This is the day

Heute ist es also soweit. Ein Nachmittag unter Menschen, ein paar Stunden Zusammenzeit, ein Kunst-Event, eine Smalltalk-Gelegenheit (grmpf) … und eine Möglichkeit, zu sehen, was der Liebste in seinen letzten ‚hundert Jahren‘ – in Wirklichkeit sind es wohl so 35, etwa die Hälfte davon mit mir an seiner Seite – alles so an Kunst geschaffen hat.

Fast hätte er die Einladung seines Galeristen abgelehnt, wie er hier sehr treffend schrieb.

Das Bild zeigt die Einladung zur Eröffnung einer Ausstellung von Jürgen Rinck in der Galerie m beck an, mit dem Titel "Ich sah, Rad und schriebte" und dem Eröffnungsdatum Sonntag, 1. März 2026. Mehrere Bilder dienen als visuelle Elemente und zeigen Naturaufnahmen und die Aufforderung, sich das Datum zu merken auf Englisch: Save the Date.
Einladung zur Ausstellung

Diesen Blogartikel hätte ich längst schreiben sollen, im Voraus, damit du oder vielleicht du hättest teilnehmen können. Aber vielleicht tust du es ja dennoch – oder virtuell?*

Wie wir gestern Nachmittag die vorletzten Hände anlegten, um die Hängung der Bilder und Objekte zu komplettieren, kam richtiggehend große Freude auf. Am Geschafften, am Aufgehängten und am gemeinsamen Schaffen.

Mir wurde bewusst, wie stolz ich darauf bin, dass der Liebste seinem Weg und seiner Berufung gefolgt ist. Nicht immer einfach, verbunden mit viel Verzicht (würden wir es mal materiell betrachten), dazu auch mit vielen Umwegen und ja, auch Misserfolgen. Dennoch ist er sich selbst treu geblieben.

Wie ich vorhin, in seiner Küche in der Künstlerbude, meinen Frühstückknäckebrotteig knetete, schaute ich zurück und ich fragte mich, ob ich noch andere Künstlys kenne, die ähnlich breite Kunst, dazu immer mit einem leichten Augenzwinkern und freundlichem Humor, kreieren. Was da nicht alles hängt? Von Papiercollagen über Objekte hin zu Textarbeit, Reisevideos und Serienfotografie kann sich alles sehen lassen.

Als wir über die zu erwartende und meist eher langweilig-platte Laudatio sprachen – ich lasse mich aber immer wieder gern positiv überraschen –, erzählte ich drauflos. was ich geschrieben hätte, wäre ich die Laudatio-Verfasserin.

Deine Kunst, Irgendlink, zu betrachten, ist, wie dein Hirn zu betreten. Ich stelle mir einen Raum mit vielen einzelnen Nebenräumen vor in denen ich herumgehen könnte. In jedem Raum würde mich etwas Neues überraschen.

Von Tür zu Tür würde ich eine Stufe weiter in deine Hirnwindungen eintauchen. Ich sehe und verstehe dich als Reisenden, hier sehe ich deine Gedanken zu Texten aufbereitet, dort sehe ich sie als Bilder umgesetzt oder als Videos, vieles sehr roh, sehr unmittelbar, anderes – manche Bilder, manche Texte – hast du weiterentwickelt, verfremdet und ich sehe, wie du sie zu einem Ganzen zusammengeführt hast.

Zwischendurch würde ich mich ganz oft verirren und überhaupt nicht mehr wissen, wo ich jetzt bin, weil alles vermeintlich zusammenhangslos ist. Erst wenn ich aus dieser ganzen Reise durch deinen Kopf zurückgekehrt bin und alles noch einmal Revue passieren lasse, würde ich vielleicht ein wenig verstehen – oder vielleicht auch nicht – wie das alles zusammenhängt. Es sind einzelne kleine Teile eines Ganzen, die man nicht als Einzelteile sondern nur als Ganzes verstehen kann. Und weil du nicht alles ausstellen kannst – das geht ja gar nicht, es gibt nicht genug Platz für so etwas – wird man das alles eigentlich nicht verstehen. Das Schicksal vieler Kunstschaffender, die interdisziplinär arbeiten. Ich wünsche dir und deiner Kunst, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich auf dich und dein Werk einlassen.

Den Text hat der Liebste ausgedruckt und seinem in der Ausstellung aufgebauten Bundesordner-Kunstwerk, genannt ‚Akte Irgendlink‘, einverleibt, jenem Kunstwerk, das Skizzen, Hommagen, Referenzen und Zitate anderer Künstlys an Irgendlinks Kunstschaffen in sich versammelt.

Ein kreatives Leben, jedes einzelnen Leben gar, gleicht, denke ich, einem bunten Teppich. Die einzelnen Teile ergeben letztlich nur für die Person Sinn, die die einzelnen Fäden miteinander verwebt. Und diesen Sinn verstehen wir – bedauerlicherweise – ja oft erst im Rückblick. Außerdem hat auch Unsinn seine Daseinsberechtigung.

Eine Ausstellung ist eine gute Gelegenheit, hinzuschauen … und versuchen, zu verstehen, dahinterzuschauen …

Ich hoffe, dass es heute Nachmittag richtig schön wird, zumal ich solche Events immer mir sehr ambivalenten Gefühlen besuche, selbst wenn es um Werke des Liebsten geht, die gezeigt werden.

jetzt aber freue ich mich darauf.


*Infos:
Galerie m beck | Homburg
Schwedenhof | Am Römermuseum
Am Schwedenhof 4
66424 Homburg/Saar
Germany
Tel +49 6848 70119 0
ger@comebeck.com

Öffnungszeiten vom 1. März bis 3. April 2026:
Mittwoch 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Donnerstag 11 – 14 Uhr und 16 – 18 Uhr
Freitag 11 – 14 Uhr
Und nach Vereinbarung

Opening Reception:
So 01.03.2026 16 Uhr
Livestream auf Youtube

Weitere Ausstellende:
Christine Tophoven
Friedhard Meyer
sowie verlängert die Ausstellung von Christian H. Friedrichs

Notizen am Rande #8

Diese Woche hab ich endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufgeräumt und die diversen Handnotizen, teils jahrealt und in diversen Mappen gesammelt, auf einem Stapel zusammengeführt.

Kleine Gedankenfetzen, die ich am Rande des Alltags, wann immer sie mir eben einfielen, auf kleine Zettel, Makulatur zumeist, notiert habe. Sie spiegeln mir im Rückblick, wohin meine Gedanken jeweils gereist sind.

Und vielleicht sind ja alle einzelnen Gedankenfitzelchen, Handlungen und Textfragmente – einzelnen Pixeln eines riesigen digitalen Bildes gleich –, für sich gesehen unverständliche Punkte und nur als Ganzes, zusammenhängend, verständlich?

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Sich Gutes zu tun ist aufwändiger als das, was mir schadet.

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Person 1: Sag mal, läuft da was zwischen dir und mir?

Person 2: Hilfe, meine Bierflasche ist umgekippt!
oder
Person 2: Darf ich vorstellen: Snoopy, mein Hund.
oder
Person 2: Spring ruhig rüber, der Bach ist soo tief nicht.

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Wider besseres Wissen
will sie wissen
was wirklich
wesentlich und wichtig
ist

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Die einen von uns sind aus Baumwolle
andere synthetisch
andere gasförmig
manche wattig
oder
aus Gummi
Nicht alles
passt
überall

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Wird, was noch nicht da ist,
noch?

Ist alles, was da ist,
schon immer
da gewesen?

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Zigarettenstummel
auf der Straße.
Erzählen Geschichten.
Ganze Leben.
Erzählen
von Kindheiten.
Spuren.
Muster,
die lesen kann,
wer sie lesen kann.

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Die Maßeinheiten von Glück ist nicht die Minuten oder Stunden gar,
es sind unsere Sinne.

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Wenn die Nachbarin über mir gleichzeitig auf dem Klo sitzen würde, wären wir dann Blasen- oder Darmverwandte, Seelenverwandte ja eher nicht?

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(Fortsetzung folgt)

Ich will noch nicht nach Hause gehen | #Zitatgeschichten

Alle Tische sind abgeräumt, der Tresen glänzt und die Stühle auf den Tischen geben den Boden frei. Ein paar Bierdeckel und Fritten dekorieren den Boden. Nur Olga sitzt noch da. Wie immer ist sie die Letzte. Und wie immer diskutiert sie mit der Wirtin um weitere Minuten im schummrigen Licht.

Viel hat sie nicht getrunken. Ein Bier reicht viele Stunden. Sie nuschelt. Müde vom Leben. Und vielleicht weil sie sich so sehr daran gewöhnt hat, die Silben zu verschlucken, weil ihr ja eh nie jemand mehr wirklich zuhört.

Sie ist eine der Abgesägten. Eine der Verbrannten. Nach viele Jahren und vielen Jobs gleichzeitig.

Drei Kinder hat sie großgezogen. Schließlich der Unfall. Wegen Übermüdung und Unachtsamkeit. Selbst schuld, aber der Rücken ist für immer kaputt. Kündigung. Sozialamt.

Und daheim wartet schon lange niemand mehr.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes, Trauriges, Menschliches … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich bei Sybille Lengauer aufgeschnappt.

Mitmachen erlaubt.

Vor zehn Jahren? | Januar 2016

Gerade blicken da und dort Menschen auf das Jahr 2016 zurück. Eine Idee, die bei mir auf fruchtbaren Boden fällt, denn in meiner Erinnerung ist fast jede vergangene Zeit besser als die Jetzt-Zeit – zumindest was die Lage der Welt betrifft. Persönlich nicht unbedingt, persönlich ist es jetzt besser als auch schon.

Januar 2016 also. Was sagt mein Blog dazu?

Das hier zum Beispiel …

Ohne Titel #1

Die Schreiblust kommt und geht. Ist mir Freundin, wie immer.
Die Lust, geschriebenes zu veröffentlichen, zu verbloggen, jedoch ist verblasst.
Noch ist da irgendwo eine Art Hoffnung, dass diese verblasste Lust verstanden werde.

Das Blog als Notizbuch zu verwenden, wie mir vorgeschlagen wurde, könnte eine Idee sein, das Blog nicht einäschern zu müssen.
Nur … wozu sollte ich veröffentlichen, was ich mir notiere?

Als Prozesstagebuch könnte ich es einsetzen, riet eine andere weise Stimme. Ja. Gute Idee.
Aber wozu sollte ich veröffentlichen, was in mir an Prozessen abläuft?

weiterlesen …

Es scheint ein Kehrreim meines Lebens zu sein, dass ich immer mal wieder Phasen mit und ohne Schreibmotivation habe. Aber auch, dass ich doch immer wieder zum Schreiben zurückfinde.

Möge mir diese Fähigkeit erhalten bleiben, denn sie hilft sehr dabei, das Leben besser zu ertragen.

„Du hast neben mir gesessen.“ | #Zitatgeschichten

Du neben mir.
Meine Hand in deiner.
Das Atmen fällt schwer.
Ich blinzle die Tränen weg,
obwohl sie nie besser passten.
Dass ich nicht allein bin,
hier,
dass du mich hältst …
Nie war ich dankbarer.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Auch den heutigen Satz habe ich bei Frau Mützenfalterin aufgeschnappt. Allerdings diesmal ein wenig gekürzt.

Mitmachen erlaubt.

„Ich habe die Freundin meines Bruders kennengelernt.“ | #Zitatgeschichten

Zehn Jahre alt, älter war sie damals nicht gewesen. Ihr Bruder dagegen war schon richtig alt. Älter jedenfalls, mehr als doppelt so alt wie sie. Und schon richtig erwachsen war Per. Wohnte nicht mehr zuhause. Ein paar Freundinnen hatte er bereits gehabt. Manche hatte er sogar hergebracht, sie den Eltern und den jüngeren Geschwistern vorgestellt. Wobei. Eigentlich erinnert Mila sich nur an eine, bevor Per Carola kennengelernt hatte.

Jahre später, als sie verstanden hatte, dass sie nur zehn Jahre von Carola trennen, waren sie Freundinnen geworden. Oder vielleicht Schwestern. Mehr Schwestern jedenfalls als die anderen Schwestern.

Für die zehnjährige Mila war Carola damals all das, was Mila eines Tages zu werden hoffte.

Erwachsen — aber auf eine gute Art, lieb, hübsch, ernst, reif. Und vor allem fand Carola bei den Eltern, sogar bei der Mutter(!), den richtigen Ton. Und ließ sich nichts gefallen. Auch von der Mutter nicht, denn natürlich nörgelte diese später auch an Carola herum — wie immer und wie an allen. Dies macht sie nicht richtig und jenes auch nicht.

Carola und Per also, und ja, ein bisschen beneidete Mila die beiden umeinander. Sie hatten sich. Wie waren sich Heimat.

Doch als eine, die Carola ebenfalls kennt, fiel auch für Mila ein bisschen Heimat ab.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich gestern bei Frau Mützenfalterin aufgeschnappt.

Mitmachen erlaubt.

„Was mache ich hier?“ | #Zitatgeschichten

Die Aufgabe, die ich mir stelle, ist theoretisch einfach: Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt. Der Plan ist, dass ich so wieder in den Blog-Schreibflow komme. Weil Schreiben gut tut und meinen Fokus kurzzeitig weg vom schwer erträglichen Weltgeschehen nimmt. Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich bei Bruce Chatwin gefunden (Buchtitel) und bei Herrn Buddenbohm aufgeschnappt.

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Sie sitzt. Mehr macht sie hier gerade nicht. Stimmt. Stimmt nicht. Natürlich nicht.

Sie atmet ja auch. Und ihr Herz schlägt. Und sie guckt aus dem Fenster und sie hört und riecht und zwinkert; und sie verdaut und denkt und schreibt; und sie friert ein bisschen an den Füßen.

Viel ist das ja nicht!, sagt der Souffleur auf ihrer Schulter. Sie hört hin. Hört zu. Dem Souffleur, der sich immer breiter macht und ihr aufs Rückgrat drückt. Abschütteln sollte sie ihn. Das wäre dann ja mal etwas ganz Großes, etwas ganz und gar Aktives sogar, das sie hier und jetzt machen könnte. Etwas, das sie wirklich dringend machen sollte.

—– —–

(Meine Schreibanregung darf gern nachgeahmt werden … vielleicht können wir uns ja gegenseitig inspirieren?)

Wieder mehr bloggen

Bei Herr Buddenbohm habe ich heute Morgen gelesen, dass wir wieder mehr bloggen sollen. Er hat es übrigens woanders gelesen, nämlich hier, wobei jener Autor es ebenfalls woanders gelesen hat, nämlich hier

Wie auch immer: ich bin in bester Gesellschaft mit meinen Vorsatz, wieder mehr zu bloggen. Ja, im Alltag wieder vermehrt kleine Aufsätze oder Essays schreiben will ich.

Ich habe außerdem gelernt, dass der Begriff essay aus dem Französischen (essai) stammt und sich mit „Versuche“ oder „Tests“ übersetzen lässt.

Maurice Renck

In diesem Sinne wird es bei mir vielleicht ein Jahr des lauten Denkens werden und der kurzen oder längeren Randnotizen. Weniger Fertiges, Hochglanzpoliertes, Zu-Ende-Gedachtes (gab es das hier denn überhaupt?), mehr Drauflos-Überlegtes, Notiertes, Gefühltes, Aufgeschnapptes. Weniger Druck, mehr Freiraum …

In den letzten Wochen, teils in purer Natur im Juragebirge unterwegs, teils bei mir zuhause und teils beim Liebsten, ist dieser Wunsch nach und nach gewachsen. Ja, ich will meine Gedanken und Gefühle wieder mehr in Worte kleiden.

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Heute Morgen hörte ich mir endlich die WissPod-Adventskalenderspodcastfolge des Was-denkst-du-denn?-Teams an. Hier der Link. Das Thema: Kinderrechte.

Rita Molzberger und Nora Hespers diskutierten in dieser Folge unter anderem die Frage, ab wann eigentlich Kinder in unserer Gesellschaft als Kinder wahrgenommen wurden und nicht als kleine Erwachsene, die man durchfüttern musste und im Gegenzug dazu ausbeuten konnte.

»Stimmt eigentlich!«, dachte ich. Ja, früher wurden Kinder weit weniger als wertvolle Menschen, die auf Hilfe, Führung und Schutz angewiesen sind, betrachtet. Und es gibt auch heute noch viele Länder, die es anders halten als wir in Mitteleuropa. Stichwort Kinderarbeit.

Heute wissen wir, dass sich Traumata epigenetisch von Generation zu Generation vererben, wenn sie nicht aufgelöst werden, wenn nicht alte Muster aufgebrochen und neue heilere Arten zu leben gelernt werden.

Ich stelle mir vor, wie all die Wunden und traumatisierenden Erfahrungen auf den Kinderseelen unserer Ururururahninnen und -ahnen weiter- und weitergereicht wurden und werden. Da mal weiter drübernachdenken. Ist es da nicht irgendwie logisch, dass die Menschheit so kaputt ist und dass so viele Menschen wunde Seelen haben?

Wie froh ich bin, dass es Menschen gibt, die mit ihrer Arbeit auf solche Sachverhalte aufmerksam machen.

Eine herzliche Hör- und Folgeempfehlung für den »Was denkst du denn?«-Podcast, für alle, die ein wenig mehr als nur bis zum Tellerrand denken wollen.

Link zum »Was denkst du denn?«-Podcast

Ausgesperrt und wieder drin

Mein Schutzengel ist aus Fleisch und Blut. Dass ich jetzt wieder an meinem Schreibtisch sitze, ist der Beweis. Dass ich nicht mehr draußen vor dem Haus stehen, mir nicht mehr die Hände und Füße abfrieren muss und die Nasenspitze. So ganz ohne Jacke, ohne Schuhe, ohne Schirm.

Heute und morgen sind Waschtage. Ich nehme oft, wenn ich die Wäsche aus der Waschküche hole, den kleinen Komposteimer mit nach unten, um ihn in die grüne Tonne zu kippen. Bei dieser Gelegenheit leere ich meistens auch gleich noch den Briefkasten.

Soweit so gut.

In der Milisekunde, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fällt, realisiere ich, dass ich den Briefkastenschlüssel, sprich: meinen Schlüsselbund, nicht eingesteckt habe. Mist-Mist-Mist. Liebe Grüße von meiner ADHS. Sie will auch mal wieder zuschlagen. Nichtsdestotrotz kippe ich den Inhalt des kleinen Eimers in die Tonne.

Als erstes klingle ich bei der Nachbarin unter mir, die nachmittags oft frei hat, denn sie arbeitet Teilzeit im Kindergarten auf der anderen Straßenseite. Ich warte. Es passiert nichts. Als nächstes klingele ich bei der Nachbarin unten links, das ist die mit dem Engelfimmel. Aber die Engel sind heute offensichtlich ausgeflogen.

Deshalb kommt die junge Nachbarin über mir, die erst neu eingezogen ist, in den Genuss meiner Klingelattacke, doch auch sie ist nicht zuhause. Ebenso reagiert das ältere Paar oben links nicht auf mein Läuten. Last but not least kommt die letzte Nachbarin, die mir vis-à-vis wohnt, dran. Sie arbeitet Schicht, weshalb ich mir gewünscht habe, nicht bei ihr klingeln zu müssen. Außerdem hat sie mich schon am häufigsten gerettet, wenn ich den Schlüssel verschusselt habe, was ADHS-bedingt öfter mal vorkommt. Doch auch sie ist nicht da. Oder schläft tief und fest, es sei ihr gegönnt.

Zwischendurch suche ich mir einen kleinen Ast. Damit versuche ich den Umschlag mit dem Schlüssel, den ich per Magnet und Klebstreifen in mein Briefkastenfach gehängt habe, auf dem Schlitz zu angeln. Es gelingt mir immerhin, den Umschlag von der Rückwand loszulösen, doch ich bekomme ihn nicht zu fassen. Meine Finger sind zu kurz und der Schlitz zu schmal.

Da die Nachbarin unter mir nicht da ist, überlege ich, könnte sie ja im Kindergarten sein, oder? Falls ja, würde sie mir bestimmt kurz ihren Schlüssel ausleihen, nicht wahr?

Also tappe ich frierend und in Hausschlappen über die regennasse Straße, es regnet zum Glück nur wenig. Als ich die Treppe zum Kindergarten hochsteige, sitzt auf der Pausenbank unter dem Vordach eine Frau, die ich nach zwei Nachdenk-Sekunden schließlich wiedererkenne – und sie mich.

Es ist L., die Putzperle des Wohnhauses, das ich bis vor anderthalb Jahren  bewohnt habe. Sie putzt unter anderem Gebäude, die der Gemeinde gehören, so auch den Kindergarten. Gerade raucht sie vor dem Putzen eine Zigarette. Wir freuen uns sehr über dieses unerwartete Wiedersehen. Wie toll ist das denn? Ich erzähle ihr mein Dilemma und wir überlegen, mit welchen Werkzeugen ich den Umschlag wohl aus dem Briefkasten ziehen könnte. Ich bekomme eine Schere, einen Schraubenzieher und – tadaaa! – eine Müllauflesezange ausgeliehen. Kurz entschlossen kommt sie mit rüber, zu meinem Briefkasten, und zusammen fischen wir den Umschlag samt Schlüsseln aus dem Schlitz. Juhuu!

Ich lade sie ein, bald auf eine Tasse Kaffee oder Tee zu mir zu kommen. Schon in der alten Wohnung tranken wir das eine oder andere Mal zusammen Heißgetränke. Ich mag sie sehr. Früher hat sie manchmal meine Pflanzen gegossen, wenn ich in den Ferien war, doch dann hatte sie eine Weile Rückenprobleme und ich verzichtete darum auf ihre Hilfe.

Beide haben wir uns über das Wiedersehen gefreut. Ich finde es total verrückt, dass sie es ist, die mir geholfen hat. Und dass wir uns nach anderthalb Jahren unter diesen Umständen wiedergesehen haben.

Im Briefkasten ein Spendenaufruf der Heilsarmee, die jährliche Weihnachtssammlung. Auf den Bildern Menschen ohne Dach überm Kopf. Ich werde etwas spenden. Wie dankbar ich doch für meine Wohnung und die Wärme des Heizkörpers neben mir bin!

 

Über dem Nebelmeer …

Neulich sind wir von der Ampferenhöchi im Fricktal auf den Chaisacherturm hochgewandert. Im Tal lag dicker Nebel, selbst auf der Höchi war er noch dick, doch er lichtete sich allmählich, je höher wir wanderten. Schon unterhalb des Turms genossen wir eine Weitsicht wie selten. Ganz oben auf dem Tum durften wir einen wunderschönen Sonnenuntergang betrachten … was für ein Geschenk.

Bildbeschreibung für Sehbeeinträchtigte und Blinde:
Die ersten und letzten Bilder zeigen Waldbäume im Nebel. Die weiteren Bilder zeigen einen hellblauen Himmel mit fluffigen Wolken. Auf vielen Bildern ist das Nebelmeer von oben zu sehen, außerdem die Sonne zwischen den Wolken, den Weg, den wir gehen, Tau auf Gras. Und immer wieder eine weite Aussicht übers Land. Der Weitblick reichte diesmal Richtung Süden bis zu den Alpenketten in der Ferne. Einzelne Hügel ragen wie Inseln aus dem Nebelmeer. (Da es sehr viele im Grunde ähnliche Naturaufnahmen sind, verzichte ich für diesmal ausnahmsweise auf eine detaillierte Bildbeschreibung.)

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Das Copyright ist bei mir.