Geheime Feste

Geheime Feste

Eine Märznacht zwischen Lyrik, Film und Musik.

Kevin Naumann

Nach cir­ca einer Stun­de und fünf­zehn Minu­ten dre­he ich die Zün­dung nach links, zie­he den Schlüs­sel ab und grei­fe noch im Sit­zen nach dem grü­nen Buch auf dem Bei­fah­rer­sitz. „Lie­be, Tod und Teu­fel — Schwar­ze Roman­tik“. Ein Klas­si­ker. Ich stei­ge aus und ste­he vor einem sehr gro­ßen, lan­gen Gebäu­de mit meh­re­ren Eta­gen. Es ist stock­dun­kel, längs der Mau­er sind Autos geparkt. Still ist es auch. Kurz muste­re ich die Umge­bung. Wohl eine Art ehe­ma­li­ges Betriebs­ge­län­de, etwas volks­ei­ge­nes aus ande­ren Zei­ten. In der mitt­le­ren Eta­ge brennt Licht. Erin­ne­run­gen flackern auf, an alte Zei­ten, an Fei­er­lich­kei­ten, Raves an ent­le­ge­nen Orten. An Lie­der und Sze­nen einer bes­se­ren Zeit, die gefühlt ewig her scheint. Zwi­schen der heu­ti­gen Nacht und damals lie­gen nicht nur die Jah­re, son­dern auch etli­che Brü­che, im Klei­nen wie im Gro­ßen. Alles hat sich ver­än­dert.

Auf dem Weg zum Ein­gang kom­me ich an klei­nen bren­nen­den Fackeln vor­bei. An der Tür hängt das Pla­kat mit dem Mot­to des Abends. Ich kann­te es vor­her schon, aber auch nur, weil ich eine Ein­la­dung erhal­ten habe. Es ist still, kein Geräusch dringt nach drau­ßen. Ich schaue noch schnell nach, ob ich wäh­rend der Fahrt eine Nach­richt erhal­ten habe. “Komm ein­fach hoch”. Ich drücke also die Klin­ke und tre­te ein. Zwei oder drei Eta­gen stei­ge ich den Rund­gang hoch, wie in einem alten Schloss, nur schma­ler. Bier­kä­sten sta­peln sich, bis ich vor einer Tür ste­he, an der erneut das Pla­kat mit Kle­be­strei­fen befe­stigt wur­de. Vor­sich­tig öff­ne ich die Tür. Das erste Gesicht, das mir ent­ge­gen­kommt, ist das eines Hun­des. Das Tier kommt mir ruhig und neu­gie­rig ent­ge­gen, ich hal­te ihm mei­ne Hand hin. Es beschnup­pert sie selbst­ver­ständ­lich. Einen Augen­blick war­te ich in der Tür, bis er wie­der zurück­trot­tet.

Das erste, was ich sehe, als ich den Raum betre­te sind Jacken, vie­le Jacken, anstän­dig auf Bügel gehängt. Erst weni­ge Augen­blicke spä­ter erken­ne ich, dass das Gesche­hen bereits in vol­lem Gan­ge ist. In einem weit geöff­ne­ten grö­ße­ren Raum sitzt jemand an einem Tisch, der von sei­nem Han­dy einen Text vor­liest. Der Tisch ist mit Natu­ra­li­en geschmückt — The­ma ist näm­lich “Der Wald”. Hin­ter dem Vor­le­ser hängt eine Lein­wand, auf die ein Bea­mer das Pla­kat pro­ji­ziert. Ich leh­ne mich unauf­fäl­lig in die Zar­ge des Durch­gangs, fal­te mei­ne Hän­de. Fast alle Plät­ze sind belegt. Ich muste­re den Raum eine gan­ze Wei­le, ent­decke eini­ge bekann­te, jedoch mehr unbe­kann­te Gesich­ter. Glück­li­cher­wei­se sitzt mei­ne Bekannt­schaft gleich neben der Tür. Wir begrü­ßen uns lei­se, aber herz­lich. Nach weni­gen Minu­ten steht der Ver­an­stal­ter, ein Künst­ler aus Wien, auf, tritt vor das Publi­kum, bedankt sich und ver­kün­det den wei­te­ren Ablauf, der mit einer Unter­bre­chung von 15 Minu­ten beginnt.

In der Pau­se bah­ne ich mir den Weg durch die Men­ge, die sich nun mehr­heit­lich auf den Weg zur Bar gemacht hat. Es sind Tische mit Würst­chen und einem gro­ßen Kes­sel mit Sup­pe auf­ge­baut. Ich tref­fe ver­schie­de­ne Leu­te, dar­un­ter die Haus­her­ren und mache mir ein erstes Bild über die Gesell­schaft, die hier so geheim zusam­men­kommt. Obwohl ich noch fah­ren muss, bestel­le ich Rot­wein. So ein Römer­gläs­chen hat noch nie­man­dem gescha­det.

Auf wel­chen Schlag Mensch tref­fe ich hier eigent­lich? Eine der Fra­gen, die mich so oder so ähn­lich wäh­rend des Abends beglei­ten. Was man hier sieht, ist jeden­falls sehr hete­ro­gen. Vom Ver­tre­ter der schwar­zen Sze­ne, Publi­zi­sten, Künst­ler, sehr gepfleg­te Frau­en und Män­ner aus urba­nen Schich­ten, über selbst­be­wuss­te Avant­gar­di­sten aus Wien, bis zum welt­ver­lo­re­nen Träu­mer war alles dabei. Von sieb­zehn bis über fünf­zig ist alles ver­tre­ten, der Schnitt liegt irgend­wo bei vier­zig plus. Eine Mil­len­ni­al-Par­ty der etwas ande­ren Art.

Nach der Pau­se soll eine ein­drucks­vol­le natur­my­sti­sche Vor­stel­lung zwei­er jun­ger Künst­le­rin­nen fol­gen. Zuvor wird dem Ver­an­stal­ter die­ser Nacht noch ein Bild über­reicht. Dann eine gemein­sa­me Lesung, ein Gedicht, das einem Gemäl­de gewid­met wur­de. Den Abschluss bil­det ein Kurz­film zum The­ma Wan­der­vo­gel. Gedreht hat ihn der Ver­an­stal­ter in sei­ner Stu­di­en­zeit. Alles kreist irgend­wie um das Haupt­the­ma Wald. Der dama­li­ge Dozent sol­le wenig Ver­ständ­nis für das Gese­he­ne gehabt haben.

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Zen­tra­les Werk des künst­le­ri­schen Pro­gramms

Nach Abschluss der ersten Pro­gramm­hälf­te soll nun eine zwei­te fol­gen. Die bestuhl­te Sze­ne­rie wird kur­zer­hand geräumt und zu einer Tanz­flä­che umge­stal­tet, die Lein­wand hängt jetzt seit­lich. Weni­ge Augen­blicke spä­ter läuft Vel­vet Under­ground, Bau­haus und ähn­li­che Klas­si­ker, spä­ter Tech­no und auch der eine oder ande­re locke­re Main­stream­hit. Die Stoß­rich­tung jeden­falls erfolgt in Rich­tung Dark­wa­ve, pun­kig-expe­ri­men­tel­ler Rock und Pop. Zu spä­te­rer Stun­de sind noch Sachen von Death In June ange­kün­digt. Als dann “Ange­pass­te Spie­ßer­schwei­ne” läuft, muss ich unwill­kür­lich grin­sen. Wer sind eigent­lich die Spie­ßer von heu­te? Die Voll­zeit­spie­ßer, die sich Kul­tur­schaf­fen­de nen­nen und doch nur Still­stand ver­wal­ten? Oder die, die irgend­wann Kin­der bekom­men und Ver­ant­wor­tung über­neh­men? Heu­te Nacht jeden­falls gilt: Bewe­gung. Laut. Schön.

Die Moder­ne ist hier kein Irr­weg, son­dern Essenz. Ich set­ze mich an einen der Tische und kom­me mit einer Künst­le­rin ins Gespräch. An der Wand lehnt das Bild, das zuvor fei­er­lich über­reicht wur­de. Man spricht über Kunst, über Ein­flüs­se und Vor­bil­der.

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Wil­de, Jün­ger und eine Hand

War­me, tie­fe Zei­len über die ASTER fol­gen, wir machen Noti­zen, Ideen zum Heft, sie trägt ein lan­ges schwar­zes Kleid, gehört zur Neo­folk­ab­tei­lung. Spä­ter bewegt sie sich ein­ge­hüllt im Kunst­ne­bel zur Musik. Ich genie­ße alles dar­an, ich gön­ne es mir, uns. Hol­des Reich.

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In einem Gespräch mit einem Ber­li­ner Maler meint die­ser, dass die ober­fläch­li­che Ableh­nung der Moder­ne so man­cher selbst­er­nann­ter Patrio­ten kon­se­quen­ter­wei­se auch eine Ableh­nung der Pop­kul­tur sein müss­te. Wir alle aber lie­ben Pop­mu­sik, Fil­me und Figu­ren. Kommt eben immer drauf an. Man muss in der Lage sein, zu unter­schei­den. „Die guten ins Töpf­chen, die schlech­ten ins Kröpf­chen.“ Nicht nur Ernst Jün­ger sah in der Tech­nik ein Ent­we­der-Oder. Ent­we­der die Spra­che der Tech­nik spre­chen oder unter­ge­hen. Die tech­ni­sche Welt ist die selbst­ver­ständ­li­che. Wir kom­men nicht raus aus ihr. Ob wir selbst noch am Ruder ste­hen, ich bezweif­le es.

An Tischen, an der Bar oder im Neben­raum haben sich Grup­pen gebil­det. Wie auf jeder ande­ren Par­ty auch. Nach einer Pha­se der Kon­zen­tra­ti­on wird die Atmo­sphä­re haupt­säch­lich von der lau­ten Musik getra­gen. Man muss sich teil­wei­se anschrei­en, um zu kom­mu­ni­zie­ren.

An jeder Ecke ein ande­rer Typus, Leu­te, die man sonst nie oder erst irgend­wann getrof­fen hät­te. Neben den Leu­ten, die ein­fach inter­es­siert sind, gibt es vie­le Macher: Zeich­ner, Maler, Haus­her­ren, Musi­ker, Schrei­ber usw. also das, was man eigent­lich als bun­te Gesell­schaft beschrei­ben könn­te. Auf den Tischen ste­hen Bil­der, Wein und Bier­fla­schen, bemoo­ste Schä­del, Baum­pil­ze und ande­re Wald­din­ge. Ich rie­che an einem der Pil­ze. Ein ver­trau­ter Geruch, Bil­der einer Kind­heit im Wald, auf rascheln­dem Laub.

Das Schö­ne: Es geht end­lich mal nicht um Par­tei­po­li­tik, nicht um irgend­ei­ne Orga­ni­sa­ti­on irgend­ei­nes Spek­trums. Die­ser Abend steht unter nichts als dem Zei­chen des Ichs. Das Wir, um das hier gestrit­ten wird, ist das Wir sou­ve­rä­ner Men­schen, jeder in sei­ner Inter­es­sens­sphä­re. Mein Stamm ist der der Musik‑, Film- und Dich­ter­men­schen. Ihre Ritu­al­plät­ze Tanz­flä­chen, Lein­wän­de und der Wald. Dies alles hier ist lie­be­voll Traum, Rausch und Tod gewid­met.

Ich ste­he mit­ten im Refu­gi­um, ein aus dem Traum geschöpf­tes Werk, ein gemein­sam geteil­tes wert­vol­les Inne­res. Ich bil­de mir zumin­dest gera­de ein, eine tie­fe­re Ebe­ne erreicht zu haben in der­art ver­dich­te­ter Wei­se. Viel­leicht tut auch ein­fach der Rot­wein sein Übri­ges, der mich glau­ben lässt, für einen kur­zen Moment etwas Höhe­rem ganz nah gewe­sen zu sein.

Der Abschied aus dem Wald fällt schwe­rer als gedacht, aber irgend­wann ist auch mal gut. Zumal noch eine Auto­fahrt vor mir liegt. Ich ver­las­se die Zim­mer der gehei­men Feste. Wie­der drau­ßen erwa­che ich. Dies­mal ist es nicht still, Musik dringt nach drau­ßen. Ich set­ze mich in mei­ne Kar­re, dre­he die Zün­dung nach rechts. Soll noch mal einer sagen, die Rech­ten sind bie­der und kön­nen nicht fei­ern. Nein, sie sind die coo­le­ren Leu­te. Die­se Nacht in ihrem künst­le­risch-stil­vol­len Anspruch wird noch lan­ge nach­hal­len.

18. März 2026