Über Almayate steht einer der riesigen Osborne-Stiere, eine unübersehbare Ikone des spanischen Wirtschaftswunders der sechziger Jahre.
Aber die Silhouette aus schwarzem Stahlblech auf dem Hügel, der zur einen Seite ganz unscheinbar wirkt, zur anderen aufsteigende, dann umlappende und mit Löchern übersäte Gesteinsadern zeigt und mit pilzartigen freistehenden Felsnadeln endet, diese Silhouette richtet sich an die durch Almayate verlaufende Küstenstraße N-340, während es selbst einer der ersten Bereiche östlich von Málaga ist, den weder der Tourismus, Grundlage des Wirtschaftswunders, noch die Natur prägen, sondern – die Landwirtschaft.
Selbst das Meer, das vorher immer präsent war, rückt in den Hintergrund, die Straße verläuft nicht mehr nah bei ihm und es gibt auch nichts, was zu ihm lockt, da dort, wie auf der anderen Straßenseite bis zu den Felsen, nur Felder sind. Es sind Felder nicht anders als in weniger touristischen Gegenden, größere und kleinere, ordentliche Reihen von Kohl oder Salat. Es sind normale Felder und genau dadurch wirken sie so surreal, da die Normalität an der Costa del Sol sonst der Tourismus ist. Man sieht hier eine andere Seite des spanischen Aufschwungs, intensive moderne Landwirtschaft, aber auch noch nicht so modern wie in Almería, wo alles in Gewächshäusern verschwindet. Das versteckte Rückgrat von Almayate ist denn vielleicht der langsam fließende offene Bewässerungskanal, dessen Betonrinne sich oberhalb der Felder mit dem staubigen Weg der einstigen Schmalspurbahntrasse am Fuße des Felsens entlangschlängelt, denn Bewässerung ist in dieser regenarmen Region noch mehr als anderswo die Grundlage aller Landwirtschaft.
Viele der älteren Häuser an der N-340 stehen leer, die Ebro-Traktoren, kanadische Lizenzen, sind nicht mehr die neuesten, aber von Niedergang ist doch nicht zu sprechen, denn die Menschen leben stattdessen im Abseits der Straße gelegenen Dorf Almayate und die Felder sind bestellt.
Ganz fehlt auch der Tourismus nicht, es gibt einen Campingplatz und weite Parkplätze für Wohnmobile, es gibt eine Go-Kart-Bahn und hinter den Feldern den Strand.
Ein besseres Symbol für Almayate als der Osborne-Stier ist vielleicht einer der typischen runden Wachtürme der spanischen Mittelmeerküste, der mitten in einem Feld abseits der Straße steht.
Wenn einem auf dem Weg am Kanal eselgezogene Fuhrwerke und Reiter entgegenkommen, ist man gänzlich in einem anderen Spanien, von dem es vielleicht gar nicht so wenig gibt, aber selten an der Costa del Sol. Der einzig mögliche Abschluß ist die von Nadelbäumen verschattete Straße, die zu einer Brücke mit Gehsteigen aus Blech und einem Geländer aus einander durchdringenden vertikalen Metallovalen ansteigt.
Es ist ein solches Bild stiller ländlicher Idylle, daß man unweigerlich über das trockene Bett des Río Vélez (Vélez-Flusses) eher nach links, wo in einiger Entfernung die Betonbrücke der Schmalspurbahn verläuft, blickt
und halb vergißt, daß direkt rechts daneben die neuere Betonbrücke der N-340 ist.
Auf der anderen Seite der Brücken beginnt bald Torre del Mar, die touristische Normalität beginnt von Neuem, das landwirtschaftliche Intermezzo bleibt zurück.


































































