Bretagne (2)

Reisesplitter

Die Erkundung der Ille-Et-Vilaine stand als erstes auf dem Plan, da wir versuchen, dir vier historischen Provinzteile der Bretagne zu erkunden. Das ehemalige Korsarennest Saint-Malo, die Austern-Hochburg Cancale, das mittelalterliche Städtchen Dinan und das schicke Seebad Dinard waren die Ziele, die wir auswählten.
Erst einmal mussten wir uns an einige Gegebenheiten gewöhnen. Leicht fiel es uns bei den Toiletten, ausreichend und kostenlos! Die Verlustängste des Gatten waren schwieriger. Nicht, dass ich ihn verlassen wollte- nein, niemals, nie ;-)!
Es war die Stimme aus dem OFF, die immer wieder zum Verlassen aufrief, jetzt und sofort! Gefühlt aller fünf Kilometer kam die Aufforderung, den Kreisverkehr nach einer bestimmten Ausfahrt zu verlassen. Was wir immer befolgen. Geschwindigkeit auf der Autobahn angenehme 130kmh, bei Regen 110kmh. Geht doch!
Auffallend war und ist, dass wir so gut wie keine Windräder bzw. Photovoltaik-Anlagen auf Dächern bzw. in der freien Landschaft sehen. Woher bekommen die Franzosen ihren Strom? Sie könnten sich Deutschland als Vorbild nehmen. Hier steht gefühlt auf jeder verfügbaren Fläche ein Windrad! Platz dafür wäre auch hier, oder? Wenn ich die Sprache nicht lerne, werde ich es nie erfahren.

Einige Tage planen wir jeweils für die einzelnen Provinzen ein und entscheiden spontan, wo wir eventuell länger bleiben.
Das erste Quartier lag einige Kilometer vor Saint-Malo, idyllisch, ein Chambres in einem Haus mit persönlichem Kontakt zum Vermieter. Haus mit Hund und Garten. Wir waren schnell ein Paar, der Hund und ich. Immerzu brachte er mir seinen Ball zum Spielen, nicht dass er bettelte. Es war eine stumme Bitte, ihm doch den Ball zuwerfen. Ob ich mit dem kleinen weissen Ball an der Platte spiele oder dem Hund seinen blauen zuwarf, egal, beides macht Spass.
Frühstück hervorragend mit Crépes und selbstgemachter Marmelade- mehr braucht’s nicht.

SAINT-MALO, die stolze Korsarenstadt an der Küste, hat eine Menge Charme. Das Umrunden des ‚Kosaren-Nests‘ auf der Stadtmauer gehört zu den größten Vergnügen in der Hafenstadt. Die Sandstrände laden zum Verweilen ein. 1590 hat sich die Stadt mal kurzerhand unabhängig erklärt – als „Republik Saint-Malo“, Motto „Ni Français, Ni Breton, Malouin suis“-„Weder Franzose noch Bretone, ich bin Malouin!“
Der Tidenhub gehört zu den größten in Europa: bis zu 13 m Unterschied zwischen Ebbe und Flut. Das bedeutet: Du kannst morgens ein Picknick auf dem Strand machen und mittags feststellen, das dein Picknicktisch nun auf dem Meeresgrund steht.

Strand Saint-Malo
Château Ducal mit Stadtmauer
Casino Barrière

CANCALE ist sozusagen das ‚Austernmekka‘ der Bretagne.
Ich hatte das Gefühl, dass die Austern nicht nur im Meer sondern auch in den Blumentöpfen wachsen. Interessant war, dass alle, die Austern kauften, sie ausschlürften und die Schalen ganz entspnnt ins Meer zurückwarfen. Napoleon Bonaparte soll gesagt haben, dass Canales Austern die besten Frankreichs sind. Ob das stimmt? Ich fand den Geschmack der Austern in der Normandie frischer und besser, möchte aber einem so wichtigen Bürger Frankreichs mit korsischen Hintergrund nicht widersprechen.
Der Ort war fest in ‚geriatrischer‘ Hand, zumindest an dem Tage, als wir da waren. Die Generation +++ weiss, wo es schön ist und man ungestört schlürfen darf.

Schalenstrand
… man muss sie mögen

DINAN ist eine mittelalterliche Stadt, die aussieht, als wäre sie direkt aus dem Märchen entsprungen. Die engen Gassen, Fachwerkhäuser und die komplett erhaltene Stadtmauer machen sie zu einem wunderschönen Ort. Die Stadtmauer ist fast vollständig erhalten und die gepflasterten Strassen und alten Häuser sind absolut sehenswert. In Dinan gibt’s hervorragenden Cidre und auch Crêpes. Diese Kombination sollte man in den engen Strassen nicht unterschätzen, es schläft sich nicht so gut auf Kopfsteinpflaster.

La Rance
… auf dem Markt

DINARD, eine kleine versnobte Stadt, in der selbst der Atlantik launisch ist, sagt man. Dinard ist wie die Bretagne in schicker Abendgarderobe: etwas mondän, ein bisschen britisch, aber immer mit salziger Luft und einem Hauch Regen im Gepäck. Die Villen aus der Belle Époque thronen auf den Klippen und schauen auf das Treiben am Strand. Schon Pablo Picasso, Agatha Christie und Jules Verne sollen auf den Promenaden mit Blick auf die Villen und das elegante Casino spazieren gegangen sein. Diesmal waren wir unter uns, nur Einheimische, Touristen , keine Berühmtheiten, nicht einmal Heino war zu sehen.

Das Wetter meinte es die ganze Zeit gut mit uns, schickte eine kurze Hitzewelle mit etwas über 30 Grad, das war etwas zuviel des Guten. Der Flüssigkeitsverlust bei den Stadtbesichtigungen konnte mit Cidre ausgeglichen werden. Galettes und Muscheln in verschiedenen Varianten schmecken immer. Aber der gegrillte Oktopus, angerichtet auf einem Kartoffeffächer und gekrönt mit Butterschaum war französische Küche, wie ich sie mir vorstelle.
Bin gespannt , ob es dafür in der nächsten Provinz eine Steigerung gibt. Bis dahin!

Bretagne (1)

Langersehnt und nun tatsächlich am Start: es geht in die Bretagne!
Das Auto nach langem Kuraufenthalt zurück, bereit, die hochmotivierten Reisenden zu transportieren. Diesmal Reisedauer etwas länger, was die Auswahl der Kleidung kompliziert. Sicher, es ist Juni, der aber gerade als Herbst daherkommt. Und nun- sonorer Motorsound oder besser ein Klang der Gelassenheit, der uns begleitet und ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Die Fahrt geht Richtung Venlo bei gerade mal 16 Grad und starken Regenschauern. Ich kann nicht glauben, was die Wetterkarte sagt: in einigen Tagen soll es 32 Grad warm werden!
Hegelsom erscheint, erstes Ziel nach sieben Stunden erreicht. Die Unterkunft für eine Nacht sieht von aussen aus, als wäre es früher ein Stall gewesen. Eine spätere Nachfrage bei dem überaus sympathischen Vermieter bestätigt meinen ersten Eindruck.

Tatsächlich ein Stall, der nun zu einem Bett/Breakfest umgebaut wurde. Noch sind die Bauarbeiten nicht ganz abgeschlossen. Ansprechende und praktisch eingerichtete Zimmer, alles gut. Was ich bei der Buchung überlas, Gemeinschaftsbad! Aber wie alles im Leben, auch das ist eine Kopfsache und bedarf nur Abstimmung mit den anderen Gästen. Wir fahren in den Ort, um etwas zu essen. Pizza- lange nicht gegessen, sie weiss zu begeistern. Es beginnt wieder zu regnen. Vom Ort sehen wir nicht viel.
Zurück in der Gemeinschaftsküche kommen wir schnell mit dem Vermieter und Gästen ins Gespräch. Genau deshalb liebe ich das Reisen, weil ich von neuen Lebensläufen mit den dazugehörigen Menschen erfahre. Der Wirt, ca 40 Jahre, Vater dreier Kinder, verheiratet mit einer jungen, attraktiven und lebhaften polnischen Frau ist zufrieden und strahlt es aus. Mit einer getigerten Katze auf dem Arm steht er vor der Tür und beginnt das Gespräch:

  • Magst du Himbeeren?
  • Unbedingt!!
  • Dann kannst du dir draussen welche pflücken. Und daneben steht ein Kirschbaum, den du auch plündern darfst.
    Ich bin begeistert und erfahre im weiteren, dass er neben der Vermietung, Himbeeren, Kirschen und Honig verkauft. Alles Eigenproduktion! Außerdem plant er eine Auswanderung nach Italien. Die Gegend um Neapel soll es werden. Ich bin wiederum begeistert, fuhr ich doch jahrelang auf die Insel Ischia, immer mit Aufenthalt in Neapel. Nein, direkt nach Neapel nicht, eher möchte er in der Umgebung, in den Bergen wohnen und dort eine Pension betreiben. Sprachkenntnisse hat er keine, das ergibt sich. Bei mir ergaben sich nie Sprachkenntnisse, ich musste immer lernen. Ich bewundere deshalb Menschen, die meinen, ihnen fliegt alles zu.
    Die Tochter, 9 Jahre spielt Klavier, kann singen und da die Italiener musikalisch sind, wird sie aufs Konservatorium gehen. In Neapel. Ich hätte einwenden können, dass der Weg aus den Bergen nach Neapel in dem chaotischen Verkehr etwas kompliziert werden könnte, aber warum? Träume gehören zum Leben.
    Das andere Ehepaar ist aus Groningen. Der Mann, groß und schlank, fast schön, hat und hatte bisher ein hochinteressantes Leben, sagt er. Zuhause besitzt er eine Baumschule, arbeitet in einem Gefängnis als Aufseher und reist sehr viel. Da er in der Nähe der Grenze wohnt, spricht er ganz gut deutsch. Seine Frau beteiligt sich nicht an dem Gespräch, da sie kein Deutsch versteht. Sie haben den deutschen Norden bereist und sind immer wieder mal mit Karl May unterwegs. Ja, gut, nur als Zuschauer bei den Karl-May-Festspielen. Immerhin. Sie haben die ganze Welt gesehen, bereisten jeden Kontinent. Ich staune!
    Er will gerade daüber erzählen, als seine Frau ihn unterbricht. Er schaut sie an, etwas irritiert. Sie wiederholt ihren Satz:
    „Je zei dat je de kamer wilde opruimen.“
    Er verschwindet.
    Wir gehen in den Garten und pflücken Himbeeren. Die Sauerkirschen sind noch nicht ganz reif, nur vereinzelte Kirschen sind tiefrot.
    Es regnet wieder, Spaziergang fällt aus. Noch ein holländisches Bier und dann das Buch ‚Rotes Gold‘ von Tom Hillenbrand weiterlesen, das mich sehr fasziniert. Das Buch bietet interessante Informationen über die Welt der Sushi-Küche, über Lebensmittel und den Thunfischfang. Es gibt tatsächlich Fische, die teurer sind als Gold und wertvoller als ein Menschenleben.
    Klingt wie ein Krimi und liest sich auch so.

Fremde Bekannte

Kürzlich erwähnte ich, dass unser Auto zur Kur ist. Er, der Volvo-Oldie, will besonders behandelt werden. Der Monteur weiß das und nahm sich sehr viel Zeit. Inzwischen mit neuer Freundin dauerte die Behandlung noch länger. Er arbeitete am Rumpf und Gestell, versuchte, Schadstellen zu beheben. Ob am Rumpf und Gestells des Autos oder Freundin? Wer kann das nach so langer Zeit sagen?
Die Freundin plante eine Reise nach Schottland und sagte ihrem Freund, dass er endlich ‚aus den Puschen‘ kommen und das Auto fertigstellen soll. Die Nachricht kam für uns plötzlich und unerwartet:
Das Auto ist fertig!
Unserer lang geplanten Reise steht nichts mehr im Wege. Nicht ganz. Vor einiger Zeit hat sich etwas in unser Leben, speziell in meins, geschlichen, eine neue Bekanntschaft namens Rose. Was für ein schöner Name, dachte ich.
Sie war und ist oft anwesend, eigentlich ständig. Aufdringlich nimmt sie an unserem Leben teil. Es wird zunehmend lästig. Natürlich habe ich mich gewehrt, vergeblich. Ich änderte meine täglichen Abläufe, laufe langsamer, stellte Ernährung um, damit sie sich andere Wirtsleute sucht. Strafe sie mit Nichtachtung, sie stört sich an nichts! Will dazugehören, was zunehmend ungemütlich wird, da sie zu den unmöglichsten Zeiten auftaucht.
Wie eine Zecke hat sie sich an mir festgebissen.
Wobei – wenn ich bei meinem Sport bin, an der Platte stehe, den Schläger in der Hand halte, mit einem Körper voller Adrenalin, da verzieht sie sich. Erst nach dem Duschen und vor der Fahrt mit dem Rad nach Hause, taucht sie wieder auf. Sie grinst und meint, ich solle bitte etwas freundlicher sein, da sie mich den Rest meines Lebens begleiten wird. Ha ha, denke ich.

Nun steht also die Urlaubsreise ins Ausland an. Was tun?
Ich frage vorsichtshalber nach ihrem Nachnamen von wegen Kontrolle an der Grenze und so. Sie kokettiert, dreht sich im Kreise, meint, ich solle raten. Klar, sage ich, mach ich, gucke, versuche, es freundlich aussehen zu lassen.
Dann kommt ein leises, fast schelmisches: ‚Art‘!
Art wie Kunst auf Französisch und sie lacht, lacht und lacht. Was ist daran so lustig?
Nun, sagt sie, man nennt mich ArtRose …

Momente in Prag

Ich mag die Zeit um den Himmelfahrtstag.
Es ist immer Frühling mit satten Farben, mit warmen Tagen und ich habe etwas zu feiern. Den Geburtstag! An einem Himmelfahrtstag geboren und zu Weltfestspielen in den 50igern gezeugt, das machte etwas mit mir! Was?
Etwas Besonderes natürlich! Symbolisch ist es die Geburt an einem Tag der ‚Erhebung‘ und des geistigen Übergangs, eine Verbindung zur himmlischen Welt. Hinzu kommt das Sternbild des Zwillings, dem nachgesagt wird, dass die in dem Sternzeichen Geborenen geistreich, neugierig und kommunikativ sind.

Sternbild Zwilling Prager Burg

Passt und gefällt ;-)!
Das Wort Himmelfahrt war mir früher nicht geläufig, da dieser Tag bei uns Vater- bzw. Männertag hiess. Christi Himmelfahrt wurde in der DDR 1967 abgeschafft, doch die Tradition blieb, nach wie vor verbreitet mit verschiedenen Touren, meist mit Fahrrad und einem Bollerwagen voller Alkohol. Ein Feiertag war es immer.

Der Monat Mai eignet sich gut für eine Kurzreise. In diesem Jahr heisst das Ziel: Prag! 1976, gerade mit dem Studium fertig, unternahmen wir einen Betriebsausflug nach Prag. Mit dem Schlafwagen ging es von Berlin in die Tschechei. So ganz genau erinnere ich mich nicht mehr, frage mich heute, warum mit dem Schlafwagen gefahren? Vielleicht sollten so die Übernachtungskosten niedrig gehalten werden. Das Bier schmeckte, Knödel kannte ich bis dahin nicht und in den Läden war auch damals das Angebot an böhmischen Glas riesig.

Die Sonne scheint und ich sitze auf dem Rathausplatz auf einer Bank, Augen geschlossen, bin gedanklich im Gestern und Heute. Es ist fast so, als würde ich die ,LebensKasse‘ öffnen. Finde mich noch gut in Schuss mit einigen Roststellen an Körper und Seele, die jedoch übertüncht bzw. repariert werden können. Noch kein Ersatz! Plomben gülten nicht! Ich habe in zwei Gesellschaftsformen Gutes und weniger Gutes erlebt, haushalte jetzt mit meinen körperlichen und mentalen Kräften, unterscheide, was mir gut tut und was nicht. Das alles mit dem Blick nach vorn!

Die Rathausuhr, ein Meisterwerk gotischer Wissenschaft und Technik, schlägt und wie immer zu einer vollen und halben Stunde öffnen sich die Türen der Uhr und die Apostel erscheinen.

Mit hunderten Touristen verfolgen wir das Spektakel und erfreuen uns daran. Der Altstädter Rathausplatz ist umringt von Kirchen, Türmen und historischen Gebäuden. Vorhin besichtigten wir die St.-Nikolaus-Kirche, deren Grösse mich verblüffte. Sie steht in Sichtweite der astronomischen Uhr. Eine gewaltige Kuppel ist das Kennzeichen der Kirche, die sehr prunkvoll ausgestattet ist.
Keine Fotos, bitte! Ein Hinweis, der immer wieder auftaucht und missachtet wird. Nicht von mir.

Ich stelle mir beim Besichtigen von Kirchen oft die Zeit vor, in der sie errichtet und ausgestattet wurden. Diese hier ist katholisch. Viel Gold, Gemälde, Skulpturen, alles prunkvoll, reich verziert. Wie viele Menschen mussten bluten und ihr Leben dafür lassen?
Im Sozialismus grossgeworden, nicht getauft, keine Kommunion, nichts kirchliches. Nur heute, jetzt, jetzt bin ich ehrenamtlich für die Kirche tätig. Fast unentgeltlich, Fahrgeld wird ersetzt, das ja. Darum geht es natürlich nicht oder vielleicht ein wenig, weil der Staat/Kirche an anderer Stelle das Geld rausschleudert und für Ehrenämter verschiedener Art wenig bereitgestellt wird.

Tauben trippeln vor mir her, irgendjemand füttert sie. Busse rollen an und spucken weitere Touris aus. Die Bänke um den Platz sind alle besetzt und die ersten Ermüdungserscheinungen treten auf. Ein Kaffee wäre jetzt gut.
Aber erst einmal weiter auf dem geplanten Weg.
Mein Angetrauter fotografiert fremde Frauen, sehe ich von weitem. Sollte ich darüber nachdenken? Eher nicht, einfach zu warm dafür. Die Pferde vor den Kutschen tragen Ohrenschützer, hm, um das Gequatsche der Leute nicht zu hören? Auf jeden Fall praktisch.

Weiter geht’s zur Karlsbrücke. Schon von weitem ist zu sehen, wir werden nicht die einzigen sein, die über die Brücke laufen. Porträtmaler, Strassenkünstler, Musiker und Schmuckverkäufer alle 20m. Die ‚Schmuck-Else‘ erwacht in mir- nur ganz kurz.
Diese künstlerische Atmosphäre erzeugt eine besondere Stimmung.

Auf der Moldau fahren verschiedene Boote und größere Schiffe. Kinder winken hinauf zu uns. Ich winke zurück. Eine Bootsfahrt ist für den nächsten Tag geplant.

Ende der Karls-Brücke

Am Ende der Brücke biegen wir links ab und entdecken eine urige Kneipe.

Erst einmal ein grosses Pils! Als meine Bestellung kommt, bin ich mehr als überrascht. Gekochter Schinken, dünn geschnitten, Schlagsahne(!) und Kümmelbrot, frisch und luftig gebacken. Ungewöhnlich und köstlich!

An meinen Fremdsprachenkenntnissen sollte ich aber doch arbeiten.
Ein letzter Punkt steht heute noch auf dem Plan: John Lennon Mauer! Sie befindet sich ganz in der Nähe der Karlsbrücke und wurde nach seiner Ermordung zu einem spontanen Denkmal. Ein unbekannter Künstler malte ein Porträt Lennons und ergänzte es mit Zitaten aus seinen Liedern. Das inspirierte viele, die Wand mit Botschaften für Frieden und Freiheit zu versehen. Die Wand wurde mehrfach von Behörden übermalt, blieb aber immer ein Ort des stillen Protestes und Treffpunkt für junge Leute.

Nun laufen wir zurück. Wir hätten mit der Strassenbahn fahren können, wenn wir nur wüssten: mit welcher? Öffentliche Verkehrsmittel sind in Prag ab 70 Jahre umsonst.
Unser Hotel hat eine Dachterrasse, so dass wir den Tag mit einem Blick auf die Stadt und einem Getränk in der Hand enden lassen.

Der nächste Tag kann kommen, es gibt noch viel zu sehen …

Zugehörigkeit

Manchmal passiert es, dass ich ein Wort höre, das ich längst kenne, aber es nistet sich im Unterbewusstsein ein, taucht immer mal wieder auf. Im Moment des Lesens bzw. Hörens verbinde ich einen Gedanken oder eine Empfindung mit diesem Wort. Als ich heute im Garten werkelte und überlegte, wo ich die Fuchsie hinpflanze, zu welcher Pflanzenfamile sie gehört, kam das Wort wieder zutage: Zugehörigkeit!
Ich war überrascht, wieviele Worte sich in diesem kleinen Wort verbergen, als da wären: zu, Zug, zugig, hör, hörig, Gehör, zugeh, geh, Ger, Öre, um nur einige zu nennen. In einem Wort so viele Möglichkeiten!
Beim ersten Hören überlegte ich, wo ich dazugehöre und kam neben der Familie relativ schnell auf meine kleine Frauengruppe und den Sportverein. In beiden fühle ich mich wohl, werde wahr- und angenommen, fühle ich mich sicher, weil es positive Beziehungen sind, die mir ein seelisches Wohlbefinden geben. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung, aber es hebt mein Selbstwertgefühl und verbessert meine Lebensqualität.
Zugehörig bedeutet in meinem Fall eine positive Beziehung zu einer Gruppe, die freiwillig ist.
Aber auch das Wort ,hörig‘ steckt darin und das ist negativ belegt, da es eine unterwürfige, oft unkritische Abhängigkeit beschreibt. Die Autonomie und Urteilsfähigkeit wird zugunsten einer anderen Person aufgegeben und es entsteht ein Ungleichgewicht.

Wohin mit der Fuchsie?
Das war der Ausgangspunkt. Ich bin keine Gärtnerin und musste mich kundig machen. Die Fuchsie ist eine faszinierende Pflanze und braucht einen besonderen Platz, damit ich sie von überall aus sehen kann. Ich mag die Blüten, die wie kleine Balletttänzerinnen elegant nach unten hängen. Sie braucht keine pralle Sonne, blüht im Schatten, eine stille Schönheit, die nicht im Rampenlicht stehen will.
Ich gestehe, dass ich eine kitschige Ader habe und diese in meinem kleinen Garten auslebe. Vor Jahren brachte ich von einer Reise aus Kuba eine weibliche, elegante Keramikfigur mit, die wunderbar mit der Fuchsie harmonieren könnte. Die eine ist schon schön, die Fuchsie wird es im Laufe des Sommers. Ob die Figur und die Fuchsie sich ‚zugehörig‘ fühlen? Ich werde es nie erfahren. Aber ich werde mich einen Sommer lang und Teil des Herbstes an diesem Bild erfreuen.

Eröffnung Badesaison

Während gestern dichte Nebelschwaden über unser Fischerdorf zogen, scheint heute die Sonne und es ist windstill.

Letzteres eher selten, umso mehr genieße ich es. Heute ist der 1. Mai und es steht keine Demo auf dem Plan, sondern das Anbaden in der Ostsee. Immer eine Herausforderung und nie ein Pflichttermin. Trotzdem – es muss sein.
Mein Strandaufgang Nr.18 ist gesperrt, weil die Toilettenanlage erneuert wird. Wurde höchste Zeit! Die hygienischen Zustände waren schon im letzten Herbst sehr schlecht. Also Ausweichen auf Aufgang Nr.16!

Gegen 7:30 Uhr fahre ich mit dem Rad Richtung Promenade, um dann zum Strand hin abzubiegen. Die Strandkörbe stehen teilweise schon und warten auf Nutzung durch Urlauber und Einheimische. Die Körbe werden meist für eine ganze Saison gemietet, Preise ansteigend. In diesem Jahr kostet es ca 550€, variiert von Anbieter zu Anbieter.

Ich mietete noch nie einen Korb, da ich lieber direkt am Wasser bin. Habe mir im letzten Jahr eine Art Liegestuhl gekauft, den ich als Rucksack beim Radfahren bis zum Strand aufsetzen kann. Total praktisch!
Ich bin heute nicht die Erste am Strand. Eine der Frühbaderinnen vom letzten Jahr kommt mir schon entgegen.
„Und“, frage ich „kalt?“
„Nö, geht! Denke, es sind 9-10 Grad und ich kann schon kleine Schwimmzüge machen.“ Sie lächelt und freut sich.
Das heisst für mich, kurz ,einditschen‘, Arme und Beine spreizen und wieder raus aus dem Wasser!
Wir haben Flachwasser, was bedeutet, der Weg, bis der Körper völlig mit Wasser bedeckt, wird heute länger sein. Bei diesem Wetter kein Problem! Die Sonne wärmt schon etwas.
Später nur auf das Ausziehen konzentrieren, nicht an die niedrige Temperatur denken. FKK? Eigentlich erst ab Aufgang Nr.18, aber noch sind die Strandwärter nicht unterwegs.
Zügig lauf‘ ich in das kalte Wasser, benetze Arme und Beine, kurzes Eintauchen, mehrmals Gliedmaßen bewegen und wieder raus aus dem Wasser.

Dieses Gefühl, sich überwunden zu haben, das Blut wieder strömen zu fühlen, Hände und Füße spüren, ja, das hat was und ist mit nichts zu vergleichen. Man muss es nur mögen.
Die Idee mit dem Anbaden hatten heute mehrere Strandbesucher, wie ich feststellen kann. Bin gespannt, wer dem morgendlichen Bad die Treue halten wird. Wobei- wenn Aufgang Nr.18 tatsächlich Ende Mai freigegeben werden sollte, wechsele ich dahin, denn dort beginnt der FKK -Strand.
Noch kurz plaudern und dann auf der Promenade zurück, mit kleinem Abstecher auf die Mole.

Das Wasser ist tatsächlich ganz ruhig. Einzelne Boote fahren zum Angeln auf die See.

Die Fähre läuft ein und in der Ferne liegt ein Schiff der AIDA-Flotte.

Alles wie immer Anfang Mai …

Vorsaison

Einer der letzten Tage im April.
Das Auto kränkelt und das Fahrrad schreit nach einer Pause. So bleiben die ‚Öffis‘ und die ‚durchtrainierten‘ Beine für eine Wanderung in der Mecklenburger Landschaft. Neubukow mit seiner Fischtreppe und dem Mühlenteich steht auf dem Plan. Das Wetter spielt mit: Sonne satt und strahlend blauer Himmel!
Auf dem Weg zum Bahnhof laufen wir vorbei an den vielen ‚Kreuzfahrern‘, die ab- bzw. aufsteigen werden auf die beiden AIDA-Schiffe, die im Hafen liegen.

Heute ist Eröffnung der Kreuzfahrt Saison und es wird den ganzen Tag über eine Bordparty mit einigen Veranstaltungen geben. Das Fischerdorf quillt schon jetzt am Morgen über von den vielen Besuchern und Frage steht für mich: Wie kann man am frühen Morgen schon ein Fischbrötchen essen?
Vorbei an den beiden Schiffen fährt die S-Bahn nach Rostock und mit dem Regio geht es weiter nach Neubukow, dem kleinen idyllischen Städtchen. Die Fahrt ist sehr angenehm, wir fahren vorbei an blühenden Landschaften, die mit ihrem frühlingshaften, sattem Grün und mit gelben Rapsfeldern begeistern.

Die nächste Station ist unsere und ich schaue nochmals auf die WanderApp. Angekommen, laufen wir zielgerichtet auf den Marktplatz. Ein Brunnen erregt meine Aufmerksamkeit und ich möchte ein Foto machen. Ich fasse nach dem Handy. Nichts. Ich taste alle meine Taschen ab, nichts. Dann doch im Rucksack? Den stülpe ich panisch um, nichts. Mein Blutdruck, der ewig im Keller ist, steigt! Der Gatte ist schon ein ganzes Stück weitergelaufen und dreht sich nun um.
„Und?“, fragt er „Probleme mit dem Knie?“
Weder Knie noch Fersensporn oder etwas anderes meldet sich. Alle sind ruhig und geben dem Adrenalin freie Bahn.

„Nein, es geht mir gut, nur- dass ich mein Smartphone vermisse.“ Der Rucksack wird nochmals – nunmehr von Fachhand- untersucht, auf Körpertastung allerdings verzichtet. Nichts. Also, zurück zum Bahnhof und- Glück im Unglück! Die Strecke wird eingleisig befahren und ich kann im nächsten Zug die Schaffnerin über Verlust informieren. Sie ruft ihre Kollegin an, das Handy wurde abgegeben und ich bekomme es von der Schaffnerin des nächsten Zuges aus Rostock zurück.
Blutdruck wieder normal, Knie tuckert wieder und die Wanderung beginnt ziemlich verspätet.

Die kleine Stadt hat einen berühmten Sohn:
Heinrich Schliemann, deutscher Archäologe und Kaufmann, der vor allem für seine Ausgrabungen in Troja bekannt ist, wurde 1822 in Neubukow geboren.
Die Stadt ist stolz auf seine Verbindung zu diesem berühmten Sohn und erinnert an Schliemanns Leben und Werk, bietet Besuchern die Möglichkeit, mehr über ihn zu erfahren. Leider nicht an diesem Sonntag- alles geschlossen!

Also weiter zur Fischtreppe am Mühlenteich.

Die historische Wassermühle arbeitet nicht mehr. Eine 107 m lange Fischtreppe ermöglicht es Fischen, Wehre, Staudämme und andere Hindernisse zu überwinden.
Wir sehen keine Fische, die über Treppen schwimmen, weder einen Stichling oder eine Rotfeder geschweige denn eine Forelle.

Kleine Pause, die zum Schlafen genutzt wird

Über einen gut ausgebauten Wanderweg gelangen wir später durch das Hellbachtal, dem „Grünen Gürtel“ der Stadt, wieder zurück in die Stadt.

Der Hellbach führt seinen Lauf bis in das Salzhaff fort, einem Paradies zum Baden und Surfen.


Zurück im Fischerdorf haben die Kreuzfahrtschiffe den Hafen verlassen und werden nun bis Oktober regelmäßig Warnemünde anlaufen.

Strandwanderung – geht immer …

Sprich mit ihnen

Der Frühling ist da.
In den Gärten wird gewerkelt und auch bei mir wächst das Verlangen nach etwas Wühlen in der Erde. Meine Garten- und Pflanzenkenntnisse waren früher eher bescheiden, da ich ohne Garten aufwuchs, also ohne eigenen Garten. In unserem Dorf gab es natürlich eine Gartenanlage und dort holten bzw. klauten wir uns das Obst, wenn die Früchte reif waren. Wir krochen durch ein gebuddeltes Loch unterm Zaun hindurch in fremde Gärten und „ernteten“ Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche, alles, was gerade reif war. Einer stand Schmiere und warnte alle anderen bei Gefahr. Es wurde brüderlich geteilt. Immer. Einmal erwischten sie uns und wir mussten zum Schuldirektor zur Aussprache. War nicht lustig.
Natürlich bin ich nicht stolz darauf, heute.
Inzwischen nenne ich einen Minigarten von 58 m2 mein eigen – ohne Zaun. Ein kleiner, feiner Garten mit geringer Selbstversorgungsaufgabe, nur zur Freude und Entspannung. Gewürzpflanzen, Sträucher und Blumen! Mehr nicht. Aber auch das muss im Frühling gepflanzt bzw. bearbeitet werden.
Ich gestehe, dass ich in den letzten Jahren auch Pflanzen beim Discounter vorn mit ‘A…‘ gekauft habe und höre einige beim Lesen aufschreien: Wie kann man da Pflanzen kaufen! Man kann. Sie sehen oftmals etwas ‚mitgenommen‘ aus und erinnern mich an Stiefkinder im Märchen. Diese bekamen zu essen und zu trinken, hatten ein Bett und das, was es zum Leben braucht. Aber große Zuwendung, die bedingungslose Liebe, die hatten sie nicht. Wie die Pflanzen beim Discounter. Trocken und mit hängenden Köpfen stehen sie im Regal … Dann komme ich ins Spiel! Mein Ehrgeiz geht dahin, sie zu schönen und prächtigen Blumen wachsen zu lassen. Pflege! Das ist das Zauberwort und die bekommen sie reichlich. Natürlich rede ich auch mit ihnen. Jeden Tag. Sie werden es mir danken und wieder prächtig gedeihen.
Nur der Gatte reagiert eigenartig, er sagt, er wäre auch gern Pflanze bei mir. Warum nur?

Mehr Rücksicht auf FKK-Gäste

Deutschland hat gewählt.
Bald regiert ein neuer Kanzler, der sich hoffentlich erinnert, was er alles versprochen hat. Die SPD glänzt mit einem neuen starken Mann, der eigentlich mitverantwortlich ist für das miserable Ergebnis seiner Partei. Geschenkt.
Der Osten wählte blau.
Während in dieser Woche alle um eine Wahlanalyse bemüht waren, las man in Rostock auf der ersten Seite der Ostseezeitung:
Mehr Rücksicht auf die FKK-Gäste – Rostock verschärft die Regeln! Auch hier ein wichtiges blaues Thema, gemeint ist aber das Blau des Wassers, genauer gesagt der Ostsee. Es geht um den Strand und die Besucher. Nicht immer ist das Wasser blau, sondern oftmals Schattierungen nach grau/grün, meistens klar, manchmal voller Tang, manchmal Quallen – aber immer schön. Am Rand des Wassers befindet sich der Strand, der in einzelne Bereiche unterteilt ist. Um genau diese Bereiche geht es: Textil- und FKK-Strand.

Die Hansestadt will die Baderegeln an ihrer insgesamt 19 Kilometer langen Ostseeküste deutlich verschärfen. Und das trifft vor allem bekleidete Badegäste. An FKK-Stränden ist Nacktsein künftig nämlich nicht mehr optional, sondern Pflicht. Wer mit Badehose, Badeanzug oder Bikini zwischen den Nackten erwischt wird, kassiert ein Strandverbot. So jedenfalls steht es im Entwurf für die neue Strandsatzung.
Das Vorhaben polarisiert. Sollte nicht jeder selber entscheiden dürfen, wo er wie liegen möchte oder soll es Regeln geben?
Manche halten ihn für ein Heiligtum – den FKK-Strand. Besonders beliebt sind die Strände Warnemünde und Markgrafenheide vor Rostock.
Auf insgesamt 23 Seiten regelt Rostock, was am Strand erlaubt ist – und was nicht. Kleidung am FKK-Strand? Die ist künftig nicht mehr „nur“ unerwünscht, sondern verboten.

Ich bin totale FKK-Anhängerin, weil nackt schwimmen magisch ist und jeder, der einmal nackt ins Wasser gesprungen ist, weiß das. Alle Sinne werden wachgerufen und gleichzeitig in Ruhe gelassen. Die Haut spürt das Wasser und die Luft, die Augen sehen den Himmel, sehen den Horizont. Die Nase riecht den leichten Geruch nach Seetang und das Gehirn versucht die Sinneseindrücke und Bewegungen zu koordinieren, um nicht unterzugehen.
Immer wieder war FKK ein Codewort für erotische Abenteuer, sehr zum Leidwesen der „echten“ Naturalisten. Wer allerdings einmal auf Rügen oder in Prerow beim Urlaub die Hüllen hat fallen lassen, weiß, dass FKK mit Erotik nichts zu tun hat – im Gegenteil! Erotik besteht eher darin, bewusst Körperteile zu verhüllen, um sie nur für besondere Menschen sichtbar zu machen. FKK ist mehr mit einem Besuch in einer Wellness-Oase oder Sauna zu vergleichen, wo sich Nacktheit ebenfalls ganz natürlich anfühlt.
Die FKK-Bewegung kommt zwar nicht aus der DDR, fand aber dort ihre größte Anhängerschaft.
Anfangs in den 50er-Jahren war es noch unüblich, sich hüllenlos am Strand zu zeigen. Es gab sogar ein offizielles Nacktbadeverbot der Volkspolizei. Aber in diesem Punkt setzte sich die DDR-Bevölkerung durch: Nacktbaden war Privatsache und so widerstand man der Staatsmacht. Es wurden von Jahr zu Jahr mehr, die FKK zu ihrer Urlaubsnormalität machten. In Prerow, auf dem berühmten Zeltplatz in den Dünen, entwickelte sich ein kleines Paradies für die Nacktbader aller Altersstufen.
Die Frage steht, ob alles geregelt werden muss?
In diesem Fall bin ich dafür. In den letzten Jahren hat es extrem zugenommen, dass bekleidete Badegäste in den Bereichen des FKK lagen und das stört einfach. Hinzu kamen nun die vielen männlichen ‚Fachkräfte‘, die noch nicht arbeiten dürfen, jung sind und viel Zeit haben. Sie wandern am Strand auf und ab, meist in Gruppen und schauen. Selten aufs Wasser. Landein ist interessanter. Alles nachvollziehbar. Auch wenn ich damit zu den Spießern zähle, ja, ich bin für diese neue Strandregel.
Auch meine Frauen-Strand-Gruppe ist dafür und neugierig auf ‚unbekannte Landschaften‘.

Ein etwas anderer Wahlsonntag

Heute wird gewählt und alle sind gespannt, welche Partei in Deutschland den neuen Kanzler stellen wird.

Auch 1979 gab es Wahlen, die Kommunalwahlen am 20. Mai in der DDR. Das Ergebnis hatte keinen Einfluss auf die Fraktionen. Deren Größe wurde im Voraus festgelegt. Die Wahlbeteiligung lag bei 99,18 % oder anders gesagt, 21.220 Stimmen wurden als Gegenstimmen ausgezählt. Am höchsten war die Ablehnung in Berlin, am niedrigsten im Bezirk Rostock.

Der 20. Mai, ein Sonntag, versprach ein sonniger Tag zu werden. Der Mai war bis dahin insgesamt sehr warm und hatte viele Frühsommertage im Gepäck. Ich lag damals schon mehrfach am Strand und badete in der kühlen Ostsee.
An diesem Sonntagmorgen verspürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz und fiel in Ohnmacht. Großer Schreck! Immerhin war ich im 6. Monat schwanger war. Als ich zu mir kam, hatte ich heftige Bauchschmerzen, rechts und links, die nicht nachlassen wollten. Ein Notarzt untersuchte mich und meinte, es sei eine Blinddarmentzündung, die auch in den linken Bauchraum ausstrahlen kann. Ich lag gekrümmt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Bett und er meinte nach einem längeren Blick, dass ich in die Klinik muss, um eine genaue Diagnose zu stellen und auch wegen der Schwangerschaft.
Es war Sonntag und die Frauenklinik nur notdürftig besetzt. Der diensthabende Arzt wurde nach einem kurzen Blick und Gespräch mit mir zu einem anderen, dringenden Notfall gerufen. Es gab kein freies Bett und man stellte mich in einem Feldbett auf den Flur der Entbindungsstation. Durch die geschlossenen Türen waren die Schreie einer Frau zu hören, die gerade von einem Kind entbunden wurde. Dazwischen beruhigende Worte der Hebamme, die gegen das Schreien und Wimmern der Frau nicht ankam. Hört das denn gar nicht auf? Bis dahin hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht, wie es bei einer Entbindung zugeht.
Nach über zwei Stunden kam der Arzt endlich zurück, untersuchte mich gründlich und auch er meinte, es kann nicht sein, dass ich links und rechts Schmerzen habe. Es sei der Blinddarm, der die Schmerzen verursacht, aber er wolle vorsichtshalber einen Chirurgen hinzuziehen. Dieser kam aus der Universitätsklinik und bestimmte, es wird operiert. Und das sofort in der Frauenklinik, weil sich mein Zustand sehr verschlechtert hatte. Meinem Mann wurde gesagt, dass es nicht um das Kind, sondern nur um die Frau geht. Er muss mit allem rechnen.

Inzwischen war Hektik ausgebrochen und ich wurde in einen Saal geschoben. Als die Schwester mit der Maske für die Narkose kam, schob sie ein Mann zur Seite und fragte mich, ob ich denn auch gewählt habe !!!?
Jetzt war klar, warum Rostock die niedrigsten NEIN- Stimmen bei den Wahlen hatte. Jede, wirklich jede Stimme wurde eingeholt.

Die Operation mit einem langen Schnitt vom Bauchnabel abwärts verlief gut und man entfernte den vereiterten Blinddarm. Während der OP hob der Gynäkologe, der die ganze Zeit anwesend war, die Gebärmutter und sah, dass es einen Darmverschluss gab! Nun waren auch die Schmerzen links erklärbar.
Unser Sohn kam im August ohne medizinische Eingriffe ganz normal auf die Welt. Viele Jahre später traf ich den Gynäkologen wieder und er fragte mich, ob ich mich an ihn erinnere. Und ob ich mich erinnerte! Immerhin hat mir er das Leben gerettet. Er erzählte mir, dass ‚mein Fall‘ damals im Ärzteblatt als ungewöhnlich beschrieben wurde.

Eigenartig, woran ich mich an einem Wahlabend erinnere.

Der perfekte Genuss

Ich bin ein Gourmet.
Will sagen, ich bin ein Feinschmecker, eine Genießerin von raffinierten Speisen und anderen Delikatessen. Eine Gourmand, die französische Variante des Gourmets, bin ich nicht, denn das würde bedeuten, ich wäre ein „Leckermaul“ bzw. ein „Vielfraß“. Ersteres trifft zu, manchmal, das zweite nicht so ganz. Wobei? Es gibt Momente, da überrollen mich meine Gelüste und ich werde zum hemmungslosen Vielfraß.
Eine Zeitlang arbeitete ich als Gutachterin für Lebensmittel und wurde deshalb regelmäßig getestet, inwieweit ich Geschmack, Gerüche und Farben erkenne und einordnen kann. Die vier Geschmacksrichtungen galt es in geringer Konzentration zu erkennen. Farben von hell nach dunkel einordnen, klingt erst einmal harmlos, stimmt. Die einzelnen minimalen Farbnuancen zu unterscheiden, gelingt nicht jedem. Beim Geschmack ist es ähnlich. Die Zunge hat verschiedene Geschmacksbereiche. Süß schmeckt man hauptsächlich an der sensiblen Zungenspitze. Am Zungenrand und auch an der Spitze wird salzig wahrgenommen. Sauer schmeckt man nur am Zungenrand. Bitter wird am Zungengrund wahrgenommen. Probiert es einmal aus! Einen Geschmack, der sich ‚umami‘ nennt, gab es zu meiner aktiven Zeit nicht. Dieser Geschmack wird durch Glutamat ausgelöst, der eine schlechte Qualität ‚verschleiern‘ kann. Negative Auswirkungen von Glutamat sind nicht nachgewiesen,
„Oh, das riecht aber gut!“, hört man oft, aber wonach genau? Geruch hat viele Bezeichnungen wie Aroma, Duft, Gestank. Es kann als angenehm (Duft, Aroma) oder aber als unangenehm über die Nase mit ihren Rezeptoren wahrgenommen werden. Im Alter lässt der Geruchssinn nach, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Frauen riechen im allgemeinen besser als Männer. Nicht immer auf den Körpergeruch bezogen!Geruchsempfindlichkeit kann zu abnormalen Geschmacks- und Geruchswahrnehmungen führen und das wiederum zu Heißhunger oder Abneigung. Irgendwo las ich, dass sich im Alter die Empfindlichkeiten zu Geruchs- und Geschmackswahrnehmung zunehmend verschlechtern.
Kann auch von Vorteil sein, zB bei Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln.


In den 80iger Jahren wurde ich vom Ernährungsinstitut Potsdam-Rehbrücke in eine Arbeitsgruppe berufen, die sich mit Mayonnaisen beschäftigte. Ziel war es, eine kalorienreduzierte Salatsauce zu entwickeln. Der Zuckeranteil wurde durch Saccharin ersetzt, einem der ältesten synthetischen Süßstoffe. Der Kalorienzahl konnte gesenkt werden, aber bei mir und vielen anderen hatte Saccharin eine „durchschlagende“ Wirkung. Ich verpasste mehrfach meinen Zug zurück in die Heimatstadt, weil ich auf der Suche nach einer Toilette war.
Während ich Saccharin gar nicht vertrage, reagiert mein Magen auch auf normalen Zucker und meldet sich mit Magengrummeln. Hm, Zuckerallergie? Mein Körper signalisiert mir: lass Süßigkeiten und Süßspeisen weg oder iss es in Maßen! Ich höre auf meinen Körper. Immer. Also esse ich so gut wie keine Süßigkeiten und wenn Schokolade, dann bittere. Ich gebe zu, dass das inzwischen einen leichten Suchtcharakter angenommen hat, seitdem ich entdeckt habe, dass bitter nicht gleich bitter

schmeckt. Meine beiden Favoriten sind Schokoladen mit Kakaobohnen aus Madagaskar bzw. aus Sāo Tomé. Auf den ersten Geschmack unterscheiden sie sich wenig. Der Kakao aus Madagaskar hat eine frische Note, etwas fruchtig, eine ganz leichte Säure und als Schokolade verarbeitet einen guten Schmelz. Im Mund schmilzt die Schokolade ganz langsam. Durch das Bewegen mit der Zunge, das Rollen gegen den Gaumen und die Wärme entfaltet sich der Geschmack des Kakaos, der mit 75% hoch ist.
Ähnlich verhält es sich bei der Schokolade aus São Tomé, ebenfalls 75 % Kakao. Auch hier eine leichte Würze, fruchtig mit einem intensivem Aroma. Anders ist, dass der Schmelz langanhaltend auf der Zunge zu spüren ist. Göttlich! Es braucht deshalb nicht viel, um den Heisshunger auf Schokolade zu stillen.
Dadurch, dass keiner meiner Mitbewohner Bitterschokolade mag, reicht eine Tafel sehr lange und ist Stück für Stück der perfekte Genuss!

Wo warst du?

Wir laufen die Stufen hinunter zur Garderobe. Wenige Leute stehen an. Die Vorstellung beginnt erst in einer halben Stunde. Wie immer sind wir zu zeitig da und mich trifft der etwas nervige Blick des Gatten. Schnell sage ich, dass wir heute rechts im Rang, Reihe drei Plätze haben. Diesmal in der Mitte der Reihe. Weiß ich doch, kommt die Antwort, war ja bei der Buchung dabei. Wir schlendern in den Vorraum des Theaters, schauen rechts und links, treffen auf ein Ehepaar aus unserem Ort. Unsere Kinder gingen zusammen in den Kindergarten und später in die Grundschule. Es kommt rasch ein Gespräch zustande. Natürlich über Kinder, wo sie jetzt wohnen, was sie tun, über die Enkel. Aktuelle Politik wird nicht ausgespart und die Bekannte erinnert sich plötzlich, dass die Kinder für einen Elternabend im Kindergarten Panzer gebastelt haben. Hä? Sicher erinnere ich mich nicht an alles, aber daran, so es wahr ist, bestimmt. Ich frage nach, etwas irritiert und sie besteht auf ihrer Aussage. Die Kinder waren 4-5 Jahre alt, die Erzieherin, die sie damals hatten, hatte mit Politik nichts am Hut, war sehr kreativ und beliebt bei den Kindern. Definitiv hat sie keine Panzer gebastelt. Ich frage nach, keiner erinnert sich. Eigenartig. Ein Klingeln ertönt und ich sage, dass wir jetzt auf unsere Plätze gehen können, Rang, Treppe hoch. Als ich oben ankomme, mich umdrehe, bin ich allein. Der Gatte wird wohl nochmals für kleine Jungs sein. Ich schaue, wo die Plätze sind, bleibe aber draußen stehen. Inzwischen ist es fünf vor halb und ich stehe immer noch allein. Wollen Sie Platz nehmen? höre ich die junge Einlasserin, wahrscheinlich eine Studentin, fragen. Nein, der Gatte kommt noch. Er kommt nicht. Schon etwas ungewöhnlich und ich werde unruhig. Ist ihm etwas passiert? Nicht, dass er vom Panzer überrollt wurde. Schnell laufe ich die Treppe hinunter, schaue auf die Herrentoilette, rufe seinen Namen. Nichts. Wieder oben angekommen, setze ich mich auf einen Platz um Ende der Sitzreihe, den mir die Einlasserin überlassen hat.
Das Konzert beginnt.
Ich kann mich nicht konzentrieren. Wo ist der Gatte? Ist ihm etwas passiert? Mir gehen die verrücktesten Gedanken durch den Kopf. Was, wenn ihm echt etwas passiert ist?
Ich habe keinen Schlüssel mit, käme nicht mal ins Haus. Drei Leute fallen mir ein, bei denen ich klingeln kann. Auf der Straße brauchte ich nicht schlafen. Ich habe natürlich auch kein Geld mit, wie immer. Draußen ist es glatt, wenn ich nun hinfalle ….
Ein lautes Klatschen ertönt. Pause. Ich laufe die Treppe hinab und sehe den Gatten. Seelenruhig unterhält er sich mit einer Bekannten. Wo warst du denn? fragt er mich. Ich kann es nicht fassen! Wo ICH war? Auf den reservierten Plätzen – und du? Ich saß dritte Reihe, Parkett und sagte der Einlasserin, dass meine Frau die Karten hat und ich nicht verstehe, wo sie bleibt.
Ein lautes Klingeln ertönt. Pause schon zu Ende? Nein, es ist der Wecker, der klingelt.

Ich erwache.

Unterwegs im Zug

Wenn die Familie ruft, speziell die lieben Kleinen, dann eilen die Grosseltern und die Entfernung wird nebensächlich. Zumindest bei der Planung. Aber knapp tausend Kilometer wollen zurückgelegt werden. Auto? Eher nicht, da das Wetter nicht vorhersehbar ist. Kurzfristige Vorhersagen gibt es schon, aber der Kauf eines Zugtickets muss frühzeitig erfolgen, um in den Genuss eines preisgünstigen Tickets zu kommen.
Der Ruf der Bahn war und ist nicht der beste. Neulich las ich, dass 37,5 % der Fernzüge im letzten Jahr Verspätung hatten. Der Regionalverkehr schneidet besser ab, da waren 90,3 % der Züge pünktlich.
Ich fahre gern mit dem Zug, immer schon. Züge üben seit jeher eine Faszination auf mich aus. Es liegt am Fernweh, das mich mein Leben lang begleitet. Ich wohnte früher zwischen Leipzig und Dresden, wo es starken Personen- und Güterzugverkehr gab. Das Kind, das am Bahndamm stand und den Fahrenden zuwinkte, war ich. Die meisten der Fahrgäste winkten zurück. Ich stellte mir ab und zu vor, dass der Zug anhält, jemand aussteigt und mich fragt, ob ich mitfahren will. Ich wäre sofort eingestiegen, einfach weg, in einen anderen Ort, andere Familie, weg von den zankenden und kreischenden Geschwistern. Dass ich mittendrin und nicht unschuldig war, verdrängte ich. Es waren immer die anderen, niemals ich.
Später wurden ich Mitglied im Zirkel „Junge Modelleisenbahner“ und wir besuchten den Hauptbahnhof in Leipzig, den grössten Kopfbahnhof in Europa. Die gesamte Fassade misst fast 300m. Wir durften damals mit der Lok fahren, jeder eine Schippe voll Kohlen in den Heizkessel werfen, Dampf ablassen und an den Hebeln drehen. Es war aufregend.

Weniger aufregend war das Basteln an der Platte, mir fehlte schnell die Geduld für diese filigranen Arbeiten.
Zum Studium fuhr ich von Riesa nach Berlin und musste in Elsterwerda umsteigen. Die Züge waren damals immer voller Menschen, die im Gang standen, teils auch saßen. Ich hatte mir angewöhnt, vor dem Einsteigen von außen zu schauen, ob ein Platz von den Aussteigenden frei wurde, dann an die Scheibe geklopft, einen Finger gezeigt, dass ich einen Platz möchte und bin dann eingestiegen. Hat oft geklappt.
An ein Zugerlebnis erinnere ich mich und bekomme heute noch Herzklopfen. Wir, drei Studienfreunde, fuhren von Berlin zu einem Praktikum an die Ostsee in einen Lebensmittelbetrieb. Die Fahrt war lustig, es wurde viel gelacht. Kurz vor Rostock musste ich auf Toilette, überlegte noch, auf dem Bahnhof zu gehen, aber bei der Überlegung blieb es. Ich rannte los, während die anderen ihre Sachen zusammenpackten. „Sollen wir warten?“, fragten sie mich und ich verneinte.
Es kam, wie es nie wieder kommen soll, ich bekam die Tür von innen nicht auf! Hörte, wie der Hauptbahnhof Rostock angekündigt wurde, klopfte an die Tür, rief, hörte wie jemand einen anderen fragte:
„Hörst du das Klopfen?“
„Nein, beeil dich lieber!“
Es wurde ruhig im Zug, meine Panik stieg! Plötzlich öffnete sich die Tür des WC und ich war sehr erleichtert. Aber nur einen kurzen Moment. Der Zug fuhr schon weiter. Nur wohin? Rostock war Endstation! Er fuhr auf ein Abstellgleis, eine ganze Strecke vom Bahnhof entfernt und ich rannte auf den Gleisen zurück. Die Zugtüren liessen sich damals noch einfach öffnen.
Das war damals und heute ist alles ganz anders.
Richtig voll ist meist nur der Regionalzug von Rostock nach Hamburg, für den IC bzw. ICE gibt es Platzkarten, die auch der Inflation unterworfen sind und jedes Jahr teurer werden. Von Rostock nach Freiburg gibt es eine gute Verbindung. Das Problem ist, dass die Zeit zum Umsteigen in HH gerade Mal sechs Minuten sind. Also – vergessen! Diese Herausforderung schafft die Bahn nicht. Deshalb mit dem Regionalzug nach HH -diesmal nur 11 Minuten Verspätung- und 40 Minuten Aufenthalt bis zur nächsten Abfahrt. Der Bahnhof ist gross, belebt und man kann die Menschen beobachten. Oder Kaffee trinken.
Dann fährt er ein, der ICE nach Zürich über Freiburg. Ich habe das Gefühl, ganz Deutschland will mit diesem Zug fahren. Er ist sehr lang und ausgebucht. Wir haben Platzkarten, genauso wie die zwei miteinander befreundeten Paare vor uns am Tisch, die sich lautstark unterhalten und später Karten spielen. Jeder Spielzug wird kommentiert! Laut kommentiert. War jetzt nicht das Problem, eine andere Sache stört mich wesentlich mehr. Sie müssen im Wald oder auf einer Insel wohnen, wo es kein Wasser und keine Seife gibt. Der aufsteigende Geruch erinnerte mich an die pubertäre Zeit der Kinder, wenn ich am frühen Abend in ihr Zimmer kam, in dem sie mit Freunden spielten und dachte: Antilopenstall!!
In Frankfurt stiegen sie aus, nicht ohne lauthals zu verkünden, dass sie nach Brasilien weiterreisen. Die Glücklichen.
Im ICE steht Wlan mit einem Filmprogramm zur Verfügung.
„Tatsächlich …Liebe“, der Film, den ich schon zig Mal gesehen habe, stand auch zur Auswahl. Und natürlich wieder geguckt und wieder an den gleichen Stellen geheult! Versuchte, es etwas zu verbergen, aber der Gatte fragte:
„Bekommst du wieder Schnupfen?“
„Ja“, antwortete ich leicht schluchzend, „aber nur, bis der Film zu Ende ist …“
Die Verspätung in Frankfurt betrug 12 Minuten aber bis Freiburg gab der Lokführer alles und verkürzte bis Freiburg auf acht Minuten.
Dort angekommen, hofften wir auf einen grossartigen Empfang, warteten fünf Minuten auf dem Bahnsteig und liefen dann in die Haupthalle. Und da kam er, der Anruf:
„Oma, wo bleibt ihr denn? Wir sehen euch nicht!“
Dem konnte ganz schnell abgeholfen werden und wir fielen uns nach 11h Reisezeit in die Arme.

November- Blues in Venedig

Wie? Ihr wollt Ende November nach Venedig? Warum das denn und warum nicht im Sommer?
Ja, warum? Weil mir seit ewigen Zeiten der mysteriöse Film WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN im Kopf spukt. Donald Sutherland und Julie Christie im November in Venedig, wo die Gondeln aus dem Nebel, wie aus dem Nichts auftauchten, Menschen in dunklen Gassen verschwanden und das alles in einem wunderbaren Licht. Bilder, die sich in meinem Gedächtnis eingebrannt haben.

Vor 15 Jahren waren wir schon einmal in Venedig und waren begeistert vom Licht. Der Nebel fehlte. Ob er diesmal da ist?
Wir wollten es wissen.
Für eine Reise sprach außerdem, dass weniger Touristen unterwegs sind, man nirgends lange anstehen muss, milde Temperaturen herrschen. Die Vorfreude, den tristen, norddeutschen November zu verlassen, war groß und die Überraschung, die die Bahn für uns auf dem Weg zum Flughafen bereithielt, noch viel größer. Sie schaffte es, auf der Strecke von Rostock nach Hamburg (ICE,normal 2,2h) 72 min Verspätung einzufahren! In Hamburg angekommen kam die Durchsage, dass die S-Bahn zum Flughafen aufgrund eines Stellwerkschadens nicht fährt. Schnappatmung!
Eine halbe Stunde vor Abflug standen wir vor dem Check-In. Der Mitarbeiter hörte sich an, weshalb wir den Flug nicht geschafft haben und meinte lakonisch: Pech gehabt! Da müssen Sie ein neues Ticket kaufen. Nun kam mein Auftritt, indem ich mit tränenerstickter Stimme sagte, dass wir ein Jahr lang auf diese Reise gespart haben, ewig nicht im Urlaub waren und es doch nicht sein kann, dass das alles vergeblich war? Er schwieg, wühlte in ominösen Papieren und ehe ich erneut weitersprechen konnte, meinte er, dass es nun gut sei, er verstanden habe und eine Ausnahme mache, indem er aus Kulanzgründen neue Tickets ausstelle. Das sei eine Ausnahme und ich solle nicht denken, das gehe immer so oder vielleicht sogar nochmals wiederkommen! Nein, nein, natürlich nicht und wenn die Glasscheibe nicht zwischen uns wäre, würde ich ihn auf die Stirn küssen, meinte ich dankbar. Das solle ich um Gottes Willen lassen, sagte er daraufhin ganz erschrocken.
Ich ließ es.
Nach dreieinhalb Stunden waren wir in Venedig. Der Himmel weinte bei unserer Ankunft. Freudentränen? Ich werde es nie erfahren.
Den Stadtplan hatte ich fast auswendig gelernt und der Weg zum Hotel war mir deshalb bekannt. Theoretisch! Es war dunkel und im Plan war eine Brücke eingezeichnet, es waren aber drei, fast nebeneinander, aber verwinkelt.

Ankunft, Blick vom Hotel

Das Hotel entschädigte für alles und wir saßen am Abend das erste Mal in einer Trattoria. So schön, das Essen, der Wein und alles andere.
„Eine italienische Mahlzeit ist wie eine Reise – man beginnt mit einer Kostprobe und endet mit einem Gefühl der Zufriedenheit.“
Wer immer das sagte, er hatte Recht.

Kalamar-Salat

Das Hotel lag strategisch gut, so dass wir alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß erreichten. Das Ziel war immer auch der Weg dahin. Ich vermute, dass viele der Leser schon einmal in Venedig waren und wissen, wovon ich schreibe.
Wir erfreuten uns an Venedigs Architektur, imposanten Kirchen, schönen Plätzen sowie an netten Cafés und Restaurants. Dabei überquerten wir über Brücken kleine und große Kanäle, an denen so mancher Gondoliere um Kundschaft warb.
Sechs Tage liessen wir uns treiben und besichtigen die Stadtteile San Marco, Castello, San Polo, Santa Croce, Dorsoduro und Cannaregio sowie die Insel Lido. Dabei zog uns Venedig in seinen Bann. Wir waren schon in vielen Städten, aber Venezia ist schon etwas Besonderes.
Immer wieder schmale Gassen, in dieser Zeit kühl und dunkel, aus denen man ins Licht auf einen der Plätze gelangte.

Seufzerbrücke

Ich weiss gar nicht, wieviele Kirchen, Basilikas Venedig hat, wollte nachzählen. Ich schaffte es nicht. Angenehm war, dass wir so gut wie nie bei Besuchen von Museen, Kirchen, Türmen oder Restaurants anstehen mussten. Einer der Tage begann mit Nebel, der sich schnell auflöste und der Sonne Platz machte, die die nächsten Tage blieb.

Blick aus dem Hotel

Strahlender Sonnenschein bei 9-11 Grad. Keinerlei Nebelschwaden.
Der Markusplatz stand nicht unter Wasser.

Der Canal Grande sorgte auch bei uns für nachhaltige Eindrücke. Die 3,5 Kilometer lange, stark befahrene Wasserstraße führt mitten durch Venedig und vorbei an einigen der bekanntesten Sehenswürdigkeiten, was vom Wasser aus besonders eindrucksvoll war.
Vom Canal Grande abgesehen, ist die Strada Nova im nördlichen Stadtteil Cannaregio die Hauptstraße von Venedig. Sie führt vom Bahnhof Santa Lucia in Richtung Markusplatz –allerdings an Land– und eignet sich gut, um ein erstes Gefühl für die Stadt zu bekommen.
Im Osten flankiert der Markusdom den Markusplatz. Er zählt zu den eindrucksvollsten mittelalterlichen Bauwerken in dieser an architektonischen Meisterwerken nicht gerade armen Stadt. Die Fassade der prächtigen Kathedrale zieren goldene Portale. Im Inneren sorgen die rund 8500 Quadratmeter großen Mosaike und kunstvoll bemalten Kuppeln für Staunen und Genickstarre.

Auch über den Markusplatz hinaus ist der 99 Meter hohe Campanile –der Glockenturm des Markusdoms– schon von weitem zu sehen. Hier soll bereits Galileo Galilei sein Fernrohr getestet haben. Von oben eröffnen sich tolle Panoramablicke auf Venedig und die umliegenden Inseln. Ohne Anstehen ging es hinauf und hinab per Fahrstuhl. Wunderbar! Die Aussichten- wiederum wunderbar.

Mich beeindruckte außerdem dieser verrückte Buchladen, die Libreria Acqua Alta, der weit über Venedig hinaus bekannt ist. Vor allem dann, wenn es in Venedig heisst „Land unter“! Die schönste Buchhandlung der Welt? Ich sage ja! Trotz Chaos, aber mit Charme.
Die meisten Bücher liegen wild gestapelt in einer originalen Gondel oder großen Badewannen. Hier vermischen sich auf höchst dekorative Art und Weise alte mit neuen Büchern in verschiedenen Sprachen. Es ist zwar eng und dunkel, aber es hat was.
Neben Büchern gibt es u.a. Bilder, Zeichnungen, Poster, Kalender und schöne Postkarten zu kaufen.

Ganz in der Nähe befindet sich der Campo Santa Maria Formosa, wo man draussen sitzen, sich die Sonne ins Gesicht scheinen und Aperol Spritz geniessen konnte. Wusstet ihr, dass der Spritz eine venezianische Erfindung ist? Allein deswegen nutzten wir die Zeit vor dem Abendessen, um einen Spritz zu geniessen. Gemischt mit Aperol, Campari oder klassisch mit Select (einer venezianische Spirituose), Prosecco und einem Schluck Soda stimmten wir uns auf die Abende ein.

Natürlich besichtigten wir das Teatro la Fenice und hätten Karten für die Abendvorstellung kaufen können, „Othello“, 5.Rang, Reihe 4, links. Wir hätten gut gehört. Gesehen? Der Gatte wollte nicht. Ich auch nicht.

Zwei Tage vor Abreise bekam ich einen ungebetenen Gast, der sich nicht abweisen ließ, sondern penetrant auf Einlass bestand. Noros-Virus! Es überraschte mich im Fahrstuhl mit schwallartigem Erbrechen und Durchfall, was sich einige Stunden hinzog. Ich bin dankbar, dass wir diesmal nicht in einer FeWo sondern im Hotel wohnten. Immer wieder Dank an das Personal! Abends um acht begann es und am nächsten Morgen starteten wir gegen zehn Uhr zum letzten Stadtspaziergang. Etwas schwach, mit Zwieback und Wasser – danke an mein Immunsystem :-)!
Das Grassi-Museum und der Palazzo Contarini Bovolo (Schneckenturm) standen auf dem Plan. Pech gehabt! Dienstags sind die Museen geschlossen. Also kein Grassi-Museum. In allen anderen Museen waren wir und konnten es verschmerzen.

Der Schneckenturm brachte ein besonderes Erlebnis. Nachdem ich die vielen Stufen erklommen hatte, traf ich vor dem Abstieg auf eine Frau, die verängstigt an der Treppe stand. Sie hatte Höhenangst und wusste nicht, wie sie es schaffen soll, die Stufen hinabzusteigen. Natürlich half ich ihr und bevor wir unten ankamen, wusste ich ein ganze Menge aus ihrem Leben an der Mosel. Auf jeden Treppenabsatz blieben wir stehen und erzählten, da auch sie selbständig war und mit den unterschiedlichsten Kunden Umgang hatte. Wir lachten viel. Unten angekommen, war ihr Mann glücklich, dass er seine Frau wiederhatte.
Wir schlenderten den restlichen Tag um den Markusplatz, besuchten das Luxuskaufhaus Fondaco dei Tedesci und schauten von der Dachterrasse hoch oben auf die Stadt.

Ein atemberaubender Blick!
Am Abend ein letzter Blick vom Vaporetto auf die Stadt mit ihren prachtvollen Bauten und die Rialtobrücke, auf eine Stadt der Freude und des Vergnügens.

Gibt es ein nächstes Mal?
Nicht unbedingt. Aber die Sehnsucht nach Venedig im Nebel bleibt …

Treppe

(Kurzgeschichte)


Ich stolpere, verliere den Halt und werde von einer Hand, die von einem schwarzen Leinensacko halb verdeckt ist, gehalten. Vor Schreck schließe ich die Augen, mir wird schwindlig.
Mir bleiben an diesem Morgen fünfundzwanzig Minuten, dann würde ich es schaffen. Ich hasse es, zu spät zu kommen und beschließe, am Holbeinplatz umzusteigen und nicht am Hauptbahnhof, weil ich dort nur zwei Treppenabsätze runterlaufen brauche. Der Fahrkartenautomat ist defekt. Auch das noch!
Wieso war ich in letzter Zeit so fertig und wegen jeder Kleinigkeit aufgeregt? Es war seit der Trennung von Richard, über die ich einfach nicht hinwegkam. Ich war es, die sich getrennt hatte und wie es so schön heißt: in gegenseitigem Einvernehmen. Als ob man sich so trennen könnte! Einer verließ und einer wurde verlassen, so war das. Die nächste Station? Lütten Klein, ich habe noch Zeit, die Trennung, sie geht mir nicht aus dem Kopf, trotzdem sie fast ein Jahr zurückliegt.

Es war nie bewiesen worden, dass Richard mit seiner Assistentin ein Verhältnis hatte. Sie stritt es ab, er auch, gesehen hatte sie niemand. Wieso war ich davon überzeugt, dass sie ein Verhältnis hatten? Ich vermisse ihn. Immer noch. Zwei Jahre Zusammenleben waren nicht so einfach auszulöschen. Er hatte eine leichte Art im Umgang mit Menschen, man vertraute ihm schnell. Wenn er den Raum betrat, veränderte sich die Atmosphäre und er war sofort der Mittelpunkt. Außerdem war er ein guter Zuhörer, besonders wenn jemand seinen Rat suchte, Probleme hatte. Und er hatte eine fröhliche Seite, hatte mich oft zum Lachen gebracht. Einer seiner Schwachpunkte war seine ständige Sucherei. Damit hat er mich wahnsinnig gemacht. Wenn ich nur daran denke, wenn der Fahrkartenkontrolleur kam und er seinen Fahrschein nicht finden konnte. Bei ihm musste immerzu etwas passieren. Er saß selten still. Zu Frauen hatte er ein spezielles Verhältnis. Sie waren für ihn Inspiration auf jeder Ebene. Er faszinierte natürlich auch Männer und sie ihn, aber das wollte ich nie sehen. Ich wusste um meine Eifersucht, diesem Gefühl aus Angst und Traurigkeit. Dieser beunruhigende Zustand resultierte aus einem vorgestellten oder tatsächlichen Entzug von Liebe oder Aufmerksamkeit. Er beteuerte immer wieder, dass es nur der Mensch sei, der ihn interessierte, nicht die Frau. Ich glaubte es ihm am Anfang, später nicht mehr. Wieso musste er die Frauen ständig berühren, wenn er mit ihnen sprach? Ich berührte doch auch niemanden. Aber war es nicht genau das, was mich an ihm so fasziniert hatte? Diese lockere Art mit allem umzugehen? Mit meinen Eifersuchtsattacken hatte ich uns das Leben zur Hölle gemacht, es waren keine Unterhaltungen möglich, wir gingen nicht aus, stritten uns wegen Kleinigkeiten. Durch meine Abhängigkeit von ihm hatte ich mehr und mehr mein Selbstwertgefühl untergraben und dann verloren. Ich zog aus und suchte mir eine kleine Wohnung. Vor sechs Monaten lernte ich Ralph kennen, der mir gleich das Gefühl von Ruhe und Sicherheit gibt. Er arbeitet im Nachbarinstitut. Während eines Meetings saßen wir nebeneinander und kamen so in Kontakt, der schnell intensiver wurde. Das Leben mit ihm verläuft gleichförmig. Der Besuch von kulturellen Veranstaltungen wird abgesprochen. Unangemeldete Besuche gibt es nicht. Wir harmonieren gut miteinander und doch verlässt mich dieses Gefühl nicht, dass etwas fehlt. Nur was?

Bramow, die nächste Haltestelle ist Holbeinplatz, dann muss ich aussteigen. Der Zug hält direkt an der Treppe, ich laufe darauf zu, rempele eine Frau an, komme ins Stolpern, falle fast die Treppe hinunter und kann mich gerade noch am Geländer und an einem Männerarm festhalten, der vor mir auftaucht. Ich starre auf den Ärmel, schwarzes Leinen, die Manschette des weißen Hemdes schaut hervor, nicht zugeknöpft, bei den meisten wirkt das schlampig. Ich kenne nur einen, wo es sehr lässig wirkt. Als ich aufschaue, blicke ich in die Augen von Richard. Ich fühle, wie mein Blut nach unten sackt, wie mir schwindlig wird. Ich bin doch auf dem Weg zu Ralph, ich habe doch gar keine Zeit …

Begegnungen

(Kurzgeschichte)

Wie in jedem Jahr, wenn er auf die Insel kommt, hat er das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben.
Es gibt fast keine Veränderungen, selbst das Wetter ist gleich. Immer noch stehen die älteren Bewohner des kleinen autofreien Örtchens am Ortseingang und bieten ihre Dienste beim Gepäcktragen an. Und wie in jedem Jahr hat er ein schlechtes Gewissen, den alten Leuten sein Gepäck zu übergeben. Sie sehen so gebrechlich aus, aber er weiß, dass sie diesen kleinen Nebenverdienst brauchen.
Sie sind gestern am frühen Abend in San Angelo angekommen. Den ersten Tag verbrachten sie traditionsgemäß am Maronti-Strand. Seine Frau hatte sich den üblichen Sonnenbrand geholt. Er versteht bis heute nicht, warum sie sich der Mittagssonne aussetzt. Mit leichter Temperatur liegt sie im Bett und kühlt Gesicht und Körper.
Er sitzt an diesem zweiten Abend an der Bar des kleinen Hotels, lässt seine Blicke durch den Raum schweifen, ist angenehm überrascht, als Antonio, der Barkeeper ihn fragt: „Wie immer einen Gin-Tonic, Roger?“
Es hat sich nichts verändert.
Die Bar ist nur etwa zu einem Drittel besetzt. Unweit von ihm sitzen Urlauber, dem Verhalten und der Lautstärke der Gespräche nach zu urteilen. Er beobachtet die Gruppe, während er allein an der kleinen Bar sitzt.
Die schlanke, lebhafte Frau im hellen Hosenanzug ist ihm sofort aufgefallen. Diese schrägstehenden Augen, der kurze Pagenschnitt und wie sie den Kopf beim Lachen nach hinten streckt – was für eine Ähnlichkeit! Sie lacht oft und gestikuliert dabei, berührt wie zufällig ihre Nachbarn im Gespräch. Er kann der Frau keinen Mann aus der Gruppe zuordnen, sie ist zu allen gleich freundlich. Immerzu langt sie in die Schale mit Nüssen, die auf dem Tisch steht und wirft sich die einzelnen Nüsse schwungvoll in den Mund. Wie hypnotisiert muss er hinschauen. Die Haarfarbe ist eine andere, ansonsten hätte es Mareile sein können.
Mareile… Drei Jahre liegt die Begegnung nun zurück. Wie oft hat er in diesen drei Jahren daran gedacht? Er kann sie einfach nicht vergessen. Diese Begegnung hat ihn damals fast aus dem Gleichgewicht geworfen.
Warum fährt er wohl in jedem Jahr auf diese kleine Insel? Er hofft immer, dass sie einfach auftauchen könnte. So wie damals.
Er hat jetzt Lust, mit dieser fremden Frau über seine Begegnung zu sprechen, weiß aber gleichzeitig, dass das als Anmache gesehen werden würde. Warum eigentlich? Weil man Männern keine tiefen Gedanken zutraut, ihnen unterstellt, dass sie unfähig seien, sich zu offenbaren? Es ist ihm mehrfach aufgefallen, dass Frauen ganz überrascht sind, wenn er sich an ihren Diskussionen beteiligt. Liegt das an seinem Beruf, an seiner Ausstrahlung?
Er würde jetzt darüber sprechen wollen, von einer Frau hören, ob eine einzige Begegnung ausreicht, das Leben in Frage zu stellen.
Er schaut wieder zu der Gruppe hin, starrt die fremde Frau an, bestellt sich ein weiteres Glas Gin-Tonic und überlässt sich seinen Erinnerungen.

Seine Anwaltskanzlei drohte ihn in jenem Jahr aufzufressen. Zwei Prozesse hatte er bereits verloren. Ein Hauptmandant aus Mailand hatte ständig neue Forderungen, die er durchgesetzt haben wollte. Dies war sein größter Mandant. Er konnte es sich nicht leisten, diesen Mandanten zu verlieren. Sein Spezialgebiet war Auslandsrecht. Er arbeitete sehr viel und oft an den Wochenenden.
Freizeitmäßig lief so gut wie nichts. Seine Squashkumpel fragten nicht mehr nach, ob er zum Spielen komme.
„Melde dich einfach, wenn dir einfällt, dass du Freunde hast!“, hatte Gabriel neulich bei einer zufälligen Begegnung gesagt.
Seine Frau Angela war nicht mehr bereit, die langen Arbeitszeiten zu akzeptieren. Angela wünschte sich außerdem ein Kind. Es klappte nicht, sie wurde nicht schwanger. Sie waren beide organisch gesund, der Arzt sprach von psychosomatischen Störungen.
Sich einfach lieben, ohne dass die Frage nach dem Kind stand. Wann waren sie das letzte Mal voller Leidenschaft übereinander hergefallen, einer süchtig nach dem anderen, eintauchen, fallen lassen? Er konnte sich nicht erinnern.
Angela beschwerte sich nicht mit Worten, sie schaute nur. Alles war besser als diese Blicke!
Als er an einem Abend Mitte Mai spät nach Hause kam, lief Angela ihm entgegen, freudig erregt und sagte ihm, dass sie eine Woche Ischia gebucht habe. Der Abflug wäre in drei Wochen und sie dulde keine Ausrede. Er habe seit einem Jahr keinen Urlaub gehabt!
Er schaute auf sie, wie sie so vor ihm stand, mit leuchtenden Augen, das hellbraune Haar mit einem Tuch aus der Stirn gebunden, Lachfältchen im Gesicht, der Mund halboffen, voller Erwartung. Sie war eine schlanke, attraktive Frau.
Er war überrascht, ging in Gedanken seine Termine durch. Die Akte des Mandanten aus Mailand musste bis nächste Woche abgeschlossen sein, das andere ließe sich verschieben. Ja, meinte er zu Angela, eine Woche müsste sich einrichten lassen.
„Möchtest du ein Glas Wein?“, fragte sie ihn mit blitzenden Augen und er spürte eine leichte Erregung in seiner Körpermitte.
„Ja, gern“, rief er aus dem Schlafzimmer, wo er sich umzog. Im Spiegel sah er einen Mann in mittleren Jahren, groß, nicht schlank, dunkelblondes lockiges Haar. Er hatte einen fraulichen Mund umgeben von zwei Falten, die ihm jederzeit ein hochmütiges Lächeln erlaubten, das Lächeln der Leute, die das letzte Wort zu behalten gewohnt waren. Ich muss etwas für meine Figur tun, dachte er, ich werde fett! Nicht heute, lächelte er seinem Spiegelbild zu und setzte sich zu Angela.

Sie landeten am späten Vormittag in Neapel, fuhren vom Flughafen mit dem Taxi zum Hafen Beverello, um mit der Fähre auf die Insel überzusetzen.
Die Hitze hatte sich schon beim Verlassen des Flugzeuges wie eine Glocke auf sie gesenkt und wurde im Taxi unerträglich, da die Klimaanlage ausgefallen war. Sie hatten Glück, die nächste Schnellfähre fuhr in zehn Minuten. Eine Stunde später waren sie in ihrem Hotel.
Das Zimmer war klein und spartanisch eingerichtet, kein Telefon, kein Fernsehgerät. Ihn störte es nicht, er ließ sich auf das Bett fallen, prüfte die Matratze, fand das Bad groß und sauber, das reichte ihm.
In den nächsten Tagen unternahmen sie Ausflüge, erkundeten die Insel. Trotzdem diese Reise Angelas Idee war, konnte sie nicht entspannen.
Sie liebten sich jede Nacht. Ihm kam es manchmal wie eine Pflichtübung vor, weil Angela nie vergaß, zu erwähnen, dass es vielleicht dieses Mal klappen könnte. So viele Eisprünge konnte keine Frau haben! Leichte Unzufriedenheit kam in ihm hoch.
Selbst harmlose Bemerkungen zogen Unmut nach sich. Am vierten Morgen regte sich Angela über das einfache Frühstück auf. Der Kaffee schmecke nicht, das Büffet so leer, die Kinder im Hotel so laut, er so still. Sie hatte an allem etwas auszusetzen.
„Weißt du was“, sagte er zu ihr „ Ich finde, wir sollten uns für einen Tag trennen, jeder machen, wozu er Lust hat. Such du dir etwas, woran du dich erfreuen kannst, ich scheine es heute nicht zu sein!“
Er stand ruckartig auf, schmiss seine Serviette auf den Tisch, ließ sein Frühstück stehen und lief los.
Sie blieb regungslos zurück.

Er war einfach losgelaufen, die Straße bergauf bis in den kleinen Ort Serarra hinein. Dort kam er allmählich zu sich, wunderte sich über seinen Ausbruch. Er überlegte kurz, umzukehren, verwarf den Gedanken und beschloss, den Berg hinunterzulaufen. Er wählte den schwierigen, unbefestigten Weg. Mehrfach rutschte er aus, litt zunehmend unter der Hitze und war erleichtert, als er gegen Mittag den kleinen Ort San Angelo vor sich sah. Von weitem entdeckte er ein Hotel am Marktplatz mit einer Bar.
Die Frau in der roten Hose und dem weißen T-Shirt, die ein Glas Wein vor sich hatte und in ein Buch vertieft war, sah er sofort. Blind fasste sie in die Erdnussschale vor sich, nahm mehrere Nüsse in die Hand, bog den Kopf nach hinten und warf sich die Nüsse in den Mund. Fasziniert beobachtete er sie, um zu sehen, ob eine der Nüsse runterfiel. Sie bemerkte seinen Blick, unterbrach ihre Lektüre und schaute ihm direkt in die Augen, nicht sehr lange.
Er setzte sich schräg gegenüber. Er hatte Lust zu reden.
Sie begannen das uralte Spiel, Blick zu ihr, verstohlen, Blick zu ihm, verstohlen, kurzes angedeutetes Lächeln, das ganze von vorn. Alles solange, wie es dauert, ein Glas Wein zu trinken. Sie stand auf, bezahlte und lief Richtung Kirche. Daran, dass sie ihr Tempo verlangsamte, sah er, dass sie wusste, er würde ihr folgen.

Sie redete einfach los, ohne sich nach ihm umzuschauen.
“Können Sie sich das vorstellen? Seit Jahren fahre ich auf diese Insel und bin immer wieder begeistert! Ich mag die Natur, das Licht, die Menschen, aber am allermeisten mag ich die Thermalquellen. Wenn ich in das warme Wasser eintauche, vergesse ich alles. Ich überlasse mich meinen Gedanken und meinem Körper. Kennen Sie die älteste Thermalquelle der Insel, die Cavascura?“
„Nein, kenne ich nicht, trotzdem ich mehrfach hier auf der Insel war. Ich mag ebenfalls die Landschaft, die Leute und natürlich die süditalienische Küche. Und, übrigens, ich heiße Roger!“, sagte er lächelnd zu ihr.
„Roger? Oh, und ich heiße Mareile. Sollen wir diese alte Thermalquelle aufsuchen? Und zwar jetzt? Sie sehen zwar nicht aus wie Roger Moore, aber Sie schaffen den Weg sicher trotzdem. Es geht fast nur bergauf!“, lachte sie und begann den Berg hinaufzulaufen, ohne auf seine Antwort zu warten.
Er lief hinter ihr her, schwitzte stark und der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich rasch.
Sie war älter als Angela und nicht so attraktiv. Der Wind fing sich in ihrem kurzen Haar, so dass man ihre hellen Augen fast nicht sehen konnte. Die Hose schlackerte an ihrem Körper und wurde nur mit einem Gürtel gehalten.
Ihr Äußeres hatte etwas Widersprüchliches, helle Augen zu dunklem Haar, eine knabenhafte Figur mit vollen Brüsten. Alles zusammen wirkte sehr apart. Ihre Bewegungen waren spontan und trotzdem anmutig. Kleine Fältchen um die Augen konnten ihrer jugendlichen Ausstrahlung nichts anhaben.
Das Spielerische in ihrem Wesen faszinierte ihn schnell. Immer wieder bückte sie sich, hob Steine oder Äste auf, zeigte sie und fragte ihn, was er sich dabei vorstellte. Über seine Antworten amüsierte sie sich. Als sie sah, dass er vom Laufen völlig außer Puste war, fragte sie ihn, wann er das letzte Mal im Gras gelegen, in den Himmel geschaut und sich die in den Wolken verloren habe. Er erinnerte sich nicht, registrierte aber den Vorwand und war dankbar für diese kleinen Pausen. Die letzten Meter lief sie neben ihm.
Das war der Moment, wo ihm bewusst wurde, dass er ihrem Charme erlegen war, diesem verführerischem Charme und dass sie zu den Menschen gehörte, denen man ansehen konnte, dass sie selbst leicht zu verführen waren. Immer wieder berührte sie ihn wie zufällig, wenn sie etwas erklärte. Selbst jetzt, in diesem Moment der Erinnerung, richteten sich die Härchen an seinen Armen auf und wohlige Schauer durchrannen seinen Körper.
Ihnen blieb eine Stunde Zeit für die Therme, ein Bad in einer der steinernen Badewanne mit einer Kopfstütze aus Stein und ein kurzer Besuch in der Natursauna.
„Ich habe keine Badehose mit!“, bemerkte er etwas ratlos.
„Ja, und? Gehst du zu Hause in Badesachen in die Wanne?“, lachte sie ihn aus. Er stimmte in Ihr Lachen ein und stellte für sich fest, dass er in letzter Zeit wenig gelacht hatte.
Mit rotem Kopf und total erhitzt verließ er nach 10 Minuten die Wanne.
In der Sauna bemühte er sich, seine Blöße zu bedecken, was sie amüsierte. Sie bewegte sich ganz natürlich in ihrer Nacktheit, ohne jegliches Schamgefühl. Ganze fünf Minuten hielt er es in der Hitze aus.
„Und nun?“, fragte sie ihn „Wollen wir noch zu Peppino in die Trattoria und eine Stärkung zu uns nehmen?“
Er war einverstanden.
Die Trattoria von Peppino lag mitten in einem großen Garten. Sie aßen Bruschetta mit Gorgonzola, frittierte Sardinen und Kalmare. Dazu tranken sie einen kühlen Weißwein. Sie nahm jede einzelne Sardine in die Hand, legte den Kopf nach hinten, schloss die Augen, sagte: „Köstlich!“
Es machte ihm Vergnügen, ihr beim Essen zuzusehen.
Sie selbst erzählte wenig von sich privat, verstand es aber, ihn erzählen zu lassen. Er ertappte sich, dass er relativ schnell von seinem schwierigsten Mandanten sprach und die Probleme, die er mit ihm hatte. Sie hörte ihm zu, fragte nach und schlug ihm eine mögliche Lösung vor. Er war überrascht.
Sie hatte die Gabe, sich zurückzunehmen und den anderen in den Mittelpunkt zu stellen, brachte ihn immer wieder zum Lachen und war geistreich. Sie gab kurze Antworten, nickte zustimmend wie jemand der genauso dachte wie er. Es entwickelte sich jene Vertrautheit zwischen ihnen, die keine Vergangenheit und auch keine Zukunft hatte. Sie erschöpfte sich in der Gegenwart. Er fühlte sich in diesem Moment vollkommen verstanden.
Ganz allmählich kam die Dunkelheit, das diffuse Licht ließ sie geheimnisvoll und ihre Haut golden erscheinen. Der Wein begann zu wirken, er fühlte sich leicht und glücklich.
Sie beschlossen, noch kurz am Strand entlang zu laufen.
Der Strand war fast leer, ganz vereinzelte Besucher, einsame Pärchen.
Sie ließen sich in den Sand fallen, betrachteten das offene Meer und den Sternenhimmel. Er kannte fast alle Sternbilder, erzählte ihr, dass er gern auf einen anderen Planeten möchte, weil die Erde so klein sei. Nein, sie wollte das nicht, sie wollte erst alle Ecken dieser kleinen Erde erkunden.
Sie lagen auf dem Rücken, der Sand war warm. Die laue Luft umspielte ihre Körper. Es hatte etwas Beruhigendes, dieser weite Sternenhimmel über ihnen. Seine Hände begannen auf ihrem Körper zu wandern. Er wollte ertasten, was er im Thermalbad gesehen hatte, ihre festen Brüste fühlen, die glatte Haut berühren. Er war schnell erregt.
„Ich weiß gar nicht, ob ich dich jetzt lieben möchte“, hörte er sie sagen.
Nein, meinte er, musst du auch nicht und verstärkte seine Streicheleinheiten. Er nahm ihre Lippen zwischen seine Lippen, hoffte, dass ein Zeichen von ihr ausgehen würde. Da war es schon, wie das Knabbern eines Fisches am Köder. Er schob seine Zunge gegen ihre Zunge, das schwierigste war getan, das übrige ergäbe sich, das wusste er. Ein erster Kuss ergab sich fast nie, ihm gingen viele wortlose Absprachen und Berührungen voraus.
Sie schmiegte sich an ihn, fühlte seine Erregung. Sie zogen sich gegenseitig aus, kosteten ihre Körper mit den Säften, fühlten die Erregung des anderen. Ihre Mitte fand sich, erst leise Bewegungen, ganz zart, um dann immer schneller zu werden, ekstatisch fast. Er merkte, wie diese Welle kam, über ihnen gemeinsam zusammenschlug.
Fast ein wenig erschrocken hatte er innegehalten. Wie konnte diese große körperliche Harmonie innerhalb dieser kurzen Zeit entstehen? fragte er sich. Er kannte sie doch gar nicht und erst da fiel ihm auf, dass sie so gut wie nichts von sich erzählt hatte.
Sie zogen sich an und liefen in den Ort zurück, damit er ein Taxi zu seinem Hotel nehmen konnte. Die Verabschiedung ging sehr schnell und im Taxi spürte er zum ersten Mal diese Sehnsucht, die ihn die nächsten Jahre begleiten sollte. Als das Taxi den nächsten Ort erreichte, bat er den Fahrer, zurückzufahren. Einmal noch wollte er sie sehen, ihre Adresse erfragen. Aber der Platz vor dem Taxistand war leer.
Angela schlief bereits, als er im Hotel ankam, wachte kurz auf, fasste nach seiner Hand und schlief wieder ein. Er lag noch lange wach.
Sie fuhren seit jenem Jahr immer im Juni auf die Insel.

Lautes Gelächter unterbricht seine Gedanken.
Er blickt wieder in Richtung der kleinen Gruppe, die jetzt im Auflösen begriffen ist.
Sie hat längst bemerkt, dass der Mann sie beobachtet, begibt sich an die Bar und bestellt sich ebenfalls einen Gin-Tonic. Der Barkeeper stellt eine kleine Schale Erdnüsse für sie beide hin, als er die Getränke reicht. Sie langt sofort in die Schale und er lacht.
„Warum lachen Sie?“, fragt sie, fast ein wenig angriffslustig.
„Sie erinnern mich an jemanden, vor allem Ihre Bewegung, wenn Sie den Kopf nach hinten werfen und gleichzeitig die Nüsse in den Mund fallen lassen. Schon den ganzen Abend muss ich daran denken.“
„Oho, das interessiert mich sehr, wo ich doch der Meinung war, einmalig zu sein! Wie heißt sie denn, meine vermeintliche Doppelgängerin?“, fragt sie und lacht.
„Nun, sie hat einen ungewöhnlichen Namen, ich habe ihn vorher noch nie gehört, sie heißt Mareile. Wir verbrachten nur einen einzigen Tag zusammen und trotzdem kann ich sie nicht vergessen. Ich frage mich immerzu, ob sich das Leben durch eine einzige Begegnung verändern kann.“
Er schaut auf sie und sieht, wie das Lachen verschwindet, dass sie blass wird. Selbst in diesem schummrigen Licht ist zu sehen, wie sie blass wird.
„Ist Ihnen nicht gut?“, fragt er sie.
„Doch, doch, mir geht es gut, erzählen Sie mir von Mareile, es würde mich interessieren, warum sie Sie so beeindruckt hat. Natürlich nur, wenn Sie mögen.“
Und dann erzählt er noch einmal von der Begegnung, die ihm gerade als Erinnerung durch den Kopf gegangen war. Sie hört die ganze Zeit aufmerksam zu, sitzt fast bewegungslos da und schaut ihn an. Selbst als er mit seiner Erzählung am Ende ist, schaut sie ihm noch unentwegt ins Gesicht.
Er erschrickt fast, als sie zu sprechen beginnt:
„Als ich den Namen hörte, dachte ich im ersten Moment an meine Schwester, die ganze Zeit über musste ich an sie denken. Ich wurde das Gefühl nicht los, diese Frau zu kennen. Und dann wusste ich es, es war meine Schwester, meine um ein Jahr ältere Schwester.
Der Hass kam augenblicklich, legte sich wie früher wie ein Klumpen auf meinen Magen, die Verbitterung kam als Galle die Speiseröhre hoch. Wie gut ich dieses Gefühl kannte! Und ich hatte es nicht vergessen. Nun kam noch der Neid hinzu! Immer noch hatte Mareile diese Ausstrahlung. Sie betrat einen Raum und man hatte das Gefühl, die Luft veränderte sich. Mit ihrer schmalen Gestalt, ihrem feinen Gesicht mit den wachen Augen und dem verschmitztem Lachen eroberte sie sich schnell die Sympathien. Sie war verspielt, ja, verspielt und bezog ihre Umgebung in ihre Spiele ein. Ich erinnere mich, wie sie einmal mitten in einer Unterhaltung eine kleine Flasche aus der Tasche holte, aufdrehte, einen Stab mit Öse herauszog und Seifenblasen blies.
„Jeder kann sich etwas wünschen!“, rief sie. Alle waren begeistert.
Ich hatte nie wirklich eine Chance gegen Mareile.
Heute muss ich fairerweise sagen, dass meiner Schwester die Art ihrer Ausstrahlung nicht bewusst war.“

„Ja, ja, das stimmt. Sie wirkte verspielt und gleichzeitig wieder so ernst. Mir war vorher noch nie eine Frau wie sie begegnet. Es war ein Widerspruch, der mich faszinierte. Aber erzählen Sie weiter!“

„In meiner Jugend mochte ich Mareile nicht, war eifersüchtig, begann sie zu hassen, als auch Martin ihr verfiel. Er war meine ganz große Liebe.
Ich war im letzten Schuljahr, er studierte in meiner Stadt. Wir trafen uns fast täglich. Mareile studierte in Berlin Mikrobiologie und kam selten nach Hause. Martin war aus Berlin. Ich war mir sicher, dass die beiden sich nicht treffen konnten, arrangierte es so, dass, wenn Mareile kam, Martin zu seinen Eltern fuhr. Er wunderte sich, dass er nie auf meine Schwester traf.
Sie trafen aber doch aufeinander.
Kurz vor meinem Abitur starb unsere Großmutter. Ich benachrichtigte Martin, der an diesem Wochenende bei seinen Eltern war und auch meine Schwester. Beide versprachen mir, so schnell wie möglich zu kommen.
Sie trafen auf einem Bahnhof in Berlin aufeinander. Bei Mareile war der Henkel ihrer Tasche gerissen, eine ganz banale Sache. Martin half ihr und lud sie anschließend auf eine Tasse Kaffee ein. Sie verpassten den Zug, auch den nächsten, nach dem übernächsten erkundigten sie sich gar nicht mehr.
Was das schlimmste war, keiner der beiden meldete sich. Ich wurde fast verrückt vor Angst. Martin kam als erster zurück, völlig verändert und erzählte, dass er eine andere Frau kennengelernt und sich verliebt habe.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte man sich so schnell in eine andere Frau verlieben, wenn man mit jemandem fest zusammen war?
Das schlimmste war für mich, dass Martin gar nicht wusste, dass es meine Schwester war.
Mareile kam Mitte der Woche nach Hause, traf dort auf Martin und an der Reaktion der beiden sah ich, dass sie nicht wussten, wie wir alle zueinander standen. Mareile kannte Martin nicht, hatte ihn vorher nie gesehen, weil ich es immer verhindert hatte.“

„Aber sagen Sie, hat er nicht die Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden bemerkt? Selbst mir ist das doch heute Abend gleich aufgefallen!“, unterbrach er sie nochmals.

„Ja, das fragte ich mich auch. Aber erst später. Ich fragte mich, worüber sie gesprochen hatten. Wieder und wieder fragte ich mich das. Ohne Ergebnis. Ich konnte das nicht verstehen und vor allem nicht verzeihen. Mareile beteuerte immer, dass sie nichts gewusst habe, dass es ihr Leid tue und dass diese Begegnung so intensiv gewesen sei. Diese kurze Begegnung zwischen den beiden veränderte unser aller Leben.
Ich brach sämtliche Verbindungen zu meiner Schwester ab, hörte nur noch sporadisch von ihr.
Martin wechselte die Universität.“

Nachdem sie am Ende ist, schweigt sie eine Weile, hängt ihren Gedanken nach, überdenkt die Auswirkungen dieser damaligen Begegnung. Ja, das Leben kann sich nach einer kurzen Begegnung verändern.
Als sie endlich hochblickt und auf den Mann sieht, weiß sie, was sie tun wird. Dieses Gespräch am heutigen Abend wird für sie ein Anlass sein, mit Mareile Verbindung aufzunehmen. Sie will unbedingt wissen, wie Mareile diese Begegnung sieht, was sie veranlasst hat, so wenig von sich persönlich zu erzählen. Und sie ist plötzlich auf ihre Schwester neugierig, will wissen, wie es ihr all die Jahre ergangen ist. Sie ist dem Mann richtiggehend dankbar und merkt, dass dieser Wunsch, ihre Schwester wiederzusehen, schon lange in ihr keimt. Nun, wo ihre innere Entscheidung gefallen ist, fühlt sie eine unendliche Erleichterung. Sie schaut auf den Mann, sieht seine innere Zerrissenheit. Würde er ihr die Frage nach der Adresse stellen?
Eine eigenartige Situation.
Er weiß nicht, was er sagen soll. Die Erfüllung seines größten Wunsches, Mareile wiederzusehen, ist zum Greifen nah. Er braucht ihn nur aus sprechen, diesen Satz mit der Bitte nach der Adresse. Bis jetzt ist es nur ein Traum von einer Veränderung seines Lebens. Mit dem lauten Aussprechen muss er sich entscheiden. Und er stellt mit einem Mal fest, dass er im Grunde keine Veränderung will. Jetzt, wo alles ausgesprochen ist, merkt er, dass er die Erinnerung, das Bild liebt, das er sich von dem Abend gemacht hat. Er hat dieses Bild gehegt und gepflegt und ist bei Problemen in seiner Beziehung dahin geflüchtet. So konsequent er in seinem Beruf ist so inkonsequent ist er in seinen persönlichen Entscheidungen. Es ist plötzlich alles so klar.
Fasziniert beobachtet sie ihn. Als er aufsieht, weiß sie, wie er sich entschieden hat.
Beide lächeln.

Ausflug ins Netz

(Kurzgeschichte)

Linda Albrecht gehört zu den Frauen, die fast alles ausprobieren und Kommunikation mögen.
Innerlich beschäftigt sie sich seit geraumer Zeit mit Versuchungen des Internets. Getrieben von ihrer Neugier, aber ohne großen sexuellen Frust wäre sie für die meisten User der Online Dating Portale uninteressant. Trotzdem, es hat etwas Verführerisches.
Sie ist eine Frau mittleren Alters, die sich Mühe mit sich selber gibt und versucht, ihren Jahren etwas Attraktives abzugewinnen, nicht groß, nicht dick, nicht dünn, mit einer der modernen Kurzhaarfrisuren, für die man ein Vermögen beim Friseur hinlegen muss. Sie hat schöne Augen mit wachem Blick und einen Mund, der ständig zu lächeln scheint.
Seit zwei Jahren lebt sie mit ihrer Tochter Melanie allein in einem kleinen Dorf in Mecklenburg.

Sie legt einen kostenlosen Account bei VerliebtAb40 unter dem Nick ‚helgeNug’, verheiratet, Wohnsitz Wismar mit einem Aphorismus an:
„…jeder mensch trägt einen kontinent unentdeckten wesens in sich. wohl dem, der sich zum kolumbus der eigenen seele machen kann….“
Schon am gleichen Tag klicken eine Menge Männer ihren Nick an, was sie völlig überrascht.
„Du kannst dir nicht vorstellen, was sich da alles tummelt und relativ schnell als chronisch untervögelt outet!“, sagt sie zu einer Freundin.
Mit zwei Männern beginnt sie Mails auszutauschen, einem Architekten aus Osnabrück und einem Übersetzer aus Hamburg. Während der Mann aus Osnabrück sehr offen ist, sogar seine richtige Adresse der Firma postet, hält sich der Mann aus Hamburg eher bedeckt. Sie favorisiert beide und kommuniziert mit beiden gleichzeitig. Der Architekt muss wohl ähnlich veranlagt sein wie sie, denn er schreibt ihr nach knapp einer Woche, dass auch er mit mehreren Frauen korrespondiere und ihr nicht mehr schreiben wird. Seine Wahl wäre auf eine Frau aus der Nähe von Köln gefallen.

Der Übersetzer aus Hamburg, 48, verheiratet, nennt sich ElevenDark und verbreitet eine geheimnisvolle Atmosphäre. Seine aktive Zeit wäre die Zeit um elf Uhr nachts, wenn es dunkel ist, die geheimnisvolle Stunde vor Mitternacht. Er füllt seine Mails mit Zitaten bekannter Schriftsteller, kennt viele Aphorismen, schickt selbstverfasste Gedichte und Kurzgeschichten, die oft voller Rätsel sind. Linda ist begeistert! Morgens ist ihr erster Gang zum PC und abends, bevor sie schlafen geht, ist es der letzte.
Auch er outet sich als chronisch untervögelt, was er ständig betont. Beim Chatten tauchen regelmäßig Sätze auf, dass er Lust auf sie hätte, jetzt, in diesem Moment gerade scharf auf sie sei, und ob sie nicht Lust auf Telefonsex hätte.
Linda hat kein Foto eingestellt, aber als Dark nach einiger Zeit um eins bittet, schickt sie es. Ja, meinte er, er könne sich durchaus vorstellen, mit ihr ein Verhältnis anzufangen. Sie sähe ganz gut aus.
Linda bittet ebenfalls um ein Foto. Nichts. Er schickt keins, beschreibt sich nach mehreren Bitten als Mischung aus ‚Tukur-Scheck-von der Lippe‘! Und er wolle um seiner selbst geliebt werden, nicht wegen seines Äußeren, schreibt er.
Ein Standpunkt, den Linda nicht so recht nachvollziehen kann, da sie nie von Liebe gesprochen hat. Inzwischen beginnt sie sich zu fragen, wohin das führen soll, was sie eigentlich will. Aber dieser Adrenalinstoß, wenn eine neue E-mail kommt oder die Aufforderung zum Chatten, lassen sie solche Gedanken gleich wieder vergessen. Diese schnelle Kommunikation fesselt sie.
Der Gedanke eines Treffens taucht auf. Linda beschließt, die nächste Dienstreise nach Hamburg mit einem Treffen zu verbinden, denkt, ‚den Vogel‘ guckst du dir bei dieser Gelegenheit aus der Nähe an. Es muss ja ein ganz besonders interessanter Mann sein, so wie er sich beschreibt.
Auf irgendwelche Anzüglichkeiten oder Liebesbekundungen geht sie nie ein, sondern sagt immer nur, dass sie glücklich verheiratet sei. Das stört ihn wenig, eher wird er fanatischer und Linda ist manchmal am Überlegen, ganz aufzuhören. Aber nicht ernsthaft genug.
Seine Ausdrucksweise auf literarischem Gebiet faszinieren sie zunehmend, während sie gleichzeitig von seinen Aufdringlichkeiten abgestoßen wird. Ein ganz eigenartiger, ambivalenter Zustand. Auf der Fahrt nach Hamburg fragt Linda sich wiederholt, was das Treffen bringen soll. Diese Überlegungen führen zu keinem Ergebnis.

Der Treffpunkt ist auf dem Hauptbahnhof.
Drei Minuten vor Zugeinfahrt ruft er an und sagt:
„Ich bin jetzt hier und warte auf dich!“
Sie steigt aus, sieht sich um und versucht, ihn auszumachen. Nichts. Keiner reagiert auf ihre suchenden Blicke.
In ihrem Inneren wird sie unschlüssig, ob sie warten soll, aber da ist diese riesengroße Neugier.
Hin- und hergerissen überlegt sie, anzurufen, tut es aber nicht. Nach zehn Minuten beschließt sie, loszugehen.
Auf dem Weg aus dem Bahnhofsgebäude klingelt ihr Handy und er fragt, wo sie bleibe. Er nennt seinen Standpunkt, genau gegenüber auf der anderen Seite der Gleise und bittet um eine Info, wo sie gerade sei. Dann kommt er.
Oder anders, sie nimmt an, das sei er, da sich die Neuankömmlinge aus den Zügen bereits verlaufen haben.
Es kommt ein eher kleiner, etwas älterer Mann, dünnes, strähniges Haar, schmale Schultern, Fliespulli, dazu eine etwas zu kurze Hose, Turnschuhe, von denen einer nicht zugebunden ist, einen Rucksack auf dem Rücken.
Das kann er nicht sein, denkt Linda, weder Tukur noch Ochsenknecht sind an der Optik dieses Mannes im entferntesten zu erkennen! Soviel Fantasie besitzt kein Mensch! Jemand, der sich so ausdrücken kann, soll so aussehen?
Sie hat sich hinter einer Anschlagtafel halb versteckt und blickt geschockt in Richtung dieses Mannes. Wenn er jetzt das Telefon aus der Tasche nimmt und anruft, dann ist er es wirklich, denkt sie.
Er blickt sich suchend um, nimmt das Telefon, wählt und bei ihr klingelt es.
Oh Gott, wie kann man sich so beschreiben? Und dann sie! Sie wollte ihn durch ihr Äußeres beeindrucken, wollte mit ihm mithalten. Literarisch schaffte sie es nicht, wenigstens die Optik sollte stimmen. Noch nie hatte sie sich so overdresst gefühlt wie in diesem Moment!
Blitzschnell dreht sie sich um und läuft langsam aus dem Bahnhofsgebäude hinaus.
Sie verschwindet in der Fußgängerzone.
Das Handy klingelt noch sechsmal. Dann kommt eine sms, dass sie eine Mailbox-Nachricht habe. Sie hört sie ab und grübelt.
Was tun? Irgendwie tut er ihr Leid. Aussehen ist ja nicht alles. Sie ruft zurück und vereinbart mit ihm, dass sie sich im Alsterpavillon im Centrum der Stadt treffen.

Als er kommt, sitzt sie schon an einem der Außentische. Linkisch versucht er, sie zu umarmen, was sie sofort abwehrt.
„Du bist einfach weggerannt, weil ich so hässlich bin, stimmt’s?“, beginnt er die Unterhaltung.
Linda merkt, wie ihr Blut nach unten sackt und antwortet spontan, etwas heiser:“Ja!“
Von Nahem sieht er nicht unbedingt besser aus mit den Hautekzemen und ungepflegten Zähnen, zwischen denen noch die Speisereste der letzten Mahlzeit kleben. Irgendetwas an ihm muss doch liebenswert sein, denkt sie, wird aber nicht fündig.
Er mustert sie mit stechendem Blick und Linda fühlt sich noch unwohler.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man so aussieht wie ich, oder?“, führt er die Unterhaltung fort, nachdem sie etwas zu Trinken bestellt haben.
„Das ist dir völlig fremd, so wie du aussiehst. Du kannst jeden haben. Du brauchst dich doch nur irgendwo hinzusetzen und alle liegen dir zu Füßen. Solche Frauen wie du wissen doch überhaupt nicht, wie das Leben wirklich ist!“, fährt er fort.
Jeden haben? Und wessen Leben kenne ich nicht? Seines? denkt sie und wünscht sich an einen anderen Ort. Sie rührt den dritten Löffel Zucker in ihren Kaffee, den sie grundsätzlich schwarz, ohne alles trinkt.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, ständig Männer zu sehen, die älter sind als ich und alle eine Frau und Sex haben. Und daneben ich! Seit vier Jahren schläft meine Frau nicht mehr mit mir. Seit vier Jahren! Kannst du dir das vorstellen?“, fragt er und rückt dichter an sie heran.
Sie riecht, dass die Zahnbeläge und die Speisereste schon länger ein Paar sind und ihr eigenes Aroma entwickelt haben, das sie zurückzucken lässt.
Es ist Mittagszeit, der Pavillon gut besucht. Seine Stimme wird lauter und die Umsitzenden aufmerksam.
Linda hat noch gar nichts gesagt, weder zustimmend noch ablehnend reagiert. Was soll sie auch gegen diese Selbstanklagen vorbringen?
Die Situation wird zunehmend grotesker.
Er erzählt Einzelheiten aus seiner Ehe, ununterbrochen.
„Warum hast du dich nicht von deiner Frau getrennt?“, fragt sie schließlich.
„Weil ich so sensibel bin und mich nicht durchsetzen kann. Ich möchte endlich Sex! Aber von dir bekomme ich nichts, so wie du aussiehst.“
Sie schweigt.
„Das habe ich gleich gewusst, du bist wie alle anderen. Ihr wollt nur mein geistiges Gut, blöde Gedichte, Geschichten und Aphorismen. Glaubst du eigentlich im Ernst, dass ich diese Scheißdinger selber verfasst habe? Ihr Weiber wollt immerzu reden oder schreiben! Ich will aber vögeln!“
Sie schaut ihn an und schaudert. Der Zucker auf dem Tisch ist inzwischen alle.
„Was ich dir jetzt sage“, beginnt er erneut, „wirst du mir nicht glauben. Ich habe im letzten Jahr eine Frau kennengelernt, mit der ich gleich auf einer Wellenlänge war. Sie sah ein bisschen aus wie du, nur lange Haare, nein, nicht so wie du, besser sah sie aus. Wir verabredeten uns auf dem Parkplatz vor einem Hotel, in dem ich schon ein Zimmer bestellt hatte. Ich stand oben auf dem Flur, als ihr Auto in die Einfahrt bog, ging ganz langsam hinunter. Als sie mich sah, fielen wir sofort übereinander her!“
„Hä …?“
„Das kannst du dir nicht vorstellen, was? Das glaubst du nicht, dass Frauen über mich herfallen? Das ist außerhalb deiner Fantasie!“
„Ja, stimmt, außerhalb meiner Fantasie, völlig außerhalb, wenn du mich so fragst. Und warum bist du nicht mit ihr zusammengeblieben? Sie gab dir doch das, was du am meisten in deinem Leben vermisst: Sex!“
„Sie war verheiratet.“
„Du doch auch.“
„Sie hat sich scheiden lassen und einen anderen genommen. Hinterher habe ich mir überlegt, dass sie eine Nymphomanin ist.“
„Oh! Da hättest du vielleicht ein Problem gehabt. Warum hast du dich damals nicht von deiner Frau getrennt?“
„Sagte ich schon, weil ich so sensibel und ohne Selbstvertrauen bin.“
„Ahja … Was machst du eigentlich beruflich?“
Ihr fällt in dem Moment auf, dass er zwar gesagt hat, dass er Übersetzer sei, aber wo und was er genau macht, darauf hat sie nie eine Antwort bekommen.
„Das sage ich dir nicht! Warum soll ich dir so etwas Intimes über mein Leben mitteilen? Du willst mich doch gar nicht wiedersehen, stimmt’s? Du doch nicht!“
Er kann also nicht über die Intimität der Arbeit sprechen, aber breitet detailliert die Intimitäten seiner Ehe und Liebschaft aus. Linda spürt, dass sie etwas tun muss, handeln, die Situation ändern. Doch sie ist wie gelähmt. Das, was hier abläuft, passiert nicht ihr. Das kann nicht sein. Das soll ‚ihr‘ Dark sein, ihr Poet aus dem Netz?
Es geht weiter, ständige Anschuldigungen, dann Sätze, die sie geschrieben und schon vergessen hatte, legte er ihr als Notizen vor und zeigte auf, wo sie sich falsch ausgedrückt und Fehler gemacht hat. Linda starrt ihn an und fragt sich, wie sie sich so irren konnte.
Die Situation ist inzwischen nicht nur grotesk sondern fast schon pervers!
Er rückte noch dichter an sie heran und spricht ganz laut, so dass einige Leute ständig hinüberschauen.
„Siehst du, die können sich alle nicht vorstellen, dass wir zusammen sind. Und dabei……“
„Gut jetzt,“ unterbricht sie ihn „es reicht! Wir müssen uns hier nicht die Zeit vertrödeln, wo alles geklärt ist. Du hast vollkommen Recht, ich will dich nicht, wollte dich nie. Ich wünsche dir alles Gute. Deinen Kaffee bezahle ich! Tschüss!“
Abrupt steht sie auf und reicht ihm die Hand.
Verdutzt ergreift er diese und läuft sofort los. Die Gespräche an den umliegenden Tischen verstummen nun ganz und die Leute schauen offen zu ihr hinüber.
Die Kellnerin kommt an den Tisch und fragt, ob sie noch einen Wunsch habe.
„Einen Wunsch? Ja, ich brauch etwas Starkes. Bringen Sie mir bitte einen Gin Tonic und die Speisekarte!“, antwortet sie nach kurzem Überlegen.
Als sie aufschaut und die Gesichter der Leute sieht, muss sie lachen. Es ist ein Lachen, befreiend, das tief aus ihrem Inneren kommt.
Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so erleichtert war.

Strumpfhosen

(Kurzgeschichte)

Er wacht vom Geschrei seiner Schwestern auf, wie jeden Morgen. Sie kriechen unter seine Bettdecke und kitzeln ihn wild an den Füßen. Sein Quieken, dass sich schnell zu einem lauten Quietschen aufbaut, lässt die Schwestern noch wilder werden. Die Mutter erscheint und scheucht die Mädels zum Waschen ins Bad. Dann streicht sie ihm über das blonde, lockige Haar und drückt ihn an sich.
„Mein kleiner Liebling“, hört er sie murmeln.
Er weiss nicht mehr, wie alt er damals war. Vom Erinnern her spielte sich diese Szene jeden Morgen so ab. Ihm ist längst klar, dass dem nicht so war, aber es fühlt sich gut an.
Er ist das jüngste von fünf Geschwistern und der einzige Junge. Der Abstand zur jüngsten Schwester Carmen beträgt sieben Jahre. Für sie war er wie eine Puppe. Von klein auf verhätschelte sie ihn und wachte eifersüchtig darüber, dass sie mit ihm allein war. Sie zog ihm ihre Puppenkleider und später, als er grösser war, ihre eigenen Kleider an. Fertig angezogen, führte sie ihn den anderen vor und alle lachten.
Er mochte das, mochte das Lachen, mochte, wie seine Schwester ihn an- und auszog, am Bauch kitzelte und mit seinen Penis spielte.
Die großen Schwestern kümmerten sich nicht um ihn, lachten nur kurz auf, wenn Carmen in als Mädchen verkleidet ins Zimmer stellte. Die Schwestern waren vielmehr erpicht auf Pakete, die sehr regelmässig von einer kinderlosen Tante aus Bochum geschickt wurden. Sie schickte all die Sachen, von denen die Mädchen träumten und für die kein Geld da war.

Mitte der 60iger Jahre begann die Zeit der Jeans und der Nylonstrumpfhosen. Einmal schickte die Tante ein Paket mit 18 Paar Strumpfhosen, die sie günstig erstanden hatte. Alle in Grösse S!
Hatte die Tante vergessen, dass die Mädchen längst nicht mehr in diese Grösse passten? Sie regten sich masslos auf, warfen die Hosen in eine Ecke und beschimpften die Tante. Der Tante selber schrieben sie freundlich, dass sie sich in der Grösse geirrt habe und baten um Nachschub. Die Tante reagierte sofort und das nächste Paket enthielt Strumpfhosen in den richtigen Grössen.
Carmen griff sich die Hosen der Grösse S und zog sie ihrem Bruder an. Sie lachte und kreischte, zeigte ihrer Mutter den kleinen Bruder in der Hose und dann lachten beide.
Was aber machte es mit dem kleinen Jungen?
Er spürte die Kunstfasern auf der Haut, es war ein göttliches Gefühl. Inzwischen war er sieben Jahre alt und immer noch noch eng mit der Schwester verbunden und wunderte sich, weshalb sie ihm diese Hosen angezog. Dann seine Mutter, warum lachte sie darüber? War es gut, dass er diese Hosen trug? Er wusste es nicht.
Von einem Tag auf den anderen interessierte sich Carmen nicht mehr für ihn, ignorierte ihn total und auf seine halbherzigen Fragen antwortete sie sehr schroff oder gar nicht.
Er konnte sich ihr Verhalten nicht erklären.
Er wusste nur eines, glattes Nylon auf der Haut erzeugte ein unglaubliches Gefühl in ihm, aber gleichzeitig überkam ihn eine Ahnung, dass das nicht normal war. Er sprach seine Mutter daraufhin an, fragte sie, ob mit ihm alles richtig, er ein richtiger Junge sei. Sicher, antwortete seine Mutter, was soll an dir falsch sein?
Ja, die Sache mit den Strumpfhosen, wie soll ich das verstehen? Frage Carmen, antwortete seine Mutter, lief dabei langsam auf ihn zu, hob leicht die Hand, so, als ob sie ihm über den Kopf streichen wollte.
Instinktiv drehte er den Kopf weg. Mit Carmen sprach er nie darüber. Unter seinen Hosen trug er die Strumpfhosen. Die Unterwäsche liess er weg.
So schön das Gefühl war, aber ein Austausch darüber fehlte ihm. Mit wem konnte er darüber sprechen? Wer konnte sich einfühlen? Instinktmässig wusste er, dass es ausserhalb der Normalität war und bemühte sich, es nicht sichtbar werden zu lassen. Sprechen … ja. Nur mit wem?
Er begann eine Ausbildung als Verkäufer in einem Kaufhaus und der Umgang mit den Kleidungsstücken gefiel ihm. In der Klasse der Berufsschule war nur ein Junge, der Rest Mädchen bzw. junge Frauen. Bei letzteren fühlte er sich gut aufgehoben, sie behandelten ihn als ihresgleichen, so, als wäre er ein Mädchen.
Er träumte von Mädchen in seidenen Strumpfhosen, wollte so sein wie diese. Er sah gut aus, wusste um seine Wirkung bei Frauen. Die Frauen fanden ihn attraktiv und vor allem einfühlsam, aber es kam nie zu einer intimen Beziehung. Er kam nur zu einem Orgasmus, wenn er die Strumpfhose trug, sich selber berührte. Der Drang, darüber zu sprechen, einmal zu hören, dass das nicht unnormal sei, wurde zeitweise übermächtig. Irgendwann stiess er auf die Anzeige in einer Zeitung:
„Sie haben ein Problem? Wir hören zu!“
Zweimal rief er die angegebene Nummer an, hörte die freundliche Stimme am Telefon und- legte auf.
Wie sollte er sein Problem deutlich machen? Die Hemmungen und auch eine uneingestandene Scham waren zu gross.
Er rief doch wieder an und diesmal redete er. Sein Gegenüber versuchte sich einzufühlen, versuchte, ihn nicht zu verurteilen, spürte seine Bedürftigkeit und schlug ihm eine Therapie vor, die von ihm abgelehnt wurde. Was sollte das bringen?
Er wollte auf dieses Gefühl, das die Strumpfhose auf seiner Haut auslöste, nicht verzichten, sehnte sich gleichzeitig nach Normalität.
Er rief wieder an. Diesmal war eine Frau am Telefon, vollkommen empört, die sich von ihm benutzt fühlte. Er sei ein Psychopath, ein Triebtäter. Ist er das? Er weiss es nicht. Diese Telefonleitung ist für ihn die einzige Möglichkeit, über seine obsessive Bedürftikeit zu sprechen. Immer wieder und in immer kürzeren Abständen ruft er an, trifft auf verständnisvolle und weniger verständnisvolle Menschen, wird beschimpft und besänftigt. Eine Frau erzählt ihm, dass man intern über ihn spricht, ihn die „Strumpfhose“ nennt. Dann lacht sie.

Er lacht mit und ist doch innerlich zerrissen.

Der weinrote Füller

(Kurzgeschichte)

Der Stand des Glasbläsers, zwei einfache Böcke über die quer ein Brett gelegt war, befand sich in der Mitte des Marktes. Auf dem Brett waren Glasstifte, Tintenfässer und ein Schreibblock verteilt. Die Stifte hatte er nach Größe und Farbe ausgerichtet. Der Schreibblock diente zum Probieren der einzelnen Glasfüller.
Die Füller sahen alle unterschiedlich aus, sowohl in der Farbe, in der Größe als auch in der Dicke der Spitze. Die Spitzen waren spiralförmig gedreht. In den Rillen sammelte sich die Tinte, die sich während des Schreibens verteilte.
Der Blick des Glasbläsers fiel auf Marlene, die vor seinem Stand halt machte. Er lächelte sie an. Sie reagierte nicht, war in Gedanken bei den Gegenständen auf dem Tisch. Sie griff einen Füller und schrieb ihren Namen auf das Papier. Ganz leicht glitt die Spitze über das Papier. Schreiben und Lesen faszinierte Marlene seit frühester Kindheit und sie beschloss, sich einen Glasfüller zu kaufen.
„Die Tinte kommt aus Dresden!“, sagte der Glasbläser zu ihr. Sie schaute hoch.
„Wunderbar, da komme ich auch her!“
„Dann erinnern Sie sich sicher auch an die Schulbänke mit den eingelassenen Tintenfässern am oberen Rand, in die man die Füller eintauchen konnte?“
Sie schaute nachdenklich auf den Glasbläser, der nicht viel älter war als sie. Ja, sie konnte sich an die harten Bänke, auf denen sie Fangen gespielt hatten, erinnern. Fast im selben Moment fiel ihr die Geschichte mit dem weinroten Füller ein. Sie tauchte die Spitze eines Glasfüllers in das Tintenfass und schrieb ihren Namen auf den Block. Unentwegt. Mechanisch. Immer wieder. Sie nahm nicht wahr, was sie schrieb.

In der zweiten Klasse fand sie unter ihrer Holzbank einen weinroten Füller mit einer goldenen Feder. So einen hatte sie nie zuvor gesehen! Sie benutzte den gängigen Schulfüller, mit dem es sich schwer schrieb und der teilweise kleine Löcher ins Papier riss. Für einen neuen Füller war kein Geld da. Es gibt wichtigere Dinge, meinte ihre Mutter an dem Tage, als sie sich darüber bei ihr beschwerte.
„Mach nicht so ein Theater wegen des Füllers, beeile dich lieber! Du musst noch einkaufen und Bernd beaufsichtigen. Gegen 17 Uhr musst du Frau Gerber das Kleid bringen, das ich ihr genäht habe. Sie möchte es morgen tragen. Denk dran, sie muss noch bezahlen! Und achte darauf, dass Bernd ordentlich isst und am Tisch nicht so rumkrümelt. Ich habe heute die Brote schon fertig geschmiert, sie stehen auf dem Fensterbrett. Ich muss los, bin spät dran!“
Ihr Bruder Bernd war drei Jahre jünger als sie. Der Vater hatte sich schon vor Jahren die Familie verlassen.
Mit diesem weinrotem Füller schrieb es sich ganz leicht, er glitt wie von alleine über das Papier.
Sie steckte ihn einfach ein.
Am nächsten Tag fragte die Lehrerin, ob einer der Schüler einen Füller gefunden habe. Sie erstarrte. Ihre Hände waren eiskalt. Niemand meldete sich.
Sie liebte ihn, diesen Füller, die Schularbeiten machten doppelt Spaß. Sie benutzte den Füller aus Angst vor einer Entdeckung zuerst nur zu Hause und zeigte ihn niemandem. Immer wieder nahm sie ihn in die Hand, spielte mit ihm. Sie legte ihn auf den Tisch, drehte ihn, zeigte die Feder Richtung Tür, so konnte sie sich etwas wünschen, es waren imaginäre Wünsche, sie legte die Spielregeln fest, immer wieder neu und lebte die Erfüllung der Wünsche in Gedanken aus.
Die hintere Kappe hatte bald ein Loch, durchgebissen.
Eines Tages nahm sie den Füller mit in die Schule. Während einer Pause, in der die einzelnen Klassen die Räume wechselten, sah das Mädchen, dem der Füller ursprünglich gehörte, ihren Füller und schrie auf. Die Klassenlehrerin wurde herbeigerufen, hörte sich die ganze Geschichte an und schaute Marlene mitleidig an. Alle starrten sie an. Sie entschuldigte sich vor allen Kindern, immer wieder nach Worten suchend, bei dem Mädchen, dem der Füller gehörte. Die Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie versuchte, sich mit dem Ärmel die Nase zu wischen, aber der Schnodder lief am Kinn herunter.
„Möchtest du diesen Füller zurück?“, fragte die Lehrerin die ursprüngliche Besitzerin.
Er war inzwischen wertlos, so angeknabbert wie er aussah.
Doch- das Mädchen wollte! Sie riss Marlene den Füller aus der Hand, warf ihn auf den Boden und zertrampelte ihn, immer wieder trat sie auf den inzwischen völlig kaputten Füller.
Die Lehrerin strich Marlene über das Haar und sagte zu ihr:
“Beruhige dich, geh nach Hause, ich kläre das mit dem Direktor.“
Es wurde nie wieder darüber gesprochen. Sie erinnerte sich, dass sie wochenlang voller Angst und starker Bauchschmerzen zur Schule gegangen war, immer den Gedanken im Kopf, heute, heute muss ich zum Direktor!
Es kam nie dazu.
Das Gefühl aus Scham und Unverständnis unmittelbar nach der Entschuldigung lösten bei ihr sofort heftigste Magenkrämpfe mit gleichzeitigem Durchfall aus. Sie schaffte es nicht, nach Hause auf die Toilette zu gehen und machte in die Hose und überlegte voller Angst, was sie jetzt ihrer Mutter sagen sollte. Ihrer Mutter, die sie mit allen möglichen Aufgaben betraute, und die meinte, Marlene sei ihre Freundin! Sie konnte sie doch nicht enttäuschen und ihr sagen, dass sie geklaut habe! Und wieder begann ihr Bauch zu grummeln.
Sie erzählte nichts zu Hause. An jenem Tag wusch sie ihre Sachen selbst aus, redete mit keinem. Als die Mutter am Abend nach Hause kam und die nassen Sachen sah, wunderte sie sich, fragte aber nicht nach der Ursache, nur, ob zu Hause alles geklappt habe. Ja, natürlich hatte alles geklappt. Wie immer. Es interessierte sie überhaupt nicht, was passiert war. Und Marlenes Magen begann wieder zu rebellieren. Sie konnte einfach nichts sagen.
An dem Abend griff sie nach ihrem Lieblingsbuch, schlief aber sofort nach den ersten Zeilen ein.
Eine eventuelle Aussprache mit dem Schuldirektor hatte sie sich in den folgenden Wochen unzählige Male in allen möglichen Varianten ausgemalt. Sie war in ihren Gedanken so weit gegangen, zu fragen, warum sie sich ständig um den bescheuerten Bruder, der nie auf sie hörte und ewig quengelte, kümmern musste. Warum ihre Mutter nie Geld hatte. Wieso sich der Vater nie meldete.

Jemand stieß Marlene unsanft zur Seite. Sie löste sich aus ihren Erinnerungen und legte den Glasfüller auf den Tisch. Gedankenverloren schaute sie hoch, direkt in die Augen des Glasbläsers, der sich ihr sofort widmete.
Der Glasbläser war von schmaler Gestalt, das Gesicht leicht zerfurcht und doch jungenhaft. Die Mundwinkel zeigten nach oben. Mittelpunkt seines Gesichtes war der Blick aus nicht sehr großen, dunklen Augen, die hin und her huschten. Seine schlanken Hände sortierten und richteten ständig die Gegenstände auf seinem Verkaufstisch. Er war ganz in Schwarz gekleidet, trug eine Brille wie John Lennon, die einen seltsamen Kontrast zu seiner Brechtfrisur bildete. Marlene konnte sich einfach nicht entscheiden. Sie probierte einen anderen Füller aus. Dabei überlegte sie, sollte es der sein, der eine dicke Linie zieht oder doch lieber der mit der schmalen Linienführung? Und welche Farbe sollte er haben?
Der blaue konnte es nicht werden, blau bedeutet ‚kühl’, sie mochte nicht über kühle Dinge schreiben. Da, der grün-schwarze Glasfüller, der gefiel ihr.
Grün- Marlene dachte an das grüne Thermalwasser auf der Insel Ischia, an die Hitze auf der Insel, jene Art Hitze, die den Körper umspielte, Reibung erzeugte und erregte. Ja, der grüne kam für sie in die engere Auswahl.
Der Glasbläser schaute immer wieder zu ihr hin.
„Wussten Sie, dass ein Schuss blaue Tinte in Weißwäsche die Wäsche strahlender macht?“ unterbrach er ihre Gedanken.
„Ja, das weiß ich von meiner Oma!“, antwortete sie schnell und lachte dabei.
Ganz am Rand lagen gelbe Füller. Gelb- Neid, aber auch die Farbe und der Geruch der Zitronen auf ihrer Insel, der durch alle Gassen und Straßen zog. Schade, entschied sie beim Ausprobieren, der gelbe konnte es nicht werden. Beim Schreiben kratzte er und riss Löcher ins Papier wie damals der Schulfüller.

„Sie dürfen nicht so fest aufdrücken, sonst bricht die Spitze ab!“, hörte sie den Glasbläser sagen und sah, wie er einer Frau den Füller aus der Hand nahm und damit ganz leicht auf den Block schrieb.
Ja, die Dicke und Form der Spitze waren schon wichtig.
Sollte schnell geschrieben werden und oft?
Oder eher selten und nur an bestimmte Personen?
Muss die Spitze eingeschrieben werden, nutzt sie sich ab?
Sie stellte dem Glasbläser diese Fragen, lächelte dabei. Er antwortete auf alle Fragen. Kaum merklich zog er die Mundwinkel weiter nach oben.
Schließlich entschied sie sich für den grün-schwarzen Füller. Er lag ausnehmend gut in der Hand, glitt leicht übers Papier und fühlte sich für sie wohlig warm an.
„Sollte die Spitze abbrechen, aus welchen Gründen auch immer, so schicken Sie mir den Glasfüller zu. Ich werde ihn für Sie reparieren.“
Lächelnd reichte er ihr seine Visitenkarte und nahm sie fast im selben Moment zurück. Aus seiner Jackentasche holte er einen weinroten Füller mit einer goldenen Feder und schrieb die Nummer seines Handys auf die Karte. Dabei wurde er von einem Kunden angesprochen. Er legte seinen Füller auf den Tisch und drehte sich um.
Da lag er. Ein weinroter Füller. Marlene erstarrte, wurde ganz blass, schaute sich kurz um. Ihre Hand glitt auf den Tisch, wie fremdgesteuert. Und sie steckte den Füller einfach ein.
Der Glasbläser beendete das Gespräch auf der anderen Seite des Tisches und kam zu ihr zurück. Er schaute auf den Tisch, bemerkte den Verlust seines Füllers und schaute Marlene ins Gesicht. Er schaute ihr direkt in die Augen. Kein Ton fiel zwischen ihnen. Marlene wünschte sich, dass der Glasbläser sie auf den Füller hin ansprach, sie fragte, ob sie sich den Füller eingesteckt habe. Er fragte nicht. Er schaute sie nur an mit diesem warmen, vertrauensvollen Blick. Sie blickte nach unten. Auch diesmal würde nicht angesprochen werden, ob und warum sie den Füller, der ihr nicht gehörte, eingesteckt hatte. Enttäuschung breitete sich in ihr aus. Eine völlig irrationale Enttäuschung.
Sie packte den grünen Glasfüller und das Fass mit der Tinte in ihre Tasche, nickte dem Glasbläser kurz zu und lief los.
„Hallo, junge Frau!“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich und erschrak. Sie drehte sich um und sah den Glasbläser vor sich stehen. Ihr Magen verkrampfte.
„Sie haben Ihre Brille vergessen. Wie wollen Sie ohne Brille meine Visitenkarte lesen?“, fragte er etwas atemlos. Sie schaute ihm in die Augen, sah das Vertrauen darin und griff langsam in ihrer Tasche nach dem weinroten Füller. Sie gab ihn ihm zurück. Im Grunde genommen hatte sie es gewusst, man konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Niemals.
Der Glasbläser senkte den Blick und fragte leise, fast stotternd, ob sie sich bei ihm melden werde. Ja, antwortete sie ihm mit heller Stimme, ganz sicher sogar.

Flip-Flops und Jesussandalen

(Kurzgeschichte)

Etwas hatte sich in der Straße verändert.
Ich war auf dem Weg zur Arbeit Richtung Forschungsinstitut und mit den Gedanken bei der letzten Versuchsreihe, die heute ihren Abschluss finden sollte.
Ich nahm die Veränderung unbewusst wahr. Es war ein vages Gefühl und hätte mich jemand gefragt, ich hätte es nicht benennen können. Im Laufe des Tages vergaß ich es. Erst auf dem Nachhauseweg am späten Nachmittag fiel es mir wieder ein.
Ich bemerkte den Menschenauflauf auf der anderen Straßenseite und sah beim Überqueren, dass sich über Nacht der Secondhandladen in einen Schuhladen verwandelt hatte.
Das also war die Veränderung, ganz banal.
Ich stellte mich zu den anderen Leuten und schaute in die Auslage. Der neue Inhaber hatte ein originelles Schaufenster gestaltet, indem er Schuhe aus den letzten 30 Jahren in seine Dekoration einbezog. Mich interessierte aber hauptsächlich, ob auch Ledertaschen im Angebot waren. Der Geruch von neuem, ungebrauchtem Leder hat mich von jeher fasziniert.
Die Leute vor dem Fenster diskutierten, zeigten auf einzelne Schuhmodelle und schmunzelten.
„Ich krieg mich nicht ein, meine Schuhe aus der Tanzstunde!“, lachte eine Frau laut auf und zeigte auf weiße Pumps mit einer Schleife.
„Die trug meine Freundin auch zum Tanzstundenball!“, rief daraufhin eine andere Frau.
Ich amüsierte mich über die Leute, schaute in die Auslage und entdeckte rechts außen rote Kinderschuhe, ähnlich denen, die ich zum Schulanfang getragen hatte. Mein Herz begann schneller zu schlagen, mir wurde warm. Eine Reihe tiefer standen blaue, vietnamesische Badelatschen neben braunen Jesussandalen. Ich erinnerte mich an beide Modelle. Mein Herz schlug noch schneller.
„Das gibt es doch gar nicht, so viele Zufälle?“, murmelte ich vor mich hin und beschloss, in das Cafe gegenüber zu gehen, um etwas zu trinken.
Am Nebentisch saß eine Gruppe Leute, die sich laut unterhielten. Als ich mich setzte, unterbrachen sie ihre Unterhaltung und schauten zu mir herüber. Eine der Frauen kam mir bekannt vor.
Ich bestellte einen Kaffee und tauchte in meine Erinnerungen ein.
„Möchten Sie ein Stück Kuchen zu Ihrem Kaffee?“, unterbrach die Kellnerin meinen Gedankenfluss.
„Nein, danke, ich mag nichts Süßes“, antwortete ich schnell.
Mir war natürlich bewusst, dass Rückblicke Perspektiven sind, denen man nicht trauen kann. An die Zeiten vor dem vierten bzw. fünften Lebensjahr erinnert man sich so gut wie gar nicht. Und auch die Erinnerungen an die ersten Schuljahre sind sehr selektiv und unvollständig oder stimmen gar nicht.
Und doch, überlegte ich, wenn ich an die Sommer in meiner frühen Kindheit denke, dann sehe ich mich in Jesussandalen oder vietnamesischen Badelatschen durch die Gegend laufen und- es war immer warm!

Die Badelatschen sind wieder aktuell und heissen nun Flip-Flops.
Die Modelle in meiner Kindheit waren aus Kautschuk und einfarbig. Wenn der Sommer vorüber war, zeichneten sich alle fünf Zehen und auch die Stellen, wo Ballen und Fersen aufsaßen, ab. In manchen Jahren waren diese Stellen fast durchsichtig. Meine vier Geschwister und ich bekamen jedes Jahr neue Badelatschen und zusätzlich ein Paar Jesussandalen in schwarz oder braun. Das waren einfache Sandalen, die eine Ledersohle, einen Riemen aus Leder über die Zehen und einen um die Knöchel mit jeweils einer kleinen verstellbaren Schnalle hatten. Sie weiteten sich und mussten mehrfach enger gestellt werden.
„Wieso heißen die Jesussandalen?“, fragte ich meinen Bruder, der zwei Jahre älter war.
„Solche Sandalen hat Jesus getragen!“, antwortete er und verdrehte die Augen. Meine Fragen nervten ihn meist.
„Und wer ist Jesus?“
„Das ist der Mann im Himmel, der alles überwacht!“
„Woher willst du denn das wissen? Hast du ihn gesehen?“
„Nein, ich nicht, aber Peter hat ihn gesehen!“
Ich schaute ihn skeptisch an, ausgerechnet Peter? Mein Bruder drehte sich schnell um, seine Schultern zuckten verräterisch.
Ich blickte damals ungläubig auf ihn und überlegte, ob ich nicht Peter fragen sollte. Aber der sah mich als lästiges Anhängsel von seinem Freund und schupste mich des Öfteren in den Straßengraben. Wenn er bei uns klingelte und Henry abholte, rief meine Mutter meist:
„Nimm deine Schester mit!“, was sie dann taten, widerwillig.

Warum starren die Leute vom Nachbartisch ständig zu mir her?
„…meinst du, wie viele Leute ich….“, hörte ich die Frau in der Mitte sagen, verstand aber den Rest des Satzes nicht, da sie plötzlich den Kopf wegdrehte und in die andere Richtung sprach. Ich überließ mich wieder meinen Gedanken.

Feste Schuhe gab es im Sommer keine, erinnerte ich mich.
Wozu auch? Wir wohnten auf dem Dorf in einer Siedlung für Armeeangehörige. Wenn es regnete, blieben wir zu Hause bzw. trugen die Badelatschen. Unser Vater war bei der Armee, unsere Mutter Hausfrau, die nebenbei für fremde Leute nähte. Mein Vater hatte die Angewohnheit, regelmäßig in die Kneipe zu gehen.
„Der ist wieder auf Sauftour!“, präzisierte mein Bruder die Auskunft, wenn einer fragte, wo Vater sei. Das Geld war immer knapp.
Im Herbst bekamen alle neue, feste Schuhe, die bis zum Frühjahr halten mussten. Dann waren sie meist durchgelaufen bzw. die Sohle hatte sich gelöst. Als Kind ging es nur darum, wer die kaputtesten Schuhe hatte und vor allem, wo sie kaputt waren!
„Hast du die Schuhe von Beate gesehen? Da guckt der halbe Zeh raus!“, kreischte einer, als ich in der vierten Klasse war und alle lachten sich halbtot. Pech war, wenn man über Winter wuchs, denn ein zweites Paar gab es nicht, das Geld war einfach nicht da. Komischerweise wuchsen die Schuhe aber immer mit.

Schulanfang bedeutete einmal Kleidung zusätzlich. Ich freute mich auf die Schule und das Kleid.
Meine Mutter nähte mir ein blau-weiß gemustertes Kleid mit einem weiten Rock und am Kragen ein schwarzes Samtband. Ich mochte es und konnte kaum erwarten, dass es fertig wurde.
Dazu sollte ich die passenden Schuhe bekommen. Wir liefen ins Dorf. Es gab nur ein Schuhgeschäft, das am Dorfrand lag. Wir schauten in das Schaufenster und meine Mutter zeigte auf weiße Schuhe. Die hätten sehr gut zu dem Kleid gepasst.
Da ich bereits mit sechs Jahren alleine zum Einkaufen geschickt wurde, kannte ich die Auslagen in dem Schuhgeschäft und hatte mir meine Schuhe längst ausgeguckt. Sie waren rot, hatten eine kleine Lasche, durch die Schnürsenkel gezogen wurden. Den ganzen langen Sommer hatte ich mich nach diesen Schuhen verzehrt. Nichts hätte mich davon abbringen können.
Wir betraten das Geschäft und meine Mutter fragte nach den weißen Schuhen.
Ich probierte sie an.
„Und? Wie passen sie?“, hörte ich sie fragen.
Sie passten gut. Aber ich wollte sie nicht. Ich wollte die roten Schuhe.
„ Nein“, meinte ich „Die passen nicht, die drücken!“
„Das kann doch gar nicht sein, stell dich nicht so an!“
„Die passen nicht!“, behauptete ich und starrte sie an. Sie starrte zurück.
„Zieh sie aus!“, sagte sie schließlich ungehalten und sprach mit dem Ladeninhaber, Herrn Wilcke. Er kannte mich. Wir hatten uns ab und an unterhalten, wenn ich vor dem Schaufenster und er zufällig draußen stand.
„Welche möchtest du denn?“, fragte er und zwinkerte mir zu. Stumm zeigte ich auf die roten Schuhe. Meine Mutter sagte, dass sie nicht zu dem Kleid passen.
Es interessierte mich nicht. In unserer Familie passte vieles nicht. Wieso war es hier wichtig? Ich wollte die roten Schuhe.
„Los, probier sie an!“, sagte meine Mutter schließlich unwirsch.
Ich zog sie an und merkte, sie waren etwas zu klein. Herr Wilcke hatte vorher schon erwähnt, dass es das letzte Paar sei.
„Die passen richtig gut!“, strahlte ich meine Mutter an.
Sie guckte skeptisch, sagte aber nichts weiter. Sie meinte nur, dass ich nicht denken soll, es gäbe noch ein Paar Schuhe.
Am Tage der Einschulung war ich mächtig aufgeregt, achtete nicht auf die Schuhe. Als ich mit meiner Schultüte, die zu einem Drittel mit Papier, die andere Hälfte mit Erdnüssen und nur oben unter dem Tüll, für die Leute sichtbar, mit einigen Süßigkeiten gefüllt war, nach Hause kam, fielen meine Geschwister sofort über den Inhalt her und aßen fast alles auf. Ich war mit der Federmappe, dem Ranzen und den Schulbüchern beschäftigt. Es roch wundervoll nach neuem Leder. Immer wieder hielt ich die Federtasche an meine Nase und roch daran.
Als ich endlich mitbekam, was mit meiner Schultüte geschah, schrie ich wie am Spieß, stürzte auf meine Geschwister und schlug wild auf alle ein. Unbändiger Hass durchflutete mich. Meine Mutter packte meinen Arm und zerrte mich zurück. Ich wehrte mich. Daraufhin gab sie mir eine schallende Ohrfeige. Ich war augenblicklich still und schaute sie an. Ich verstand sie nicht.
Von den Süßigkeiten aus meiner Schultüte aß ich nichts.
Am nächsten Tag begann der Unterricht. Der Schulweg betrug etwa eine halbe Stunde, da die Siedlung etwas außerhalb des Ortes lag. Die Schuhe drückten relativ schnell. Ich humpelte, sobald ich aus dem Blickfeld meiner Mutter war. Mein Bruder dachte, der Weg sei zu anstrengend für mich.
„Bist du noch ein Baby und schaffst nicht mal den Schulweg?“, lachten er und Peter, liefen aber doch etwas langsamer.
Die Fersen waren bald blutig und ich konnte nicht mehr verheimlichen, dass die Schuhe nicht passten. Bald waren die Schmerzen so groß, dass wir einen Arzt aufsuchten.
„Habe ich es nicht gleich gesagt, dass diese Schuhe nicht passen? Das habe ich sofort gesehen! Die weißen Schuhe waren genau richtig! Aber du musst ja immer deinen Dickkopf durchsetzen!“, totterte meine Mutter.
Ich schluchzte unentwegt.
Auf Grund der schlimmen Entzündungen wurde ich für zwei Tage in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach der Entlassung mussten mein Bruder und sein Freund mich mit einem Handwagen in die Schule fahren. Sie fuhren durch jedes Schlagloch und sehr schnell, um ja vor allen anderen Schulkameraden in der Schule zu sein.
Ich trug wieder meine Jesussandalen.

„Sag mal, bist du nicht Vera Winter und wohntest früher als Kind in Bromnitz in der Schumannstraße?“, fragte die Frau vom Nebentisch. Wenn sie weiterhin so gestarrt hätte, hätte ich sie angesprochen.
Ich musterte sie aufmerksam, wusste, dass ich sie irgendwoher kenne, konnte es aber nicht zuordnen. Wir waren in etwa gleichaltrig .
„Ja, die bin ich. Bis zur siebten Klasse wohnte ich auf dem Dorf. Nach der Scheidung meiner Eltern zogen wir mit meiner Mutter in die Stadt. Warum? Kennen wir uns?“
„Ich ging mit deinem Bruder Henry in eine Klasse. Mein Mann und ich haben heute das Schuhgeschäft eröffnet. Weißt du, dass die roten Schuhe in der zweiten Reihe von unten deine Schuhe vom Schulanfang sind?“
„Wie? Meine Schuhe? Das sind meine Schuhe, die ich zum Schulanfang getragen habe?“
„Ja, genau die. Ich treffe mich regelmäßig mit deinem Bruder. Ihr ward ja so eine Horde Kinder zu Hause und da habe ich ihn nach Schuhen von früher gefragt. Deine Mutter hatte die roten Schuhe aufbewahrt.“
„Meine Mutter? Nee, das glaub ich nicht. Sie war doch völlig gegen diese Schuhe? Als ich die zwei Tage im Krankenhaus war, hat sie mich nur einmal ganz kurz besucht. Und sie hat diese Schuhe aufgehoben? Das glaube ich nicht!“
„Ist aber so. Komm mit, ich zeige dir die braunen Stellen vom eingetrocknetem Blut im Fersenbereich. Dein Bruder hat mir die Geschichte vom Schulanfang erzählt.“

Was für ein Tag! Erst die geglückte Versuchsreihe heute morgen und nun diese Schuhgeschichte.
Seltsam, bis heute esse ich keine Süßigkeiten und meide Schuhläden. Ich habe nie über die Gründe nachgedacht. Dabei ist es so einfach!