Es war ein frostiger Märzmorgen im Jahr 2026, als Dr. Ibbson die Morgenausgabe der Lokalzeitung aufschlug und ein leises, trockenes Lachen ausstieß, das mehr Verachtung als Belustigung enthielt.
„Holmes“, sagte er und reichte die Zeitung über den Frühstückstisch, „wenn Sie glauben, die Provinzpolitik sei langweilig, dann lesen Sie das hier. Ein veritables Drama in drei Akten – nur dass die Akteure statt Dolchen und Giftfläschchen Fraktionsausschlüsse und Diäten verwenden.“
Sherlibb Holmes nahm das Blatt entgegen, überflog die Schlagzeile und die wenigen Zeilen darunter mit jener Geschwindigkeit, die Ibbson immer wieder verblüffte. Dann faltete er die Zeitung sorgfältig zusammen, legte sie beiseite und lehnte sich zurück, die Fingerspitzen aneinandergelegt.
„Fahren Sie fort, Ibbson. Ich sehe bereits die Konturen, aber ich möchte Ihre eigene Diagnose hören.“
Ibbson räusperte sich.
„Die Fraktion der AfD im Kreistag Steinfurt hat soeben den stellvertretenden Kreissprecher – einen gewissen Ostermann – aus der Fraktion geworfen. Keine Begründung in der Öffentlichkeit, aber die Gerüchteküche brodelt: Ostermann soll sich geweigert haben, den neuerlichen Rechtsdrall mitzutragen. Der Kreisverband hat in letzter Zeit an Treffen mit Identitären teilgenommen und die neue alte Jugendorganisation ganz offen umarmt, die der Verfassungsschutz inzwischen erneut als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Man hofiert, was man früher noch versteckte.“
Holmes nickte kaum merklich.
„Und wie agiert der Fraktionsvorsitzende?“
„Elixmann – derselbe, von dem wir schon sprachen — hat inzwischen seine parteipolitische Ziehmutter in Brüssel aufgesucht. Ein besser dotierter Posten, vermute ich. Er legt zwar den Fraktionsvorsitz nieder, behält aber – welch Überraschung – die Sitzungsgelder aus dem Kreistag Steinfurt. Schon sein Vorgänger handelte derart. Die Basis dient offenbar nach wie vor als Sprungbrett: Man springt, sobald etwas Glänzenderes in Sicht kommt, und lässt die zurück, die noch nicht springen können.“
„Und Ostermann?“
„Der arme Teufel erwartet nun den Gang vor ein AfD-Schiedsgericht. Man munkelt, es werde eine schnelle, saubere Abservierung wie bei seinem Vorgänger Martin geben. Keine Gnade, keine zweite Chance. Ein ewiger Kreislauf, Holmes: Aufstieg, Verrat, Ausschluss, neuer Aufstieg – und am Ende bleibt immer derselbe schale Geschmack.“
Holmes erhob sich, trat ans Fenster und blickte hinunter auf die regennasse Bachstraße. Lange Zeit sagte er nichts. Dann drehte er sich um, und in seinen Augen lag jene kalte, unbarmherzige Klarheit, die Ibbson so gut kannte.
„Ein Kreislauf, Ibbson, ja. Aber kein natürlicher. Ein künstlich erzeugter. Man könnte ihn fast als perpetuum mobile der Selbstzerstörung bezeichnen. Der Mechanismus ist denkbar einfach:
Erstens: Man lockt Idealisten oder Karrieristen mit großen Worten – Freiheit, Heimat, Widerstand.
Zweitens: Sobald sie nützlich geworden sind, testet man ihre Loyalität durch immer radikalere Schritte – bis hin zur offenen Umarmung dessen, was selbst der Verfassungsschutz nicht mehr schönreden kann.
Drittens: Wer zögert, wird entfernt. Nicht mit Argumenten, sondern mit Parteigerichtsbarkeit, die eher einem Schauprozess als einem Rechtsverfahren gleicht.
Viertens: Der Entfernte wird zum Abschreckungsbeispiel für die Nächsten.
Fünftens: Der Entferner selbst steigt auf – oder wechselt die Bühne, sobald ein fetterer Posten winkt – und lässt die Diäten weiterlaufen wie eine stillschweigende Abfindung.
Sechstens: Die Basis bleibt zurück – enttäuscht, aber gehorsam, weil sie immer noch hofft, irgendwann selbst einmal zu den Springern zu gehören.“
Ibbson schüttelte den Kopf.
„Es klingt wie eine Maschine, die nur ein einziges Produkt herstellt: Enttäuschung und Karrieristen.“
„Exakt“, sagte Holmes. „Und das Erstaunlichste daran ist die Beständigkeit. Kein Apparat, der so konsequent Verschleiß produziert, dürfte eigentlich lange laufen. Und doch tut er es. Weil die Energiequelle unerschöpflich ist: die Mischung aus Ressentiment, Geltungsbedürfnis und schlichter Geldgier.“
Er nahm seine Pfeife vom Kaminsims, stopfte sie bedächtig und zündete sie an.
„Ostermann wird verurteilt werden, Ibbson. Nicht weil er unrecht hätte, sondern weil er im falschen Moment Skrupel zeigte. Sein Vorgänger Martin wurde entsorgt, Elixmann entsorgt sich selbst nach oben – und der nächste wird kommen. Der Kreislauf dreht sich weiter, bis eines Tages niemand mehr da ist, der noch springen will. Oder bis die Maschine an ihrer eigenen Leere erstickt.“
Ibbson schwieg einen Moment.
„Und wir? Sollen wir nur zusehen?“
Holmes lächelte dünn – jenes Lächeln, das weder Wärme noch Hoffnung enthielt.
„Wir tun, was wir immer tun, mein lieber Ibbson. Wir beobachten. Wir notieren. Wir warten auf den Moment, in dem die Maschine einen entscheidenden Riss zeigt. Denn selbst die bestgeölte Maschine der Selbstsucht hat ihre Schwachstelle: Sie kann nicht ewig so tun, als wäre sie etwas anderes als das, was sie ist.“
Er zog an der Pfeife und blies eine perfekte Rauchwolke in die Luft.
„Bis dahin, fürchte ich, wird es in unseren Gefilden noch viele Akte geben. Und jeder wird enden wie der vorige: mit einem leeren Stuhl und einem gefüllten Konto.“
Draußen fiel der Regen weiter, monoton und gleichgültig, als wollte er sagen: In der Politik wie im Nebel – am Ende sieht man nur noch Schatten.


