Der erste Teil des Gesprächs mit der Kulturfrau — Buchhändlerin, Stadträtin und Verlegerin etc. — Susanne Dagen ist nun abrufbar. Es ist die zweite Folge unseres Formats “Im Gespräch”. Die Büchermesse und ihre Feinde. Das Gespräch war dominiert von dem überstrahlenden Thema “Büchermesse Seitenwechsel”, die am 08. und 09. November in der Messehalle in Halle (Saale) stattfinden wird und die damit einhergehende Rezeption in Medien und Öffentlichkeit. Daneben sprachen wir über die verlegerischen Pläne Susanne Dagens und unsere Identität als Deutsche.
Was treibt sie an? Geistige Notwehr und die Haltung, zu tun, was man tun muss. Das Buch, die Kultur als Ebenen der Vermittlung sind genauso zu stärken wie das Einmalige, das Besondere und das Solitäre. Dahinter steht der Anspruch der geistigen Freiheit als Voraussetzung für eine wahrhaft plurale Gesellschaft, also der Freiheit wozu. Dahinter steht ein Menschenbild, dass sich aus keiner anthropologischen Fantasie ableitet. Der Mensch ist kraft seiner Natur ein Mängelwesen, er benötigt also die Institution, die ihn entlastet. Bildung, Bücher und Messen. Wir stehen also unter einer dauerhaften Spannung zwischen Tiefe und Höhe. Mehrdimensionalität, denn “mit eindimensionalen Menschen ist kein Gespräch mehr möglich”, weiß Susanne Dagen. Wer begriffen hat, was Freiheit wirklich bedeutet, handelt souverän und verantwortungsvoll.
Das begreift nun nicht gleich jeder. In Annäherung an die Büchermesse formiert sich das obligatorische breitbunte Bündnis einer jeden Stadt mit ein bisschen Uni und Oper und ruft zur Teilnahme an einem Festival namens “Wir” auf. Die Seite der Konservativen als Arbeitgeber kommt seiner Sorgfaltspflicht mehr als nach. Die Messe generiert mit Bekanntgabe der Büchermesse auch einen Auftrag an die Seite der besonders Zuverlässigen unserer Demokratie. “Sie werden ihre Arbeit machen” wie es zu allen Zeiten die Abhängigen eines Systems immer gründlich taten. Nur sollte doch so langsam über eine Provision für die Seite der Abweichler nachgedacht werden, immerhin existieren Vereine wie “Halle gegen rechts” und “Miteinander” nur aufgrund der Arbeit der konservativen Seite. 20 — 30 % Anteil, wir sind ja nicht gierig. Man könnte es direkt aus den NGO-Fördertöpfen wie “Demokratie leben!” auszahlen. Das Geld flöße selbstverständlich in die Bildung der Menschen. Es würde nicht verwundern, erhielte das Festival auch Fördermittel. Irgendein zufälliger Sachbearbeiter wird schon seinen Stempel an der richtigen Stelle aufdrücken.
Wie nennt man das, wenn die einstigen revolutionären Milieus heute die Strukturmehrheit bilden, diese gegen jede Kritik abgeschirmt haben und sich trotzdem permanent bedroht fühlen, dies in kollektiven Gesten zum Ausdruck bringen? Der Begriff der Normopathie fiel. Er stammt aus den Überlegungen und Erkenntnissen des Psychoanalytikers Hans-Joachim Maaz. Ein Hallenser, wie passend. Ein 89er wie Dagen, wie Tellkamp, wie Krause, wie Bernig. Wie ich? Prägungen! Zwar mutig im Laufgitter gestanden, aber das Land, in dem ich aufwuchs, war noch durchweg das untergegangene Reich Restpreußens. Normopathie heißt, sich als einzelner mit einem kollektiven Zustand des Wahns zu identifizieren und dieses Verhalten rechtfertigt sich eben dadurch, dass eine solche Übermacht an Struktur, Ressourcen und nostalgischem Geist vorherrscht. Und es kränkt sie sofort just in dem Moment, in dem man sie herausfordert. Normopathie ist Kränkungsabwehr und ‑vorsorge.
Tief wurzelt der Hass dort, wo nur noch Leere ist. Der Menschheitsmensch nach dem Deutschen ist der Bundesbürger ohne Herkunft. Das weiße Blatt Papier, auf das man die Prämissen “bunt, divers und weltoffen” prägt, ein Frankenstein, ein Zukunftszentrum, ein Wir. Orwell. “Wir”, also die an “Verantwortung zu” statt an “Verantwortung von” orientierten, haben keine andere Wahl, als Geduld zu haben. Mit unseren Mitmenschen, das Gros, das opportunistisch ist und das ist übrigens das politisch Mögliche. Man darf nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Deutschland ist alt und träge. Die Normopathen der selbstbewussten Zivilgesellschaft “laufen sich selbst tot”, weiß Dagen und weiß auch übrigens Ulf Poschardt und wissen viele andere auch. Sie leben vom Geld der anderen, ihre geistigen Ergebnisse sind nicht innovativ, sie sind nur zu Reaktionen fähig. All ihr Tun und Reden hat nichts von Initiative, ihre Bezüge sind tausendfach widerlegt, von 68 zehren sie noch. Sie sind Wächter, wo ihre Vordenker noch gestritten und gelesen haben. Da waren Leute dabei, die noch überliefen, weil auch das Überlaufen Bildung und Charakter voraussetzt. Der unbewegliche Typus des ideologischen Wächters und Überzeugten spricht für tiefste geistige Provinz.
Deutschland wird freilich das letzte Land sein, das umschwenkt, alles andere würde mich wundern, dann aber gründlich und dann sollte man aber auch nicht nachtragend sein, wobei: “wir vergessen auch nichts”, so Dagen. Maximilian Krah hat recht, wenn er sagt, dass man dem Gegner einen gesichtswahrenden Abzug ermöglichen muss. Auch die AfD braucht die Masse, den vorhandenen Überbau und der ist orientiert an der dominanten Strategie, die einen Spielraum für die ganz normalen Leute aufzeigt. Dicke Bretter bohren. Bis dahin wird es noch viele Messen, wird es viele Bücher zu lesen und einige grundsätzliche Diskussionen geben.
Die ASTER steht am Beginn und am Ende. Alles verblüht einmal, alle Reiche und Ordnungen versinken, aber für uns gilt das weder heute noch morgen. Lesen Sie doch in der Wochenausgabe “Rechts oder Links” der Jungen Freiheit ein Interview über die Beweggründe und Hintergründe der ASTER. Die Aster ist deutsch und das heißt — Susanne Dagen stimmte zu — neugierig, beweglich, skeptisch, edel und ernst und schön zu sein. Und zu wissen, woher man stammt.






