Einmal eins

„Comin‘ Thro‘ the Rhy“ by Robert Burns, 1782, aus dem Schottischen ins Schweizerdeutsche übertragen von August Corrodi, aus: Gresslys Notizbuch Nr. 3 (1858), Seite 235 (Ausschnitt), Silvan Thüring, Naturmuseum Solothurn

Es war einmal Gebrumm.
Aus Zeilenzwischenräumen grollt es,
trollt sich einer, wie ein Bär. Ist er ein Mensch?
Wenn ja, ein sichtlich schmutziger. Zieh er ihn aus! (den
dreckverschmierten Rock) Der Regen soll ihn sauber waschen.
Aber wird er dann nicht frieren? Nein! Trägt er doch Pelz unterm Pelz,
der wärmt ihm seine Nieren! Ah, jetzt kommt die Sonne und der Bären-mensch 
wälzt sich vergnügt ins Kräuterbett. Wir singen ihm ein Wiegenlied,
bis er eingeschlafen ist: 
Öpper wott dur’s thäli gah/Öpper öpper chüsse/
Gaht das öpper öppis a/
Bruucht das öpper z’wüsse? Schnell, die Kleider!
Die aus Bären Menschen machen
um sich wieder einzufinden, in das,
was man 
Gesellschaft nennt, statt in das Angesicht von Steinen
in/
uralten Meeresbecken abzutauchen, weil sie uns
             angeblich 
rufen —

Hier sind wir also
angelandet. Zwischen Buchstaben
(haha!) irgendwo am Rand der Welt, eine Handvoll
Urzeitkrebse im Jagdgebiet von Riesenhaien. Ihre Rücken,
schneebedeckt. Und rundherum kein Meer, nicht mehr. Wir folgen
einer Bärens
pur (bis nach Solothurn). Wir suchen seine Sammlung
(von Versteinerungen), 
jedenfalls den Teil, der dem berühmten Bären-
menschen
nicht gestohlen wurde. Hätte sich e
in Bär (wie er) von
diesem 
Schlag erholt? Wie wären wir davon gekommen? Im Museum,
alle Mütter dieser Stadt, knietief im Geschrei 
der Kinder, eine Bärin und
ihr Junges (ausgestopft). Beide Schnauzen, kahl gestreichelt; 
Krallen,
stumpf (der Kinder wegen). Ich frage mich, ob diese zwei Museums-bären wirklich mal zusammen waren. Oder alles nur gefaked?
Arrangiert vom Präparator, der eins und eins zusammen-
zähltals ob die beiden Bären einmal eins 
             gewesen wären —

Sind sie es denn noch?
Und wenn ja, für wie lange? Ach, Kind,
die Zeit vergeht 
so schnell, der Mond wird immer wieder voller
und aus einmal eins wird zwei und manchmal mehr. Bären, Mama?
             Sicher Schatz, 
Kuschelbären — 

Einmal eins (Amanz Gressly gewidmet), 2023

foto: Braunbär (Ursus arctos), Damian Kuzdak, via istockphoto.com

*Öpper wott dur’s thäli gah/öpper öpper chüsse/Ghat das öpper öppis a/Bruucht das öpper z’wüsse? (= jemand will durchs Tal (gehn)/um jemanden zu küssen/geht das irgendjemand‘ an?/Braucht das jemand wissen?) Aus: „Coming Thro‘ the Rye“ von Robert Burns in der Mundart-Übersetzung von August Corrodi (Vgl. Malcolm Pender, „To see oursels as others see us“. Der Schotte Robert Burns aus der Sicht des Schweizers August Corrodi, figurationen Nr. 01/10)

Der Text bezieht sich auf den Schweizer Paläontologen und Geologen Amanz Gressly (1814 – 1865), der die Lebens- und Ablagerungsbedingungen urzeitlicher Lebensformen als prägende Faktoren der Gesteinsbildung erkannt und dafür den Begriff der Fazies (= Angesicht des Gesteins) geprägt hat. Diebstahl und Kränkung, die hier im Text angedeutet sind, gründen auf Gresslys Verhältnis zum berühmtesten Geologen seiner Zeit, Louis Agassiz, der einen Teil der Gressly-Sammlung (unter ungeklärten Umständen) nach Amerika „mitgenommen“ hat, während Gressly (als sein langjähriger Assistent) praktisch mittel- und arbeitslos zurückbleibt. Als erster seiner Zunft beginnt er sich mit geologischen Gutachten über Wasser zu halten, deren Zuverlässigkeit in Fachkreisen sofort für Aufsehen sorgt. (Vgl. Chr. Walkmeister, Amanz Gressly, der Jura-Geologe, sein Charakter, seine Wirksamkeit, aus: Bericht über die Thätigkeiten der Naturwissenschaftlichen der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, 19. Jh., E-Periodica der ETH Zürich).

Gresslys Feldbücher mit geologischen Profilen, Skizzen, Notizen und Gedichten (siehe kleines Bild oben) wurden inzwischen digitalisiert und stehen allen Interessierten zur freien Verfügung. Danke, Silvan Thüring! Go Gressly, go!!!

„Comin‘ Thro‘ the Rhy“ by Robert Burns, 1782, aus dem Schottischen ins Schweizerdeutsche übertragen von August Corrodi, aus: Gresslys Notizbuch Nr. 3 (1858), Seite 235 (Ausschnitt), Silvan Thüring, Naturmuseum Solothurn

Es war einmal
Gebrumm. Aus Zeilenzwischen-
räumen grollt es, trollt sich einer, wie ein Bär.
Ist er ein Mensch? Wenn ja, ein sichtlich 
Schmutziger.
Zieht ihn aus! (den dreckverschmierten Rock). Der Regen 
soll ihn sauber waschen. Wird er dann nicht frieren? Nein! Trägt er
doch Pelz unterm Pelz, der wärmt ihm seine Nieren. Ah, jetzt kommt
die Sonne und der Bärenmensch wälzt sich vergnügt ins Kräuterbett.
Wir singen ihm ein Wiegenlied, bis 
er eingeschlafen ist: Öpper wott
dur’s thäli gah/Öpper öpper chüsse/Gaht das öpper öppis a/Bruucht
das öpper z’wüsse?* 
Schnell, die Kleider! Die aus Bären wieder Menschen machen, um sich wieder einzufinden, in das, was
man Gesellschaft nennt, statt 
in das Angesicht von Steinen
in/uralten Meeresbecken abzutauchen, weil sie
           uns 
(angeblich) rufen —

Hier sind wir also
angelandet. Zwischen Buchstaben
(haha!), irgendwo am Rand der Welt; eine Handvoll
Urzeitkrebse im Jagdgebiet von Riesenhaien. Ihre Rücken, schneebedeckt, und rundherum, kein Meer (nicht mehr). Wir folgen
einer Bären-Spur (bis nach Solothurn). Wir suchen seine Sammlung
von Versteinerungen, jedenfalls den Teil, der dem berühmten Bären- menschen nicht gestohlen wurde. Hätte sich ein Bär (wie er) jemals
von diesem Schlag
erholt? Wie wären wir davon gekommen? Im Museum, alle Mütter dieser Stadt, knietief im Geschrei der Kinder;
wie die Bärin und ihr Junges (ausgestopft). Beider Schnauzen, kahl gestreichelt; Krallen stumpf (der Kinder wegen). 
Oder alles nur
gefaked? Arrangiert vom Präparator, der eins und eins 
zusammenzählt, als ob die beiden Bären wirklich 
               einmal eins 
gewesen wären —

 

Sind sie es denn noch?
Und wenn ja, für wie lange? Ach, Kind,
die Zeit vergeht so schnell, der 
Mond wird (immer wieder)
voller und aus einmal eins wird zwei und manchmal mehr. Bären,
              Mama? Sicher Schatz, 
Kuschelbären — 

Einmal eins (Amanz Gressly gewidmet), 2023

foto: Braunbär (Ursus arctos), Damian Kuzdak, via istockphoto.com

*Öpper wott dur’s thäli gah/öpper öpper chüsse/Ghat das öpper öppis a/Bruucht das öpper z’wüsse? (= jemand will durchs Tal (gehn)/um jemanden zu küssen/geht das irgendjemand‘ an?/Braucht das jemand wissen?) Aus: Coming through the rye von Robert Burns in der Mundart-Übersetzung von August Corrodi (Vgl. Malcolm Pender, „To see oursels as others see us“ Der Schotte Robert Burns aus der Sicht des Schweizers August Corrodi, in: figurationen Nr. 01/10) 

Der Text bezieht sich auf den Schweizer Paläontologen und Geologen Amanz Gressly (1814 – 1865), der die Lebens- und Ablagerungsbedingungen urzeitlicher Lebensformen als prägende Faktoren der Gesteinsbildung erkannt und dafür den Begriff der Fazies (= Angesicht des Gesteins) geprägt hat. Diebstahl und Kränkung, die hier im Text angedeutet sind, gründen auf Gresslys Verhältnis zum berühmtesten Geologen seiner Zeit, Louis Agassiz, der einen Teil der Gressly-Sammlung (unter ungeklärten Umständen) nach Amerika „mitgenommen“ hat, während Gressly (als sein langjähriger Assistent) praktisch mittel- und arbeitslos zurückbleibt. Als erster seiner Zunft beginnt er sich mit geologischen Gutachten über Wasser zu halten, deren Zuverlässigkeit in Fachkreisen sofort für Aufsehen sorgen. (Quelle: Chr. Walkmeister, Amanz Gressly, der Jura-Geologe, sein Charakter, seine Wirksamkeit, aus: Bericht über die Thätigkeiten der Naturwissenschaftlichen der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, 19. Jh., E-Periodica der ETH Zürich).

Gresslys Feldbücher mit geologischen Profilen, Skizzen, Notizen und Gedichten wurden inzwischen digitalisiert und stehen allen Interessierten zur freien Verfügung. Danke, Silvan Thüring! Go Gressly, go!!!

„Comin‘ Thro‘ the Rhy“ by Robert Burns, 1782, aus dem Schottischen ins Schweizerdeutsche übertragen von August Corrodi, aus: Gresslys Notizbuch Nr. 3 (1858), Seite 235 (Ausschnitt), Silvan Thüring, Naturmuseum Solothurn

Es war einmal Gebrumm. Aus Zeilenzwischenräumen grollt es, trollt sich einer, wie ein Bär. Ist er ein Mensch? Wenn ja, ein sichtlich Schmutziger. Zieh ihn aus! (den dreckverschmierten Rock) Der Regen soll ihn sauber waschen. Wird er dann nicht frieren? Nein, trägt er doch Pelz unterm Pelz, der wärmt ihm seine Nieren! Ah, jetzt kommt die Sonne und der Bärenmensch wälzt sich (vergnügt) ins Kräuterbett. Wir singen ihm ein Wiegenlied, bis er eingeschlafen ist, Öpper wott dur’s thäli gah/Öpper öpper chüsse/Gaht das öpper öppis a/Bruucht das öpper z’wüsse?* Schnell, die Kleider! Um sich wieder einzufinden, in das, was man Gesellschaft nennt, statt in das Angesicht von Steinen in uralten Meeresbecken abzutauchen, weil sie uns angeblich rufen  —

 

Hier sind wir also angelandet.
Zwischen Buchstaben (haha!), irgendwo am Rand der Welt; eine Handvoll Urzeitkrebse im 
Jagdgebiet von Riesenhaien. Ihre Rücken, schneebedeckt, und rundherum kein Meer (nicht mehr). Wir folgen einer Bären-Spur (bis nach
Solothurn). Wir suchen seine Sammlung (von Versteinerungen), jedenfalls den Teil, der dem berühmten Bärenmenschen nicht gestohlen wurde. Hätte sich ein Bär (wie er) jemals von diesem Schlag erholt? Wie wären wir davon gekommen? Im Museum, alle Mütter dieser Stadt, knietief im Geschrei der Kinder, eine Bärin und ihr Junges (ausgestopft). Beider Schnauzen, kahl gestreichelt; Krallen stumpf (der Kinder wegen). Ich frage mich, ob diese zwei Museumsbären wirklich mal zusammen waren. Oder alles nur gefaked? 
Arrangiert
vom Präparator, der eins und eins zusammenzählt, als ob die beiden Bären wirklich einmal eins gewesen wären —

 


Sind sie es denn noch? Und wenn ja, für wie lange? Ach, Kind, die Zeit vergeht so schnell, der Mond wird immer wieder voller und aus einmal eins wird zwei und manchmal mehr. Bären, Mama? Sicher, Schatz, Kuschelbären — 

Einmal eins (Amanz Gressly gewidmet), 2023

foto: Braunbär (Ursus arctos), Damian Kuzdak, via istockphoto.com

*Öpper wott dur’s thäli gah/öpper öpper chüsse/Ghat das öpper öppis a/Bruucht das öpper z’wüsse? (= jemand will durchs Tal (gehn)/um jemanden zu küssen/geht das irgendjemand‘ an?/Braucht das jemand wissen?) Aus: „Coming Through the Rye“ von Robert Burns in der Mundart-Übersetzung von August Corrodi (Vgl. Malcolm Pender, „To see oursels as others see us“, Der Schotte Robert Burns aus der Sicht des Schweizers August Corrodi, in: figurationen Nr. 01/10)

Der Text bezieht sich auf den Schweizer Paläontologen und Geologen Amanz Gressly (1814 – 1865), der die Lebens- und Ablagerungsbedingungen urzeitlicher Lebensformen als prägende Faktoren der Gesteinsbildung erkannt und dafür den Begriff der Fazies (= Angesicht des Gesteins) geprägt hat. Diebstahl und Kränkung, die hier im Text angedeutet sind, gründen auf Gresslys Verhältnis zum berühmtesten Geologen seiner Zeit, Louis Agassiz, der einen Teil der Gressly-Sammlung (unter ungeklärten Umständen) nach Amerika „mitgenommen“ hat, während Gressly (als sein langjähriger Assistent) praktisch mittel- und arbeitslos zurück geblieben ist. Als erster seiner Zunft beginnt er sich mit geologischen Gutachten über Wasser zu halten, deren Zuverlässigkeit in Fachkreisen sofort für Aufsehen sorgen. (Vgl. Chr. Walkmeister, Amanz Gressly, der Jura-Geologe, sein Charakter, seine Wirksamkeit, aus: Bericht über die Thätigkeiten der Naturwissenschaftlichen der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, 19. Jh., E-Periodica 
der ETH Zürich).

Gresslys Feldbücher mit geologischen Profilen, Skizzen, Notizen und Gedichten (siehe kleines Bild oben) wurden inzwischen digitalisiert und stehen allen Interessierten zur freien Verfügung. Danke, Silvan Thüring! Go Gressly, go!!