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Mo · 8. Juni
Jana Hensel · Ursula Krechel · Ilko-Sascha Kowalczuk

Eröffnung von literaTurm 2026

  • Jana Hensel © Natascha Zivadinovic
  • Ursula Krechel © Heike Steinweg
  • Ilko-Sascha Kowalczuk © Ekko von Schwichow

***Programmänderung: Steffen Mau hat seine Teilnahme leider kurzfristig absagen müssen. Wir freuen uns, dass der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk den vakanten Platz auf dem Podium einnehmen wird!***

Grußwort: Dr. Ina Hartwig (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft)
Einführung: Dr. Sonja Vandenrath (Festival- und Programmleitung)

Moderation: Andreas Platthaus (F.A.Z.)

Die Frage nach dem Verhältnis von Ost und West ist immer eine solche nach Identität und Erinnerung, nach Erfahrungen von Umbruch und Entwertung, politischen Verschiebungen und kulturellen Selbstvergewisserungen. Wie lassen sich anhaltende Unterschiede verstehen – als Defizit, als Eigenständigkeit oder als ungelöste Spannung?

Zum Auftakt von literaTurm 2026 kommen drei der profiliertesten Stimmen aus Literatur, Medien und Sozialwissenschaften zusammen, um neue Perspektiven aufzuzeigen. Jana Hensel gehört seit ihrem frühen Erfolg mit dem Buch Zonenkinder zu den wichtigsten literarischen Chronistinnen ostdeutscher Lebenswelten. Ihr aktuelles Buch Es war einmal ein Land trägt den alarmierenden Untertitel Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Der renommierte Soziologe Steffen Mau, Autor von Büchern wie Lütten Klein und Ungleich vereint, widerspricht der populären Angleichungsthese und beharrt auf der Andersartigkeit des Ostens. Mit Ursula Krechel tritt eine Schriftstellerin und Lyrikerin hinzu, deren Werk aus West-Perspektive die historischen Tiefenschichten deutscher Gegenwart auslotet. Als literarische Chronistin und kritische Beobachterin hat die Büchner-Preisträgerin des Jahres 2025 sich immer wieder mit Fragen von Erinnerung, Verdrängung und Gerechtigkeit auseinandergesetzt.

Die Auftaktveranstaltung moderiert der F.A.Z.-Feuilletonredakteur Andreas Platthaus.

Jana Hensel, geboren 1976 in Borna, ist Autorin und Journalistin. 2002 veröffentliche sie das autobiografische Buch Zonenkinder, es folgten unter anderem Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten, Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland sowie gemeinsam mit Wolfgang Engler Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Jüngst erschien im Frühjahr 2026 Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Jana Hensel wurde 2019 vom Medium Magazin in der Rubrik Kultur zur „Journalistin des Jahres“ gewählt. Sie lebt in Berlin.

Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, schreibt Lyrik, Prosa, Essays, Theaterstücke und Hörspiele. Ihr Roman Landgericht über die Rückkehr eines jüdischen Exilanten in das Nachkriegsdeutschland wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und 2017 verfilmt. Zuletzt erschienen im vergangenen Jahr der Roman Sehr geehrte Frau Ministerin sowie der Essayband Vom Herzasthma des Exils. Ursula Krechel wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2025 mit dem Georg-Büchner-Preis. Sie lebt in Berlin.

Ilko-Sascha Kowalczuk, geboren 1967 in Ostberlin, wuchs bei sozialistischen Eltern auf und wurde dann zum Regimegegner. Heute ist er Publizist und einer der bekanntesten Historiker für DDR-Geschichte. Zu seinen Veröffentlichungen zählen mehrere Sachbücher, darunter Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute und Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten, gemeinsam mit Bodo Ramelow. Große Beachtung fand auch seine Biografie Walter Ulbricht. Der kommunistische Diktator (1945–1973). Ilko-Sascha Kowalczuk lebt in Berlin.

Andreas Platthaus, geboren 1966 in Aachen, ist Autor und Journalist und leitet das Ressort „Literatur und literarisches Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Di · 9. Juni
André Kubiczek · Feridun Zaimoglu

Herkunft im Gepäck

  • André Kubiczek © Dagmar Morath
  • Feridun Zaimoglu © Melanie Grande

Moderation: Judith von Sternburg (FR)

Migration gab es auf beiden Seiten der Mauer. André Kubiczeks autofiktionaler Roman Nostalgia erzählt von einer jungen Frau, die in den Osten kam. Ende der 1960er Jahre verschlug es sie der Liebe wegen aus Laos nach Potsdam. Kurz darauf wird André geboren – und merkt schnell, dass er anders aussieht und wahrgenommen wird als die vielen Kinder um ihn herum. Von der oft gepriesenen Völkerfreundschaft ist wenig zu spüren. Tagtäglich hat er nur ein Ziel: nicht auffallen, um den Schikanen in der Schule und den Diskriminierungen im Alltag zu entgehen. Und dann wird auch noch seine Mutter schwer krank und sein Bruder zum Pflegefall. Ihnen gewidmet, ist Nostalgia schließlich auch ein Buch der Erinnerung und gegen das Vergessen.

Gleich der zweite Satz offenbart, worum es geht. Der Vater des Erzählers ist gestorben. Als türkischer Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, hatte er schnell begonnen, sich anzupassen und eine Familie zu gründen. Nach den Arbeitsjahren war er in die alte Heimat zurückgegangen. Nach dem Tod des Vaters reist der Erzähler zu dessen Grab. Mit dem Wohnmobil beginnt ein Roadtrip vom norddeutschen Kiel bis in die Türkei. Doch Feridun Zaimoglus Sohn ohne Vater beschreibt gerade keine Reise zu den eigenen Wurzeln – denn es ist nicht sein Land, sondern das seiner Eltern. Ein berührender Roman über Tod, Trauer und das Verbindende und Trennende zwischen Menschen.

André Kubiczek, geboren 1969 in Potsdam, ist Sohn eines deutschen Vaters und einer laotischen Mutter. 2002 erschien sein Debütroman Junge Talente, es folgten unter anderem Die Guten und die Bösen sowie Skizze eines Sommers, der von einem Jugendsommer in der späten DDR erzählt und 2016 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Zuletzt erschien 2024 der autobiografische Roman Nostalgia, der ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für sein Werk wurde André Kubiczek mit dem Candide-Preis ausgezeichnet. André Kubiczek lebt in Berlin.

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in Bolu in der Türkei, kam 1965 mit seinen Eltern nach Deutschland und studierte Kunst und Humanmedizin. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker, Journalist und Maler und veröffentlichte unter anderem den Erzählband Zwölf Gramm Glück und die Romane Leyla, Liebesbrand und Bewältigung. Zuletzt erschien sein Roman Sohn ohne Vater, der für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert wurde. Für sein Schreiben wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis, dem Preis er Literaturhäuser, dem Berliner Literaturpreis und dem Walter Kempowski Preis für biografische Literatur des Landes Niedersachsen. Feridun Zaimoglu lebt in Kiel.

Judith von Sternburg, geboren 1967 in Wiesbaden, ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.

Ines Geipel · Christian Lehnert

***Ausgebucht!*** Blühende Landschaften, sterbende Dörfer

  • Ines Geipel © Gaby Gerster
  • Christian Lehnert © Jürgen Bauer, Suhrkamp Verlag

Moderation: Jörg Schieke (MDR)

Fahren Westdeutsche nach Ostdeutschland, dann besuchen sie die Feriengebiete an der Ostsee oder die Kulturstädte von Weimar bis Rostock. Abseits dessen bleibt eine Terra incognita – ein Lust-Unlust-Terrain, das auch die etablierten Parteien zu meiden scheinen. Mit der ostdeutschen Provinz werden unberührte Natur, schlechte Infrastruktur und renitente AfD-Wähler, männlich und Ü 60 verbunden. Und Rechte aus dem Westen decken sich mit alten Schlössern und Landgütern ein. Wie aber sieht es hinter diesen Fremdzuschreibungen aus?

Sowohl Ines Geipel als auch Christian Lehnert kennen die Landschaften, Menschen und Stimmungen zwischen der Lausitz und Vorpommern. Der aus Dresden stammende Dichter und Theologe Christian Lehnert zog sich vor einigen Jahren in einen Weiler im Osterzgebirge zurück. Aus seinem Leben in der Natur, im Glauben und im Zweifeln entstand das ebenso poetische wie tiefsinnige Prosawerk Das Haus und das Lamm.

Ines Geipel ist mit Büchern wie Fabelland oder Umkämpfte Zone eine Grenzgängerin in der neueren deutschen Geschichtsschreibung. Ihre Perspektive ist analytisch geschärft und zugleich persönlich grundiert – ein Schreiben gegen Verdrängung und Vereinfachung. Gemeinsam mit Jörg Schieke vom MDR nähern sich Geipel und Lehnert der ostdeutschen Provinz als einem Raum politischer Empfindlichkeit und heimatlicher Verbundenheit.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Ines Geipel, geboren 1960 in Dresden, war Anfang der 1980er-Jahre Mitglied der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft. Nach einem aufgedeckten Fluchtversuch 1984 wurde sie aus dem Sport entfernt. 1989 floh sie über Ungarn aus der DDR. Heute ist sie Professorin für Verskunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und Mitbegründerin des Archivs der unterdrückten Literatur in der DDR. Sie hat zahlreiche Bücher zur Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus und der Diktaturgeschichte des Ostens veröffentlicht, darunter Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass und Fabelland. Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück, das für den Deutschen Sachbuchpreis 2025 nominiert wurde. Zuletzt erschien 2026 Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung.

Christian Lehnert, geboren 1969 in Dresden, ist Dichter und Theologe. Er leitet das Liturgiewissenschaftliche Institut an der Universität Leipzig. Seit seiner ersten Gedichtsammlung Der gefesselte Sänger 1997 hat er viele weitere veröffentlicht, zuletzt Windzüge 2024. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, zuletzt 2018 den Deutschen Preis für Nature Writing und 2025 den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg von der Höhe. Zuletzt erschien 2024 der Band Das Haus und das Lamm. Fliegende Blätter zur Apokalypse des Johannes. Christian Lehnert lebt im Osterzgebirge.

Jörg Schieke, geboren 1965 in Rostock, ist freier Schriftsteller und Redakteur beim MDR. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände und wurde mit dem Brentano-Preis der Stadt Heidelberg ausgezeichnet.

Daniela Dröscher · Marlen Hobrack

***Ausgebucht!*** Was bleibt

  • Daniela Dröscher © Heike Bogenberger
  • Marlen Hobrack © Marcus Engler

Moderation: Miriam Zeh (DLF)

Was vererben Mütter ihren Töchtern, wenn es für Eigenheim und Aktiendepot nie gereicht hat? Und was, wenn die Hinterlassenschaft zur Last wird, unter der die eigene Existenz zu ersticken droht? Wie sich den Fängen von Herkunft und Prägung entziehen? Und wie von etwas derart Intimem erzählen, ohne indiskret zu werden?

„Dieses Buch ist Verrat“, schreibt Marlen Hobrack. Aber Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt ist noch weitaus mehr. Es ist eine sensible Annährung, die ohne Verklärung und Idealisierung auskommt. Wir lesen von einer Frau, die die Erfahrung realsozialistischer Mangelwirtschaft nach der Wende durch maßlosen Konsum zu kompensieren versuchte. Ihre Wohnung eine Ansammlung von Krempel, den die Tochter nach dem Tod der Mutter sortiert und ausmistet – und dabei gleichsam auch ihre widerstreitenden Gedanken und Gefühle in Bezug auf die Verstorbene ordnet.

Ein Dorf im Hunsrück, die spießigen 1980er Jahre: Daniela Dröschers Roman Lügen über meine Mutter handelt davon, wie der Vater im Übergewicht seiner Frau die Ursache allen Unglücks ausmacht. Und wie die Mutter seine jahrelangen Anfeindungen und Erniedrigungen meist schweigend erträgt. Ein Schweigen, gegen das sich die Tochter auflehnt, indem sie zum Sprechen findet, aller Scham und allen Zweifeln zum Trotz. Denn: „Erst spät verstand ich, dass meine Mutter an mich weitergab, was sie selbst erfahren hatte.“

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Daniela Dröscher, geboren 1977 in München und aufgewachsen im Hunsrück, promovierte im Fach Medienwissenschaft und erhielt ein Diplom für Szenisches Schreiben an der Universität Graz. Sie schreibt Prosa, Essays und Theaterstücke zu Themen wie Herkunft, Familie und Sprache. 2009 erschien ihr Debütroman Die Lichter des George Psalmanazar. Ihr autofiktionaler Roman Lügen über meine Mutter stand 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschienen 2025 Junge Frau mit Katze und im Frühjahr 2026 der Essay Sprechen. Daniela Dröscher wurde unter anderem mit dem Anna-Seghers-Preis sowie dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. Daniela Dröscher lebt in Berlin.

Marlen Hobrack, geboren 1986 in Bautzen, schreibt als Journalistin unter anderem für den Freitag, die Zeit und die taz. Zu ihren Themen zählen Klassismus, Feminismus und Ostdeutschland. 2022 erschien ihr Sachbuch Klassenbeste. Was von der Arbeit meiner Mutter bleibt, im darauffolgenden Jahr ihr Debütroman Schrödingers Grrrl. Zuletzt erschienen 2024 der Essay Klassismus sowie Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt. Marlen Hobrack wurde mit dem Jörg-Henle-Preis für Literaturkritik sowie dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig.

Miriam Zeh, geboren 1988 in Hamburg, ist Literaturredakteurin bei Deutschlandfunk Kultur.

Jonas Lüscher · Dirk Oschmann · Ingo Schulze

***Ausgebucht!*** Verzauberte Verstimmung

  • Jonas Lüscher © Peter-Andreas Hassiepen
  • Dirk Oschmann © Jakob Weber
  • Ingo Schulze © Gaby Gerster

Moderation: Helmut Böttiger (DFL)

Zwei Schriftsteller und ein Literaturwissenschaftler; zwei mit Ostbiografie, der dritte aus der Schweiz. Das Motto von literaTurm 2026, OstWestText wird in dieser Veranstaltung so freihändig wie nirgendwo sonst gedeutet. Und dies nicht nur, weil hier Wissenschaft auf literarische Praxis stößt, sondern weil wir zwei Romanautoren dabei haben, die sich den Erschütterungen unserer Gegenwart aus höchst unterschiedlichen Perspektiven nähern. Jonas Lüscher, indem er der Technik zu poetischen Weihen verhilft und mit Verzauberte Vorbestimmung nicht nur das ganze 20. Jahrhundert, sondern auch die Geschichte der Industrialisierung durchläuft. Dabei macht er auf den Spuren der Eltern von Peter Weiss Station in Warnsdorf, damals noch Sudentenland. Dieses ehemalige Zentrum der Textilindustrie, auch „Klein Manchester“ genannt, liegt nur knapp 50 Kilometer von der Stadt entfernt, aus der Ingo Schulze nicht nur stammt, sondern die er in seinem jüngsten Roman Die rechtschaffenen Mörder, dem Porträt eines Dresdner Antiquars auf politischen Abwegen, auch literarisch verewigt hat. Wie überhaupt der Osten Deutschlands eines seiner Lebensthemen ist, das er auch in seinem für den Herbst angekündigten Roman Das Wasser im August verhandelt. Und schließlich Dirk Oschmann, Professor für Germanistik an der Universität Leipzig, der mit Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung einen Bestseller gelandet hat, der einen Nerv trifft – vor allem, aber nicht nur in Ostdeutschland.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Jonas Lüscher, geboren 1976 in Zürich, war in der Filmindustrie und als Lehrer für Ethik und Philosophie tätig und arbeitet heute als Schriftsteller. Seine Novelle Frühling der Barbaren war 2013 für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert und wurde fürs Theater adaptiert. Sein Roman Kraft gewann 2017 den Schweizer Buchpreis, sein 2025 erschienener Roman Verzauberte Vorbestimmung wurde mit dem Wilhelm-Raabe-Preis und dem Rheingau Literaturpreis ausgezeichnet und war für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert. Jonas Lüscher lebt in München.

Dirk Oschmann, geboren 1967 in Gotha, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Er ist Experte für die Literatur des 19. und 19. Jahrhunderts und war Gastprofessor an der University of California, der University of Kent, der University of Notre Dame und an der Brown University. Sein Buch Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung stieß auf große Resonanz und stand wochenlang auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Zuletzt erschien 2024 Friedrich Schiller. Eine kleine Werkschau. Dirk Oschmann lebt in Leipzig.

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, studierte klassische Philologie in Jena. Anschließend war er bis 1990 Dramaturg am Landestheater Altenburg, dann in einer Zeitungsredaktion tätig. Für sein erstes Buch 33 Augenblicke des Glücks wurde er 1995 mit dem Alfred-Döblin-Förderpreis, dem Ernst-Willner-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs sowie dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Es folgten unter anderem die Romane Simple Storys, Adam und Evelyn und Die rechtschaffenen Mörder sowie 2024 das Buch Zu Gast im Westen. Aufzeichnungen aus dem Ruhrgebiet. Sein nächster Roman Das Wasser im August erscheint im August. Ingo Schulze lebt in Berlin.

Helmut Böttiger, geboren 1956 in Creglingen in Baden Württemberg, ist Schriftsteller, Literaturkritiker und Essayist. Er promovierte mit einer Arbeit über Fritz Rudolf Fries und die DDR-Literatur. Helmut Böttiger lebt in Berlin.

Mi · 10. Juni
Kerstin Hensel · Matthias Jügler

Abgeschlossen ist nichts

  • Kerstin Hensel © Susanne Schleyer
  • Matthias Jügler © Michael Bader

Moderation: Shirin Sojitrawalla

Kerstin Hensel und Matthias Jügler erzählen von Versehrungen und Traumata aus DDR-Zeiten, von den einen verdrängt, während die anderen an ihnen zerbrechen. Doch so oder so sind es Erfahrungen, die bis ins Körperliche hineinwirken – und dort ein Leben lang bleiben.

Das Chemiewerk in einer mitteldeutschen Industriestadt vernebelt die schwierige Beziehung eines Geschwisterpaars über die Jahrzehnte. In der zweiten Geschichte des Erzählungsbandes Abendgruß geht eine Influencerin der Frage nach, weshalb sie nicht gähnen kann. Weshalb stellt uns das Leben vor derart viele Rätsel? Und weshalb sind uns die Menschen an unserer Seite oft so fern? Kerstin Hensel hält sich bedeckt mit Urteilen, Erklärungen und simplen Einordnungen. Sie erzählt einfach. „Hensels Geschichten sind sehr subtil, sehr magisch, sehr fiktiv und trotzdem echt.“ (F.A.Z.)

In seinen beiden Romanen Die Verlassenen und Maifliegenzeit verarbeitet Matthias Jügler die noch immer schmerzenden Wunden der DDR-Vergangenheit. Er stößt bei seinen Spurensuchen auf ein Netz aus Schuld und Verrat, das ein verstörendes Licht auf die Abgründe der realsozialistischen Gesellschaft wirft. Atmosphärisch dicht und mit eindringlicher Klarheit gelingt ihm diese Bestandsaufnahme, doch lässt er in seiner ruhigen Erzählweise gleichzeitig Raum für die Trauer über einen unwiederbringlichen Verlust.

Kerstin Hensel, geboren 1961 in Karl-Marx-Stadt, studierte nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester am Institut für Literatur Johannes R. Becher in Leipzig. Seither zählen zu ihren umfangreichen Veröffentlichungen Lyrik, Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Kinderbücher, darunter der Roman Im Spinnhaus sowie zuletzt 2024 Die Glückshaut. In ihrem neuen Erzählband Abendgruß, der im Frühjahr 2026 erschien, verfolgt sie Familienlebenswege zwischen Ost und West. Sie wurde unter anderem mit dem Anna-Seghers-Preis und dem Ida-Dehmel-Literaturpreis ausgezeichnet. Kerstin Hensel unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und ist Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste in Berlin, wo sie auch lebt.

Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle an der Salle Saale, arbeitet journalistisch und als freier Lektor und ist Herausgeber von Anthologien, zuletzt Wir dachten, wir könnten fliegen. Sein Roman Die Verlassenen erschien 2021 und macht die Verbrechen der Staatsicherheit als Familientrauma sichtbar. Maifliegenzeit handelt von einem Vater, dessen neugeborener Sohn im Krankenhaus für tot erklärt wurde und sich Jahrzehnte später doch meldet. Matthias Jügler wurde unter anderem 2022 mit dem Klopstock-Preis und 2024 mit dem Rheingau Literatur Preis ausgezeichnet. Er lebt in Leipzig.

Shirin Sojitrawalla, geboren 1968 in Freiburg, arbeitet als freie Literatur- und Theaterkritikerin unter anderem für die taz und den Deutschlandfunk. Für ihre Arbeit wurde sie 2025 mit dem Jörg-Henle-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.

Peter Neumann · Lutz Rathenow

Kosmologen des Ungesagten

  • Peter Neumann © Gudrun Senger
  • Lutz Rathenow © Harald Wenzel Orf

Moderation: Jörg Schieke (MDR)

Zwei Autoren blicken auf ihre alte Heimat im Osten und ihre neue im Westen, der eine sieben Jahre nach dem Krieg geboren, der andere zwei Jahre vor der Wende. So unterschiedlich wie ihre Lebensläufe sind auch ihre literarischen Mittel, und doch eint sie ihr Ziel: eine Kartografie der Zwischentöne, das Einfangen der Stimmung, die in der Luft liegt. Das, was bei den großen Erzählungen durchs Raster fällt, ist für Lutz Rathenow und Peter Neumann der Schlüssel zum Verständnis der Welt.

Neumann verbindet kunstvoll und erhellend persönliche Erfahrungen mit Ideengeschichte zu einem klugen Plädoyer dafür, den Mentalitäten, so der Titel seines Essays, hinter den Argumenten nachzuspüren. In klarer Sprache sondiert er die Basis an Erfahrungen und Überzeugungen, die unseren Urteilen zugrunde liegen.

Der DDR-Oppositionelle und Dichter Lutz Rathenow legt mit Trotzig Lächeln und das Weltall streicheln das intime Porträt eines partout nicht passend zu machenden Geistes vor. Den Repressalien des alten Systems und der Absurdität der postsozialistischen Welt setzt er einen leisen, aber unbedingt widerständigen Humor entgegen. Seine Gedichte und kurzen Prosastücke, die auf den ersten Blick verspielt oder beiläufig erscheinen mögen, erweisen sich bei näherem Hinsehen als hochkonzentrierte Formen poetischer Reflexion. Seine Texte kennen den Ernst der Welt, ohne sich von ihm überwältigen zu lassen.

Peter Neumann, geboren 1987 in Neubrandenburg, promovierte in Philosophie und ist Redakteur im Feuilleton der Zeit. Er ist Autor mehrerer Sachbücher. Auf Jena 1800. Die Republik der freien Geister folgte Feuerland. Eine Reise ins lange Jahrhundert der Utopien 1883-2020. Zuletzt erschien der Essay Mentalitäten, in dem er den Mentalitätsunterschieden in Ost- und Westdeutschland nachgeht. Peter Neumann lebt in Berlin.

Lutz Rathenow, geboren 1952 in Jena, schreibt Lyrik und Prosa. Vom Germanistik- und Geschichtsstudium an der Universität Jena aus politischen Gründen exmatrikuliert, ging er nach Ostberlin und wurde 1980 nach der Veröffentlichung seiner Texte im Westen von der Staatssicherheit verhaftet. Bekannt wurde er 1987 mit dem zusammen mit dem Fotografen Harald Hauswald entstandenen Bildband Ost-Berlin. Die andere Seite einer Stadt. Zuletzt erschienen 2022 sein literarischer Lebenslauf Trotzig lächeln und das Weltall streicheln und im April 2026 der Gedichtband Zangengeburt. Gedichte aus einem anderen vergangenen Jahrtausend. Von 2011 bis 2021 war Lutz Rathenow Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er lebt in Berlin.

Jörg Schieke, geboren 1965 in Rostock, ist freier Schriftsteller und Redakteur beim MDR. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände und wurde mit dem Brentano-Preis der Stadt Heidelberg ausgezeichnet.

Tickets

Eintritt
18/8 €

Vorverkauf
Tickets für diese Veranstaltung sind ausschließlich im Vorverkauf bis Montag, den 8. Juni erhältlich. Keine Abendkasse. Tickets sind personalisiert, Einlass nur mit gültigem Ausweisdokument.

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Katja Lange-Müller · Clemens Meyer

***Ausgebucht!*** Der wilde Osten

  • Katja Lange-Müller © Annette Hauschild
  • Clemens Meyer © Gaby Gerster

Moderation: Thomas Böhm (rbb)

Vor genau zwanzig Jahren schlug Clemens Meyers Debütroman ein. Als wir träumten machte den damals knapp Dreißigjährigen über Nacht zum Star des Literaturbetriebs und setzte einen neuen, rauen Ton im Schreiben über die Wendejahre. Die Geschichte einer Jungsclique aus den Arbeitervierteln im Leipziger Osten zwischen Drogen, Suff und geklauten Autos, Faustkämpfen und Sex fing die fiebrige Atmosphäre einer Zeit im Dazwischen ein. Plötzlich war da eine ungekannte Freiheit, die zum rauschhaften Höhenflug animierte – der nicht selten in einer harten Bruchlandung endete, „in der Ausnüchterungszelle oder auf dem Flur des Polizeireviers Südost, mit Handschellen an die Heizung gekettet“. Den Außenseitern, den verkrachten Existenzen und traurigen Gestalten gilt auch die ganze Sympathie Katja Lange-Müllers. 1951 in Ostberlin geboren, erlebte die rebellische Funktionärstochter anders als Clemens Meyer die DDR bis zu ihrer Ausreise 1984 auch als Erwachsene. Den Zumutungen und Tücken des Lebens begegnet sie in ihren Romanen und Erzählungen mit einem anarchischen Humor. Eine „Art Notwehr“, wie sie selbst bekennt, und gleichzeitig das Versprechen eines wilden Ritts, wenn Leipziger Temperament auf Berliner Schnauze trifft.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Katja Lange-Müller, geboren 1951 in Ostberlin, machte eine Lehre als Schriftsetzerin, arbeitete dann als Hilfsschwester in der Psychiatrie und studierte später am Leipziger Literaturinstitut. 1984 verließ sie die DDR. 1986 veröffentlichte sie den Erzählband Wehleid, wie im Leben und erhielt im selben Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis. 1995 wurde sie mit dem Alfred-Döblin-Preis für Verfrühte Tierliebe ausgezeichnet, ihr Roman Böse Schafe stand 2007 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. 2016 hielt sie die Frankfurter Poetikvorlesungen. Zuletzt erschien 2024 der Roman Unser Ole. Katja Lange-Müller lebt in Berlin und in der Schweiz.

Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle an der Saale, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 erschien sein autobiografisch geprägter Debütroman Als wir träumten, der 2015 von Andreas Dresen verfilmt wurde. 2008 wurde Clemens Meyer mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für den Erzählungsband Die Nacht, die Lichter ausgezeichnet. 2015 hielt Clemens Meyer die Frankfurter Poetikvorlesungen. Sein Roman Im Stein wurde mit dem Bremer Literaturpreis geehrt und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2013. Sein jüngster Roman Die Projektoren wurde mit dem Bayerischen Buchpreis 2024 ausgezeichnet und stand ebenfalls auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Clemens Meyer lebt in Leipzig.

Thomas Böhm, geboren 1968 in Oberhausen, war unter anderem Programmleiter des Literaturhauses Köln und des internationalen literaturfestivals berlin. Er ist Moderator der Sendung „Die Literaturagenten“ im rbb.

Hendrik Bolz

Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften

  • Hendrik Bolz © Greta Baumann

Moderation: Isabella Caldart

Die frühen 2000er Jahre, Stralsund: Während viele Erwachsene die Suche nach einem Platz im neuen System aufgeben und zunehmend in Resignation versinken, suchen sich Hendrik und seine Freunde ihre eigenen Wege aus der Tristesse zwischen Ostsee und Plattenbauten. Langsam zerfallen die Frontlinien der Baseballschlägerjahre. Springerstiefel werden von Turnschuhen abgelöst, Rechtsrock von Gangster-Rap. Doch die Grundregel bleibt dieselbe: fressen oder gefressen werden. Im Kindergarten, in der Schule und im Fußballverein haben sie gelernt, dass der Klügere nur so lange nachgibt, bis er der Dümmere ist. Also ist das Ziel klar: härter werden, stumpfer werden. Die Mittel finden sich – Kraftsport, Drogen, Rap. Mit Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften hat Hendrik Bolz, eine Hälfte des Rap-Duos Zugezogen Maskulin, einen ebenso beeindruckenden wie schonungslosen Debütroman vorgelegt. Hart und direkt, ohne zu romantisieren oder zu verklären, erzählt er von einer Jugend, in der die Gewalt allgegenwärtig und unausweichlich erschien. Mit der Journalistin und Autorin Isabella Caldart spricht Hendrik Bolz über die ostdeutschen Nullerjahre – und erklärt dabei ein Stück bundesrepublikanischer Gegenwart.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Romanfabrik

Hendrik Bolz, geboren 1988 in Leipzig, wurde als Teil des Rap-Duos Zugezogen Maskulin bekannt. Seine Jugend verbrachte er in Stralsund und zog nach dem Abitur nach Berlin. Sein Debütroman Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften ist ein Bestseller. Hendrik Bolz ist Host des MDR-Podcasts „Springerstiefel“ und der Gesprächsreihe „Aus Ruinen“ am Berliner Ensemble.

Isabella Caldart schreibt als freie Journalistin über Literatur, Popkultur und Medien, unter anderem für die taz und das Missy Magazine. Sie veröffentliche unter anderem die Bücher Nirvana. 100 Seiten sowie, zusammen mit Anette John, 101 literarische Orte in Frankfurt und Rhein-Main. Isabella Caldart lebt in Frankfurt am Main.

Dmitrij Kapitelman · Manja Präkels

***Ausgebucht!*** Über Baseballschlägerjahre und rechtsextreme Kontinuitäten

  • Dmitrij Kapitelman © Paula Winkler
  • Manja Präkels © Nikolas Geyer

Moderation: Erica Zingher

Wie lässt sich die Geschichte rechter Gewalt seit den 1990er Jahren erzählen – und was davon wirkt bis heute fort? Die Autor:innen Manja Präkels und Dmitrij Kapitelman sprechen über rechtsextreme Gewalt im Osten Deutschlands – von den Umbruchsjahren nach der Wiedervereinigung bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen persönliche Erfahrungen, literarische Perspektiven und die Frage, wie sich Gewalt, Angst und gesellschaftliches Wegsehen über Generationen hinweg einschreiben. In ihrem Debütroman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß erzählt Manja Präkels vom allmählichen Verschwinden der DDR in einer brandenburgischen Kleinstadt, vom Wiederauftauchen lange verdrängter Geister sowie von Freundschaft, Wut und den Spannungen einer Umbruchzeit. Themen, an welche die Essaysammlung Welt im Widerhall oder war das eine Plastiktüte und der Reportageband Extremwetterlagen vielfach anknüpfen. Dmitrij Kapitelman erzählt in seinen Büchern, zuletzt in dem 2025 erschienenen Roman Russische Spezialitäten, von Migration, jüdischer Identität und familiären Prägungen, von bürokratischen Hürden, dem Ringen um Zugehörigkeit und den leisen wie den offenen Formen von Ausgrenzung im Alltag. Ausgehend von Präkels Auseinandersetzung mit den frühen 1990er Jahren und Kapitelmans Blick auf Migration und Zugehörigkeit entsteht ein Gespräch über Kontinuitäten und Brüche.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Dmitrij Kapitelman, geboren 1986 in Kyjiw, kam Anfang der 1990er-Jahre als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Er ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und hat Politikwissenschaft und Soziologie in Leipzig studiert. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein Debüt, der autobiografische Roman Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, für den er den Klaus-Michael Kühne-Preis erhielt. 2021 folgte Eine Formalie in Kiew. Sein aktueller Roman Russische Spezialitäten wurde für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert. Dmitrij Kapitelman lebt in Berlin.

Manja Präkels, geboren 1974 in Zehdenick in Brandenburg, ist freie Schriftstellerin, Musikerin und Sängerin der Band Der singende Tresen. Nach mehreren Jahren als Lokalreporterin in Brandenburg studierte sie Philosophie und Soziologie. 2017 erschien ihr Debütroman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, für den sie mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurde. Es folgten die Essaysammlung Welt im Widerhall oder war das eine Plastiktüte und der Reportageband Extremwetterlagen. Manja Präkels lebt in Berlin.

Erica Zingher, geboren 1993 in der Republik Moldau, ist Journalistin, Kolumnistin bei der taz und Host des Zeit-Podcasts „Was jetzt?“.

 

Anke Feuchtenberger

Genossin Kuckuck / Der Spalt. Kleine Werkschau

  • Anke Feuchtenberger © Nik Pitton

Moderation: Jakob Hoffmann

Ihre Position in der Comic-Szene gilt als singulär. Bei der großen Comic-Schau 1964 bis 2024 im Pariser Centre Pompidou war Anke Feuchtenberger als einzige deutsche Zeichnerin zu sehen. Als Lehrende hat sie in Hamburg eine bedeutende Anzahl an heute bekannten Zeichner:innen gefördert und beeinflusst. Thematisch ist die Beschäftigung mit ihrer ostdeutschen Biografie in ihren Arbeiten vielfach sichtbar. Genossin Kuckuck ist eine fantastische und zugleich autobiografische Bilderzählung, die einen weiten Bogen über eine Kindheit in dem fiktiven Dorf Pritschitanow der 1960er Jahre bis zur Privatisierung von Volkseigentum in den 1990ern spannt. Anke Feuchtenberger hat unter dem Arbeitstitel Ein deutsches Tier im deutschen Wald über ein Jahrzehnt an dieser Geschichte gearbeitet. Der Comic war nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2024 und wurde 2025 in Frankreich mit dem renommierten Prix Artémisia ausgezeichnet. „Niemand sonst erzählt wie Anke Feuchtenberger, keiner kann sich dem Sog dieses Comics entziehen“, bilanziert Andreas Platthaus in der F.A.Z. Anke Feuchtenbergers kürzlich erschienener Band Der Spalt ist eine Sammlung von Bilderzählungen, die in verschiedenen Kontexten in den letzten Jahren entstanden sind. Sie verdeutlichen nicht zuletzt die künstlerischen Verfahren Feuchtenbergers.

Anke Feuchtenberger, geboren 1963 in Ostberlin, ist Comiczeichnerin und Illustratorin. In ihrem Schaffen setzt sie sich mit unterschiedlichsten künstlerischen Medien auseinander wie Zeichnung, grafischer Erzählung, Druckgrafik, Skulptur und Installation. Der Trickfilm Somnambule mit dem Soundtrack von Felix Kubin wurde 2005 uraufgeführt. 2022 erschien bei Reprodukt die Gesamtausgabe des Langzeitprojektes Die Hure H mit der Autorin Katrin de Vries. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den Max-und-Moritz-Preis des Internationalen Comicsalons Erlangen. Seit 1997 ist sie Professorin und unterrichtet Zeichnen und Graphische Erzählung. Anke Feuchtenberger lebt in Hamburg und Vorpommern.

Jakob Hoffmann veranstaltet in Frankfurt am Main die Comic-Reihe „Stories+Strips“ sowie das jährlich stattfindende Kindercomicfestival „Yippie!“ und gibt das Kindercomicmagazin Polle mit heraus.

Tickets

Eintritt
18/8 €

Vorverkauf
Tickets für diese Veranstaltung sind ausschließlich im Vorverkauf bis Montag, den 8. Juni erhältlich. Keine Abendkasse. Tickets sind personalisiert, Einlass nur mit gültigem Ausweisdokument.

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Christoph Hein

***Ausgebucht!*** Das Narrenschiff

  • Christoph Hein © Suhrkamp Verlag

Moderation: Sabine Rennefanz (Der Spiegel)

Von den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 bis zum Herbst 1991 reicht Christoph Heins Opus magnum über den Aufbruch und das Scheitern eines Landes, das einmal angetreten war, das bessere Deutschland zu sein. Das Hauptpersonal dieses groß angelegten Geschichtspanoramas bilden keine Staatenlenker und keine Dissidentinnen, keine strahlenden Helden und keine finsteren Schurken, sondern Kader und Funktionäre, von Staat und Partei mal mehr und mal weniger gelitten, zwischen Idealismus und Opportunismus schwankend wie Matrosen auf einem Schiff in schwerer See. Da ist etwa der Ökonomieprofessor Karsten Emser, Mitglied im ZK der SED; Johannes Goretzka, der vom glühenden Nazi zum beflissenen Anhänger des neuen Systems wurde, und dessen Frau Yvonne, die sich aus der lieblosen Ehe in die Affäre mit einem Schuhverkäufer flüchtet; Benaja Kuckuck, ein angesehener Anglist und Shakespeare-Kenner, der sich schließlich mit einer Stelle als Leiter des Referats für Kinder- und Jugendfilm arrangiert. Ihren und weiteren Lebenswegen folgt Christoph Hein in Das Narrenschiff entlang historischer Wegmarken, verknüpft so individuelle Schicksale mit dem politischen Zeitenlauf und unterstreicht eindrucksvoll seinen Ruf als wichtigster Chronist der DDR.

Sabine Rennefanz, Autorin unter anderem von Kosakenberg und Spiegel-Kolumnistin, moderiert das Gespräch mit Christoph Hein.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Christoph Hein, geboren 1944 in Heinzendorf in Oberschlesien, wuchs nach Kriegsende in Bad Düben bei Leipzig auf. Nach einem Studium der Philosophie und Logik, arbeitete er als Hausautor an der Volksbühne Berlin und veröffentlichte mehrere Stücke. 1982 erschien seine Novelle Der fremde Freund (in Westdeutschland unter dem Titel Drachenblut). Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Theaterstück Die wahre Geschichte des Ah Q. Sein jüngster Roman Das Narrenschiff stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Christoph Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Uwe-Johnson-Preis und dem Stefan-Heym-Preis. Christoph Hein lebt in Havelberg.

Sabine Rennefanz, geboren 1974 in Beeskow, arbeitet als Journalistin und schreibt unter anderem für den Spiegel und den Tagesspiegel. Sie ist Autorin mehrerer Romane und Sachbücher. 2024 veröffentlichte sie den Roman Kosakenberg. Ihr Buch Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration erscheint im August 2026 in einer aktualisierten Neuausgabe.

Do · 11. Juni
Sylvie Schenk · Helga Schubert

***Ausgebucht!*** Am Leben entlang

  • Sylvie Schenk © Peter-Andreas Hassiepen
  • Helga Schubert © Eddy Zimmermann, Rabauke Filmproduktion

Moderation: Christoph Schröder (SWR)

Zwei Autorinnen, die schon seit vielen Jahrzehnten Leben in Literatur gießen, aber erst spät die verdiente Anerkennung fanden. Was ihre Texte verbindet, ist ein präziser, unaufgeregter Ton, der das Persönliche nie vom Politischen trennt. Beide schreiben aus einer biografischen Spannung heraus: zwischen Systemen, Sprachen, Rollenbildern.

Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren, war in der DDR Psychotherapeutin und Schriftstellerin. Als stets engagierte Stimme war sie Schikanen und Observierungen ausgesetzt. 2020 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis neu entdeckt. In ihrem jüngsten Buch Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang versammelt sie Texte aus 65 Jahren. Lakonisch und mit scharfem Blick beschreibt sie darin, wie politische Zäsuren in die intimsten Schichten des Lebens hineinwirken und wie unbeugsame Zuversicht einen Weg durch die Zumutungen der Zeit weist.

Auch Sylvie Schenks Werk speist sich aus gelebter Erfahrung zwischen zwei Ländern. Die 1944 in Frankreich geborene Autorin lebt seit 1966 in Deutschland und schreibt seit über 30 Jahren auf Deutsch. Ihr jüngster Roman In Erwartung eines Glücks handelt von Brüchen und Neuanfängen, vor denen man auch im Alter nicht verschont bleibt: Mit viel (Selbst-)Ironie geht ihre Protagonistin Irène während eines Klinikaufenthalts dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem nie ganz greifbaren Glück auf den Grund. Über die stille Intensität literarischer Selbstermächtigung.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Sylvie Schenk, geboren 1944 im französischen Chambéry, lebt seit 1966 in Deutschland. Sie veröffentlichte Lyrik auf Französisch und schreibt seit 1992 auf Deutsch. 2016 wurde las sie einen Auszug aus ihrem autofiktionalen Roman Schnell, dein Leben beim Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. 2023 stand sie mit ihrem Roman Maman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Schenk lebt in Stolberg bei Aachen und La Roche-de-Rame, Hautes Alpes.

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, ist Psychologin und Schriftstellerin. 1975 erschien ihr Debüt, der Erzählband Lauter Leben. Neben Kinderbüchern, Theaterstücken und Hörspielen verfasste sie weitere Erzählbände. Anfang der 1990er Jahre machte sie sich vor allem durch ihr dokumentarisches Werk Judasfrauen einen Namen. Für die Geschichte Vom Aufstehen wurde ihr nach längerem Rückzug aus der literarischen Öffentlichkeit der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen. Helga Schubert lebt bei Schwerin.

Christoph Schröder, geboren 1973, ist freier Autor und Kritiker, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die Zeit, den Deutschlandfunk und den SWR. Er ist Dozent für Literaturkritik.

Helene Bukowski · Peggy Mädler

Illusion und Kontrolle

  • Helene Bukowski
  • Peggy Mädler © Wenke Seemann

Moderation: Wiebke Porombka (DLF)

Christina bringt die musische Begabung für eine große Karriere mit. Auf einem Berliner Musikinternat und am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau soll das junge Mädchen mittels Drill und Disziplin zu einer hervorragenden Pianistin geformt werden. Doch schon im Jahr 1985 endet das kurze Leben in einer Tragödie. Vierzig Jahre später ringt die 1993 geborene Schriftstellerin Helene Bukowski in Wer möchte nicht im Leben bleiben damit, dem realen Menschen und den historischen Begebenheiten gerecht zu werden, Christina nicht ein weiteres Mal zu vereinnahmen. Dabei ist ein Roman entstanden, der gerade in seiner tastenden Reflexivität von literarischer Wahrhaftigkeit zeugt.

Lochkarten und Landflucht gab es auch in der DDR und dies seit den frühen 1960ern, als die Kriegskindergeneration ins Leben aufbrach. Zu dieser gehört Georg, ein
Kybernetiker, der von einer sich selbstregulierenden Planwirtschaft träumt, und Mona, eine Bohemienne mit Freiheitsdrang. Auf ihren Datschen am Rand von Berlin finden sie einen fragilen Freiraum. Selbstregulierung des Herzens vermittelt sehr eindrücklich den inneren Zwiespalt der Menschen im Osten, die sich jeden Tag aufs Neue zwischen Integrität und Anpassung entscheiden mussten. Gewissenskonflikte, die bis in die Gegenwart hinein prägend sind.

Mit den Autorinnen spricht Wiebke Porombka, Literaturredakteurin beim Deutschlandfunk.

Helene Bukowski, geboren 1993 in Berlin, studierte am Literaturinstitut Hildesheim und arbeitet nun als freie Schriftstellerin und leitet Kurse und Workshops für Kreatives Schreiben. Ihr Romandebüt Milchzähne erschien 2019 und war unter anderem für den Mara-Cassens-Preis und den Rauriser Literaturpreis nominiert. 2022 folgte der Roman Die Kriegerin und zuletzt im Frühjahr 2026 Wer möchte nicht im Leben bleiben. Helene Bukowski lebt in Berlin und der Niederlausitz.

Peggy Mädler, geboren 1976 in Dresden, arbeitet als freie Autorin und als Dramaturgin deutschlandweit mit verschiedenen Theatern, Regisseur:innen und Performancegruppen zusammen. Ihr erster Roman Legende vom Glück des Menschen erschien 2011. Für Wohin wir gehen erhielt sie 2019 den Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg. 2024 veröffentlichte sie gemeinsam mit Annett Gröschner und Wenke Seemann den Bestseller Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat. Zuletzt erschien im Frühjahr 2026 ihr Roman Selbstregulierung des Herzens. Sie lebt in Berlin.

Wiebke Porombka, geboren 1977 in Bremen, ist Literaturredakteurin beim Deutschlandfunk und sitzt unter anderem in den Jurys des Bremer Literaturpreises und des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises.

Tupoka Ogette

Trotzdem zuhause

  • Tupoka Ogette © Tatsiana Tribunalova

Moderation: Hadija Haruna-Oelker (hr)

„So beginnt meine Geschichte“, schreibt Tupoka Ogette, „als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR-Diktatur.“ Ogette, Autorin des Bestsellers exit RACISM. Rassismuskritisch denken, legt mit Trotzdem zuhause ein bewegendes Memoir vor. Sie schreibt darin von der Suche nach Zugehörigkeit, vom Leben im Widerspruch, im Dazwischen. Sie erzählt vom Aufwachsen als Schwarzes Kind in der DDR, von Flucht, Verlust, Sexismus und Gewalt. Es ist das eindringliche Dokument einer Selbstermächtigung, der Versuch, eine Sprache zu finden, auch und gerade für das scheinbar Unsagbare. Denn „Sprache kann Anerkennung generieren und Scham dahin verschieben, wo sie hingehört, weg von Opfern von Gewalt, hin zu denen, die diese Gewalt ausüben.“

Ogette erzählt aber auch von Liebe, Mutterschaft und Resilienz. Vom Neuanfang in der Bundesrepublik und von weiblicher Solidarität. 1980 in Leipzig geboren, wanderte Ogette kurz vor dem Mauerfall mit ihrer Mutter nach Westberlin aus. „Ich wurde von zwei Generationen starker Frauen großgezogen“, sagt sie, „meiner Mutter und meiner Großmutter, und auch sehr geprägt. Meine Geschichte ohne sie zu erzählen, wäre unmöglich und wäre auch einfach unwahr.“

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Literaturhaus Frankfurt am Main e. V.

Tupoka Ogette, 1980 in Leipzig geboren, ist als Beraterin und Trainerin im Bereich Rassismuskritik tätig, leitet Workshops und Fortbildungen und tritt als Speakerin auf. Ihr im März 2017 erschienenes Handbuch exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen ist ein Spiegel-Bestseller. Im Jahr 2019 wurde Ogette vom Magazin Edition F als eine der 25 einflussreichsten Frauen des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erschienen 2022 Und jetzt du. Rassismuskritisch leben und im Frühjahr 2026 das Memoir Trotzdem Zuhause. Tupoka Ogette lebt in Berlin.

Hadija Haruna-Oelker, geboren 1980, arbeitet als Redakteurin und Moderatorin für den Hessischen Rundfunk und als Kolumnistin für die Frankfurter Rundschau. Sie ist Autorin mehrerer Sachbücher, zuletzt veröffentlichte sie zusammen mit Max Czollek Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur.

Paula Fürstenberg · Franziska Hauser · Julia Wolf

Frauen bewegt OstWest

  • Paula Fürstenberg © Jonas Ludwig Walter
  • Franziska Hauser © Martin Mosch
  • Julia Wolf © Franziska Rieder

Moderation: Bettina Baltschev (MDR)

Die Frauenfrage ist ein Dauerbrenner in der Ost-West-Debatte mit durchaus verhärteten Fronten. Hier die Mama mit Halbtagsjob, die vor dem abendlichen Beauvoir- Lesezirkel dem Gatten und den lieben Kleinen das Essen serviert (Blick Ost), dort Frau Genosse Kranführer, alleinerziehend mit Krippenkindern, denen Mutti vor dem Sandmännchen die Schnitten mit Wurst serviert (Blick West). Während im Westen der emanzipatorische Fortschritt eine Schnecke war, traf die Frauen im Osten die Wende besonders hart: Aus Werktätigen wurden Vorruheständlerinnen mit gebrochenem Stolz.

Wir fragen bei der nächsten Generation nach, wie sie es mit Ost-West hält: Julia Wolfs Prosaband Du, hier erzählt von „weiblichen Suchbewegungen zwischen Häuslichkeit und Rebellion“ (F.A.Z.) am Beispiel von Anfangvierzigerinnen, deren Leben Kipppunkte erreicht, die sie zwingen, ins Risiko zu gehen. In Franziska Hausers jüngstem Roman Am Ende der Kleinigkeiten tyrannisiert ein Paradebeispiel für regretting motherhood ihre Tochter in einer Post-Ost-Hippie-Kommune. Und auch Paula Fürstenbergs zweiter Roman Weltalltage folgt weiblichen Lebensentwürfen vor und nach der Wende und stellt die Gretchenfrage nach der literarischen Aneignung von Osterfahrung so: Wer darf wegen der Tomatensuppe heulen?

Paula Fürstenberg, geboren 1987 in Potsdam, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut sowie an der Humboldt-Universität. Sie ist Mitherausgeberin der Habitus-Bände bei Sukultur und hat 2022 die Veranstaltungsreihe „Let’s talk about class“ co-kuratiert. Außerdem ist sie Teil des Autor:innenkollektivs „Literatur für das, was passiert“. 2016 erschien ihr Romandebüt Familie der geflügelten Tiger, 2024 ihr zweiter Roman Weltalltage. Im Herbst erscheint Niewiedervereinigung. 100 Zwischenrufe zur deutschen Einheit. Für ihre Arbeit wurde Paula Fürstenberg mit zahlreichen Stipendien ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

Franziska Hauser, geboren 1975 in Ostberlin, hat zunächst als Fotografin und später auch als Autorin für diverse Magazine gearbeitet. 2015 ist ihr Debütroman Sommerdreieck erschienen, es folgte 2018 Die Gewitterschwimmerin, nominiert für den Deutschen Buchpreis. Nach ihren Romanen Die Glasschwestern und Keine von ihnen gab sie 2025 zusammen mit Maren Wurster die Anthologie Ost*West*frau* heraus. Ihr jüngster Roman Am Ende der Kleinigkeiten erschien Anfang 2026. Franziska Hauser lebt in Berlin.

Julia Wolf, geboren 1980 in Groß-Gerau, ist Übersetzerin und Schriftstellerin. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem 3sat- und dem Robert-Gernhardt-Preis. Ihr Roman Walter Nowak bleibt liegen stand 2017 auf der Longlist für Deutschen Buchpreis, 2025 war sie für ihre Übersetzung von Samantha Harveys Umlaufbahnen für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2022 erschien Alte Mädchen und 2023 der Kollektivroman Wir kommen, den sie zusammen mit Elisabeth R. Hager und Verena Güntner konzipiert und herausgegeben hat. Zuletzt erschien im Frühjahr 2026 der Erzählband Du, hier. Julia Wolf lebt in Berlin.

Bettina Baltschev, geboren 1973 in Ostberlin, ist Redakteurin beim MDR, Autorin und Geschäftsführerin des Sächsischen Literaturrats.

Durs Grünbein · Jürgen Kaube · Péter Nádas

***Ausgebucht!*** Der zerrissene Kontinent

  • Durs Grünbein © Tineke de Lange, Suhrkamp Verlag
  • Jürgen Kaube © F.A.Z., Frank Röth
  • Péter Nádas © Gáspár Stekovics

Moderation: Gregor Dotzauer (Tagesspiegel)

Ein großer ungarischer Schriftsteller, ein Berliner Dichter und Essayist mit Zweitwohnsitz in Rom und der Herausgeber des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung debattieren darüber, was sich aus den geistigen und politischen Konstellationen des gegenwärtigen Europas über Ostdeutschland lernen lässt. Welche Gemengelage hat sich zwischen Postkommunismus und Postliberalismus ergeben? Dabei wird auch über Europa als kulturelle Vision versus politisch-ökonomische Realität zu sprechen sein. Denn so sehr etwa die jüngsten Bilder aus Budapest nach dem Wahlsieg Péter Magyars Hoffnung auf eine dauerhafte Abkehr von Autoritarismus und Nationalismus nähren, so spürbar bleibt die Enttäuschung über den mühsamen Aufbruch in Richtung Westen, der viele illiberale Tendenzen gestärkt hat. Und die alten europäischen Kernstaaten im Westen werden von umgekehrten Entfremdungsgefühlen erfasst.

Was aber bleibt von der emphatischen Idee eines vereinigten Europas, wenn sie in Konkurrenz zu nationalen Narrativen tritt, die den Kommunismus überdauert zu haben scheinen? Mit Péter Nádas, Durs Grünbein und Jürgen Kaube haben wir drei eminente Stimmen unserer Zeit eingeladen, um einen Blick über den deutschen Tellerrand hinaus zu wagen. Das Gespräch moderiert Gregor Dotzauer, Kulturredakteur des Berliner Tagesspiegels.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist Dichter, Essayist und Übersetzer. Er debütierte 1988 mit dem Band Grauzone morgens und gilt heute als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Gegenwart. Seine zahlreichen Gedichtbände werden international wahrgenommen und gewürdigt. Für sein Werk erhielt er eine Vielzahl von Preisen, darunter den Georg-Büchner-Preis, den Peter-Huchel-Preis und den Friedrich-Hölderlin-Preis. Zuletzt veröffentlichte er den Gedichtband Äquidistanz und den Roman Der Komet. Durs Grünbein lebt in Berlin und Rom.

Jürgen Kaube, geboren 1962 in Worms, ist Journalist und Publizist und seit 2015 Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2015 wurde er mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnet. Er ist Autor mehrerer Sachbücher, darunter Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen, Die Anfänge von allem und Die gespaltene Gesellschaft, zusammen mit André Kieserling. Für Hegels Welt erhielt er den Deutschen Sachbuchpreis 2021.

Péter Nádas, geboren 1942 in Budapest, ist Fotograf und Schriftsteller. Bis 1977 verhinderte die ungarische Zensur das Erscheinen seines ersten Romans Ende eines Familienromans. Buch der Erinnerung, sein bedeutendster Roman, erschien 1986 und erhielt zahlreiche internationale Literaturpreise. Zuletzt erschienen der große Roman Parallelgeschichten, seine Memoiren eines Erzählers Aufleuchtende Details und der Roman Schauergeschichten. Péter Nádas wurde unter anderem mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung und dem Franz-Kafka-Literaturpreis ausgezeichnet. 2014 wurde ihm der Würth-Preis für Europäische Literatur verliehen. Péter Nádas lebt in Gombosszeg in Ungarn.

Gregor Dotzauer, geboren 1962 in Bayreuth, ist Redakteur für Sachbücher beim Berliner Tagesspiegel, Moderator von Literaturveranstaltungen und Autor zahlreicher Essays. Zuletzt erschien 2022 der Band Schläft ein Lied in allen Dingen. Über Musik, Moment und Erinnerung.

Fr · 12. Juni
Ilko-Sascha Kowalczuk · Anne Rabe

***Ausgebucht!*** Nach der Freiheit

  • Ilko-Sascha Kowalczuk © Ekko von Schwichow
  • Anne Rabe © Annette Hauschild

Moderation: Sandra Kegel (F.A.Z.)

Wie tief autoritäre Denk- und Verhaltensmuster reichen können, wie sie sich in Skepsis gegenüber liberalen Institutionen, in Sehnsucht nach Ordnung oder in der nachträglichen Romantisierung der DDR niederschlagen, dies beleuchten die Werke Anne Raabes und Ilko-Sascha Kowalczuks.

Anne Rabe nähert sich diesen Fragen aus literarischer Perspektive. Ihr Romandebüt Die Möglichkeit von Glück wurde vor drei Jahren zum Bestseller und stand auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Schonungslos zeigt er, wie Gewalt, Einschüchterung und Schweigen viele Familien und Erziehungseinrichtungen in der DDR prägten und bis heute fortwirken. Ihr neuestes Buch Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral plädiert für die Rückkehr moralischer Grundsätze in den politischen Diskurs.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ist einer der bekanntesten Experten zur Geschichte und Nachwirkung der DDR. Mit Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute verfasste er eine Streitschrift gegen verengende Opferdiskurse und geschichtsvergessene Demokratieverachtung. In Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten setzt er sich mit Bodo Ramelow ausführlich über den Stand der innerdeutschen Beziehungen 35 Jahre nach dem Mauerfall auseinander. Eine Diskussion über die Gegenwart eines Landes, das seine Freiheit immer wieder neu definieren muss.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Ilko-Sascha Kowalczuk, geboren 1967 in Ostberlin, wuchs bei sozialistischen Eltern auf und wurde dann zum Regimegegner. Heute ist er Publizist und einer der bekanntesten Historiker für DDR-Geschichte. Zu seinen Veröffentlichungen zählen mehrere Sachbücher, darunter Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute und Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten, gemeinsam mit Bodo Ramelow. Große Beachtung fand auch seine Biografie Walter Ulbricht. Der kommunistische Diktator (1945–1973). Ilko-Sascha Kowalczuk lebt in Berlin.

Anne Rabe, geboren 1986 in Wismar, studierte an der Universität der Künste Berlin Szenisches Schreiben. Heute arbeitet sie als Drehbuchautorin, schreibt politische Essays und hält Vorträge zur Vergangenheitsbewältigung in Ostdeutschland. 2023 erschien ihr Debütroman Die Möglichkeit von Glück, der ihr Nominierungen für den aspekte-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis einbrachte. Zuletzt erschien 2025 der Essay Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral. Anne Rabe lebt in Berlin.

Sandra Kegel, geboren 1970 in Frankfurt am Main, ist Literaturkritikerin und leitet das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie ist Mitglied mehrerer Literaturjurys und gehört zum Team der 3sat-Sendung „Buchzeit“.

Laura Laabs · Victor Schefé

***Ausgebucht!*** Wer wir waren. Wer wir sind

  • Laura Laabs © Maximilian Gödecke
  • Victor Schefé © Dorothea Tuch

Moderation: Cécile Schortmann (3sat)

Am Ende war das Chaos. Schuleinführung, eine Ostberliner Kindheit um 1990. Und mittendrin drei Mädchen, die trotz aller Unterschiede eine verschworene Clique bilden. Sie erleben die turbulenten Momente der Nachwendezeit mit überforderten Lehrer:innen, drangsalierenden Männern und saufenden Eltern, die auch mal zuschlagen. Immer vor Augen dabei die große Ausfallstraße im Südosten der Stadt, das titelgebende Adlergestell. Die Freundinnen sehnen sich nach den Verlockungen aus dem Westen und der damit verbundenen Freiheit – im Debütroman der Schriftstellerin und Filmemacherin Laura Laabs durch eingestreute Werbespots illustriert. Doch ihre Träume platzen schneller, als es den dreien lieb sein kann.

Von den Verheißungen des Westens erzählt auch der Schauspieler Victor Schefé in Zwei, drei blaue Augen. Der autobiografische Roman setzt ein am Tag des Mauerfalls, am 9. November 1989. Der junge Tassilo, drei Jahre zuvor nach Westberlin geflüchtet, erlebt diesen Umbruchsmoment im Freudentaumel. Doch die Erzählung durchbricht die Euphorie und die Erinnerung an Kindheit und Jugend immer wieder mit Berichten des Ministeriums für Staatssicherheit über einen homosexuellen Jungen, der aneckt. Eine rasante Coming-of-Age-Erzählung von einem, der sich partout nicht anpassen will.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Laura Laabs, geboren 1985 in Ostberlin, ist Regisseurin und Autorin. Sie realisierte unter anderem die große Hörspielproduktion zu Mädchen, Frau etc. nach dem Bestseller von Bernardine Evaristo. Ihr Spielfilmdebüt Rote Sterne überm Feld gewann den Kritiker-Preis beim Max Ophüls Festival und beim achtung berlin Filmfestival unter anderem den Preis für das beste Drehbuch. Adlergestell erschien 2025 und ist ihr Debütroman, der von einer Ostberliner Kindheit erzählt. Mit einem Auszug daraus war sie zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2025 eingeladen. Laura Laabs lebt in Bad Kleinen und Berlin.

Victor Schefé, geboren 1967 in Rostock, ist 1986 nach Westberlin ausgereist. Dort begann er als Schauspieler an Off-Theatern, bekam wenig später Hauptrollen am Schauspielhaus Wien und hat bis heute in über achtzig Film- und TV-Produktionen mitgespielt, darunter internationale Produktionen wie Steven Spielbergs Bridge of Spies und James Bond 007: Spectre von Sam Mendes. Sein Romandebüt Zwei, drei blaue Augen erschien im Herbst 2025 und erzählt die Geschichte einer Jugend in der DDR.

Cécile Schortmann, geboren 1971 in Düsseldorf, ist Moderatorin des 3sat-Magazins Kulturzeit und moderiert Sondersendungen zu Kulturereignissen wie der Berlinale, documenta oder Buchmessen.

Lukas Rietzschel · Simon Strauß

***Ausgebucht!*** Sanditz/Prenzlau. Ortserkundungen

  • Lukas Rietzschel © Alexandra Polina
  • Simon Strauß

Moderation: Daniel Frisch

Manche erfundenen Orte erscheinen wirklicher als solche, die auf Landkarten verzeichnet sind. Sanditz ist eine fiktive Kleinstadt in der Lausitz, im Braunkohlerevier an der polnischen Grenze gelegen. Hier folgt Lukas Rietzschel in seinem gleichnamigen Roman den Geschicken der Familie Wenzel quer durch die Jahrzehnte, von den beschaulichen 1970er Jahren über die turbulente Wendezeit bis hinein in die Corona-Gegenwart. Und hier, im Nahbereich des Alltäglichen, weit weg von den großen Zentren und Metropolen, entfaltet sich eine so meisterhafte wie genaue Erzählung über ostdeutsche Erfahrungswelten. „Wer Sanditz liest, bekommt Ostdeutschland nicht erklärt, aber sehr genau erzählt.“ (NDR)

Genau hinschauen, beobachten, zuhören – dieser Devise folgt auch Simon Strauß‘ Reportage-Essay In der Nähe, für den sich der Journalist und Schriftsteller an den Ort begeben hat, unweit dessen er aufgewachsen ist. In der ganz realen Kreisstadt Prenzlau spricht er mit den verschiedensten Menschen, mit dem Bürgermeister, der Kita-Leiterin, dem syrischen Geflüchteten, dem Oberstleutnant, dem AfD-Lokalpolitiker. Gesellschaftliche Verwerfungen und Konflikte zeigen sich in der uckermärkischen Provinz wie unter einem Brennglas, die Vergangenheit ist eine schwelende Wunde, aus der Enttäuschung und Ressentiment erwachsen – aber auch die Sehnsucht nach einer verloren geglaubten Gemeinschaft.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Sachsen, ist Schriftsteller und Dramatiker. Er studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Kulturmanagement. Sein 2018 erschienener Debütroman Mit der Faust in die Welt schlagen war ein Bestseller und wurde 2025 von Constanze Klaue verfilmt. 2021 folgte der Roman Raumfahrer. Zuletzt erschien Anfang 2026 Sanditz. Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis Text & Sprache.

Simon Strauß, geboren 1988 in Westberlin, ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er vor allem über das Theater scheibt, und Autor mehrerer Romane, darunter Sieben NächteRömische Tage und Zu Zweit. 2025 erschien sein erstes Sachbuch mit dem Titel In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht, dem die sechsteilige Reportageserie „Schaut auf diese Stadt“ über Penzlau vorausging. Simon Strauß lebt in Berlin und in der Uckermark.

Daniel Frisch, geboren in Karl-Marx-Stadt, hat in Greifswald und Aberdeen studiert und arbeitet als Lektor für deutsche Literatur im Steidl Verlag.

Ulrike Draesner · Annett Gröschner

***Ausgebucht!*** Von ungezähmten Leben

  • Ulrike Draesner © Mellie Wang
  • Annett Gröschner © Susanne Schleyer, autorenarchiv.de

Moderation: Jan Wiele (F.A.Z.)

Ulrike Draesner und Annett Gröschner verweigern sich konsequent allen Schubladen. Sie schreiben Romane, Gedichte, Epen, spielerische Experimente mit Sprache – und dann wieder ganz prosaisch über Menschen und Orte. Gemeinsam ist ihnen der geschärfte Sinn für Stimmen und Stimmungen. Immer wieder sind es Frauenschicksale, oft mit Bezug zur eigenen Familiengeschichte, um die ihre Erzählungen kreisen. Dabei folgen wir Ulrike Draesner in Sieben Sprünge vom Rand der Welt bis nach Schlesien, während Annett Gröschner Madgeburg auf die literarische Landkarte gesetzt hat. Ihr meisterhafter Roman Schwebende Lasten, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025 stand, führt anhand der Lebensgeschichte einer Kranfahrerin das Wüten des 20. Jahrhunderts vor Augen. „Eine Alternativgeschichte der DDR aus weiblicher Sicht“, so Sabine Rennefanz im Spiegel. Ulrike Draesner veröffentlichte im selben Jahr mit penelopes sch( )iff eine Neudichtung der Odyssee aus der Perspektive der Titelheldin. Entstanden ist dabei ein unverschämt feministisches Sprachkunstwerk. Mit Jan Wiele, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., sprechen beide Autorinnen über Zwänge und Möglichkeiten der Selbstermächtigung in Ost und West sowie die oft im Verborgenen wirkenden Kräfte biografischer und gesellschaftlicher Veränderungen.

***Die Veranstaltung ist ausgebucht!***

Ulrike Draesner, geboren 1962 in München, ist Schriftstellerin. 1995 erschien ihr erstes Buch gedächtnisschleifen. Ihm folgten seither im Wechsel Romane, Erzählbände, Essays und Poesie. Ihr Roman Die Verwandelten war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Zuletzt erschien 2025 penelopes sch( )iff. Nach verschiedenen internationalen Gastdozenturen und Poetikvorlesungen ist Ulrike Draesner seit April 2018 Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2021 erhielt sie den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk, 2024 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer Stiftung. Ulrike Draesner lebt in München.

Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, ist freie Schriftstellerin und schreibt als Journalistin unter anderem für den Freitag und die taz. Zu ihren ersten Romanen zählen Moskauer Eis und Walpurgistag. 2024 veröffentlichte sie gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann den Bestseller Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat. Für ihren jüngsten Roman Schwebende Lasten war sie 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2021 erhielt sie den Großen Kunstpreis Berlin (Fontanepreis) und den Klopstock-Preis des Landes Sachsen-Anhalt, 2024 und 2025 folgten das Stipendium des Deutschen Literaturfonds und das Mainzer Stadtschreiberstipendium. Annett Gröschner lebt in Berlin.

Jan Wiele, geboren 1978 in Herford, ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Schwerpunkten Literatur und Popmusik.

Sa · 13. Juni
Domenico Müllensiefen · Denis Pfabe

Proleten wie wir

  • Domenico Müllensiefen © Philipp Sipos
  • Denis Pfabe © Allan Larsen

Moderation: Carolin Callies

Mag der Arbeiter- und Bauernstaat DDR auch der Vergangenheit angehören, sein Personal ist geblieben. Und so dürfen sich die Lohnabhängigen im Ostteil der wiedervereinigten Republik seither unbeschwert von jeglicher realsozialistischen Folklore mit den Härten und Zwängen der sozialen Marktwirtschaft herumschlagen. Domenico Müllensiefen wurde wenige Jahre vor der Wende in Magdeburg geboren, wuchs auf einem Bauernhof in der Altmark auf und machte eine Lehre bei der Telekom. Dem glücklichen Umstand, dass er neben dem Verlegen von Glasfaserkabeln noch die Muße zum Schreiben fand, verdanken wir unter anderem das fulminante Romandebüt Aus unseren Feuern und die jüngst erschiene Road Novel Manchmal muss man sich entscheiden, die eine bankrotte Lkw-Fahrerin auf eine gewagte Reise schickt.

Denis Pfabe hingegen stammt aus der denkbar westdeutschesten Stadt überhaupt, nämlich Bonn. Dem Studium und der Autorenlaufbahn ging in seinem Fall eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann voraus. In seinem Roman Die Möglichkeit einer Ordnung wird der Mikrokosmos Baumarkt zum Tableau, auf dem sich zwischen Schraubenregalen und Wandfarben gesellschaftliche Widersprüche ebenso wie zwischenmenschliche Tragödien abspielen. Mit zwei Schriftstellern, die tief eintauchen in die moderne Arbeitswelt, spricht die Lyrikerin und Literaturvermittlerin Carolin Callies.

Domenico Müllensiefen, geboren 1987 in Magdeburg, machte zunächst eine Ausbildung zum Systemelektroniker und studierte ab 2011 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman Aus unseren Feuern wurde er unter anderem mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Es folgte der Roman Schnall dich an, es geht los. Anfang 2026 erscheint sein dritter Roman Manchmal muss man sich entscheiden. Domenico Müllensiefen lebt in Leipzig.

Denis Pfabe, geboren 1986 in Bonn, ist gelernter Kaufmann im Einzelhandel und studierte Medienkommunikation und Journalismus. Sein Debütroman Der Tag endet mit dem Licht erschien 2018, Simonelli folgte 2021. Im Jahr 2024 erhielt er den Deutschlandfunk-Preis bei den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Zuletzt erschien 2026 Die Möglichkeit einer Ordnung. Denis Pfabe lebt in seiner Geburtsstadt Bonn.

Carolin Callies, geboren 1980 in Mannheim, ist Lyrikerin und Literaturvermittlerin. Unter anderem kuratiert sie die Ladenburger Literaturtage und moderiert den Podcast „Kapriolen“ des Stuttgarter Literaturhauses.

Kiran Desai

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny

  • Kiran Desai © Michael Sharkey

Moderation: Robin Detje
Lesung: Anke Sevenich

Sonia studiert Literatur in den verschneiten Bergen Vermonts, Sunny arbeitet als Journalist in New York und träumt von einer großen Zukunft. Als sie sich in ihrer indischen Heimat zum ersten Mal begegnen, sprühen die Funken – bis sie feststellen, dass ihre Großeltern einst eine Heirat für sie arrangieren wollten. Im Strudel ihrer chaotischen Familien, zwischen Tradition und Moderne, verlieren sie einander – und geben doch, auch Jahre später, die Suche nach dem gemeinsamen Glück nicht auf.

Als Jugendliche zog Kiran Desai, geboren in Neu-Delhi, mit ihrer Familie nach England, dann in die USA, wo sie bis heute lebt. 2006 wurde sie für Erbin des verlorenen Landes mit dem Booker Prize ausgezeichnet. An ihrem neuen Roman Die Einsamkeit von Sonia und Sunny, der auf der Shortlist für den Booker Prize 2025 und der Liste der zehn besten Bücher des Jahres 2025 der New York Times stand, hat sie zwanzig Jahre gearbeitet. Die deutsche Übersetzung erschien im März im S. Fischer Verlag, in dessen Räumen in der Hedderichstraße Kiran Desai ihren Roman nun dem Frankfurter Publikum vorstellen wird. Ein literaTurm-Spezial, moderiert von Kiran Desais Übersetzer Robin Detje; die deutschen Passagen liest die Schauspielerin Anke Sevenich.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem S. Fischer Verlag in deutscher und englischer Sprache

Kiran Desai, geboren 1971 in Neu-Delhi, zog als Jugendliche mit ihrer Familie nach England, dann in die USA, wo sie bis heute lebt. Sie debütierte 1998 mit Der Guru im Guavenbaum und wurde 2006 für Erbin des verlorenen Landes mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Sie erhielt den Holtzbrinck Berlin Prize der American Academy in Berlin und war im Herbst 2013 Fellow der Akademie. Ihr neuer Roman Die Einsamkeit von Sonia und Sunny stand auf der Shortlist für den Booker Prize 2025 und wurde von der New York Times unter die zehn besten Bücher des Jahres gewählt.

Robin Detje, geboren 1964 in Lübeck, war viele Jahre Kritiker, unter anderem für Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. Er ist Teil der Berliner Künstlergruppe bösediva und arbeitet als Literaturübersetzer.

Anke Sevenich, geboren 1959 in Frankfurt am Main, ist Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Sie spielte bis heute in über einhundert Film- und Fernsehproduktionen mit, darunter fünfzehn Tatorte.

Clemens Böckmann · Aron Boks · Anke Engelmann

Das Vergessene erzählen

  • Clemens Böckmann © Carolin Haentjes
  • Aaron Boks © Andreas Schmidt
  • Anke Engelmann © Alien Schneider

Moderation: Franziska Haug · Jonas Haug

Wie vom Vergessenen erzählen? Wie erzählen aus und von einem Land, das es nicht mehr gibt? Wie schreiben vom Alltag und Leben in der damaligen DDR, von Träumen und Hoffnungen der Menschen, die in den Momenten ihrer Artikulation jäh verpufften? Und wie überhaupt wird aus Schweigen Sprache? Die Autor:innen Anke Engelmann, Clemens Böckmann und Aron Boks nähern sich in ihrem Schreiben den verborgenen oder ignorierten Erinnerungen und Geschichten aus der DDR und Ostdeutschland.

Auf jeweils ganz eigene Weise vergegenwärtigen sie in ihren Büchern Blender, Was du kriegen kannst und Starkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt Verschüttetes und Vergessenes. Ihr Erzählen verbindet, dass das literarische Erinnern nicht auf eine abschließende Wahrheit abzielt, sondern vielmehr freilegt und Widersprüche zulässt.

Mit den Autor:innen sprechen Franziska Haug und Jonas Haug vom Kollektiv DiasporaOst über Erzählweisen der Vergegenwärtigung und darüber, wie sich mittels Literatur an eben jenes Vergessene abseits einer vereinfachenden Täter-Opfer-Dichotomie angenähert werden kann. Anschließend Barabend mit Musik.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit DiasporaOst

Clemens Böckmann, geboren 1988 in Düsseldorf, arbeitet als Schriftsteller und Filmemacher und betreut seit 2018 den Nachlass des Dichters und Skispringers Alvaro Maderholz. 2024 veröffentlichte er den Debütroman Was du kriegen kannst. Im Sommer 2026 erscheint seine Recherche über Das richtige Leben des Alvaro Maderholz. Clemens Böckmann lebt in Leipzig.

Aaron Boks, geboren 1997 in Wernigerode, ist Autor, Slam Poet und Moderator. Zusammen mit Jonathan Schmitz bildet er die Spoken Word Band Das Zappelnde Tanzorchester. 2019 erhielt er den Klopstock-Förderpreis für Neue Literatur. Seit 2021 schreibt er vor allem für die taz und die taz.FUTURZWEI-Kolumne „Stimme meiner Generation“. 2023 erschien sein Buch Nackt in die DDR, in welchem er sich mit seinem Urgroßonkel Willi Sitte auseinandersetzt. 2025 veröffentlichte er das Buch Starkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt über die Suche nach den Spuren des Lampendesigns seiner Großeltern. Er lebt in Berlin.

Anke Engelmann, geboren 1966 in Weimar, hat nach ihren Erfahrungen in vielfältigen Jobs Sprachwissenschaft studiert und als Journalistin gearbeitet. Unter dem Namen Büro für angewandte Poesie verfasst sie eigene und lektoriert fremde Texte, hält Kurse für Kreatives Schreiben und unterrichtet Menschen mit Behinderung im Lesen und Schreiben. 2021 veröffentlichte sie den Erzählband Eiapopeia im Prenzelberg, im Frühjahr 2026 erschien der Schelmenroman Blender. Anke Engelmann lebt in ihrer Geburtsstadt Weimar.

Franziska Haug, geboren 1989 in Cottbus, ist Literatur- und Geschichtswissenschaftlerin und forscht unter anderem zu queerer DDR-Literatur. Gemeinsam mit Jonas Haug ist sie Kern des Kollektivs DiasporaOst. 2025 veröffentlichte sie die Studie  Arbeit als literarisches Verfahren der Produktion von Geschlecht. Queerer Materialismus bei Thomas Brasch, Gisela Elsner, Elfriede Jelinek, Ronald M. Schernikau und im Pop.

Jonas Haug, geboren 1990 in Cottbus, ist Literaturwissenschaftler und Kulturmanager. Er forscht und arbeitet zur Darstellung und Konstruktion von Alltag in der Literatur der DDR. Gemeinsam mit Franziska Haug bildet er den Kern des Kollektivs DiasporaOst.

So · 14. Juni
Uwe Kolbe · Iva Procházková · Marek Torčík

Brückenschlag über den Strom

  • Uwe Kolbe © Gaby Gerster
  • Iva Procházková © J. Jiricka
  • Marek Torčík © Paseka

Moderation: Tilman Spreckelsen (F.A.Z.)
Lesung: Stephan Wolf-Schönburg

Zum Abschluss von literaTurm 2026 weiten wir den Blick und richten ihn ferner nach Osten und in die nähere Zukunft. Im Oktober ist Tschechien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Mit Iva Procházková und Marek Torčík kommen schon jetzt zwei Schriftsteller:innen aus Frankfurts Partnerstadt Prag an den Main. Iva Procházková, die sich bislang vor allem einen Namen als Kinderbuchautorin gemacht hat und vielfach ausgezeichnet wurde, fasst die politische Gegenwart ihres Heimatlandes in die Form einer packender Thriller-Trilogie, bestehend aus den Bänden Der Mann am Grund, Die Residentur und Die Spur der Kälte, alle übersetzt von Mirko Kraetsch. Marek Torčíks Was die Zeit nicht nimmt, ebenfalls ins Deutsche übertragen von Mirko Kraetsch, zählt zu den meistdiskutierten Romandebüts der tschechischen Gegenwartsliteratur und erzählt vom Aufwachsen eines Jungen im mährischen Arbeitermilieu der 1990er- und 2000er-Jahre – eine Welt aus toxischer Maskulinität, sozialer Härte und alltäglicher Gewalt. Komplettiert wird die Veranstaltung von dem in Dresden lebenden Lyriker Uwe Kolbe, der in seinem kürzlich erschienenen Gedichtband Das Alter der Elbe den großen europäischen Strom würdigt – jenen, in den auch die durch Prag fließende Moldau mündet.

Durch die Matinee führt der F.A.Z.-Journalist Tilman Spreckelsen; die tschechischen Texte in deutscher Übersetzung liest Stephan Wolf-Schönburg.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Haus am Dom, Kultur & Bahn e. V. und Tschechien – Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026

Uwe Kolbe, geboren 1957 in Ostberlin, schreibt Lyrik und Prosa und arbeitet als Übersetzer. Anfang der 1980er Jahre erhielt er als Regimekritiker ein Publikationsverbot und siedelte 1988 nach Hamburg über. Mehrfach war er Poet in Residence in den USA, erstmals 2007. Im Frühjahr 2026 erscheint sein Gedichtband Das Alter der Elbe, der Spuren auf den Wasserwegen zwischen Ost und West folgt. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem Stipendium der Villa Massimo, dem Preis der Literaturhäuser, dem Heinrich-Mann-Preis und dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet. Uwe Kolbe lebt in Dresden.

Iva Procházková, geboren 1953 in Olmütz, durfte in der ČSSR weder studieren noch publizieren. 1983 emigrierte sie nach Österreich, später nach Deutschland, wo sie sich einen Namen als Kinder- und Jugendbuchautorin machte. Zu ihren Büchern gehören Die Zeit der geheimen Wünsche, prämiert mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, Elias und die Oma aus dem Ei, Die Nackten und zuletzt 2026 Mentha. Ein märchenhaftes Abenteuer. Iva Procházková wurde vielfach ausgezeichnet und lebt seit 1995 wieder in Prag.

Marek Torčík, geboren 1993, schreibt Lyrik und Prosa. Nach dem Studium der Englischen Literatur und Kultur an der Karls-Universität Prag veröffentlichte er 2016 seinen Lyrikband rhizomy. Sein Debütroman Was die Zeit nicht nimmt erscheint im Frühjahr 2026 und wird in 27 Sprachen übersetzt. Für sein Schreiben erhielt er unter anderem den Magnesia-Litera-Preis für Prosa und den Jiří-Orten-Preis. Marek Torčík lebt in Prag.

Tilman Spreckelsen, geboren 1967 in Kronberg, ist Autor und Redakteur im Literaturressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Stephan Wolf-Schönburg, geboren 1963, ist Schauspieler und Sprecher und lebt in Frankfurt am Main.

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