Auch nicht in diesen Tagen findet die Politik unseres Landes das g e r a d e Wort.
Natürlich nicht. Selbst „Schlammschlachten“ sind nichts als Frigiditäten, nichts als verlästerte Phrasen. Kleine Leute. Welcher Mensch soll hier noch heiß werden? Welcher Staatsbürger noch handeln? Freche Politiker werden frecher, andere sind gleich im Delirium. Die eigentliche Welt liegt wie hinter dieser Welt verborgen …
Warum spricht Musk eigentlich nicht die Sprache der Ingenieurskunst? — DEUTSCH! Dann wäre sein Gespräch wenigstens pointierter verlaufen. Das kann er nur selbst beantworten. Für den politischen Augenblick: Schönheit und Lachen von Carsten Germis.
A S T E R : Carsten, am 23. Februar wird Deutschland wählen. Ein Land, das keine Wahl hat. Die Luft hier, irgendetwas zwischen eingeschläfert und überreizt. Der Monsun wird ausbleiben, der
reinigende Regensturz einer gesamtgesellschaftlichen Wende und Besinnung. Und nun?
G E R M I S : Von Arthur Schopenhauer stammt ein Satz, der unsere Lage auch heute passend beschreibt: »Ein eigentümlicher Fehler der Deutschen ist, dass sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wolken suchen. «Wer Wahlkampf und Medienberichterstattung verfolgt, kann das gut beobachten. Da werden immer wieder dieselben abstraktesten, inhaltsleeren Formeln, der Traum vom woken, grünen Babelturm in den Wolken nachgebetet; der angeblich drohende Faschismus zum Popanz aufgeblasen und ein neues 1933 an die Brandmauer gemalt. So werden mit dem Furor der gespielten Überreizung die einfachsten und uns unmittelbar angehenden Lebensverhältnisse unverständlich gemacht. Denkfaulheit paart sich mit Feigheit. Auch in den Berliner Katakomben der Macht ahnt mancher, was im Argen liegt; doch noch richten sich die kulturell und politisch hegemonialen Klassen in ihrer Realitätsfinsternis ein. Die Wirklichkeit der wirtschaftlichen Stagnation, die wachsende soziale Spaltung, die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen den Gewinnern der grünen Rentenökonomie und denen, die diese Umverteilung mit ihren Steuern und Abgaben finanzieren müssen und denen selbst immer weniger bleibt, halten sie mit Gewalt von ihrer Wagenburg fern. Kaum jemand stellt die Frage, wie weit der Praktikant im Bundeswirtschaftsministerium für Stagnation und Talfahrt der Industrie verantwortlich ist. Wie tief dennoch die Angst sitzt, die durch den Druck der Wirklichkeit und der Vernunft immer größer wird, lässt sich an der Gewaltsamkeit und Härte der Imaginatoren erkennen, an den Strafanzeigen gegen Kritiker ihrer Macht, am gesellschaftlichen Boykott gegen Andersdenkende. Heimito von Doderer hat diese Flucht in gnostische Parallelwelten als »zweite Realität« bezeichnet. In dieser »zweiten Realität« hat sich die herrschende Klasse selbsternannter progressiver Polit-Avantgardisten mit ihrer Priesterschaft in Medien, Schulen und Universitäten eingerichtet. Realitätsleugnung ist für Gnostiker Programm. Sehen wir uns nur die Küchengespräche des grünen »Bündnis-Kanzlerkandidaten« an. Purer Politkitsch, herablassend und gönnerhaft. Doch: »Das Imaginieren einer prophetischen Erlösungswahrheit macht den Imaginator natürlich ebensowenig zum Propheten wie der Traum von einer doxischen Vernunft ihn zum Philosophen macht.« (Eric Voegelin) Klar, so ein Küchenwahlkampf schläfert ein. Nur: Wir erleben, wie jenseits des Wahlkampfes die Wirklichkeit sich immer stärker Bahn bricht. Vor allem abseits der gentrifizierten, innerstädtischen Wohnquartiere erleben die Menschen jeden Tag die Folgen der verfehlten Politik: Das reicht von der Inflation bei Lebensmitteln, explodierenden Energiepreisen, steigenden Sozialabgaben bei schlechteren Leistungen bis zu unbezahlbaren Wohnungen, ist also im Alltag ganz handfest zu spüren. In der Woche, in der wir dieses Gespräch führen, hat eine neuerliche Dunkelflaute die Energiepreise wieder so explodieren lassen, dass ein niedersächsisches Stahlwerk seine Produktion stoppen musste und so den ganzen Irrsinn unserer Form der Energiewende deutlich gemacht hat. Die Industrie stirbt oder wandert ab, immer mehr Unternehmen lassen sich auf der Intensivstation nur noch am staatlichen Subventionstropf als Zombies am Leben erhalten, gut ausgebildete Deutsche verlassen in Scharen das Land, Handwerker finden keine Auszubildenden mehr; bald jeder zweite Deutsche glaubt, seine politischen Meinungen nicht mehr frei äußern zu dürfen. Dabei hören die Menschen aber nicht auf zu denken, weil alles, was sie in ihrem Alltag sehen, provoziert. Der Stimmungsumschwung, der in den USA Donald Trump zurück an die Macht spülte — »vibe shift« nennt der britische Historiker Niall Ferguson ihn – erfasst auch Deutschland und Europa. Wegen des Totalausfalls der etablierten sogenannten »vierten Gewalt« in der Bundesrepublik und der staatlich verordneten Engführung politischen Denkens ist das nahende Ende der Woke-Kultur hierzulande nicht so sichtbar. Der Monsum wird in Deutschland nach dem 23. Februar ausbleiben, vor allem wegen des »antifaschistischen Schutzwalls«, hinter dem sich die Parteienoligarchie aus Union, SPD, Grünen, Linken und Liberalen gegen jede Opposition eingemauert hat. Doch die dunklen Wolken rücken näher.
A S T E R : Als ein „paar Stimmen“ beleidigt die Person aus dem Auswärtigen Amt Menschen, Überzeugungen und Steuergeld hierzulande. Jene Person, die auch weiter im Amt bleiben will: Gott der Allmächtige — bewahre uns davor! Der Endspurt vor den Wahlen ist doch eigentlich die Autobahn in den innersten und letzten, ja zentralen Kreis Dantes. Statt Befreiung, die totale Ankunft in dem seit 2015 abgesprochenen und konstruierten Farce-Schicksal Deutschlands. Die EU setzt gerade Tag und Nacht alle Hebel in Bewegung, mögliche unliebsame Ergebnisse annullieren zu lassen. Corriger la Fortune in seiner schlimmsten Ausartung. Dunkel und geheimnis-elegant schrieb Martin Lichtmesz kürzlich vom Gespenst einer Rückkehr … fürwahr! Einem scheint, alles politische Grauen verschmilzt, widerspiegelt, flüstert um sich, spielt einem Alb und Streich und verschlingt die Hoffnung. Wehe dem, dem nicht Lässigkeit in die Wiege gelegt sondern reichlich Jeanne d´Arcischer Jähzorn. Zarte Gedanken welken … Rat vom Gärtner Germis, der den verborgenen Namen der Rose kennt und einen der schönsten Horti conclusi hegt und pflegt?
G E R M I S : Die, wie ihr sie nennt, »Person im Auswärtigen Amt« verkörpert die gnostische Realitätsfinsternis in Reinkultur, die als Pathologie der Politik in der westlichen, liberalen Demokratie das Licht der Aufklärung überschattet. Unsere Staatsmänner waren bis ins frühe 20. Jahrhundert immer Menschen des Forums, die auf der Bühne in freier Rede um Stimmen für ihre Weltentwürfe warben. Oft kantig, bisweilen exzentrisch, nie angepasst. Heute muss man sich nur eine Frage stellen: Wie stünden in solcher Lage unsere unfähigen und wild mit abstrakten Begriffen hantierenden, politischen Klone und inhaltsleeren Phrasendrescher da, die wir Abend für Abend über die Bildschirme flimmern sehen? Auf das Ende einer Globalisierung unter westlich-woker Hegemonie und die Herausbildung von neuen ökonomischen und politischen Großräumen, auf die Rückkehr des Nationalstaats als zentraler Akteur auf der Weltbühne, hat die Bundesaußenministerin auch mit der besten Visagistin neben politisch korrekten Phrasen keine Antwort. Wie sollte sie auch, wenn das Comeback einer Politik der nationalen Stärke, das wir in China, in Indien, im Nahen Osten, in Russland und auch bei vielen unserer europäischen Nachbarn sehen, ihrem Denken wesensfremd sein muss? Mit Deutschland habe er nie viel anfangen können, hat Robert Habeck einmal geschrieben. Annalena Baerbock hat wohl mit ähnlichem Bewusstsein das Bismarck-Zimmer im Auswärtigen Amt umbenannt, sie hat vor einem Treffen der G7 das Kreuz aus dem Friedenssaal in Münster entfernen lassen, in dem nach 30 Jahren Krieg 1648 der Frieden zwischen den Konfessionen geschlossen wurde. Solche Gesten zeigen, dass Geschichte, Traditionen, nationales Selbstbewusstsein und nationale Interessen in ihrem »wertegeleiteten«, westlich-woken Denken keine Rolle spielen. Interessen der Deutschen sind der selbsternannten Weltmeisterin der Moral fremd, deutsche Interessen gehen bei ihr auf in Interessen der EU-Bürokratie. Kein Franzose, kein Italiener oder Pole,
sei er links oder rechts, würde abstrakte europäische Interessen über reale nationale Interessen stellen. Bei der deutschen Außenministerin, die nicht deutsche, sondern feministische Außenpolitik machen will, tritt schlicht das »Humanitäre« an die Stelle des »Missionarischen«, mit der im Zeitalter des Imperialismus »wertebasierte« Politik begründet wurde. Jetzt, mit Donald Trump als amerikanischem Präsidenten, beschwören die deutschen Eliten Europa und seine Geschlossenheit und diese »Werte« – und als einzig sichtbare Sinnbilder dafür werden Zensur im Internet, grüne und woke Transformation und eine irgendwie zu finanzierende, europäische Sicherheitspolitik genannt. Doch auch in der EU werden die Deutschen politisch zu Geisterfahrern. Die Bundeswehr ist in desolatem Zustand, der Wehrwille schwach, das Scheitern der Habeckschen Energiepolitik wie der deutschen Migrationspolitik ist offensichtlich, international wird das Land mit seinem Scheitern und mit seinem Moralismus zur Lachnummer. Kein Wunder, dass niemand mehr diesem deutschen Sonderweg folgen mag.
A S T E R : Schon persönlich be ‑bzw. getroffen von der grünverfärbten Ampel-Politik der Erniedrigung?
G E R M I S : Na klar. Es wäre ein Wunder, wären die Entscheidungen der Ampelregierung der letzten Jahre an mir ohne Wirkung vorübergegangen …
A S T E R : Der vermeintliche Wandel — wir sprachen darüber — ist viel mehr Verwandlung. Dergestalt, dass — etwa Davos, in seinem boshaft globalen Geflecht allmählich ausdienend — ganz einfach nur — Dank des Nachwuchses des Verderbens — neue Formen annimmt, in seiner stabilen Niedertracht und seinen Projekten, getarnt mit dem Segen, gegen „soziale Ungerechtigkeit“ anzukämpfen, aber gleich bleibt. Wie sagte der Präsident der Europäischen Kommission — Jean- Claude Juncker: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter — Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ Als Alibi der Tyrannen hat Albert Camus das Wohl des Volkes bezeichnet, wie Miryam Muhm in ihrem Buch Die Krake von Davos ausführt. Adenauer könnte man als den Champ solcher politischer Unfallchirurgie bezeichnen. Worauf dürfen wir uns die nächsten Jahre freuen?
G E R M I S : Freuen wohl auf nicht so viel. Wenn Trump am Ende nicht wieder alle überrascht, dürften die Handelskonflikte zwischen den Großräumen zunehmen. Das Treffen in Davos in dieser Woche zeigt deutlich, dass sich die Dinge ändern, vorbei die Träume vom elitengesteuerten, grünen »great reset« zu einer »besseren Welt«. Europa wird den Anschluss weiter verpassen und zum überalterten Museum der Welt. Zwar werden als Antwort auf das Sterben der Industrien vollmundige Bekenntnisse verkündet, nun bei Digitalisierung, bei der Künstlichen Intelligenz, bei der Plattformökonomie, beim »grünen« Wasserstoff ganz vorne mitzuspielen – leider sind diese neuen Technologien aber so energieintensiv, dass Unternehmen bei anhaltender, grüner Transformation à la Habeck und von der Leyen überhaupt keinen Anreiz hätten, ausgerechnet in die EU oder gar nach Deutschland zu gehen. Ohne Technik aus China und den USA würde unsere grüne Transformation heute schon mit einer Märchenstunde am Lagerfeuer enden. Fachkräfte fehlen uns auch, weil die abwandern, während sich Sozialstaatsbürokraten neben Gleichstellungs- und Antirassismusbeauftragten in Gehaltsgruppe A 14 aufopferungsvoll lieber um die Massen eingewanderter, bildungsferner Bürgergeldler kümmern. Dass der planbürokratische Weg Robert Habecks und seiner grünen Denkfabriken – deren Aktivisten jetzt auf gutdotierten und unkündbaren Beamtenposten Platz genommen haben – weder Wohlstand und Sozialstaat sichern, noch dem Klima dient, haben außerhalb Deutschlands wohl fast alle verstanden. In den USA hat dieser »vibe shift« Trump wieder ins Amt gespült. In Deutschland aber …
A S T E R : Tun wir es, tun wir das Widerlichste und reden von Parteien. Welche der 41 Antretenden dürfen auf den Zirkus hoffen? Zudem, wie funktioniert das genau — die stellen jetzt ihr Programm vor, ihre Kaleidoskope der Lügen und wer/wie die aberwitzigen Lebensmittelpreise und die Schuldenbremse senken will, von Migration gar nicht gesprochen, und das alles doch in Wahrheit gar nicht vorhat, sondern — wie die Linke auf ihrem Wahlplakat enthüllt — die Parteien nur regieren wollen, statt zu verändern — und am Ende also gewinnt der Verein, der … ?
G E R M I S : Da ist alles offen. Ändern wird sich am Ende ohnehin nicht viel. Nach gegenwärtigem Stand wird Friedrich Merzens Traum wahr, und er wird Kanzler und der Kanzlerwahlverein CDU darf wieder regieren. Nur: Merz hat keine Chance, die im Wahlkampf versprochene Wende in der Politik umzusetzen, all die netten Angebote, die er jetzt ins Schaufenster legt, werden die Wähler am Ende nicht bekommen. Eine Mehrheit bekommt Merz nur mit der SPD oder mit den Grünen. Und warum sollten die plötzlich einer anderen Energiepolitik zustimmen? Warum sollten sie plötzlich die Migration in den Sozialstaat begrenzen, wie das die italienische, die dänische, die schwedische, die ungarische Regierung erfolgreich vorgemacht haben? Und war die Ampel 2021 nicht eine Antwort auf die schrecklichen Jahre der Stagnation und des Stillstands mit den schwarz-roten Koalitionen zuvor, deren Programm sich auf den Satz beschränkte: Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und außerdem nichts gegen die Grünen, die im Bundesrat die Vetomacht haben.
A S T E R : Die Menschen blicken laut Trend mit Sorge auf die Wahl. Die FDP schneidet besonders übel ab. Grottenschlechtes Personal und Wirklichkeitsferne, Habgier, Irrsinn und deutsche Selbstverleumdung in allen Parteien vorhanden — Ausnahmen und Persönlichkeiten (kaum noch da) ausgenommen. Die vermeintliche Einigkeit bei CDU/CSU kauft man nicht ab — zumal Söder einfach charismatischer, glaubwürdiger und anständiger wirkt als jeder Rivale. Söder hat richtig Kenntnis, trägt rhetorisches Geschmeide en masse in sich, liebt Geschichte und Menschen, der hat Salz und Pfeffer, argumentiert mit historisch-psychologischen Beweggründen, kennt sich aus mit Ludwig II., mit Bismarck und Napoleon und damit ist er ein Liebhaber Deutschlands! FÜR jemanden sein, um an die Macht zu kommen und dann gegen denjenigen, um an der Macht zu BLEIBEN. So denkt und spricht er. Das hat eine gewisse Kraft und Anmut. Allein, kriegt man nicht irgendwann Krebs, wenn man den ganzen Tag lang Leuten die Hand schüttelt, die man eigentlich nicht leiden kann, aber erst mal so tun muss, als ob?
G E R M I S : Die Auswüchse der Parteiendemokratie hat während der ersten Großen Koalition schon der Philosoph Karl Jaspers scharf kritisiert. »Staatsgesinnung ist bei uns vielfach noch Untertanengesinnung, nicht demokratische Gesinnung des freien Bürgers. Zwar schimpft der Untertan, wo es für ihn ohne Gefahr ist und folgenlos bleibt, aber er gehorcht und hat Respekt und handelt nicht.« Das erklärt auch, warum ein Strafgesetz, das Regierungspolitiker vor Majestätsbeleidigung schützt und nebenbei eine ganze Industrie an staatsfinanzierten privaten (gesichert woken) Assistenz- und
Denunziationsportalen ernährt, hierzulande widerstandslos durchzusetzen ist. Das ist undemokratisch, das ist das Handeln eines Obrigkeits- und Maßnahmenstaates. Am Ende haben wir eine Klasse denkfauler und angepasster Phrasendrescher in Amt und Würden, die nicht anecken und besser keinen eigenen Gedanken äußern, der der Karriere schaden könnte. Ein Symptom dieses Zustandes ist es, daß immer weniger Menschen Verantwortung im Ganzen und für das Ganze zu übernehmen fähig und bereit sind. Das durchdringt im Parteienstaat alle Ebenen – der Staat wird der Partei unterstellt. Wie anders sollte man sonst verstehen, dass der thüringische Verfassungsschutzchef im Bundestagswahlkampf ausdrücklich die staatliche Neutralitätspflicht seines Bundesamts in Frage stellt und den Inlandsgeheimdienst offen für den parteipolitischen Kampf gegen die Opposition mißbrauchen will. Solche Leute genießen es, aus dem Händeschütteln Gleichgesinnter ihre Bestätigung zu ziehen. Ob ausgerechnet der bayrische Wendehals Markus Söder anders ist, sollte man einen norddeutschen Skeptiker besser nicht fragen.
A S T E R : Deutschland, das ist nur noch Selbsthass und Profit damit. Deutschland gegen Rechts. Und Links? Links verfault. Die Millionen, die an gegen-Rechts-Projekte gehen, sind beträchtlich. Wir bei der ASTER sagen so: Den Menschen wird nichts anderes als ein schlechtes Gewissen eingeredet. Die ganze Zeit. Ununterbrochen. In allem Erdenklichen. Die never-ending-story der German Schuld geht in die nächste Runde. Eine prophetische Skizze bitte!
G E R M I S : Weite Teile der herrschenden Milieus können mit dem Begriff Deutschland, mit dem Nationalen nichts mehr anfangen. Die mehr als 1000 Jahre überlieferter deutscher Geschichte werden umgedeutet zu einem linearen Prozess, der auf die 12 Jahre der nationalsozialistischen Diktatur hinauslief. Erst die 68er, die Linken und die Grünen hätten danach die wahre deutsche Demokratie geschaffen. Das ist erstens Unsinn, zweitens politisch fatal. Wie sollen sich Einwanderer stolz in eine Gesellschaft integrieren, deren Geschichte und Traditionen, ja selbst deren überlieferte Sprache, von den Eliten dieses Landes offen verachtet wird? Das gebetsmühlenartig wiederholte »Nie wieder«, das wir täglich in ARD und ZDF hören, wird zur Phrase, wenn jeder freie Geist von den linken Eliten, jeder grundlegende Widerspruch gegen die Politik der herrschenden Parteienoligarchie als Angriff auf ihre kulturelle Hegemonie und deswegen als »gesichert rechts« denunziert und zunehmend auch verfolgt wird. Diese Ansätze zur Abwertung des freien Geistes weisen auf Wege zu einem drohenden autoritären Regime hin. Es gibt keine zielbewusste Lenkung dahin, keine planende Organisation – aber es zeigen sich koinzidierende Kräfte und Gesinnungen, die dorthin führen könnten. Es ist ja kein Zufall, dass die beiden einzigen grundlegenden Oppositionsparteien – AfD und BSW — , die die Repräsentationslücke ohne eigene Anstrengung füllen, die die etablierten Parteien durch ihre Realitätsleugnung aufreißen, unter Faschismusverdacht gestellt werden und die AfD in Teilen bereits vom Inlandsgeheimdienst verfolgt und wohl auch schon systematisch zersetzt wird. Über Gesetze wird zudem versucht, die woke Ideologie auf Dauer festzuschreiben. Wer den linken Positionen widerspricht, muss im neuen Deutschland mit Besuch vom Staatsanwalt rechnen. Wer
behauptet, biologisch gebe es nur zwei Geschlechter, kommt an den Pranger. Wer sagt, ein islamisches Kalifat mit der Scharia sei freiheitsfeindlich, kommt an den Pranger. Wer sagt, Klimawandel sei nicht allein menschengemacht und planwirtschaftlich nicht steuerbar, kommt an den Pranger. Das sprachliche Wahrheitssystem aber, das in den letzten Jahren aufgebaut worden ist, bröckelt. So ist es auch mit der ewigen Schuld der Deutschen. Kann man nicht stolz sein auf einen preußischen Staat, in dem es Bildung für alle schon früher gab als anderswo? Auf die Entwicklung eines deutschen Nationalbewusstseins in den Befreiungskriegen gegen Napoleon? Auf die wissenschaftliche, kulturelle und politische Vielfalt im Kaiserreich, hinter der die unserer Zeit mit ihrem Konformitätsdruck weit zurückfällt? Mit Blick auf die 12 Jahre NS-Zeit kann es nicht um Schuld gehen, denn niemand der später geboren wurde, trägt Schuld daran. Und eine Kollektivschuld gibt es nicht. Was es gibt, ist eine Verantwortung, die sich aus dieser Erfahrung ableitet. Die würde aber auch die Lehre ziehen müssen, dass es in der Demokratie immer eine politische Opposition geben muss – bei linker Herrschaft zwangsläufig eine rechte — die das gleiche Recht hat, die Macht anzustreben wie die, die gerade herrschen. »Mit der Aufhebung des Spiels der Opposition als unentbehrlichen Faktor der politischen Willensbildung des Staates, hört die demokratische Freiheit auf«, hat Karl Jaspers gewarnt. „Denn der politische Kampf im Denken der Bevölkerung hört auf.« Wenn alle Andersdenkenden zu Nazis erklärt werden, ist am Ende jeder und niemand mehr Nazi; und auf dem Acker der woken, deutschen Demokratie herrscht Friedhofsruhe. Gerade die Grünen, welche List der Geschichte, tragen mit ihrer ideologischen Unbedingtheit und ihrem antifaschistischen Furor gegen alles »Rechte« mehr zur Historisierung des Nationalsozialismus bei als Björn Höcke das mit seinen Reden je könnte. Das mag zugespitzt klingen, aber zum politischen Streit gehört ja immer auch eine gehörige Portion Polemik.
A S T E R : Polemik ist der Spitzentanz literarisch-politischer Publizistik, in Frankreich und England war sie bereits im 16., 17. und 18. Jahrhundert ein eigenes Genre ausgewählter Hochklassemeister der jeweiligen, politischen Echtzeit — wenige Stimmen nur, die jedoch das große, gedankliche Klima einer ganzen Gesellschaft in der Kürze der Pointierung würzten. Geschmack und Können, geistige Herrschaft und einfühlendes Wissen waren und sind die Schlüssel. Saftig und maliziös muss sie sein, wie ein Freund es neulich trefflich umsang. Warum aber verwechseln so viele kleine Möchtergerne da
draußen die feinmächtige und rücksichtslose Sense der Unerbittlichkeit des öffentlichen Wortes mit internen Obszönitäten, die doch nur durchsickern lassen, dass sie den geistigen Angriff, den brutalen Wortüberfall und die Liebe im Bösen nicht beherrschen? Der wundervolle, melancholisch düstere Anton von Werner, Hofmaler des letzten deutschen Kaisers und der Abbilder deutscher Geschichte schlechthin, ja Meistervollender der Kaiserproklamation mit Bismarck im Bild (es gab mehrere Fassungen: die einzig erhaltene ist die Friedrichsruher Fassung, eine andere befand sich im Berliner Zeughaus in der Herrscherhalle, die bei einem SCHÄBIGEN Bombenangriff der Alliierten 1944 zerstört wurde; das Gemälde zeigt den Gründungsakt des Zweiten Deutschen Kaiserreichs, — „es gibt keine prägnantere Darstellung dieses Ereignisses“ (Dominik Bartmann) … „der Staat selbst war jetzt ein Gesamtkunstwerk, das sich in Kunst und Geschichte und in der Fiktion von Vergangenheit und Zukunft als Gegenwart präsentierte und damit auch repräsentierte“ (Ekkehard Mai) — dieser anbetungswürdige Anton von Werner also, der — zurecht — mit manch einem dahergelaufenen, modernen Maler nichts anfangen wollte, nannte das prachtvolle Palettengesudeln der Impressionisten — Klistieren und Wichsen auf der Leinwand. Wie nennt ein Germis die Maul-und Klauenseuche einzelner Tollwütiger auf X oder auch auf spätpubertären Websites? Manche werden sich ganz von allein auffressen, richtig?
G E R M I S : Da werden wir doch gleich noch einmal polemisch. Auf X und der einen oder anderen gebrandmarkten Website entdecke ich neben allerlei dumpfem Ressentiment und geistloser Selbstüberschätzung oft mehr Bedenkenswertes und Informationen als in den Talk Shows oder Beiträgen und Kommentaren von ARD und ZDF, wo Sprechpuppen vollkommen humorfrei im Saskia-Esken-Sound die Macht ihres politischen Wahrheitsregimes verteidigen. Da flimmern immer wieder grüne oder linke Pressemitteilungen und Weltdeutungen in Form gefälliger Bewegtbilder — verkauft als unabhängige Berichterstattung — über die Bildschirme. Im Netz halten immer mehr Menschen mit Beiträgen dagegen, entlarven diese Manipulationen und die Unterdrückung von Nachrichten über Skandale, in denen »Progressive« eine Rolle spielen. Die Manipulation durch die öffentlichrechtlichen Sender ist mittlerweile so offensichtlich, dass ihre schnappatmenden Journalistendarsteller mehr zur Delegitimierung des Staats beitragen als die dümmlichen Parolen von ein paar »gesichert rechtsextremen« Neonazis auf Tiktok. Zwei Zahlen, über die Matthias Brodkorb jüngst im Cicero berichtete, mögen das zeigen: Als die AfD ihren Bundesparteitag dort streamte, zählte die Übertragung binnen nur 24 Stunden allein auf der Plattform X sage und schreibe mehr als sieben Millionen Zuschauer. Das ist eine Entwicklung, die für die politische Öffentlichkeit einer Revolution gleichkommt. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben es geschafft, mit ihrer Brandmauer gegen die rechte Opposition das mediale Institutionengefüge einbrechen zu lassen. Die von ARD, ZDF, Spiegel, Stern und Co. ausgegrenzte AfD braucht die etablierten Medien nicht mehr, um zu den Bürgern Kontakt herzustellen. Zum Vergleich: Auch die SPD übertrug ihren Parteitag live auf der Plattform YouTube und erreichte binnen 24 Stunden weniger als 6000 Aufrufe. Die traditionellen Medien geben in ihrem rot-grünen Konformismus ohne Not ein Geschäftsmodell auf, das seit vielen Jahrzehnten Bestand hatte. X und Tiktok stehen mehr als jede andere Plattform für diese Disruption, bei der sich noch nicht erahnen lässt, wie die Medienlandschaft der Zukunft aussehen wird. Zensur ist dabei auch im Netz selbstredend berechtigt und begründbar, wenn Strafgesetze verletzt werden, wenn es um Aufrufe zu Straftaten oder deren Verherrlichung geht, um Terrorismus, Kindesmissbrauch, sexuelle Gewalt – eben alles, was neben dem Anstand auch die Strafgesetze verbieten. Verfolgung ist dann die Aufgabe staatlicher Behörden. Was wir erleben, ist aber die Ausgliederung der Zensur an private, auch an »gesichert linksextreme« Vorfeldorganisationen des woken, politischen Lagers wie zum Beispiel die Amadeo-Antonio-Stiftung oder das mehrfach der Lüge überführte »Recherche«portal Correctiv. Zensiert werden von denen nicht falsch berichtete »Tatsachen«, sondern fast nur politische Bewertungen von Tatsachen. Und da die Zensoren eher schlichte, linke Zeitgenossen mit ebenso schlichten Bewertungen sind, erwischt es zwangsläufig fast ausschließlich konservative, querdenkende, rechte und unorthodoxe Denker. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen Zensoren klüger sein mussten als die Leser. Doch diese Medienpolitik, die die Gatekeeper-Funktion der rotgrünen Schmocks in den Mainstreamredaktionen nun im Netz um die Diskurskontrolle mit Hilfe linker Denunziationsgruppen erweitern will, ist dank Trumps Wahlsieg wohl auch in der EU nicht mehr lange durchzuhalten. In den USA kommt die Zensur durch woke »trusted flagger« schon ans Ende – und staatlich gelobte Alternativen zu X wie Blue Sky oder Mastodon werden wirtschaftlich wohl kaum Erfolg haben. Jenseits der selbstgerechten Phrasen der rot-grünen Blase mit der gepflegten Langeweile ihres »Kampfes gegen rechts«, mit ihren politisch korrekten Sprechblasen und den Hymnen auf Robert Habeck, »ein Mensch, ein Wort«, dürfte deren öde Konformität wohl kaum breitere Aufmerksamkeit finden. Wenn alle nur eine Meinung haben dürfen, wird politischer Streit eben langweilig.
A S T E R : Was war ein gelungener Moment im Weidel-Musk-Gespräch und was hat Musk eigentlich damit zu tun, dass die Ukraine noch nicht ganz weg ist vom Fenster?
G E R M I S : Dass Elon Musk die Ukraine über sein Satellitennetzwerk mit militärisch relevantem Datenzugang versorgte, ist bekannt. Ohne Musk wären die erfolgreichen Angriffe mit moderner, westlicher Technik kaum möglich gewesen. Etwas irritierend ist für mich, dass Musk – weil er ja nun als Rechter gilt –von »wissenschaftlichen« Denkfabriken der Bundesregierung plötzlich als Putinnaher Oligarch bezeichnet wird, der mit Macht ohne Legitimität die westliche Ukraine-Politik entgleisen lasse. Wissenschaft verkommt da zur gnostischen Theologie. Da sind wir wieder beim Weltreich der Träume – hier besser ihrer Albträume -, in denen die deutschen Eliten Weltmeister sind. Es ist wohl eher Olaf Scholz, der mit seinem Pseudo-Friedenswahlkampf die westliche Ukraine-Politik entgleisen lässt. Alice Weidel fand ich im Gespräch mit Musk eher schlecht, nicht nur wegen ihres albernen, groupiehaften Kicherns. Sie hat die Chance, die Musk ihr bot, nicht genutzt. Deswegen war für mich am Ende am spannendsten noch die Frage nach dem Marsprojekt, der Eroberung des Weltalls durch den Menschen. Musk ist ja stark von Science-Fiction-Lektüre geprägt; aber als Pionier der Elektromobilität und vieler anderer Projekte, mit denen er von fossiler Energie wegwill, hat er für Klimaschutz wohl mehr getan als alle grünen Kabinettsmitglieder der Bundesregierung zusammen. Warum sollte er das bei der Weltraumfahrt nicht wiederholen?
A S T E R : Und nach all dem … was ist denn nun der wahre Name der Rose, Carsten?
G E R M I S : Das Geheimnis des Namens der Rose hat Umberto Ecco schon 1980 gelüftet. Es ist der Weg vom Logos zurück zur Öffnung zum Mythos und damit zur Rehabilitierung des Lachens. Uns sind Lachen, Selbstironie und Humor verloren gegangen, wie wohl jeder aufmerksame Flaneur in den Städten bestätigen kann. Lachen befreit uns von den Fanatismen aller Art, die unser Denken im Griff halten, auch vom absoluten Anspruch auf Wahrheit, den die woke Generation des Unbedingten wie eine Monstranz vor sich herträgt. Kritiker sagen, eine Kultur des Lachens ist immer resignativ, weil sie sich mit dem Bestehenden abfindet. Ich halte das für falsch. Lachen hat eine subversive Potenz, die Hierarchien und Autoritäten zu zersetzen vermag. Wer auch über sich selbst lachen kann, weiß, dass es die Wahrheit nicht gibt, dass Politik immer nur die Suche nach Wahrheiten sein kann mit all ihren Irrungen und Wirrungen. Die Vielfalt unserer Moderne kann die propagierte bunte Regenbogengesellschaft nicht erzwingen, die Summe der Einzelfarben ergibt immer ein dunkles Grau. Auch die Algorithmen mit ihrem Entweder — Oder, Schwarz — Weiß erfassen die graue Vielfalt menschlicher Existenz und menschlichen Denkens nicht. Grau ist der natürliche Farbwert des Menschen, in dem es immer wieder farbig aufblitzt und buntes Licht gibt, fähig zum Guten wie zum Bösen. Wer das akzeptiert, kennt den wahren Namen der Rose.
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Carsten Germis ist Chefredakteur der Vierteljahresschrift für Konsensstörung TUMULT, auf keinen Fall
zu verwechseln mit TUMULT.ONLINE! Seine redaktionelle Tätigkeit reicht über viele Jahre und
verschiedene Redaktionen, macht ihn zum leichtfüßigen Profi. Er kennt den Mainstream von innen,
entlarvt ein Parlament von außen.
Wer schon einmal mit ihm zusammensaß, weiß, er ist mit den kristallklarsten Wassern politischer
Leidenschaft gewaschen. In den Zwanzigern und Anfang der Dreißiger Jahre wäre er bei der Berliner
Weltbühne gewesen — fester Mitarbeiter unter Jacobsohn und Ossietzky.
Rudolf Diels würde über Germis sagen, er ist Handwerk und Technik, die Gegenteile zu Ideologie
und Verblendung.
Danke, für dieses Gespräch!
A S T E R , 2 2 . I . 2 0 2 5 , D E U T S C H L A N D






