Tycio 🎞️’s review published on Letterboxd:
1001 Filme, die ich gesehen haben möchte, ehe ich 50 werde
(in chronologischer Reihenfolge)
∆ Kapitel 20
Streik
Стачка [Statschka]
UdSSR 1925
R.: Sergej M. Eisenstein
82 Min.
Mit Streik versucht der Theaterregisseur Sergej M. Eisenstein sein für die Bühne entwickeltes Konzept der Attraktionsmontage auf die Leinwand zu übertragen. Im Kontext einer von Stanislawski geprägten russischen Theatersprache der totalen Einfühlung und des Hypernaturalismus, ist seine "Montage der Attraktionen" (1923) im weitesten Sinne ein Vorläufer des Brecht'schen Epischen Theaters, also einer Inszenierungsform, die das Publikum bewusst dem eingelullt Werden in eine Handlung verwehrt um das Reflektieren über die Inhalte möglich zu machen.
Auf der Bühne nutzt Eisenstein dazu intertextuelle Querverweise auf das Varieté oder den Zirkus. Im Film experimentiert er mit dem medienimmanenten Mittel der Montage. Wofür er filmhistorisch gesehen nachhaltige Berühmtheit erfahren wird.
Eisensteins Filme sind Propaganda für eine sozialistische Agenda in Reinform. Streik macht schon vom Inhalt her keinen Hehl aus seinem Anliegen: ein Arbeiteraufstand in einer russischen Fabrik wird in all seinen Konsequenzen gezeigt. Der Verzicht auf eine Hauptfigur stellt das namenlose Arbeiterkollektiv in den Fokus, das sich den raffgierigen Fabrikbesitzern entgegenstellt – passenderweise gespielt vom Ensemble des Moskauer Arbeitertheaters.
Dabei ist Eisensteins Inszenierung naturgemäß höchst tendenziös. Selbst heute, fast 100 Jahre später, sitzt man noch fassungslos, nahezu wütend vor dem Bildschirm, getrieben von einer extrem manipulativen Darstellungsart. Das verdient Respekt.
Eisenstein wählt radikale, oft derbe, meist befremdliche Einstellungen, hält die Kamera immer wieder auf scheinbar wesensfremde Materien. Er setzt den Menschen in den Kontext zur Maschine um seine Unabdingbarkeit klar zu machen.
Eisenstein wählt die Attraktionsmontage bereits hier um verstörende Parallelitäten aufzumachen. Aggressivität ist das Konzept. Affektives Erfahren soll zur intellektuellen Auseinandersetzung ermutigen. Besonders intensiv ist das Ende von Streik: während der Aufstand vom Kapitalismus brutal niedegeschlagen wird, passiert der stete Gegenschnitt auf das im Schlachthaus malträtierte Rind.
Vom Schockeffekt zur Katharsis. Eine Intensität, die am Ende nur der Film erreichen kann.
Noch 981 Filme.
Noch 10 Jahre, 11 Monate, 1 Tag
{Gesamtspieldauer: 2.372 Minuten}
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