“Die Summe der Einzelfarben ergibt immer ein dunkles Grau.”

“Die Summe der Einzelfarben ergibt immer ein dunkles Grau.”

10 Jetzt-Fragen an Carsten Germis

ASTER

Anton von Werner, Selbstbildnis mit Bleistift für die Kaiserproklamation, 1877

Auch nicht in die­sen Tagen fin­det die Poli­tik unse­res Lan­des das g e r a d e Wort.

Natür­lich nicht. Selbst „Schlamm­schlach­ten“ sind nichts als Fri­gi­di­tä­ten, nichts als ver­lä­ster­te Phra­sen. Klei­ne Leu­te. Wel­cher Mensch soll hier noch heiß wer­den? Wel­cher Staats­bür­ger noch han­deln? Fre­che Poli­ti­ker wer­den fre­cher, ande­re sind gleich im Deli­ri­um. Die eigent­li­che Welt liegt wie hin­ter die­ser Welt ver­bor­gen …

War­um spricht Musk eigent­lich nicht die Spra­che der Inge­nieurs­kunst? — DEUTSCH! Dann wäre sein Gespräch wenig­stens poin­tier­ter ver­lau­fen. Das kann er nur selbst beant­wor­ten. Für den poli­ti­schen Augen­blick: Schön­heit und Lachen von Car­sten Ger­mis.

A S T E R : Car­sten, am 23. Febru­ar wird Deutsch­land wäh­len. Ein Land, das kei­ne Wahl hat. Die Luft hier, irgend­et­was zwi­schen ein­ge­schlä­fert und über­reizt. Der Mon­sun wird aus­blei­ben, der
rei­ni­gen­de Regen­sturz einer gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Wen­de und Besin­nung. Und nun?

G E R M I S : Von Arthur Scho­pen­hau­er stammt ein Satz, der unse­re Lage auch heu­te pas­send beschreibt: »Ein eigen­tüm­li­cher Feh­ler der Deut­schen ist, dass sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wol­ken suchen. «Wer Wahl­kampf und Medi­en­be­richt­erstat­tung ver­folgt, kann das gut beob­ach­ten. Da wer­den immer wie­der die­sel­ben abstrak­te­sten, inhalts­lee­ren For­meln, der Traum vom woken, grü­nen Babel­turm in den Wol­ken nach­ge­be­tet; der angeb­lich dro­hen­de Faschis­mus zum Popanz auf­ge­bla­sen und ein neu­es 1933 an die Brand­mau­er gemalt. So wer­den mit dem Furor der gespiel­ten Über­rei­zung die ein­fach­sten und uns unmit­tel­bar ange­hen­den Lebens­ver­hält­nis­se unver­ständ­lich gemacht. Denk­faul­heit paart sich mit Feig­heit. Auch in den Ber­li­ner Kata­kom­ben der Macht ahnt man­cher, was im Argen liegt; doch noch rich­ten sich die kul­tu­rell und poli­tisch hege­mo­nia­len Klas­sen in ihrer Rea­li­täts­fin­ster­nis ein. Die Wirk­lich­keit der wirt­schaft­li­chen Sta­gna­ti­on, die wach­sen­de sozia­le Spal­tung, die Kluft zwi­schen Stadt und Land, zwi­schen den Gewin­nern der grü­nen Ren­ten­öko­no­mie und denen, die die­se Umver­tei­lung mit ihren Steu­ern und Abga­ben finan­zie­ren müs­sen und denen selbst immer weni­ger bleibt, hal­ten sie mit Gewalt von ihrer Wagen­burg fern. Kaum jemand stellt die Fra­ge, wie weit der Prak­ti­kant im Bun­des­wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­um für Sta­gna­ti­on und Tal­fahrt der Indu­strie ver­ant­wort­lich ist. Wie tief den­noch die Angst sitzt, die durch den Druck der Wirk­lich­keit und der Ver­nunft immer grö­ßer wird, lässt sich an der Gewalt­sam­keit und Här­te der Ima­gi­na­to­ren erken­nen, an den Straf­an­zei­gen gegen Kri­ti­ker ihrer Macht, am gesell­schaft­li­chen Boy­kott gegen Anders­den­ken­de. Hei­mi­to von Dode­rer hat die­se Flucht in gno­sti­sche Par­al­lel­wel­ten als »zwei­te Rea­li­tät« bezeich­net. In die­ser »zwei­ten Rea­li­tät« hat sich die herr­schen­de Klas­se selbst­er­nann­ter pro­gres­si­ver Polit-Avant­gar­di­sten mit ihrer Prie­ster­schaft in Medi­en, Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten ein­ge­rich­tet. Rea­li­täts­leug­nung ist für Gno­sti­ker Pro­gramm. Sehen wir uns nur die Küchen­ge­sprä­che des grü­nen »Bünd­nis-Kanz­ler­kan­di­da­ten« an. Purer Polit­kitsch, her­ab­las­send und gön­ner­haft. Doch: »Das Ima­gi­nie­ren einer pro­phe­ti­schen Erlö­sungs­wahr­heit macht den Ima­gi­na­tor natür­lich eben­so­we­nig zum Pro­phe­ten wie der Traum von einer doxi­schen Ver­nunft ihn zum Phi­lo­so­phen macht.« (Eric Voe­gel­in) Klar, so ein Küchen­wahl­kampf schlä­fert ein. Nur: Wir erle­ben, wie jen­seits des Wahl­kamp­fes die Wirk­lich­keit sich immer stär­ker Bahn bricht. Vor allem abseits der gen­tri­fi­zier­ten, inner­städ­ti­schen Wohn­quar­tie­re erle­ben die Men­schen jeden Tag die Fol­gen der ver­fehl­ten Poli­tik: Das reicht von der Infla­ti­on bei Lebens­mit­teln, explo­die­ren­den Ener­gie­prei­sen, stei­gen­den Sozi­al­ab­ga­ben bei schlech­te­ren Lei­stun­gen bis zu unbe­zahl­ba­ren Woh­nun­gen, ist also im All­tag ganz hand­fest zu spü­ren. In der Woche, in der wir die­ses Gespräch füh­ren, hat eine neu­er­li­che Dun­kel­flau­te die Ener­gie­prei­se wie­der so explo­die­ren las­sen, dass ein nie­der­säch­si­sches Stahl­werk sei­ne Pro­duk­ti­on stop­pen muss­te und so den gan­zen Irr­sinn unse­rer Form der Ener­gie­wen­de deut­lich gemacht hat. Die Indu­strie stirbt oder wan­dert ab, immer mehr Unter­neh­men las­sen sich auf der Inten­siv­sta­ti­on nur noch am staat­li­chen Sub­ven­ti­ons­tropf als Zom­bies am Leben erhal­ten, gut aus­ge­bil­de­te Deut­sche ver­las­sen in Scha­ren das Land, Hand­wer­ker fin­den kei­ne Aus­zu­bil­den­den mehr; bald jeder zwei­te Deut­sche glaubt, sei­ne poli­ti­schen Mei­nun­gen nicht mehr frei äußern zu dür­fen. Dabei hören die Men­schen aber nicht auf zu den­ken, weil alles, was sie in ihrem All­tag sehen, pro­vo­ziert. Der Stim­mungs­um­schwung, der in den USA Donald Trump zurück an die Macht spül­te — »vibe shift« nennt der bri­ti­sche Histo­ri­ker Niall Fer­gu­son ihn – erfasst auch Deutsch­land und Euro­pa. Wegen des Total­aus­falls der eta­blier­ten soge­nann­ten »vier­ten Gewalt« in der Bun­des­re­pu­blik und der staat­lich ver­ord­ne­ten Eng­füh­rung poli­ti­schen Den­kens ist das nahen­de Ende der Woke-Kul­tur hier­zu­lan­de nicht so sicht­bar. Der Mon­sum wird in Deutsch­land nach dem 23. Febru­ar aus­blei­ben, vor allem wegen des »anti­fa­schi­sti­schen Schutz­walls«, hin­ter dem sich die Par­tei­en­olig­ar­chie aus Uni­on, SPD, Grü­nen, Lin­ken und Libe­ra­len gegen jede Oppo­si­ti­on ein­ge­mau­ert hat. Doch die dunk­len Wol­ken rücken näher.

A S T E R : Als ein „paar Stim­men“ belei­digt die Per­son aus dem Aus­wär­ti­gen Amt Men­schen, Über­zeu­gun­gen und Steu­er­geld hier­zu­lan­de. Jene Per­son, die auch wei­ter im Amt blei­ben will: Gott der All­mäch­ti­ge — bewah­re uns davor! Der End­spurt vor den Wah­len ist doch eigent­lich die Auto­bahn in den inner­sten und letz­ten, ja zen­tra­len Kreis Dan­tes. Statt Befrei­ung, die tota­le Ankunft in dem seit 2015 abge­spro­che­nen und kon­stru­ier­ten Far­ce-Schick­sal Deutsch­lands. Die EU setzt gera­de Tag und Nacht alle Hebel in Bewe­gung, mög­li­che unlieb­sa­me Ergeb­nis­se annul­lie­ren zu las­sen. Cor­ri­ger la For­tu­ne in sei­ner schlimm­sten Aus­ar­tung. Dun­kel und geheim­nis-ele­gant schrieb Mar­tin Licht­mesz kürz­lich vom Gespenst einer Rück­kehr … für­wahr! Einem scheint, alles poli­ti­sche Grau­en ver­schmilzt, wider­spie­gelt, flü­stert um sich, spielt einem Alb und Streich und ver­schlingt die Hoff­nung. Wehe dem, dem nicht Läs­sig­keit in die Wie­ge gelegt son­dern reich­lich Jean­ne d´Arcischer Jäh­zorn. Zar­te Gedan­ken wel­ken … Rat vom Gärt­ner Ger­mis, der den ver­bor­ge­nen Namen der Rose kennt und einen der schön­sten Hor­ti con­clu­si hegt und pflegt?

G E R M I S : Die, wie ihr sie nennt, »Per­son im Aus­wär­ti­gen Amt« ver­kör­pert die gno­sti­sche Rea­li­täts­fin­ster­nis in Rein­kul­tur, die als Patho­lo­gie der Poli­tik in der west­li­chen, libe­ra­len Demo­kra­tie das Licht der Auf­klä­rung über­schat­tet. Unse­re Staats­män­ner waren bis ins frü­he 20. Jahr­hun­dert immer Men­schen des Forums, die auf der Büh­ne in frei­er Rede um Stim­men für ihre Welt­ent­wür­fe war­ben. Oft kan­tig, bis­wei­len exzen­trisch, nie ange­passt. Heu­te muss man sich nur eine Fra­ge stel­len: Wie stün­den in sol­cher Lage unse­re unfä­hi­gen und wild mit abstrak­ten Begrif­fen han­tie­ren­den, poli­ti­schen Klo­ne und inhalts­lee­ren Phra­sen­dre­scher da, die wir Abend für Abend über die Bild­schir­me flim­mern sehen? Auf das Ende einer Glo­ba­li­sie­rung unter west­lich-woker Hege­mo­nie und die Her­aus­bil­dung von neu­en öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Groß­räu­men, auf die Rück­kehr des Natio­nal­staats als zen­tra­ler Akteur auf der Welt­büh­ne, hat die Bun­des­au­ßen­mi­ni­ste­rin auch mit der besten Visa­gi­stin neben poli­tisch kor­rek­ten Phra­sen kei­ne Ant­wort. Wie soll­te sie auch, wenn das Come­back einer Poli­tik der natio­na­len Stär­ke, das wir in Chi­na, in Indi­en, im Nahen Osten, in Russ­land und auch bei vie­len unse­rer euro­päi­schen Nach­barn sehen, ihrem Den­ken wesens­fremd sein muss? Mit Deutsch­land habe er nie viel anfan­gen kön­nen, hat Robert Habeck ein­mal geschrie­ben. Anna­le­na Baer­bock hat wohl mit ähn­li­chem Bewusst­sein das Bis­marck-Zim­mer im Aus­wär­ti­gen Amt umbe­nannt, sie hat vor einem Tref­fen der G7 das Kreuz aus dem Frie­dens­saal in Mün­ster ent­fer­nen las­sen, in dem nach 30 Jah­ren Krieg 1648 der Frie­den zwi­schen den Kon­fes­sio­nen geschlos­sen wur­de. Sol­che Gesten zei­gen, dass Geschich­te, Tra­di­tio­nen, natio­na­les Selbst­be­wusst­sein und natio­na­le Inter­es­sen in ihrem »wer­te­ge­lei­te­ten«, west­lich-woken Den­ken kei­ne Rol­le spie­len. Inter­es­sen der Deut­schen sind der selbst­er­nann­ten Welt­mei­ste­rin der Moral fremd, deut­sche Inter­es­sen gehen bei ihr auf in Inter­es­sen der EU-Büro­kra­tie. Kein Fran­zo­se, kein Ita­lie­ner oder Pole,
sei er links oder rechts, wür­de abstrak­te euro­päi­sche Inter­es­sen über rea­le natio­na­le Inter­es­sen stel­len. Bei der deut­schen Außen­mi­ni­ste­rin, die nicht deut­sche, son­dern femi­ni­sti­sche Außen­po­li­tik machen will, tritt schlicht das »Huma­ni­tä­re« an die Stel­le des »Mis­sio­na­ri­schen«, mit der im Zeit­al­ter des Impe­ria­lis­mus »wer­te­ba­sier­te« Poli­tik begrün­det wur­de. Jetzt, mit Donald Trump als ame­ri­ka­ni­schem Prä­si­den­ten, beschwö­ren die deut­schen Eli­ten Euro­pa und sei­ne Geschlos­sen­heit und die­se »Wer­te« – und als ein­zig sicht­ba­re Sinn­bil­der dafür wer­den Zen­sur im Inter­net, grü­ne und woke Trans­for­ma­ti­on und eine irgend­wie zu finan­zie­ren­de, euro­päi­sche Sicher­heits­po­li­tik genannt. Doch auch in der EU wer­den die Deut­schen poli­tisch zu Gei­ster­fah­rern. Die Bun­des­wehr ist in deso­la­tem Zustand, der Wehr­wil­le schwach, das Schei­tern der Habeck­schen Ener­gie­po­li­tik wie der deut­schen Migra­ti­ons­po­li­tik ist offen­sicht­lich, inter­na­tio­nal wird das Land mit sei­nem Schei­tern und mit sei­nem Mora­lis­mus zur Lach­num­mer. Kein Wun­der, dass nie­mand mehr die­sem deut­schen Son­der­weg fol­gen mag.

A S T E R : Schon per­sön­lich be ‑bzw. getrof­fen von der grün­ver­färb­ten Ampel-Poli­tik der Ernied­ri­gung?

G E R M I S : Na klar. Es wäre ein Wun­der, wären die Ent­schei­dun­gen der Ampel­re­gie­rung der letz­ten Jah­re an mir ohne Wir­kung vor­über­ge­gan­gen …

A S T E R : Der ver­meint­li­che Wan­del — wir spra­chen dar­über — ist viel mehr Verwand­lung. Der­ge­stalt, dass — etwa Davos, in sei­nem bos­haft glo­ba­len Geflecht all­mäh­lich aus­die­nend — ganz ein­fach nur — Dank des Nach­wuch­ses des Ver­der­bens — neue For­men annimmt, in sei­ner sta­bi­len Nie­der­tracht und sei­nen Pro­jek­ten, getarnt mit dem Segen, gegen „sozia­le Unge­rech­tig­keit“ anzu­kämp­fen, aber gleich bleibt. Wie sag­te der Prä­si­dent der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on — Jean- Clau­de Jun­cker: „Wir beschlie­ßen etwas, stel­len das dann in den Raum und war­ten eini­ge Zeit ab, was pas­siert. Wenn es dann kein gro­ßes Geschrei gibt und kei­ne Auf­stän­de, weil die mei­sten gar nicht begrei­fen, was da beschlos­sen wur­de, dann machen wir wei­ter — Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ Als Ali­bi der Tyran­nen hat Albert Camus das Wohl des Vol­kes bezeich­net, wie Miryam Muhm in ihrem Buch Die Kra­ke von Davos aus­führt. Ade­nau­er könn­te man als den Champ sol­cher poli­ti­scher Unfall­chir­ur­gie bezeich­nen. Wor­auf dür­fen wir uns die näch­sten Jah­re freu­en?

G E R M I S : Freu­en wohl auf nicht so viel. Wenn Trump am Ende nicht wie­der alle über­rascht, dürf­ten die Han­dels­kon­flik­te zwi­schen den Groß­räu­men zuneh­men. Das Tref­fen in Davos in die­ser Woche zeigt deut­lich, dass sich die Din­ge ändern, vor­bei die Träu­me vom eli­ten­ge­steu­er­ten, grü­nen »gre­at reset« zu einer »bes­se­ren Welt«. Euro­pa wird den Anschluss wei­ter ver­pas­sen und zum über­al­ter­ten Muse­um der Welt. Zwar wer­den als Ant­wort auf das Ster­ben der Indu­strien voll­mun­di­ge Bekennt­nis­se ver­kün­det, nun bei Digi­ta­li­sie­rung, bei der Künst­li­chen Intel­li­genz, bei der Platt­form­öko­no­mie, beim »grü­nen« Was­ser­stoff ganz vor­ne mit­zu­spie­len – lei­der sind die­se neu­en Tech­no­lo­gien aber so ener­gie­in­ten­siv, dass Unter­neh­men bei anhal­ten­der, grü­ner Trans­for­ma­ti­on à la Habeck und von der Ley­en über­haupt kei­nen Anreiz hät­ten, aus­ge­rech­net in die EU oder gar nach Deutsch­land zu gehen. Ohne Tech­nik aus Chi­na und den USA wür­de unse­re grü­ne Trans­for­ma­ti­on heu­te schon mit einer Mär­chen­stun­de am Lager­feu­er enden. Fach­kräf­te feh­len uns auch, weil die abwan­dern, wäh­rend sich Sozi­al­staats­bü­ro­kra­ten neben Gleich­stel­lungs- und Anti­ras­sis­mus­be­auf­trag­ten in Gehalts­grup­pe A 14 auf­op­fe­rungs­voll lie­ber um die Mas­sen ein­ge­wan­der­ter, bil­dungs­fer­ner Bür­ger­geld­ler küm­mern. Dass der plan­bü­ro­kra­ti­sche Weg Robert Habecks und sei­ner grü­nen Denk­fa­bri­ken – deren Akti­vi­sten jetzt auf gut­do­tier­ten und unkünd­ba­ren Beam­ten­po­sten Platz genom­men haben – weder Wohl­stand und Sozi­al­staat sichern, noch dem Kli­ma dient, haben außer­halb Deutsch­lands wohl fast alle ver­stan­den. In den USA hat die­ser »vibe shift« Trump wie­der ins Amt gespült. In Deutsch­land aber …

A S T E R : Tun wir es, tun wir das Wider­lich­ste und reden von Par­tei­en. Wel­che der 41 Antre­ten­den dür­fen auf den Zir­kus hof­fen? Zudem, wie funk­tio­niert das genau — die stel­len jetzt ihr Pro­gramm vor, ihre Kalei­do­sko­pe der Lügen und wer/wie die aber­wit­zi­gen Lebens­mit­tel­prei­se und die Schul­den­brem­se sen­ken will, von Migra­ti­on gar nicht gespro­chen, und das alles doch in Wahr­heit gar nicht vor­hat, son­dern — wie die Lin­ke auf ihrem Wahl­pla­kat ent­hüllt — die Par­tei­en nur regie­ren wol­len, statt zu ver­än­dern — und am Ende also gewinnt der Ver­ein, der … ?

G E R M I S : Da ist alles offen. Ändern wird sich am Ende ohne­hin nicht viel. Nach gegen­wär­ti­gem Stand wird Fried­rich Mer­zens Traum wahr, und er wird Kanz­ler und der Kanz­ler­wahl­ver­ein CDU darf wie­der regie­ren. Nur: Merz hat kei­ne Chan­ce, die im Wahl­kampf ver­spro­che­ne Wen­de in der Poli­tik umzu­set­zen, all die net­ten Ange­bo­te, die er jetzt ins Schau­fen­ster legt, wer­den die Wäh­ler am Ende nicht bekom­men. Eine Mehr­heit bekommt Merz nur mit der SPD oder mit den Grü­nen. Und war­um soll­ten die plötz­lich einer ande­ren Ener­gie­po­li­tik zustim­men? War­um soll­ten sie plötz­lich die Migra­ti­on in den Sozi­al­staat begren­zen, wie das die ita­lie­ni­sche, die däni­sche, die schwe­di­sche, die unga­ri­sche Regie­rung erfolg­reich vor­ge­macht haben? Und war die Ampel 2021 nicht eine Ant­wort auf die schreck­li­chen Jah­re der Sta­gna­ti­on und des Still­stands mit den schwarz-roten Koali­tio­nen zuvor, deren Pro­gramm sich auf den Satz beschränk­te: Eini­gung auf den klein­sten gemein­sa­men Nen­ner und außer­dem nichts gegen die Grü­nen, die im Bun­des­rat die Veto­macht haben.

A S T E R : Die Men­schen blicken laut Trend mit Sor­ge auf die Wahl. Die FDP schnei­det beson­ders übel ab. Grot­ten­schlech­tes Per­so­nal und Wirk­lich­keits­fer­ne, Hab­gier, Irr­sinn und deut­sche Selbst­ver­leum­dung in allen Par­tei­en vor­han­den — Aus­nah­men und Per­sön­lich­kei­ten (kaum noch da) aus­ge­nom­men. Die ver­meint­li­che Einig­keit bei CDU/CSU kauft man nicht ab — zumal Söder ein­fach cha­ris­ma­ti­scher, glaub­wür­di­ger und anstän­di­ger wirkt als jeder Riva­le. Söder hat rich­tig Kennt­nis, trägt rhe­to­ri­sches Geschmei­de en mas­se in sich, liebt Geschich­te und Men­schen, der hat Salz und Pfef­fer, argu­men­tiert mit histo­risch-psy­cho­lo­gi­schen Beweg­grün­den, kennt sich aus mit Lud­wig II., mit Bis­marck und Napo­le­on und damit ist er ein Lieb­ha­ber Deutsch­lands! FÜR jeman­den sein, um an die Macht zu kom­men und dann gegen den­je­ni­gen, um an der Macht zu BLEIBEN. So denkt und spricht er. Das hat eine gewis­se Kraft und Anmut. Allein, kriegt man nicht irgend­wann Krebs, wenn man den gan­zen Tag lang Leu­ten die Hand schüt­telt, die man eigent­lich nicht lei­den kann, aber erst mal so tun muss, als ob?

G E R M I S : Die Aus­wüch­se der Par­tei­en­de­mo­kra­tie hat wäh­rend der ersten Gro­ßen Koali­ti­on schon der Phi­lo­soph Karl Jas­pers scharf kri­ti­siert. »Staats­ge­sin­nung ist bei uns viel­fach noch Unter­ta­nen­ge­sin­nung, nicht demo­kra­ti­sche Gesin­nung des frei­en Bür­gers. Zwar schimpft der Unter­tan, wo es für ihn ohne Gefahr ist und fol­gen­los bleibt, aber er gehorcht und hat Respekt und han­delt nicht.« Das erklärt auch, war­um ein Straf­ge­setz, das Regie­rungs­po­li­ti­ker vor Maje­stäts­be­lei­di­gung schützt und neben­bei eine gan­ze Indu­strie an staats­fi­nan­zier­ten pri­va­ten (gesi­chert woken) Assi­stenz- und
Denun­zia­ti­ons­por­ta­len ernährt, hier­zu­lan­de wider­stands­los durch­zu­set­zen ist. Das ist unde­mo­kra­tisch, das ist das Han­deln eines Obrig­keits- und Maß­nah­men­staa­tes. Am Ende haben wir eine Klas­se denk­fau­ler und ange­pass­ter Phra­sen­dre­scher in Amt und Wür­den, die nicht anecken und bes­ser kei­nen eige­nen Gedan­ken äußern, der der Kar­rie­re scha­den könn­te. Ein Sym­ptom die­ses Zustan­des ist es, daß immer weni­ger Men­schen Ver­ant­wor­tung im Gan­zen und für das Gan­ze zu über­neh­men fähig und bereit sind. Das durch­dringt im Par­tei­en­staat alle Ebe­nen – der Staat wird der Par­tei unter­stellt. Wie anders soll­te man sonst ver­ste­hen, dass der thü­rin­gi­sche Ver­fas­sungs­schutz­chef im Bun­des­tags­wahl­kampf aus­drück­lich die staat­li­che Neu­tra­li­täts­pflicht sei­nes Bun­des­amts in Fra­ge stellt und den Inlands­ge­heim­dienst offen für den par­tei­po­li­ti­schen Kampf gegen die Oppo­si­ti­on miß­brau­chen will. Sol­che Leu­te genie­ßen es, aus dem Hän­de­schüt­teln Gleich­ge­sinn­ter ihre Bestä­ti­gung zu zie­hen. Ob aus­ge­rech­net der bay­ri­sche Wen­de­hals Mar­kus Söder anders ist, soll­te man einen nord­deut­schen Skep­ti­ker bes­ser nicht fra­gen.

A S T E R : Deutsch­land, das ist nur noch Selbst­hass und Pro­fit damit. Deutsch­land gegen Rechts. Und Links? Links ver­fault. Die Mil­lio­nen, die an gegen-Rechts-Pro­jek­te gehen, sind beträcht­lich. Wir bei der ASTER sagen so: Den Men­schen wird nichts ande­res als ein schlech­tes Gewis­sen ein­ge­re­det. Die gan­ze Zeit. Unun­ter­bro­chen. In allem Erdenk­li­chen. Die never-ending-sto­ry der Ger­man Schuld geht in die näch­ste Run­de. Eine pro­phe­ti­sche Skiz­ze bit­te!

G E R M I S : Wei­te Tei­le der herr­schen­den Milieus kön­nen mit dem Begriff Deutsch­land, mit dem Natio­na­len nichts mehr anfan­gen. Die mehr als 1000 Jah­re über­lie­fer­ter deut­scher Geschich­te wer­den umge­deu­tet zu einem linea­ren Pro­zess, der auf die 12 Jah­re der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Dik­ta­tur hin­aus­lief. Erst die 68er, die Lin­ken und die Grü­nen hät­ten danach die wah­re deut­sche Demo­kra­tie geschaf­fen. Das ist erstens Unsinn, zwei­tens poli­tisch fatal. Wie sol­len sich Ein­wan­de­rer stolz in eine Gesell­schaft inte­grie­ren, deren Geschich­te und Tra­di­tio­nen, ja selbst deren über­lie­fer­te Spra­che, von den Eli­ten die­ses Lan­des offen ver­ach­tet wird? Das gebets­müh­len­ar­tig wie­der­hol­te »Nie wie­der«, das wir täg­lich in ARD und ZDF hören, wird zur Phra­se, wenn jeder freie Geist von den lin­ken Eli­ten, jeder grund­le­gen­de Wider­spruch gegen die Poli­tik der herr­schen­den Par­tei­en­olig­ar­chie als Angriff auf ihre kul­tu­rel­le Hege­mo­nie und des­we­gen als »gesi­chert rechts« denun­ziert und zuneh­mend auch ver­folgt wird. Die­se Ansät­ze zur Abwer­tung des frei­en Gei­stes wei­sen auf Wege zu einem dro­hen­den auto­ri­tä­ren Regime hin. Es gibt kei­ne ziel­be­wuss­te Len­kung dahin, kei­ne pla­nen­de Orga­ni­sa­ti­on – aber es zei­gen sich koin­zi­die­ren­de Kräf­te und Gesin­nun­gen, die dort­hin füh­ren könn­ten. Es ist ja kein Zufall, dass die bei­den ein­zi­gen grund­le­gen­den Oppo­si­ti­ons­par­tei­en – AfD und BSW — , die die Reprä­sen­ta­ti­ons­lücke ohne eige­ne Anstren­gung fül­len, die die eta­blier­ten Par­tei­en durch ihre Rea­li­täts­leug­nung auf­rei­ßen, unter Faschis­mus­ver­dacht gestellt wer­den und die AfD in Tei­len bereits vom Inlands­ge­heim­dienst ver­folgt und wohl auch schon syste­ma­tisch zer­setzt wird. Über Geset­ze wird zudem ver­sucht, die woke Ideo­lo­gie auf Dau­er fest­zu­schrei­ben. Wer den lin­ken Posi­tio­nen wider­spricht, muss im neu­en Deutsch­land mit Besuch vom Staats­an­walt rech­nen. Wer
behaup­tet, bio­lo­gisch gebe es nur zwei Geschlech­ter, kommt an den Pran­ger. Wer sagt, ein isla­mi­sches Kali­fat mit der Scha­ria sei frei­heits­feind­lich, kommt an den Pran­ger. Wer sagt, Kli­ma­wan­del sei nicht allein men­schen­ge­macht und plan­wirt­schaft­lich nicht steu­er­bar, kommt an den Pran­ger. Das sprach­li­che Wahr­heits­sy­stem aber, das in den letz­ten Jah­ren auf­ge­baut wor­den ist, bröckelt. So ist es auch mit der ewi­gen Schuld der Deut­schen. Kann man nicht stolz sein auf einen preu­ßi­schen Staat, in dem es Bil­dung für alle schon frü­her gab als anders­wo? Auf die Ent­wick­lung eines deut­schen Natio­nal­be­wusst­seins in den Befrei­ungs­krie­gen gegen Napo­le­on? Auf die wis­sen­schaft­li­che, kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Viel­falt im Kai­ser­reich, hin­ter der die unse­rer Zeit mit ihrem Kon­for­mi­täts­druck weit zurück­fällt? Mit Blick auf die 12 Jah­re NS-Zeit kann es nicht um Schuld gehen, denn nie­mand der spä­ter gebo­ren wur­de, trägt Schuld dar­an. Und eine Kol­lek­tiv­schuld gibt es nicht. Was es gibt, ist eine Ver­ant­wor­tung, die sich aus die­ser Erfah­rung ablei­tet. Die wür­de aber auch die Leh­re zie­hen müs­sen, dass es in der Demo­kra­tie immer eine poli­ti­sche Oppo­si­ti­on geben muss – bei lin­ker Herr­schaft zwangs­läu­fig eine rech­te — die das glei­che Recht hat, die Macht anzu­stre­ben wie die, die gera­de herr­schen. »Mit der Auf­he­bung des Spiels der Oppo­si­ti­on als unent­behr­li­chen Fak­tor der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Staa­tes, hört die demo­kra­ti­sche Frei­heit auf«, hat Karl Jas­pers gewarnt. „Denn der poli­ti­sche Kampf im Den­ken der Bevöl­ke­rung hört auf.« Wenn alle Anders­den­ken­den zu Nazis erklärt wer­den, ist am Ende jeder und nie­mand mehr Nazi; und auf dem Acker der woken, deut­schen Demo­kra­tie herrscht Fried­hofs­ru­he. Gera­de die Grü­nen, wel­che List der Geschich­te, tra­gen mit ihrer ideo­lo­gi­schen Unbe­dingt­heit und ihrem anti­fa­schi­sti­schen Furor gegen alles »Rech­te« mehr zur Histo­ri­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus bei als Björn Höcke das mit sei­nen Reden je könn­te. Das mag zuge­spitzt klin­gen, aber zum poli­ti­schen Streit gehört ja immer auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Pole­mik.

A S T E R : Pole­mik ist der Spit­zen­tanz lite­ra­risch-poli­ti­scher Publi­zi­stik, in Frank­reich und Eng­land war sie bereits im 16., 17. und 18. Jahr­hun­dert ein eige­nes Gen­re aus­ge­wähl­ter Hoch­klas­se­mei­ster der jewei­li­gen, poli­ti­schen Echt­zeit — weni­ge Stim­men nur, die jedoch das gro­ße, gedank­li­che Kli­ma einer gan­zen Gesell­schaft in der Kür­ze der Poin­tie­rung würz­ten. Geschmack und Kön­nen, gei­sti­ge Herr­schaft und ein­füh­len­des Wis­sen waren und sind die Schlüs­sel. Saf­tig und mali­zi­ös muss sie sein, wie ein Freund es neu­lich treff­lich umsang. War­um aber ver­wech­seln so vie­le klei­ne Möch­ter­ger­ne da
drau­ßen die fein­mäch­ti­ge und rück­sichts­lo­se Sen­se der Uner­bitt­lich­keit des öffent­li­chen Wor­tes mit inter­nen Obszö­ni­tä­ten, die doch nur durch­sickern las­sen, dass sie den gei­sti­gen Angriff, den bru­ta­len Wort­über­fall und die Lie­be im Bösen nicht beherr­schen? Der wun­der­vol­le, melan­cho­lisch düste­re Anton von Wer­ner, Hof­ma­ler des letz­ten deut­schen Kai­sers und der Abbil­der deut­scher Geschich­te schlecht­hin, ja Mei­ster­voll­ender der Kai­ser­pro­kla­ma­ti­on mit Bis­marck im Bild (es gab meh­re­re Fas­sun­gen: die ein­zig erhal­te­ne ist die Fried­richs­ru­her Fas­sung, eine ande­re befand sich im Ber­li­ner Zeug­haus in der Herr­scher­hal­le, die bei einem SCHÄBIGEN Bom­ben­an­griff der Alli­ier­ten 1944 zer­stört wur­de; das Gemäl­de zeigt den Grün­dungs­akt des Zwei­ten Deut­schen Kai­ser­reichs, — „es gibt kei­ne prä­gnan­te­re Dar­stel­lung die­ses Ereig­nis­ses“ (Domi­nik Bart­mann) … „der Staat selbst war jetzt ein Gesamt­kunst­werk, das sich in Kunst und Geschich­te und in der Fik­ti­on von Ver­gan­gen­heit und Zukunft als Gegen­wart prä­sen­tier­te und damit auch reprä­sen­tier­te“ (Ekke­hard Mai) — die­ser anbe­tungs­wür­di­ge Anton von Wer­ner also, der — zurecht — mit manch einem daher­ge­lau­fe­nen, moder­nen Maler nichts anfan­gen woll­te, nann­te das pracht­vol­le Palet­ten­ge­su­deln der Impres­sio­ni­sten — Kli­stie­ren und Wich­sen auf der Lein­wand. Wie nennt ein Ger­mis die Maul-und Klau­en­seu­che ein­zel­ner Toll­wü­ti­ger auf X oder auch auf spät­pu­ber­tä­ren Web­sites? Man­che wer­den sich ganz von allein auf­fres­sen, rich­tig?

G E R M I S : Da wer­den wir doch gleich noch ein­mal pole­misch. Auf X und der einen oder ande­ren gebrand­mark­ten Web­site ent­decke ich neben aller­lei dump­fem Res­sen­ti­ment und geist­lo­ser Selbst­über­schät­zung oft mehr Beden­kens­wer­tes und Infor­ma­tio­nen als in den Talk Shows oder Bei­trä­gen und Kom­men­ta­ren von ARD und ZDF, wo Sprech­pup­pen voll­kom­men humor­frei im Saskia-Esken-Sound die Macht ihres poli­ti­schen Wahr­heits­re­gimes ver­tei­di­gen. Da flim­mern immer wie­der grü­ne oder lin­ke Pres­se­mit­tei­lun­gen und Welt­deu­tun­gen in Form gefäl­li­ger Bewegt­bil­der — ver­kauft als unab­hän­gi­ge Bericht­erstat­tung — über die Bild­schir­me. Im Netz hal­ten immer mehr Men­schen mit Bei­trä­gen dage­gen, ent­lar­ven die­se Mani­pu­la­tio­nen und die Unter­drückung von Nach­rich­ten über Skan­da­le, in denen »Pro­gres­si­ve« eine Rol­le spie­len. Die Mani­pu­la­ti­on durch die öffent­lich­recht­li­chen Sen­der ist mitt­ler­wei­le so offen­sicht­lich, dass ihre schnapp­at­men­den Jour­na­li­sten­dar­stel­ler mehr zur Dele­gi­ti­mie­rung des Staats bei­tra­gen als die dümm­li­chen Paro­len von ein paar »gesi­chert rechts­extre­men« Neo­na­zis auf Tik­tok. Zwei Zah­len, über die Mat­thi­as Brod­korb jüngst im Cice­ro berich­te­te, mögen das zei­gen: Als die AfD ihren Bun­des­par­tei­tag dort stream­te, zähl­te die Über­tra­gung bin­nen nur 24 Stun­den allein auf der Platt­form X sage und schrei­be mehr als sie­ben Mil­lio­nen Zuschau­er. Das ist eine Ent­wick­lung, die für die poli­ti­sche Öffent­lich­keit einer Revo­lu­ti­on gleich­kommt. Die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der haben es geschafft, mit ihrer Brand­mau­er gegen die rech­te Oppo­si­ti­on das media­le Insti­tu­tio­nen­ge­fü­ge ein­bre­chen zu las­sen. Die von ARD, ZDF, Spie­gel, Stern und Co. aus­ge­grenz­te AfD braucht die eta­blier­ten Medi­en nicht mehr, um zu den Bür­gern Kon­takt her­zu­stel­len. Zum Ver­gleich: Auch die SPD über­trug ihren Par­tei­tag live auf der Platt­form You­Tube und erreich­te bin­nen 24 Stun­den weni­ger als 6000 Auf­ru­fe. Die tra­di­tio­nel­len Medi­en geben in ihrem rot-grü­nen Kon­for­mis­mus ohne Not ein Geschäfts­mo­dell auf, das seit vie­len Jahr­zehn­ten Bestand hat­te. X und Tik­tok ste­hen mehr als jede ande­re Platt­form für die­se Dis­rup­ti­on, bei der sich noch nicht erah­nen lässt, wie die Medi­en­land­schaft der Zukunft aus­se­hen wird. Zen­sur ist dabei auch im Netz selbst­re­dend berech­tigt und begründ­bar, wenn Straf­ge­set­ze ver­letzt wer­den, wenn es um Auf­ru­fe zu Straf­ta­ten oder deren Ver­herr­li­chung geht, um Ter­ro­ris­mus, Kin­des­miss­brauch, sexu­el­le Gewalt – eben alles, was neben dem Anstand auch die Straf­ge­set­ze ver­bie­ten. Ver­fol­gung ist dann die Auf­ga­be staat­li­cher Behör­den. Was wir erle­ben, ist aber die Aus­glie­de­rung der Zen­sur an pri­va­te, auch an »gesi­chert links­extre­me« Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen des woken, poli­ti­schen Lagers wie zum Bei­spiel die Ama­deo-Anto­nio-Stif­tung oder das mehr­fach der Lüge über­führ­te »Recherche«portal Cor­rec­tiv. Zen­siert wer­den von denen nicht falsch berich­te­te »Tat­sa­chen«, son­dern fast nur poli­ti­sche Bewer­tun­gen von Tat­sa­chen. Und da die Zen­so­ren eher schlich­te, lin­ke Zeit­ge­nos­sen mit eben­so schlich­ten Bewer­tun­gen sind, erwischt es zwangs­läu­fig fast aus­schließ­lich kon­ser­va­ti­ve, quer­den­ken­de, rech­te und unor­tho­do­xe Den­ker. Lan­ge vor­bei sind die Zei­ten, in denen Zen­so­ren klü­ger sein muss­ten als die Leser. Doch die­se Medi­en­po­li­tik, die die Gate­kee­per-Funk­ti­on der rot­grü­nen Schmocks in den Main­stream­re­dak­tio­nen nun im Netz um die Dis­kurs­kon­trol­le mit Hil­fe lin­ker Denun­zia­ti­ons­grup­pen erwei­tern will, ist dank Trumps Wahl­sieg wohl auch in der EU nicht mehr lan­ge durch­zu­hal­ten. In den USA kommt die Zen­sur durch woke »tru­sted flag­ger« schon ans Ende – und staat­lich gelob­te Alter­na­ti­ven zu X wie Blue Sky oder Mast­o­don wer­den wirt­schaft­lich wohl kaum Erfolg haben. Jen­seits der selbst­ge­rech­ten Phra­sen der rot-grü­nen Bla­se mit der gepfleg­ten Lan­ge­wei­le ihres »Kamp­fes gegen rechts«, mit ihren poli­tisch kor­rek­ten Sprech­bla­sen und den Hym­nen auf Robert Habeck, »ein Mensch, ein Wort«, dürf­te deren öde Kon­for­mi­tät wohl kaum brei­te­re Auf­merk­sam­keit fin­den. Wenn alle nur eine Mei­nung haben dür­fen, wird poli­ti­scher Streit eben lang­wei­lig.

A S T E R : Was war ein gelun­ge­ner Moment im Wei­del-Musk-Gespräch und was hat Musk eigent­lich damit zu tun, dass die Ukrai­ne noch nicht ganz weg ist vom Fen­ster?

G E R M I S : Dass Elon Musk die Ukrai­ne über sein Satel­li­ten­netz­werk mit mili­tä­risch rele­van­tem Daten­zu­gang ver­sorg­te, ist bekannt. Ohne Musk wären die erfolg­rei­chen Angrif­fe mit moder­ner, west­li­cher Tech­nik kaum mög­lich gewe­sen. Etwas irri­tie­rend ist für mich, dass Musk – weil er ja nun als Rech­ter gilt –von »wis­sen­schaft­li­chen« Denk­fa­bri­ken der Bun­des­re­gie­rung plötz­lich als Putin­na­her Olig­arch bezeich­net wird, der mit Macht ohne Legi­ti­mi­tät die west­li­che Ukrai­ne-Poli­tik ent­glei­sen las­se. Wis­sen­schaft ver­kommt da zur gno­sti­schen Theo­lo­gie. Da sind wir wie­der beim Welt­reich der Träu­me – hier bes­ser ihrer Alb­träu­me -, in denen die deut­schen Eli­ten Welt­mei­ster sind. Es ist wohl eher Olaf Scholz, der mit sei­nem Pseu­do-Frie­dens­wahl­kampf die west­li­che Ukrai­ne-Poli­tik ent­glei­sen lässt. Ali­ce Wei­del fand ich im Gespräch mit Musk eher schlecht, nicht nur wegen ihres alber­nen, grou­pie­haf­ten Kicherns. Sie hat die Chan­ce, die Musk ihr bot, nicht genutzt. Des­we­gen war für mich am Ende am span­nend­sten noch die Fra­ge nach dem Mars­pro­jekt, der Erobe­rung des Welt­alls durch den Men­schen. Musk ist ja stark von Sci­ence-Fic­tion-Lek­tü­re geprägt; aber als Pio­nier der Elek­tro­mo­bi­li­tät und vie­ler ande­rer Pro­jek­te, mit denen er von fos­si­ler Ener­gie weg­will, hat er für Kli­ma­schutz wohl mehr getan als alle grü­nen Kabi­netts­mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung zusam­men. War­um soll­te er das bei der Welt­raum­fahrt nicht wie­der­ho­len?

A S T E R : Und nach all dem … was ist denn nun der wah­re Name der Rose, Car­sten?

G E R M I S : Das Geheim­nis des Namens der Rose hat Umber­to Ecco schon 1980 gelüf­tet. Es ist der Weg vom Logos zurück zur Öff­nung zum Mythos und damit zur Reha­bi­li­tie­rung des Lachens. Uns sind Lachen, Selbst­iro­nie und Humor ver­lo­ren gegan­gen, wie wohl jeder auf­merk­sa­me Fla­neur in den Städ­ten bestä­ti­gen kann. Lachen befreit uns von den Fana­tis­men aller Art, die unser Den­ken im Griff hal­ten, auch vom abso­lu­ten Anspruch auf Wahr­heit, den die woke Gene­ra­ti­on des Unbe­ding­ten wie eine Mon­stranz vor sich her­trägt. Kri­ti­ker sagen, eine Kul­tur des Lachens ist immer resi­gna­tiv, weil sie sich mit dem Bestehen­den abfin­det. Ich hal­te das für falsch. Lachen hat eine sub­ver­si­ve Potenz, die Hier­ar­chien und Auto­ri­tä­ten zu zer­set­zen ver­mag. Wer auch über sich selbst lachen kann, weiß, dass es die Wahr­heit nicht gibt, dass Poli­tik immer nur die Suche nach Wahr­hei­ten sein kann mit all ihren Irrun­gen und Wir­run­gen. Die Viel­falt unse­rer Moder­ne kann die pro­pa­gier­te bun­te Regen­bo­gen­ge­sell­schaft nicht erzwin­gen, die Sum­me der Ein­zel­far­ben ergibt immer ein dunk­les Grau. Auch die Algo­rith­men mit ihrem Ent­we­der — Oder, Schwarz — Weiß erfas­sen die graue Viel­falt mensch­li­cher Exi­stenz und mensch­li­chen Den­kens nicht. Grau ist der natür­li­che Farb­wert des Men­schen, in dem es immer wie­der far­big auf­blitzt und bun­tes Licht gibt, fähig zum Guten wie zum Bösen. Wer das akzep­tiert, kennt den wah­ren Namen der Rose.

Carsten Germis

Car­sten Ger­mis ist Chef­re­dak­teur der Vier­tel­jah­res­schrift für Kon­sens­stö­rung TUMULT, auf kei­nen Fall
zu ver­wech­seln mit TUMULT.ONLINE! Sei­ne redak­tio­nel­le Tätig­keit reicht über vie­le Jah­re und
ver­schie­de­ne Redak­tio­nen, macht ihn zum leicht­fü­ßi­gen Pro­fi. Er kennt den Main­stream von innen,
ent­larvt ein Par­la­ment von außen.
Wer schon ein­mal mit ihm zusam­men­saß, weiß, er ist mit den kri­stall­klar­sten Was­sern poli­ti­scher
Lei­den­schaft gewa­schen. In den Zwan­zi­gern und Anfang der Drei­ßi­ger Jah­re wäre er bei der Ber­li­ner
Welt­büh­ne gewe­sen — fester Mit­ar­bei­ter unter Jacob­sohn und Ossietz­ky.
Rudolf Diels wür­de über Ger­mis sagen, er ist Hand­werk und Tech­nik, die Gegen­tei­le zu Ideo­lo­gie
und Ver­blen­dung.

Dan­ke, für die­ses Gespräch!

A S T E R , 2 2 . I . 2 0 2 5 , D E U T S C H L A N D

Anton von Werner, Selbstbildnis mit Bleistift für die Kaiserproklamation, 1877

22. Januar 2025