Unbildungsfern

Das Schwein ist ein kluges Tier. Das heißt, das Schwein ist sozial und lernfähig.

In der wissenschaftlichen oder journalistischen Betrachtung der Schweineintelligenz wird gern ein augenzwinkernder Ton angeschlagen, „schlau für ein Tier“, „clever“, aber es mag sein, dass nur meine persönlichen Ohren das so wahrnehmen.

Diese Klugheit wertet nur scheinbar das Schwein auf. Klugheit ist belächelbar, solange sie keine formelle Veredelung durchlaufen hat. Solange sie primitiv bleibt.

Das Schwein ist nicht gebildet.

Ich weiß nicht, wann der Begriff bildungsfern erstmals in die Öffentlichkeit getreten ist, aber Mitte der 2000er war er in Zeitungen, Fernsehen und Populärliteratur so geläufig, dass es nervte.

Mich nervt er immer noch.

Weil er sich als Euphemismus etabliert hat, als verfeinerter Ersatzbegriff für dumm, unterbelichtet, hinterwäldlerisch, minderbemittelt, proletisch, und doch ebendas meint.

Weil er mich meint. Weil er meinen Mann meint. Usw.

Weil seine Definition über die Jahre im Fachbereich und in Zeitungen, Fernsehen und Populärliteratur geformt und verfestigt wurde, wodurch wiederum der Begriff Bildung eine sehr spezifische Definition erfahren hat.

Zunächst dient das Begriffsfeld Bildungsferne zu Erfassungszwecken, es ist eine Sache der Statistik: Bildungsfern sind solche Haushalte, wo beide Eltern maximal über den Hauptschulabschluss verfügen, bildungsnah sind jene, wo mindestens ein Elternteil über die Hochschulreife verfügt.

Erst außerhalb der Statistik entfaltet es dann seine ganze inhaltliche Aufladung. In der Praxis erfüllt es bloß noch Distinktionszwecke.

Und ich war eben nie im richtigen Club. Irgendwann kam das Wort bildungsfern hereinspaziert und wollte mich im Team, und seitdem habe ich es an der Backe, und seine Hartnäckigkeit nervt mich, und seine Selbstgefälligkeit.

Bildungsnähe ist das, was daraus gemacht wurde: Nach dem Verständnis der meisten macht der Begriff eine Aussage über das häusliche Verhältnis zu Büchern und Zeitungen, musikalische Früherziehung, Museumsbesuche, Gesundsport, Naturerfahrung, Reisen, Sprachhygiene usf.

Ich galt als Schülerin pauschal als proletarisch, denn ich hatte so gut wie keine Kinderbücher und mochte auch überhaupt keine lesen, kam selten aus dem Ort raus und nie ins Theater, Restaurant, Hotel oder Spaßbad, machte kein Ballett, spielte kein Klavier, es mangelte mir an Struktur, Umgangsformen und Zahnhygiene. Bei uns gab’s keine klassische Musik. Es wurde nicht auf Ernährung geachtet. Niemand in meiner Familie lebte mir einen geschäftstüchtigen, geschweige denn akademischen Berufsalltag vor.

Allerdings kam ich wie nebenbei durchs Abitur. Ohne mich dafür anstrengen zu müssen. Das heißt, der Lehrstoff jedenfalls strengte mich nie an.

Was ich als Kind und Jugendliche abseits eines Bildungshaushalts bekommen habe, war ja keine Unbildung.

Aufzuwachsen unter alten Leuten ist Geschichtskunde. Aufzuwachsen mit ihrem Sprachgemisch ist Sprachtraining. Ländlich aufzuwachsen ist Naturkunde. Ewiges Bauen und Reparieren trainieren Mathe- und Technikverständnis. Spielen im Gelände ist Sport und Orientierungsübung. Chaos schult in Strategie, Taktik, Selbstregulierung. Interessiert zu sein kostet nichts.

Ich komme überall klar, ich komme immer irgendwie durch, machen Sie sich um mich keine Sorgen, ich bin eine Kakerlake. Das einzige, was sich permanent als latente Hürde im Umgang mit anderen erweist – und was sich niemals nachqualifizieren lässt – ist meine mangelnde Vertrautheit mit Wohlstand.

Verstehen Sie, ich kann schwellenlos mit Leuten über Literatur, Kunst, Politik palavern – solange, bis sie mir mit ihrem geplanten Ski-Urlaub kommen. Tennis? Thailand? Rentensparplan? Zähne machen lassen? Designerlampen?

Ich gelte als klug – solange, bis ich als heillos wohlstandsfern erkannt werde. Ab hier gelte ich wieder als „klug in Anbetracht der bildungsfernen Herkunft“.

Ich regle Dinge „so handlungssicher“, ich denke „so unkonventionell“, ich bin überhaupt „so originell“!

Bildung ist ein Prädikat, keine Qualität. In der Schule hätte ich mir gewünscht, es wäre dort mehr um Fähigkeiten, weniger um Status gegangen. Als Erwachsene würde ich mir wünschen, mehr mit Leuten zu tun zu haben, die verstanden haben, dass wir hier nicht mehr in der Schule sind.

Wahrscheinlich ist mein Problem, dass ich als einzige nicht kapiere, dass das ganze Leben ein ewiger Schulhof ist.

Muss das sein? Könnten wir nicht bitte noch mal ganz anders, noch mal von vorne…

Und wo wir gerade dabei sind, könnten wir uns auch noch einmal von vorne Gedanken machen, was wir wirklich als Intelligenz bezeichnen und gelten lassen wollen.

Wir tun ja z.B. aktuell so, als wäre Künstliche Intelligenz so klug wie der liebe Gott, aber wer bitteschön hat denn je ernsthaft nachgewiesen, der liebe Gott wäre klug?

Schussblüten

Die Dinge, und wie sie im Dunkeln oft kräftiger sichtbar sind als im Hellen.

Die bunten Lichter, und wie sie erst im Dunkeln das Einzelne richtig beleuchten können. Man darf die bunten Lichter nicht an den hellichten Tag verschwenden.

Es dauert einen Moment, ehe ich verstehe, dass sich alle blinkenden Zelte und Buden hier gar nicht auf der Festwiese befinden – sie leuchten nicht im Dunkel der Nacht, sondern im Dunkel des Bergwerks. Ihr bunter Widerschein macht das Salzgewölbe schemenhaft sichtbar. Salzrauer Boden, steinhart. Was ich für Wind hielt, ist der stetige Luftstrom, der den Gasaustausch im Stollensystem sichert.

Autoscooter. Ein seltsam mehrstöckiges Festzelt. Reihenweise Rosenbögen. Dekorative Türmchen unklarer Funktion. Kinderkarussell. Kettenkarussell. Bierbuden. Wurstbuden. Schießbuden.

Laut. Leute.

Klick, Klack, Klick – das stetige Schießen und Nachladen am Gewehrstand. Man legt auf kleine Tonröhrchen an, worin beglitzerte Rosen stecken. Unter Beschuss zerplatzen die Röhrchen, und wer besonders treffsicher ist, erschießt so ein kleines Sträußchen.

Die Rosen, und wie sie fallen, in allen Farben.

„Hier, Madame!“

Natürlich liebe ich Blumen, nur sind Schützenfestrosen das Gegenteil von Blumen. Ich gehe den erschossenen Rosen so gut ich kann aus dem Weg, aber der ein oder andere steckt mir im Vorbeigehen doch eine zu, ein Drahtstängel wird mir ins Haar gepiekt, einer hinters Ohr geklemmt, eine Kunststoffknospe wird mir an den Mund gedrückt, den ich ziemlich fest zumache und wegdrehe, bis sie halt in meinen Blusenausschnitt gestopft wird.

Lüttje Lagen trinkt man hier.

Ich trinke auch. Das feine Glitzerpulver, das die Rosenblätter überzieht, kommt überallhin, man hat es an den Fingern und wischt es sich ins Auge, es flirrt in der Luft umher, man atmet es ein, spürt es bald auf der Zunge und im Rachen, und da hilft dann nur Schluck.

Mit wem ich eigentlich unterwegs bin, ist unklar und spielt auch keine Rolle. Es sind jedenfalls nicht meine Leute, denn die gibt es noch gar nicht. Oder doch. Aber nicht hier, wo Zeit und Raum ausgehebelt sind.

Die Ordnung, und wie sie manchmal aufgehoben, also angehoben werden muss wie ein Stein, damit man das Darunterliegende hervorhuschen sehen kann.

Alles hier geschieht unter dem Berg, der eigentlich eine etwa hundert Jahre lang (eine Dornröschenzahl) gewachsene Abraumhalde ist. Alles geschieht unterhalb der Zeit – ich hoffe, Sie verstehen, wie das gemeint ist, denn ich tu’s nicht vollkommen, aber weiß doch, dass es stimmt.

Allmählich habe ich das Bedürfnis, dem Tunnelwind entgegen zu laufen, ich möchte raus. Dort, wo die Luft herkommt, ist sie noch frei von Glitzerstaub. Unter Rosenbögen und Wimpelketten hindurch, an bunt beflaggten Türmchen vorbei, entferne ich mich immer mehr vom Festzentrum, bis der Stollen sich leert und niedriger wird und mich bloß noch ein dünner Lichterkettenstrang als Oberlicht voranführt.

„Hiergeblieben, Madame!“

Klick, Klack, Klick. Unerwartet klopft ein Gefühl an meine Haut. Wie eine kräftige Faust öffnet sich ein großer Rosenkopf, blüht aus meiner Halsbeuge hervor, üppig und weich. Rosenblätter wie klebriger Samt. Ich betaste sie, und damit habe ich sie an den Fingern und wische sie überallhin, während die Blüte gar nicht aufhört, immer dicker und fülliger aufzugehen, endlos drücken neue Samtblätter nach. Und sie lösen sich, fallen, zerstreuen sich wie brausender Flitter und zerstreuen dabei mich. Schon erfühle ich die nächsten Rosenköpfe, die sich hinter den untersten Rippenbögen anbahnen, schmerzlos zwar, aber doch wundwarm – stille Schädlinge. Mein Gang wird jetzt entschiedener, ich möchte endgültig raus, aber die Rosen sind noch nicht fertig mit mir, und gerade als ich die Luft vertikal strömen spüre, also endlich am Schacht angekommen bin, durch den ich hinaufsteigen möchte wie etwas Emporwachsendes, blühen meine Fußgelenke auf, in allen Farben, und –

Apfelkalypse

Natürlich hätte ich lieber die Mental Load der Elstern.

Meinetwegen auch die der Engerlinge.

Mein Leben als Nichtgeziefer: Ich hielt als Kind schon für fraglich, ob Mensch so unbedingt das Richtige für mich ist, ich meine, was anderes hätt’s doch genauso getan.

Als Sonja Grebe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich…

Um meine beiden Handgelenke herum verlaufen Streifen rauer, geröteter Haut – ich bin viel draußen, und meine Jacke schließt an den Ärmeln nicht gut, während meine Handschuhe offenbar zu kurz sind, zwei schmale Lücken also im Schutz gegen die Witterung, die sich an dieser Stelle winterlich stramm und schmirgelnd um meine Handgelenke schlingt. Das ist so die Art der Außenwelt, mich zurechtzuweisen: Merke, du bist gefesselt an künstliche Erhaltungsquellen, bist geliefert ohne deine künstlichen Felle und künstlichen Höhlen, du Nichtgetier, Nichtgewächs, überlass das Draußen denen, die dazugehören.

Nicht dazuzugehören war nicht meine Idee!

Eine Espe zu sein, würd’s ja genauso tun. Espen sind bildhübsch und wertvoll (ökologisch). Den Espen am Feldrand tränen nie die Augen im Gestöber harscher Eispartikel.

Mehr Vögel. Ein schimpfender Eichelhäher.

Diesen Fetzen Gesicht, der aus meinem Nichtgefieder hervorlugt, die empfindliche Sichtpartie, creme ich wenigstens ein. Um nicht allzu rau, zu gerötet aus den Augen zu gucken.

Nicht um die cremige Schönheit all dieser öffentlichen Frauen nachzuahmen, die so gar nichts zu geben haben, nein danke.

Ich werde geliebt, nicht begafft.

Liebe gibt’s hier draußen keine, ok. Ich weiß natürlich, was Eva einst eigentlich gewollt hatte – stattdessen bekam sie Fesseln und mentale Ladung: Scham, Schuld, Schutzlosigkeit, die Kinder, das ganze Drama. Und nicht bloß einen Mann, der annimmt, was man gibt – Dynastien bestialischer Trottel, die sich krallen, was immer sie wollen.

Mein Kind, das keiner Fliege was zuleide tun mag, kommt gerade nicht klar auf die Epstein Files. Und sollte das nicht müssen.

Der Eichelhäher schimpft begründet.

Seit 10.000 Jahren schimpfen die Eichelhäher begründet.

Meine Verwandlung klappt immer noch nicht.

Apfel mit Salz

R.s Kommentarspalte – als ich mich da frage, was die „Süße des Lebens“ überhaupt sein soll, denke ich: „vegetative Ruhe“. Wichtig, ja ja. Erst später geht mir auf, was ich damit tatsächlich meine: Trost. Inzwischen hat R. selbst einen Satz mit „Trost“ geschrieben. Bücher, natürlich. Aber ja doch. Aber warum nur? Ich weiß es doch auch nicht – vielleicht weil: Es schlaucht mich scheußlich, ständig anstrampeln zu müssen gegen die Flunkerei, die performativen Launen, das emotionale Theater von Leuten, die sich selbst nicht in die Augen schauen können – deswegen bin ich so bedürftig nach diesem Aufblitzen von Wahrhaftigkeit, das ich eben öfter in Büchern gefunden habe als anderswo. Und deswegen bin ich ekelhafte Kundschaft als Leserin: Man darf über alles, bitte, wirklich alles, in wirklich jeder Form schreiben, nur muss die Energie darin wahrhaftig sein, das ist eine irgendwie feierliche Angelegenheit und Pflicht, Amen, und deswegen werde ich so fuchsig, wenn ich an ein scheinheiliges Buch gerate, das – egal wie kunstfertig – Wahrhaftigkeit vorspiegelt und meint, damit durchkommen zu können, wissen Sie?

Meine Bibliothek ist nur scheinbar erratisch kuratiert. Und echt klein.

Lesen ist Berührtwerden, entschuldigen Sie den Teebeutelspruch, und ich bin sehr wählerisch mit Berührungen.

Uniklinik. Durch den voll besetzten Wartebereich stratzt eine Frau zum Anmeldeschalter der Abteilung Zahnerhaltung, begleitet von einer Ärztin aus der Abteilung Kieferchirurgie. Ich begleite den Mann, der nach dem Termin heute nicht mehr selbst wird Auto fahren können; frühere Kieferbrüche, kuriose Spätfolgen, man tingelt lebenslang durch Zahnkliniken. Die Frau vor dem Schalter kann nicht sprechen, die Lippen sind bloß zwei schiefe Streifen, kein Mund mehr, ihre Nase wurde tamponiert, linksseitig sind das Auge zugequollen und die Backe unförmig dick. Der Blick ist aus Beton: Hier kein Durchgang, nicht anfassen, nicht glotzen, halten Sie einfach die Schnauze bitte.

Kein echter Treppensturz oder Fahrradunfall stiert so steinern durch Wände und Gesichter hindurch, wissen Sie?

Gesichtsverletzungen mit Zahnschäden sind ein ganz eigenes Schmerzorchester, aber Novalgin hilft nicht bei Demütigungen.

Supermarktparkplatz, Reihe D, dreimal die Woche, und jedes Mal parkt in meiner Nähe derselbe blaue Kleinwagen, und darin sitzt immer derselbe Mann, vielleicht Ende 60. Sitzt da, wenn ich ankomme, sitzt da, wenn ich wegfahre, vor- oder nachmittags, im Sommer, im Winter. Das ist keiner, der hier bloß seine Mittagspause im Auto absitzt, wissen Sie? Jetzt minus 2°, wieder sitzt er da, und wie ich meinen vollen Einkaufswagen an der blauen Kiste vorbeischiebe, denke ich, es reicht, heute klopfe ich, heute frage ich, wie geht’s? Ist da noch Platz, wollen wir uns eine Tüte Chips teilen? Ich schiele erstmal durchs Fenster: Da sieht einer todmüde aus, aber entspannt. Und macht Kreuzworträtsel.

Es ist nicht meine Art, an Fenster zu klopfen.

Wenn jemand unaufgefordert die Klappe halten kann, während einer sein Leben in den Innenraum eines Autos auf dem Parkplatz eines Supermarkts verlagert, still, allein, nie passiert was, keiner will was, dann bin ich das.

Zuhause schneide ich mir einen Apfel auf, denke aber nicht „Apfel“, denke „die Ruhe nach dem Schneeschippen“, denke „Zeitplan der Süße“, denke „Gesprächstermin nächste Woche“, denke an unseren kleinen Ukrainer an der Grundschule hier, der nach vollen zwei Jahren Stillschweigen aus heiterem Himmel angefangen hat, mit seiner Betreuungskraft zu plappern, als wäre nichts gewesen, denke „Februar, Grabstelle verlängern lassen“, denke „Zähne“, denke an die blühenden Hyazinthen auf meiner Fensterbank in ihrem Topf voller Strandmuscheln und Tannenzapfen, denke „Strand“, „Wald“, „Frühling“, denke „Konto“, denke „Hyazinthen duften offensiv, verweigern jede Milde und Anschmiegsamkeit, als würden sie geruchlich mit mir schimpfen“, denke „Tag wie eine Badewanne voll flüssigem Blei“, denke „Unversehrtheit“, denke an den Wucherpreis der Unversehrtheit, denke an die Zahnarztkosten der Versehrtheit, denke an die Kraniche, die gerade in die Gegend zurückkommen, und ob sie alle den Frost ertragen, und dass sie alle den Frost ertragen, weil sie nicht über ihn nachdenken, denke –

Ich habe eventuell an Tomaten gedacht, denn ich habe eine Ladung Salz auf meinen Apfel gestreut.

Aber deswegen kann ich den jetzt ja nicht einfach wegschmeißen, wissen Sie?

Federn auf dem Weg zählen

Eins. Ich habe mir das Schreiben vom Wasser abgeschaut. Ich meine von der Staustufe am Wehr, den Drainagegräben, Regengüssen, nässenden Nebeln, den zyklischen Strudelbewegungen im Altarm des Flusses, Pfützen, Tiden, der Atmung der Salzwasserbrandungen, dem immertrüben Binnensee usw.

Zwei. Oft wird ein Satz erst so richtig sinnvoll und klar, indem er ganz verdreht formuliert wird, beinahe blödsinnig, oder wenn er mittendrin auf-

Drei. Wasser lässt sich nie endgültig kontrollieren, es gehorcht nicht unseren Regeln, sondern seinen Gesetzen. Es ist schön und schlimm, wertet nicht, fließt im eigenen Blut, aber bleibt letztlich doch unheimlich. Der Bussard in der Pappel hat sein Element da oben, ich habe meinen Boden, beide untersuchen wir das Wasser auf Anzeichen, was es wohl heute preisgibt.

Vier. Fünf, sechs. Viele Vögel in der Uferzone. Überhaupt viel los, wie immer. Ufer ist ein Vorgang. Das Wasser verzehrt sandige Bruchkanten, lutscht die Wurzeln von Erlen frei und plitschelt um knotige, widerständige Grasbulten herum; an anderer Stelle schiebt es Sandbänke auf und sammelt Spülgut an. Auf den kurzen Wellen wippen die Gänsesäger und quäken (mit ä) beschwörend vor sich hin, der Bussard und ich schauen zu.

Sieben. Gewässer sind Sichtbarmachung von Zeit.

Acht. Entlang der Straße zum See noch mehr Bussarde. Es ist Januar, Hungermonat, und überfahrene Kleintiere sind verlässliches Futter.

Neun. Wenn es beinahe zusammenhanglos wird und es scheinbar keinen Sinn beinhaltet – genau dann trifft mein Schreiben den mir entsprechenden Ton.

Zehn. Ich mag auch Lyrik. Aber keine schreiben, wissen Sie? Das Wesen der Lyrik ist ein Ton, der mir nicht entspricht, ein Ton, der Übergeordnetheit ausdrückt – so ein Schreiben verstoffwechselt seine physische Gegenwart nicht nur, es überflügelt sie: Das konkrete, eigentlich plumpe Ich hinter dem Schreiben wird transzendent, die Einzelperson hört auf, ein fest umrissenes Gegenüber zu sein, und wird Stimme der, jawohl, Weltseele. Lyrik möchte auch als solche erkannt werden, sie ist Form und Prädikat zugleich. Lyrik ist ein Filter, um Gedanken ätherisch zu machen und damit auch sich selbst, aber ich will das Gegenteil.

Elf. Der Bussard ist ein vergleichsweise plumpes Tier, aber zäh, er setzt sich durch, auf den Bussard ist Verlass. Er ist rechtmäßiger Bewohner dieser Gebiete. Er sieht alles und noch dazu Ultraviolett.

Zwölf. Ich brauche eine Sprache, die nichts auf Selbstüberflügelung und erkennbare Prädikate gibt. Die auf Regeln pfeift, weil sie wichtigeren Gesetzen gehorcht. Die mit allen Gewässern gewaschen ist, allesfressend ist. Die wie Wasser überall hineindrücken kann und mich so durch Liebe, Ohnmacht, Zorn und Heizkostenabrechnungen hindurch zu tragen vermag. Die unbedingt das Plumpe beinhaltet.

Dreizehn. Sobald wir uns zu professionell in der Lyrik einrichten, lachen die Gewässer uns aus.

Notizen zu Störgefühlen

Frauen über 40 in botanischen Gärten – wir nähern uns den Pflanzen mit umständlicher Höflichkeit, wir wollen nicht penetrant sein, ungern albern auffallen, aber wir wollen fotografieren.

Im Berggarten, Teil der Herrenhäuser Gärten Hannover, weltberühmt, herrscht gerade Betretungsverbot wegen Glätte, doch solange das Parkgelände fürs Publikum gesperrt ist, bleiben die Schauhäuser – weltberühmt – zugänglich, und zwar bei freiem Eintritt. Das weltberühmte Orchideenschauhaus ist verbunden mit dem Tropen- und dem Kakteenschauhaus, daneben finden sich die Sukkulentenschauhäuser.

Es geht nicht wirklich um Blumen heute, haben Sie Geduld mit mir.

Fäulnisduft, verströmt von zierlichen, samtigen Gebilden in geronnenem Rot. Dann schwerer Süßgeruch. Feuchtigkeit, Wärme, brütend. Der wächserne Glanz tropischer Blüten und Fruchtkörper, ihre latent unangenehme Fleischigkeit.

Wenn es uns mal zu gut ging, unternahm meine Familie einen gediegenen Sonntagsausflug in die Herrenhäuser Gärten – schon die Fahrt in die Stadt hinein ein heikles Abenteuer. Die Mutter und alle Großmütter befanden die formale Gestaltung und die Rosenpracht des barocken Großen Gartens für besonders schön, aber mein Paradies war der Berggarten mit seinen schrulligen Pflanzen. Ein Lieblingsort für immer. (Seit ich wieder im Umfeld wohne, nutze ich diese Nähe hemmungslos, ich bin oft die Frau mit Notizbuch und Thermoskaffee auf einer Bank beim Gespensterwacholder. Eintritt ins Paradies für 5€, ich bitte Sie!)

Zufällig schieße ich das hübscheste Orchideenfoto, das mir je gelungen ist. Ich lade es hoch, es macht Plickplack, und schon ist es bloß noch ein kleiner Tropfen in einer unendlichen Flut langweilig-hübscher Insta-Fotos.

Beim Wechsel ins Kakteenhaus passiere ich eine Frau über 40, die gerade unauffällig die Welwitschien fotografieren möchte. Sie zuckt zusammen, dabei sollten wir einander grüßen wie die Busfahrer.

Insta riecht überwältigend nach den Shampoos, Duschlotionen und Handseifen anständiger Hotel-Badezimmer – so verliert meine Paphiopedilum-Nahaufnahme augenblicklich ihren schwülen Tropenhausbrodem und riecht direkt mittelklassesauber. Als ich mir das Foto auf Insta später nochmals anschaue, erinnert es mich sogar kurz an KI-generierte Darstellungen – irgendwas an dem Kolorit lässt mich daran denken und stutzen. Immerhin, auf meinem Foto spannt sich heimlich eine Spinnwebe übers Kelchblatt und fängt Unsichtbares.

Das Internet tröpfelt ständig Irritationen und Fremdeln, und es verschleiert gern Tiefenverhältnisse. Manipulative Gewässer.

Man darf sich nicht zu lange hinein begeben, das ist ungesund. Man merkt deutlich, wenn es zu viel wird, es fühlt sich in etwa wie Reisekrankheit an, als Kind im Auto, im oberen Bauchraum bläht sich eine Art Hohlraum auf, darin schwappt die Übelkeit umher.

Lieber nichts sagen, ehe die Mutter wieder ausflippt.

Wenn ich doch wieder spucken musste, war’s natürlich meine Schuld. Zu viel genascht, zu viel während der Fahrt gelesen, hieß es; das gab tagelang vergiftete Kommentare von der Mutter.

Während der Fahrten saß ich hinter dem Vater, der im Auto wie ein Schlot Ernte23 rauchte, wissen Sie?

Ich identifiziere mich bis heute oft mit Dingen, deren Eigenarten meine Mutter genauso zum Naserümpfen und groben Austeilen bringen wie ich.

Ich muss noch ein paar Fotos von dieser Blüte machen, deren unappetitliche Schönheit offenbar ein nacktes Nagetier imitiert. Manche Kelche sind Behausungen für symbiotische Tiere, andere Todesfallen. Das Pflanzenreich verwirrt den Blick und schult ihn – die endlose Bandbreite des floralen Als-ob. Die Pracht gleichgültigen Funktionierens.

Ich gehöre nicht wirklich auf Insta.

Es ist ein künstlich angelegter Lebensraum, aber das ist so ziemlich alles andere auch – die Frage ist, welche künstlich angelegten Lebensräume mir gerade noch gefehlt haben. Doch hier bin ich. Wie immer nicht zum Spaß, sondern um nicht dumm zu sterben, mein Leben ist eine pausenlose Feldstudie zum menschlichen Miteinander, dessen Wuchsformen und Blüten.

Immer noch täglich zu spüren: dieser Jugendtreff-Vibe, über den ich als Teenagerin ganze Notizbücher gefüllt habe (meine heimlichen Reportagen). Jugendliche, die in einer bunt gestalteten Kiste tun, was sie laut Bedienungsanleitung tun sollen, bisschen sprayen und skaten usw., auf ordnungsgemäße Weise wild sein.

Dieser Simulacrum-Vibe.

Ich habe noch niemanden gefunden, dem Insta so richtig herzlich Spaß macht. I’m only here for the Naturfotos, Bücher, Museumsausstellungen, Musik, bisschen Schreiben – meine Startseite beharrt trotzdem auf Smut und Romantik. In besonders schrägen Stunden werden mir z.B. makellos gestylte Goth-Barbies angezeigt, reihenweise, die etwas für Choking übrig haben. Manche miauen. Insta weiß sehr genau, dass ich kein bisschen deren Zielgruppe bin – Insta will, dass ich entweder trollend kommentiere oder mich schminke und mitmache. Insta ist insgesamt unzufrieden damit, wie mein Content performt und gibt mir aufmunternde Tipps.

Insta ist eine Mutter, die ihrer grünlichen Tochter auf der Rückbank mit Sticheleien einbläut, Nervengifte zu ignorieren und artig zu miauen.

Meine Mutter hat mir, seit ich denken kann, leidgetan. Sie ist lebenslang angespannt und findet nicht heraus aus diesem Unglück. Auf jede Regung in ihrem Umfeld reagiert sie scharf übertrieben. Generell macht sie zwanghaft herabmindernde Kommentare, oft aus heiterem Hinmel, meist als Witzeleien verbrämt. Es wundert etwas weniger, wenn man die dazugehörige Großmutter gekannt hat, aber damit ist ja auch kein Blumentopf gewonnen.

Ich erinnere mich an eine Phase, vierte Klasse, vielleicht fünfte, als ich ein paar Mal erschrocken an mir bemerkte, dass ich Schulkameradinnen völlig unnötig ganz furchtbare Bemerkungen an den Kopf warf, solche, die zielsicher wehtaten und beschämten. Es kam für sie aus heiterem Himmel, sogar für mich selbst – Hilfe, warum machte ich das? Ich schämte mich. Ich achtete sehr darauf, mir das abzugewöhnen, die Phase ging rasch vorbei und kam nie wieder.

Meine Mutter hat nie entschieden, sich das abzugewöhnen. Ich glaube, weil sie niemals diese Stufe nehmen kann, wo man sich eingesteht, sich selbst dafür zu schämen.

Strömungen, scheinbar zwingend.

Steter Tropfen, scheinbar harmlos.

Im Tropenhaus plitschplatscht es unangenehm von den Decken, doch die Pflanzen – kompetent in irritierender Anpassungsvielfalt – gedeihen so schreiend in ihrem Element, dass ich glatt mitgedeihe.

Write Drunk, Edit Sober

Wie es sich schreibt, wenn man einen Schwips hat, denn ich habe einen Schwips. Später Heiligabend.

Das Kind schläft, die Kerzen schlafen, die Lichterketten und die Glanzkugeln sind still.

Heiligabend wie immer zu dritt. Und immer mit Fondue – das Kind liebt das. Ich finde dieses Piks-Essen mühselig, und das Zischeln von heißem Fett am Tisch stresst mich. Macht aber nichts. Der Mann vergisst das Essen, ich sage, du träumst, er sagt, nein, ich schaue dir so gern beim Essen zu.

Als wir uns kennenlernten, war ich magerer als ein Bügelbrett.

Als wir uns kennenlernten, war ich 19.

Als wir heirateten, war ich 21 und sah noch nie so gesund aus.

Bekannte von uns lassen sich gerade scheiden.

Heiligabend-zu-dritt ist schön. An Weihnachtstagen habe ich trotzdem so etwas wie nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit, die es so nie gab, und der Mann so etwas wie Heimweh nach einem Heim, das es so nie gab, und beide Empfindungen sind seltsam nah dran an einem Beschämungsgefühl. Ein Gefühl wie ein Malheur – es sollte nicht vorkommen. Ähnlich dem Brennen im Gesicht, nachdem man eine Backpfeife kassiert hat, und zwar so eine, die man hinnehmen musste, weil

Macht nichts. Nächsten Frühling wieder eine Woche Irland, unser Urlaub. Ich habe heute Karten für einen speziellen Abend im Cork Opera House geschenkt bekommen (beileibe nicht für einen Opernabend!) – eine wilde Sache. Geld ausgeben zu können für solche Sperenzchen. Für mich.

Bisher keine Tippfehler.

Überhaupt: Urlaub. Und die Weihnachtsgeschenke fürs Kind. Und Kleinigkeiten für Freunde und Nachbarn. Und sich so wenig Sorgen machen.

Heiligabend-zu-dritt ist schön. Wie kann es angehen, dass sich Weihnachten trotzdem anfühlt wie eine Demütigung?

43 Jahre Familientreffen.

Morgen sehe ich die Geschwister, die Mutter, mehr ist ja nicht übrig.

43 Jahre baumeln da am Bäumchen.

Wie schwer sind sie?

Ich habe einen linken Flügel auf meiner Schulter. Der Mann das Gegenstück auf seiner.

Es gab nie eine Hochzeitsreise. Es gab einen Termin im Standesamt, danach ein lockeres Essen mit Freunden beim Jugoslawen gegenüber. Entrüstete Eltern. Macht nichts.

Ich mag Leute, die resilient sind, wie man so nichtssagend sagt. Leute, die in sich ruhen, die geerdet sind usw. Der Mann war nichts davon. Der Mann war ein Besucher, der eines Morgens in meiner WG-Küche hockte, weiße Wimpern, roter Bart, sommersprossig und windschief. Öfters grün und blau. Dicker Hals. Ein Mann für alle Brenzligkeiten, so einer, der groß lacht und aufleuchtet, wenn’s richtig knallt. Wir hockten nebeneinander in der Küche und waren die reine Hufeisentheorie, hier der exzessive Ausraster, da die exzessive Internalisiererin, beide gleichermaßen biestig, wenn man uns anfasst – voilà, ein Paar.

Man muss jede Dresche wiederholen, aber in anderer Währung: in Halten, Geduld, Sachtheit. Man muss jede einzelne Dresche editieren. Das dauert ewig. Macht nichts.

Wir waren dermaßen jung.

Der Mann konnte noch nie lügen – er versucht es höchstens mal mit kleineren Schummeleien, aber talentlos. Der Mann zieht Kinder und Hunde an, sie laufen ihm zu wie einer Disneyprinzessin. Der Mann trainiert in seiner Freizeit junge Delinquenten in Vollkontaktsport, auf dass sie andrerweitig keinen Scheiß bauen, und verschlossene Jungs, die sich anderweitig nicht öffnen.

Das Kind ist so wie wir und so völlig anders als wir. Gut so.

Ich habe am Kind gelernt, dass man es nicht bloß als das Kind kennenlernt, sondern als viele – verstehen Sie, wie ich das meine? Es hat viele Stufen. Man liebt ein Neugeborenes, das sehr schnell verschwindet, und dann liebt man ein properes Baby, das genauso verschwindet, und plötzlich liebt man ein Krabbelkind, und dann liebt man ein Kindergartenkind, dann ein Grundschulkind, dann auf einmal einen Zwölfjährigen, und immer so weiter. Alle paar Monate ein neues Kind, und alle liebt man als eins. Man will keine einzige Stufe, kein Kind im Kind verpassen.

Ich bin nicht in der Position, Umgangstipps zu geben, aber ich weiß, es hilft, auf Erwachsene eine ähnliche Wahrnehmung anzuwenden: Man liebt einen zornigen Handwerker, dann einen Umschüler, dann einen jungen Vater, dann einen, der zwanghaft arbeitet, dann einen, der das Loslassen lernen muss, dann einen, der an sich arbeitet, dann plötzlich einen, der geerdet ist, dann einen – usw. Man hat keinen verpasst. Ich will die nächsten nicht verpassen.

Ein Tippfehler. Macht nichts.

Ein großes Haus kann nichts dafür

„Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt“, sagt Hugo Ball. Man muss das Prosaische poetisch machen und das Poetische prosaisch, zwei Wiederholungen täglich.

Get ready with me: Das Absurde umarmen.

Dezember.

Immerzu Funken abwimmeln, die mir ins Gesicht schwirren – sie sollen mir nicht ins Auge kommen.

Ich mein’s ernst. Führen Sie mir nicht Ihre Siebträgermaschine vor. Erklären Sie mir bitte nicht Ihre fancy Tattoos. Zeigen Sie mir nicht Ihre Morning Routine, danke.

Das Gewese der Welt möchte durchgehend etwas von mir, der Dezember möchte zu viel.

Aufmerksamkeit.

Ich lese: Romantic Nude 101, Dune Explorer, Bohemian Scarlett, Magma Fantasy, Cherry Crystal, Cassis Passion, Nu Unapologetic, Major Crush, Espresso Stardust, Honey Pure Love, Latin Carmine, Punk Vermilion, Nebula Plum, Infinite Intimacy, Pastel Exaltation, Rumbling Storm, Rouge Audacious, Tender Red Emerald, Beige Eden –

Lippenstifte.

La ceinture de cardinale, von Serge Lutens, 74€. Das macht einen Kilopreis von 37.000€.

Ich gehe die Farbpaletten durch, die fleischig aussehen, und denke: Lachs 101, Leber, Katenschinken, Infinite Kasselerbraten, Sucuk, Zahnfleisch, Hühnerherzen, Audacious Cervelat, Rinderzunge –

1000 Lippenstifte.

Warum fühlt sich das Leben unendlich bescheuert an? Wer möchte in Pastel Exaltation lächeln, oder in Beige Eden? Bei Verschlucken Erstickungsgefahr.

1000 Leute tragen in diesem Augenblick Beige Eden auf und haben auch sonst keine Sorgen – deal with it! Akzeptanz ist Leistungssport, also Training, Mindset, Schlafhygiene.

Das Absurde umarmen, den Zorn umarmen, meine Mutter umarmen.

Natürlich kaufe ich Brickroad, wie immer. Also Rot wie Ziegel: gebrannt, erkaltet, gehärtet.

Also Ziegel wie Zorn. Zorn vs. Bullshit. Zorn geht immer. Zorn ist präziser als Wut, geduldiger, gut dosierbar, wirksam gegen Einflussnahmen, die mir suggerieren, wie ich lächeln möge.

1000 Mal lächeln.

Zorn macht nicht gleich unfreundlich. Wer zornig ist, lacht viel. Wer von Kind an zornig war, hat oft zeitig einen schrulligen Humor ausgebrütet.

Zorn macht verbindlich und direkt; Sie wissen jederzeit, woran Sie bei mir sind.

(Es kommt vor, dass mir geschrieben wird, meine Texte seien so melancholisch, das gibt mir zu denken: Sie kennen mich ja nicht, ich vergesse das ständig – besser, wenn Sie Ihre innere Lesestimme für diese Seite nicht unbedingt auf Lana Del Rey schalten, sondern auf die drittgeborene Tochter von Kate Bush und Loriot. Ich weiß, dass Sie das hinkriegen, sonst würden Sie dies hier doch nie lesen.)

Wann wir an Weihnachten zum Essen kommen, fragt meine Mutter.

Mein Mann hatte tatsächlich schlimme Mütter – meine ist bloß eine Art kompliziertes Kind, das zwanghaft flunkert. Sie weiß inzwischen, woran sie bei mir ist, aber Akzeptanz ist nicht ihr Hobby, Einsicht gehört nicht zur Familie, sie lädt mich als Fantasietochter ein, spricht auch grundsätzlich mit mir als Fantasietochter, erzählt unser Leben als Fantasiegeschichte, solange, bis ich verbindlich feststelle: Das stimmt nicht, das weißt du.

Es ist alles furchtbar umständlich.

Meine absurde Mutter.

In diesem absurden Haus.

Das Haus war unser verbindliches Angebot an sie: Wir sanieren das ganze Haus, du bleibst da, du musst nichts bezahlen, und du bekommst deine echte Tochter, wenn du das möchtest. Und sie hat geflunkert: Ja.

Wir wussten, das würde ein lorioteskes Spektakel.

Wir sind das gewohnt, also den Umgang mit dem Verunglückten, Rudimentären, Verdrehten, übrigens von beiden Schwiegerfamilien her. Man lebt ja trotzdem.

„Walk on air against your better judgement“, sagt Seamus Heaneys Grabstein.

Wir sind nach einem Jahr aus-, mein Neffe eingezogen, aber es kann nun keiner flunkern, wir hätten nicht tatsächlich alles versucht.

„Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist ein großes Haus in Feldrandlage der Welt.“ Aus „Ein großes Haus ist auch nur ein Mensch“.

Das Elternhaus ist unverkäuflich. Weil das Grundstück seit einer Gebietsreform offiziell im Überschwemmungsgebiet liegt. Wenn es nicht saniert wird, wird es abgerissen, und wenn es abgerissen wird, darf das Stück nicht neu bebaut werden. Haus und Grundstück sind monetär wertlos. Vielleicht wird beides wirklich mal überschwemmt.

Das Haus kann nichts dafür.

„Das Nutzungsrecht an dieser Grabstätte läuft aus“, sagt ein Zettel von der Friedhofsverwaltung.

Ein bisschen Drama ist ganz normal.

Das Feuer im Ringofen einer traditionellen Ziegelei brennt jahrzehntelang ununterbrochen, es durchläuft die Brennkammern des Ofengewölbes dabei sehr langsam, geduldig, immer gegen den Uhrzeigersinn.

Hübsche Menschen im Internet erklären mir, wie ich jetzt meine Strategie ändern kann, sie verstehen genau, was es mir schwer macht, mir fehlte ein Leben lang diese Stylingserie, deswegen war ich so unglücklich mit meinen Naturlocken, das belastet, sie verstehen das so sehr.

Ich bin überhaupt nicht unglücklich mit meinen –

Ich weiß überhaupt nicht, wer diese Menschen sind, vielleicht weiß das niemand.

Hübsche oder interessante Menschen im Internet kommen oft besser ohne ihre Stimme aus. Wenn die Stimme dazukommt, macht das in vielen Fällen schlagartig um die Hälfte weniger hübsch bzw. interessant.

Die Stimme trägt, was das Bild verdreht.

Meine Mutter mag mich am wenigsten, wenn ich rede und mache, ruft aber mich an, wenn‘s brennt, ich soll klären, eingreifen, mit Leuten reden, machen, ich bin die Feuerwehr. Ich war immer die Kavallerie.

Meine Mutter hat vier Kinder, streng genommen fünf. Ich habe nur ein Kind, was sehr schade ist, dafür ist es heile und gut in Latein.

Es ist ein Geschenk.

Es läuft nicht auf Eierschalen.

Geschenke hat mein Kind nie von Weihnachtsmännern und Osterhasen persönlich bekommen, weil ich es grundsätzlich nicht fertigbringe, es anzulügen.

Muttersprachen.

Ich mag kein Quakeln, keine anheischigen Darbietungen, kein geziertes Säuseln, kein perlendes Plappern, kein herrisches Auftrumpfen, keine grellen oder aufgeblähten Töne.

Die Stimme meines Mannes hat feste Knochen; über meine eigene kann ich leider nie restlos Klarheit haben.

Mein Bruder und ich lachen mitunter wie die Hyänen über die alte Geschichte, wie ihm mal die Axt abrutschte und plötzlich der Zeh weg war, und wie mein pathologisch besonnener Bruder nun mit einer Hand die Axt, die ihm quer im Fuß steckte, und mit der anderen Hand die Mutter, die hysterisch im Kreis herum schrie, jonglieren musste, und die Axt war weniger das Problem. (Ein normaler Tag.)

Mein Bruder hätte sein Leben lang 12 bleiben sollen, anstatt jetzt Mitte 30 zu sein; alle Kinder (und Enkelkinder) meiner Mutter hätten ewig klein bleiben und für immer auf Eierschalen laufen sollen. Es gilt als boshafte, freche Kränkung, meiner Mutter zu entwachsen – dieses Großwerden ist hausrechtswidrig.

Der Dezember findet, dass ich mir als erwachsene Frau zu Weihnachten eine Barbie wünschen soll. Und Lego natürlich.

Backe, backe Kuchen.

Das Gewese der Welt hat gesprochen, dass ich mir alles, was ich leider nicht kaufen kann, einfach manifestieren soll. Ich muss dem Kosmos meine Wünsche nur fokussiert mitteilen, und er wird liefern wie der Weihnachtsmann.

Heile, heile Gänschen.

Natürlich kommen wir zum Weihnachtsessen. Ich bringe Geschenke mit – die ganz großen Eierschalen für meine Mutter, und für die zweitgeborene Schwester, und für deren Anhang, alle Jahre wieder, kaum einer am Tisch traut sich, was zu sagen, solange ich allen beim Auspacken und Anprobieren zuschaue.

Ich gelte als zu „fuchsig“.

Das ganze Haus ist ein Ei. Aber Eia Popeia, ein großes Haus weint doch nicht!

Wie man Gespenster umstülpt

„Brraa, brraa“, die Krähen. „Ja ja, ich komme“, rufe ich, und bin ja schon draußen.

Der Himmel und sein Sog. Leider nur für eine Stunde heute, das genügt natürlich nicht, aber.

Es hat gefroren über Nacht. Kein Tröpfchen Nebel mehr in der Luft, alle Feuchtigkeit zu Boden gefallen, kristallin erstarrt, die Sonne wie frisch lackiert.

Ich biege in die Feldmark ein, die versilbert flirrt. (Eine Stunde genügt überhaupt nicht, wie ärgerlich, wie schade, lasst mich doch einfach draußen, sonst verpasse ich — Ich bin noch keine zwei Minuten unterwegs, als mir ein Eisvogel am Gesicht vorbeischießt, und sofort halte ich meinen Mund, schon entschädigt. Als Kind hätte ich mir bitterlich gewünscht, an unseren Nitrat-Bächen nur einmal so ein gleißendes Tierchen aus Türkis und Kupfer zu sehen. Sieh an: Veränderungen.)

Der Himmel wird bei Frost zum Glaskörper, der als Lupe zwischen mir und den Dingen liegt, hochrein, hochauflösend. Alles tritt hervor in brennend kalter Klarheit.

Ich stapfe zum größeren der beiden Flüsschen rüber und weiter am Ufer entlang, über die turnusmäßig überschwemmten Weideflächen. Meine Stiefel halten trocken, bloß die Hosenbeine werden erst frostweiß, dann tropfnass bis an die Knie – was soll’s. Kein Schal, keine Handschuhe und Mütze.

Der Himmel zerrt mir nicht an den Haaren – Windstille. Meine Haarlänge hat sich etwa zwischen Kinn und Kehle eingependelt. Früher einmal zauselige Rapunzel-Locken, bis mich meine Mutter, so mit elf, zwölf, zum Frisör schleifte, das Kind gehörte ansehnlich gekürzt. Ich bekam da eine Art Bob verpasst, und der sollte mit Rundbürste und Föhn glattgezogen werden, nur, je energischer die Mutter bürstete und bürstete, desto krauser wurde alles, und die statische Ladung knisterte gefährlich. Ich machte dann mit der Bastelschere raspelkurz, reine Notwehr.

In der Oberstufe wieder kinnlang. Wenn ich zum damaligen Freund fuhr, stromerte ich, bevor ich schließlich seine Adresse ansteuerte, gerne erst einmal in großem Bogen durchs Gelände. Er ging mir später mit der Nase an die formlosen Locken, „du riechst nach Draußen“, und klang scharfkantig.

Mag sein, dass ich morgens gefällig gewellt das Haus verlasse, aber unter offenem Himmel taumeln mir schon bald verdrehte Kupferspulen ums Gesicht wie die wirbelnden Strähnen der Wasserpest im Fluss oder die Fasern der falben Gräser und Stauden an der Uferböschung.

Der Himmel ist das einzige Dach, das meine Begleiter hier kennen – eine Horde Saatkrähen, zwölf Kraniche, drei Graureiher, der Eisvogel, zwei Bussarde, ein Turmfalke und zwei Blässhühner, die ich leider an der flachen Uferstelle aufschrecke, sodass sie unter Alarmrufen davonspringen, Entschuldigung. Ich liebe sie alle, natürlich. Weil sie meine Liebe kein bisschen nötig haben. So, wie sie auch die Wärme unter Dächern kein bisschen brauchen.

Ich beneide sie, natürlich.

Der Himmel ist ihr Himmel. Mir bleibt der feste Grund. Bodengebunden – gewisse Verwandtschaft also mit Erle, Silberweide, Salweide, Pappel, Eiche, Hartriegel, Wildrose, Brombeere usw.

Die brauchen die Wärme auch nicht. Wozu sollten sie?

Das Draußen kann ihnen gar nichts, sie sind ja das Draußen.

Ich beneide sie alle.

„Und was genau suchst du so im Buschland, mal abgesehen davon, dass du deine prätentiöse Ader ein bisschen kultivierst?“, der Ex-Freund, süffisant, für den ich mich geglättet und dunkel gefärbt hatte. Ein halbes Leben her.

Woher kommt das jetzt, wieso wirbelt der in meinem Kopf hoch, was soll das?

Ich habe jemand anderen, der sein ganzes Gesicht in mein Haar drückt, „du riechst nach Wildnis“, und mit beiden Händen hineingreift, wissen Sie?

Es heißt, was einen besonders ärgert, liegt einem heimlich am Herzen, und das stimmt – allerdings geht’s dabei um mich selber, ich ärgere mich mit Verspätungen von 15, 25 oder 30 Jahren über mich persönlich, es ist diese Idiotin, die mir lästig am Herzen liegt.

„Weißt du, was dir da alles passieren könnte?“, der Ex-Freund, fast schwelgerisch. „Ich meine, da kann ja jeder kommen, irgendwer Dahergelaufenes, und dich spurlos verschwinden lassen“, und das stimmte – allerdings hatten wir’s hier mit Suggestion zu tun, alles Strategie, mokantes Sticheln statt Fürsorge, es ging da immer nur um den systematischen Aufbau von Verunsicherungsgefühlen, zu seinem Vergnügen, liebe Idiotin.

Der Himmel weiß, dass das wirklich funktioniert hat.

„Yrrh, yrrh“, die Krähen. Ja ja, ich muss gleich umdrehen. Ich bin ganz schön weit raus aus der Siedlung.

Obwohl ich regelmäßig prüfe, ob ich allein bin, kann ich nie sicher sein, dass ich allein bin. Begegnungen vermeide ich – mitunter passiert es aber doch, dass ich jemanden im Nirgendwo übersehe, meist Tierhalter, sogar mal einen Naturfotografen in Flecktarn. Einmal meditierte einer mitten im Hegebusch.

Was mir da alles passieren könnte, frage ich mich nicht. Ich kenne mich hier aus, notfalls im Dunkeln, das ist mein Draußen, es beheimatet mich gut, es tut mir gut und füllt mich mit Klarheit auf, was soll mich da scheu machen, ich meine, ich könnte hier jeden spurlos verschwinden lassen.

Die Schneekugel füttern

„And some time make the time to drive out west“

Vor uns, irgendwo auf der A15 zwischen Nijmegen und Rotterdam, ein weißer Knall. Federn. Helles Gestöber leuchtet auf und verfliegt sofort wieder, autobahnschnell. Ich registriere zwar, aber kapiere nicht gleich. Der übrige Verkehr rauscht ungebremst weiter.

„In September or October, when the wind / And the light are working off each other“ – ja ja, das war Oktober. Einmal quer rüber ans Meer.

Ich hatte zuvor wohl Wildunfälle gesehen, aber noch nie einen Zusammenstoß von LKW und tieffliegendem Schwan.

Ich hätte dieses Bild nicht erwartet.

Plötzlichkeiten: Kann man nicht kommen sehen. Irritieren das laufende, ordnende Denken.

Schon dieses Wort, woher rührt das überhaupt, ich meine, was bitte ist ein „Plötz“?

Ein Fremdkörper, Glitch, Blitz, Donner, loses Ende, Stich, Tierbiss, Hidden Track, Ruck, gefiederter Knall, Aufwirbeln, Störsignal, Bruch im Gefüge, Weckruf, Wunder, Loch in der Brust, Riss im Himmel, Spektakel, Orakel, Menetekel —

Ein jäh aufblühender Spalt. In Ihrer Gegenwart mögen Ereignisse enthalten sein, die von Ihrer Eigenerzählung nicht im Voraus berücksichtigt werden konnten. Es gibt ungebundene Fäden, die nicht logisch an Ihren Teppich anknüpfen.

Entschuldigung, aber es sind nicht Sie selbst, die hier irgendwas kontrollieren.

Obwohl es wirklich nicht notwendig ist, rufen die Federn an dieser Stelle lauthals die Erinnerung in mir auf, wie mein Mann einmal von unterwegs aus anrief, drei Autobahnstunden weit weg von mir, im Hintergrund Verkehrslärm: „Liebes? Hör zu, ich — einen Unf–“, dann Stille.

Ich hätte dieses sofortige Drücken nicht erwartet: Da klemmt was im Hals, Höhe Kehlkopf, ein Stein, ziemlich scharfkantig und kalt, sehr dick. Während ich Krankenhäuser und Polizeistationen abtelefoniere, kommt kaum noch Stimme vorbei an diesem seltenen Stein. Als es schließlich bei mir klingelt und ich fürchte, dass da nun womöglich eine Polizeikraft dran ist, wächst der Stein gefährlich an – stattdessen höre ich es vertraut und unverletzt fluchen, „Wildunfall, Funkloch, Scheiße“, und im Hals zerspringt mächtig was.

Erst drei Monate davor war dieser andere Anruf gewesen, der von meiner ältesten Schwester, so ein Anruf, den ich nie erwartet hätte, „KDD, Obduktion, Notfallseelsorger“, solche Sachen erzählte mir ihre Steinstimme plötzlich, und ich stand da wie eine brennende Frau mit Smartphone, mit dem ich gerade eben noch gegoogelt hatte, wann heute eigentlich die Eisdiele schließt.

Mir fällt ein, dass ich kurz danach ans Meer gefahren bin, für einen Nachmittag, das Kind ins Auto und los, denn das Meer ist die erste Zuflucht, wenn man sich verbrannt fühlt. Am Strand gab’s dann was Sonderbares zu finden: zwei Schwanenflügel, verbunden durch ein bloßes Brustbein, aber vom übrigen Körper keine Spur. Mit den Füßen knöcheltief im krausen Blasentang, und im Kopf plötzlich Heimweh nach dem Eilbekkanal und den dreisten Stadtschwänen dort, die uns mal überfallen und unsere Franzbrötchen geklaut hatten – unser heilloses Gackern.

Vorhin ein älteres Notizbuch durchgeblättert, da bin ich an einem Gedicht hängengeblieben, das ich mal abgeschrieben hatte: Seamus Heaney, Postscript. Erstaunlich, was im Lauf der Zeit mit den Dingen passiert, die man sich so ins Notizbuch holt, ich meine: Wenn man’s eine Weile später wieder aufschlägt, sieht man an denselben Dingen mitunter ganz neue Bedeutungen und neue lose Enden zum Vorschein kommen, ich meine, es ist ein bisschen so, wie wenn man sich im Herbst den letzten Strauß Blumen aus dem Garten ins Haus holt und erst einen Abend später sieht, wie viele Florfliegen und Ohrenkneifer und Marienkäfer aus den Dahlienköpfen hervorhuschen (das hatte man nicht kommen sehen), ich meine, all die Dinge sind Bestandteile so eines Strudels, der mit der Zeit nur immer größer, fülliger, unruhiger wird, ein Konfettisturm, Flitter und Asche, aufblitzende Lichtreflexe, wer weiß, was vielleicht morgen dazu kommt, übermorgen, plötzlich, ich meine —

Ich hätte dieses Gestöber nicht erwartet, was da auf einmal hochgewirbelt ist.

Seamus Heaney, 
Postscript

And some time make the time to drive out west
Into County Clare, along the Flaggy Shore,
In September or October, when the wind
And the light are working off each other
So that the ocean on one side is wild
With foam and glitter, and inland among stones
The surface of a slate-grey lake is lit
By the earthed lightning of a flock of swans,
Their feathers roughed and ruffling, white on white,
Their fully grown headstrong-looking heads
Tucked or cresting or busy underwater.
Useless to think you’ll park and capture it
More thoroughly. You are neither here nor there,
A hurry through which known and strange things pass
As big soft buffetings come at the car sideways
And catch the heart off guard and blow it open.