Essen ist nur so gut, wie das Geschirr, auf dem es serviert wird

Meine Jüngste hat jetzt einen neuen Teller. Aus Plastik, farbig, mit Bildern von Tieren. Ganz nett. Das gute Stück ist mikrowellentauglich, extra für die Verwendung in der Mikrowelle entwickelt. Beim Erwärmen wird nur die Speise heiß, nicht das Geschirr. Stimmt schon, das ist ganz angenehm. Wir haben andere Plastikteller, die fast so heiß werden wie das Essen drauf. Aber das Ding hat noch mehr interessante Eigenschaften:

Formschön zum stilvollen Servieren – vom Mikrowellenherd direkt auf den Tisch. Von dem EMSA Micro Kindergeschirr schmeckt es nicht wie aufgewärmt – sondern wie frisch gekocht! Und das attraktive Dekor lässt jedem Kind seine Mahlzeit schmecken.

Auf diesem Teller aufgewärmtes Essen schmeckt wie frischgekocht? Dann sollten Großküchen und Warme-Mahlzeiten-Lieferer wie Essen auf Rädern die Anschaffung solchen Geschirrs in Betracht ziehen. Die Kundschaft wäre sicher viel zufriedener als bei den üblichen Alupackungen oder Plastiktabletts mit tellerartigen Vertiefungen. Wer in Betriebskantinen oder Mensen isst wird natürlich keine bunten Tierbilder auf dem Teller wollen, aber über das Design ließe sich mit EMSA sicher noch reden. Für Großabnehmer dürfte sich eine neue Designlinie rechnen.

Natürlich soll die englischsprachige Welt auch bescheidwissen:

Elegantly designed for serving food in style – from the microwave direct onto the table. Served on EMSA Micro tableware for children, food does not taste heated up – but freshly cooked. The attractive décor gives children an appetite for their food.

Man sollte den Leuten die Wörterbücher wegnehmen!

Tragbare Uhr

1437 erfand Heinrich Arnold die Uhrenfeder als Alternative zum bis dahin unverzichtbaren Gewichtsantrieb. Damit wurde es erstmals möglich, tragbare Uhren zu bauen. Die Miniaturisierung setzte ein, und 1510 baute Peter Henlein dann die erste Taschenuhr.

Aber wie sahen die Zwischenschritte aus? Damals lagen mechanische Uhren in Format und Gewicht irgendwo zwischen einer Palette Telefonbücher und einem Kleinlaster und waren in Kirchen oder Rathäusern installiert. Irgendein Uhrmacher wird auf die Idee gekommen sein, kleinere Uhren zu bauen. Er träumte vielleicht von einer Uhr, die in einen Koffer passte. Die Uhrmacherkollegen werden über die absurde Idee gelacht haben. Er ließ sich aber nicht beirren und fing an zu tüfteln. Der erste Prototyp dürfte noch 150 kg gewogen und einen Kleiderschrank zur Unterbringung benötigt haben. Zwei Versionen weiter war er dann vielleicht bei 15 kg und einem mittleren Reisekoffer angelangt.

Die Mover und Shaker der frühen Neuzeit hätten dann so eine Uhr im Gepäck gehabt und konnten noch im letzten Kaff bei bewölktem Himmel oder nachts wissen lassen, wie spät es war. Die ewiggestrigen Sanduhrträger hätten dagegen völlig alt ausgesehen.

Kein Risiko – sei sparen

Da wirbt eine Firma, die Überseeverpackungen für sperrige Güter herstellt, mit dem Slogan No risk – be save. Erstens ist das grammatisch falsch – save ist ein Verb, das Akjektiv wäre safe. Und zweitens bin ich mir nicht sicher, ob die wahrscheinlich gemeinte Aussage „Kein Risiko – gehen Sie (auf Nummer) sicher“ auf Englisch so ausgedrückt gehört. Da hätte man besser jemand mit Englisch als Muttersprache gefragt.

Der Fehler dürfte aber kaum wem auffallen, da bei den typischen Kunden hierzulande auch keine besseren Englischkenntnisse zu erwarten sind. Trotzdem, der Slogan passt nicht zu dem ansonsten sehr professionellen Auftritt der Firma.

Nachtrag vom 9. September 2011:

Mittlerweile haben sie den Text verbessert, jetzt heißt es: No risk – be safe. Das ist zwar immer noch leicht daneben – es geht ja nicht darum, dass der Leser und potentielle Kunde „in Sicherheit“ ist, sondern dass er sichergehen kann, dass sein Versandgut sicher ist und unbeschadet ankommt. Aber immerhin ist es jetzt grammatisch nicht mehr falsch.

Grenzen der Technik

Es erstaunt mich immer wieder, wieviel Kleidungsstücke Kinder in kürzester Zeit verbrauchen können. Meine vierjährige Tochter zum Beispiel hätte kein Problem damit, den gesamten Bestand an frischen Sachen in ihrem Kleiderschrank innerhalb von zwei, drei Tagen zu verbrauchen. Sie hat, wie wohl jeder, ihre Lieblingssachen. Und sie zieht sich gern nach Stimmung an. Die Strumpfhose von gestern ist heute meistens nicht mehr genehm und kann auf keinen Fall angezogen werden. Und zu der neuen passt natürlich der Pullover nicht, also muss ein neuer Pullover her. Dann kratzt das Etikett vom Unterhemd. Außerdem will sie sich verkleiden und zieht dann noch ein Kleidchen über alles drüber. Dann merkt sie, dass es das falsche Kleid ist, weil dieses entweder zu eng ist, oder zu lang oder zu kurz oder die falsche Farbe hat. Also noch ein Kleid. Dann werden beim Händewaschen die Ärmel nass, und der Pullover muss sofort gewechselt werden. Dann kommen die normalen Unglücke dazu, die jedem mal passieren: Beim Essen gekleckert, das Klo nicht rechtzeitig erreicht, die kleine Schwester patscht mit Brei und man kriegt es ab usw.

Sie könnte den ganzen Tag damit verbringen, sich umzuziehen, zu verkleiden, neue Sachen anzuprobieren. Das macht sie überall in der Wohnung, und die ausgezogenen Sachen lässt sie meistens da liegen, wo sie grad ist. Oder sie legt sie ordentlich auf einen Stuhl, in ein Regal, aufs Sofa. Und die kleine Schwester zieht dann mit Triumpfgeheul durch die Wohnung und verstreut alles, was sie erreichen kann, gleichmäßig auf dem verfügbaren Fußboden. Das führt dazu, dass man in der Regel nichts wiederfindet, vor allem nicht dann, wenn es eilig ist.

Die Socken? Keine Ahnung, wo hast Du die denn hingelegt? Weiterlesen „Grenzen der Technik“

Was ist falsch an Feuerstein?

Es gibt immer etwas, das man haben muss, wenn man cool sein will, erfolgreich und auf der Höhe der Zeit. Üblicherweise ist das ein neuartiges Spielzeug technisches Gerät. Man erkennt diese Dinger zuverlässig daran, dass ihre Besitzer sie penetrant zur Schau stellen und dass viele Zeitgenossen sie ebenso penetrant für überflüssig erklären und sich ein paar Jahre später doch welche kaufen.

Im Moment ist das Gerät der Wahl ganz sicher ein Smartphone, gern auch mit Touchscreen. Vor zehn Jahren war es überhaupt irgendein Handy, vor fünfzig Jahren war es vielleicht das Transistorradio, vor hundert Jahren das Telefon oder elektrisches Licht im Haus. Vor fünfhundert Jahren könnte es Peter Henleins Taschenuhr gewesen sein.

Etwa zur selben Zeit kam auch das Buch auf und verdrängte traditionelle Formen der Textablage. Vielen Anwendern fiel die Umstellung von Schriftrolle oder Kodex auf den neuen Standard eher schwer. Wenn man noch weiter zurückschaut, Weiterlesen „Was ist falsch an Feuerstein?“

Sprachliche Grobmotorik

Mir ist neulich der Katalog von Waschbär – der Umweltversand ins Haus geflattert. Kataloge sind eine nie versiegende Quelle sprachlicher Querschläger, also blättere ich sowas immer durch. Waschbär vertreibt unter anderem die Handytasche eWall. Die soll vor Handystrahlen schützen. In einer Bildunterschrift steht da: Das Abschirmgewebe […] reduziert die Einstrahlung auf Sie um ein Vielfaches.

Um ein Vielfaches? Ein Vielfaches wovon? Der nach Abschirmung verbleibenden Resteinstrahlung? Das ist dann allerdings so hintenrum durch die Brust ins Auge geschrieben. Stattdessen hätte man auch direkt schreiben können, was gemeint ist, nämlich auf einen Bruchteil, oder fast auf Null.

Refugees United

Ständig ist irgendwo Krieg oder Bürgerkrieg, oder irgendwelche Drecksäcke vertreiben aus irgendwelchen Gründen die Bewohner von Dörfern, Städten, ganzen Regionen. Dabei werden jedesmal Familien auseinandergerissen. Kinder werden von ihren Eltern getrennt, landen in unterschiedlichen Lagern, Städten, Ländern. Oft wissen sie nicht, ob der Rest der Familie überhaupt noch am Leben ist. Oft haben sie keine Ahnung, wo sie anfangen sollen zu suchen. Verwandte können im nächsten Dorf gelandet sein, im Nachbarland oder am anderen Ende der Welt.

Mir selbst ist sowas nie passiert, aber meine Großmutter musste 1945 aus Ostpreußen fliehen. Sie hat nie viel davon gesprochen, aber die wenigen Geschichten haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Überall in Deutschland hingen nach dem Krieg ganze Wände voll mit Zetteln, auf denen Leute ihre verschollenen Verwandten suchten: Wer kennt den Aufenthaltsort von xy? Zuletzt gesehen auf der Flucht Dezember 1944 bei Marienburg. Weiterlesen „Refugees United“

Wo jetzt alle über Saab schreiben

Früher war alles besser und schöner, auch die Autos. Die waren zwar nicht so sicher wie heute, nicht so effizient und im Vergleich viel teurer. Dafür gab es aber viele wunderschön schrullige Fahrzeuge, unverwechselbare, eigenwillige Geräte mit viel Charakter. Zum Beispiel den Volkswagen Fridolin, die DS von Citroën, oder eben den Saab 99. Eigentlich alles von Saab bis zur Jahrtausendwende.

Ich werde wohl nie in die Verlegenheit kommen, Saab zu fahren. Ich habe, brauche und will kein eigenes Auto. Aber gefallen haben mir die Kisten schon immer, die waren derart hässlich, dass es schon wieder charmant war. Entgegen der momentan anscheinend opportunen Meinung gefällt mir der Saab 9-3 ganz gut. Irgendwo habe ich in dem Zusammenhang „zu Tode modellgepflegt“ gelesen. Aber Porsche macht seit Jahrzehnten auch fast nichts anderes mit dem 911er, und den finden alle toll. Über Kinderkrankheiten von Autos meckern sie, aber wenn die ausgebügelt werden, sind sie auch nicht zufrieden.

Egal, die autofahrende Welt wird den Verlust einer Nischenmarke problemlos verschmerzen. Wer aus Prinzip Saab gefahren ist, kann das weiter tun. Echte Saab-Puristen haben sich sowieso seit den Neunziger Jahren keinen Neuwagen mehr gekauft und fahren ihren Saab 90 bis er zerfällt. Man könnte meinen, dass dann die Welt untergeht.

Aber warum jammern alle über den Niedergang einer Automarke? Warum ist es so tragisch,  wenn Oberstudienräte und zahlungskräftige Mercedes-/BMW-/Audi-Hasser sich nach einem anderen angemessen nonkonformistischen Edelgefährt umsehen müssen? Da stehen viertausend Arbeitsplätze auf dem Spiel. Bis zu viertausend Familien hängen da dran. Und da soll man die Delle im gehobenen Lifestyle von ein paar Intellektuellen beklagen? Die sollen sich doch einen Lada kaufen und Prilblumen in die Heckscheibe kleben, das wäre auch unkonventionell. Und ausreichend ironisch distanziert.

Zappelradio

Ich bin kein großer Radiohörer. Mir ist es da immer zu aufgeregt, die Leute plappern zu viel und die Musik trifft fast nie meinen Geschmack. Selten gelingt es mir, in die Stimmung eines Musikstücks hineinzukommen, bevor der nächste Titel oder die nächste Sabbelsalve mich da rauskickt und in eine völlig andere Richtung drängelt. Das mag ich nicht, und ich vermeide es nach Möglichkeit. Außerdem will ich längst nicht immer Musik hören. Stille macht mir normalerweise nichts aus.

Wenn ich Musik hören will, suche ich mir am liebsten selbst welche aus. Dann wird mir nicht das Gezappel irgendwelcher selbstverliebten Plastik-Pop-Affen in die Ohren geblasen, die aus anderthalb Textzeilen drei Lieder machen und mit ihrem Ego locker den Elektrizitätsbedarf einer mittleren Kleinstadt decken könnten.

Den Hauptnutzen des Mediums Radio sehe ich in den Verkehrsmeldungen für Autofahrer. Die stündlichen Nachrichten sind auch noch ganz praktisch, obwohl es die im Internet genauso aktuell und ausführlicher gibt. Die übrigen akustischen Zappeleien finde ich überflüssig.

Handy? Immer und überall!

Bürogebäude. Typische Herrentoilette – vier Kabinen, fünf Urinale. Zwei Leute stehen an den Urinalen. Ich besetze eine Kabine.

Eine Gruppe kommt laut redend herein. Einer von ihnen spricht die beiden an den Urinalen an:

„Langes Meeting vorbereiten, was…“
„Ja, das hätten wir auch gleich in den Meeting Request aufnehmen können. Hahaha.“
„Genau, dann müssen währenddessen nicht so viele pinkeln gehen. Hahaha.“

Sie plaudern weiter über das bevorstehende Meeting. Einer der Kerle nimmt einen Anruf entgegen, während er noch am Pinkeln ist. Dann trampelt die ganze Meute wieder hinaus, vor dem Meeting noch schnell Kaffee holen. So wie sich’s anhört wäscht sich nur einer von ihnen die Hände.

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