»Als wären aus den Spitälern (…) alle Kranken in einem Graben beisammen, ein solcher Jammer war da, und ein solcher Gestank war da wie von verfaulenden Gliedern«, heißt es (übersetzt von Kurt Flasch) im 29. Gesang des Inferno, wo Dante im zehnten Höllenkreis die Geister von Fälschern »in seltsamen Bündeln dahinsiechen« lässt. Unbehagliches Terrain, allerdings […]
Kategorie: Hundert 11
Konzertgänger in Berlin – der Blog von Albrecht Selge.
Mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik.

Zertrümmert liegt, was je sie getrennt
Zwei Monate vor der Premiere einer neuen Walküre an der Bayerischen Staatsoper läuft in Berlin ein erster Aufzug mit teilweise gleicher Besetzung. Trotz der Schnittmenge ist das mehr als ein partieller Testdurchgang: erstens, weil musikalisch lohnend konzertant, zweitens, weil dramaturgisch lohnend kombiniert mit – na hoppla – Brahms. Das ist verblüffend, ja irritierend, in seinem […]
Besoffen durch Raum und Zeit
Auch in einer Stadt wie dem schönen, beschaulichen, schwierigen Görlitz schieben sich Räume und Zeiten ineinander, dass man ins Träumen und Schwindeln geraten kann. Prächtig wiederhergestellte Herrlichkeiten von Gotik bis Jugendstil liegen hier neben spürbaren Lücken und Tücken politischer Gegenwart, erneuertes Wundern neben alten Wunden; und entdeckt der Besucher dieser großartigen kleinen Stadt in der […]
Pausenwein unersehnt
Bei langjährigen Streichquartetten stellt sich nach vielen Besetzungswechseln die philosophische Frage vom »Schiff des Theseus«: Ab wie vielen Plankenwechseln verliert ein Objekt seine Identität, verliert es sie überhaupt? Grundsätzlich machen solche Revirements Kammermusik-Ensembles ja unbeschränkt seetüchtig. Das Juilliard String Quartet gibt es seit 1946, das Gewandhaus-Quartett existiert quasi seit Christi Geburt. Das Takács Quartet aber, […]
Freak und Birken
»Leben mit einem Idioten« klingt für mich wie eine Untertreibung in der gegenwärtigen Lage, wo verschiedene Formen des Psychopathentums Voraussetzung für weltmächtigste Ämter zu sein scheinen. Und so scheint mir Alfred Schnittkes Oper Leben mit einem Idioten von 1992, deren Neuinszenierung, als Koproduktion mit Nancy, jetzt Premiere in Magdeburg feierte, gerade sehr fern und sehr […]
Virtuosität der Poesie
Kit Armstrong – kein Wunderkind mehr, aber immer noch Wunder – sei der einzige Musiker, der direkten Zugang in Beethovens Kopf habe, erklärt sinngemäß Dirigent Jan Caeyers vor dem Konzert: Hier sitze quasi Beethoven selbst am Klavier. Einem so profunden Euphoriker wie Caeyers nimmt man solchen Überschwang gern ab. Und auch dem gepriesenen Wunder Armstrong […]
Ins Ungewisse hinab, ins Ungewisse hinauf
Henze-Absenz. Auffällig. Dabei galt er doch als der (relativ) Publikumsnahe, hielt sich selbst was drauf zugute, dass er sich nicht so weit von der Hörerschaft entfernt habe wie andere Komponisten seiner Zeit. Und jetzt? Zahlt sich das heute, zu Hans Werner Henzes Hundertstem, gar nicht aus? Der anlassbedürftige Klassikbetrieb lässt sich doch sonst kein Jubiläum […]
Triangle of Happiness
Verdienstvolle List, wenn man einen magnetisch anziehenden Namen in den Dienst von dem stellt, was kaum einer kennt. Der Vehikel-Name lautet in dem Fall Lang Lang, und Nutznießende der Kollateral-Adhäsion ist die einzige Sinfonie von Hans Rott. Die wurde, neben der Aufführung durch ein Uni-Orchester, in Berlin zuletzt 2018 vom RSB unter Sebastian Weigle gespielt. […]
Angst stecken Seele an
Gibt es eigentlich eine Oper mit einer größeren Kluft zwischen sprödem Werktitel und überwältigender Bühnenkraft, als sie in Poulencs Dialogues des Carmélites besteht? Und eine Oper, die zugleich ebenso aus der Zeit gefallen scheint, wie sie brennend aktuell ist? Heutig: weil die Kontaktpunkte zwischen unserer Gegenwart und der Geschichte einer Gruppe von Frauen, die der […]
Im lila Rössl der Psychoapokalypse
Eigentlich läuft es auf ein Zweipersonenstück hinaus, dieses durchaus kraftmeierisch-aufgeblasene Debüt des seinerzeitigen Teenagers Erich Wolfgang Korngold von 1916, denn all das Dramatische davor sprudelt ziemlich schnell durch, erst ein Salome-inspirierter Anfang, in dem es männlichem Dienstpersonal nach der erotisch anziehenden, aber verriegelten Herrin gelüstet, dann die Exposition einer sittenstrengen Ehe, dazu ein bisschen Venedig- […]
