Tycio 🎞️’s review published on Letterboxd:
1001 Filme, die ich gesehen haben möchte, ehe ich 50 werde
(in chronologischer Reihenfolge)
∆ Kapitel 13
Nanuk, der Eskimo
Nanook of the North
USA 1922
R.: Robert J. Flaherty
79 Min.
Genaugenommen war der Film bereits in dem Moment, in dem die Arbeiter:innen die Lumière-Werke verließen, dokumentarisch. Lange Abbild der Realität, bis Jahre später das Fiktionale Einzug erhielt. Trotzdem wird gemeinhin Nanook of the North als erster wirklicher Dokumentarfilm gesehen.
Das ist ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits etabliert Robert Flaherty hier die inhaltlichen und stilistischen Konventionen des Dokumentarfilms, andererseits ist Nanook of the North genaugenommen so dokumentarisch gar nicht. Vielmehr ist Nanuk, der eigentlich Allakariallak hieß, nach den stereotypen Vorstellungen Flahertys inszeniert worden.
Authentisch ist weniger Allakariallaks Lebensweise, da diese das Leben der Inuit weit vor 1920 imitiert, sondern das Setting. Das macht Nanook of the North aus filmhistorischer Sicht hauptsächlich in dem Punkt beeindruckend, dass Flaherty das umfangreiche Kameraequipment in die kanadische Arktis transportieren und vor Ort damit umgehen konnte. Zugegeben, er hat extrem schöne Bilder geschossen, teils erstaunliche, teils grausige, aber immer mit Fokus auf die große Lebensfreude der im Zentrum stehenden Inuit.
Trotzdem muss man das Dokumentarische in Nanook of the North eher auf einer Metaebende lesen, nämlich als Zeitdokument des damals dominierenden kolonialen Blicks der weißen Mehrheitsgesellschaft auf die Inuit. Flahertys Nanuk ist so, wie man sich einen Inuit eben vorgestellt hat: der im Pelz gekleidete einsame Jäger mit einfachen Werkzeugen, der sich nachts ein Iglu baut und voller Faszination auf einer Schallplatte kaut. Das ist natürlich Humbug.
Aber der Film ist eben auch Zeitdokument einer die Natur gnadenlos ausbeutenden Menschheit. Wieviele Tiere aufgrund der Gier der Wohlstandsgesellschaft nach Pelzen und anderen Schmuckstücken sterben mussten, zeigt uns Nanook of the North unbeabsichtigt in deutlichen Bildern. Wenn dort hunderte weiße Fuchsfelle wie die Sonntagswäsche nebeneinander an der Leine hängen, hat man vor allem die Hoffnung, das wären nur Requisiten. Erschütternd, dass eine der wenigen Authentizitäten diese ist.
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Noch 11 Jahre, 1 Monate, 17 Tage
{Gesamtspieldauer: 1.373 Minuten}
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