Ibbtown trauert. Das Kraftwerk, sein langjähriges Wahrzeichen, ist gesprengt worden. Ein Loch in der Skyline und vermutlich auch in den Herzen der Bürger. Hierzu befragt unser Reporter Harald Tribbüne den Kreisheimatforscher Erich Dykschädel.
Herr Dykschädel: Wie verkraftet die Heimatforschung so einen Verlust?
Verlust? Das ist kein Verlust, das ist eine Befreiung! Endlich können wir zurück zu unseren wahren Wurzeln. Ich präsentiere Ihnen hiermit feierlich das neue Wahrzeichen von Ibbtown: den Gelbsackbaum! Denn Geschichte ist wie ein gelber Sack im Wind: Man weiß nie, wo er landet, aber man muss doch hinterherjagen. Und deshalb sage ich: Wir brauchen ein neues Wahrzeichen. Den Gelbsackbaum!
Den … Gelbsackbaum?
Ja, nun… Traditionell begehen wir ja schon lange das Gelbsackfest. Zweimal monatlich, bevor die Müllabfuhr kommt, schmücken viele Mitbürger symbolisch die Straßen mit gelben Säcken aus recycelbarem Hochleistungs-Polyethylen, oft steht ein Gelbsackbaum an der Einfahrt. Die Säcke sind nachhaltig, wetterfest und gelb wie die Sonne über den Bäumen des Teutoburger Waldes!
Moment … das Gelbsackfest? Ich glaube, ich habe da etwas verpasst. Seit wann feiern wir denn ein Gelbsackfest?
Seit jeher! Das reicht zurück bis zu unserem Stadtgründer, dem legendären Ibbo dem Tütenklopper. Wissen Sie noch, wie Ibbo die verhassten Mettinger Tüötten vertrieben hat? Im Jahre 1147 – oder 1138, die Quellen sind sich uneinig, weil sie größtenteils in Bleistift verfasst wurden – zogen die Mettinger Tüötten heran. Sie wollten der ibbtowner Bevölkerung überteuerte Leinentaschen verhökern. „Nachhaltig! Regional! Mit Kordelzug!“ riefen sie. Doch Ibbo erkannte den Schwindel. Er nahm eine dieser Leinentaschen – vermutlich Größe M – und haute sie den Tüötten um die Ohren. Mehrfach! Die Tüötten sind schreiend zurück nach Mettingen gerannt. Historisch gesehen war das der erste dokumentierte Akt nachhaltiger Verbraucherverteidigung.
Und was hat das jetzt mit Gelben Säcken zu tun?
Die Vertreibung der Tüötten? Na, die Symbolik liegt doch auf der Hand! Die Ibbtownies schworen daraufhin: Nie wieder überteuerte Taschen! Stattdessen rannten sie gefühlt noch Jahrhunderte lang mit Eastpaks herum — eine klare Absage an das Leinen. Die Gelben Säcke, die sich farblich am Stadtwappen orientieren, sind die modernen Leinentaschen der Gegenwart – nur viel praktischer, durchsichtiger und vor allem kostenlos! Statt teurer Tüten von auswärts nehmen wir einfach, was die Müllabfuhr uns gnädig dalässt.
Wie stellen sie sich denn so ein Gelbsackfest konkret vor?
Morgens gemeinsames Aufhängen der Säcke an Metallstielen. Mittags „Tüötten-Weitwurf“ mit Stoffbeuteln. Nachts das feierliche Warten auf die Müllabfuhr.
Man feiert das Warten auf die Müllabfuhr?
Natürlich! Wenn das Fahrzeug kommt und alles ordnungsgemäß abholt, ist das ein kathartischer Moment. Reinigung! Erneuerung! Stadtidentität!
Herr Dykschädel … das sind doch einfach die Gelben Säcke für Plastikverpackungen. Die hängen da, damit gesammelter Müll abgeholt wird.
Details, Herr Tribbüne, reine Kleinigkeiten! Die Hauptsache ist die Erzählung. Und die Erzählung lautet: Ibbtown hat wieder ein Wahrzeichen, das jeder sofort erkennt. Kein rauchender Schlot mehr, sondern ein atmender, raschelnder, gelber Baum der Zukunft!
Also … kein Kühlturm mehr, sondern ein Stiel mit Müllsäcken?
Ein Stiel mit wertvollen, sortenreinen Sekundärrohstoffen! Und wenn wir Glück haben, kommt nächstes Jahr sogar der Gelbsackbaum XL – mit 240-Liter-Säcken!
Und Sie glauben ernsthaft, dass die Bürger dieses… Rascheln als Ersatz für das Kraftwerk akzeptieren?
Herr Tribbüne, ein Schornstein raucht nur. Ein Gelbsackbaum spricht. Er sagt: „Trennt euren Müll, wie Ibbo einst die Wahrheit von der Täuschung trennte.“
Ich … ich glaube, ich brauche erst mal einen Kaffee.
Kaffeebecher aus Plastik? Kommt in den Gelben Sack, junger Mann. Willkommen in der neuen Heimat!