Current Track: Blabb
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Die Straßenlaterne vor mir flackert zweimal und leuchtet dann auf, wobei sie sich jedoch kaum von der grau-orangen Nachmittagsdämmerung abhebt. Ein Windstoß trägt eine Handvoll Blätter vorbei und weht sie in einen Ladeneingang, vor dem eine ältere Katze mit verbissenem Gesicht Halloweenverkleidungen in einen Transporter lädt. Es sind hauptsächlich anzügliche Hexenkostüme aus billigem Stoff und Plastik, die sie dort in Boxen stapelt und auf dem Rückweg durch Kartons mit Weihnachtskerzen ersetzt.


"Endlich ist der Spaß vobei.", höre ich sie sagen, als sie an mir vorbei stapft. Eine tiefere Stimme aus dem Ladeninneren antwortet belustigt. "Des wird jeds Jahr mehr, oba anziehn wollns immer weniger."Eine dritte Stimme mischt sich ein. "Ja des glaub I dass du des mogst."


Ich gehe weiter und spüre den Ansatz eines Grinsens im Mundwinkel, genauso wie ein seltsames Gefühl von Überlegenheit gegenüber den Leuten, die da in ihrem Laden Hexenkostüme gegen Adventskalender tauschen und keine Ahnung haben... Für mich ist der Spaß ganz und gar nicht vorbei.  Mein Blick wandert suchend in den rötlichen Himmel und zu den grauen Baumwipfeln am Rande der Häuserreihe hinüber, dort wo die Straße am Friedhof endet.


Seit ich Teto kenne ist das ganze Jahr Halloween.


- -
Aber der Reihe nach. Angefangen hat alles ironischerweise mit einem Gottesdienst. Eine Allerheiligen-Andacht mit Verwandten, die ich zwar nett fand, an deren Namen ich mich aber größtenteils nicht erinnern konnte. Dort stand ich in der Kirche, kannte den Text zu den Liedern nicht und war vor allem bemüht, mit den anderen aufzustehen und niederzuknien. Einerseits, um nicht aufzufallen und mich nicht in Verlegenheit zu bringen, andererseits um etwas Respekt für ihre Traditionen zu zeigen. Nur hin und wieder, wenn die Melodie eines Kirchenliedes besonders schön wurde und das bunte Licht der Kirchenfenster zwischen den Schatten aufglühte, musste ich daran denken, wie schön es wäre, wenn irgendetwas davon Bedeutung hätte. Wenn da etwas Größeres wäre, das alles zum Guten wendet, etwas das mich befreit, wenn ich nach einem Tag im Büro das Gefühl habe, dass nichts mehr in mir drin ist und mir die Zeit davon läuft. Aber jetzt schweife ich ab.


Nach dem Gottesdienst zog die Prozession aus der Kirche nach draußen über den Kiesweg am Friedhof. Die tiefe Nachmittagssonne tauchte den Weg und die Blätter in golden-fahles Herbstlicht und es lag der frischer Geruch von Erde und nassem Laub in der Luft. Vor mir redete eine Tante mit großem Hut auf den Pfarrer ein und tastete hin und wieder nach ihrer Handtasche, als könnte sie nicht einmal hier, in einer Gruppe Kirchgänger, auf ihre Sicherheit vertrauen. Der Pfarrer, runde Hörner und hellgraues Fell, antwortete etwas überaschend Fortschrittliches und Vorurteilsloses, was ihn auf Anhieb sympatisch machte. Zur Rechten des Kiesweges verlief die Friedhofsmauer, die über einen Großteil der Länge aus löchrigen, efeubewachsenen Betonpfosten mit verwitterten Holzpfählen dazwischen bestand. Dahinter lag der verwilderte Teil des Waldfriedhofes; vor allem Nadelbäume und dunkelgraue Laubbäume, die spärlich mit hellgelben Blättern gespickt waren. Dazwischen Schatten, Moos und feuchte Kälte, die manchmal über den Weg kroch und die Tante vor mir schaudern ließ. Hier und da waren die entfernten Silhouetten von Gräbern im Friedhofsinneren zu sehen, wenn sie sich vor etwas Hellerem abhoben. Ansonsten nur Wald.


Fast nur Wald. Für einen Augenblick trägt der Wind nicht nur die Kälte, sondern auch den Geruch von trockenem Stein hinüber, gemischt mit der Spur von etwas Süßem, das mich an ein Kirchengewölbe erinnert. Oder eine Gruft. Dazu mischen sich schwach das Geräusch von kleinen Kieselsteinen, die in einen Schacht fallen und das Rieseln von Erde. Ich drehe den Kopf, spitze die Ohren und versuche, etwas im Schatten zwischen den Baumstämmen zu erkennen. Aus irgendeinem Grund spüre ich das Fell in meinem Nacken kribbeln, als wollte es sich aufstellen. Das Gefühl ist so unpassend in dieser Gruppe aus Kirchengängern, dass es sich mir tatsächlich aufstellt. Auch der Pfarrer hat etwas gehört, er dreht den Kopf und die runden Ohren zu schnell und zu bestimmt in die Richtung des Geräusches, als dass es Zufall sein kann. Sein Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten; keine Angst aber... Sorge? Er scheint aus den Augenwinkeln zu bemerken, dass ich zwischen ihm und dem Friedhof hin und her blicke und dreht den Kopf wieder nach vorne. Ich verlangsame meine Schritte und lasse mich zurückfallen.


Eine einzelne, schwarze Bewegung zieht meinen Blick an.


Vor einer Steinplatte, deren scharfer Umriss aus dem Moos ragt, taucht die Silhouette eines Fuchses aus der Boden auf. Er greift mit einer Pfote in die Erde, dann kommen die Schultern in Sicht. Darunter verschmilzt die Gestalt auf seltsame Weise mit dem Schatten und zerfließt vor meinen Augen, bis ich erkenne, dass der Fuchs einen Umhang trägt, der an ihm vorbei in den Schacht fällt. Auf die Pfoten gestützt zieht er sich aus der Erde und richtet sich auf.


Hinter ihm fällt die Sonne auf einen Haselnussstrauch und lässt das Laub fahlgelb aufleuchten. Ich gehe langsam weiter, die Silhoutte schiebt sich zwischen mich und die hellen Zweige und jetzt stellt sich nicht nur mein Nackenfell auf, denn ich kann die Blätter auf einer Seite seiner Brust zwischen Rippen hindurchleuchten sehen. Nur für einen Moment jedoch, denn als er sich weiter aufrichtet, verschwinden die Rippen und stattdessen glänzt dort schwarzes, feines Fell.


Eine schöne, schmale Schnauze leuchtet kurz auf, dann zuckt er zurück aus dem Licht. Ich bleibe stehen und starre, vermutlich mit offenem Mund, hinüber. Die letzte Gruppe der Prozession geht an mir vorbei, über mich hinweg in ein Gespräch versunken. Der Fuchs streckt sich, wobei er mit den Pfoten gegen einen Zweig stößt und ein Regen von Tannennadeln auf ihn herabfällt. Er schüttelt sich bis das schwarze Fell in alle Richtungen steht und erstarrt dann plötzlich. In einer blitzschnellen Bewegung wendet er mit den Kopf zu. Trotz des Schattens kann ich zwei helle Augen erahnen, die mich sehen, wie ich auf dem Weg stehe und ihn anstarre.


Shit.


Zuvor war ich viel zu gespannt, um die Spur von Bedrohlichkeit dieser Szene zu realisieren, aber der Blickkontakt macht es realer. Das Erstbeste was mir einfällt, ist, vage die Pfote zu heben und einmal unbestimmt zu winken. Nicht gerade brilliant. Der Fuchs sieht mich einen Moment länger an, dann tritt er wie beiläufig einige Schritte zurück und ist im Gestrüpp verschwunden. Ich bin mir nicht sicher, aber bevor er sich abwendet, meine ich ein schwaches Grinsen im Dunkel aufleuchten zu sehen. Oder ein Zähneblecken.


- -


Den Rest des Abends fühlte ich mich seltsam leicht und losgelöst von dem, was um mich herum passierte; ein Gefühl, das bis in den nächsten Tag vorhielt. Ich stand in der Bahn und sah durch einen Spalt aus Regenjacken hinaus in den regenfeuchten Morgen, unfähig meine Unruhe zu unterdrücken. Ich wusste noch nicht genau, was ich nun tun wollte, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich gestern etwas gesehen hatte, was über meine fade Montagsroutine, womöglich sogar über alles um mich herum hinausging.


Es fiel mir zugleich schwerer und leichter mich an den Schreibtisch zu setzen und dort weiter zu machen, wo ich am Freitag aufgehört hatte. Schwerer, weil mich die Aufregung weg aus dem Büro nach draußen zum Waldfriedhof zog. Leichter, weil ich die Arbeit vor mir vielleicht nicht so ernst nehmen musste, wenn ich gesehen hatte, was ich zu sehen geglaubt hatte.
Nur.. was wenn es eine Täuschung oder ein Streich gewesen war?


Kurz kamen mir Zweifel, ob ich nicht einfach auf einen Streich und eine Verkleidung hereingefallen war. Aber was für eine Verkleidung hatte einen durchsichtigen Brustkorb? Das schwarze Fell kam aus dem Nichts. Und wie wäre die Reaktion des Pfarrers zu erklären; welcher Pfarrer spielte seinen Kirchengängern an Allerheiligen einen Streich?


"Guten Morgen Phò.", riss mich eine ruhige Stimme aus meinen Gedanken. Vor mir stand Rolf, mein Vorgesetzter, und blickte mich durch seine randlose Brille freundlich an. "Ich hatte noch eine Idee zur Reaktorkonstruktion, passt es dir gerade?" Ich wusste, dass er mir meine Tagträumerei nicht übel nahm. Wobei, dieser Tagtraum wäre vielleicht sogar ihm zu weit gegangen.


"Natürlich.", antwortete ich und folgte ihm in sein Büro. Während wir eine Liste kleinerer und größerer Details durchgingen, begann ich mich unwillkürlich zu fragen, ob ich wirklich so weitermachen konnte. Jetzt, wo ich das Gefühl hatte, über den Rand meiner sicheren, bekannten Welt hinausgeschaut zu haben, wo die Erinnerung an die ungeheure Andershaftigkeit des Wesens zwischen den dunklen Bäumen mir ein aufgeregtes Kribbeln den Rücken hinunterjagte, fiel es mir sehr schwer, meine Zeit mit Projektarbeit zu verschwenden.


Während mir Rolf die Dauerfestigkeit der Reaktoraufhängung erläuterte, brach vor den Fenstern die Sonne am dunklen Himmel hervor und ließ verheißungsvolles, goldenes Licht auf den Tisch und unsere Pfoten fallen. Rolf strich sich durch das raspelkurze, helle Fell und fuhr unbeirrt fort:


"Die Kerbwirkung können wir durch eine Lochgruppe im Blech reduzieren."


Eine Windböhe zog leuchtend gelbes Laub über die Scheibe.


"... die dynamische Belastung durch Temperaturzyklen berücksichtigen, die könnte mehr ausmachen als das Eigengewicht..."


Der Baum vor dem Fenster schwankte in den Böhen und ein Zweig kratzte an der Hauswand entlang.


"... entspricht nur so 100 Lastzyklen im Jahr, also bei einer Lebensdauer von 25 Jahren..."


Ich schrieb schnell und unordentlich mit. Meine Pfote wurde ganz flau vor Unruhe und mein Bauch zog sich vor Ungeduld zusammen, so sehr wollte ich hinaus zum Friedhof und nach dem Fuchs suchen. Ich würde später alles noch einmal ins Reine schreiben müssen, um mich morgen noch daran erinnern und die Punkte abarbeiten zu können.


"...denke das bleibt preislich im Rahmen. Noch Fragen?"


Ich schüttelte den Kopf, bedankte mich für seine Zeit und widerstand dem Drang, auf die Uhr über seiner Schulter zu schauen.
Zurück an meinem Schreibtisch wechselte ich hin und her zwischen meiner Arbeit, SMS` an meinen besten Freund Findus und der Sorge, was ich tun sollte, wenn ich nichts über den schwarzen Fuchs herausfand, wenn es einfach so weiter ging wie jetzt. Die Kombination aus der etwas kniffeligen Projektarbeit und Findus´ Beziehungsproblemen, bei deren Diskussion ich teils aus Spaß, teils aus Vorsicht alle Pronomen wegließ (Nicht, dass ich noch großes Interesse an diesem Gespräch hatte, und überhaupt ging es hier nicht um mich), ließ die Zeit schnell vergehen.


Als es endlich Zeit war, meinen Rechner auszuschalten und ein ungerichtetes "Schönen Feierabend" in die Runde zu murmeln, war ich so schnell die Treppe runter und zur Tür raus, dass ich meine Kollegen durch das gekippte Fenster Witze über mein mutmaßliches, heißes Date reißen hörte. Date mit dem Schicksal dachte ich und runzelte die Stirn über den schlechten Witz.Es sollte sich herausstellen, dass es kein Witz war, aber komisch wurde es alle mal.


- -


Ursprünglich war ich diesen Abend mit einer Freundin zum Malen verabredet, aber das habe ich längst auf das Wochenende verschoben. Stattdessen steige ich in den 44er Bus, fahre zur Endstation, in deren Richtung die Gärten zunehmend wilder, und die Häuser älter werden, und biege nach ein paar Minuten wieder in den Kiesweg an der verfallenen Friedhofsmauer ein.


Ich weiß genau warum ich hier bin. Wenn auch nur die geringste Chance besteht, dass es hier etwas gibt, was über meine bekannte, sichere Welt hinausgeht; etwas das mehr bedeutet als mein 9-5 Bullshit Job, meine oberflächlichen Freundschaften (wovon ich Findus ausschließe) und meine banalen Hobbies, dann werde ich alles daran setzen, es zu finden.
Ich verlangsame meine Schritte um die Stelle mit dem Steinblock zwischen den Stämmen wiederzuerkennen, bis ich schließlich glaube, eine Ecke davon aus dem Herbstlaub herausragen zu sehen. Die Grabplatte liegt etwa 20 Meter vom Weg entfernt und der Busch dahinter hat seit gestern die Hälfte seines fahlgelben Laubes verloren. Und dann stehe ich dort am Wegrand, weiß auf einmal nicht mehr weiter und fühle mich etwas lächerlich.


Die Dämmerung setzt um fünf ein und die schmalen, gold-orangen Streifen zwischen den Tannenzweigen und grauen Ästen werden flach und diffus und verschwinden dann. Eine junge Katze schiebt ihren Kinderwagen an mir vorbei und sieht mich neugierig an, bis sie von ihrem Kind abgelenkt wird, das durch eine Pfütze rennt und im Schlamm ausrutscht. Das Geheule und Geschimpfe passt nicht so ganz zu meiner existentialistischen Stimmung. Die Schritte anderer Spaziergänge knirschen hinter mir auf dem Kiesweg, doch es werden immer weniger, denn die Kälte der anbrechenden Nacht fließt vor mir aus dem Waldfriedhof über den Weg.


Ich drehe nicht den Kopf, sondern blende sie aus und schaue weiter auf den Steinblock im Laub. Als die Schatten zwischen den gelben Blättern schon fast schwarz sind, ist nur noch ein einziges Paar Schritte zu hören. Ich sehe immer noch nicht auf, ziehe nur meine Kapuze enger.


Bis die Schritte neben mir stehen bleiben.


Mir wird ganz flau und mein Bauch zieht sich vor Aufregung zusammen. Neben mir steht der Fuchs im schwarzen Umhang und schaut in den Friedhof hinein, als würde er meinem Blick aus Neugierde folgen. Er bemerkt dass ich ihn anstarre und wendet sich mir wie beiläufig halb zu. Seine dunkle Schnauze ist auf Höhe meiner Augen.


"Ist da was?"


Der Umhang hängt schwarz an ihm herunter und läuft an den Rändern zu einem rauen, fasrigen Gitter aus, das aussieht, als ob Mondlicht darauf fällt, obwohl die Sonne noch nicht untergegangen ist.


"Es ist der 2. November.", ist alles was mir einfällt. "Halloween war vorgestern."


Der Fuchs grinst mich an, wobei schmale, spitze Zähne in der grauen Schnauze aufleuchten und ein etwas wehmütiger Zug in seinen lieben, aber fast farblosen Augen liegt.


"Für mich ist immer Halloween."