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Interview

Karim Adeyemi im SIGNAL IDUNA PARK: „Hier kriege ich immer Gänsehaut“

Verliebt in ein Stadion. Karim Adeyemi und der SIGNAL IDUNA PARK. Das ist eine ganz besondere Beziehung. Der 22-Jährige ist aber auch ein ganz besonderer Mensch: äußerst sensibel und furchtbar schnell. Zum Interview treffen wir Karim in der Loge von 1&1. Von hier haben wir den besten Blick in sein „Wohnzimmer“. Jetzt ist er wieder Teil der Mannschaft und will mithelfen, dass diese auch auswärts in die Erfolgsspur findet. Sein persönliches Rezept hat er gefunden: „Wenn ich diese Lockerheit habe, kann mich nichts aufhalten.“

Am späten Abend des 1. Oktober steht Karim Adeyemi mit der Trophäe des besten Spielers der Partie in der Hand vor den Fernsehkameras. Mit drei Toren und einer Vorlage hat er maßgeblichen Anteil an der 7:1-Gala seiner Mannschaft gegen Glasgow. Es sind seine Tore zehn, elf und zwölf in der UEFA Champions League, und damit avanciert er im Alter von 22 Jahren und 257 Tagen zum ersten deutschen Fußballer überhaupt, der in diesem Wettbewerb zehn (oder mehr) Treffer vor seinem 23. Geburtstag erzielt hat. Adeyemi antwortet gutgelaunt auf die Fragen der Reporter und hinterlässt beim TV-Zuschauer das Gefühl, dass der Grund für die verletzungsbedingte Auswechslung in der 48. Minute einigermaßen harmloser Natur gewesen sein könnte.

49 Tage nach diesem Spiel treffen wir uns zum Interview. Karim Adeyemi hat bis dahin kein weiteres Spiel für seinen Klub bestreiten können, steht jedoch in den Startlöchern.

Karim, was war der Grund für die lange Ausfallzeit?
„Es war dann doch etwas schwerwiegender, als ich und wir alle gehofft hatten. Die Verletzung musste komplett ausheilen. Deshalb hat es etwas länger gebraucht. Jetzt fühle ich mich gut und freue mich darauf, bald wieder im Stadion zu stehen und hoffentlich da weiterzumachen, wo ich aufgehört habe.“

Wie gehst Du mit Verletzungen um? Schmerzt ein Ausfall in Topform noch mehr?
„Natürlich bin ich enttäuscht und traurig, aber dann denke ich recht schnell: Alles hat seinen Grund. Ich werde noch mehr auf meinen Körper schauen und noch professioneller damit umgehen, um Verletzungen in Zukunft so gut es geht zu vermeiden.“

An welche weiteren Möglichkeiten im präventiven Bereich denkst Du?
„Man kann immer noch mehr machen, sowohl im Training als auch danach bei der Regeneration. Vielleicht muss ich noch mehr auf die Ernährung schauen als ich das sowieso schon mache. Es ist in allen Bereichen immer Luft nach oben.“


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Am 4. Februar 2023 erreicht Karim Adeyemi in der Begegnung mit dem Sport-Club Freiburg einen Topspeed von 36,66 km/h. Das ist der höchste seit Beginn der Datenerfassung 2011 gemessene Wert eines Bundesliga-Spielers. Anderthalb Jahre hält der BVB-Profi diese Bestmarke, die dann zu Beginn der laufenden Saison von gleich zwei Akteuren weiter nach oben geschraubt wird: zunächst vom Heidenheimer Sirlord Conteh um ein Hundertstel, dann vom Bochumer Gerrit Holtmann, gemessen mit 36,74 km/h. Als der achtmalige Olympiasieger Usain Bolt bei seinem Jahrhundertlauf die 100 Meter in 9,58 Sekunden läuft, erreicht er eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,58 km/h und eine Maximalgeschwindigkeit von 44,72 km/h – natürlich ohne Ball und Gegnerdruck…

Wo liegt die Grenze für Fußballprofis? Wird die Marke von 40 km/h geknackt?
„Als Sprinter beschäftigt mich schon die Frage: Wie kann ich schneller werden? Und was kann ich dafür tun? Der 100-Meter-Läufer sprintet die 100 Meter schnurgerade. Bei uns läufst du selbst bei einem Konter von Sechzehner zu Sechzehner nie geradeaus. Du musst immer jemandem ausweichen und schauen, wo eine Lücke frei ist.“

Hat es Dich ein wenig geärgert, dass Dir Conteh und Holtmann den Bundesliga-Rekord weggenommen haben?
„Ich habe meinen eigenen Rekord selbst gebrochen, aber das wissen die Wenigsten. Das war in der Champions League. Mathias Kolodziej (Leiter Sportwissenschaft beim BVB, d. Red.) wertet alle Daten aus. Er hat ein kleines Plakat gebastelt und mir in den Spind gelegt. Darauf stand ‚37,3‘. Ich habe ihn extra nochmal gefragt, und er hat mir diese Zahl bestätigt. 37,28 km/h im Spiel gegen Real Madrid.“

Schnelligkeit liegt in Deinen Genen. Hast Du sie in Deiner Kindheit und Jugend auch ganz speziell trainiert?
„Mein Vater war früher auch sehr schnell, meine Mutter war sehr sportlich. Trainiert habe ich Schnelligkeit nie. Ich war immer glücklich, dass ich immer der Schnellste war. Das ist ganz klar eine meiner Stärken.“

Für das Interview mit der BORUSSIA hat sich Karim einen ganz speziellen Ort ausgesucht: den SIGNAL IDUNA PARK. Hier, wo alle 14 Tage das Herz des Fußballs schlägt. Das größte und wie wir alle meinen auch schönste Stadion Deutschlands.

Was bedeutet Dir der SIGNAL IDUNA PARK? Warum bist Du so gerne hier?
„Schon meinen ersten Kontakt mit dem BVB hatte ich in diesem Stadion. Ich bin gerne hier. Was die Fans uns geben, ist sowieso beeindruckend. Dieses Bauwerk aber auch von außen zu sehen, diese Wucht zu spüren, ist besonders. Immer, wenn ich herkomme, kriege ich Gänsehaut. Und wenn uns die Fans beim Aufwärmen mit ihren Songs empfangen, ist das unfassbar. Es gibt kein krasseres, kein lauteres Stadion als unseres. Ich bin sehr froh, so eine Fantribüne hinter mir zu haben. Das Stadion ist besonders. Es macht sehr, sehr viel Spaß, hier zu spielen.“

Aufgewachsen ist Karim in München. Am 18. Januar 2002 erblickt er das Licht der Welt. Sein Vater ist Nigerianer, seine Mutter Rumänin. In seiner Kindheit spielt er neben Fußball auch Basket- und Volleyball. Als Achtjähriger wechselt er in die U9 des FC Bayern, kehrt aber keine zwei Jahre später zu seinem ersten Klub zurück, zum TSV Forstenried. Von 2012 bis 2018 kickt er im Nachwuchs der SpVgg Unterhaching. Österreichs Abonnementmeister FC Salzburg sichert sich dann für eine stattliche Ablösesumme die Dienste des hochtalentierten, damals 16 Jahre jungen Angreifers.

Du hast als BVB-Sympathisant in München gespielt? Wie kam das an?
„Das war ehrlich gesagt nach meiner Zeit beim FC Bayern. Da hat mein Vater in seinem alten Job ein paar Leute zu einem Spiel nach Dortmund gefahren und mit ihnen gemeinsam das Spiel geschaut. Als er zurück war, hat er mir gesagt, dass er ein unfassbares Stadion erlebt hat. Danach haben wir viel Dortmund imFernsehen geschaut, und wir waren immer für Dortmund. Ab da hatte ich den Wunsch: Ich will unbedingt für Dortmund spielen. Ich weiß, was dieser Verein ist, was mir die Fans geben können. Und die Spielart passt sowieso ganz besonders gut zu mir. Deshalb fühle ich mich seit dem ersten Tag hier sehr wohl.“

Wann hast Du in Deiner Jugend gespürt, nicht nur besser zu sein als andere, sondern möglicherweise gut genug für das ganz Große?
„Konkret kann ich das nicht beantworten. Als ich das erste Mal den Ball berührt habe, wollte ich später Fußballprofi werden. Ich habe früh gespürt: Ich bin spezieller als die anderen. Ich habe vielleicht auch mehr daran geglaubt, es schaffen zu können als andere. Für mich gab es nichts anderes, als Fußballprofi werden zu wollen.“

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Am 20. Februar 2020 feiert Karim Adeyemi im Europa-League-Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt (1:4) als Einwechselspieler seinen Einstand im Profiteam des FC Salzburg. 2021/22 gelingt ihm der Durchbruch: Mit 19 Treffern in 29 Partien wird er Torschützenkönig der österreichischen Bundesliga. Insgesamt wird er dreimal Meister und Pokalsieger. In Dortmund hätte er beinahe so weitergemacht. Stattdessen aber reicht es zweimal „nur“ zu Silber: 2023 in der Bundesliga, 2024 in der UEFA Champions League.

Wie lang hat Dich diese Szene aus der 21. Spielminute beschäftigt, als Du nach Mats Hummels’ Pass allein auf Real Madrids Torhüter Courtois zugelaufen bist?
„Sehr, sehr lange. Aber ich habe mich nicht herunterziehen lassen. Im Gegenteil. Solche Momente möchte ich nicht wieder erleben, deshalb arbeite ich hart daran, vor dem Tor entschlossener zu sein und die Chance zu verwerten.“

… was Dir ja bis Anfang Oktober sehr gut gelungen ist mit fünf Toren und vier Vorlagen im Verein und fünf Treffern bei der U21-Nationalmannschaft.
„Genau. Ich mache mir nicht mehr so einen Kopf über ausgelassene Torchancen. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn der Ball im Finale gegen Real Madrid reingegangen wäre. Und natürlich habe ich noch die Bilder von Mainz im Kopf, und sie werden unvergesslich bleiben. Es tut immer noch sehr, sehr weh, dass wir den Moment nicht nutzen konnten. So ist der Fußball. Hoffentlich machen wir es nächstes Mal besser.“

Wird irgendwann der Moment kommen, in dem Du nicht nur mit Enttäuschung auf das verlorene Finale oder die verlorene Meisterschaft blickst, sondern auch mit etwas Stolz auf das Geleistete? 30 andere Top-Teams sind vor Wembley rausgeflogen.
„Klar, es gibt immer einen Verlierer. Aber ich habe das Finale nicht gewonnen. Es hört sich komisch an, aber es wird sich wohl nie gut anfühlen, obwohl wir etwas Krasses erreicht haben.“

Um besondere Momente auf dem Platz zu kreieren, braucht es Unbekümmertheit. Franz Beckenbauer nannte diese Unterschiedsspieler „Zauberer“. Ein Zauberer darf aber auch nicht zu sehr erwachsen sein. Wieviel Leichtigkeit muss man sich bewahren und wieviel Ernsthaftigkeit ist erforderlich, um erfolgreich sein zu können?
„Das dürfte für jeden Spieler anders sein. Für mich persönlich habe ich erkannt, dass ich mehr Freiheiten brauche als ernst sein zu müssen auf dem Platz. Als ich im September für die U21 gespielt habe, war ich locker – noch lockerer, als zuvor in Dortmund. Und da habe ich gemerkt: Wenn ich diese Lockerheit habe,kann mich nichts aufhalten. Ich habe für die U21 zwei gute Spiele gemacht. Mit diesen Gedanken bin ich in die nächsten Partien beim BVB gegangen: ‚Wenn ich ein schlechtes Spiel mache: kann passieren, kein Problem! Wenn ich ein gutes Spiel mache, lege ich weiter den Fokus darauf, Spaß zu haben.‘ Und das hat geklappt. Genau so werde ich auch die nächsten Spiele angehen. Egal, was die Leute um mich herum sagen. Ich mache das, was für mich gut ist.“

War es also im Nachhinein gut für Dich, dass Du im September von Julian Nagelsmann nicht für die A-Nationalmannschaft nominiert worden bist, obwohl die persönliche Enttäuschung in dem Moment vermutlich groß war?
„Absolut! Wäre ich früher fit geworden, wäre ich sehr glücklich darüber gewesen, zu den November-Spielen der U21 zu gehen. Denn dieser Weg hat mir sehr geholfen.“

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Wie der Mensch Karim Adeyemi tickt, zeigt ein Projekt in Nigeria, der Heimat seines Vaters. Der junge Fußballer engagiert sich für soziale Projekte, die sich auf die Themen Bildung und Unterstützung benachteiligter Kinder konzentrieren. Er möchte ihnen durch seine Stiftung Zugang zu Bildungsmöglichkeiten bieten, um ihnen dadurch die Chance auf eine bessere Zukunft zu ermöglichen. In Nigeria ist die Armut tief verwurzelt, über 40 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Was ist der Antrieb für Deine Projekte?
„Als ich zehn Jahre alt war, war ich das erste Mal mit meinem Vater in Nigeria, dem Land meiner Vorfahren, und habe ihm gesagt: ‚Wenn ich es schaffe, meinen Traum zu verwirklichen, Fußballer zu werden und genug Geld zu verdienen, dann will ich zurückkommen und den Menschen hier helfen, damit sie eine bessere Zukunft haben können.‘ Mittlerweile habe ich gemeinsam mit meinem Vater eine Foundation gegründet, die Stipendien für Schulbesuche bezahlt oder die Menschen mit Essen, Trinken und Medikamenten versorgt. Ende vergangenen Jahres haben wir einen Brunnen bauen lassen für frisches,sauberes Wasser.“

Wie war Deine Kindheit geprägt?
„Meine Eltern hatten es auch nicht leicht, in Deutschland klarzukommen. Sie mussten in mehreren Jobs arbeiten, damit sie sich gerade so über Wasser halten konnten. Und ich habe gemerkt: In Nigeria haben die Menschen noch weniger. Nun will ich etwas zurückgeben. Sollte ich mal Kinder haben, werde ich ihnen zeigen, dass es nicht jeder so schön und so leicht hat wie jemand, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.“

Was bedeutet Dir Deine Familie?
„Familie ist besonders. Am liebsten hätte ich sie immer hier. Ich habe eine sehr enge Bindung zu meiner Mutter und zu meinem Vater. Aber auch die Menschen, die mir sehr nahe sind, sind für mich Familie, auch wenn es nicht das gleiche Blut ist. Mit meiner Frau ist eine neue Familie zu mir gekommen; es ist sehr schön, sie zu haben.“
Autor: Boris Rupert
Fotograf: Hendrik Deckers

Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.

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