Islamo-Gauchisme

Im Februar 2021 brachte die französische Hochschulministerin Frédérique Vidal das von Pierre-André Taguieff 2002 erstmals eingeführte Wortpaar Islamo-Gauchisme zufällig zurück in die öffentliche Diskussion. Der vor allem durch seine Arbeiten über den französischen Rechtsextremismus und Rassismus bekannt gewordene Taguieff benannte damit vor über 20 Jahren „die Konvergenz, um nicht zu sagen die militante Allianz zwischen den linksradikalen Strömungen und islamistischen Bewegungen im Namen der palästinensischen Sache, die zum großen revolutionären Zweck erhoben wurde“. (1) Vor Augen stand ihm dabei die gemeinsame Mobilisierung im Zuge der zweiten Intifada, bei der sich die Linke weder an „Allahu akbar“-Rufen noch am Aufruf zur Zerstörung Israels störte, weil sie einem gnostischen, globalisierten Antizionismus anhänge, „der als Heilsmethode und Erlösungsversprechen fungiert – Israel zerstören, um die Menschheit zu retten“. (2)

Während einer Talkshow, in der Vidal über den Laizismus debattierte, äußerte der Moderator Jean-Pierre Elkabbach den Verdacht, an französischen Universitäten materialisiere sich ein Bündnis zwischen Mao Tse-Tung und Ajatollah Khomeini. „Sie haben völlig recht“, erwiderte die Ministerin. Vidal brandmarkte die politische Linke realitätsgerecht als nützliche Idioten der Jihadisten und versprach, eine Untersuchung über den verheerenden Einfluss des Islamo-Gauchisme an den Universitäten zu initiieren. Erwartbar reagierten die damit Kritisierten: Sie verwarfen das Ganze als leicht durchschaubares wahltaktisches Manöver, um die Wähler der extremen Rechten zu gewinnen. „Sie bestreiten, dass auch nur etwas dieser Allianz Ähnelndes zwischen der Linken und den Islamisten existiert. Sie sagen, es handle sich um eine Illusion, die vom politischen Gegner gepflegt werde“, (3) fasste Sir John Jenkins die linke Reaktion auf die Offenlegung des Offensichtlichen kompakt zusammen. Für den ehemalige Diplomaten teilen Linke und die islamischen Bewegungen ein weit über bloße Taktik hinausgehendes gemeinsames Weltbild, das sich in der Opposition gegen die moderne liberale und demokratische Ordnung ausdrückt und in der gemeinsamen Feindschaft gegen Israel und die Juden kulminiert. Praktisch manifestiert sich dieses Bündnis derzeit wöchentlich in Form von antizionistischen Massenaufmärschen in westlichen Großstädten, doch bereits 1978 schwärmte Michel Foucault in seinen Berichten über die sich anbahnende islamische Revolution im Iran von Ali Shariati, der während seiner Studienzeit in Frankreich die Nähe zur christlichen Linken und nicht-marxistischen Sozialisten gesucht habe und dessen Name „bei Großdemonstrationen in Teheran neben dem Khomenynis [sic] gerufen wurde“. (4) Shariati, der führende ideologische Wegbereiter der Islamischen Republik, gilt fälschlicherweise als jemand, der Marx und den Islam synthetisierte, dabei stellte er unmissverständlich fest: „Islam und Marxismus erweisen sich in allen Bereichen der Politik, der Ökonomie, der Ethik und der sozialen Anliegen als völlig inkompatibel.“ (5) Der Marxismus, der auf einem gottlosen Materialismus fuße, teile nach Shariati alle Fehler des Westens, aus dem er entstammt. Andere, wie etwa Judith Butler, gingen sogar noch einen Schritt weiter und erklärten Hamas und Hisbollah aufgrund ihres anti-imperialistischen Charakters gleich der globalen Linken zugehörig. Eine steile These, die unfreiwillig den zeitgenössischen Charakter der Linken entblößt und die postmoderne Vordenkerin eigentlich auch zur Neubewertung des Nationalsozialismus treiben müsste: Laut dem Historiker David Motadel war Berlin in der Zeit des Zweiten Weltkriegs ein „Zentrum des antiimperial-revolutionären Aktivismus“, (6) das antikoloniale Führer aus Indien, der arabischen Halbinsel, Irland und Zentralasien anzog. Sicher auch vom Antiimperialismus angezogen fühlten sich vor knapp 10 Jahren Peter Schäfer und Tanja Tabbara, die in einer Broschüre für die Rosa-Luxemburg-Stiftung für den kritischen Dialog mit moderaten Vertretern des politischen Islams eintraten, wofür sie in Karim Sadek einen Gesprächspartner fanden, der ihnen zu diesem Zweck die tunesischen Muslimbrüder schmackhaft machte. Ihre auf Selbstaufgabe zielende Stoßrichtung legitimierten sie damit, „dass moderate islamistische Akteure und Linke gerade in Fragen sozialer Gerechtigkeit durchaus gemeinsame Werte haben, auf deren Basis ein kritischer Dialog möglich ist.“ (7)

Weil Vidal in Frankreich mit ihrer beiläufigen Bemerkung über das linksislamische Bündnis ins Schwarze traf, fiel die Gegenreaktion dort heftig aus. Die von der Hochschulministerin angedachten Maßnahmen seien Ausdruck einer Gesinnungspolizei, zeterte Jean-Luc Mélenchon, Großmufti der islamlinken Bewegung La France insoumise, die unter dem Banner Palästinas das Bündnis einer abstiegsgefährdeten Mittelklasse mit den Stichwortgebern des Islam und seinen lumpenproletarischen Fußtruppen vollzieht. Einer dieser Wortführer, Yasser Louati, der ehemalige Vorsitzende des dem europäischen Netzwerk der Muslimbrüder nahestehenden Collectif contre l’Islamophobie en France (CCIF), bot in seinem Beitrag im Berkley Forum der Georgetown University das ganze Arsenal postmodern-linker Worthülsen auf, um den Begriff Islamo-Gauchisme als wissenschaftlich widerlegten Kampfbegriff zum Zwecke der Verschwörung des farbenblinden und deshalb weißen Frankreichs gegen die Kolonisierten zu brandmarken. Taguieffs Theorie und Begriff gewännen aktuell wieder an Zugkraft, „weil sie zur mächtigsten Waffe gegen die linke Kritik an der Islamophobie, der israelischen Okkupation oder dem Kolonialismus wurde(n).“ (8) Die Profiteure und Handlanger des Status Quo führten die Wortkreation zuvorderst gegen jede wirklich systemkritische Linke ins Feld und legten damit die rechtsextreme Hegemonie in Frankreich offen.

Erklärungsbedürftig ist nicht, ob ein solches Bündnis besteht – das tut es zu offensichtlich, und die den Islam und die Linke verbindenden Elemente sind längst zahlreich beschrieben. Es bleibt aber die Frage, welche der Gesellschaft entspringenden Triebkräfte Bedürfnisse hervorbrachten, die diese Konvergenz ermöglichten.

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https://redaktion-bahamas.org/hefte/97/Islamo-Gauchisme.html