Der Nürburgring: Tempel des Motorsports

Es gibt Orte auf der Welt, die man einfach nicht vergisst. Orte, die etwas mit einem machen, sobald man den Namen hört, die ein Bild hervorrufen, das schärfer ist als die Wirklichkeit. Der Nürburgring ist so ein Ort. Irgendwo in den Hügeln der Eifel, umgeben von dunklen Nadelwäldern und grauen Felsen, windet sich eine Rennstrecke, die ihresgleichen sucht. Nicht in Europa. Nicht auf der ganzen Welt.

Sie nannten sie die Grüne Hölle, und wer dort je gefahren ist, versteht warum.

Aus der Not geboren

Die Strecke wurde nicht aus Liebe zum Motorsport gebaut. Am 27. September 1925 schlugen Arbeiter die ersten Pfähle in den Boden der Eifel, nicht um ein Monument zu errichten, sondern um Menschen Arbeit zu geben. Die Region war arm, die Wirtschaft lag am Boden, und der Bau einer großen Rennstrecke rund um das Dorf Nürburg und die mittelalterliche Burg auf dem Hügel war ein Beschäftigungsprojekt. Nicht mehr, nicht weniger.

Doch was sie bauten, war etwas Besonderes. Am 18. und 19. Juni 1927 öffnete die Strecke ihre Tore. 28,265 Kilometer Asphalt, 173 Kurven, eine Nordschleife von fast 23 Kilometern und eine Südschleife, die noch einmal gut 7 Kilometer hinzufügte. Keine andere Rennstrecke der Welt konnte sich mit dem messen, was hier in der Eifel aus dem Boden gestampft worden war.

Die Narbe von 1976

Jahrzehntelang zogen die größten Namen zum Nürburgring. Die Strecke wuchs zur Legende heran, zum Maßstab, zur Bewährungsprobe. Und dann, am 1. August 1976, änderte sich alles. Niki Lauda, der österreichische Weltmeister, krachte kurz vor der Kurve Bergwerk mit seinem Ferrari von der Strecke. Sein Auto fing Feuer. Fahrerkollegen sprangen aus ihren Wagen und zogen ihn unter dem brennenden Wrack hervor. Lauda überlebte. Doch die Formel 1 kehrte nicht mehr zur alten Strecke zurück.

Es war ein Bruch, der schmerzte. Nicht nur bei Lauda, nicht nur bei den Fahrern, sondern auch bei all jenen, die jemals am Streckenrand gestanden und den Autos zugeschaut hatten, die über die Nordschleife rasten. Die Grüne Hölle hatte ihren Tribut gefordert, und die Welt hatte genug gesehen.

Wiedergeboren in Asphalt

1984 bauten sie eine neue Strecke neben der alten. Sicherer, kürzer, moderner. Eine Runde beträgt heute 5,148 Kilometer, ein Bruchteil dessen, was die Nordschleife zu bieten hat. 1984 und 1985 kehrte die Formel 1 zurück, wenn auch nur für kurze Zeit. Danach wich die Königsklasse nach Hockenheim aus.

Dennoch blieb der Nürburgring er selbst. Ab 1995 wurde hier um den Großen Preis von Europa gefahren, und obwohl das Tempo niedriger war als auf anderen Strecken, fehlte es nie an Drama. Michael Schumacher gewann hier öfter als jeder andere. Alain Prost gewann hier. Jacques Villeneuve, Rubens Barrichello, Ralf Schumacher, Fernando Alonso. Die Liste liest sich wie eine Ruhmeshalle des Sports. 1999 flog Pedro Diniz in seinem Sauber Petronas bei einem Crash durch die Luft, der die Strecke erneut an ihren gefährlichen Charakter erinnerte. 2002 bekamen die Fahrer die Mercedes-Arena geschenkt, eine neue Kurvenkombination kurz nach Start und Ziel, die das Spektakel steigern und die gefährliche erste Kurve umgehen sollte.

Mehr als eine Rennstrecke

Der Nürburgring war immer mehr als ein Stück Asphalt für Rennwagen. Auch Radsportler kennen die Strecke. Alfredo Binda wurde hier 1927 Weltmeister, Rudi Altig 1966, und Gerrie Knetemann machte die Niederlande 1978 auf demselben Streckenabschnitt stolz. Und jahrelang, von 1985 bis 2014, dröhnte die Eifel vom Klang einer ganz anderen Art von Motor. Rock am Ring brachte Hunderttausende Musikfans in die Wälder rund um die Strecke. Nach einer Unterbrechung kehrte das Festival 2017 zurück. Denn die Grüne Hölle zieht Menschen an. Immer.

Und dann ist da noch der Niederländer Carel Godin de Beaufort, der 1964 während des Trainings zum Großen Preis von Deutschland auf dieser Strecke verunglückte. Sein Name ist in die Geschichte des Ortes eingraviert, eine stille Erinnerung daran, dass die Grüne Hölle immer ernst genommen werden will.

Ein Ort, der bleibt

Heute kann man dort selbst fahren. Einfach bezahlen, einsteigen und auf die Nordschleife. Tausende tun es jedes Jahr. Manche vorsichtig, tastend, die Kurven abtastend wie eine fremde Sprache. Andere mit Vollgas, Grenzen suchend, die Strecke herausfordernd auf die Art, wie sie schon immer herausgefordert wurde.

Die Grüne Hölle hat Fahrer gemacht und gebrochen, Legenden geboren und Leben gekostet. Sie wurde als Beschäftigungsprojekt gebaut und ist zu einem der heiligsten Orte im Motorsport geworden. Irgendwo in der Eifel, neben einer mittelalterlichen Burg, schlängelt sich ein Stück Asphalt, das den Zahn der Zeit überstanden hat. Und das, glaube ich, noch sehr lange tun wird.