TAGE IM JUNI
Halunken
- 2 -
ARIK MAAS
Beide schlenderten wortlos die alte Hafenstraße hinab. Arik vergrub die Hände in den Taschen seines Hoodies und grübelte darüber nach, wie lange dieser Schwachsinn noch so weitergehen sollte.
Die Kunden wurden immer unzufriedener, die Kuriere ebenso, er selbst hatte lange schon die Schnauze voll.
Caspar trug noch immer ein Grinsen auf den Lippen. Noch bis um die nächste Ecke konnte der Pudel es zurückhalten, dann brach er in lautes Gelächter aus. Das gehässige Gekicher war so frei und unverblümt, dass sich über Ariks mürrisches Gesicht ebenso ein Lächeln legte und die miesen Gedanken für einen Moment vertrieb.
»Der Typ is' ja goldig«, prustete Caspar. »Wo hast du die Aufziehfigur überhaupt gefunden?«
»Man findet sie überall«, antwortete er und ließ seinen Blick durch die Straßen wandern.
Er inspizierte die wenigen Gestalten, die um diese Zeit herumschlichen. Ein Katzentyp streunte in Richtung Nachtclub. An seiner Haltung und dem herunterhängenden Schweif war deutlich zu erkennen, dass er nur ungern in dieser Gegend unterwegs war. Scheinbar hatte er sich kurz vorher etwas Mut angetrunken, um seine Schüchternheit vergessen zu können. Das typische Abziehbild eines verklemmten Versagers, der sich Hoffnungen auf eine Bekanntschaft machte, wahrscheinlich aber zu nervös war, um überhaupt seinen Schwanz hochzubekommen.
»Aufziehfiguren«, wiederholte Arik Caspars Wort, »machen tagtäglich dasselbe und erreichen nichts. Warten bloß drauf, eines Tages kaputt zu gehen. Und dann den Rest ihres verschwendeten Lebens zu verrotten.«
Caspar konnte sich langsam wieder beruhigen. »Du bist so gut darin, einen runterzuziehen«, entgegnete er.
Glucksend zog er das Tütchen hervor, das er dem Wiesel abgeknöpft hatte. Er hielt es vor sich und betrachtete den Inhalt im Lampenschein.
»Der Shit is' echt ziemlich beschissen, ›Karl‹«, sprach er und zerdrückte einige graue Klumpen zwischen dem Plastik.
»Ich weiß«, entgegnete Arik trocken.
Den Namen aus Caspars Schnauze zu hören traf ihn unerwartet. Nicht, weil Caspar ihn fröhlich nachplapperte, wie er es mit allem tat, was er lustig fand, sondern weil er mit Pudelstimme gesprochen so direkt klang. Unverdreht.
Arik war es gewohnt, den Namen aus schleimigen Wieselmäulern zu hören, aus denen er wie die Lüge klang die er war. Mit Caspars Stimme gesprochen wurde er jedoch zur Wahrheit. Als wäre er nun ein offizieller Ersatz für Ariks Namen. Und das erzeugte ein Unbehagen, fast Ekel, der den Waschbären ohne Vorwarnung in der Magengrube traf.
Er zog eine vorgedrehte Zigarette aus der Tasche, während er das schäbige Gefühl herunterschluckte und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Er bemerkte den Seitenblick von Caspar und hatte den Verdacht, dass es ihm nicht geglückt war. Caspar grinste nur. Dieser beschissene Pudel war viel zu aufmerksam.
»Woher holste das Zeug überhaupt?«, fragte Caspar ohne darauf einzugehen.
Arik brummte und entgegnete dann so emotionslos und trocken wie ihm möglich war: »Von Karl.«
Caspar warf wieder den Kopf nach hinten und lachte lauthals. Mit einer übertriebenen Geste wischte er sich die nicht vorhandenen Freudentränen aus den Augen und tappte Arik mit der Pfote auf den Rücken, als wollte er ihm zum Sieg im Spargelweitwurf beglückwünschen.
Arik zog an seiner Zigarette und versuchte, sich nicht daran zu verschlucken.
Ein seltsames Gefühl kroch in seinen Bauch. Er konnte sich nicht erinnern, wann er es das letzte Mal gespürt hatte. Es war Scham. Warum um alles in der Welt brachte ihn ausgerechnet dieser Blödmann in Verlegenheit? Niemand behandelte ihn derart respektlos. Keine Hure. Kein anderer Waschbär. Kein verblödetes Wiesel.
Es war längst überfällig, dem Pudel sein Grinsen aus der Fresse zu prügeln.
Er sah in Caspars steingraues Gesicht. Dessen Mundwinkel zuckten noch immer vom Lachen. Der Pudel blickte ihn bloß erwartungsvoll an, als wüsste er genau, dass er kurz vor einer Abreibung stand. Mehr noch, als legte er es bewusst darauf an ohne Zögern und Zucken.
Arik nahm einen weiteren Zug von der Zigarette und löste seinen Blick.
Was soll's, dachte er. Plötzlich war ihm die Lust auf Prügel vergangen. Dem Pudel den Schädel einzuschlagen wäre bloß vertane Zeit. Völlig sinnfrei.
Caspar wandte sich ebenfalls ab und lachte leise weiter.
Viel zu aufmerksam.
»Karl schert sich um nichts«, maulte Arik. »Möchtegern Drogenboss und macht nur Scheiße. Dumm wie Dreck und vögelt den ganzen Tag bloß Huren mit dem Geld, das andere ranschaffen. Hab die Schnauze voll davon.« Er zog an der Zigarette und blies den Qualm durch die Nase.
Er musste sich schmerzlich eingestehen, dass er selbst letztendlich nicht besser war als das Wiesel. Auch bloß ein Laufbursche für Karl. Der Gedanke widerte ihn an. Warum sollte er seinen eigenen Namen preisgeben, wenn er ohnehin nicht mehr war als ein verlängerter Arm des schäbigen, alten Waschbären, der ihn mit fettigen Fingern umherschob wie den letzten Krümel Käse auf seinem Teller? Wenn etwas schief lief, wurde Arik angegrunzt und bekam den Dreck ins Gesicht. Da war es doch nur passend, dass der Dreck auf Karls Namen geschaufelt wurde, anstatt dass Arik seinen für den Mistkerl hergeben musste.
Für Karl machte es ohnehin keinen Unterschied. Er lieferte Arik den Stoff und der junge Waschbär hatte ihn unter die Leute zu bringen. Wie er es tat, war Karl völlig egal. Hauptsache er brachte Geld zurück und hielt die Schnauze. Und wenn Karl bloß Dreck lieferte, hatte Arik das Gemecker und die Drohungen der Kunden auszuhalten. Und das Geschwafel der Kuriere.
Arik konnte es ebenso egal sein, was das Wiesel mit dem beschissenen Stoff tat. Ob es alles selbst fraß, in den Kanal warf oder zum Düngen in den Garten kippte. Spielte keine Rolle. Hauptsache es karrte Kohle ran. Wahrscheinlich wäre es für das Wiesel lukrativer, den Shit einfach in einen Gully zu werfen und das Geld stattdessen von Touristen zu klauen. Dann hatte Arik seine Kohle. Karl hatte seine und hielt die dreckige Schnauze.
»Ich würde Karl ja abstechen«, fügte Arik an, »aber dann hab ich seine Lieferanten an der Backe. Vielleicht erwürgt ihn ein geprellter Zuhälter. Käme mir gelegen.«
»Ich kann ihn für dich abstechen«, bot Caspar an.
Arik dachte einen Moment darüber nach. »Ich glaub nicht, dass deine Immunität auch gegen Mord hilft.«
»Wär 'nen Versuch wert.«
»Du willst doch bloß Spaß haben.«
»Immer.«
Sie schlenderten die Anlegestelle des alten Hafens entlang, die schon lange keine Schiffe mehr begrüßt hatte. Die Nacht war ruhig und das Wasser schimmerte sacht im Mondschein wie schwarze Tinte.
Eine durchaus romantische Szene, wäre die Luft nicht mit dem bitteren Geruch von Schlick und Algen durchzogen gewesen. Am Uferrand musste irgendetwas verendet sein, denn die nächtliche Wärme saugte einen fauligen Gestank vom Boden auf. In der Ferne schälte sich die marode Seebrücke aus dem dunkelblauen Himmel, wie ein schwarzer Wald. An ihrem Ende thronte ein finsterer Klotz, der einst ein Restaurant beherbergte. Heutzutage brannten jedoch keine Lichter mehr und die Fackeln am Steg entlang waren kalt und schwarz.
»Arbeitet dein Cousin nicht hier irgendwo?«, fragte Caspar plötzlich.
»Im Balut«, entgegnete Arik.
Die alte Kaschemme am ehemaligen Boulevard, die vom grimmigen Bossel geradeso am Leben gehalten wurde. Man konnte sagen, er hatte eine Nische für seinen Fraß finden können, denn wer immer in diesem Viertel unterwegs war, vom Hunger geplagt wurde und nichts gegen maroden Charme hatte, fand sich früher oder später im Balut wieder.
Ein Touristenloch war die Kneipe zum Glück nicht, denn durch den alten Hafen führten keine Sightseeingtouren. Arik meinte sogar, man hätte das Hafenviertel bequemerweise aus den Karten im Reiseführer ausradiert.
»Was zu Essen könnt' ich vertragen«, meinte Caspar.
»Bist du nicht auf irgendein Bankett eingeladen?«
»Scheiße nein. Bei so was werd' ich aggressiv.«
Schade. Arik hätte den Pudel gerne im Frack gesehen. Das stellte er sich ungefähr so lustig vor wie den Bischof in Strapse.
»Wäre nicht gut, unter Leuten rumzulaufen, nachdem wir vom Shitschieben kommen«, warf Arik ein.
»Angst dich erkennt wer? Das passiert nicht. Ihr Waschbären seht doch alle gleich aus.«
Caspars Ehrlichkeit war erfrischend wie die eines kleinen Kindes — eines kleinen, gestörten, hässlichen Kindes.
Das Balut lag etwas nach hinten versetzt zwischen zwei leerstehenden Schaufensterläden. Es war niedriger als die umliegenden Gebäude und wirkte durch das blassgelbe Licht, das sich durch die Fensterläden zwängte, wie eine Art Hexenhaus.
Auf dem kleinen Vorplatz rosteten einsame Stühle vor sich hin und die Tafel mit dem Speisenangebot hatte sich über die Jahre in eine Art Grabstein mit undefinierbaren Hieroglyphen verwandelt. Darüber thronte das Logo des Balut, das einen lächelnden Hühnerkopf mit Rehgeweih zeigte, der durch die verlaufene Farbe aber nun wie eine weinende Missgeburt aus irgendeinem Horrorfilm aussah.
Ariks Blick fiel auf die Rabatte vor dem Lokal. Einst zur ästhetischen Aufwertung der Promenade gedacht trug sie heute zu deren Versifftheit bei. Neben Disteln und einem vertrockneten Maulbeergestrüpp hatte jemand die Erde aufgewühlt und augenscheinlich lustlos einiges Unkraut beseitigt. Hier und da ragten dabei vergessene Krautstummel heraus. Deren kleine, dreizackige Blätter waren Arik sehr vertraut.
Er beugte sich herunter und zupfte einen der Keimlinge heraus. Er ließ ihn zwischen seinen Fingern kreisen und zerdrückte den Stiel. Ein markanter Geruch stieg ihm in die Nase. Eindeutig.
»Willst du wissen, warum dieser Drecksschuppen so beliebt ist?«, fragte er. Caspar zuckte mit den Schultern.
Arik hielt ihm den Keimling vor die Nase. »Der alte Bossel hat eine Geheimzutat.«
Caspar roch daran und verzog das Gesicht.
»Dornenfeige«, erklärte der Waschbär. »Macht sexy Gedanken.«
Caspar hob die Augenbrauen. Davon hatte er also noch nichts gehört. Er rauchte jeden Scheiß, aber die heimischen Wunderkräuter sind ihm bislang nicht in die Tüte gekommen? Waren wohl nicht gut genug für den Snob.
Nun musste der Waschbär grinsen. »Die Pflanze produziert Alkaloide, die zu Halluzinationen führen. Besonders zu erotischen.«
Die Mundwinkel des Pudels hoben sich wieder. Er ergriff den Keimling, roch erneut daran und leckte mit der Zunge über eines der Blätter.
»Allerdings sind sie giftig. Ein Blatt reicht und du verreckst dran.«
Caspar ließ vom Keimling ab und spuckte. Er schien zu beschließen, das Grünzeug vorerst nur zu betrachten.
»Darum nennt man die Dornenfeige auch den ›Kuss des Todes‹«, fügte der Waschbär an.
Er lehnte sich an die Hauswand und rauchte die Zigarette zu Ende. »Früher wuchs das Zeug in der ganzen Nachbarschaft. Hab schon als Kind damit gespielt. Wenn man den Nektar aus den Blüten saugt, sieht man bunte Pünktchen. Manche Kinder waren aber so blöd die Pflanzen zu fressen und sind dran abgekratzt. Und wann immer es um Kinder geht, fängt die Stadtverwaltung an zu springen und hat Dornenfeigen auf öffentlichen Plätzen verboten.«
Er betrachtete die Rabatte mit der aufgewühlten Erde. Er fragte sich, ob Bossel die Kräuter entfernen musste, um keine Probleme zu bekommen.
»Der private Anbau ist aber erlaubt. Ihr starkes Gift macht sie als Rauschmittel ohnehin nutzlos. Es werden immer wieder Junkies gefunden, die sie zu rauchen versucht haben und krepiert sind. Aber da es ja bloß versiffte Kiffer sind, schert sich die Stadtverwaltung nicht drum. Ich glaub' man ist sogar froh, wenn sich der Abschaum selbst ausrottet. Übel nehmen kann ich es denen nicht.«
Er nahm einen Zug und blies den Qualm in den gelben Schein einer Laterne. Er beobachtete wie sich die blassen Wölkchen im Nachthimmel verloren.
»Die Gescheiten haben ihren Spaß und die Dummen kratzen ab. So muss es sein. Und die Evolution hat doch einen Plan. Sie hat Dornenfeigen erfunden, um den Abschaum von der Erde zu tilgen. Klug genug, sich eine Tüte drehen zu können aber zu blöd, um die Konsequenzen zu sehen. Sehr elegant.«
»Trifft das nicht auf jeden Shit zu?«, fragte Caspar.
Arik warf ihm einen kurzen Blick zu und lächelte. Kluger Pudel.
»Wahrscheinlich bin ich Karl gar nicht böse, dass er miesen Shit rankarrt«, gestand er, »sondern dass der Shit nicht mies genug ist, um seine Kunden dran verrecken zu lassen. Würde man den Stoff gegen Arsenoxid austauschen, täte man der Welt einen großen Gefallen. Dann hätte man die blödesten seiner Kunden mit einem Schlag abgemurkst. Letztendlich sind die ganzen Junkies doch schon tot. Bloß laufende Fleischmaschinen, die sich irgendwelchen Dreck einwerfen müssen, damit ihr Körper nicht auseinander fällt und sie ihre eigene Verwesung vergessen können.«
So eine Existenz widerte ihn an. Wenn irgendwer auf die Idee käme, Drogen zu legalisieren, würde er sich glatt politisch engagieren und dafür stimmen. Dann hätten die Trottel endlich die Freiheit, sich mit so viel Stoff selbst hinzurichten, wie sie in sich pumpen konnten. Und sie würden dabei auch noch fröhlich glucksen. Nichts und niemand solle ihrer Selbstausrottung im Weg stehen. Weder Gesetzte noch Regelungen.
Die ganze Gesellschaft war zu einem Geschwür geworden, das krankhaft versuchte Schwachmaten und Krüppel am Leben zu halten, als wäre es eine Wohltat. Und die kleingeistigen Moralisten fühlten sich auch noch gut dabei, Zeit und Geld für Zombies rauszuwerfen und dann blasiert zu posaunen, was für gute Menschen sie doch seien. Konnten sicher gut schlafen wenn dank ihnen der Abschaum einen Tag länger am Schlauch hing.
Das war eine Perversion. Mutter Natur weiß schon was richtig ist. Sie mag eine soziopathische Hure sein, die eifrig neue Bastarde in die Welt spuckt, aber wenigstens ist sie gescheit genug, die Krüppel unter ihnen verrecken zu lassen.
»Du zollst diesen Typen zu viel Respekt«, wandte Caspar ein mit seinem typischen, offenherzigen Grinsen. »Ich glaub' nicht, dass die meisten wissen, wie beschissen ihr Leben ist. Sie sind zu blöd und zu faul. Lasse doch fröhlich in den Tag hineinleben und verrecken. Denk nicht über Kram nach, auf den'se selbst nie kommen würden.«
»Ich versuch's«, er nahm den letzten Zug. »Aber ich kann meinen Kopf nicht einfach abschalten. Ich muss es überall ertragen. Das Geschwür.«
Zwei offensichtlich angetrunkene Schweine stolperten lachend aus der Kneipe. Sie rempelten Arik an und torkelten den Gehweg hinab.
Der Waschbär tat ihnen einen Gefallen und ignorierte sie. Er schnipste den Zigarettenstummel davon und sein Blick wanderte erneut über die Rabatte.
»Frag' mich, wie Bossel das Gift loswird.«
»Frag' ihn doch.«
»Hab Hausverbot.«
Caspar lachte. Er unternahm eine ausladende Bewegung und beugte sich mit ausgestreckten Armen nach vorn, als verneigte er sich vor seinem Theaterpublikum.
»Wenn das so ist«, sprach er und streckte Arik die Pfote entgegen, »bist du in meiner Begleitung. Bossel wird den Sohn der Bürgermeisterin und seinen Begleiter nicht einfach rauswerfen.«
Er drehte sich auf der Stelle um und schob voller Elan die Tür auf. Arik kicherte nur. Gegen die Logik des Pudels konnte er nichts sagen. Außerdem konnte er etwas Spaß jetzt gut vertragen und von Caspars Optimismus ließ er sich gern anstecken.
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© 2017, Kranich im Exil
Editorial consultant: 1Wortmaler
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