Tycio 🎞️’s review published on Letterboxd:
1001 Filme, die ich gesehen haben möchte, ehe ich 50 werde
(in chronologischer Reihenfolge)
∆ Kapitel 18
Das Rad
La Roue
F 1923
R.: Abel Gance
413 Min.
La Roue von Abel Gance ist der erste Film dieser Challenge, der wirklich eine Herausforderung war aufzutreiben. Zwar erst 2017 von ZDF und arte umfangreich restauriert, ist die vollständige, fast siebenstündige Fassung lediglich auf dem ausgezeichneten amerikanischen Criterion Channel zu finden. DVD-Veröffentlichungen der Vergangenheit sind inzwischen vergriffen und beinhalten auch nur die von Gance auf viereinhalb Stunden reduzierte Version des Films.
Nichtsdestotrotz lohnt sich die Anstrengung, denn die Restauration lässt erahnen, welche Wucht La Roue 1923 auf sein Publikum gehabt haben muss. Gance eröffnet seinen Film mit einem aufwändig inszenierten Eisenbahnunglück, das er mit schnellen Schnitten und expressiver Farbgebung in Szene setzt. (Stilmittel, die sich durch den weiteren Film ziehen werden.) Hier zeigt sich bereits, dass La Roue weitaus mehr ist, als ein überlanges Melodram.
Die Geschichte des Eisenbahnfahrers Sisif, der die junge Waise Norma adoptiert, sich aber dann (ebenso wie sein Sohn) in das herangewachsene Mädchen verliebt, steht im Kontext der großen griechischen Tragödien und hinterfragt die menschlichen Moral- und Pflichtvorstellungen.
Gance inszeniert seinen Film im Kontext der avantgardistischen Cinéma pur Bewegung. Er übernimmt Tendenzen der rein rhythmischen und stilisierten Methoden der Experimentalfilme und holt sie in das narrative Geschehen, von dem sich die Bewegung eigentlich absetzen wollte. Dadurch wird Gance zum Wegbereiter für den kommenden Spielfilm, allen voran der Werke Sergej Eisensteins.
Diese Tendenz zeigt sich auch dadurch, dass das besagte Rad nicht nur namengebend ist, noch lediglich das immer wiederkehrende Motiv der Eisenbahn beschreibt. Es wird stattdessen ganz konkret als symbolisches Motiv des Rads des Schicksals oder Rads des Begehrens benannt und auch in der Bildgestaltung stetig als szenischer Rahmen wiederkehren.
Tatsächlich bleibt lediglich die valide Frage im Raum stehen, ob sieben Stunden dafür Not tun. Vermutlich hält auch die gekürzte Fassung ausreichend der Wirkung von La Roue inne. Doch bei all der Kritik an seiner ausufernden Laufzeit, sei darauf verwiesen, dass heute bei ähnlicher Länge, die meisten Miniserien weitaus weniger zu erzählen haben als dieser Film von 1923.
Noch 983 Filme.
Noch 10 Jahre, 11 Monate, 25 Tage
{Gesamtspieldauer: 2.204 Minuten}
Vorheriger Film: Verflixte Gastfreundschaft
Nächster Film: Der letzte Mann