Bär oder Mann?

Bär auf Wildtierkamera, Lech am Arlberg, 22.5.2024, via J.M. (per WhatsApp), hier: via vorarlberg.orf.at

                                     Sag ja, sag nein, getanzt muss sein!
                                           (Totentanz-Inschrift, Füssen)

        Würdest du im Wald lieber einem Bären oder einem Mann begegnen?
                                             (Tik-Tok, Frühjahr 2024)

Da war kein Bär,
da waren Schnecken, Vögel, Molche;
solche, die sich nackt bekriegen oder lieben, aber Bär
war keiner da. Ich war allein, in meinen alten Wanderschuhen,
die nach Raubtierkäfig stinken (eher ist es Katzenpisse) oder war es meine
Angst? Vor der langen Hängebrücke, überlegen, was zu tun ist. Eine andre Route
wählen oder einfach los marschieren? Was, wenn Angst zu mächtig wird? Auf die Knie? Auf die andre Seite kriechen? Zurück zum Einstieg? Notruf wählen? Das hier ist kein Tunnel, wo sie an die Wände schreiben, wie weit es bis zum Ausgang ist. Das ist nur eine schmale Brücke, über steinerne Pylone an zwei Seilen aufgehängt und rückwärts im Gestein verankert. Boden schwankt. Blick fällt durch den Gitter-boden, der praktisch nur aus Luft  besteht, hundert Meter weit hinunter, in den Höhenbach. Augen zu, Hände links und rechts am Handlauf, nass vom
Regen. Sind das Tränen? Solange du das alles spüren und
(wie hier) benennen kannst, bist du da, 
             handlungsfähig — 

 

Da war kein Bär,
da waren Schnecken, Vögel, Molche;
Solche, die sich nackt bekriegen oder lieben, aber
Bär war keiner da. Natürlich war er irgendwo. Sollte ich mich 
vor ihm fürchten? Sollte ich zuhause bleiben? Sollte ich dein Brustfell 
kraulen, statt einfach so drauf loszulaufen, in den alten Wanderschuhen, die
nach Raubtierkäfig stinken (eher ist es Katzenpisse) oder ist es meine Angst?
Ich gebe mich der Schwerkraft hin (nicht, dass ich sonst viel Auswahl hätte), folge der Musik des Wassers. Fällt es hart,  fällt es weich? Stürzt es senkrecht über Wände, bildet Kolke, sprengt den Stein? Reißt es alles mit sich mit, wie Schotter, Sand, Geröll und Bäume? Fürchtest du, dass Dämme brechen? Deine Wehre,
deine Mauern? Fürchtest dich zu Recht, vor geballter Wasser
macht, die draußen
ist und drinnen ist, wie Angst und Zorn und Scham und 
Lust. Solange du
das alles spüren und (wie hier) benennen kannst, bist du da, 

             handlungsfähig —

 

Und der Bär?
Natürlich ist er irgendwo.
Im Wald oder am Fluss. Auf Fische aus und auf Honig,
sowieso. Er wird um beides kämpfen müssen. Gegen Gift und Wassermacht.
Wird alles spüren, nichts davon benennen müssen.
             Immer da, handlungsfähig —- 

Bär oder Mann? (für Astrid), 2024       

Foto: Holzgauer Hängebrücke, eigenes Bild, 2024

Der Text bezieht sich einerseits auf das fragile Sicherheitsgefühl von Frauen, die einer aktuellen Social Media Diskussion zu Folge, lieber einem Bären, als einem Mann allein im Wald begegnen würden; andererseits auf das große Glück, allein in freier Natur unterwegs zu sein.

Ich widme diesen Text Astrid U., die ich auf der Heimreise vom Lechweg in Holzgau getroffen habe und die (aus verschiedenen Gründen) nicht mehr unterwegs sein kann. Liebe Astrid, auf deine Art kannst du es doch!

Bär auf Wildtierkamera, Lech am Arlberg, 22.5.2024, via J.M. (per WhatsApp), hier: via vorarlberg.orf.at

                               Sag ja, sag nein, getanzt muss sein!
                                      (Totentanz-Inschrift, Füssen)

    Würdest du im Wald lieber einem Bären oder einem Mann begegnen?
                                        (Tik-Tok, Frühjahr 2024)

Da war kein Bär,
da waren Schnecken, Vögel, Molche;
solche, die sich nackt bekriegen oder lieben, aber Bär
war keiner da. Ich war allein, in meinen alten Wanderschuhen,
die nach Raubtierkäfig stinken (eher ist es Katzenpisse) oder ist es meine
Angst? Vor der langen Hängebrücke, überlegen, was zu tun ist. Eine andre
Route wählen oder einfach los marschieren? Was, wenn die Angst zu mächtig wird? Auf die Knie? Zurück zum Einstieg? Notruf wählen? Auf die andre Seite kriechen? Ist das hier ein Tunnel, wo sie an die Wände schreiben, wie weit es bis zum Ausgang ist? Das ist eine schmale Brücke, über steinerne Pylone an zwei Seilen aufgehängt und rückwärts im Gestein verankert. Der Boden schwankt.
Der Blick fällt durch den Gitterboden, der praktisch nur aus Luft  besteht,
hundert Meter weit hinunter, in den Höhenbach. Augen zu, Hände links
und rechts am Handlauf, nass vom Regen. Sind das Tränen? Solange
du das alles spüren und (wie hier) benennen kannst,
             bist du da, handlungsfähig — 

 

Da war kein Bär,
da waren Schnecken, Vögel, Molche;
Solche, die sich nackt bekriegen oder lieben, aber Bär
war keiner da. Natürlich war er irgendwo. Sollte ich mich vor ihm
fürchten? Sollte ich zuhause bleiben? Sollte ich dein Brustfell  kraulen, statt
einfach so drauf loszulaufen, in den alten Wanderschuhen, die nach Raubtier-käfig stinken (eher ist es Katzenpisse) oder ist es meine Angst? Ich gebe mich
der Schwerkraft hin (nicht, dass ich  sonst viel Auswahl hätte), folge der Musik
des Wassers. Fällt es hart,  fällt es weich? Stürzt es senkrecht über Wände, bildet Kolke, sprengt den Stein? Reißt es alles mit sich mit, wie Schotter, Sand, Geröll und Bäume? Fürchtest du, dass Dämme brechen? Deine Wehre, deine Mauern?
Fürchtest dich zu Recht vor geballter Wassermacht, die draußen ist und
drinnen ist, wie Angst und Zorn und Scham und Lust. Solange du
das alles spüren und (wie hier) benennen kannst,
             bist du da, handlungsfähig —

 

Und der Bär?
Natürlich ist er irgendwo. Im Wald
oder am Fluss. Auf Fische aus und auf Honig, sowieso.
Er wird um beides kämpfen müssen. Gegen Gift und Wassermacht.
Wird alles spüren, nichts davon benennen müssen.
             Immer da, handlungsfähig —- 

Bär oder Mann? (für Astrid), 2024

Foto: Holzgauer Hängebrücke, eigenes Bild, 2024

Der Text bezieht sich einerseits auf das fragile Sicherheitsgefühl von Frauen, die einer aktuellen Social Media Diskussion zu Folge, lieber einem Bären, als einem Mann allein im Wald begegnen würden; andererseits auf das große Glück, allein und in freier Natur unterwegs zu sein.

Ich widme diesen Text Astrid U., die ich auf der Heimreise vom Lechweg in Holzgau getroffen habe und die (aus verschiedenen Gründen) nicht mehr unterwegs sein kann. Liebe Astrid, auf deine Art kannst du es doch!

Bär auf Wildtierkamera, Lech am Arlberg, 22.5.2024, via J.M. (per WhatsApp), hier: via vorarlberg.orf.at

Sag ja, sag nein, getanzt muss sein! (Totentanz-Inschrift, Füssen)

Würdest du im Wald lieber einem Bären oder einem Mann begegnen? (Tik-Tok, Frühjahr 2024)

Da war kein Bär, da waren Schnecken, Vögel, Molche; solche, die sich nackt bekriegen oder lieben, aber Bär war keiner da. Ich war allein, in meinen alten Wanderschuhen, die nach Raubtierkäfig stinken (eher ist es Katzenpisse) oder ist es meine Angst? Vor der langen Hängebrücke, überlegen, was zu tun ist. Eine andre Route wählen oder einfach los marschieren? Was, wenn die Angst zu mächtig wird? Auf die Knie? Zurück zum Einstieg? Notruf wählen? Auf die andre Seite kriechen? Ist das hier ein Tunnel, wo sie an die Wände schreiben, wie weit es noch zum Ausgang ist? Das ist nur eine schmale Brücke, über steinerne Pylone an zwei Seilen aufgehängt und rückwärts im Gestein verankert.  Boden schwankt. Blick fällt durch den Gitterboden, der praktisch nur aus Luft  besteht, hundert Meter weit hinunter, in den Höhenbach. Augen zu, Hände links und rechts am Handlauf, nass vom Regen. Sind das Tränen? Solange du das alles spüren und (so wie hier) benennen 
kannst, bist du da, handlungsfähig — 

 

Da war kein Bär, da waren Schnecken, Vögel, Molche; Solche, die sich nackt bekriegen oder lieben, aber Bär war keiner da. Natürlich war er irgendwo. Sollte ich mich vor ihm fürchten? Sollte ich zuhause bleiben? Sollte ich dein Brustfell kraulen, statt einfach so drauf loszulaufen, in den alten Wanderschuhen, die nach Raubtierkäfig stinken (eher ist es Katzenpisse) oder ist es meine Angst? Ich gebe mich der Schwerkraft hin (nicht, dass ich sonst viel Auswahl hätte), folge der Musik des Wassers. Fällt es hart, fällt es weich? Stürzt es senkrecht über Wände, bildet Kolke, sprengt den Stein? Reißt es alles mit sich mit, wie Schotter, Sand, Geröll und Bäume? Fürchtest du, dass Dämme brechen? Deine Wehre, deine Mauern? Fürchtest dich zu Recht vor geballter Wassermacht, die draußen ist und drinnen ist, wie Angst und Zorn und Scham und Lust. Solange du das alles spüren und (wie hier) benennen kannst, bist du da, handlungsfähig —

 

Und der Bär? Natürlich ist er irgendwo. Im Wald oder am Fluss auf Fische aus und auf Honig, sowieso. Er wird um beides kämpfen müssen. Gegen Gift und Wassermacht. Wird alles spüren, nichts davon benennen müssen. Immer da, handlungsfähig —- 

Bär oder Mann? (für Astrid), 2024     

Foto: Holzgauer Hängebrücke, eigenes Bild, 2024

Der Text bezieht sich einerseits auf das fragile Sicherheitsgefühl von Frauen, die einer aktuellen Social Media Diskussion zu Folge, lieber einem Bären, als einem Mann allein im Wald begegnen würden; andererseits auf das große Glück, allein in freier Natur unterwegs zu sein. 

Ich widme diesen Text Astrid U., die ich auf der Heimreise vom Lechweg in Holzgau getroffen habe und die, (aus verschiedenen Gründen) nicht mehr unterwegs sein kann. Liebe Astrid, auf deine Art kannst du es doch!