Tycio 🎞️’s review published on Letterboxd:
1001 Filme, die ich gesehen haben möchte, ehe ich 50 werde
(in chronologischer Reihenfolge)
∆ Kapitel 22
The Great White Silence
The Great White Silence
UK 1924
R.: Herbert Ponting
108 Min.
Der legendäre Wettlauf zum Südpol der Briten, angeführt von Robert Falcon Scott, und der Norweger unter Roald Amundsen ist wohl eines der letzten großen Abenteuer der Entdeckergeschichte. Filmemacher Herbert Ponting begleitete die britische Terra Nova in ihrem Vorhaben Geschichte zu schreiben und die Flagge des Vereinigten Königreichs am südlichsten Punkt der Erde zu hissen. Dabei schreibt er selbst Geschichte.
The Great White Silence ist durch seine ersten authentischen Aufnahmen der antarktischen Welt eine wahre Pionierarbeit des dokumentarischen Filmemachens. Natürlich lässt sich diese Faszination heute im Kontext von Unsere Erde, hochauflösender Drohnenaufnahmen und der Allgegenwärtigkeit dieser Bilder auf allen Kanälen nur schwer reproduzieren. Eine Faszination, die damals, so muss man leider sagen, noch für sich stehen konnte, die heute leider im Kontext der Klimakatastrophe steht. Pontings gewaltige weiße Eismassen weichen heute grünen Wiesen. Nur einhundert Jahre später.
Dennoch: auch die Menschen seiner Zeit schienen wenig interessiert an Pontings Aufnahmen zu haben. Damals kommerziell verkannt, erreichte der Film erst spät, nämlich in einer 2011 restaurierten Fassung (die den Film seine epische Atmosphärenklänge unterlegte), seinen verdienten Ruhm. Tatsächlich waren die Impressionen, die Ponting vor Ort filmte ursprünglich gar nicht als Dokumentarfilm, sondern als Begleitmaterial zu Robert Falcon Scotts Vorträgen über seine Expedition gedacht.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Es ist hinreichend bekannt, dass die Briten den als glorreich erwarteten Sieg im Wettlauf zum Südpol gegen Amundsen verloren. Ein herber Schlag. Die Tragödie ereignete sich aber auf dem 1.300 km langen Rückweg zum Basislager, den aufgrund von Erschöpfung und schlechter Witterungsverhältnisse niemand aus Scotts Crew überlebte.
Die Entscheidung aufgrund dieser Begebenheiten das gefilmte Material in einen tatsächlichen Film zu verwandeln ist ehrbar, sorgt aber im Gesamtwerk für eine etwas krude Dramaturgie. Lange Zeit dröppelt der Film als Wesens- und Lebensbeschreibung der Fauna der Antarktis und des Alltags der Besatzung vor sich hin. Ponting ist in seinen Szenenbeschreibungen in den Zwischentiteln teilweise extrem flapsig. Nimmt die Dinge, die er auf Zelluloid eingefangen hat, mit Humor und muss einiges Ungezeigtes ergänzen. Bis mit Beginn der tatsächlichen Expedition ein totaler Wendepunkt einsetzt und Ponting plötzlich vom Verlust der Ehre und des Lebens erzählen muss.
Das geht schwer einher.
Somit bleibt The Great White Silence ein herausragendes Pionierstück und ein faszinierender Zeitzeugenbericht, lotet aber emotional nicht seine Möglichkeiten aus.
Noch 979 Filme.
Noch 10 Jahre, 10 Monate und 23 Tage.
{Gesamtspieldauer: 2.524 Minuten}
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