TAGE IM JUNI
Abenteurer
- 4 -
NIKLAS SCHUPP
Der Tunnel endete in einer grauen Wand. Die Schienen vor einem Prellbock.
Niklas' Herz tobte in seiner Brust. Neben ihm fauchte Jannik entgeistert.
Sackgasse. Ende. Tod.
Auf einer Seite des Tunnels türmten sich leere Fässer. Panisch gingen die beiden hinter ihnen in Deckung. Sie kauerten sich an die Steinwand. Zogen Beine und Arme ein. Drückten die Köpfe auf die Brust, um sich so klein wie möglich zu machen.
Jannik ließ sein Handy in der Tasche verschwinden und das Licht erlosch. Teerige Finsternis hüllte sie ein. Sie schnappten nach Luft, zwangen sich zur Ruhe. Und lauschten dem, was jeden Moment im Tunnel vor ihnen auftauchen würde.
Es wurde wieder still.
Ihr Verfolger hatte scheinbar ebenfalls aufgehört zu rennen oder er schlich wieder. Vielleicht stand er bereits vor den Fässern und lauschte.
Niklas' Augen waren aufgerissen, aber um ihn war es so schwarz als hätte er sie zugekniffen. Hierher verirrte sich kein Licht und nicht einmal die schärfsten Nachtaugen konnten die dicke Dunkelheit durchdringen. Vor ihm schimmerten blaue Pünktchen von Adrenalin und Aufregung. Er bildete sich ein, die Umrisse der Fässer vor sich flackern zu sehen. Sie zerflossen, als befänden sie sich unter Wasser.
Er malte sich aus, wie zwischen ihnen ein Gesicht auftauchte, mit einem aufgerissenen Maul und zwei weißen Augen, die auf ihn zuschwebten.
Er lauschte nach Bewegungen, nach einem Herzschlag im Dunkeln, hörte aber nur seinen eigenen und den von Jannik.
Die trügerische Stille machte ihn nur noch panischer. Er stellte sich vor, wie das Gesicht direkt vor ihm schwebte und eine Pranke nach ihm ausstreckte. Konnte ihr Verfolger so gelassen und so emotionslos sein, dass er nicht einmal einen Herzschlag besaß? Nicht einmal Atemgeräusche von sich gab.
Beide warteten mehrere Minuten.
Es blieb totenstill.
Vielleicht stand der Verfolger die ganze Zeit vor ihnen, ohne einen Muskel zu bewegen. Wartete auf sie, während sie warteten. Sie starrten sich gegenseitig durch die Finsternis an.
Die Stille kam ihm zäh und dick vor. Sie war so schwer, dass Niklas glaubte taub zu sein. Hätte er nicht die eisige Wand in seinem Rücken gespürt und Janniks aufgeregten Herzschlag neben sich gehört, hätte er glauben können im schwarzen Nichts zu schweben. Blind und taub.
Jannik zog Schleim in seiner Nase hoch und schluckte ihn herunter. Niklas konnte das Geräusch zwischen den Fässern widerhallen hören. So unendlich still war es im Tunnel.
Es war doch unmöglich.
Er versuchte seinen Verstand aus den Fängen der Angst zu befreien. Es war unmöglich, dass ihr Verfolger so leise sein konnte, dass man weder Atem noch Herzschlag hören konnte. Kein Rascheln von Kleidung und Fell. Kein Knistern von Schuhen und Pfoten.
Niemand konnte so leise sein, versuchte sich der Waschbär einzureden, egal wie unauffällig oder vorsichtig man war. Jeder Körper machte Geräusche. Selbst der von einem Unbekannten. Selbst wenn er ein Monster war.
Niklas öffnete seinen Mund, den er so fest zusammengepresst hatte, dass sein Kiefer wehtat. Er schnappte leise nach Luft. Er konnte hören, dass Jannik dasselbe tat und sich die Nase wischte, Rotz hochzog.
»Glaubst du — «, hauchte der Luchs, »er ist in den anderen Tunnel gegangen?«
»Vielleicht«, entgegnete Niklas und lauschte erneut. Dieselbe endlose Stille.
Mit leisem Rascheln drückten sich beide in die Höhe. Niklas' Schultern schmerzten. Sein ganzer Körper war verkrampft. Er schüttelte sich, was von einem unangenehmen Stechen in seinem Fuß quittiert wurde.
Jannik hatte das Handy wieder hervorgezogen, es aber unter sein Shirt gesteckt, so dass durch den Stoff nur ein kaum merkliches Licht quoll. Es genügte, um die beiden Jungen und die Fässer direkt neben ihnen vom Schwarz zu befreien.
Im schwachen Schimmer glänzten Janniks Katzenaugen. Er blickte Niklas an, als wartete er auf irgendeine Antwort.
Der Waschbär nickte ihm zu und vorsichtig spähten sie über die Fässer. Nur ihre Nasen und Ohren ragten hervor und inspizierten den Tunnel.
Es blieb still. In der Luft lag der rostig-modrige Geruch eines alten Gemäuers. Kein Verfolger zu erschnüffeln.
»Was hat der Typ hier zu suchen?«, flüsterte Jannik und spähte zögerlich den Tunnel hinab.
»Weiß nicht«, gab Niklas zurück und verließ ihr Versteck. »Vielleicht dasselbe wie wir. Erkunden.«
Jannik schnaufte ungläubig. »Und dabei rennt er uns nach? Wer weiß, was er mit uns anstellen wollte. Wie lange ist der uns schon nachgeschlichen?«
Der Luchs zitterte. Der Gedanke schien ihm einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Niklas hingegen war immer noch heiß. Sein Pelz kribbelte vor Aufregung. Er fuhr sich über die Arme und durchs Nackenfell.
Er beobachtete den Luchs, wie er Staub aus seinem Fell schüttelte, sich über die Pfoten leckte und seine wild abstehenden Haare glatt strich.
Es dauerte einen Moment bis Niklas begriff, dass er die Gesellschaft des Luchses mochte. Jetzt, hier in den finsteren Tunneln. Er hätte es nie für möglich gehalten, aber er erschauderte, als er darüber nachdachte, ohne ihn alleine durch die Dunkelheit zurückirren zu müssen.
Jannik bemerkte den Blick und schien zu glauben, dass Niklas auf etwas wartete. Der Luchs hob seinen Arm, um den Kleinbär wieder Hilfestellung zu geben.
Niklas winkte ab. »Geht schon«, meinte er und zeigte, dass er mit dem Fuß wieder auftreten konnte. Er verzog kurz schmerzlich das Gesicht. »Geht schon«, versicherte er abermals.
Mit leisen Schritten bahnten sich die beiden den Weg zurück zur Weggabelung.
Sie ließen ihre Nasen um die Ecke wandern und witterten. Niemand zu riechen. Die Ohren folgten und meldeten Totenstille. Ihr Verfolger schien sich ein anderes Ziel gesucht zu haben.
Niklas deutete auf den Tunnel zur anderen Seite. Er musste nach draußen führen.
Plötzlich fuhr er zusammen. Da waren sie wieder. Die Schritte.
Beide warfen einen entsetzten Blick nach hinten. Die Geräusche kamen aus dem Tunnel, den sie gerade verlassen hatten.
Abermals schoss das heiße Kribbeln in Niklas' Nacken. Jannik starrte ihn panisch an und schluckte.
Der Typ hatte sich mit ihnen zwischen den Fässern versteckt gehalten, ohne dass sie es bemerkt hatten. Vielleicht hatten sie ihn übersehen. Überhört. Irgendwie. Niklas hatte keine Ahnung. Der Typ war wie ein Geist.
Der Waschbär machte einen erschrockenen Satz zurück und knickte mit dem Fuß um. Er fiel fast zu Boden, aber Jannik fing ihn auf. Niklas zog sich hastig an ihm nach oben.
Sie mussten abhauen. Aber Jannik hielt ihn fest. Er umklammerte Niklas' Hände. Der Luchs bewegte sich nicht von der Stelle. In Schockstarre verfallen, starrte er stumm in den finsteren Tunnel hinter ihnen.
»Weg hier!«, keuchte Niklas.
»Psst!«, zischte Jannik und legte ihm seine Pfote auf den Mund. Der Waschbär hätte ihm aus Angst fast hineingebissen.
Aus dem Tunnel drang abermals Knacken und Rascheln. Jemand flüsterte in der Dunkelheit. Die Worte waren nicht zu verstehen.
Niklas zitterte. Er hasste es. Diese Angst. Diese Ungewissheit. Was war es? Was wollte es?
»Der Tunnel ist eine Sackgasse«, sprach der Luchs plötzlich. »Hast du dort vorhin irgendwen gesehen?«
Niklas schüttelte den Kopf. Er versuchte sich aus Janniks Griff zu befreien, es gelang ihm aber nicht.
»Hör doch mal genau hin!«, befahl der Luchs.
Der Waschbär stellte die Ohren auf und lauschte zitternd.
Die Schritte waren wieder verstummt. So abrupt wie zuvor.
Jannik regte sich nicht und starrte stur geradeaus. Dann hob er seinen Fuß und ließ ihn kräftig auf den Steinboden knallen.
Kurz herrschte Stille.
Dann erklang aus dem finsteren Tunnel ebenfalls das gespenstische Auftreten eines Fußes. Der Typ wusste, dass die beiden Jungen ihn entdeckt hatten. Trotz seines Herumschleichens.
Und jetzt spielte er mit ihnen und ahmte Jannik nach.
Der Luchs hob den Fuß und trat zweimal auf.
Der Typ tat es ihm gleich und die Antwort kam prompt aus dem Dunkeln. Wie finsterer Morsecode.
Niklas konnte sehen, wie sich Janniks Stirn in Falten legte und er auf seiner Unterlippe kaute. Abermals hob er den Fuß und tappte mit ihm auf dem Boden herum. Eine Abfolge schneller, unregelmäßiger Geräusche. Er wollte dem Fremden das Antworten scheinbar so schwer wie möglich machen.
Und eine Sekunde später kam die Antwort. Eine perfekte Nachahmung von Janniks Tapsencode.
Die Puschelohren des Luchses sprangen in die Höhe. »Das ist — « Er holte tief Luft und brüllte dann den Tunnel hinab: »Maulbeerkuchen mit Blutwurststreuseln!«
Niklas erschrak, als die prompte Antwort aus dem Dunkeln kam: »Maulbeerkuchen mit Blutwurststreuseln!«
Die Antwort war nicht nur Wort für Wort gesprochen sondern auch mit derselben Stimme.
»Es ist — «, sprach Jannik und konnte sich ein trockenes Kichern nicht verkneifen, »bloß ein Echo.«
Endlich ließ der Luchs den Waschbären los, um in die Pfoten zu klatschen.
Niklas lauschte perplex, wie auch das Klatschen gehorsam zurückkam.
Er schüttelte sich und zischte ungläubig. Ein Echo. Sie hatten sich von ihrem Echo herumjagen lassen?
»Das ist so beknackt!«, nahm ihm Jannik die Worte aus dem Mund und lachte.
Dann lachte Janniks Echo mit ihm und auch Niklas konnte sich das Grinsen nicht mehr verkneifen. Ein verlegenes, aber dennoch ein Grinsen.
Jannik knuffte ihn in die Seite. »Du hast Angst gehabt«, verkündete er mit breitem Grinsen. »Genau so«, und verzog sein Gesicht zu einer ulkigen Grimasse. »Ich wusste gar nicht, dass du so ein Gesicht machen kannst.«
»Du hast doch selber Angst gehabt«, wehrte sich Niklas und knuffte ihn zurück.
Beide lachten. Und erschraken, als das Lachen plötzlich aus dem anderen Tunnel kam.
Für eine Sekunde entgleisten ihnen wieder panisch die Gesichtszüge, bis ihnen einfiel, dass auch die anderen Tunnel ihr eigenes Echo hatten.
So beknackt.
Sie sahen einander lachend an. Ein erleichtertes Lachen und zugleich ein Lachen das sagte, dass sie so schnell wie möglich weg wollten aus diesen dämlichen, dunklen, gruseligen Tunneln.
Sie setzten sich in Bewegung und Jannik warf euphorisch die Pfoten in die Höhe, als nach langer Wanderung endlich Licht am Ende des Tunnels auftauchte.
Ihre Schritte wurden schneller und einige Minuten später führte sie eine Rampe aus der Unterwelt zurück in die Wirklichkeit. Dort wurden sie von einem Schwarm Vögel begrüßt, die aufgescheucht im Himmel verschwanden.
Niklas wurde von der Sonne geblendet und legte schützend eine Hand vor sein Gesicht. Er füllte seine Lungen mit der frischen Luft und seine Nase mit dem Duft von Laub und Gräsern. Der in seinem Fell hängende Modergeruch verflüchtigte sich mit jedem Schritt, den er ins Licht tat.
Es fühlte sich an, als würde eine Last von ihm genommen und die Geister des Kellers vertrieben werden.
Der Tunnel hatte sie in den Garten hinter dem Lazarett geführt.
Inmitten eines verwilderten Platzes empfing sie die Statue eines großen, geflügelten Hirsches. Mit Moos bedeckt, der Stein gerissen, das Geweih abgebrochen. Dennoch konnte ihn das Alter nicht seiner Anmut berauben. Er thronte heroisch auf seinem Sockel und blickte auf die Stadt hinab, vor der sich das Lazarett auf einer kleinen Anhöhe erhob.
Jannik atmete erstaunt auf und lief zur Brüstung. »Ich wusste nicht, dass man von hier die Stadt sehen kann«, rief er und ließ seinen Blick schweifen. Er deutete auf ihre Schule in der Ferne und lachte. Er sah so froh aus, das Gemäuer endlich verlassen zu haben.
»Da wohne ich«, sprach er und zeigte auf einen grünen Streifen mit kleinen Einfamilienhäusern.
Niklas nickte. Ein guter Platz für Heide.
»Und wo ist dein Haus?«, fragte er.
Der kleine Waschbär zögerte einen Moment und deutete dann auf den dunklen Fleck des Arbeiterviertels.
Kein Grün dort, nur Grau.
»Oh«, meinte Jannik, »das ist gar nicht so weit weg von mir. Vielleicht können wir uns mal besuchen.« Er lächelte. Das Fell seiner Wangen hob sich.
Niklas nickte.
Während der Luchs weiterhin die Stadt erkundete, drehte sich Niklas um und warf einen Blick auf das Lazarett, dessen Rückseite sich ihm präsentierte. Sie war überhangen von Weinlaub, das schon begonnen hatte sich rot zu verfärben. Im Licht der bereits untergehenden Sonne hatten sich die einst schwarzen Fenster in goldene Spiegel verwandelt, die farbige Flecken auf den Hof warfen.
Vor der Kulisse aus Rot und Gold erhob sich die Statue des Hirsches mit seinen ausgebreiteten Flügeln. Als käme er aus einer fernen Welt der Wunder und Geheimnisse, wachte er von hier aus über die winzigen Häuschen der Stadt vor ihm. Um ihn glitzerten Schwärme winziger Pünktchen im Licht, wie Sternenstaub. Mücken.
Jannik wandte sich ebenfalls um und Niklas hörte, wie er erstaunt einatmete als er die Szenerie musterte.
»Das ist wunderschön«, sprach er voller Begeisterung. »Es ist so anders als die Vorderseite.«
»Ich glaube, dass vieles anders ist, wenn man von einer anderen Seite daraufsieht.«
Der Waschbär überlegte, ob das auch auf Jannik zutraf. Er sah den kleinen Luchs mit einem vorsichtigen Seitenblick an. Sein raues Fell zitterte in der leichten Brise. Die Puschel an seinen Ohren wippten.
Vielleicht hatte er sich in Jannik geirrt. Das war nicht gut. Sich zu irren war gefährlich. Es bedeutete, dass er nicht vorhersehen konnte. Nicht vorausplanen konnte. Jannik war an seiner Seite geblieben. Hatte ihn durch den finsteren Keller begleitet, obwohl der Luchs Angst hatte. Obwohl er einfach hätte abhauen können.
Das Puschelohr war anders. Das war nicht geplant gewesen.
Jannik sah ihn an und Niklas wich seinem Blick aus.
»Was war eigentlich los mit dir und Chucks?«, fragte er plötzlich.
Niklas blickte auf den Boden. Er hatte keine Lust zu antworten. Die Antwort war zu umständlich. Zu mühselig.
»Wir«, sprach er, »sind keine Freunde.«
»Ich dachte ihr wärt welche, weil du ihn im Krankenhaus besucht hast.«
»Das war was anderes.«
Jannik schien zu merken, dass Niklas nicht darüber sprechen wollte. »Du hast trotzdem mehr für Chucks getan als Ayo und die anderen.«
Niklas blickte auf. Jannik lächelte wieder. Er hatte recht. Oder nein. Nein, es war anders.
»Jetzt bin ich dran«, verkündete der Luchs dann.
Niklas warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Du hast das Lazarett ausgewählt«, erklärte er. »Den nächsten Ort wähle ich.«
Er drehte sich wieder zur Stadt, tippte mit der Pfote an sein Kinn und legte einen Denkerblick auf. »Magst du Wasser?«
Nein. Niklas schüttelte sich innerlich. Von Wasser hatte er fürs erste genug.
Als Jannik ihn ansah und lächelte und als der Waschbär darüber nachdachte, was der kleine Luchs alles für ihn getan hatte, konnte er jedoch nicht nein sagen. Stattdessen schluckte er die Antwort einfach herunter und hob fragend die Augenbrauen.
»Ich kenne einen guten Ort zum Baden«, erklärte der kleine Luchs.
»Und du bist dir sicher, dass es dort keine Unterwassermonster gibt, vor denen du Angst haben müsstest?«, stichelte Niklas und grinste.
Jannik boxte ihn gegen die Brust. Beide lachten.
»Vor Wasser hab' ich doch keine Angst. Nur vor dem Meer. Und Wasserfällen. Und Stromschnellen. Und Tiefseeaquarien.«
Der Waschbär warf ihm einen amüsierten Blick zu, bis er es nicht mehr aushalten konnte und in lautes Gelächter ausbrach. Jannik rang noch einen Moment länger um Fassung, wurde dann aber von ihm angesteckt und sie lachten, bis ihnen die Bäuche wehtaten.
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© 2018, Kranich im Exil
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