Ithaka!

Personifikation der Odyssee, Jean-Auguste-Dominique Ingres, 1850, via Wikimedia Commons

„Keep Ithaka always in your mind. (…) Ithaka gave you the marvelous journey. Without her you wouldn’t have set out. She has nothing left to give you now. And if you find her poor, Ithaka won’t have fooled you. Wise as you will have become, so full of experience, you’ll have understood by then what these Ithakas mean.“
                                Ithaka, Konstantinos Kavafis, 1911

Haben wir uns festgehalten?
An einander? An Geschichten? Alle beide,
ausgesetzt auf Planken (faulig stinkenden, mit Seepocken
bedeckten Planken), die uns über Wasser halten, bis wir stranden,
alle beide: glücklicher zu deinen Füßen, Nausikaa! So vertrauensvoll und
nahbar, dass wir uns sofort verzehren nach der schönen Königstochter. Ganz
umsonst. Statt warmer Haut, nur hitzige Gelage; Berge von gegrilltem Fleisch
und zu viel Wein zu langen Liedern über Kriege, bis wir alle beide flennen. Haben
wir zu viel getrunken? Zu viel vom berauschenden Lotus gegessen? War es
Hunger? Oder Durst? Der Wunsch, die Sau herauszulassen? Circe wird ihn dir erfüllen. Du zahlst nur den Preis dafür. Hast du das verstanden? Wem Aiolos 
seinen Sack mit Winden schenkt, der lässt ihn besser zu! Nur Idioten fressen
Helios die Rinder weg. Er ist ein Gott, aber GEFAHR steckt in GEFÄHRTEN.
Wir werden sie verlieren. Alle. Sechs davon frisst ein Riese (Polyphem) und
nach uns verlangt er auch. Will er deinen Namen wissen, sag ihm einfach,
du bist Niemand. Wer braucht schon einen großen Namen? Wir klammern
uns an Schafen fest, verstopfen uns (mit Wachs) die Ohren und
verlieben uns in Nymphen, dabei träumen wir fast 
             jede Nacht von Ithaka —

 

Später werden sie uns rühmen.
Unsre Klugheit, unsren Mut und das Vermögen,
durchzuhalten. Dass wir nicht lachen (alle beide), bis die ersten
Quallen kommen. Schwaches Leuchten, Nesselgifte; brennen längst nicht so —
wie Sehnsucht? Lass sie brennen, wünsch dir was! Wie Sterne, die nach Norden weisen? Haben wir uns festgehalten? An einander? An Geschichten?
Alle beide, ausgesetzt auf Planken (faulig stinkenden, mit
Seepocken bedeckten Planken), aber vorwärts! 
             Auf, nach Ithaka! 

 

So vergehen unsre Jahre.
Haben keine Eile mehr und keine Angst
vor Abenteuern. Wünsch-dir-was auf allen Wegen,
jeder führt nach Ithaka. Nur (kurzes Räuspern, Stimme bricht)

             bist du vor mir dort, mach Licht —

Ithaka! (für meinen Vater), 2023           

Foto: Vollmond, by samer daboul, via pexels, 2018

Der Text bezieht sich auf Homers Odyssee, die ich im ersten Lockdown (in der grandiosen Übersetzung Kurt Steinmanns) gemeinsam mit meinem Vater gelesen habe. Wir pflegen schon lange eine lockere Lesegemeinschaft, die sich immer wieder sehr bewährt. Während mein Vater europäische Geschichte/n liebt, habe ich meinen Spaß daran, sie klein zu kriegen. Ithaka? Ithaka! In Dankbarkeit, VL

Alle im Text kursiv gesetzten Namen gehören zur Odyssee.

Personifikation der Odyssee, Jean-Auguste-Dominique Ingres, 1850, via Wikimedia Commons

„Keep Ithaka always in your mind. (…) Ithaka gave you the marvelous journey. Without her you wouldn’t have set out. She has nothing left to give you now. And if you find her poor, Ithaka won’t have fooled you. Wise as you will have become, so full of experience, you’ll have understood by then what these Ithakas means.“
             Ithaka, Konstantinos Kavafis, 1911

Wie haben wir uns festgehalten?
An einander? An Geschichten? Alle beide, aus-
gesetzt auf Planken, faulig stinkend und mit Seepocken
bedeckte Planken, die uns über Wasser halten, bis wir stranden:
glücklicher zu deinen Füßen, Nausikaa! So vertrauensvoll und nahbar,
dass wir uns sofort verzehren nach der schönen Königstochter. Ganz umsonst. Statt warmer Haut, nur hitzige Gelage; Berge von gegrilltem Fleisch und zu viel Wein zu langen Liedern über Kriege, bis wir alle beide flennen. Haben wir zu viel getrunken? Zu viel berauschenden Lotus gegessen? War es Hunger? Oder Durst? Der Wunsch, die Sau herauszulassen? Cirke wird ihn dir erfüllen. Du zahlst nur
den Preis dafür. Hast du das verstanden? Wem Aiolos einen Sack mit Winden schenkt, lässt ihn besser zu! Nur Idioten fressen Helios die Rinder weg. Er ist
ein Gott, aber GEFAHR steckt in GEFÄHRTEN. Wir werden sie verlieren. Alle.
Sechs davon frisst ein Riese (Polyphem) und nach uns verlangt er auch. Will
er deinen Namen wissen, sag ihm einfach, du bist Niemand. Wer braucht
schon große Namen? Wir klammern uns an Schafen fest, verstopfen
uns (mit Wachs) die Ohren und verlieben uns in Nymphen, dabei
             träumen wir fast jede Nacht von Ithaka  —

 

Später werden sie uns
rühmen. Unsre Klugheit, unsren Mut
und das Vermögen, durchzuhalten. Dass wir nicht
lachen (alle beide), bis die ersten Quallen kommen. Schwaches
Leuchten, Nesselgifte; brennen längst nicht so — wie Sehnsucht? Lass sie brennen, wünsch dir was! Wie Sterne, die nach Norden weisen? Haben wir uns
festgehalten? An einander? An Geschichten? Alle beide, ausgesetzt auf
Planken (faulig stinkenden, mit Seepocken bedeckten Planken),
             also vorwärts! Auf, nach Ithaka!

So vergehen unsre Jahre.
Haben keine Eile mehr und keine Angst
vor Abenteuern. Wünsch-dir-was auf allen
Wegen, jeder führt nach Ithaka! Nur (kurzes Räuspern, Stimme bricht),
             bist du vor mir dort, mach Licht —

Ithaka! (für meinen Vater), 2023

Foto: Vollmond, by samer daboul, via pexels, 2018

Der Text bezieht sich auf Homers Odyssee, die ich im ersten Lockdown (in der grandiosen Übersetzung Kurt Steinmanns) gemeinsam mit meinem Vater gelesen habe. Wir pflegen schon lange eine lockere Lesegemeinschaft, die sich immer wieder bewährt. Während mein Vater europäische Geschichte(n) liebt, habe ich meinen Spaß daran, sie klein zu kriegen. Ithaka? Ithaka! In Dankbarkeit, V

Alle im Text kursiv gesetzten Namen gehören zur Odyssee.

Personifikation der Odyssee, Jean-Auguste-Dominique Ingres, 1850, via Wikimedia Commons

Keep Ithaka always in your mind. (…) Ithaka gave you the marvelous journey. Without her you wouldn’t have set out. She has nothing left to give you now.
And if you find her poor, Ithaka won’t have fooled you. Wise as you will have become, so full of experience, you’ll have understood by then what these Ithakas mean.“ 
Ithaka, Konstantinos Kavafis, 1911

Haben wir uns festgehalten? An einander? An Geschichten? Alle beide, ausgesetzt auf Planken (faulig stinkenden, mit  Seepocken bedeckten Planken), die uns über Wasser halten, bis wir stranden, alle beide: glücklicher zu deinen Füßen, Nausikaa! So vertrauensvoll und nahbar, dass wir uns sofort verzehren nach der schönen Königstochter. Ganz umsonst. Statt warmer Haut, hitzige Gelage; Berge von gegrilltem Fleisch und zu viel Wein zu langen Liedern über Kriege, bis wir alle beide flennen. Haben wir zu viel getrunken? Zu viel vom berauschenden Lotus gegessen? War es Hunger? Oder Durst? Der Wunsch, die Sau herauszulassen? Circe kann ihn dir erfüllen. Du zahlst nur den Preis dafür. Hast du das verstanden? Wem Aiolos seinen Sack mit Winden schenkt, der lässt ihn besser zu! Nur Idioten fressen Helios die Rinder weg. Er ist ein Gott, aber GEFAHR steckt in GEFÄHRTEN. Wir werden sie verlieren. Alle. Sechs davon frisst ein Riese 
(Polyphem) und nach uns verlangt er auch. Will er deinen Namen wissen, sag ihm einfach, du bist Niemand. Wer braucht schon einen großen Namen? Wir klammern uns an Schafen fest, verstopfen uns (mit Wachs) die Ohren und verlieben uns in Nymphen, dabei träumen wir fast jede Nacht von Ithaka  —

Später werden sie uns rühmen. Unsre Klugheit, unsren Mut und das Vermögen, durchzuhalten. Dass wir nicht lachen (alle beide), bis die ersten Quallen kommen. Schwaches Leuchten, Nesselgifte; brennen längst nicht so — wie Sehnsucht? Lass sie brennen, wünsch dir was! Wie Sterne, die nach Norden weisen? Haben wir uns festgehalten? An einander? An Geschichten? Alle beide, ausgesetzt auf Planken (faulig stinkenden, mit Seepocken bedeckten Planken), also vorwärts! Auf, nach Ithaka —

So vergehen unsre Jahre. Haben keine Eile mehr und keine Angst vor Abenteuern. Wünsch-dir-was auf allen Wegen, jeder führt nach Ithaka! Nur (kurzes Räuspern, Stimme bricht), bist du vor mir dort, mach Licht —

Ithaka (für meinen Vater), 2023

Foto: Vollmond, by samer daboul, via pexels, 2018

Der Text bezieht sich auf Homers
Odyssee, die ich im ersten Lockdown (in der grandiosen Übersetzung Kurt Steinmanns) gemeinsam mit meinem Vater gelesen habe. Wir pflegen schon lange eine lockere Lesegemeinschaft, die sich immer wieder sehr bewährt. Während mein Vater europäische Geschichte(n) liebt, habe ich meinen Spaß daran, sie klein zu kriegen. Ithaka? Ithaka! In Dankbarkeit, VL

Alle im Text kursiv gesetzten Namen gehören zur Odyssee.