easy to talk to

Irgendwo gelesen, dass man sein Leben nicht nur damit verlängern kann, dass man regelmäßig Omega 3 Kapseln schluckt und keinen Alkohol trinkt. Das Leben wird auch länger, wenn man etwas erlebt, nicht zuhause anhockt, sich in der Welt umschaut. Nachdem wir an den vergangenen Wochenenden schon im Landschaftspark Nord in Duisburg und in der Zeche Zollverein in Essen waren, steuern wir an diesem verregneten Wochenende Krefeld an.

Im Kunstmuseum und den angegliederten Häusern Esters und Lange findet eine Ausstellung der Architektin und Designerin Charlotte Perriand statt. Obwohl sie eng mit Le Corbusier zusammengearbeitet und viele Möbelklassiker entworfen hat, hatte ich ihren Namen noch nie vorher gehört. In mehreren Videointerviews vermittelt sich eine sehr lebensfrohe, hands-on Persönlichkeit, ihre Schmuckstücke aus Industrieprodukten würde ich (sonst schmucklos) sofort tragen.

Das Museumsgebäude ist für die Ausstellung wie geschaffen und die Mitarbeiter sind ausgesprochen freundlich („Selbstverständlich dürfen sie fotographieren!“).

Perriand hat in vielen Le Corbusier-Häusern die Innenarchitektur übernommen, klare, funktionale Räume, die im groben Gegensatz zum verschnörkelten, überdekorierten Zeitgeiste standen.

In den Mies van der Rohe-Häusern Esters und Lange werden vor allem Entwürfe ausgestellt, die in Zusammenhang mit einem längeren Japanaufenthalt entstanden sind. Alles fügt sich willig in die großartige Architektur ein.

Das Museumscafé ist uns zu voll, all die teuer gekleideten Kunstliebhaberinnen, stattdessen kaufen wir in einer kroatischen Bäckerei für vier Euro ein Brot, zwei Gebäckstücke und einen halben Liter Wasser, damit der Liebste seine Migränemedikamente nehmen kann (diese kack Kopfschmerzen, wir haben beide keine Geduld mehr mit dieser Erkrankung).

Wieder zuhause angekommen legt sich K. ins Bett, ich ziehe mir die Laufschuhe an und trabe eine Stunde durch den Nieselregen. Ich denke in letzter Zeit viel nach über Freunde, Netzwerke und was ich mit den restlichen Jahren meines Lebens anstellen soll. Ich glaube, dass es letztendlich viel wichtiger ist, gemocht, vernetzt und im täglichen Austausch mit wohlwollenden Menschen zu leben, als eine Pflegegeldversicherung oder Rücklagen für eine live-in-„Polin“, die in einer Art modernem Sklaventum ihre Freiheit für meine opfert. Das Problem: Sozialkontakte mit den allermeisten Menschen sind mir derart zuwider, dass ich schon Panik kriege, wenn das jährliche Grillfest vom Chor droht. Oder ein Abendessen mit Verwandten von K.

Ich bin der totale Einzelheinz, unbeholfen und clumsy wie Bill Nighy, wenn es darum geht, Leute anzusprechen, Bekanntschaften zu machen, Freundschaften zu schließen. Das kann aber nicht so bleiben, also habe ich mir Jahresaufgaben gestellt, die jetzt angegangen werden.

Zum Beispiel dieses Ehepaar in der Nachbarschaft. Wir kennen uns vom Sehen, sind uns bei Demos gegen Rechts begegnet, waren beim Tag der offenen Gartenpforte in ihrem großartigen Garten, grüßen uns fröhlich auf dem Wochenmarkt. Seit Jahren sage ich immer mal wieder: Sollen wir die nicht mal einladen? Nun denn. Vor kurzem habe ihn ihnen eine Mail geschrieben (beide engagieren sind in etlichen Initiativen, die Kontaktdaten sind dadurch zugänglich) und gefragt, ob sie nicht Lust auf einen Nachmittagskaffee hätten. Der Mann hat dann gleich am nächsten Tag angerufen, etwas irritiert, weil ich Depp unsere Adresse in der Mail gar nicht genannt hatte. Die beiden hatten Angst, dass wir irgendwelche hinterlistigen Betrüger seien. Sie sind dann aber doch zum Kaffee gekommen und wir haben uns nett unterhalten. Die beiden sind easy to talk to, erzählen eine Geschichte nach der anderen, aber ich hatte nicht den Eindruck, als könne sich daraus etwas entwickeln, was mehr ist, als Nachbarschaft (was ja schon viel ist!). Es irritiert mich immer, wenn jemand durch unsere Räume geht, vorbei an hunderten von kleinen Vogelknochen, toten Käfern, Treibholz an der Wand, seltsamen Collagen, einem Dachschädel, getrockneten Disteln, verwackelten Schwarzweissfotos, zerbrochenen Kacheln aus dem leerstehenden Kaiser’s Kaffee Turm, tausenden Büchern und nichts dazu sagt.

Etwas mehr Glück, oder Gleichklang, habe ich mit der ehemaligen Kollegin, von der ich jahrelang nichts mehr gehört hatte. Ich weiß, dass sie neben ihrer bürgerlichen Arbeit auch Kunst macht, Fotografie, Installationen, Skulpturen. Über mein Angebot, sie zu besuchen, freut sie sich sehr. Ich finde sie in ihrer großen Altbauwohnung inmitten von Fotos, unzähligen getrockneten Pflanzen, hunderten von total interessanten angefangenen Arbeiten. Mittendrin ein großes Pflegebett, sie ist sehr krank, was ich nicht wusste. Wir können uns sofort begeistert über die Form der Wurzeln von Maispflanzen, Hunde und Zyanotypien unterhalten. Wenige Tage später erhalte ich eine Postkarte von ihr. Sie schreibt: „Schick mir doch bitte deine Mobilnummer, damit mein Sohn dich erreicht, wenn ich sterbe. Du kannst meine Nester haben“. Sie hat eine umfangreiche Sammlung von Vogelnestern. Ich heule vor Rührung.

Das Arbeitsumfeld eignet sich auch dazu, Menschen kennen zu lernen und hilfreiche Netzwerke auch außerhalb beruflicher Dinge zu knüpfen, sagt man. Um als Freiberuflerin im Austausch zu bleiben, habe ich schon vor 20 Jahren ein Arbeitsfrühstück mit Kolleg:innen initiiert, das einmal monatlich reihum bei den acht Teilnehmenden stattfindet. Der berufliche Austausch ist super – hilfreich, unterstützend, humorvoll. Aber privat haben sich für mich keine Verbindungen aufgetan. Im Gegenteil. Ich muss mich zwingen, die Jagdgeschichten von Kollegin S. unkommentiert zu ignorieren (überall in ihrem Haus hängen die Trophäen, ich streiche traurig über ein Dachsfell und zahllose Fuchsschwänze, die auf einem Geländer hängen). Ein anderer Teilnehmer redet grinsend und um Anerkennung heischend sehr verächtlich über „die Ausländer“ („Die belästigen unsere Frauen“). Motorradfahren und Fußball sind die anderen Themen, über die man gerne krachend laut und auftrumpfend redet. Ich bin froh, wenn nach zwei, drei Stunden wieder Ruhe ist.

Es ist auch eine Hoffnung, über meine einzige Gruppen-Freizeitaktivität „Singen im Chor“ Freundschaften zu schließen. Bisher, also nach 19 Jahren, ohne Erfolg. Mehr als die Hälfte der Sänger:innen kommt aus Gründen der Geselligkeit zu den Proben. Das heißt, sie kommen unregelmäßig, unpünktlich, unvorbereitet, und quatschen während der Probe. Steht ein Sommerfest oder eine Weihnachtsfeier an, sind sie immer als erste dabei. Bierchen nach der Probe? Gerne! Diese Leute können extrem laut und mit wachsender Begeisterung über die sinnlosesten Nichtigkeiten schwafeln, stundenlang. Mich erschöpft das zutiefst. Schon seit Jahren nehme ich an keiner Chorfahrt oder Feier mehr teil. Einzelne Leute finde ich durchaus interessant, traue mich aber nicht, sie für ein Treffen außerhalb des Chors anzusprechen. Auch aus der Befürchtung, dass sie vielleicht total langweilig sind.

Was funktioniert, sind langjährige, gewachsene Verbindungen zu Einzelnen, die jeder Entfernung und auch jahrelangen Pausen trotzen. Dass ich T. noch kenne, den ich mit 19 bei einer Bus-Panne am Straßenrand irgendwo kurz vor New York kennengelernt habe, ist ein großes Glück. Oder P., meine ehemalige Englischlehrerin aus der Schule. Bewährt hat sich auch das Prinzip des Jour-Fix – jeden Monat treffen wir uns mit F. und L., kochen, reden über Bücher und Filme, über Sorgen und Hoffnungen. Das vielleicht ausbauen, regelmäßige Treffen, die verlässlich stattfinden.

among the casualties was a medic who rushed to the scene to assist the wounded and was killed by a second strike on the same location

For us there is still tomorrow.
For Alex Pretti all his tomorrows
were terrifyingly taken away.
(Patti Smith)

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Oft gelingt das nicht. Ein dankbares Bewusstsein dafür zu haben, dass es ein Morgen geben wird. Aber es gibt Momente des zeitlosen Glücks auf einer Dienstfahrt durch den schneeweißen Wald. Ich halte am Straßenrand, steige aus dem warmen Fahrzeug und gehe immer tiefer in den Wald. Dort ein unmittelbarer emotionaler Kurzschluss mit einem Film – Andrea Arnold: „Bird“. Beglückend ist es, wenn man eine Geschichte tiefer versteht, als sie erzählt wird. Ein magischem Realismus, der sich mit einem beruhigenden Sound in die Zahnwurzeln nistet. (Trailer anschauen, und 3 Monate MUBI für 1 Euro sind schon für diesen Film eine gute Investition).

Gestern erst gelesen, dass Arnulf Rainer gestorben ist. Nachdem ich mit 19 Bilder von ihm gesehen hatte, wollte ich Kunst studieren. Ich möchte lieber nicht wissen, wohin mich das geführt hätte. Aber man weiß ja nie. Der Mut hat jedenfalls nicht ausgereicht, und die Begabung auch nicht. Arnulf Rainers Werk habe ich über all die Jahre verfolgt, einige Ausstellungen gesehen, viele Bildbände studiert. Mich rührt das sehr an, was er gemacht hat.

Am Sonntag zu Besuch bei R., dem Freund seit Schultagen. Wir singen zusammen Beatleslieder, er spielt Gitarre, gemeinsam hangeln wir uns durch die Strophen und das, was wir von den Melodien in Erinnerung haben. Moments of absolut bliss. Wir sollten das häufiger machen, nehmen wir uns vor.

Die Lektüre der Nachrichten jeden Morgen wie ein nasses Handtuch, das einem ins Gesicht geschlagen wird. Die israelische Armee hat seit Beginn des ausgehandelten Waffenstillstands im Oktober mehr als 550 Menschen ermordet. Für jeden einzelnen, und sei es ein Säugling, haben sie eine militärische Begründung.

Um ein wenig auf andere Gedanken zu kommen, sind wir am Samstag an einen uns vertrauten Ort der Industriekultur gefahren: Landschaftspark Nord, das offen zugängliche 180 Hektar große Gelände des ehemaligen Thyssen-Hochofenwerks Duisburg-Meiderich (1903-1985). Als wir das erste Mal dort waren, im Rahmen eines politischen Bildungsurlaubs, steckte der Ausbau der alten Zechen, Hüttenwerke und Gießereien noch in den Kinderschuhen. Heute ist das Gelände ein auch im Winter gut besuchtes Ausflugsziel, das zudem erstklassige Pommes und einen guten Apfelkuchen bereit hält. Hier ein paar Eindrücke (wenn man schwindelfrei ist, kommt man ziemlich weit nach oben):

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mannomann

Dünnhäutig und latend aggressiv stapfe ich durch die Woche. Meine Erwerbsarbeit zieht alle Energie aus mir heraus. Wer, wenn nicht ich, habe ich früher oft gedacht, und dass jemand den Armen und Bedürftigen beistehen muss, gegen die Gnadenlosigkeit, die das deutsche Sozialsystem oft an den Tag legt. Wann ist das gekippt? Bei mir, und bei den anderen? Die auf der „Gegenseite“ (Sozialbehörden, Krankenversicherungen, Versorgungsämter, Rentenämter, Jobcenter, Pflegekassen) sind heutzutage oft gekennzeichnet von zwei Dingen: Fehler und Nicht-Erreichbarkeit. Erst gestern habe ich mich mit einer kantigen Wut im Bauch bis zur Sozialdezernentin durchtelefoniert, um von ihr zu hören, dass die offensichtlichen Fehler in einem Bescheid nicht behoben werden können, weil beide Mitarbeiter des Sozialamtes seit Wochen erkrankt sind (und deshalb natürlich auch nicht ans Telefon gehen oder schriftliche Nachfragen beantworten). Gleichzeitig wächst in mir selbst ein nicht mehr zu ignorierender Widerwille, mich mit solchen Problemen zu befassen. Im Alltag sieht das dann so aus: Ich gehe mit dem Ziel einer Pause vom Büro in die Küche, um dort Haferflocken aus einem Vorratsbehälter aus Glas zu nehmen. Ich sehe es kommen und es kommt auch so: Der Deckel fällt auf den Fliesenboden und zerbricht dort in 2000 messerscharfe Splitter. Ich schreie so laut und so lange wie ich kann. Der Liebste, der inszwischen weiß, dass er in einer so angespannten Situation keinesfalls sofort mit Blaulicht zur Hilfe eilen darf, steckt fünf Minuten später den Kopf durch die Tür und bietet an, das Unglück mit Kehrblech und Besen zu beseitigen. Sofort schreie ich ihn an, weil er mal wieder, und wie immer, eine völlig sinnlose handwerkliche Lösung anbietet, die Splitter müssen vorsichtig mit dem Staubsauger entfert werden, und nicht mit einem blöden Handfeger, mannomann. Also bringt K. wortlos den Staubsauger und fragt nach getaner Saugerei meinerseits, ob er das Gerät wieder wegräumen kann. Wieder bricht eine Wutschreierei über ihn herein, weil ich doch noch gar nicht fertig bin und er mich endlich in Ruhe lassen soll. Wir reden dann den Rest des Tages darüber, wie ich die Belastungen meiner Arbeit loswerden kann. Bestenfalls die Arbeit komplett.

Genausowenig wie ich mich gegen den Arbeitsdruck wehren kann, gelingt mir das mit der weltpolitischen Gesamtsituation. In Iran werden Tausende erschossen, weil sie für ihre Freiheit demonstrieren. In der Ukraine sind 5.000 Wohnblöcke ohne Heizung, ständig fallen mehr Bomben. In Russland und in der Ukraine fürchten viele junge Männer nichts mehr, als die Rekrutierungstrupps, die wie in den USA die ICE-Schergen durch die Städte ziehen. Für die Lage im Sudan interessiert sich sowieso niemand mehr. Der Irre in den USA sagt: „We are the standard bearers of western civilisation. We must resist the barbarian hordes. We must save the white man.“ In Gaza leben fast alle in undichten Zelten, bei Regen, Sturm und Kälte. Der Irre in den USA schlägt Putin als Mitglied für das „Gaza-Friedensboard“ vor. Die israelische Armee erschießt trotz Waffenstillstand weiterhin Kinder und Journalisten. 37 internationalen Hilfsorganisationen wird von Israel verboten, Hilfsgüter oder Mitarbeiter:innen aus dem Ausland nach Gaza schicken. Auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die ich seit Jahrenzehnten unterstütze, ist davon betroffen. Es gibt zudem ein grundsätzliches Einfuhrverbot für Krücken, Rollstühle und vieles mehr. Täglich kann man lesen, wie es denen ergeht, die, ohne Anklage und Verurteilung teilweise jahrelang in israelischen Gefängnissen festgehalten und gefoltert werden. Der israelische Minister Ben-Gvir trägt öffentlich eine goldene Schlinge am Revers, als das Parlament in erster Lesung beschließt, die Todesstrafe an palästinensischen Häftlingen demnächst durch Erhängen zu vollziehen. In der Westbank will man den Fußballplatz der Kinder platt machen. Einfach so. Und heute stellt der Schwiegersohn des US-Irren mit sich vor optimistischer Begeisterung überschlagender Stimme der Welt vor, was in der nächsten Zeit in Gaza passieren soll:

Wie krank und menschenverachtend, wie zynisch und verroht muss jemand sein, den verwundeten, traumatisierten Familien in den verdreckten Zeltlagern, den beinamputierten Kindern, den verzweifelten Müttern, den mutlosen Vätern eine solche AI-generierte, widerwärtige Scheiße vor die Füße zu spucken.

Ich muss mich aktiv von solchen Meldungen losreißen, weglaufen, im Garten Laub fegen, kochen, Holz stapeln, mit den Nachbarn über die Eichhörnchen reden, den Küchenboden putzen, um nicht schreiend mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen.

Auch denke ich immer wieder an den erfreulich trostreichen Besuch der Jahresausstellung „make the secrets productive“ im Kolumba Museum in Köln.

In einem der großen, sehr hohen Räume steht eine einzige menschengroße Christus-Figur (um 1460 – 1500). An der Seite des Raums, auf dem Boden, liegt ein Künstlerbuch von Bernhard Cella: Ein Jahrhundert der verletzten Männer (Lehrmittel für den alternativen Geschichtsunterricht).

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Die Kombination der sakralen Kunst aus der Sammlung des Erzbistums Köln mit moderner Kunst ist wie immer sehr gelungen.

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Ob ein Werk von einem weltbekannten Künstler, einer geistig behinderten Künstlerin oder einem berenteten Bergarbeiter aus Recklinghausen ist, erfährt man nur aus dem kleinen Büchlein, das jeder Besucher:in überreicht wird.

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Sehr berührend fand ich eine Fotoserie, für die die Fotografierten in ihrer Wohnung einen „sicheren Ort“ bauen sollten.

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Für begeisterungsfähige Erwachsene gibt es eine Kugelbahn, die man selbst ausprobieren kann.

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Und es ist sehr ruhig, hell und alle sind unglaublich freundlich.

besondere Besucher

Der vorhergesagte „harte Winter“ scheint keine leere Drohung gewesen zu sein. Es schneit schon wieder. Selbst hier, wo es sonst kaum schneit. Und es ist kalt. Der Liebste und ich haben eine Tagesroutine entwickelt, um unseren Gartentieren zur Seite zu stehen: Morgens das Eis aus den Tränken schlagen, warmes Wasser nachfüllen. Unterstände von Schnee befreien und an neun Futterstellen Erdnüsse, Sonnenblumenkerne, Rosinen, Mehlwürmer, Fettballen und in Öl getränkte Haferflocken nachfüllen. Belohnt werden wir von Distelfinken, Baumläufern, Herrn Specht und einem Bergfinken, die zusätzllich zu den üblichen Blaumeisen, Kohlmeisen, Tannenmeisen, Grünfinken, Amseln, Buchfinken, Heckenbraunellen, Tauben, Dohlen und Elstern in die Nähe des Hauses kommen.

(alle Fotos Herr K.)

drei Eidechsen

Seit ich mir ohne Mühe erlauben kann, an Silvester zur gewohnten Zeit ins Bett zu gehen und das ganze Theater zu ignorieren, hat der Jahreswechsel jeden Schrecken verloren. Ein großer Lernerfolg.

Den ersten Tag des Jahres verbringen wir mit einer kleinen Wanderung durch die Landschaft und langen Gesprächen mit den alten Freunden aus Berlin, die gerade auch hier in der Gegend sind. Seit über 40 Jahren kennen ich die beiden nun, ohne Furcht stellen wir uns Fragen, und auf die Unverbrüchlichkeit der Freundschaft bauen wir auch im noch so neuen Jahr.

Dann fällt Schnee. Ch. aus der Wohnung unten im Haus und ich arbeiten gegen den „weißen Dreck“, wie der verstorbene Jupp den Schnee immer genannt hat. Wir brauchen fast eine Stunde, um den Gehweg und den Platz vor den Garagen freizuräumen. Eine wunderbare Arbeit.

Mit Stiefeln und Mützen ausgerüstet brechen wir auf zu einem Schneespaziergang. Erst durch den Wald, dann über die Felder.

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Am Rand eines Waldstücks zeigt K. auf den Boden und sagt mit einem kleinen Entsetzen: „Schau mal, eine Eidechse“. Auf dem glitzernden Neuschnee bewegt sich sehr, sehr langsam eine schöne Mauereidechse. Mit wachsendem Unbehagen entdecke ich noch zwei weitere. Wie in einem dystopischen SciFi kriechen die Echsen in Zeitlupe der Sonne entgegen, auf die für sie unendlich weite Schneefläche. Ich nehme sofort eine auf die Hand und trage sie in Richtung Wald. K. ruft mir noch hinter, dass das keine Lurche sind, ich sie also nicht ins Wasser setzen soll. Das Tier nimmt die Wärme meiner Hand schnell auf, wird munter und springt auf den Boden. Leider finde ich es nicht mehr. Bei den anderen beiden bin ich vorsichtiger, bette sie beide in meine Mütze und lege sie behutsam auf ein Stück frostfreien Waldboden, den ich dick mit Blättern und Mulch abdecke. Ach, ihr Kleinen…

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Die Echsen gehen mir den ganzen Tag über nicht mehr aus dem Kopf. Wer hat sie aus der Winterstarre geweckt? Werden sie überleben? Was für eine ungeheuerliche Vorstellung, dass auf einmal alle Tiere aufwachen und starr in eine Richtung gehen.

count your blessings

Die niederländische Stadt Roermond war seit Mai 1940 von Nazi-Truppen besetzt. Als im Dezember die Front, und damit die Rettung, nicht mehr weit entfernt war, forderte Major Ulrich Matthaeas die männliche Bevölkerung der Stadt dazu auf, sich bis zum 18. Dezember 17 Uhr zur Ausweiskontrolle zu melden. Den Meldepflichtigen war klar, dass sie zum Arbeitseinsatz nach Deutschland deportiert werden sollten. Nur 40 meldeten sich, es kam zu Razzien und Verhaftungen. Unter den Bodendielen in der Wohnung einer Mädchenschule versteckten sich Jungen und Männer, die Einstiegsluke lag unter einem Kleiderschrank. Das Versteck wurde verraten, die dort Versteckten wurden verhaftet und kamen vor ein Standgericht. 14 Männer im Alter zwischen 16 und 48 Jahren wurden am 26. / 27. Dezember 1944 von einem Exekutionskommando der deutschen Wehrmacht erschossen, nachdem sie zuvor ihr eigenes Grab hatten ausheben müssen. Am 28. Dezember machte der Ortskommandant die Urteile bekannt und rief zugleich die männlichen Einwohner zwischen 16 und 60 Jahren auf, sich zu melden. Wer der Meldepflicht nicht nachkomme und nach dem 30. Dezember ohne gültigen Ausweis in Roermond angetroffen werde, werde sofort erschossen.

Daraufhin meldeten sich rund 2800 Roermonder. Sie wurden am 30. Dezember in eisiger Kälte in einem Gewaltmarsch über die Grenze in eine deutsche Kleinstadt getrieben, wo sie die Nacht unter freiem Himmel verbringen mussten. Am nächsten Tag brachte man sie per Bahntransport zur Zwangsarbeit nach Wuppertal-Vohwinkel.

In Erinnerung an die Morde und den elenden Marsch der Niederländer gehen seit 29 Jahren am 30. Dezember Angehörige der Opfer und solidarische Menschen die 13 Kilometer von Roermond bis zu dem Ort an der Grenze, an der die 14 Männer erschlossen wurden. In diesem Jahr waren besonders viele Deutsche dabei, was die die Niederländer sehr gefreut hat.

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Es wurden Reden gehalten und Musik gemacht. Die Bürgermeisterin von Roermond sagt in ihrer Rede: „Das, was wir hier tun, ist keine Verpflichtung aus der Vergangenheit, sondern ein Wunsch für die Zukunft“. Es ist sehr kalt, aber alle gehen mit einem warmen Herzen nach Hause.

Ich hatte schon früh morgens im städtischen Park meines Wohnorts an einem kleineren Gedenkstein ein paar Blumen und zwei Kerzen aufgestellt. Dies ist der Ort, an dem die 2800 verschleppten Niederländer bei Schnee und Kälte die Nacht unter freiem Himmel verbringen mussten.

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Zwischen meiner eigenen kleinen Gedenkminute und der Gedenkveranstaltung am Nachmittag lag ein langer, unerfreulicher Arbeitstag. Seltsamer Weise häufen sich jedes Jahr an den Tagen um Weihnachten herum die Machtspielchen der Behörden. Einer junge, psychisch kranke Frau, der ich im Alltag zur Seite stehe, verweigert das Jobcenter jegliche Leistung, weil sie keine Kontoauszüge von Paypal und Klarna vorlegen kann. Sie nutzt beide Dienste, weiß aber nicht, wie sie dort so etwas wie einen Kontoauszug bekommt. Ich auch nicht. Nach Tagen schaffen wir es bei Paypal, scheitern aber an Klarna, das heißt, es wird am 1. Januar weder Geld zum Leben noch die Miete auf ihrem Konto sein. Persönlich sprechen können wir beim Jobcenter niemanden, wegen der Feiertage, und weil das Jobcenter nur noch per App erreichbar ist, was meiner Klientin nicht gelingt, weil ihr Telefon zu alt ist, um diese App laden zu können. Ich kann das nicht für sie übernehmen, weil man sich mit seinem Personalausweis über eine BundID identifizieren muss. Man teilt uns aber im zuckrig süßten Ton am allgemeinen Service-Telefon mit, dass die von uns in den Briefkasten geworfenen Unterlagen frühestens in acht Werktagen der Sachbearbeiterin vorliegen werden, weil sie vorab mit einem Auto in eine 90 Kilometer entfernte Stadt zum Einscannen gefahren würden.

Um mich von diesem Irrsinn zu erholen, mache ich erst mal die Post auf, die im Briefkasten gelandet ist. Darin eine Ablehnung einer großen Krankenkasse. Die Kosten für orthopädische Straßenschuhe werden verweigert. Die Antragstellerin ist 67 Jahre alt, lernbehindert und körperlich etwas eingeschränkt, wegen einer Deformation an den Füßen benötigt sie zwingend orthopädische Schuhe. Für längere Strecken nutzt sie einen Rollstuhl, sie kann aber mehrere hundert Meter gut selbst gehen. Die Krankenkasse schreibt:

Die Frau soll also bei Regen und Schnee in Pantoffeln zum Arzt, zu Verwandtenbesuchen oder ins Café gehen, weil die Krankenkasse Geld sparen muss.

Anyway. Kommen Sie morgen gut ins Neue Jahr. And count your blessings.

Ereignisreicher Jahresendspurt

K. und ich stehen auf der niederländischen Insel Texel an einem offenen Bucht, wir hören und sehen die Großen Brachvögel, Hunderte, über uns fliegen große Gruppen Kiebitze und Goldregenpfeifer, die Sonne kommt noch mal raus.

Wir sammeln ein paar Federn, weisen uns leise auf einzelne Vögel hin, nehmen uns in den Arm. Besser wird es nicht, denke ich mal wieder.

Unsere Unterkunft ist so wunderbar still und in jeder Beziehung ruhig, dass ich für immer hier bleiben will. Ich schlafe nachts ohne aufzuwachen acht, neun Stunden, ein Wunder. Ob wir zufrieden seien, fragt uns der hagere, alte Eigentümer, der mit seiner Frau nebenan lebt. Ich lobe die klare, schöne Architektur, die Abwesenheit von Deko-Zeug, die Ruhe. Er lächelt wissend, würde mich nicht wundern, wenn er das Haus selbst geplant hat.

Auf unseren Streifzügen bleiben wir häufig für Einkäufe an Straßenrand stehen. Die Bauern der Insel bieten am Wegrand ihre Produkte an. Wir nehmen Kartoffel, Zwiebel, Eier, Tulpenzwiebel, getrocknete Bohnen und Porree aus einem selbst gezimmerten, regensicheren Regal und werfen das Geld in den Briefkasten.

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Es ist kalt, manchmal leichter Nebel, die Landschaft rutscht ins Unspektakuläre, ab Mittag wird es wieder dunkel. Wie fahren, steigen aus dem Auto aus, gehen eine Stunde, zwei, drei, bleiben immer mal wieder stehen, ein Falke, ein Merlin, ein Specht, ein Eisvogel mit Fisch im Schnabel, dreihundert Austernfischer, die Schafe.

In dem Laden, in dem ich dem Liebsten im letzten Jahr ein Fernglas gekauft habe, werden wir wiedererkannt. Die Mitarbeiterin reinigt daraufhin unsere beiden Ferngläser (kostenlos) und wünscht uns herzlich frohe Weihnachten.

Auf der Weide, auf der wir im vergangenen Jahr tausende Gänse gesehen haben, steht kein einziger Vogel. Wir sehen den Grund: Sie schießen die Hasen. Es knallt, und ich erkenne einen Mann, der einen großen, schönen, toten Hasen an den Hinterläufen trägt. Sie schicken ihre Hunde vor, die treiben die Hasen aus dem Feld, dann erschießen sie sie. Ich esse Fleisch, würde auch einen Hasen nicht verschmähen, aber dass Menschen so etwas zum Zeitvertreib machen, einen gehetzten, in die Enge getriebenen Hasen töten, weil das für sie ein rural sport, eine naturverbundene Art der Entspannung ist, das werde ich nie begreifen.

Am letzten Tag regnet es so sehr, dass wir keine Vogeltour mehr planen, sondern stattdessen ohne große Erwartungen ins Eco Mare, eine Auffangstation für Seehunde und verletzte Vögel gehen.

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Es ist großartig. Obwohl ich schon blaue Finger vor Kälte habe, kann ich mich kaum losreißen.

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Dann müssen wir schon wieder nach Hause. In Hoorn, einer kleinen Hafenstadt, machen wir kurz Halt, essen Oliebollen, kaufen Brot und treffen auf lauter freundliche Leute (als wir interessiert durch das Schaufenster in ein leerstehendes Jugendstil-Ladenlokal schauen, schließt uns ein Handwerker die Räume auf, damit wir uns besser umschauen können) (solche Moment von kindness of strangers wärmen und erfreuen mich noch tagelang).

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Im eigenen Heimathafen angekommen, gibt es viel zu tun. Einkaufen, Post bearbeiten, Vogelfutter im Garten verteilen, Frostschutzmittel ins Auto füllen, die Fitness trainieren und das Haus für den Übernachtungsbesuch der nächsten Tage vorbereiten.

Der Besuch kommt am Sonntag, und ich bin froh, dass K. schwerpunktmäßig die Betreuung übernimmt. Zudem ist in meinem Büro die Hölle los, jede Mail, jeder Brief, jedes Telefonat zieht neue Aufgaben nach sich. Ich bin gereizt und müde, das ganze Weihnachtsplingeling draußen macht es nicht besser.

Die Weihnachtstage bringen wir mit zwei ganz angenehmen Familientreffen unbeschadet hinter uns.

Zwischendurch lese ich beim immer wieder großartigen Robin Detje in einem Text vom September:

„Aber mein Problem war ihre Handtasche und die Tatsache, dass sie groß genug für eine Pistole war.
Ich saß neben dem Gespenst des Theologen Bonhoeffer, der Widerstand gegen die Nazis geleistet hatte und von ihnen auf sadistische Weise aufgehängt worden war. In meinem Handy sammelte sich der Hass Rechtsradikaler, die in den USA nach dem Mord an ihrem Helden zu Pogromen gegen Linke aufriefen. Und nach dem Besuch von Claudia Roth hing noch immer Staatsräson in der Luft, als bürokratische Rechtfertigung, massenmörderische Kriegsverbrechen in Gaza aktiv zu unterstützen.
So viel Tod, Mord und Blut. Und dazu noch so viele Drohnen über Polen, die versuchten, ganz unschuldig auszusehen. Mein Problem waren die Wirrnis der einander überschneidenden Sinn-, Bedeutungs- und Ereignisebenen, mit einer Leere dazwischen, in der auch Platz genug für Gewalt aus einer Handtasche wäre.“

Fürs kommende Jahr gibt es dringende Vorsätze: Den schönen Dingen besser zuhören und ihnen folgen. Wie das geht, haben wir am letzten Tag auf Texel in der Galerie von Maria Roelofsen gesehen. Sie sammelt Dinge am Strand und ist selbst überrascht, was daraus alles entsteht. Ihr Bruder im Geiste ist der Brite Sid Burnard, dem man in diesen schönen Film-Portrait bei der Arbeit zusehen kann.

Ein weiteres Vorhaben werde ich gemeinsam mit Herrn K. in Angriff (ha, ha!) nehmen: Wir werden bei uns vor Ort Beratung für diejenigen anbieten, die in Deutschland den Kriegsdienst verweigern wollen. Bei der familiären Weihnachtsfeier haben sich schon zwei interessiert Neffen gefunden.

Wenn Sie auch Interesse an gesellschaftspolitischem Engagement haben, oder in der nächsten Zeit eine Haltung zum Sozialsystem in Deutschland entwickeln wollen, empfehle ich Ihnen einen Vortrag von Roland Rosenow (parallel zum Vortrag die pdf-Folien öffnen). Nach 90 Minuten wissen Sie, wie der Hase läuft, was die historischen Hintergründe sind und wie bösartig der Gesetzgeber das Verfassungsgerichtsurteil vom November 2019 zu 100-Prozent-Sanktionen umgeht.

How close we came. How close.

Vorweihnachtsalltag. Obwohl wir konsequent jeder Weihnachtsfeier, jedem Glühweinstand und dem ganzen Geschenketerror aus dem Weg gehen, sind die Wochen vor „dem Fest“ immer voll, überdreht und depressiv verstimmt. Unerklärlich oft kommt es zu kleinen Katastrophen, Nicht-das-auch-noch-Vorfällen und daraus resultierend zu Erschöpfung und Missmut.

Das Eindreschen der politischen Machthaber auf die Armen und Schwachen, die gnadenlosen Kürzungen im Sozialbereich, tragen auch nicht gerade zur besseren Laune bei. Es wird so niederträchtig, lieblos und mit Häme über Menschen geredet, die ohne Schuld auf Hilfe angewiesen sind. Es wird um jeden Euro gerungen, jeder verpasste Termin kann bedeuten: Kein Geld für Essen, keine Miete, keine Krankenversicherung. Haha, so machen wir dem arbeitsfaulen Gesindel mal ordentlich Feuer unterm Hintern! Aber wenn der 54-jährige ehemalige Angestellte eines multinationalen Konzerns, dem das Unternehmen für die nächsten zwölf Jahre eine ratenweise Abfindung von monatlich 8000 Euro zahlt, sich bei der Agentur für Arbeit meldet, bekommt er auch noch Arbeitslosengeld und eine kostenlose Krankenversicherung. Dem Arbeitsmarkt muss er nur theoretisch zur Verfügung stehen, weil er alle Angebote ablehnen darf, die nicht seiner bisherigen Gehaltstruktur entsprechen. Why not.

Schlimmer als die Verrohung hierzulande ist der Alltag in anderen Teilen der Welt. Vor fast zwei Jahren haben israelische Soldaten in Gaza Alon Shamriz, Samer El-Talalqa and Yotam Haim erschossen, drei israelische Geiseln der Hamas, die sich fast unbekleidet, mit erhobenen Händen und einer weißen Fahnen den Soldaten genähert hatten, in froher Hoffnung, endlich gerettet zu sein. Die ungeheuerliche Vermutung, die sich aus diesem Vorfall ergibt, wurde in den zwei Jahren danach nicht abgemildert oder widerlegt. Im Gegenteil. Mir geht dieser Krieg nahe wie kein anderer vorher.

Ein wenig Zerstreuung suchend, fahre ich mit einem Freund zu einer Kunstausstellung. Kaethe;k, ein Atelier für Künstler:innen mit Beeinträchtigungen, hat Tag der offenen Tür.

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Besonders begeistern mich die großformatigen Bilder von Firat Tagal, speziell dieses hier. „Ich male immer angstfrei auch“, sagt er.

Rückfahrt noch vor Sonnenuntergang, um – wie jeden Tag – mit dem Liebsten zu Abend essen zu können. Unsere gemeinsamen Routinen und Rituale sind von außen betrachtet sicher ziemlich träge und langweilig. Byung-Chul Han erklärt in seinem Buch „Undinge„, warum wir hier nichts falsch machen. Ich kann das gut verstehen, dass man die Zeit bewohnbar machen muss.

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Auch Frau Smith gibt sich Mühe, unsere Zeit bewohnbar zu machen mit täglichen Ritualen. Fleißig, wie ein fast 80-jährges Eichhörnchen, sammelt sie ihre Bilder des Tages und schenkt sie uns.

Kürzlich hat sie ihrem alten Freund („our dear brother“) Neil zum Geburtstag gratuliert, mit den Worten:
„We were gonne save the world. How close we came. How close“.

Ihr neues Buch liegt bereit, es wird gelesen in der Woche vor Weihnachten, die wir in einem liebgewonnenen Ritual auf der Insel Texel in vollkommener Ruhe verbringen werden.

der Hund

Die Beerdigung am Vortag kreist mir im Kopf herum, ich schlafe schlecht. Die große Traurigkeit, Jupp nie wieder zu sehen, und die Erfahrung dieser dörflichen Gemeinschaft, man rückt zusammen, man senkt den Kopf am Grab, aus Verbundenheit, alle, alle kennen sich, der Ablauf ist jedem klar, nur mir nicht. Zum Beispiel gab es am Grab keine persönliche Beileidsbekundung. Bei den Beerdigungen, die ich bisher mitgemacht habe, ging man erst zum offenen Grab und dann zu den nächsten Angehörigen, um ihnen die Hand zu geben, ein paar Worte zu wechseln. Schön war, dass es in der Kirche für alle ein kleines Bild von Jupp gab, zum Mitnehmen.

Um das ganze Durcheinander im Kopf etwas runterzukochen, starten K. und ich einen Gang durch die winterliche Landschaft. Im Nachbarort stellen wir den Wagen ab und wollen losgehen. Da bemerke ich einen bewegten Schatten hinter mir, drehe mich um und sehe einen großen, schwarz-weißen Hund. Etwas missmutig schaut er mich abwartend an. Ich hocke mich hin, rede mit ihm und schon zockelt er zu mir, lässt sich kraulen. Der Liebste steht ein paar Meter weiter, der Hund sieht ihn skeptisch an, geht in seine Richtung, bleibt stehen, K. spricht mit ihm, und schon ist der Bann gebrochen, auch hier vergraben sich kalte Finger in warmes Hundefell. Dann gehen wir los und der Hund läuft schwanzwedelnd mit. Ich weiß, was jetzt im Kopf des Liebsten abgeht, weil ich ja ähnlich gestrickt bin: Der Hund hat kein Zuhause, er sieht in uns seine letzte Chance, wir werden ihn für immer am Hals haben. Aber ich glaube nicht so richtig an die These von der Obdachlosigkeit, der Hund sieht zwar alt, aber gesund und munter aus. Also gehen wir los. Das Tier wartet brav an jeder Weggabelung, schaut uns fragend an und scheint dann zu wissen, welche Richtung wir einschlagen wollen. Nach einer viertel Stunde versuche ich ihn zurück ins Dorf zu schicken, indem ich deutlich in die Richtung zeige und nachdrücklich „So, Hund, ab nach Hause!“ sage. Geradezu fassungslos schaut uns der Hund an. Als ich die Aufforderung wiederhole, wufft er widerwillig in sich hinein. Es ist kein offenes Bellen, sondern ein „Wuff“ mit geschlossener Schnauze, ein nicht fehlzudeutendes Zeichen des Widerspruchs. K. und ich schauen uns an, seufzen und gehen weiter, der Hund rennt schwanzwedelnd vor.

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Ab da bin ich zuversichtlich, dass der Hund nur eine Möglichkeit für einen Spaziergang gesucht hat und im Dorf ein Zuhause hat. K. wiederum fühlt sich ab sofort verantwortlich. „Komm mal von der Straße runter, da kommt ein Auto!“, ruft er dem Hund zu, und sorgt sich, dass er im Stacheldraht hängen bleiben könnte. „Was machen wir, wenn uns im Dorf jemand sagt, dass der schon tagelang hier herumirrt und keiner den Besitzer kennt?“ frage ich K. „Das geht mir auch schon die ganze Zeit durch den Kopf“ knurrt der Liebste. Eine Stunde später haben wir dem Hund einen Namen gegeben und würden ihn natürlich sofort adoptieren, wenn es sein muss. Aber am Auto angekommen, schaut er uns noch einmal kurz an und trottet dann in eine Hofeinfahrt. Eine klitzekleine Enttäuschung macht sich breit. Noch Stunden später freuen wir uns an dieser Begegnung. Für immer wird dieser Landstrich mit dem freundlichen Hund verbunden sein.

Später dann ein Sonnenuntergang, der uns wie ein zweites Geschenk überreicht wird.