Nach circa einer Stunde und fünfzehn Minuten drehe ich die Zündung nach links, ziehe den Schlüssel ab und greife noch im Sitzen nach dem grünen Buch auf dem Beifahrersitz. „Liebe, Tod und Teufel — Schwarze Romantik“. Ein Klassiker. Ich steige aus und stehe vor einem sehr großen, langen Gebäude mit mehreren Etagen. Es ist stockdunkel, längs der Mauer sind Autos geparkt. Still ist es auch. Kurz mustere ich die Umgebung. Wohl eine Art ehemaliges Betriebsgelände, etwas volkseigenes aus anderen Zeiten. In der mittleren Etage brennt Licht. Erinnerungen flackern auf, an alte Zeiten, an Feierlichkeiten, Raves an entlegenen Orten. An Lieder und Szenen einer besseren Zeit, die gefühlt ewig her scheint. Zwischen der heutigen Nacht und damals liegen nicht nur die Jahre, sondern auch etliche Brüche, im Kleinen wie im Großen. Alles hat sich verändert.
Auf dem Weg zum Eingang komme ich an kleinen brennenden Fackeln vorbei. An der Tür hängt das Plakat mit dem Motto des Abends. Ich kannte es vorher schon, aber auch nur, weil ich eine Einladung erhalten habe. Es ist still, kein Geräusch dringt nach draußen. Ich schaue noch schnell nach, ob ich während der Fahrt eine Nachricht erhalten habe. “Komm einfach hoch”. Ich drücke also die Klinke und trete ein. Zwei oder drei Etagen steige ich den Rundgang hoch, wie in einem alten Schloss, nur schmaler. Bierkästen stapeln sich, bis ich vor einer Tür stehe, an der erneut das Plakat mit Klebestreifen befestigt wurde. Vorsichtig öffne ich die Tür. Das erste Gesicht, das mir entgegenkommt, ist das eines Hundes. Das Tier kommt mir ruhig und neugierig entgegen, ich halte ihm meine Hand hin. Es beschnuppert sie selbstverständlich. Einen Augenblick warte ich in der Tür, bis er wieder zurücktrottet.
Das erste, was ich sehe, als ich den Raum betrete sind Jacken, viele Jacken, anständig auf Bügel gehängt. Erst wenige Augenblicke später erkenne ich, dass das Geschehen bereits in vollem Gange ist. In einem weit geöffneten größeren Raum sitzt jemand an einem Tisch, der von seinem Handy einen Text vorliest. Der Tisch ist mit Naturalien geschmückt — Thema ist nämlich “Der Wald”. Hinter dem Vorleser hängt eine Leinwand, auf die ein Beamer das Plakat projiziert. Ich lehne mich unauffällig in die Zarge des Durchgangs, falte meine Hände. Fast alle Plätze sind belegt. Ich mustere den Raum eine ganze Weile, entdecke einige bekannte, jedoch mehr unbekannte Gesichter. Glücklicherweise sitzt meine Bekanntschaft gleich neben der Tür. Wir begrüßen uns leise, aber herzlich. Nach wenigen Minuten steht der Veranstalter, ein Künstler aus Wien, auf, tritt vor das Publikum, bedankt sich und verkündet den weiteren Ablauf, der mit einer Unterbrechung von 15 Minuten beginnt.
In der Pause bahne ich mir den Weg durch die Menge, die sich nun mehrheitlich auf den Weg zur Bar gemacht hat. Es sind Tische mit Würstchen und einem großen Kessel mit Suppe aufgebaut. Ich treffe verschiedene Leute, darunter die Hausherren und mache mir ein erstes Bild über die Gesellschaft, die hier so geheim zusammenkommt. Obwohl ich noch fahren muss, bestelle ich Rotwein. So ein Römergläschen hat noch niemandem geschadet.
Auf welchen Schlag Mensch treffe ich hier eigentlich? Eine der Fragen, die mich so oder so ähnlich während des Abends begleiten. Was man hier sieht, ist jedenfalls sehr heterogen. Vom Vertreter der schwarzen Szene, Publizisten, Künstler, sehr gepflegte Frauen und Männer aus urbanen Schichten, über selbstbewusste Avantgardisten aus Wien, bis zum weltverlorenen Träumer war alles dabei. Von siebzehn bis über fünfzig ist alles vertreten, der Schnitt liegt irgendwo bei vierzig plus. Eine Millennial-Party der etwas anderen Art.
Nach der Pause soll eine eindrucksvolle naturmystische Vorstellung zweier junger Künstlerinnen folgen. Zuvor wird dem Veranstalter dieser Nacht noch ein Bild überreicht. Dann eine gemeinsame Lesung, ein Gedicht, das einem Gemälde gewidmet wurde. Den Abschluss bildet ein Kurzfilm zum Thema Wandervogel. Gedreht hat ihn der Veranstalter in seiner Studienzeit. Alles kreist irgendwie um das Hauptthema Wald. Der damalige Dozent solle wenig Verständnis für das Gesehene gehabt haben.

Nach Abschluss der ersten Programmhälfte soll nun eine zweite folgen. Die bestuhlte Szenerie wird kurzerhand geräumt und zu einer Tanzfläche umgestaltet, die Leinwand hängt jetzt seitlich. Wenige Augenblicke später läuft Velvet Underground, Bauhaus und ähnliche Klassiker, später Techno und auch der eine oder andere lockere Mainstreamhit. Die Stoßrichtung jedenfalls erfolgt in Richtung Darkwave, punkig-experimenteller Rock und Pop. Zu späterer Stunde sind noch Sachen von Death In June angekündigt. Als dann “Angepasste Spießerschweine” läuft, muss ich unwillkürlich grinsen. Wer sind eigentlich die Spießer von heute? Die Vollzeitspießer, die sich Kulturschaffende nennen und doch nur Stillstand verwalten? Oder die, die irgendwann Kinder bekommen und Verantwortung übernehmen? Heute Nacht jedenfalls gilt: Bewegung. Laut. Schön.
Die Moderne ist hier kein Irrweg, sondern Essenz. Ich setze mich an einen der Tische und komme mit einer Künstlerin ins Gespräch. An der Wand lehnt das Bild, das zuvor feierlich überreicht wurde. Man spricht über Kunst, über Einflüsse und Vorbilder.

Warme, tiefe Zeilen über die ASTER folgen, wir machen Notizen, Ideen zum Heft, sie trägt ein langes schwarzes Kleid, gehört zur Neofolkabteilung. Später bewegt sie sich eingehüllt im Kunstnebel zur Musik. Ich genieße alles daran, ich gönne es mir, uns. Holdes Reich.

In einem Gespräch mit einem Berliner Maler meint dieser, dass die oberflächliche Ablehnung der Moderne so mancher selbsternannter Patrioten konsequenterweise auch eine Ablehnung der Popkultur sein müsste. Wir alle aber lieben Popmusik, Filme und Figuren. Kommt eben immer drauf an. Man muss in der Lage sein, zu unterscheiden. „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ Nicht nur Ernst Jünger sah in der Technik ein Entweder-Oder. Entweder die Sprache der Technik sprechen oder untergehen. Die technische Welt ist die selbstverständliche. Wir kommen nicht raus aus ihr. Ob wir selbst noch am Ruder stehen, ich bezweifle es.
An Tischen, an der Bar oder im Nebenraum haben sich Gruppen gebildet. Wie auf jeder anderen Party auch. Nach einer Phase der Konzentration wird die Atmosphäre hauptsächlich von der lauten Musik getragen. Man muss sich teilweise anschreien, um zu kommunizieren.
An jeder Ecke ein anderer Typus, Leute, die man sonst nie oder erst irgendwann getroffen hätte. Neben den Leuten, die einfach interessiert sind, gibt es viele Macher: Zeichner, Maler, Hausherren, Musiker, Schreiber usw. also das, was man eigentlich als bunte Gesellschaft beschreiben könnte. Auf den Tischen stehen Bilder, Wein und Bierflaschen, bemooste Schädel, Baumpilze und andere Walddinge. Ich rieche an einem der Pilze. Ein vertrauter Geruch, Bilder einer Kindheit im Wald, auf raschelndem Laub.
Das Schöne: Es geht endlich mal nicht um Parteipolitik, nicht um irgendeine Organisation irgendeines Spektrums. Dieser Abend steht unter nichts als dem Zeichen des Ichs. Das Wir, um das hier gestritten wird, ist das Wir souveräner Menschen, jeder in seiner Interessenssphäre. Mein Stamm ist der der Musik‑, Film- und Dichtermenschen. Ihre Ritualplätze Tanzflächen, Leinwände und der Wald. Dies alles hier ist liebevoll Traum, Rausch und Tod gewidmet.
Ich stehe mitten im Refugium, ein aus dem Traum geschöpftes Werk, ein gemeinsam geteiltes wertvolles Inneres. Ich bilde mir zumindest gerade ein, eine tiefere Ebene erreicht zu haben in derart verdichteter Weise. Vielleicht tut auch einfach der Rotwein sein Übriges, der mich glauben lässt, für einen kurzen Moment etwas Höherem ganz nah gewesen zu sein.
Der Abschied aus dem Wald fällt schwerer als gedacht, aber irgendwann ist auch mal gut. Zumal noch eine Autofahrt vor mir liegt. Ich verlasse die Zimmer der geheimen Feste. Wieder draußen erwache ich. Diesmal ist es nicht still, Musik dringt nach draußen. Ich setze mich in meine Karre, drehe die Zündung nach rechts. Soll noch mal einer sagen, die Rechten sind bieder und können nicht feiern. Nein, sie sind die cooleren Leute. Diese Nacht in ihrem künstlerisch-stilvollen Anspruch wird noch lange nachhallen.






