, möchte aber einem so wichtigen Bürger Frankreichs mit korsischen Hintergrund nicht widersprechen.
Der Ort war fest in ‚geriatrischer‘ Hand, zumindest an dem Tage, als wir da waren. Die Generation +++ weiss, wo es schön ist und man ungestört schlürfen darf.

Schalenstrand
… man muss sie mögen

DINAN ist eine mittelalterliche Stadt, die aussieht, als wäre sie direkt aus dem Märchen entsprungen. Die engen Gassen, Fachwerkhäuser und die komplett erhaltene Stadtmauer machen sie zu einem wunderschönen Ort. Die Stadtmauer ist fast vollständig erhalten und die gepflasterten Strassen und alten Häuser sind absolut sehenswert. In Dinan gibt’s hervorragenden Cidre und auch Crêpes. Diese Kombination sollte man in den engen Strassen nicht unterschätzen, es schläft sich nicht so gut auf Kopfsteinpflaster.

La Rance
… auf dem Markt

DINARD, eine kleine versnobte Stadt, in der selbst der Atlantik launisch ist, sagt man. Dinard ist wie die Bretagne in schicker Abendgarderobe: etwas mondän, ein bisschen britisch, aber immer mit salziger Luft und einem Hauch Regen im Gepäck. Die Villen aus der Belle Époque thronen auf den Klippen und schauen auf das Treiben am Strand. Schon Pablo Picasso, Agatha Christie und Jules Verne sollen auf den Promenaden mit Blick auf die Villen und das elegante Casino spazieren gegangen sein. Diesmal waren wir unter uns, nur Einheimische, Touristen , keine Berühmtheiten, nicht einmal Heino war zu sehen.

Das Wetter meinte es die ganze Zeit gut mit uns, schickte eine kurze Hitzewelle mit etwas über 30 Grad, das war etwas zuviel des Guten. Der Flüssigkeitsverlust bei den Stadtbesichtigungen konnte mit Cidre ausgeglichen werden. Galettes und Muscheln in verschiedenen Varianten schmecken immer. Aber der gegrillte Oktopus, angerichtet auf einem Kartoffeffächer und gekrönt mit Butterschaum war französische Küche, wie ich sie mir vorstelle.
Bin gespannt , ob es dafür in der nächsten Provinz eine Steigerung gibt. Bis dahin!