Am Brunnen
12/100 Tales of Silk | An der Promenade geht es nicht mit rechten Dingen zu
Die Wesen waren seltsam unbelebt, sahen etwas unförmig aus, aber immerhin schien von ihnen keine Gefahr auszugehen. Der kleine Elf hatte sie nun eine Weile schon beobachtet. Kein Atmen, keine Bewegung. Der eine stierte seit langem stur nach vorn, ein anderer pinkelte, aber ununterbrochen. Komische Welt und komische Wesen!
Immerhin schien er hier sicherer zu sein als unter dem Baum, unter dem er unverhofft aufgewacht war. Er wusste nicht, wie ihm geschehen war. Auch nicht, wie er dorthin gekommen war. Aber das vierbeinige Ungeheuer, das an ihm schnupperte und weit sein Maul aufriss, hatte ihn nur deshalb nicht verschlungen, weil es jemand an einer Kette von ihm weggezerrt hatte. Hilfe, wo war er bloß?
Er wagte sich noch etwas näher an den Brunnen heran und erlaubte sich einen Schluck aus dem stehenden Wasser zu schöpfen. Es schmeckte metallisch, aber immerhin nicht vergiftet. Er war erschöpft, aber wovon? War er hierher geflogen? Oder entführt worden? Hatte sich unbeabsichtigt unter ihm ein Portal in die Anderswelt geöffnet? Und wenn ja, wie kam er zurück?
Er fühlte sich desorientiert, hilflos und schwach. Und er musste unbedingt nachdenken. Wenn er in der Weltenschule richtig aufgepasst hatte, war er in der Menschenwelt gelandet. Die weißen und metallischen Wesen neben ihm sahen zwar unförmiger aus als die in seinem Atlas, aber das Ungeheuer nannten sie hier Hund und es gab wohl freilaufende und welche an Ketten. Bloß gut, dass das vorhin zur letzteren Kategorie gehört hatte.
Was wusste er noch? Da wurde ihm mulmig. Er erinnerte sich, dass ein Übertritt eigentlich nur alle 77 Jahre erfolgte. Es sei denn, eins der Menschenkinder sprach eine Geheimformel aus, die seit langem als verschollen galt. Musste er jetzt 77 Jahre hier verbringen? Oder konnte er bei den Kindern dieser Welt nach dieser Geheimformel suchen?
Da kam ihm noch eine andere Erinnerung. Eine, die ihn aufatmen ließ. Aber das würde sein volles Geschick erfordern. Vorher wollte er sich auf dem großen Wesen da vor ihm ein Plätzchen zum Schlafen suchen, oben auf der Schulter, wo ihn kein Vierbeiner erreichen konnte. Und ab morgen, also ab morgen würde er an seiner Rückkehr arbeiten!
… to be continued …
Gute Nacht, ihr Lieben!
Auch diese Geschichte hätte eine Fortsetzung verdient, aber für heute ist eure Märchenerzählerin müde ;)
Der Brunnen steht an der Promenade in Münster, an dem ich gerade vorbeiradelte. Hätte ich den Elf sehen können, hätte ich sooo viele Fragen an ihn gehabt, so müssen wir uns leider damit begnügen, hier ein wenig über seine ersten Stunden in der Menschenwelt zu erfahren.
An all die Autoren unter uns: Woher wisst ihr eigentlich, wann eine Geschichte nur eine Skizze bleibt und wann sie ein ganzes Universum beherbergt?

