Erinnerungen wabern ins Jetzt
In den späten 1970er und den 1980er Jahren begann ich mich lebendig zu fühlen. Ich wurde selbstbestimmter, mein Rücken erfuhr die ersten Aufrichtungen.
Alles war stimmig – die Musik, der Rhythmus, die Filme, die Freundschaften, die Tage und Nächte. Weniger stimmig waren die Partnerschaften. Selbstbestimmte Frauen erfuhren und erfahren Widerstände, sagten und sagen nach vielen Vergeblichkeiten: Tschüss. SO nicht!
Ab Ende 1979 lernte ich Mutter zu sein. Meine Kinder wuchsen mit dem, was heute ‚Me-Time‘ genannt wird, auf. Meine Zeit begann am Abend, wenn die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen, und die Gute-Nacht-Küsse verteilt waren. In meiner Zeit widmete ich mich meinen Collagen, meinen Gedankenauffangbüchern, Büchern überhaupt, einen Fernseher hatten wir nicht. Kino- und Konzertgänge waren selten, wurden wieder mehr, je älter die Kinder wurden. Irgendwer war immer da, wenn ich durch die Nächte tanzte.
Mitte der 1980er Jahre wurde ich wieder Schülerin. Ich machte mein Abitur nach. Lernen konnte ich nur am Abend bis tief in die Nächte hinein.
Und dann begrub ich einige Träume. Die Kinder hatten nicht gefragt, sie waren da und ihnen gebührte der erste Platz in meinem Leben. Ich ging also weder zurück zum Theater, noch besuchte ich eine Schauspielschule, noch studierte ich Journalismus. Nach Jahren des Dreigeteiltseins von Mutter, Schule und Arbeit entschied ich mich für Mutter und Arbeit. Ich wurde Kollektivistin, war eine von sieben Frauen, die einen Bioladen in Berlin-Kreuzberg 36 führten.
Alles war stimmig! Herausforderungen, leichte Zeiten, schwierige Zeiten gehören zum Leben dazu, das wusste ich auch damals schon.
Dass ich heute diese Zeit als stimming empfinde, hat viel damit zu tun, dass immer Eine=r da war, für die Kinder und mich; dass ich Freundinnen und Freunde hatte, die zum selben Rhythmus tanzten, dass Solidarität kein Schimpfwort war und Boykotts noch etwas bewirken konnten.
„Wir haben geträumt von einer besseren Welt
Wir haben sie uns so einfach vorgestellt
Wir haben geträumt. Es war ’ne lange Nacht
Ich wünschte wir wären niemals aufgewacht …“ sangen in den 1990er Jahren die Ärzte. Ja. So sah und sehe ich das auch. Alles schien möglich. Wenig hat es bis ins 21. Jahrhundert herüber geschafft.
Wenn ich etwas verändern will, dann muss ich mich dafür einsetzen und bereit für den langen Atem sein. Das galt damals und gilt auch jetzt. Und genau deswegen war ich heute zur Demo in der kleinen Stadt. Heute ist globaler Frauenstreiktag. Solidarisch sein ist meine Motivation. Mysogynie ist auf weiter auf dem Vormarsch. Wir waren schon einmal weiter, als Mütter, als arbeitende Frauen und als Partnerinnen!











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