Irgendwo gelesen, dass man sein Leben nicht nur damit verlängern kann, dass man regelmäßig Omega 3 Kapseln schluckt und keinen Alkohol trinkt. Das Leben wird auch länger, wenn man etwas erlebt, nicht zuhause anhockt, sich in der Welt umschaut. Nachdem wir an den vergangenen Wochenenden schon im Landschaftspark Nord in Duisburg und in der Zeche Zollverein in Essen waren, steuern wir an diesem verregneten Wochenende Krefeld an.
Im Kunstmuseum und den angegliederten Häusern Esters und Lange findet eine Ausstellung der Architektin und Designerin Charlotte Perriand statt. Obwohl sie eng mit Le Corbusier zusammengearbeitet und viele Möbelklassiker entworfen hat, hatte ich ihren Namen noch nie vorher gehört. In mehreren Videointerviews vermittelt sich eine sehr lebensfrohe, hands-on Persönlichkeit, ihre Schmuckstücke aus Industrieprodukten würde ich (sonst schmucklos) sofort tragen.


Das Museumsgebäude ist für die Ausstellung wie geschaffen und die Mitarbeiter sind ausgesprochen freundlich („Selbstverständlich dürfen sie fotographieren!“).


Perriand hat in vielen Le Corbusier-Häusern die Innenarchitektur übernommen, klare, funktionale Räume, die im groben Gegensatz zum verschnörkelten, überdekorierten Zeitgeiste standen.


In den Mies van der Rohe-Häusern Esters und Lange werden vor allem Entwürfe ausgestellt, die in Zusammenhang mit einem längeren Japanaufenthalt entstanden sind. Alles fügt sich willig in die großartige Architektur ein.


Das Museumscafé ist uns zu voll, all die teuer gekleideten Kunstliebhaberinnen, stattdessen kaufen wir in einer kroatischen Bäckerei für vier Euro ein Brot, zwei Gebäckstücke und einen halben Liter Wasser, damit der Liebste seine Migränemedikamente nehmen kann (diese kack Kopfschmerzen, wir haben beide keine Geduld mehr mit dieser Erkrankung).
Wieder zuhause angekommen legt sich K. ins Bett, ich ziehe mir die Laufschuhe an und trabe eine Stunde durch den Nieselregen. Ich denke in letzter Zeit viel nach über Freunde, Netzwerke und was ich mit den restlichen Jahren meines Lebens anstellen soll. Ich glaube, dass es letztendlich viel wichtiger ist, gemocht, vernetzt und im täglichen Austausch mit wohlwollenden Menschen zu leben, als eine Pflegegeldversicherung oder Rücklagen für eine live-in-„Polin“, die in einer Art modernem Sklaventum ihre Freiheit für meine opfert. Das Problem: Sozialkontakte mit den allermeisten Menschen sind mir derart zuwider, dass ich schon Panik kriege, wenn das jährliche Grillfest vom Chor droht. Oder ein Abendessen mit Verwandten von K.
Ich bin der totale Einzelheinz, unbeholfen und clumsy wie Bill Nighy, wenn es darum geht, Leute anzusprechen, Bekanntschaften zu machen, Freundschaften zu schließen. Das kann aber nicht so bleiben, also habe ich mir Jahresaufgaben gestellt, die jetzt angegangen werden.
Zum Beispiel dieses Ehepaar in der Nachbarschaft. Wir kennen uns vom Sehen, sind uns bei Demos gegen Rechts begegnet, waren beim Tag der offenen Gartenpforte in ihrem großartigen Garten, grüßen uns fröhlich auf dem Wochenmarkt. Seit Jahren sage ich immer mal wieder: Sollen wir die nicht mal einladen? Nun denn. Vor kurzem habe ihn ihnen eine Mail geschrieben (beide engagieren sind in etlichen Initiativen, die Kontaktdaten sind dadurch zugänglich) und gefragt, ob sie nicht Lust auf einen Nachmittagskaffee hätten. Der Mann hat dann gleich am nächsten Tag angerufen, etwas irritiert, weil ich Depp unsere Adresse in der Mail gar nicht genannt hatte. Die beiden hatten Angst, dass wir irgendwelche hinterlistigen Betrüger seien. Sie sind dann aber doch zum Kaffee gekommen und wir haben uns nett unterhalten. Die beiden sind easy to talk to, erzählen eine Geschichte nach der anderen, aber ich hatte nicht den Eindruck, als könne sich daraus etwas entwickeln, was mehr ist, als Nachbarschaft (was ja schon viel ist!). Es irritiert mich immer, wenn jemand durch unsere Räume geht, vorbei an hunderten von kleinen Vogelknochen, toten Käfern, Treibholz an der Wand, seltsamen Collagen, einem Dachschädel, getrockneten Disteln, verwackelten Schwarzweissfotos, zerbrochenen Kacheln aus dem leerstehenden Kaiser’s Kaffee Turm, tausenden Büchern und nichts dazu sagt.
Etwas mehr Glück, oder Gleichklang, habe ich mit der ehemaligen Kollegin, von der ich jahrelang nichts mehr gehört hatte. Ich weiß, dass sie neben ihrer bürgerlichen Arbeit auch Kunst macht, Fotografie, Installationen, Skulpturen. Über mein Angebot, sie zu besuchen, freut sie sich sehr. Ich finde sie in ihrer großen Altbauwohnung inmitten von Fotos, unzähligen getrockneten Pflanzen, hunderten von total interessanten angefangenen Arbeiten. Mittendrin ein großes Pflegebett, sie ist sehr krank, was ich nicht wusste. Wir können uns sofort begeistert über die Form der Wurzeln von Maispflanzen, Hunde und Zyanotypien unterhalten. Wenige Tage später erhalte ich eine Postkarte von ihr. Sie schreibt: „Schick mir doch bitte deine Mobilnummer, damit mein Sohn dich erreicht, wenn ich sterbe. Du kannst meine Nester haben“. Sie hat eine umfangreiche Sammlung von Vogelnestern. Ich heule vor Rührung.
Das Arbeitsumfeld eignet sich auch dazu, Menschen kennen zu lernen und hilfreiche Netzwerke auch außerhalb beruflicher Dinge zu knüpfen, sagt man. Um als Freiberuflerin im Austausch zu bleiben, habe ich schon vor 20 Jahren ein Arbeitsfrühstück mit Kolleg:innen initiiert, das einmal monatlich reihum bei den acht Teilnehmenden stattfindet. Der berufliche Austausch ist super – hilfreich, unterstützend, humorvoll. Aber privat haben sich für mich keine Verbindungen aufgetan. Im Gegenteil. Ich muss mich zwingen, die Jagdgeschichten von Kollegin S. unkommentiert zu ignorieren (überall in ihrem Haus hängen die Trophäen, ich streiche traurig über ein Dachsfell und zahllose Fuchsschwänze, die auf einem Geländer hängen). Ein anderer Teilnehmer redet grinsend und um Anerkennung heischend sehr verächtlich über „die Ausländer“ („Die belästigen unsere Frauen“). Motorradfahren und Fußball sind die anderen Themen, über die man gerne krachend laut und auftrumpfend redet. Ich bin froh, wenn nach zwei, drei Stunden wieder Ruhe ist.
Es ist auch eine Hoffnung, über meine einzige Gruppen-Freizeitaktivität „Singen im Chor“ Freundschaften zu schließen. Bisher, also nach 19 Jahren, ohne Erfolg. Mehr als die Hälfte der Sänger:innen kommt aus Gründen der Geselligkeit zu den Proben. Das heißt, sie kommen unregelmäßig, unpünktlich, unvorbereitet, und quatschen während der Probe. Steht ein Sommerfest oder eine Weihnachtsfeier an, sind sie immer als erste dabei. Bierchen nach der Probe? Gerne! Diese Leute können extrem laut und mit wachsender Begeisterung über die sinnlosesten Nichtigkeiten schwafeln, stundenlang. Mich erschöpft das zutiefst. Schon seit Jahren nehme ich an keiner Chorfahrt oder Feier mehr teil. Einzelne Leute finde ich durchaus interessant, traue mich aber nicht, sie für ein Treffen außerhalb des Chors anzusprechen. Auch aus der Befürchtung, dass sie vielleicht total langweilig sind.
Was funktioniert, sind langjährige, gewachsene Verbindungen zu Einzelnen, die jeder Entfernung und auch jahrelangen Pausen trotzen. Dass ich T. noch kenne, den ich mit 19 bei einer Bus-Panne am Straßenrand irgendwo kurz vor New York kennengelernt habe, ist ein großes Glück. Oder P., meine ehemalige Englischlehrerin aus der Schule. Bewährt hat sich auch das Prinzip des Jour-Fix – jeden Monat treffen wir uns mit F. und L., kochen, reden über Bücher und Filme, über Sorgen und Hoffnungen. Das vielleicht ausbauen, regelmäßige Treffen, die verlässlich stattfinden.















































































