Das Schwein ist ein kluges Tier. Das heißt, das Schwein ist sozial und lernfähig.
In der wissenschaftlichen oder journalistischen Betrachtung der Schweineintelligenz wird gern ein augenzwinkernder Ton angeschlagen, „schlau für ein Tier“, „clever“, aber es mag sein, dass nur meine persönlichen Ohren das so wahrnehmen.
Diese Klugheit wertet nur scheinbar das Schwein auf. Klugheit ist belächelbar, solange sie keine formelle Veredelung durchlaufen hat. Solange sie primitiv bleibt.
Das Schwein ist nicht gebildet.
Ich weiß nicht, wann der Begriff bildungsfern erstmals in die Öffentlichkeit getreten ist, aber Mitte der 2000er war er in Zeitungen, Fernsehen und Populärliteratur so geläufig, dass es nervte.
Mich nervt er immer noch.
Weil er sich als Euphemismus etabliert hat, als verfeinerter Ersatzbegriff für dumm, unterbelichtet, hinterwäldlerisch, minderbemittelt, proletisch, und doch ebendas meint.
Weil er mich meint. Weil er meinen Mann meint. Usw.
Weil seine Definition über die Jahre im Fachbereich und in Zeitungen, Fernsehen und Populärliteratur geformt und verfestigt wurde, wodurch wiederum der Begriff Bildung eine sehr spezifische Definition erfahren hat.
Zunächst dient das Begriffsfeld Bildungsferne zu Erfassungszwecken, es ist eine Sache der Statistik: Bildungsfern sind solche Haushalte, wo beide Eltern maximal über den Hauptschulabschluss verfügen, bildungsnah sind jene, wo mindestens ein Elternteil über die Hochschulreife verfügt.
Erst außerhalb der Statistik entfaltet es dann seine ganze inhaltliche Aufladung. In der Praxis erfüllt es bloß noch Distinktionszwecke.
Und ich war eben nie im richtigen Club. Irgendwann kam das Wort bildungsfern hereinspaziert und wollte mich im Team, und seitdem habe ich es an der Backe, und seine Hartnäckigkeit nervt mich, und seine Selbstgefälligkeit.
Bildungsnähe ist das, was daraus gemacht wurde: Nach dem Verständnis der meisten macht der Begriff eine Aussage über das häusliche Verhältnis zu Büchern und Zeitungen, musikalische Früherziehung, Museumsbesuche, Gesundsport, Naturerfahrung, Reisen, Sprachhygiene usf.
Ich galt als Schülerin pauschal als proletarisch, denn ich hatte so gut wie keine Kinderbücher und mochte auch überhaupt keine lesen, kam selten aus dem Ort raus und nie ins Theater, Restaurant, Hotel oder Spaßbad, machte kein Ballett, spielte kein Klavier, es mangelte mir an Struktur, Umgangsformen und Zahnhygiene. Bei uns gab’s keine klassische Musik. Es wurde nicht auf Ernährung geachtet. Niemand in meiner Familie lebte mir einen geschäftstüchtigen, geschweige denn akademischen Berufsalltag vor.
Allerdings kam ich wie nebenbei durchs Abitur. Ohne mich dafür anstrengen zu müssen. Das heißt, der Lehrstoff jedenfalls strengte mich nie an.
Was ich als Kind und Jugendliche abseits eines Bildungshaushalts bekommen habe, war ja keine Unbildung.
Aufzuwachsen unter alten Leuten ist Geschichtskunde. Aufzuwachsen mit ihrem Sprachgemisch ist Sprachtraining. Ländlich aufzuwachsen ist Naturkunde. Ewiges Bauen und Reparieren trainieren Mathe- und Technikverständnis. Spielen im Gelände ist Sport und Orientierungsübung. Chaos schult in Strategie, Taktik, Selbstregulierung. Interessiert zu sein kostet nichts.
Ich komme überall klar, ich komme immer irgendwie durch, machen Sie sich um mich keine Sorgen, ich bin eine Kakerlake. Das einzige, was sich permanent als latente Hürde im Umgang mit anderen erweist – und was sich niemals nachqualifizieren lässt – ist meine mangelnde Vertrautheit mit Wohlstand.
Verstehen Sie, ich kann schwellenlos mit Leuten über Literatur, Kunst, Politik palavern – solange, bis sie mir mit ihrem geplanten Ski-Urlaub kommen. Tennis? Thailand? Rentensparplan? Zähne machen lassen? Designerlampen?
Ich gelte als klug – solange, bis ich als heillos wohlstandsfern erkannt werde. Ab hier gelte ich wieder als „klug in Anbetracht der bildungsfernen Herkunft“.
Ich regle Dinge „so handlungssicher“, ich denke „so unkonventionell“, ich bin überhaupt „so originell“!
Bildung ist ein Prädikat, keine Qualität. In der Schule hätte ich mir gewünscht, es wäre dort mehr um Fähigkeiten, weniger um Status gegangen. Als Erwachsene würde ich mir wünschen, mehr mit Leuten zu tun zu haben, die verstanden haben, dass wir hier nicht mehr in der Schule sind.
Wahrscheinlich ist mein Problem, dass ich als einzige nicht kapiere, dass das ganze Leben ein ewiger Schulhof ist.
Muss das sein? Könnten wir nicht bitte noch mal ganz anders, noch mal von vorne…
Und wo wir gerade dabei sind, könnten wir uns auch noch einmal von vorne Gedanken machen, was wir wirklich als Intelligenz bezeichnen und gelten lassen wollen.
Wir tun ja z.B. aktuell so, als wäre Künstliche Intelligenz so klug wie der liebe Gott, aber wer bitteschön hat denn je ernsthaft nachgewiesen, der liebe Gott wäre klug?