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Der fünfte Thron - Part 2
Title can't be empty.
Title can't be empty.
Part 2 - Sinn des Lebens
Leises Klatschen drang an sein Gehör. Ein langsamer Rhythmus, der fast an den Takt einer Uhr erinnerte. Die Augen noch fest verschlossen, lag ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht, bis das Geräusch die Ruhe störte. Die Zeit vergessen hatte er, in der er stillstand und die Ruhe in sich aufnahm. Minuten oder Stunden? Er wusste es nicht. Seine Züge wurden ausdruckslos, als er der langsamen Tonfolge lauschte.
„Bravo!“, sagte eine Stimme. Sie klang amüsiert und sehr vertraut, doch war es nicht das Flüstern, was ihn zuvor heimsuchte.
„Welch illustres Schauspiel! Dieses Esprit und diese Energie! Fantastisch!“
Ein Knurren entstieg seiner Kehle. Tief und grollend. Verärgert über den Spaß auf seine Kosten, riss er die fest zugekniffenen Augen auf. Bunte Lichter tanzten in seinem Sichtfeld und die stechende Helligkeit zwang ihn zu blinzeln. Zwei Feuerschalen vor ihm, aus denen blaue, magisch anmutende Flammen züngelten, tauchten den Raum in ein kühles, aber ausreichend helles Licht. Er kannte diesen Saal nur zu gut. Viel Zeit hatte er hier verbracht. Ein Thron, nein deren vier waren in quadratischer Anordnung und mit exakt gleichen Abständen an den runden Außenwänden platziert. Ausgerichtet so, dass der Blick des Sitzenden in das Zentrum des Raumes gerichtet war. Rechts dieser Position befand sich je ein großer Torbogen mit schweren Eisentüren, die stets verschlossen waren. Vier Schalen weiter im Raumesinneren und in sanft versetzter, aber ebenso geometrisch korrekter Anordnung platziert, beleuchteten sowohl Innen- und Außenbereich mit ihrem Lichtkegel. Wand und Boden waren im schlichten Weiß gehalten. Eine Oberfläche, die wirkte wie Marmor. Die einzige farbliche Abhebung im eintönigen Raum waren die roten Linien auf dem Boden, die das große Augensymbol im Zentrum formten, auf dem nun ein umgeworfener Tisch und Schachfiguren verstreut waren. Die beiden Plätze, die er sah, waren leer. Die Stimme erklang aus dem Bereich in seinem Rücken.
„Wie lange bist du schon hier, Poet?“, fragte er ohne sich dem Gast zuzuwenden. Sein goldener Glanz schien matter zu werden, als sich die Emotion der Ärgernis, die er zu unterdrücken versuchte, in seine Stimme mischte und einen rauen Unterton erzeugte.
„Lange genug, Amahr!“
Noch immer lag dieses unerträgliche Amusement in der Stimme des ihm bekannten Besuchers. Amahr holte tief Luft, als wolle er sich auf eine harsche Antwort vorbereiten. Zeitgleich wendete er sich dem Zweiten im Raum zu, der hinter ihm auf seinem angestammten Platz saß. Dieser war ein östlich anmutender Drache von schlanker und drahtiger Statur. Seine schuppenartige Haut war schlicht grau bis auf Unterkiefer, Kehle und Bauch, die eine matt weiße Farbgebung besaßen. Strähnen seiner langen, ebenfalls weißen Mähne, aus der zwei kurze Hörner mit geweihartigen Auswüchsen ragten, hingen ihm ins Gesicht und verliehen ihm gemeinsam mit seinem sonstigen Äußeren eine weise, aber dennoch verwegene Erscheinung. Lässig hing er in seinem Thron. Ein Bein wippte angewinkelt über die Armlehne, während er die Arme verschränkt vor der Brust hielt und den Kopf leicht seitlich neigte. Das zugewandte, leuchtend blaue Auge allerdings wirkte aufmerksam und beobachtend. Ein amüsierter Glanz schien sich darin widerzuspiegeln und ein Lächeln lag auf seinem Gesicht.
„Lung Tao, ich...“, mehr brachte Amahr nicht heraus, bevor ihm sein Gegenüber ins Wort fiel.
„...möchte wissen wie lange ich noch verharren muss!“, beendete der Lung den Satz mit einer Unschuldsmiene. Wohl wissend, dass er mit dem Verhalten den Unmut seines Gesprächspartners schürte.
„Nicht all zu lang zu deiner Beruhigung. Aber ich, nein wir glauben, dass du nicht bereit bist für das, was vor dir liegt.“
„Bereit für was und wo sind die Anderen überhaupt? Keiner von ihnen hielt es für nötig, mir in meinem Gefängnis eine Audienz zu gewähren!“ Amahrs Stimme klang hart. Ein sanfter Unterton geprägt von Wut und Enttäuschung lag in seinen Worten und der metallische Glanz seiner Schuppen schien erneut zu schwinden. Wie Kohle, deren Kern erkaltet, während sie an den Rändern noch leuchtete wie geschmolzenes Metall. Als er die Emotionen niederrang, schwand die Schwärze wieder aus seiner Haut.
„Fengar ist dort draußen und kämpft gegen einen Gegner, dem er nicht gewachsen ist. Taira ist erkrankt an der Plage, die uns heimsucht und...“
Eine bedeutungsschwere Pause folgte und ließ die vorangegangenen Worte des Lungs verhallen. Sein Gesicht wurde ernst und er straffte sich. Die bequeme Haltung aufgebend, wirkte er nun fast anklagend.
„Wir haben Septis verloren.“ Die Stimme wirkte trocken und sachlich. Seine Miene bitter und die eingenommene nach vorne geneigte Sitzposition nachdenklich und vorwurfsvoll.
„Verloren? Was ist passiert?“ Der Goldene hielt dem stechenden Blick nicht stand, senkte den Kopf und seufzte mit geschlossenen Augen.
„Fragen über Fragen! Antworten, die du bereits kennst! Du weißt, was passierte und du kennst sie, die Abtrünnige! Du ließt sie eins zurück!“
„Das ist nicht wahr!“, knurrte Amahr erbost und schloss die Pranken je um zwei der Beine des auf der Fläche liegenden Tisches, als wolle er Halt suchen. Aus einer jähzornigen Bewegung heraus warf er diesen zur Seite, so dass das Möbelstück einige Meter mit der Fläche auf dem Boden schabend über den glatten Untergrund rutschte.
„Das ist nicht wahr!“, wiederholte er zornig, beinahe knurrend und bewegte sich dabei seitlich zu seinem Gesprächspartner ohne den Blickkontakt zu lösen. Wie ein pirschendes Raubtier, das seine Beute stellte.
„Es war nicht meine Schuld! Es war...“
„Er?“ Lung Tao klang zynisch und angreifend, während er sich langsam erhob und den scharfen Blicken unbeeindruckt trotzte.
„War er es, der mit Tischen warf? War er es, der den Spiegel zerbrach und mit welchem der Beiden spreche ich jedes Mal, wenn ich anwesend bin?“ Er ließ die bartartigen Auswüchse an seinem Kiefer durch seine Finger streichen, um seiner Nachdenklichkeit Ausdruck zu verleihen. Der bestimmte Tonfall brachte sein Gegenüber zum Schweigen.
„Wir alle haben zwei Gesichter, Amahr!“
Die Stimme wurde ruhiger und als hätte er es vergessen, hob der Lung seine zur Faust geballte Pranke und öffnete sie. Umschlossen hielt er darin eine goldene Münze, die er demonstrierend und geschickt über die Fingerkuppen wandern ließ, bevor er sie zwischen den letzten beiden senkrecht und sichtbar hielt.
„Wir alle haben die Kraft zu schaffen und zu zerstören. Jeder Poet, der unzufrieden die Seite Papier zerknüllt dem Wind übergibt. Jeder Zeichner, der...“
„Verschone mich mit deinem haltlosen Geschwätz, Lung Tao! Du kennst mich nicht! Du weißt gar nichts!“ Amahrs Haltung wirkte angespannt und er gestikulierte abfällig mit Arm und Flügelhaut, während er sich abwendete und den Blick in die Leere des Raumes lenkte. Eine schwarze Schachfigur, den König zu seinen Füßen, trat er weg und knurrte im Versuch die Contenance zurück zu gewinnen.
„Vielleicht kenne ich dich besser als du dich selbst. Das ist der Grund, warum ich dir Vertrauen schenke. Und du weißt, warum man mich den flüsternden Poeten nennt. Ich beobachte und weiß viele Dinge, aber niemand scheint mir je zuzuhören!“
Tao stampfte erbost und schmiegte in einer beleidigten Geste die Handrücken an seine Hüften, während er sich stehend sanft nach vorne neigte und die Lippen zu einem geraden Strich verzog.
„Warum keiner hört? Weil du verrückt bist, Weiser des Windes!“
Die Antwort klang bissig und provozierend. Der Blick des Lungs richtete sich auf die Scherben. Temperament und Zorn brodelten in ihm, doch er legte sich seine Worte geistig weise und durchdacht zurecht.
„Das macht unsere Gesellschaft speziell, nicht wahr?“, sagte er im ruhigen Ton und zupfte nachdenklich an seinem Bart, bevor er zur entspannten Haltung zurückkehrte und begann, herzhaft zu lachen.
„Selbst wenn du wolltest, könntest du mich nicht aus meinem Gefängnis befreien. Wir brauchen vier, um das fünfte Siegel zu öffnen.“ Amahrs Blick war auf die roten Linien gerichtet, die das Augensymbol formten.
„Es ist kein Gefängnis, es ist ein Thronsaal! Du kennst die Bedeutung des Raumes! Erbaut auf dem Riss zwischen den fünf Sphären, soll er die Letzte schützen, vor dem, was hinter diesen Toren liegt. Das ist unsere Aufgabe und du bist hier aus einem gewissen Grund. Aber die Zeit des Handelns ist gekommen. Ja es ist wahr, aber jeder fühlt sich bedeutssamer, wenn man ihm das Gefühl gibt, gebraucht zu werden.“
Tao umspielte das Reizthema und lenkte die Aufmerksamkeit bedacht auf ein anderes. Ein fast selbstgefälliges Lächeln zeichnete sich auf sein Gesicht, als er an seinen Thron zurück trat und davorstehend die Arme verschränkte. Ein sanfter Windhauch schien durch den Saal zu ziehen. Wie ein Wirbel, ausgehend von seiner Position. Schemenhafte Abbilder seiner Selbst schienen sich vor den anderen drei Plätzen zu bilden. Geisterhaft und transparent. Er senkte einen Arm und betätigte einen Druckschalter an der Armlehne und die Abbilder taten es ihm synchron gleich, bevor sie verschwanden und sich der Wind legte.
„Verrückte werden häufig unterschätzt!“, grinste er und deutete mit der Schnauze auf die roten Linien, die energetisch gespeist gleißend zu leuchten begannen, während der weiße Boden zwischen ihnen durchlässig und wabernd erschien.
„Warum tust du das?“, fragte Amahr ungläubig, die Freiheit vor Augen und den Drang verspürend durch das Portal zu schreiten, ohne die Antwort zu erlauben.
„Weil Verrückte in Zeiten der Not zusammenstehen müssen! Schau dich an! Das was du verleugnest, ist ein Teil von dir. Alles was er möchte ist Balance. Du musst wieder lernen zu akzeptieren, wer du bist.“
Er seufzte leise im Gedanken an all die vorangegangenen Gespräche und Debatten mit seinem Gegenüber, die zu nichts geführt hatten.
„Worte werden einst vergehen,
um zu lernen musst du sehen.“
Tao räusperte sich, um die Emotion in seiner Stimme zu unterdrücken.
„Und ich hoffe du lernst schnell. Bevor du gehst, habe ich noch eine Frage an dich. Was ist der Sinn des Lebens?“
Amahr trat an das Portal, senkte den Kopf. Ein fast schmerzverzerrter Ausdruck zeichnete sich auf sein Gesicht als er nach einigen zäh verstreichenden Momenten antwortete: „Es zu beginnen, es zu leben und zu sterben. Es gibt keinen tieferen Sinn dahinter.“
„Das ist der Grund, warum die Anderen dir nicht trauten.“
Seine Worte verhallten bevor sein Gegenüber durch das Portal schritt und verschwand. Der Lung sah auf die Münze in seiner Hand, drehte und wendete sie, um beide Seiten eingehend zu betrachten. Beide zeigten einen identischen Drachenkopf, der sich nur durch die Mimik unterschied. Sanft und zornig.
„Und so beginnt alles mit einem Münzwurf“, hauchte er im leisen Ton an sich selbst gerichtet, bevor er sich in seinen Thron zurücksetzte.
Leises Klatschen drang an sein Gehör. Ein langsamer Rhythmus, der fast an den Takt einer Uhr erinnerte. Die Augen noch fest verschlossen, lag ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht, bis das Geräusch die Ruhe störte. Die Zeit vergessen hatte er, in der er stillstand und die Ruhe in sich aufnahm. Minuten oder Stunden? Er wusste es nicht. Seine Züge wurden ausdruckslos, als er der langsamen Tonfolge lauschte.
„Bravo!“, sagte eine Stimme. Sie klang amüsiert und sehr vertraut, doch war es nicht das Flüstern, was ihn zuvor heimsuchte.
„Welch illustres Schauspiel! Dieses Esprit und diese Energie! Fantastisch!“
Ein Knurren entstieg seiner Kehle. Tief und grollend. Verärgert über den Spaß auf seine Kosten, riss er die fest zugekniffenen Augen auf. Bunte Lichter tanzten in seinem Sichtfeld und die stechende Helligkeit zwang ihn zu blinzeln. Zwei Feuerschalen vor ihm, aus denen blaue, magisch anmutende Flammen züngelten, tauchten den Raum in ein kühles, aber ausreichend helles Licht. Er kannte diesen Saal nur zu gut. Viel Zeit hatte er hier verbracht. Ein Thron, nein deren vier waren in quadratischer Anordnung und mit exakt gleichen Abständen an den runden Außenwänden platziert. Ausgerichtet so, dass der Blick des Sitzenden in das Zentrum des Raumes gerichtet war. Rechts dieser Position befand sich je ein großer Torbogen mit schweren Eisentüren, die stets verschlossen waren. Vier Schalen weiter im Raumesinneren und in sanft versetzter, aber ebenso geometrisch korrekter Anordnung platziert, beleuchteten sowohl Innen- und Außenbereich mit ihrem Lichtkegel. Wand und Boden waren im schlichten Weiß gehalten. Eine Oberfläche, die wirkte wie Marmor. Die einzige farbliche Abhebung im eintönigen Raum waren die roten Linien auf dem Boden, die das große Augensymbol im Zentrum formten, auf dem nun ein umgeworfener Tisch und Schachfiguren verstreut waren. Die beiden Plätze, die er sah, waren leer. Die Stimme erklang aus dem Bereich in seinem Rücken.
„Wie lange bist du schon hier, Poet?“, fragte er ohne sich dem Gast zuzuwenden. Sein goldener Glanz schien matter zu werden, als sich die Emotion der Ärgernis, die er zu unterdrücken versuchte, in seine Stimme mischte und einen rauen Unterton erzeugte.
„Lange genug, Amahr!“
Noch immer lag dieses unerträgliche Amusement in der Stimme des ihm bekannten Besuchers. Amahr holte tief Luft, als wolle er sich auf eine harsche Antwort vorbereiten. Zeitgleich wendete er sich dem Zweiten im Raum zu, der hinter ihm auf seinem angestammten Platz saß. Dieser war ein östlich anmutender Drache von schlanker und drahtiger Statur. Seine schuppenartige Haut war schlicht grau bis auf Unterkiefer, Kehle und Bauch, die eine matt weiße Farbgebung besaßen. Strähnen seiner langen, ebenfalls weißen Mähne, aus der zwei kurze Hörner mit geweihartigen Auswüchsen ragten, hingen ihm ins Gesicht und verliehen ihm gemeinsam mit seinem sonstigen Äußeren eine weise, aber dennoch verwegene Erscheinung. Lässig hing er in seinem Thron. Ein Bein wippte angewinkelt über die Armlehne, während er die Arme verschränkt vor der Brust hielt und den Kopf leicht seitlich neigte. Das zugewandte, leuchtend blaue Auge allerdings wirkte aufmerksam und beobachtend. Ein amüsierter Glanz schien sich darin widerzuspiegeln und ein Lächeln lag auf seinem Gesicht.
„Lung Tao, ich...“, mehr brachte Amahr nicht heraus, bevor ihm sein Gegenüber ins Wort fiel.
„...möchte wissen wie lange ich noch verharren muss!“, beendete der Lung den Satz mit einer Unschuldsmiene. Wohl wissend, dass er mit dem Verhalten den Unmut seines Gesprächspartners schürte.
„Nicht all zu lang zu deiner Beruhigung. Aber ich, nein wir glauben, dass du nicht bereit bist für das, was vor dir liegt.“
„Bereit für was und wo sind die Anderen überhaupt? Keiner von ihnen hielt es für nötig, mir in meinem Gefängnis eine Audienz zu gewähren!“ Amahrs Stimme klang hart. Ein sanfter Unterton geprägt von Wut und Enttäuschung lag in seinen Worten und der metallische Glanz seiner Schuppen schien erneut zu schwinden. Wie Kohle, deren Kern erkaltet, während sie an den Rändern noch leuchtete wie geschmolzenes Metall. Als er die Emotionen niederrang, schwand die Schwärze wieder aus seiner Haut.
„Fengar ist dort draußen und kämpft gegen einen Gegner, dem er nicht gewachsen ist. Taira ist erkrankt an der Plage, die uns heimsucht und...“
Eine bedeutungsschwere Pause folgte und ließ die vorangegangenen Worte des Lungs verhallen. Sein Gesicht wurde ernst und er straffte sich. Die bequeme Haltung aufgebend, wirkte er nun fast anklagend.
„Wir haben Septis verloren.“ Die Stimme wirkte trocken und sachlich. Seine Miene bitter und die eingenommene nach vorne geneigte Sitzposition nachdenklich und vorwurfsvoll.
„Verloren? Was ist passiert?“ Der Goldene hielt dem stechenden Blick nicht stand, senkte den Kopf und seufzte mit geschlossenen Augen.
„Fragen über Fragen! Antworten, die du bereits kennst! Du weißt, was passierte und du kennst sie, die Abtrünnige! Du ließt sie eins zurück!“
„Das ist nicht wahr!“, knurrte Amahr erbost und schloss die Pranken je um zwei der Beine des auf der Fläche liegenden Tisches, als wolle er Halt suchen. Aus einer jähzornigen Bewegung heraus warf er diesen zur Seite, so dass das Möbelstück einige Meter mit der Fläche auf dem Boden schabend über den glatten Untergrund rutschte.
„Das ist nicht wahr!“, wiederholte er zornig, beinahe knurrend und bewegte sich dabei seitlich zu seinem Gesprächspartner ohne den Blickkontakt zu lösen. Wie ein pirschendes Raubtier, das seine Beute stellte.
„Es war nicht meine Schuld! Es war...“
„Er?“ Lung Tao klang zynisch und angreifend, während er sich langsam erhob und den scharfen Blicken unbeeindruckt trotzte.
„War er es, der mit Tischen warf? War er es, der den Spiegel zerbrach und mit welchem der Beiden spreche ich jedes Mal, wenn ich anwesend bin?“ Er ließ die bartartigen Auswüchse an seinem Kiefer durch seine Finger streichen, um seiner Nachdenklichkeit Ausdruck zu verleihen. Der bestimmte Tonfall brachte sein Gegenüber zum Schweigen.
„Wir alle haben zwei Gesichter, Amahr!“
Die Stimme wurde ruhiger und als hätte er es vergessen, hob der Lung seine zur Faust geballte Pranke und öffnete sie. Umschlossen hielt er darin eine goldene Münze, die er demonstrierend und geschickt über die Fingerkuppen wandern ließ, bevor er sie zwischen den letzten beiden senkrecht und sichtbar hielt.
„Wir alle haben die Kraft zu schaffen und zu zerstören. Jeder Poet, der unzufrieden die Seite Papier zerknüllt dem Wind übergibt. Jeder Zeichner, der...“
„Verschone mich mit deinem haltlosen Geschwätz, Lung Tao! Du kennst mich nicht! Du weißt gar nichts!“ Amahrs Haltung wirkte angespannt und er gestikulierte abfällig mit Arm und Flügelhaut, während er sich abwendete und den Blick in die Leere des Raumes lenkte. Eine schwarze Schachfigur, den König zu seinen Füßen, trat er weg und knurrte im Versuch die Contenance zurück zu gewinnen.
„Vielleicht kenne ich dich besser als du dich selbst. Das ist der Grund, warum ich dir Vertrauen schenke. Und du weißt, warum man mich den flüsternden Poeten nennt. Ich beobachte und weiß viele Dinge, aber niemand scheint mir je zuzuhören!“
Tao stampfte erbost und schmiegte in einer beleidigten Geste die Handrücken an seine Hüften, während er sich stehend sanft nach vorne neigte und die Lippen zu einem geraden Strich verzog.
„Warum keiner hört? Weil du verrückt bist, Weiser des Windes!“
Die Antwort klang bissig und provozierend. Der Blick des Lungs richtete sich auf die Scherben. Temperament und Zorn brodelten in ihm, doch er legte sich seine Worte geistig weise und durchdacht zurecht.
„Das macht unsere Gesellschaft speziell, nicht wahr?“, sagte er im ruhigen Ton und zupfte nachdenklich an seinem Bart, bevor er zur entspannten Haltung zurückkehrte und begann, herzhaft zu lachen.
„Selbst wenn du wolltest, könntest du mich nicht aus meinem Gefängnis befreien. Wir brauchen vier, um das fünfte Siegel zu öffnen.“ Amahrs Blick war auf die roten Linien gerichtet, die das Augensymbol formten.
„Es ist kein Gefängnis, es ist ein Thronsaal! Du kennst die Bedeutung des Raumes! Erbaut auf dem Riss zwischen den fünf Sphären, soll er die Letzte schützen, vor dem, was hinter diesen Toren liegt. Das ist unsere Aufgabe und du bist hier aus einem gewissen Grund. Aber die Zeit des Handelns ist gekommen. Ja es ist wahr, aber jeder fühlt sich bedeutssamer, wenn man ihm das Gefühl gibt, gebraucht zu werden.“
Tao umspielte das Reizthema und lenkte die Aufmerksamkeit bedacht auf ein anderes. Ein fast selbstgefälliges Lächeln zeichnete sich auf sein Gesicht, als er an seinen Thron zurück trat und davorstehend die Arme verschränkte. Ein sanfter Windhauch schien durch den Saal zu ziehen. Wie ein Wirbel, ausgehend von seiner Position. Schemenhafte Abbilder seiner Selbst schienen sich vor den anderen drei Plätzen zu bilden. Geisterhaft und transparent. Er senkte einen Arm und betätigte einen Druckschalter an der Armlehne und die Abbilder taten es ihm synchron gleich, bevor sie verschwanden und sich der Wind legte.
„Verrückte werden häufig unterschätzt!“, grinste er und deutete mit der Schnauze auf die roten Linien, die energetisch gespeist gleißend zu leuchten begannen, während der weiße Boden zwischen ihnen durchlässig und wabernd erschien.
„Warum tust du das?“, fragte Amahr ungläubig, die Freiheit vor Augen und den Drang verspürend durch das Portal zu schreiten, ohne die Antwort zu erlauben.
„Weil Verrückte in Zeiten der Not zusammenstehen müssen! Schau dich an! Das was du verleugnest, ist ein Teil von dir. Alles was er möchte ist Balance. Du musst wieder lernen zu akzeptieren, wer du bist.“
Er seufzte leise im Gedanken an all die vorangegangenen Gespräche und Debatten mit seinem Gegenüber, die zu nichts geführt hatten.
„Worte werden einst vergehen,
um zu lernen musst du sehen.“
Tao räusperte sich, um die Emotion in seiner Stimme zu unterdrücken.
„Und ich hoffe du lernst schnell. Bevor du gehst, habe ich noch eine Frage an dich. Was ist der Sinn des Lebens?“
Amahr trat an das Portal, senkte den Kopf. Ein fast schmerzverzerrter Ausdruck zeichnete sich auf sein Gesicht als er nach einigen zäh verstreichenden Momenten antwortete: „Es zu beginnen, es zu leben und zu sterben. Es gibt keinen tieferen Sinn dahinter.“
„Das ist der Grund, warum die Anderen dir nicht trauten.“
Seine Worte verhallten bevor sein Gegenüber durch das Portal schritt und verschwand. Der Lung sah auf die Münze in seiner Hand, drehte und wendete sie, um beide Seiten eingehend zu betrachten. Beide zeigten einen identischen Drachenkopf, der sich nur durch die Mimik unterschied. Sanft und zornig.
„Und so beginnt alles mit einem Münzwurf“, hauchte er im leisen Ton an sich selbst gerichtet, bevor er sich in seinen Thron zurücksetzte.
11 years ago
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