
„Ich möchte Gerechtigkeit für meinen Vater, für die Familien, für alle anderen Mordopfer. Ich möchte Aufklärung und ich möchte Konsequenzen.“ – Gamze Kubaşık
Seit mehr als 20 Jahren kämpfen die Überlebenden und Angehörigen der NSU-Opfer für Aufklärung und Gerechtigkeit. Sie kämpfen dafür, dass endlich alle Akten veröffentlicht und das ganze Netzwerk des NSU, das die Morde ermöglichte, vollständig aufgedeckt wird. Im Oktober 2025 steht Gamze Kubaşık, Tochter des am 4. April 2006 von Mitgliedern des rechtsterroristischen NSU in seinem Kiosk in Dortmund ermordeten Mehmet Kubaşık, zusammen mit anderen betroffenen Familien vor dem Bundestag. Sie überreichen eine Petition und fordern, dass eine der Haupttäterinnen, die nie zur Aufklärung beigetragen hat, nicht in ein Aussteigerprogramm für Nazis aufgenommen wird. Wenige Monate später im Dezember 2025 fordert Gamze Kubaşık in dem aktuell laufenden zweiten NSU-Prozess in Dresden diese Täterin lautstark auf, endlich die Wahrheit zu sagen.
Zentrale Aspekte des Mordes an Mehmet Kubaşık sind auch heute – zwanzig Jahre nach der Tat – nicht aufgeklärt. Besonders die Frage, über welche Unterstützer*innen des NSU in Dortmund verfügte. Aber auch, weshalb sich die Ermittlungen nie gegen die in Dortmund zum Zeitpunkt der Tat äußerst gewalttätige Neonaziszene richteten
„Wir hatten ziemlich bald den Verdacht, dass es nur Rechtsradikale gewesen sein könnten, die hinter der Mordserie steckten. Aber die Polizei hat uns immer wieder geantwortet: Ausgeschlossen. Dafür gibt es keine Beweise.“ – Gamze Kubaşık
Während die Polizei, aber auch der allergrößte Teil der medialen Öffentlichkeit, einen extrem rechten und rassistischen Hintergrund der Tat kategorisch ausschloss, richteten sich Verdächtigungen und Gerüchte vor allem gegen Mehmet Kubaşık und seine Familie.
„Die Ermittler haben die Ehre meines Vaters kaputtgemacht. Sie haben ihn damit zum zweiten Mal ermordet.“ – Gamze Kubaşık
Mehmet Kubaşık hatte Anfang der 90er mit seiner Frau Elif und der Tochter Gamze aus politischen Gründen die Türkei verlassen und die Familie hatte in Dortmund ihr Zuhause gefunden. Dort wurden auch die beiden jüngeren Kinder geboren. Mehmet Kubaşık liebte das Leben in der Dortmunder Nordstadt. Er verbrachte gerne Zeit mit seiner Familie sowie mit Freund*innen beim gemeinsamen Grillen und beim Fußball. Im Jahr 2004 eröffnete Mehmet Kubaşık seinen Kiosk in der Mallinckrodtstraße 190, der schnell für viele Menschen im Stadtteil zu einem gefragten Anlaufpunkt wurde. Gamze beschreibt ihren Vater als „den besten Mensch, den sie je kannte.“ Seine Frau Elif sagt, ihre Kraft schöpft sie nach wie vor aus der Beziehung mit Mehmet.
„Kein 10. Opfer!“ lautete die Forderung, mit der Gamze und Elif Kubaşık gemeinsam mit anderen Angehörigen von Opfern der NSU-Morde im Mai 2006 – nur wenige Wochen nach dem Mord an Mehmet Kubaşık – in Kassel und Dortmund auf die Straße gingen. Mit ihrer Wahrnehmung, dass die Morde von rassistischen Täter*innen begangen worden waren, blieben sie allerdings bis zur Selbstenttarnung des NSU im November 2011 weitgehend allein. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach im Februar 2012 eine „lückenlose Aufklärung“ der Verbrechen und der Rolle staatlicher Institutionen, die diese Taten begünstigt hatten. Doch auch nach 15 Parlamentarischen Untersuchungsausschüssen und dem NSU-Prozess in München (2013-2018) ist festzustellen, dass die staatliche Aufarbeitung enttäuschend verlief, von den Behörden vielfach behindert wurde und auch die Justiz nicht für Aufklärung sorgte.
„Ich bin eine starke Frau. Ich habe die Kraft, mit meinen Worten zu kämpfen. Wenn Du aber nach der Gerechtigkeit im Gericht fragst, so kann ich Dir sagen: Wir haben keine Gerechtigkeit erlebt.“ – Elif Kubaşık
Es waren und sind vor allem die Überlebenden und Angehörigen, die sich um Aufklärung bemühen, Konsequenzen einfordern und die Erinnerung an die Opfer des NSU gegen vielfache Widerstände wach halten.
„Gedenken ist etwas sehr Schönes, so bleibt Mehmet in täglicher Erinnerung und die Menschen werden nicht vergessen, was passiert ist. Für die kommenden Generationen ist das sehr wichtig.“ – Elif Kubaşık
Im Herbst 2025 wurde auf dem Mehmet-Kubaşık-Platz in der Dortmunder Nordstadt endlich eine Gedenktafel errichtet, die an Mehmets Geschichte und sein Leben erinnert. Gamze Kubaşık hatte die Tafel mit ihrer Familie initiiert. Sie wünscht sich, dass ihr Vater niemals vergessen wird und die Menschen erfahren, was für ein Mensch er gewesen ist. Sie arbeitet seit vielen Jahren als politische Bildnerin. Es geht ihr auch darum, deutlich zu machen, dass der gesellschaftliche Rassismus bis heute eine zentrale Grundlage für rechte Gewalt bildet. „Ich möchte, dass gerade die Jugendlichen die Wahrheit wissen, um alles mitgestalten zu können“, sagt sie über ihre Arbeit an Schulen. Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek, Tochter des im September 2000 vom NSU ermordeten Enver Şimşek, sprechen bei zahlreichen Veranstaltungen gemeinsam über ihre Väter, ihre schmerzhaften Erfahrungen und ihre Kämpfe, die sie in dem Jugendbuch „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ festgehalten haben.
In der Initiative „Echoes of Witnesses – Stimmen für die vom NSU Ermordeten“ und dem 2022 gegründeten Solidaritätsnetzwerk verbinden sich die Forderungen und Kämpfe Betroffener rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt bundesweit. Sie stärken sich gegenseitig und treten gemeinsam für Anerkennung, die konsequente Aufarbeitung rechter Gewalt und selbstbestimmte Formen des Erinnerns ein. Es sind vor allem diese Stimmen, die dem überall zu beobachtenden gesellschaftlichen Rassismus, den Wahlerfolgen extrem rechter Parteien, sowie den Kontinuitäten rechter rassistischer und antisemitischer Gewalt entgegenstehen, die Aufklärung, Gerechtigkeit und Veränderung einfordern und die Perspektive einer solidarischen Gesellschaft der Vielen entwickeln.
„Wir leben in einer Zeit, in der der rechte Druck immer größer wird – in den Parlamenten in den Köpfen. Es ist für mich wichtig, immer wieder zu sagen, dass wir uns nicht spalten lassen sollen. Wir müssen zusammenhalten, wir müssen laut werden, wir müssen dagegenstehen.“ – Gamze Kubaşık